Anzeige. Gutenberg Edition 16. 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++
an
den Leser.
Sonett.
O du, der diese Fabeln hat durchgangen,
Wenn ihr verstekt Geheimniß du ergründet,
So weißt du, daß sich Wahrheit hier verkündet,
Ob von des Truges Folie auch umfangen,
Ja, deine Blikke, o Cervantes, drangen
Ins Menschenherz, wenn also du verbündet
Den Reiz dem Ernst, der jenen so umwindet,
Daß Geist und Sinne Nahrung hier empfangen.
Man sieht, Philosophie, dich prachtvoll schreiten:
Nahst du, Moral, in diesem Lichtgewande,
So wird dich Niemand spotten und verhöhnen.
Wenn fortan dich die Menschen nicht begleiten,
So hoffe nie für deine heil'gen Bande
Auf ein Verständniß bei der Erde Söhnen.
An
Miguel de Cervantes
Sonett.
Ihr Nereiden, zu des Lichtes Räumen
Hervor aus eurem Hause von Krystallen!
Das, reich besezt mit kostbaren Korallen,
Ein leichtes Werk doch bleibt aus Wogenschäumen.
Hervor Dryaden aus den stillen Bäumen,
In deren Wald kein Beilschlag noch gefallen,
Und ihr, die herrlich in dem Liede hallen,
Ihr Musen, kommt von Aganippes Säumen.
Bringt einen Zweig nur alle jezt zusammen
Vom Stamm, in welchen Daphne einst verkehret
Sich dem Apoll so strenge hat bewiesen.
Denn ward er nicht für jenen Gott der Flammen,
So sei der Lorbeer heute doch gewähret,
Um des Cervantes Stirne zu umschließen.
Kämmerer des Herzogs von Sesa,
an
Miguel de Cervantes.
Dädal's Name ist erklungen
In des Ruhmes Glanzgepränge,
Weil er labyrinth'sche Gänge
Sinnig, wunderbar verschlungen;
Doch dein Name, hingedrungen
Wo die Woge Kreta's schlägt,
Würd' in Erz und Gold geprägt,
Denn man würde alsbald finden
Daß in deinen Irrgewinden
Größre Kunst sich dargelegt.
Wenn Natur ihr höchstes Leben
Zeigt durch Mannigfaltigkeit
Und sie ihrem bunt'sten Kleid
Auch den höchsten Reiz gegeben,
Wirst, Cervantes, du erheben
Schnell den allerhöchsten Preis
Durch dies holde Bild des Mai's,
In dess' Feldern Blum' an Blume,
Rasch entsprossen dir zum Ruhme,
Blüht in buntem Zauberkreis.
Don Pedro Fernandez de Castro
Grafen von Lemos, Andrade und Villalba u. s. w
Diejenigen, welche ihre Werke hochgestellten Personen zueignen, verfallen in der Regel in zwei Fehler. Der eine ist, daß sie in der so genannten Zueignungsschrift, welche kurz und gedrängt sein soll, sich, sei es von Wahrheit oder von Schmeichelei geleitet, gar angelegen und ausführlich darüber verbreiten, Jenen nicht nur die Thaten ihrer Väter und Großväter, sondern all' ihrer Verwandten, Freunde und Wohlwollenden ins Gedächtniß zu rufen. Der andere Verstoß ist die Redensart, daß sie das Werk unter den Schuz und die Obhut ihrer Gönner stellten, damit boshafte und tadelsüchtige Zungen sich nicht erfrechen möchten, dasselbe anzugreifen und zu verlästern. Diese doppelte Unschiklichkeit beseitigend übergehe ich hier den Glanz und die Titel von Ew. Excellenz altem und königlichem Hause, nebst Dero zahllosen, sowol angeborenen als erworbenen Tugenden, mit Stillschweigen und überlasse es einem neuen Phidias und Lisippus Marmor und Erz zu suchen, um jene so darein zu hauen und zu graben, daß sie so lange dauern als der Lauf der Zeit. Eben so wenig ersuch' ich Ew. Excellenz, dieses Buch in Ihren Schuz zu nehmen, da ich weiß, daß wenn dasselbe nicht gut ist, und ich es auch unter die Flügel von Astolfs Hippogryphen, oder in den Schatten von Herkules Keule legte, die Zoilusse Zoilos (um 400 - um 320 v.u.Z.) aus der thrakischen Stadt Amphipolis war ein Redner und Sophist aus der Schule der Kyniker (siehe Anm. 102); bekannt wurde Zoilos vor allem als harscher Kritiker von Platon, Isokrates und Homer., die Cyniker, die Aretine Pietro Aretino (1492-1556), genannt il Divino (›der Göttliche‹), flagello de' principi (›Geißel der Fürsten‹), auch condottiere della penna (›Söldner der Feder‹), war ein vielseitiger italienischer Schriftsteller, Dichter, Satiriker und Polemiker der Renaissance; u.a. seinen Ragionamenti, (Kurtisanen)-Gesprächen, verdankt der divino seinen Ruf als Klassiker erotischer Literatur. ( Anm.d.Hrsg.) und Bernia's Francesco Berni (Bernia) (1497/1498-1536), italienischer Dichter, der besonders berühmt war wegen seiner burlesk-satirischen Gedichte.. ( Anm.d.Hrsg.) sich deshalb doch zu seinem Tadel zusammenrotten würden, ohne sich irgendwie einschüchtern zu lassen. Ich bitte Ew. Excellenz blos, bemerken zu wollen, daß ich Ihr hier, ohne ein weiteres Wort hinzu zu sezzen, zwölf Erzählungen zusende, die, wären sie nicht in der Werkstatt meines Kopfes ausgearbeitet worden, wol darauf Anspruch haben dürften, sich den ausgemaltesten an die Seite zu stellen. Wie sie jedoch nun eben sind, gehen sie hin und ich bleibe mit voller Befriedigung zurük, da ich einigermaßen den Wunsch ausgedrükt zu haben glaube, mich Ew. Excellenz, als meinem wahren Gebieter und Gönner, verbindlich zu zeigen. Der Herr beschüzze u. s. w.
Madrid, den 13. Juli 1613.
Ew. Excellenz gehorsamster
Miguel de Cervantes Saavedra.
Gerne möcht' ich mich, wenn es möglich wäre, geliebtester Leser, der Niederschreibung dieser Vorrede entheben, denn mit derjenigen, welche ich meinem Don Quixote vorgesezt, ging mir's nicht so gut, daß ich große Lust empfände die Probe noch einmal mit der vorliegenden zu machen. An dieser ist einer von den vielen Freunden schuldig, die ich im Verlauf meines Lebens mehr durch meine Gemüthsart, als durch Geistesvorzüge gewonnen habe. Derselbe hätte mich nämlich gar wohl, wie es Brauch und Sitte ist, auf dem ersten Blatte dieses Buches in Kupfer stechen lassen können, denn der berühmte Don Juan de Jauregui würde ihm mein Bild geliefert haben, womit dann sowol mein eigener Ehrgeiz als die Neugier einiger Leute befriedigt worden wäre, die gerne wissen möchten, welchen Antlizzes und welcher Leibesgestalt Derjenige sei, der sich herausnimmt, mit so viel neuem Zeug vor die Welt und unter die Augen der Menschen zu treten. Hätte man doch unter das Bild nur schreiben dürfen: Der, den ihr hier sehet mit dem Adlergesichte, dem lichtbraunen Haar, der glatten, freien Stirn, den muntern Augen, der gebogenen, übrigens wohl proportionirten Nase, dem silbernen Kinnbarte der vor noch nicht zwanzig Jahren von Golde war, dem großen Knebelbarte, dem kleinen Mund, den nicht ansehnlichen Zähnen, sofern er derselben blos sechs und diese in übelm Zustande und noch schlimmerer Stellung hat, da sie nicht zusammenhängen, – der Mann mit dem mittelmäßigen, weder großen noch kleinen Körperwuchs, mit der lebhaften, eher weißen als braunen Farbe, etwas eingebogen in den Schultern und nicht sonderlich rasch auf den Füßen: dieser, sag' ich, ist der Verfasser der Galatea und des Don Quixote aus der Mancha, der auch die Reise auf den Parnaß nach dem Vorgang des Cäsar Caporali von Perugia, und andere Werke geschrieben hat, die hie und da, vielleicht ohne den Namen ihres Herrn, in der Irre gehen. Er nennt sich in der Regel Miguel de Cervantes Saavedra, war viele Jahre lang Soldat und fünf und ein halbes Gefangener, wodurch er Geduld in den Widerwärtigkeiten erlernte. In der Seeschlacht bei Lepanto verlor er die linke Hand durch einen Musketenschuß; eine Verstümmelung, die er, wenn sie auch als häßlich erscheint, doch für schön erachtet, weil er sie bei der denkwürdigsten und erhabensten Gelegenheit, welche die Vergangenheit sah und die Zukunft sehen dürfte, davontrug, als er unter den siegreichen Fahnen eines Sohnes von jenem Blizstral der Schlachten, von Karl V, gepriesenen Andenkens, Kriegsdienste that. Wäre dann dem Freund, über welchen ich mich beklage, nichts Weiteres als eben Gesagtes über mich eingefallen, so würde ich selbst mich noch mit zwei Duzzend Ehrenzeugnissen erhoben und sie ihm heimlich zugeraunt haben, um dadurch meinem Namen doch einige Breite und meinem Geist einigen Credit zu verschaffen; denn anzunehmen, daß dergleichen Lobeserhebungen genau die Wahrheit sagten, wäre widersinnig, da weder Lob noch Tadel je genau und zuverlässig sind. Kurz jedoch, da jene Gelegenheit vorüber ist und ich ohne Aufschrift und Bild geblieben bin, so werde ich genöthigt, mich des eigenen Schnabels zu bedienen, der, wenn er auch etwas stottert, doch die Wahrheit unverkümmert herausbringen wird, welche man ja überdies versteht, wenn sie sich auch blos durch Zeichen ausspricht. Und so sage ich dir denn, geliebter Leser, daß du aus den Erzählungen, die ich dir hier anbiete, auf keine Weise ein Fricassee machen kannst, da sie weder Fuß, noch Kopf, noch Eingeweide, noch sonst was Aehnliches haben; d. h. daß die verliebten Redensarten, die du in einigen finden wirst, so züchtig und durch Vernunft und Christenthum so gemäßigt sind, daß sie weder den befangenen noch den unbefangenen Leser auf üble Gedanken werden bringen können. Ich habe sie moralische Erzählungen genannt, und wenn du sie recht betrachtest, findet sich wirklich keine darunter, aus welcher sich nicht irgend ein nüzliches Vorbild entnehmen ließe; auch wollt' ich, wenn mich die Sache nicht zu lange aufhielte, dir wol die schmakhafte und reine Frucht nachweisen, die man aus allen zusammen, so wie aus jeder für sich allein, gewinnen kann. Meine Absicht war, mitten in unsere Gesellschaft einen Billardtisch zu stellen, an welchen Jeder, ohne durch den Einsaz Schaden zu erleiden, zum Zeitvertreib treten könne; ich meine ohne Schaden an Seele oder Leib zu nehmen, indem eine ehrbare und angenehme Unterhaltung eher Vortheil als Nachtheil bringt. Ist man doch nicht immer in der Kirche, sind doch die Betzimmer bisweilen leer, und gibt man sich doch nicht immer mit Geschäften ab, so wichtig diese auch sein mögen: es gibt Erholungsstunden, in welchen der ermüdete Geist ausruht. Zu diesem Zwekke pflanzt man Pappelgänge, sucht Quellen, ebnet Hügel und legt mit Sorgfalt Gärten an. Auch möcht' ich noch etwas aussprechen: überzeugte ich mich auf irgend eine Art, daß die Lectüre dieser Novellen ihren Leser zu einem bösen Wunsch oder Gedanken verleiten könnte, so wollte ich mir lieber die Hand, womit ich dieselben geschrieben, abhauen, als sie der Oeffentlichkeit übergeben; mein Alter ist nicht mehr so, daß ich mit dem andern Leben Spaß treiben dürfte, denn ich stehe im vier und sechzigsten Jahre und lebe von meiner Hände Arbeit. Darauf weist mich mein Geist an, dahin treibt mich meine Neigung, und zwar um so mehr, als ich glaube (wie es denn auch wirklich ist) der Erste zu sein, der in castilianischer Sprache Novellen geschrieben hat. Denn die vielen, die in dieser Sprache gedrukt wurden, sind insgesamt aus fremden Sprachen übersezt; vorliegende aber gehören mir selbst an und sind weder nachgeahmt, noch gestohlen: mein Kopf hat sie erzeugt, meine Feder hat sie zur Welt gebracht und in den Armen der Drukkerei sollen sie nun groß werden. Nach ihnen biete ich dir, falls ich das Leben behalte, die Prüfungen des Persiles an, ein Buch, das sich herausnimmt, mit Heliodor in die Schranken zu treten, gesezt es falle durch diese Kekheit nicht auf die Nase. Vorher aber noch, und zwar in Kurzem, wirst du eine Fortsezzung der Thaten des Don Quixote und der anmuthigen Reden Sancho Pansa's erhalten, und zulezt die Gartenwochen. Ich verspreche bei so schwachen Kräften, wie die meinigen, viel; aber wer kann seinen Wünschen einen Zügel anlegen? Endlich möcht' ich dir noch zu bedenken geben, daß, da ich mir die Freiheit genommen, diese Novellen dem großen Grafen von Lemos zuzueignen, dieselben ein Geheimniß enthalten müssen, das sie wichtig macht. Und jezt nichts weiter, als daß Gott dich behüten und mir Geduld geben möge, um alles Schlimme zu ertragen, was ein Duzzend Wizbolde und Pedanten über mich sagen wird.