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Es scheint Zigeuner und Zigeunerinnen kommen blos auf die Welt um Spizbuben zu sein. Sie stammen von Eltern, die Spizbuben sind, werden mit Spizbuben erzogen, studiren das Spizbubenhandwerk und werden endlich Spizbuben die auf alle Fälle gemacht und bedacht sind; Lust am Stehlen und Stehlen selbst gehört gleichsam zu ihren nothwendigen Zukommenheiten, die sie erst mit dem Tode ablegen. Eine nun von diesem Volk, eine alte Zigeunerin, die in der Kunst des Cacus bereits ihr Jubiläum gefeiert haben mochte, erzog unter dem Namen ihrer Enkelin ein junges Mädchen, welchem sie den Namen Preciosa gab und welches sie in all' ihren Zigeunerstreichen, Gaunereien und Diebeskünsten unterrichtete. Genannte Preciosa wurde die vortrefflichste Tänzerin im ganzen Zigeunervolk und das schönste und verständigste Kind, das man nicht nur unter Zigeunern, sondern unter allen Schönen und Klugen finden konnte, deren Ruhm je erschollen ist. Weder Sonne, noch Luft, noch irgend eine Unbilde des Himmels, welchen die Zigeuner mehr als andere Leute ausgesezt sind, vermochten dem Glanz ihres Antlizzes Eintrag zu thun oder ihre Hände zu bräunen, und was noch, mehr ist, die rauhe Erziehung, welche sie erhielt, konnte nicht verstekken, daß sie von gesittetern Eltern, als von Zigeunern, abstamme, denn sie war von ausnehmend feinem und anständigem Benehmen; bei all Dem etwas dreist, aber nicht in der Art, daß irgend eine Unzüchtigkeit dabei zum Vorschein gekommen wäre; vielmehr war sie bei allem Wizze so sittsam, daß in ihrer Gegenwart keine Zigeunerin, mochte sie alt oder jung sein, ein unanständiges Lied zu singen oder üble Worte zu sprechen wagte. Kurz, die Großmutter erkannte, welchen Schaz sie in der Enkelin besizze und so beschloß denn die alte Dohle ihr junges Dohlchen ausfliegen zu lassen und es zu lehren, sich den Unterhalt mit eigenen Klauen zu gewinnen. Preciosa zog fort, reich ausgerüstet mit Festgesängen, Volksliedern, Seguidilla's, Sarabanden und andern Versen, besonders Romanzen, die sie mit eigenthümlicher Anmuth vortrug; denn die schlaue Alte sah ein, daß bei der Jugend und Schönheit ihrer Enkelin dergleichen Kurzweile und Spiele ein sehr glükliches Reiz- und Lokmittel abgeben würden, um ihr eigenes Kapital zu vermehren. So hatte sie dieselben denn auf allen möglichen Wegen zu bekommen gesucht und es fehlte nicht an Dichtern, die ihr solche mittheilten; denn es gibt eben so gut Poeten die sich mit den Zigeunern abfinden und Werke an sie verkaufen, als es Andre für die Blinden gibt, welche diesen Wundergeschichten erfinden und ihren Theil an dem Gewinn nehmen; in der Welt kommt Alles vor und der Hunger treibt manche Köpfe auf Dinge, die nicht in ihrer Nativität standen.
Preciosa war in verschiedenen Gegenden Castiliens aufgewachsen, in ihrem fünfzehnten Jahre aber führte sie ihre angebliche Großmutter in die Residenz und auf ihren alten Lagerplaz, die Felder der heiligen Barbara, wo sich die Zigeuner gewöhnlich aufhalten, denn sie hoffte in der Hauptstadt, wo Alles gekauft und Alles verkauft wird, auch ihre Waare loszuschlagen. Am Tag, an welchem Preciosa ihren ersten Einzug in Madrid hielt, war das Fest der heiligen Anna, der Patronin und Schuzherrin der Stadt. Acht Zigeunerinnen, vier ältere und vier junge, unter Anführung eines Zigeuners, eines gewaltigen Luftspringers, hielten einen Tanz, und so sauber und gepuzt auch Alle erschienen, trat doch die Lieblichkeit Preciosas dermaßen hervor, daß sich allgemach die Augen sämtlicher Zuschauer blos auf sie richteten. Durch den Klang der Schellentrommel und der Castagnetten, durch die Wirbel des Tanzes scholl der Ruf, der die Schönheit und Anmuth des Zigeunermädchens pries; Jünglinge und Männer strömten herbei, um sie zu sehen; als sie dieselbe aber gar singen hörten (denn der Tanz war mit Gesang verbunden), wurde der Lärm so groß, daß das Lob der Zigeunerin weit und breit in die Lüfte drang und die Aufseher des Festes ihr einstimmig und auf der Stelle den Preis des Tanzens zuerkannten. Nachher führten die Zigeuner in der Kirche der heiligen Maria, vor dem Bildniß der glorreichen Anna, den Reigen noch einmal auf und nachdem er beendigt war, ergriff Preciosa ein Tambourin, zu dessen Klang sie sich aufs Leichteste und Zierlichste im Kreis bewegte und folgende Romanze sang:
Köstlichster von allen Bäumen,
Der so lang nicht Frucht getragen,
Jahre, die, wie einer Trauer
Hülle, düster auf ihm lagen,
Und auf reine Herzenswünsche
Des von Lieb' erfüllten Gatten,
Ueberwölkend seine Hoffnung,
Unstät trübe Schatten warfen,
So daß aus der langen Säumniß
Jener Kummer war entstanden,
Welcher aus dem heil'gen Tempel
Den gerechten Mann verbannte.
Heilig unfruchtbarer Boden,
Dem am Ende noch entstammte
Jene überreiche Fülle,
Die ernähret alle Lande.
Haus der königlichen Münzstatt,
Wo der Stempel ward geschlagen,
Der dem Gott die Form gegeben,
Die als Mensch er hat getragen.
Mutter du von einer Tochter,
In der wollt' und konnt' entfalten
Alle Tugenden der Höchste,
Die sonst Menschen nie erhalten.
Durch dich selbst und durch die Tochter
Bist die Zuflucht du, o Anne,
Welcher wir zur Rettung nahen
Hier in unsres Elends Banne.
In gewisser Art auch darfst du,
Drüber kann kein Zweifel walten,
Ueber deinen heil'gen Enkel
Als gerechte Herrin schalten.
Mitzuthronen, gleich dir Hohen,
In dem himmlischen Palaste,
Würden wol viel tausend Eltern
Für ihr höchstes Glük erachten.
Welche Tochter! welch ein Enkel!
Welcher Eidam! hier vor Allem
Wäre wol gerechte Ursach
Zu des Festtriumphes Schalle!
Aber du in deiner Demuth
Gingst voran die stillen Bahnen,
Drauf dir deine heil'ge Tochter
Demuthsvoll hat nachgeahmet,
Und jezt neben ihrer Seite
Vor den Höchsten zugelassen,
Schmekkest du die hohen Wonnen,
Die wir ahnend kaum erfassen.
Preciosas Gesang erregte bei allen Zuhörern Bewunderung. Die Einen sagten: »Gott segne dich, Kind.« Andere: »Jammerschade, daß das Mädchen eine Zigeunerin ist; wahrlich und wahrhaftig sie verdiente die Tochter eines großen Herrn zu sein!« Auch gab es etwas Derbere, die sprachen: »Laßt das Dirnchen nur heranwachsen, sie wird schon ihre Streiche machen; bei Gott es knüpft sich ein hübsches Schleppnez zum Fischen der Herzen in ihr an.« Wieder ein Anderer, artiger aber ungeschikt in seinen Ausdrükken, rief als er sie so flink im Tanz hinschweben sah: »Auf! auf! ihr Liebesgötter, und probirt, ob ihr auch so leichte Füßchen in den Staub drükken könnt!« Ohne im Tanz aufzuhören erwiederte sie: »mit Allem was staubt, will ich schon allein fertig werden!«
Nach Beendigung der Vesper und des Fests der heiligen Anna war Preciosa etwas müde, aber um ihrer Schönheit, ihres Wizzes und Verstandes und ihrer Tanzkunst willen auch bereits so berühmt, daß man in der ganzen Residenz auf allen Straßen von ihr sprach. Vierzehn Tage nachher kam sie abermals nach Madrid, und zwar, ihrer angenommenen Sitte gemäß, in Begleitung von drei andern Mädchen mit Schellentrommeln und einem neuen Tanze, alle zusammen ausgerüstet mit Romanzen und muntern, aber sittsamen Liedchen; denn Preciosa gab nie zu daß ihre Gefährtinnen unschikliche Lieder sangen, so wenig als sie selbst jemals dergleichen vorbrachte, was denn auch Viele an ihr bemerkten und sie deshalb besonders hoch hielten. Nie trennte sich die alte Zigeunerin, die sie wie ein Argus bewachte, von ihr, denn sie war immer in Angst, man könnte ihr das Mädchen wegkapern. Sie nannte sie Enkelin und wurde von Preciosen als ihre Großmutter behandelt. Um den Zuschauern ein Vergnügen zu machen, fingen sie in der schattigen Toledostraße einen Reigen an, wo sich denn alsbald das ihnen nachziehende Volk zu einem großen Haufen ansammelte. Wahrend des Tanzes bat die Alte die Umstehenden um einen Beitrag, und Achtels- und Viertelsrealen regneten wie Hagelschauer auf sie ein, denn die Schönheit hat die Kraft die schlafende Freigebigkeit aufzuwekken. Nachdem der Tanz zu Ende, sprach Preciosa:
»Wenn mir Jeder vier Viertelsrealen gibt, so will ich allein eine wunderschöne Romanze singen über den ersten Kirchgang, den unsre Königin Donna Margarita nach ihrem Wochenbett in Valladolid gehalten, zur Sankt Lorenzkirche nämlich; und ich sag' euch, daß es ein Meisterstük eines Capitalpoeten ist, der seinen Mann zu stellen vermag.«
Kaum hatte sie Dies ausgesprochen, als sämtliche Umherstehende mit lauter Stimme riefen: »Sing, Preciosa, da sind meine vier Quartos.« Damit hagelten wieder die Geldstükke auf sie ein, daß die Alte kaum Hände genug zum Einsammeln hatte. Sobald sie ihre Erndte geborgen, griff Preciosa nach ihrem Tambourin und sang zu dem rauschenden Geklingel folgende Romanze:
Ersten Kirchgang nach den Wochen
Hielt der Fürstinnen Europens
Gröste, die nach Werth und Namen
Stralet über jedem Lobe.
Wie die Augen sie emporschlug,
Hat die Herzen sie erhoben
Aller, welche wundernd schauten
Ihre Andacht, ihre Hoheit.
Und zu zeigen, daß der Himmel
Raum hat auf der Erde Boden,
Schien beiseit ihr Oestreichs Sonne,
Und die schmelzende Aurora.
Hinter ihr kam nachgezogen
Hell der lichte Stern des Morgens,
Der so plözlich aufgegangen,
Daß von Thau die Himmel flossen.
Und wenn Sterne hat der Himmel,
Die umstralte Wagen formen,
Schönre Sterne ihrem Himmel
Hier auf ird'schen Wagen folgten.
Hier der alternde Saturnus
Ist aufs Neue jung geworden,
Und geht schnell, der sonst so langsam,
Denn von Gicht heilt ihn die Wonne.
Und der Gott der leichten Rede
Spricht in süßen Schmeichelworten;
Und in bunten Chiffern Amor,
Die Rubin und Perl' umbortet.
Hart am Haus der Sonne schreitet
Jupiter; denn was erobert
Nicht das innige Vertrauen,
Das durch Klugheit wird gewonnen?
Luna folgt ihm, auf den Wangen
Mancher Menschengöttin thronend:
Venus, in den Zügen Jener,
Welche diesen Himmel formen.
Kleine, holde Ganymede
Schwärmen, drängen, gehen, kommen
Um den goldumstralten Gürtel
Dieses hehren Himmelsbogens.
Und damit sich Alles wundre,
Alle ihr Erstaunen zollen,
Steigt die stralende Verschwendung
Nun hinan zum Wundervollen.
Mailands reiche Prachtgewebe
Liegen hier der Menge offen,
Indiens helle Diamanten
Und Arabiens Arome.
Denen, welche bösen Sinnes,
Muß der Neid im Herzen toben,
Aber Jubel füllt den Busen
Jedes echten span'schen Sohnes.
Fliehend aus der Trauer Banden
Zieht der allgemeine Frohsinn
Durch die Straßen, durch die Pläzze,
Wie auf lauten Wahnsinns Wogen.
Zu viel tausend Segenswünschen
Wird der Mund der Stille offen,
Und es wiederholt die Jugend
Was das Alter ausgesprochen.
Einer spricht: »ergieb'ge Rebe
Wachs empor und schling dich wonnig
Her um die geliebte Ulme,
Daß ihr Schatten dich umflore,
Dir zu deinem eignen Ruhme
Und zu Spaniens Ehr' und Frommen,
Und zur Förderung der Kirche
Wie zum Grausen des Mahoma!«
Eine andre Stimme rufet:
»Lebe hoch, o Taube, holde,
Die für uns du hast geboren
Einen Aar mit Doppelkronen,
Zu vertreiben aus den Lüften
Jeden raubergebnen Vogel,
Mit dem Fittich zu bedekken
Jeder Tugend bange Sorgen!«
Noch ein Andrer, der noch feiner
Gab des raschen Wizzes Proben,
Sprach, in Augen und im Munde
Ausgedrükt das Herz, das frohe:
»Diese Perle, die du schenktest,
Oestreichs Perlenmutter, große,
Wie viel List hat sie vereitelt,
Wie viel Wünsche sie gebrochen!
Was zerstört sie nicht an Ränken,
Was gewährt sie nicht an Hoffnung,
Welche Fehlgeburten treibt sie
Jezt nicht aus dem Zeitenschoße!«
Mittlerweil kam man zum Tempel
Jenes Phönix, der in Roma
Hat den Flammentod bestanden
Und nun lebt in ew'ger Glorie.
Und zum Bild des ew'gen Lebens,
Zu der Königin dort oben,
Die, weil sie in Demuth wallte,
Ueber Sterne ward erhoben,
Zu der Mutter und der Jungfrau,
Zu der Tochter und Verlobten
Gottes, hat aufs Knie gesunken,
Margarita so begonnen:
»Was du gabst, geb' ich dir wieder,
Hand zum Geben stets erschlossen,
Denn wem deine Gnade fehlet,
Der wird stets vom Weh getroffen.
Sieh, den Erstling meiner Früchte
Bring ich, Jungfrau, dir zum Opfer;
Wie sie ist, nimm hin die Gabe,
Und laß herrlicher sie sprossen.
Seinen Vater auch empfehl' ich,
Der, ein Atlas, unverdrossen
Sich der Last so vieler Reiche
Beugt, so vieler fernen Zonen.
Denn ich weiß das Herz des Königs
Ruhet in den Händen Gottes,
Und ich weiß daß Gott nie weigert
Was du bittest, Demuthvolle!«
Als geendet diese Rede
Haben Andre sich ergossen
In Gesänge, die bewiesen
Daß auf Erden Himmel rollen.
Als vorüber dann des Hochamts.
Königliche Ceremonien,
Kehrte heim der hehre Himmel
Mit den wundervollen Sonnen.
Nicht sobald hatte Preciosa ihre Romanze beendigt, als sich aus dem glänzenden Kreis ihrer Zuhörer einstimmig der Ruf erhob:
»Sing noch einmal Preciosa, es soll Geld absezzen wie Pflastersteine.«
Mehr als zweihundert Personen sahen dem Tanz der Zigeunerinnen zu und hörten auf ihren Gesang, als, eben wie das Gedränge am stärksten geworden, zufällig einer der Stadtschultheißen des Weges kam und, wie er so viele Leute beisammen sah, fragte was es gebe. Auf die Antwort, daß man der schönen Zigeunerin zuhöre, die eben singe, trat der Schultheiß, der nicht ohne Neugier war, näher und horchte selbst ein Weilchen hin, wartete aber, um seiner Würde keinen Eintrag zu thun, nicht das Ende der Romanze ab. Da ihm jedoch das Mädchen ausnehmend wohl gefallen hatte, befahl er seinem Pagen der Alten zu sagen, sie möchte gegen Nacht mit den Zigeunerinnen in sein Haus kommen, er wünsche daß auch seine Gemahlin, Donna Clara, sie höre. Der Page gehorchte und die Alte versprach sich einzufinden. Nachdem Tanz und Gesang zu Ende, und man sich eben an einen andern Ort begeben wollte, näherte sich ein anderer, sehr wohl gekleideter Page Preciosen, gab ihr ein zusammengefaltetes Papier und sprach:
»Precioschen, sing die Romanze die hier steht; sie ist sehr gut und ich werde dich von Zeit zu Zeit mit noch andern versehen, durch die du den Ruf der ersten Romanzensängerin in der Welt erlangen sollst.«
»Ich werde sie mit größtem Vergnügen auswendig lernen,« entgegnete Preciosa, »und vergeßt ja nicht, mein Herr, mir auch die andern Romanzen, wovon Ihr da sagt, mitzutheilen, unter der Bedingung daß sie anständig seien; wollt Ihr daß ich sie zahle, so wollen wir nach Duzzenden mit einander rechnen, so daß wenn ich ein Duzzend gesungen habe, ich auch für ein Duzzend bezahle; vermeintet Ihr aber ich solle die Zahlung vorausleisten, so könnt' ich darauf unmöglich eingehen.«
»Wenn mir Jungfer Precioschen Dies schwarz auf Weiß geben will,« erwiederte der Page, »so bin ich's zufrieden, und sie soll noch obendrein das Recht haben, daß eine Romanze, die nicht gut und ehrbarlich ausgefallen, nicht mit in Rechnung kommt.«
»Die Wahl muß mir überlassen bleiben,« antwortete Preciosa. Damit schritt sie mit ihren Begleiterinnen in der Straße weiter vor, und einige Kavaliere riefen ihnen aus einem Fenstergitter zu. Preciosa trat an das Gitter, das ganz niedrig war, und erblikte in einem sehr wohl eingerichteten, lustigen Saal mehrere vornehme Herren, von welchen Einige auf und ab gingen, Andre sich mit allerhand Spielen unterhielten.
»Wollt Ihr mir ein Aufgeld geben, meine Herren?« fragte Preciosa mit dem lispelnden Ton der Zigeuner, der künstlich, nicht durch die Natur, bei ihnen hervorgebracht wird.
Bei Preciosens Stimme und Anblik verließen die Spielenden ihr Spiel, die Umhergehenden hielten an und die Einen wie die Andern eilten sofort ans Fenster um sie zu sehen, denn sie hatten bereits von ihr vernommen. »Kommt herein, kommt herein, ihr Zigeunerinnen,« riefen sie, »wir wollen euch Aufgeld geben.«
»Es wäre ein schöner Streich, wenn ihr uns da in die Klemme nehmen wolltet!« antwortete Preciosa.
»Nein, auf Ritterwort,« entgegnete Einer, »du kannst ohne Weiteres eintreten, Kleine, und darfst sicher sein, daß dir Niemand auch nur die Schuhsohle berühre, bei dem Kreuz, das ich hier auf der Brust trage.« Damit legte er die Hand auf sein Calatravakreuz Der Orden von Calatrava wurde als erster der großen spanischen Ritterorden 1158 von Zisterzienserabt Raimundo Serrat gegründet, ursprünglich mit der Aufgabe, die Burg Calatrava vor den Mauren zu schützen. Er gehörte ursprünglich zur Familie der Zisterzienserorden. Das Lilienkreuz des Calatrava-Ordens wird heute vom Schweizer Uhrenhersteller Patek Philippe als Logo verwendet. ( Anm.d.Hrsg.).
»Wenn du hinein willst, Preciosa,« sprach eine von ihren drei Gefährtinnen, »so thu's in Gottes Namen; ich für meine Person mag nicht hin, wo so viele Mannsleute sind.«
»Nicht doch! Christine,« antwortete Preciosa, »Das wovor du dich in Acht nehmen mußt, ist ein einziger Mann, nicht viele beisammen! Vor Vielen darfst du alle Angst und Sorge, unsäuberlich behandelt zu werden, fahren lassen. Merk dir's, Christinchen, und verlaß dich drauf, daß ein Mädchen, das entschlossen ist, seinen guten Ruf zu behalten, diesen selbst unter einer ganzen Armee behalten kann. Freilich soll man die Gelegenheit fliehen, aber die geheime, nicht die öffentliche.«
»So wollen wir denn hinein, Preciosa,« erwiederte Christina; »verstehst du das Ding doch besser als ein Gelehrter.«
Die alte Zigeunerin ermunterte sie ebenfalls und sie traten ein. Kaum war Preciosa drinne, als der Herr mit dem Kreuz das Papier bemerkte, das sie im Busen stekken hatte; er trat auf sie zu und griff darnach, Preciosa aber rief:
»Nehmt mir's doch nicht, mein Herr, es ist eine Romanze, die ich in diesem Augenblik bekommen und noch nicht einmal gelesen habe.«
»So kannst du also lesen, mein Kind?« fragte Einer.
»Und auch schreiben!« entgegnete die Alte; »ich habe meine Enkelin erzogen, als ob sie eine Gelehrtentochter wäre.«
Der Kavalier öffnete das Papier, fand einen Goldthaler darein gewikkelt, und rief: »Was zum Kukkuk, Preciosa, dem Brief ist das Porto ja gleich beigeschlossen! Da hast du einen Thaler, der in der Romanze lag!«
»Gut!« antwortete Preciosa, »der Dichter hat mich als ein armes Ding behandelt, und wirklich ist's ein größeres Wunder, daß ein Dichter mir einen Thaler schenkt, als daß ich ihn annehme: Kommen seine Romanzen mit solcher Beilage, so mag er immerhin die ganze Romanzenbibliothek abschreiben und mir ein Stük ums andre zuschikken; ich werde ihnen schon den Puls fühlen, und sind sie hart, so will ich desto weicher im Annehmen sein.«
Die Zuhörer bewunderten den Verstand und die Anmuth, womit die Zigeunerin sprach, sie aber fuhr fort:
»Leset, mein Herr, und das recht laut, wir wollen sehen, ob der Poet eben so viel Wiz als Freigebigkeit hat.«
Und der Kavalier las:
»Du Zigeunerin, als Rose,
Aller Schönheit wol zu preisen,
Die du wirst mit Recht geheißen,
Gleich dem Edelstein, Pretiose.
Auch aus dir ist jener Rede
Richtigkeit leicht zu ersehen,
Daß stets mit einander gehen
Schönheit und die härtste Spröde.
Wenn, wie du an Werth dich hebest,
Auch im Anschlag dich willst steigern,
Mußt du jeden Kauf wol weigern
Dem Geschlecht, in dem du lebest.
Traun, ein Basiliske nistet
Dir im Herz, deß Blick uns tödtet
Und so weich dein Mund auch flötet
Ist's doch Herrschaft, was dich lüstet.
Unter armen Bettlern war es
Daß solch Lichtbild ward geboren?
Wie zu solchem Glük erkoren
Ward der stille Manzanares?
Ja, in hellen Ruhms Geleite
Wird er jezt, wie Tajo, fließen,
Um Preciosa mehr gepriesen
Als des Ganges Meeresbreite.
Wol willst Glük voraus du sehen,
Doch du kannst nur Unglük bringen,
Da nach zwei verschiednen Dingen
Blik bei dir und Wille gehen.
Denn in der Gefahr, der großen,
Daß wir unverweilt dir huld' gen,
Will mein Wille dich entschuld'gen,
Doch dein Blik will uns durchstoßen.
Sagt man, daß in Zauberkünsten
Mächtig die Zigeuner seien,
So sind deine Zaubereien
Ohne Kunst gerad die schlimmsten.
Daß du Alle hast am Fädchen,
Die dir jemals nah gewesen,
Dieses Zaubers böses Wesen
Liegt in deinem Aug, o Mädchen.
Und du wirst's stets weiter bringen,
Denn du blikst uns an im Tanze,
Tödtest mit des Auges Glanze
Und bezauberst uns mit Singen.
Tausend Zauberei'n zusammen
Uebst im Sprechen du und Schweigen;
Magst verstekken dich, magst zeigen,
Immer schürst du unsre Flammen.
Selbst die allerfreisten Seelen
Werden dir als Sklaven eigen,
Davon kann die meine zeugen,
Folgend deines Winks Befehlen.
Köstliches Juwel der Liebe,
Dieses wagte Der zu schreiben,
Der, im Tod selbst, dein wird bleiben,
Arm zwar, doch mit reinem Triebe.
»Mit Arm fängt die lezte Zeile an,« rief hier Preciosa; »schlimmes Zeichen; Verliebte sollten nie sagen, daß sie arm seien, denn am Anfang ist meines Bedünkens die Armuth eine große Feindin der Liebe.«
»Wer hat dich Das gelehrt, Kind?« fragte Einer.
»Wer braucht mich's zu lehren?« antwortete Preciosa.
»Hab' ich keine Seele im Leib? bin ich nicht schon fünfzehn Jahre alt? ich bin am Verständniß weder lahm, noch verstümmelt, noch verkrüppelt. Die Köpfe der Zigeunerinnen stehen unter einem andern Stern, als diejenigen der andern Leute; sie sind ihren Jahren immer voraus. Es gibt keinen dummen Zigeuner und keine linkische Zigeunerin. Da sie ihren Lebensunterhalt blos mit Schlauheit, Verschmiztheit und Schelmenstreichen gewinnen, so schärfen sie den Verstand bei jedem Schritte und lassen nirgends Rost daran. Seht ihr meine jungen Begleiterinnen da, die so still dastehen wie Rohrkolben? Stekt ihnen aber einmal den Finger in den Mund und fühlt nach den Weisheitszähnen, und ihr werdet eure Wunder sehen. Keine Zigeunerin von zwölf Jahren, die nicht so viel wüßte als eine Andre von fünfundzwanzigen, denn sie haben zum Meister und Lehrer den Teufel und die praktische Uebung, die sie in einer Stunde so weit bringen, als sie in einem Jahr studiren könnten.«
Mit dergleichen Worten sezte das Mädchen ihre Zuhörer in Verwunderung und sowol die Spielenden als die nicht Spielenden gaben ihr Kartengeld. Die Büchse der Alten ward um dreißig Realen schwerer, und reicher und besser gelaunt als ein Palmsonntag sammelte sie wieder ihre Schäflein und führte sie ins Haus des Herrn Stadtschultheißen, versprechend sie werde nächster Tage mit ihrer Heerde zurükkommen, um so freigebigen Herren einen Spaß zu machen.
Sennora Donna Clara, die Frau des Herrn Stadtschultheißen, war bereits benachrichtigt, daß die jungen Zigeunerinnen in ihr Haus kommen würden, und mit ihren Mädchen und Jungfern und denjenigen der Frau Nachbarin, die sich alle versammelt hatten, um Preciosen zu sehen, harrte sie ihrer mit der unglaublichsten Sehnsucht. Kaum aber waren sie eingetreten, so stralte Preciosa unter den Uebrigen hervor, wie das Licht einer Fakkel unter kleinen Lampen, daher ihr Alles entgegenlief; die Einen umarmten sie, die Andern betrachteten sie, wieder Andre wünschten den Segen des Himmels auf sie herab, und noch Andre ergossen sich in Lobeserhebungen über sie.
»Ja,« rief Donna Clara, »das nenn' ich mir einmal goldene Haare, das nenn' ich Azuraugen!«
Die Frau Nachbarin nahm sie Stük für Stük in Untersuchung und nachdem sie all' ihre Gliedmaßen und Gelenke einer Generalinspektion unterworfen, kam sie mit ihrem Lob endlich an ein Grübchen, das Preciosa im Kinn hatte, und rief: »Welch ein Grübchen! in dies Grübchen müssen alle Augen fallen, die sie ansehen!«
Dies hörte ein anwesender Gesellschaftskavalier der Donna Clara, von langem Bart und vielen Jahren, und sagte: »Das nennen Euer Gnaden ein Grübchen, gnädige Frau? Entweder versteh' ich nichts von Gruben, oder dies ist kein Grübchen, sondern ein Grab lebendiger Wünsche. Bei Gott, die kleine Zigeunerin ist, so appetitlich, daß sie's nicht stärker sein könnte, wenn sie aus Silber oder Zukkerteig gemacht wäre. Kannst du auch wahrsagen, Kleine?«
»Auf drei oder viererlei Arten,« erwiederte Preciosa.
»Das noch obendrein?« rief Donna Clara. »Beim Leben des Stadtschultheißen, meines Gemahls, du sollst mir wahrsagen, Goldkind, Silberkind, Perlenkind, Karfunkelkind, Himmelskind, was wol das Höchste ist, wie ich mich ausdrükken kann.«
»Gebt der Kleinen die Hand und etwas, womit sie das Kreuz machen kann,« sagte die Alte, »und man wird sehen, was sie Alles zu sagen weiß, denn sie versteht mehr als ein Apotheker.«
Die Frau Stadtschultheißin fuhr in den Schubsak, fand aber daß sie keinen Heller darin habe; sie bat ihre Leute um einen Viertelsreal, aber Keine vermochte einen aufzufinden, und eben so wenig die Frau Nachbarin. Als Preciosa Dies bemerkte, rief sie:
»Jedes Kreuz, wenn es nur ein Kreuz ist, taugt: die silbernen oder goldenen aber sind besser, und ich darf Euer Gnaden nicht vorenthalten, daß das Zeichen des Kreuzes auf die Hand mit einer Kupfermünze dem Glük schadet, wenigstens wo ich es sage, daher ich das erste Kreuz gar gerne mit einem Goldthaler oder doch mit einem schweren oder leichten Real mache; ich bin wie die Küster, die es freut, wenn ein großes Opfergeld fällt.«
»Du bist nicht auf den Kopf gefallen, Kleine,« bemerkte die Frau Nachbarin, wandte sich sofort an den Gesellschaftskavalier und fragte: »Ihr, Herr Contreras, habt Ihr nicht einen leichten Real zur Hand? gebt mir ihn, sobald mein Mann, der Doktor, kommt, geb' ich Euch das Geld zurük.«
»Ich habe wol einen,« erwiederte Contreras, »aber ich habe ihn für zweiundzwanzig Maravedis, um die ich gestern zu Nacht gespeist, versezt; gebt mir so viel und ich will ihn auf der Stelle abholen.«
»Wir Alle haben keinen Viertel-Real,« entgegnete Donna Clara, »und Ihr wollt zweiundzwanzig Maravedis? Geht, Contreras, Ihr wart immer nicht recht bei Troste.«
Ein Mädchen unter den Anwesenden sagte endlich bei dieser Unfruchtbarkeit des Hauses zu Preciosen: »Kleine, schadet es denn der Sache, wenn man das Kreuz mit einem silbernen Fingerhut macht?«
»Im Gegentheil,« erwiederte Preciosa, »das größte Kreuz in der Welt wird durch silberne Fingerhüte gemacht, wie Das gar Viele erfahren!«
»Ich hab' einen,« versezte das Mädchen, »thut er die gleichen Dienste, so nimm ihn, jedoch mit der Bedingung, daß du auch mir Glük prophezeiest.«
»Für einen Fingerhut alles Glük!« rief die Alte. »Töchterchen, tummle dich, es wird Nacht!«
Preciosa nahm den Fingerhut, so wie die Hand der Frau Stadtschultheißin, und begann also:
Schönes Liebchen, schönes Liebchen,
Mit der Hand aus Silberplatten,
Nicht den Alpujarrenkönig
Liebt wie dich dein treuer Gatte.
Bist ein Täubchen ohne Galle,
Aber oft auch bist du flammend
Wie die Löwenmutter Orans,
Wie die Tiegerin Ocannas.
Doch eh man die Hand umdrehet
Ist der Sturm vorbeigegangen
Und du bist wie Gerstenzukker,
Gleichst an Sanftmuth einem Lamme.
Zankest viel und issest wenig,
Etwas Eifersucht auch hast du,
Denn der Schultheiß liebt sein Späßchen,
Ob er auch nach Würde trachtet.
Dich als Mädchen schon begehrte
Einer von gar feinem Ansehn,
Doch zum Henker mit den Kupplern,
Die des Hauses Frieden schaden.
Wärst du etwa Nonne worden,
Würd'st du ganz im Kloster schalten,
Denn du hast zu der Aebtissin
Mehr wol als vierhundert Gaben.
Sollt' dir's eigentlich nicht kund thun,
Aber gleichviel, 's muß zu Tage:
Zweimal wirst du Wittib werden,
Zweimal wirst du wieder Gattin.
Weine nicht, o meine Herrin,
Evangelium ist nicht Alles,
Was Zigeunerinnen sprechen,
Woll denn deine Thränen halten.
Würdest du vom Tod gefodert
Vor dem Schultheiß, dem Gemahle,
So genügt Dies, dich vor schlimmem
Witwenstande zu bewahren.
Erben wirst du, und zwar nächstens,
Ein Vermögen von Belange;
Domherr wird dein Sohn einst werden,
Welcher Kirch' ist schwer zu sagen,
Doch unmöglich von Toledo.
Eine Tochter, roth von Wangen,
Kriegst du, und wird sie einst Nonne,
Wird auch sie wol einst Prälatin.
Wenn dein Gatte nicht verscheidet
Noch im Lauf von dreißig Tagen,
So bekommt ihn noch zum Richter
Burgos oder Salamanca.
Hast ein Muttermal! wie lieblich!
Jesus! wie der Mond so glanzhell!
Welch ein Glanz! bei Antipoden
Dringt er noch in dunkle Thale!
Ihn zu sehen gäb' manch Blinder
Mehr als einen halben Thaler!
Und jezt lächelst du darüber;
Ah, wie ist das voller Grazie!
Aber hüt' dich hinzustürzen,
Und nach hinten zu vor Allem:
Denn solch Fallen ist gefährlich
Für die angeseh'nen Damen.
Vieles gäb's noch auszusprechen:
Willst du bis zum Freitag warten,
Wirst du's hören und dich freuen,
Doch auch grollen über Manches.
Damit schloß Preciosa ihre Prophezeiung und hatte damit in allen Umstehenden den Wunsch angefacht, ihr Glük ebenfalls zu erfahren, daher sie insgesamt baten, ihnen gleicherweise wahrzusagen. Jene verwies sie jedoch auf den künftigen Freitag, und sie versprachen ihr, Silberrealen zur Zeichnung des Kreuzes mitzubringen. Darüber kam der Herr Stadtschultheiß, dem man Wunder über Wunder von der kleinen Zigeunerin erzählte. Er ließ sie und ihre Gefährtinnen ein wenig tanzen, erfand das Preciosen ertheilte Lob für richtig und verdient, fuhr mit der Hand in die Tasche und deutete an, daß er ihr etwas geben wolle. Nachdem er jedoch den Schubsak zu wiederholten Malen durchstöbert, gerüttelt und geschüttelt hatte, zog er endlich die Hand leer heraus und rief:
»Bei Gott, ich habe keinen Heller! Donna Clara, gebt doch Ihr Precioschen einen Real, ich werde ihn Euch wieder zurükerstatten.«
»Vortreflich! Bester, bei mir gibt's wol so was! Wir Alle zusammen haben keinen Viertelsreal aufbringen können, um das Zeichen des Kreuzes damit zu machen, und Ihr wollt daß wir einen ganzen haben!«
»Nun so gebt ihr einen Eurer Hemdekragen, oder so was; Preciosa kommt ja noch einmal zu uns und dann wollen wir sie schon besser bedenken.«
»Aber da sie noch einmal kommt,« versezte Donna Clara, »will ich ihr diesmal lieber gar nichts geben.«
»Nein,« entgegnete Preciosa, »wenn man mir nichts gibt, so komme ich nie wieder hieher zurük. Oder ja, ich will wieder kommen, um so vornehmen Herrschaften einen Gefallen zu thun, aber ich verlaß mich darauf daß sie mir nichts geben und erspare mir dadurch die Mühe auf etwas zu hoffen. Lasset Euch brav schmieren, Herr Stadtschultheiß, lasset Euch schmieren, so werdet Ihr Geld haben; Ihr dürft es hierin nicht anders machen wollen, als Eure Vorfahren, sonst sterbt Ihr Hungers. Ich habe immer sagen hören, Euer Gnaden, (und so jung ich bin, versteh' ich doch wol, daß es kein gar gutes Wort ist) man müsse aus den Aemtern Geld ziehen, um die Strafurtheile der Amtsvisitationen damit abzukaufen und ein Recht auf neue Anstellungen zu erwerben.«
»So sprechen und handeln gewissenlose, Leute,« erwiederte der Stadtschultheiß; »ein Richter aber, der bei der Visitation gut besteht, braucht keine Straferkenntniß abzukaufen, und ein gut verwaltetes Amt wird eine hinlängliche Fürsprache zur Erlangung eines neuen für ihn sein.«
»Euer Gnaden sprechen wie ein Heiliger,« antwortete Preciosa. »Machet nur so fort und man wird Euch die Lumpen als Reliquien vom Leib schneiden.«
»Was du nicht Alles weißt, Preciosa!« sagte der Stadtschultheiß. »Sei nur ruhig, ich werde es einzurichten wissen, daß die Majestäten dich vor sich kommen lassen, denn du bist eine Ware für Könige.«
»Wollen sie mich zur Hofnärrin haben,« versezte Preciosa, »so versteh' ich Das nicht und werde um allen Kredit kommen. Wollen sie mich aber als was Gescheides, so dürfen sie mich nur holen lassen; doch in manchen Palästen gedeihen die Narren besser, als die Weisen. Uebrigens befinde ich mich als arme Zigeunerin wohl, und das Schiksal nehme den Lauf den der Himmel will.«
»He, Kleine,« rief die alte Zigeunerin, »schwazze nicht weiter, du hast schon genug gesprochen, und weißt mehr als ich dich gelehrt habe. Mach's nicht allzufein; zu scharf wird schartig! Sprich von Dem, was sich für deine Jahre schikt und wolle nicht oben hinaus mit den Flügelchen, denn von oben herunter kann Jeder fallen.«
»Die Zigeunerinnen haben den Teufel im Leib!« sagte der Stadtschultheiß.
Sie verabschiedeten sich, die Besizzerin des Fingerhutes aber rief noch ehe sie weggingen: »Preciosa, sag mir wahr, oder gib mir den Fingerhut zurük, denn ich habe keinen andern zum Geschäft.«
»Werthe Jungfer,« antwortete Preciosa, »stellt Euch vor, ich hätt' Euch schon prophezeit und verschafft Euch einen andern Fingerhut, oder nähet an Euern Säumen bis zu meiner Zurükkunft am nächsten Freitag gar nichts; da will ich Euch dann mehr Glük und Begebenheiten wahrsagen, als ein Ritterbuch enthält.«
Sie gingen und schlossen sich den vielen Bäurinnen an, die zur Zeit des Ave Maria Madrid zu verlassen pflegen, um sich auf ihre Dörfer zu begeben. Einige unter denselben waren ihre gewöhnlichen Begleiterinnen, in deren Gesellschaft sie jedesmal Sicherheit suchten, da die alte Zigeunerin in beständiger Angst lebte, man möchte einen Angriff auf ihre Preciosa machen.
Nun geschah es, daß sie eines Morgens auf der Rükkehr nach Madrid, um dort mit den übrigen Zigeunerinnen ihre Steuer umzulegen, in einem etwa fünfhundert Schritte von der Stadt entfernten Thälchen einen hübschen jungen Mann in reicher Reisekleidung erblikten. Sein Degen und sein Dolch glühten ordentlich von Gold; der Hut war mit einer kostbaren Schnur und verschiedenfarbigen Federn geschmükt. Die Zigeunerinnen blieben bei seinem Anblik stehen und schikten sich an ihn mit aller Gemächlichkeit zu betrachten, verwundert zu solcher Stunde einen so schönen Jüngling an solchem Orte zu Fuß und allein zu treffen. Er trat auf sie zu und redete die alte Zigeunerin an:
»Bei Eurem Leben, Mütterchen, laßt mich Euch und Preciosa auf die Seite nehmen und zwei Worte mit Euch sprechen, die von Nuzzen für Euch sein werden.«
»Wenn's nicht zu weit abwegs führt und uns nicht zu lange aufhält, in Gottes Namen!« antwortete die Alte, und rief Preciosen. Sie entfernten sich etwa zwanzig Schritte von den Andern, worauf der junge Mann ohne weitere Einleitung also begann:
»Ich bin vom Geist und von der Schönheit Preciosas dermaßen hingerissen, daß ich troz der größten Anstrengung, es nicht so weit bei mir kommen zu lassen, immer mehr überwältigt und immer unfähiger zum Widerstand wurde. Meine Gebieterinnen, (denn diesen Namen werde ich euch fortan geben, wenn der Himmel meine Anschläge begünstigt) ich bin ein Ritter, wie euch mein Orden beweisen kann« – damit schlug er den Mantel zurük und zeigte auf der Brust eines der angesehensten Ordenskreuze Spaniens – »bin der Sohn des ***« ( sein Name wird aus guten Gründen hier noch nicht genannt) »unter dessen Bevormundung und Obhut ich stehe; der einzige Sohn, der ein ansehnliches Erbe zu erwarten hat. Mein Vater bewirbt sich hier am Hofe um ein Amt, zu welchem er bereits vorgeschlagen ist und zu dessen Erlangung er die sichersten Aussichten hat. Troz dem Stande und Adel, von welchem ich Euch gesprochen und welcher euch wol auch ohne mein Zuthun in die Augen fallen dürfte, wünschte ich gleichwol schon jezt ein großer Herr zu sein, um die Niedrigkeit Preciosas zu meiner Höhe erheben zu können, indem ich sie zu meiner Gemahlin und meines Gleichen machte. Ich bewerbe mich nicht um sie, um sie zu täuschen, wie denn in den Ernst einer Liebe, wie ich für sie fühle, irgend eine Art von Betrügerei gar nicht fallen kann. Ich will blos Das, wozu sie selbst Lust hat; ihr Wille ist der meinige; ihr gegenüber ist meine Seele von Wachs, worein sie jeden beliebigen Eindruk machen kann; was aber die Bewahrung und Erhaltung des Eingedrükten betrifft, so wird nichts in Wachs eingedrükt, sondern Alles in Marmor gegraben sein, dessen Härte der Dauer der Zeit widersteht. Glaubt ihr mir Dies, so wird sich meine Hoffnung durch nichts beugen lassen; glaubt ihr mir aber nicht, so wird mich euer Zweifel, selbst wenn ich eure Gunst gewinnen sollte, doch immer in Angst erhalten. Mein Name ist der und der« (hier nannte er denselben); »denjenigen meines Vaters hab' ich euch bereits gesagt. Sein Haus steht in der und der Straße, und hat die und die Kennzeichen. Es sind Nachbarn da, bei welchen ihr über uns Erkundigungen einziehen könnt; auch könnt ihr Dies eben so gut bei Solchen, die nicht zu unsern Nachbarn gehören, denn meines Vaters und mein eigener Name und Stand sind nicht so unbekannt, daß man ihrer in den Höfen des Schlosses und überhaupt irgendwo in der Residenz unkundig wäre. Hier habe ich hundert Goldthaler um sie euch als Aufgeld und Pfand Dessen zu geben, was ihr noch von mir bekommen sollt, denn die Hand darf nicht verweigern, was einmal das Herz verschenkt hat.«
Während der Kavalier also sprach, betrachtete ihn Preciosa aufmerksam, und augenscheinlich mußten ihr seine Worte und seine Gestalt nicht mißfallen haben. Sie wandte sich an die Alte und sprach: »Erlaubt mir Großmutter, daß ich mir selbst die Freiheit nehme, diesem verliebten Herrn zu antworten.«
»Antworte ihm was du willst, Kind,« erwiederte die Alte, »denn ich weiß daß du zu Allem Verstand hast.« Und Preciosa sprach:
»Herr Ritter, bin ich auch nur eine arme und niedrig geborne Zigeunerin, so habe ich doch ein etwas schwärmerisches Köpfchen, das mich zu großen Dingen antreibt. Mich rühren weder Versprechungen, noch machen mich Geschenke wankend, noch erweicht mich Unterwürfigkeit, noch bringen mich Liebeswörtchen außer Fassung, und troz der fünfzehn Jahre, die ich nach Rechnung meiner Großmutter am kommenden Michaelistag hinter mich bringen werde, bin ich dem Geist nach doch schon gereift und etwas Mehr, als mein Alter verspricht, freilich eher durch Mutterwiz, als durch Erfahrung; aber durch jenen wie durch diese weiß ich, daß die Regungen der Liebe in Denen, welche zum erstenmal verliebt sind, vernunftlosen Stürmen gleichen, die den Willen aus seinen Angeln heben, welcher sofort, alle Hindernisse niederwerfend, sich thöricht seinen Wünschen nachstürzt und während er in den Himmel, den ihm seine Augen vorspiegeln, zu fallen glaubt, in die Hölle seines Unglüks fällt. Erreicht er Das, was er wünscht, so vermindert sich der Wunsch mit dem Besiz des gewünschten Gegenstandes, und wol möglich daß sich dann die Augen des Verstandes öffnen und jener nun verabscheut was er früher anbetete. Diese Besorgniß erzeugt in mir eine solche Behutsamkeit, daß ich keinen Worten glaube und gar viele Werke in Zweifel ziehe. Ich habe ein einziges Juwel, das ich höher achte, als das Leben selbst, nämlich meine unbeflekte Mädchenehre, die ich weder um Versprechungen, noch um Geschenke verkaufen mag, denn immer wäre sie am Ende verkauft, und könnte sie überhaupt abgekauft werden, so würde ich sie sehr gering anschlagen. Auch wird sie mir weder eine List noch ein Blendwerk entreißen, und eher soll sie mit mir ins Grab oder vielleicht in den Himmel gehen, als ich sie der Gefahr aussezze, daß Hirngespinnste und Träumereien sie angreifen und berühren. Die Jungfräulichkeit ist eine Blume, die, wenn es möglich, sich auch nicht einmal in der Einbildungskraft verlezzen lassen sollte! Wie schnell und leicht verwelkt eine vom Strauch gebrochene Rose! der Eine betastet sie, der Andre riecht daran, ein Dritter zerblättert sie und endlich verkommt sie unter rohen Händen. Wenn Ihr, mein Herr, nur auf diese Beute ausgeht, so könnt Ihr sie nicht anders bekommen, als angebunden an die Schnüre und Schlingen der Ehe. Denn soll die Jungfräulichkeit sich beugen, so kann es nur unter diesem heiligen Joch geschehen, indem sie alsdann nicht verloren geht, sondern zu einem freien Geschenk verwendet wird, das seinerseits wiederum einen freudigen Gewinnst verspricht. Wollt Ihr mein Gatte sein, so werde ich Eure Gattin; dem müssen jedoch erst gar manche Bedingungen und Erörterungen vorangehen. Zunächst muß ich erforschen, ob Ihr Das, was Ihr sagt, wirklich seid; hab' ich Dies als richtig befunden, so müßt Ihr das Haus Eurer Eltern verlassen und dasselbe gegen unsre Hütten vertauschen; Ihr müßt Zigeunertracht anlegen und zwei Jahre lang in unsre Schule gehen, in welcher Zeit ich mich dann über Eure Gemüthsart sattsam unterrichten kann, so wie Ihr Euch über die meinige. Nach Verfluß dieser Frist will ich, falls Ihr mit mir, und ich mit Euch zufrieden sein sollte, mich zu Eurer Frau hergeben; bis dahin aber werd' ich im Umgang blos Eure Schwester und Eure gehorsame Dienerin sein. Auch müßt Ihr noch bedenken, daß Ihr in der Zeit dieses Noviciats vielleicht Euer Sehvermögen wieder erlangt, welches gegenwärtig bei Euch verschwunden oder doch getrübt sein muß, und daß Ihr dann gewahren dürftet, daß Ihr Das zu fliehen habt, was Ihr gegenwärtig mit so großem Eifer verfolgt. Erlangt man aber die verlorene Freiheit wieder, so erhält man durch aufrichtige Reue auch Verzeihung für jede Art von Schuld. Wollt Ihr unter diesen Bedingungen als Soldat in unsre Schaar eintreten, so steht es in Eurer Hand; aber keinen Finger der meinigen bekommt Ihr zu fassen, wenn Ihr Euch gegen eine einzige Bedingung verfehlt.«
Der Jüngling gerieth über Preciosas Worte in Verlegenheit und sah ganz verblüfft auf den Boden, indem er allen Anzeichen nach über Das was er antworten sollte, nachsann.
Als Preciosa Dies bemerkte, hob sie von Neuem an:
»Es ist Dies kein so eiliges Geschäft, daß es in den wenigen Minuten, welche die Zeit uns jezt bietet, abgemacht werden könnte oder sollte. Kehrt in die Stadt zurük, mein Herr, und überlegt das Weitere, was Ihr thun wollt. An dieser Stelle hier könnt Ihr mich an jedem Festtage, auf meinem Weg nach Madrid oder bei meiner Rükkunft von da, sprechen.«
Der Edelmann erwiederte: »Als der Himmel mir die Liebe zu dir eingab, meine Preciosa, beschloß ich Alles für dich zu thun, was du von mir fodern würdest, wobei mir's freilich nicht in den Sinn kam, daß du Das von mir verlangen könntest, was du nun von mir verlangt hast. Da es jedoch nun einmal dein Wille ist, daß der meinige sich dem deinigen bequeme und anschließe, so sieh mich von diesem Augenblik für einen Zigeuner an, denn du wirst mich stets als den Nämlichen erfinden, wie ich mich dir jezt zeige. Sag mir nur wann ich meine Kleidung umtauschen soll; ich wollte, es geschähe sogleich, denn da ich eben Veranlassung hätte nach Flandern zu gehen, kann ich meine Eltern jezt am ehesten täuschen, mir auf einige Zeit Geld verschaffen, und werde nur etwa acht Tage zur Vorbereitung meines Abganges brauchen. Was meine Reisegefährten betrifft, so will ich diese schon so hinter's Licht führen, daß mir mein Vorhaben gelingt. Was ich dich bitte, falls ich mich erkühnen darf, dich um etwas zu bitten und anzusprechen, ist, daß wenn du nicht bereits heute Erkundigungen über meinen Stand und denjenigen meiner Eltern einziehen kannst, du deshalb später nicht noch einmal nach Madrid gehest; denn ich möchte nicht, daß eine von den unzähligen Gelegenheiten, die sich dort darbieten könnten, mich des Glükkes beraubte, das ich mir so viel kosten lasse.«
»Daraus wird nichts, mein schöner Herr,« entgegnete Preciosa; »wisset ein für allemal, daß ich eine unverkümmerte Freiheit behalten muß, welche von keiner lästigen Eifersucht beeinträchtiget oder gestört werden darf, wohl verstanden jedoch, daß ich keinen so ungemäßigten Gebrauch von jener machen werde, um nicht schon von Weitem sehen zu lassen, wie enge meine Sittsamkeit mit meiner Unbeschränktheit verbunden ist. Die erste Verbindlichkeit jedoch, die ich Euch auflegen möchte, ist das Vertrauen, das Ihr in mich zu sezzen habt; denn laßt Euch gesagt sein, daß Liebhaber, die der Eifersucht Raum geben, entweder thöricht oder vermessen sind.«
»Du hast den Satan im Kopf, Mädel,« rief hier die alte Zigeunerin; »sprichst du doch von Dingen, die kein Professor von Salamanca im Munde führt; du weißt von Liebe, von Eifersucht, von Vertrauen: wie kommt Das? Steh ich doch vor dir wie eine Gans und höre auf dich, wie auf Eine, die in der Verzükkung lateinisch redet, ohne es gelernt zu haben.«
»Schweigt, Großmutter,« antwortete Preciosa, »und wisset, daß Alles, was Ihr von mir gehört, ein Kinderspiel gegen das viel Wichtigere ist, was ich bei mir zurükbehalte.«
Was Preciosa sagte, und der Geist, den sie entwikkelte, goß Oel in die Flamme, die in der Brust des verliebten Kavaliers brannte. Endlich kam man darüber ein, daß man sich über acht Tage an diesem Ort wieder sehen wolle, wo er dann vom Stand seiner Angelegenheiten Nachricht geben sollte, sie aber Zeit gefunden haben würde, sich von der Wahrheit seiner Aussagen zu überzeugen. Der Jüngling zog eine Börse von Goldstoff hervor, die, wie er angab, hundert Goldthaler enthielt, und überreichte sie der Alten. Als Preciosa durchaus nicht zugeben wollte, daß Jene sie annähme, bemerkte die Zigeunerin:
»Schweig, Kleine! das handgreifliche Zeichen, daß dieser Herr von seiner Unterwerfung gegeben, ist die Auslieferung seiner Waffen an den Sieger. Zu schenken, sei es aus welcher Ursache es wolle, hat immer für 'nen Beweis eines großmüthigen Herzens gegolten. Denk an's alte Sprichwort: Von Gott soll man's bitten und in Scheffeln verschütten. Ueberdies möcht' ich nicht, daß die Zigeuner durch mich den seit Jahrhunderten behaupteten Ruf der Betriebsamkeit und Oekonomie verlören. Hundert Thaler meinst du soll ich fahren lassen, die man in den Saum eines Roks, der keine zwei Realen werth ist, einnähen und bei sich tragen kann, wie das Nuzzungsrecht auf das Heu in Estremadura? Und wenn nun Einer von unsern Söhnen, Enkeln oder Verwandten das Unglük hätte in die Hände der Justiz zu fallen, könnte er eine bessere Fürsprache ans Ohr des Richters und Gerichtschreibers bekommen, als wenn diese Thaler in deren Beutel wandern? War ich doch schon dreimal wegen drei verschiedener Delikte eben daran, auf den Schandesel gesezt und ausgestäupt zu werden; das einemal aber verschaffte mir eine silberne Kanne den Rükzug, das andremal eine Perlenschnur und das drittemal vierzig schwere Realen, die ich für leichte eingewechselt und dabei blos zwanzig in den Kauf gegeben hatte. Bedenk, Kleine, daß wir 'n gar gefährlich Handwerk treiben voller Schwierigkeiten und Fallstrikke, und daß es keine Hülfe gibt, die uns schneller zur Hand wäre und kräftiger unter'n Arm griffe, als die unbesiegten Waffen des großen Philipp; denn über dies plus ultra geht nichts. Für eine Dublone mit ihren zwei Gesichtern klärt sich das griesgrämige des Procurators und sämtlicher Diener des hochpeinlichen Gerichts auf, die wahre Stoßvögel auf uns arme Zigeunerinnen sind und sich mehr drauf einbilden, uns zu rupfen und zu schinden, als einen Straßenräuber. Nie, so zerlumpt und erbärmlich sie uns auch sehen, halten sie uns für arme Leute, sondern sagen wir wären wie die Wämser der Straßenläufer aus Belmonte, zerrissen und schmuzzig aber voller Dublonen.«
»Ums Himmels willen, Großmutter, hört auf, Ihr führt am Ende so viele Gesezze für das Behalten des Geldes an, daß Ihr diejenigen der römischen Kaiser überbietet. Behaltet es, wohl bekomm's Euch, und wolle Gott, daß Ihr es in ein Grab senket, wo es das Tageslicht nie wieder zu sehen bekommt, noch zu sehen nöthig hat. Unsern Begleiterinnen wird man übrigens etwas davon abgeben müssen, denn sie warten schon lange auf uns und dürften wol etwas verdrießlich sein.«
»Von diesem Geld sollen sie so wenig zu Gesicht bekommen,« antwortete die Alte, »als vom Großtürken. Der gute Herr da sieht wol nach, ob er noch einiges Silbergeld oder ein paar Viertelsstükke hat; die will ich unter sie austheilen, denn sie sind mit dem Geringsten zufrieden.«
»Ja, die hab' ich,« entgegnete der Liebhaber und zog drei schwere Realen aus der Tasche, welche Jene sofort unter die drei Zigeunermädchen vertheilte, worüber dieselben froher und zufriedener waren als ein Theaterdichter, wenn man ihn nach einem Wettstreit mit einem andern an den Straßenekken als Sieger ausruft. Kurz jedoch, es wurde, wie schon gesagt, beschlossen, in acht Tagen hier wieder zusammen zu kommen, den jungen Mann aber, falls er Zigeuner würde, den Herren-Andres zu nennen, weil es schon mehrere andere Zigeuner leztern Namens unter ihnen gebe. Andres, denn so wollen auch wir ihn fortan nennen, wagte es nicht Preciosen zu umarmen, übergab ihr aber mit einem Blik seine ganze Seele, und machte sich, falls man so sagen darf, ohne Seele auf den Weg nach Madrid, was auch Jene, und zwar sehr vergnügt, thaten. Preciosa, in welcher sich durch das gewinnende Benehmen des Andres wenn auch noch nicht Liebe doch etwas von Wohlwollen regte, wünschte sich bald möglichst zu erkundigen, ob er wirklich Derjenige sei, für welchen er sich ausgegeben. Sie trat durchs Thor, und kaum hatte sie einige Straßen hinter sich, als sie dem Pagen begegnete, von welchem die Verse mit dem eingewikkelten Goldthaler herrührten. Sobald er sie ansichtig wurde, trat er auf sie zu und sprach:
»Guten Tag, Preciosa; hast du vielleicht die Verse schon gelesen, die ich dir neulich gab?«
Preciosa erwiederte: »Eh ich dir irgend eine Antwort gebe, mußt du mir beim Leben Dessen, was du am Meisten liebst, etwas ohne allen Rükhalt sagen.«
»Das ist eine Beschwörung,« entgegnete der Page, »der ich, sollte mein Ausschwazzen mir auch das Leben kosten, nichts vorenthalten kann.«
»Nun, was ich von dir zu erfahren wünsche,« antwortete Preciosa, »ist, ob du zufällig etwa ein Poet seiest.«
»Um es zu sein, müßt' ich es nothwendig zufällig geworden sein,« versezte der Page; »du mußt jedoch wissen, Preciosa, daß nur sehr Wenige den Namen eines Dichters verdienen, und so bin denn auch ich keiner, sondern blos ein Liebhaber der Dichtkunst, und brauche deshalb freilich zu meinen eigenen Zwekken keine fremden Verse einzuholen. Diejenigen, welche ich dir gegeben, sind von mir, und diejenigen, welche ich dir jezt gebe, ebenfalls; darum bin ich aber noch kein Dichter, und Das wolle auch Gott nicht!«
»Ist es denn so schlimm, ein Dichter zu sein?« fragte Preciosa.
»Nicht schlimm,« erwiederte der Page; »aber Dichter ohne etwas Weiteres zu sein, halt' ich eben nicht für sonderlich gut. Man muß mit der Poesie verfahren, wie mit einem höchst kostbaren Kleinod, dessen Besizzer dasselbe nicht jeden Tag mit sich trägt und nicht allen Leuten und bei jedem Schritte vorzeigt, sondern nur bei schiklicher Gelegenheit. Die Poesie ist ein wunderschönes Mädchen, keusch, sittsam, verständig, wizzig und zurükgezogen, das sich in den Schranken der höchsten Klugheit hält. Es liebt die Einsamkeit, die Quellen sprechen mit ihm, die Fluren trösten es, die Bäume spielen mit ihm, die Blumen machen es froh, es selbst aber erfreut und belehrt Alle, die mit ihm umgehen.«
»Bei all Dem,« versezte Preciosa, »habe ich gehört das Mädchen sei sehr arm, ja streife sogar an eine Bettlerin.«
»Gerade das Gegentheil,« antwortete der Page, »denn es gibt keinen Dichter, der nicht reich wäre, indem sie alle mit ihrer Lage zufrieden sind, eine Philosophie zu welcher es wenige Menschen bringen. Was aber veranlaßt dich, Preciosa, diese Frage an mich zu thun?«
»Die Veranlassung,« erwiederte Preciosa, »war, daß mich, bei meinem Glauben an die Armuth aller oder doch der meisten Dichter, der in Eure Verse eingewikkelte Goldthaler in Erstaunen sezte. Jezt aber, da ich weiß, daß Ihr kein Poet, sondern blos ein Liebhaber der Poesie seid, mögt Ihr vielleicht reich sein, obwol ich Dies bezweifle, weil eben von der Seite aus, die Euch antreibt Verse zu machen, bald all Euer Vermögen drauf gehen wird; denn, wie man sagt, gibt es keinen Dichter, der ein Vermögen, das er hat, zu erhalten, und eines das er nicht hat, zu erwerben wüßte.«
»Aber ich gehöre nicht zu denselben,« entgegnete der Page; »ich mache Verse und bin weder arm noch reich; und ohne viel drauf zu achten oder eine Abrechnung drüber zu halten, wie die Genueser bei ihren Gastmälern thun, kann ich Dem, welchem ich wohl will, einen oder zwei Thaler schenken. Nimm, kostbare Perle, dieses zweite Papier mit dem zweiten Thaler darin, ohne dir Gedanken darüber zu machen, ob ich ein Dichter sei, oder nicht. Mögest du nur bedenken und glauben, daß Der, welcher dir Dies gibt, gerne den Reichthum des Midas hätte, um ihn dir schenken zu können.«
Damit übergab er ihr ein Papier, in welchem Preciosa den Thaler wirklich fand, daher sie sagte:
»Dies Papier wird sicherlich sehr alt, denn es hat zwei Seelen; die eine ist der Thaler, die andere sind die Verse, die immer voller Seelen und Herzen stekken. Der Herr Page wisse jedoch, daß ich nicht so viele Seelen bei mir haben mag, und nimmt er nicht die eine zurük, so lass' er sich's nicht einfallen, daß ich die andre annehme; denn ich will ihm wohl, weil er ein Dichter ist, nicht aber etwa weil er Geschenke austheilt. Unter dieser Beschränkung jedoch können wir eine dauernde Freundschaft errichten, denn an einem Thaler, so stark das Wohlwollen immer sei, kann es denn doch mitunter eher fehlen, als an der Stimmung zum Entwerfen einer Romanze.«
»Ist es so,« antwortete der Page, »und willst du, Preciosa, durchaus, daß ich arm sei, so verschmähe mindestens die Seele, die in diesem Papier enthalten ist, nicht; den Thaler aber gib mir zurük, denn da ihn deine Hand einmal berührt hat, so werd' ich ihn Zeit Lebens als eine Reliquie aufbewahren.«
Preciosa nahm den Thaler aus dem Papier und behielt blos lezteres zurük, ohne es jedoch auf offener Straße lesen zu wollen. Der Page entfernte sich höchst zufrieden, denn er hielt Preciosen bereits für gewonnen, da sie so freundlich mit ihm gesprochen hatte. Sie ihrerseits, welcher es jezt vor Allem daran lag, des Andres väterliches Haus aufzusuchen, wollte sich nirgends mit Tanzen aufhalten und gelangte nach Kurzem in die ihr wohlbekannte Straße, wo jenes Gebäude stehen sollte. Nachdem sie ungefähr bis in die Mitte gekommen, warf sie die Augen auf einige ihr als Kennzeichen genannten vergoldete Balkone und bemerkte daselbst einen Kavalier von etwa fünfzig Jahren, mit einem farbigen Ordenskreuz auf der Brust und von achtunggebietendem Aeussern. Kaum hatte dieser das Zigeuner-Mädchen bemerkt, als er ihr zurief: »Kommt herauf, Kinder, ihr sollt da oben ein Almosen erhalten.«
Bei diesem Ruf eilten drei andre Herren auf den Balkon, worunter auch Andres, der, als er Preciosen gewahr wurde, bleich ward und beinah die Besinnung verloren hatte, so erschrekkend wirkte ihr Anblik auf ihn ein. Sämtliche Zigeunerinnen stiegen hinauf, mit Ausnahme der Alten, die unten blieb, um bei der Dienerschaft Erkundigungen über die Wahrheit von Andreas Aussage einzuziehen. Beim Eintritt der Mädchen in den Saal bemerkte der alte Herr eben zu den Uebrigen: »das ist ohne Zweifel die schöne junge Zigeunerin, die gegenwärtig in Madrid umher ziehen soll.«
»Sie ist's,« antwortete Andres, »und gewiß das schönste Geschöpf, das man je gesehen.«
»So sagt man,« entgegnete Preciosa, die jene Worte im Hereintreten gehört hatte; »aber man täuscht sich wahrhaftig wenigstens um die Hälfte meines wirklichen Werthes. Hübsch glaub' ich allerdings zu sein, aber daß ich so schön wäre, wie die Leute behaupten, laß ich mir nicht einfallen.«
»Beim Leben meines Sohnes, meines Juanchens« erwiederte der alte Herr, »du bist noch schöner, als man sagt, niedliche Zigeunerin.«
»Und wer ist Euer Juanchen?« fragte Preciosa.
»Der hübsche junge Mann da neben dir,« antwortete der Kavalier.
»Glaubte ich doch wahrhaftig,« versezte Preciosa, »Euer Gnaden schwüren bei einem Kind von zwei Jahren! Seht einmal welch ein Don Juanlein! was das eine Pracht ist! Auf mein Wort, Der könnte schon eine Frau nehmen, und nach den Linien auf seiner Stirne werden auch keine drei Jahre ins Land gehen, eh' er eine hat, und zwar eine ganz nach seinem Geschmak, falls er denselben von jezt bis dahin nicht wieder verliert oder gegen einen andern umtauscht.«
»Seht mir doch,« bemerkte Einer von den Anwesenden, »das Mädchen versteht sich auf ihre Linien!«
Unterdessen hatten sich die drei Begleiterinnen Preciosas samt und sonders in einen Winkel des Zimmers gedrängt, stekten die Köpfe zusammen und flüsterten, um nicht gehört zu werden, ganz leise mit einander.
»Mädchen,« sagte Christina, »das ist der Herr, der uns heute früh die drei schweren Realen gegeben hat.«
»Freilich, freilich,« antworteten die Andern, »aber wir wollen's nicht zur Sprache bringen, wenn er selbst nichts davon sagt; wissen wir doch nicht, ob er sich gerne zu erkennen gibt!«
Während Dies unter den Dreien vorging, bemerkte Preciosa gegen Den, der wegen der Linien über sie gescherzt hatte: »Was ich nicht mit den Augen sehe, das sagt mir mein kleiner Finger. So weiß ich vom Herrn Juanchen, ohne Linien dazu nöthig zu haben, daß er ein wenig verliebt, ungestüm, vorschnell und ein großer Versprecher von Dingen ist, die unmöglich scheinen; und wolle Gott daß er nicht etwa gar lügnerisch sei, denn Das wäre das Schlimmste von Allem. Er hat jezt eine Reise an einen weit entfernten Ort zu machen; aber anders denkt der Rappe und anders Der, der ihn sattelt; der Mensch denkt's und Gott lenkt's. Vielleicht vermeint er nach Onnez zu gehen und kommt nach Gambra.«
Auf Dies erwiederte Don Juan: »Wahrhaftig, Zigeunermädchen, Du hast Manches von meiner Gemüthsart errathen, was aber die Neigung zum Lügen betrifft, so bist du ganz auf falschem Wege, denn ich rühme mich die Wahrheit in jedem Fall zu sagen. Was die weite Reise anbelangt, so hast du wieder Recht: gefällt es Gott, so werde ich allerdings, troz deiner Drohung den Weg zu verfehlen, in vier oder fünf Tagen nach Flandern abgehen, denn ich hoffe nicht, daß mir unterwegs irgend ein Unfall zustoße, der mich daran hinderte.«
»Pah! pah! mein schönes Herrlein,« erwiederte Preciosa; empfiehl dich Gott, so wird Alles gut gehen, und sei versichert, daß ich nichts von Dem, was ich zu wissen behauptet habe, im Ernst wußte, was gar kein Wunder ist, denn da ich viel und aufs Gerathewohl heraus schwazze, treff' ich mitunter das Wahre zufällig. Jezt möcht' ich nur, daß ich auch das Wahre träfe, wenn ich dich zu überreden suche, nicht abzureisen, sondern dein Herz zu beruhigen und bei deinen Eltern zu bleiben, um ihnen ein glükliches Alter zu verschaffen; denn bei diesem Hin- und Herreisen nach Flandern kommt nichts Gutes heraus, besonders bei jungen Leuten von so zartem Alter wie das deinige. Werde erst ein Bischen älter, um die Beschwerden des Krieges ertragen zu können, und Dies um so mehr, als du Krieg genug im eigenen Hause hast, und genug Liebesangriffe in deiner Brust auf dich geschehen. Ruhig, ruhig, du kleines Ungestüm, und sieh was du thust, eh du heirathest, uns aber gib ein Almosen um Gottes und deines eigenen Wesens willen, denn ich glaube wahrhaftig, du bist sehr gutmüthig von Natur, und kommt dazu noch die Wahrhaftigkeit, so will ich, wenn sich diese endlich erprobt hat, ein Jubellied darüber singen, daß ich in Allem, was ich über dich gesagt, das Wahre getroffen.«
»Ich habe dir schon bemerkt, Kleine,« entgegnete der zu einem »Herren-Andres« werden sollende Don Juan, »daß du in Allem das Richtige getroffen, nur nicht in deiner Besorgniß, als wäre ich nicht sonderlich wahrhaftig, denn hierin irrst du dich gänzlich. Das Wort, das ich dir im Felde gebe, erfüll' ich in der Stadt und wo du sonst willst, ohne mich erst mahnen zu lassen; denn wer in das Laster der Lügenhaftigkeit verfällt, darf sich für keinen Ritter achten. Mein Vater wird dir um Gottes und meinetwillen ein Almosen reichen, denn wahrhaftig ich habe was ich bei mir hatte heute früh einigen Damen gegeben, die, wenn sie, besonders Eine von ihnen, eben so hinterlistig als schön sind, mir keine sonderlichen Zinsen davon werden zukommen lassen.«
Als Christine Dies hörte, bemerkte sie mit derselben Heimlichkeit, wie vorhin, zu den übrigen Zigeunerinnen: »Kinder, ich will des Todes sein, wenn er da nicht die drei schweren Realen meint, die er uns diesen Morgen gegeben.«
»Das kann nicht sein,« erwiederte Eine von ihnen, »denn er sagt ja es seien Damen gewesen, was wir nicht sind, und da er behauptet so wahrhaftig zu sein, wird er hierinne nicht lügen.«
»Eine Lüge,« antwortete Christine, »die zu Niemands Schaden und doch zum Vortheil und zum Ansehn Desjenigen gereicht, der sie vorbringt, ist nicht von so großer Bedeutung; übrigens sehe ich bei all Dem noch keinen Deut, den er uns geben will, und eben so wenig fodert er uns zum Tanzen auf.«
Indem kam die alte Zigeunerin herauf und sprach: »Kind, mach daß du fertig wirst; es wird spät und es gibt noch viel zu thun und noch mehr zu sprechen.«
»Nun, was ist denn auf einmal Neues auf die Welt gekommen, Großmutter?« fragte Preciosa, »ein Junge oder ein Mädchen?«
»Ein Junge, und das ein gar hübscher,« entgegnete die Alte; »komm, Preciosa, und du sollst deine Wunder hören.«
»Wolle Gott, daß er keines jähen Todes sterbe! erwiederte Preciosa.
»Alles wird gut gehen,« versezte die Alte, »besonders da die Geburt bis jezt gehörig vor sich gegangen; und das Kind ist ein wahres Goldbübchen.«
»Ist eine Dame in die Wochen gekommen?« fragte der Vater des Herren-Andres.
»Ja, mein Herr,« antwortete die Zigeunerin, »aber die Geburt fand so im Stillen Statt, daß Niemand davon weiß, als Preciosa und ich und noch Jemand; und somit können wir nichts darüber verlauten lassen.«
»Wir wollen auch nichts wissen,« sagte Einer von den Anwesenden; »aber Gott gnade Derjenigen, die ihr Geheimniß auf eure Zungen niederlegt und ihre Ehre eurem Beistand anvertraut.«
»Wir sind nicht Alle so schlimm,« erwiederte Preciosa; »vielleicht gibt es Eine unter uns, die sich der Geheimhaltung und der Wahrhaftigkeit in gleichem Grade rühmen kann, wie der vornehmste Mann in diesem Saal. Kommt, Großmutter, man schlägt uns hier zu niedrig an, denn wahrhaftig wir sind weder Schelme noch Spizbübinnen.«
»Werdet nicht böse,« sagte der Vater, »denn wenigstens von dir, Preciosa, läßt sich meines Erachtens nichts Schlimmes voraussezzen; dein unschuldiges Gesicht bürgt für die Unschuld deines Treibens. Aber thu mir die Liebe, Precioschen, und tanze ein Wenig mit deinen Begleiterinnen. Ich habe da eine Golddublone mit zwei Gesichtern, von denen jedoch keines dem deinigen gleich kommt, obwol es Köpfe von Königen sind.«
Die Alte hatte Dies nicht sobald gehört, als sie ausrief: »Auf, Mädchen, tummelt euch und macht den Herren da ein Vergnügen.«
Preciosa ergriff die Schellentrommel und sie machten ihre Wendungen und Verschlingungen mit so viel Leichtigkeit und freiem Anstand, daß die Augen aller Zuschauer ihren Füßchen folgten, besonders diejenigen des Andres, die an Preciosas Tritten hingen, als fänden sie dort den Mittelpunkt ihres Himmels; das Schiksal aber trübte diesen auf einmal so, daß er sich in eine Hölle verwandelte, denn es traf sich, daß in der Lebhaftigkeit des Tanzes Preciosen das Papier entfiel, das ihr der Page gegeben. Kaum war es gefallen, so hob es jener Herr, der eine so schlimme Meinung von den Zigeunerinnen hatte, auf, öffnete es unverweilt und rief:
»Ho ho! ein Sonettchen! haltet mit dem Tanze ein und hören wir es, denn nach dem ersten Vers zu schließen ist es gar nicht übel.«
Preciosen war Dies verdrießlich, da sie den Inhalt noch nicht kannte; sie bat daher man möchte es ihr ungelesen zurükgeben; der Eifer aber, womit sie hierauf bestand, schärfte nur die Begierde des Andres, es zu hören. Kurz, der Kavalier las es mit lauter Stimme also ab:
Wenn Preciosa faßt das Spiel der Glokken
Und in die Luft die süßen Klänge hallen,
So läßt sie Perlen ihrer Hand entfallen
Und aus dem Munde streut sie Blütenflokken.
Die Seele staunt, es steht das Herz erschrokken
Vor dieses Geistes holdem Erdenwallen,
Den nach des Himmels staubentrükten Hallen
Die Unschuld und die Reinheit wieder lokken.
Gefesselt führt sie an dem kleinsten Haare
Viel tausend Seelen, und von ihren Füßen
Hervor läßt Amor Pfeil um Pfeile fliegen.
Sie hellt und blendet mit dem Sonnenpaare
Worin der Liebe ewge Throne liegen,
Und läßt auf höhern Glanz noch für sich schließen.
»Bei Gott!« rief der Vorleser, »der Dichter der Dies schrieb, weiß sich auszudrükken!«
»Es ist kein Dichter,« sagte Preciosa, »sondern ein sehr höflicher und freigebiger Page.«
Bedenke was du gesagt und was du sagen willst, Preciosa, denn es ist dasselbe nicht sowol ein Lob des Pagen, als ein Dolchstoß durch die Brust deines Zuhörers Andres. Willst du ihn sehen, Kleine? Wende nur die Augen und du wirst ihn ohnmächtig, mit einem Todesschweiß bedekt, auf dem Stuhl erbliken. Denk nicht, Mädchen, daß Andres dich blos zum Spaß liebe, daß die kleinste deiner Unbesonnenheiten ihn nicht verlezze und in Angst bringe! Um Gottes willen, tritt zu ihm und sag ihm ein paar Worte ins Ohr, die gerade ins Herz gehen und ihn wieder zu sich bringen. Willst du Das nicht, so bring nur jeden Tag ein Sonett zu deinem Lobe zum Vorschein, und du wirst bald sehen, wohin ihn Das führt.
All Das begab sich wirklich so, denn beim Anhören des Sonetts durchzukten den Andres tausend Bilder der Eifersucht. Er sank zwar nicht in Ohnmacht, aber er wurde so blaß, daß sein Vater es bemerkte und fragte. »Was ist dir, Don Juan, du wechselst die Farbe als ob du ohnmächtig werden wolltest?«
»Muth gefaßt!« rief Preciosa, »laßt mich ihm nur ein Wörtchen ins Ohr sagen und Ihr werdet sehen, daß es zu keiner Ohnmacht kommt.«
Damit trat sie auf ihn zu und flüsterte beinah ohne die Lippen zu bewegen: »Schöner Muth für einen Zigeuner! Wie willst du die Daumenschrauben aushalten, Andres, wenn du dich nicht einmal von einem Stük Papier schrauben lassen kannst?«
Damit machte sie ihm ein halb Duzzend Kreuze auf's Herz und trat weg, worauf Andres wieder zu athmen begann und damit andeutete, daß Preciosas Worte so wohlthätig auf ihn eingewirkt. Kurz Diese erhielt die doppelköpfige Dublone und sagte ihren Gefährtinnen, sie werde dieselbe wechseln lassen und ehrlich mit ihnen theilen.
Der Vater des Andres bat sie, ihm den Spruch, den sie über Don Juan gethan, schriftlich mitzutheilen, denn er möchte solchen für jeden Fall zur Hand haben. Sie erwiederte, sie wolle ihm die Worte herzlich gerne angeben, er dürfe versichert sein, daß obwol sie nur ein Spaß schienen, sie doch eine besondere Kraft besäßen, Ohnmachten und Schwindel zu vertreiben. Sie lauteten also:
Köpflein, du hast selbst die Schuld;
Woll dich nicht so sehr erhizzen
Und erwähle, dich zu stüzzen,
Die gesegnete Geduld.
Rasches Müthlein,
Kühl dein Blütlein,
Woll nicht wanken
Zu schlimmen Gedanken,
Und bald wirst du Wunder sehen,
Wie sie nicht gar oft geschehen,
Wenn Gott mit dir im Verein
Und Sankt Christoph hintendrein.
Mit Hülfe dieses Spruches und durch sechs Kreuze aufs Herz, versicherte Preciosa, werde die vom Schwindel befallene Person wieder so frisch wie ein Apfel. Als die alte Zigeunerin den angeblichen Segen hörte, war sie ganz erstaunt, und noch mehr war es Andres, der wol sah, daß das Ganze blos Erfindung ihres schnell besonnenen Geistes gewesen. Das Sonett behielten Jene zurük, weil Preciosa es nicht fodern mochte, um dem Andres nicht neue Qualen zu verursachen, denn ohne daß man sie's gelehrt hatte, wußte sie bereits was es heiße, wenn man einem ganz hingegebenen Liebenden die Angst und die Pein und die Schrekken der Eifersucht einflöst. Als sich sofort die Zigeunerinnen verabschiedeten, sagte sie noch beim Gehen zu Don Juan:
»Bedenkt, mein Herr, daß jeder Tag dieser Woche zu Eurer Abreise günstig und keiner unglüklich ist; beschleunigt Euren Aufbruch so sehr Ihr könnt, denn es wartet Eurer ein reiches, freies und gar angenehmes Leben, falls Ihr Euch demselben bequemen wollt.«
»Das Soldatenleben,« erwiederte Don Juan, »scheint mir im Gegentheil mehr von Zwang als von Freiheit an sich zu haben; indessen will ich sehen, wie sich die Sache macht.«
»Ihr werdet mehr sehen, als Ihr denkt,« entgegnete Preciosa; »Gott schüzze und erhalte Euch, wie Euer gutmüthiges Gesicht es verdient.«
Durch diese lezten Worte beruhigte sich Andres wieder, die Zigeunerinnen aber waren voller Freude; sie ließen die Dublone wechseln und vertheilten sie gleichmäßig unter sich, ausgenommen daß die alte Hüterin, wie von allem Eingesammelten, anderthalb Theile bekam, sowol wegen ihrer hohen Jahre, als weil sie die Magnetnadel war, nach welcher die Andern sich auf dem großen Meer ihrer Tanz-, Kunst- und Schelmstükke richteten.
Endlich kam der Morgen, an welchem sich der Herren-Andres in aller Frühe auf einem Miethmaulthier, ohne irgend einen Bedienten, an dem Orte einfand, wo wir ihn zuerst gefunden haben. Dort traf er Preciosa und deren Großmutter, die ihn mit großer Freude aufnahmen. Er bat, sie möchten ihn vor Anbruch des Tages nach dem Lager führen, damit man, falls man ihn etwa suche, nicht auf seine Spur geriethe. Sie, die vorsichtig genug gewesen, allein zu kommen, schlugen auf Dies den Rükweg ein und gelangten in kurzer Zeit mit ihm zu ihren Hütten. Andres trat in eine derselben, welche die größte in der Horde war, ein und alsbald eilten zehn bis zwölf Zigeuner zu seinem Empfang herbei, insgesamt junge, starke, wohlgestaltete Leute, welchen die Alte bereits Kunde von dem neuen Gefährten gegeben, der kommen sollte, ohne daß sie nöthig gehabt hatte, ihnen das Geheimniß erst besonders zu empfehlen, da sie dasselbe stets mit ungemeiner Schlauheit und Gewissenhaftigkeit bewahren. Sie warfen sogleich ein Auge auf das Maulthier und Einer sagte: »Das kann man am Donnerstag in Toledo verkaufen.«
»Nein,« erwiederte Andres, »denn es gibt keinen Maulthiertreiber in Spanien, der nicht jedes Miethmaulthier auf den ersten Blik kennte.«
»Bei Gott, Herr Andres,« versezte Einer von den Zigeunern, »hätte das Thier auch mehr Zeichen an sich, als dem jüngsten Tag vorausgehen werden, so wollen wirs hier schon so umwandeln, daß es weder von der Mutter, die es geboren, noch vom Herrn der es erzogen, mehr erkannt werden soll.«
»Troz Dem,« entgegnete Andres, »muß diesmal meine Meinung entscheiden: man muß das Maulthier umbringen und es so einscharren, daß auch kein Knochen von ihm mehr zum Vorschein komme.«
»Das wäre eine große Sünde,« bemerkte ein andrer Zigeuner. »Einem Unschuldigen soll man's Leben nehmen? Sprecht nicht so, guter Andres, sondern merkt auf: betrachtet das Thier genau, prägt Euch all seine Kennzeichen recht ins Gedächtniß und laßt mich's dann fortnehmen: erkennt Ihr es dann von jezt an in zwei Stunden wieder, so mag man mich peitschen, wie einen entlaufenen Neger.«
»Ich kann meine Einwilligung durchaus nicht geben,« sagte Andres, »daß das Thier am Leben bleibe, spreche man auch so viel man wolle von seiner Verwandlung. So lange die Erde es nicht bedekt, bin ich in Gefahr entdekt zu werden; handelt sich's aber um den Nuzzen, der aus seinem Verkauf gezogen werden könnte, so trete ich keineswegs so entblöst unter meine neuen Kameraden, um nicht als Eintrittsgeld den Werth von vier Maulthieren erlegen zu können.«
»Nun weil's der Herr Kavalier-Andres so will,« erwiederte ein andrer Zigeuner, »so möge das Unschuldige sterben, und Gott weiß daß mir's leid thut sowol um seine Jugend, denn es hat noch nicht einmal ausgeschoben, was man bei einem Miethmaulthier fast niemals trifft, als weil's gar einen guten Schritt haben muß, denn es hat keine Striemen in den Weichen und keine Spornmäler.«
Der Tod wurde indessen bis auf den Abend verschoben und der Rest des Tages zu den Feierlichkeiten über den Eintritt des Andres in's Zigeunerwesen verwandt. Diese bestanden in Folgendem: Man räumte ihm eine von den größten Hütten des Lagers ein, schmükte sie mit Zweigen und Cypergras, ließ den Ankömmling auf dem Stumpfe eines Korkbaumes Plaz nehmen, gab ihm einen Hammer und ein paar Zangen in die Hand und ließ ihn beim Klang zweier von Zigeunern gespielten Guitarren zwei Luftsprünge machen. Sofort entblöste man ihm den einen Arm und gab ihm mit einem neuen seidenen Band und einem Stökchen zwei leichte Streiche. Bei all Dem waren Preciosa und viele andre alte und junge Zigeunerinnen zugegen, von welchen ihn die Einen mit Bewunderung, die Andern mit geheimer Neigung betrachteten, denn so gefällig war seine Gestalt, daß sie selbst Zigeunern Liebe für ihn einflöste. Nachdem die genannten Ceremonien vorüber, faßte ein alter Zigeuner Preciosen bei der Hand, führte sie dem Andres vor und sprach:
»Dieses Mädchen, die Blume und den Ausbund aller Zigeuner-Schönheit in Spanien, übergeben wir dir zum Weibe oder zur Liebsten, denn hierin kannst du thun, was am ehesten nach deinem Geschmakke, da unser reiches, freies Leben keinen Alfanzereien und Förmlichkeiten unterworfen ist. Betrachte sie genau und sieh ob sie dir recht ist, oder ob du irgend etwas an ihr bemerkst, was dir mißfällt; wenn Lezteres der Fall, so wähle dir unter den andern Mädchen, die hier stehen, Diejenige aus, mit welcher du am Besten zufrieden bist, und wir werden dir die Ausgewählte überlassen. Wissen aber mußt du, daß wenn du sie einmal gewählt, du sie nicht um einer Andern willen wieder verlassen, oder mit Andern, seien's Verheirathete oder Jungfern, zusammenhalten darfst, denn wir beobachten das Gesez der Freundschaft unverbrüchlich. Keiner strekt die Hand nach dem Gute des Andern aus, wir leben frei und ledig von der Pest der Eifersucht, und gibts auch manche Ehe im verbotenen Grad, so gibts doch keinen Ehebruch unter uns. Kommt ein solcher bei einem Eheweib, oder kommt bei der Liebsten eine Untreue vor, so gehen wir nicht erst vor Gericht um Strafe zu fodern, sondern wir selbst sind die Richter und Nachrichter unsrer Weiber und Liebsten, die wir so ohne alle Umstände auf den Bergen und in den Wüsten umbringen und begraben, als ob es schädliche Thiere wären. Da gibt es keinen Verwandten, der Rache für sie nähme, keine Eltern die uns wegen ihres Todes verklagten. Durch diese Angst und Furcht werden die Weiber bei Zucht erhalten, und wir selbst leben sicher. Außer der Frau oder Liebsten jedoch, die stets Demjenigen verbleiben soll, welchem sie durch's Schiksal zugefallen, haben wir nur Weniges, was nicht gemeinsames Eigenthum wäre. Nebst dem Tod aber scheidet bei uns auch das Alter den Ehebund. Wer will kann, falls er selbst jung ist, seine alte Frau verlassen und eine Andre wählen, die dem Geschmak seiner Jahre mehr zusagt. Durch diese und einige andre Gesezze und Bedingungen halten wir unsre Gesellschaft aufrecht und leben in Freuden. Wir sind die Herren der Felder, der Aekker, der Wälder, der Berge, der Quellen und Flüsse. Die Berge bieten uns unentgeldlich Holz, die Bäume Obst, die Reben Trauben, die Gärten Gemüse, die Quellen Wasser, die Flüsse Fische, die Gehege Wildpret, die Felsen Schatten, die Schluchten Kühlung, die Höhlen Häuser. Für uns sind die Unbilden der Witterung Erfrischungen, der Schnee dient uns zur Erquikkung, der Regen zum Bade, der Donner zur Musik, der Bliz zur Fakkel. Für uns ist die harte Erde ein weiches Federbette, die schwielige Haut unsres Leibes dient uns als undurchdringlicher Harnisch; für unsre Gewandtheit sind weder Gitter ein Hinderniß, noch halten sie Gräben zurük, noch können Mauern sie bannen. Unsern Muth fesseln weder Strikke, noch schüchtern ihn Fußblökke ein, noch erstikken ihn Daumenschrauben, noch bändigt ihn der Pranger. Zwischen Ja und Nein machen wir, wenn's unser Vortheil heischt, keinen Unterschied. Stets finden wir eine größere Ehre darin Märtyrer als Bekenner zu sein. Für uns wachsen die Lastthiere auf den Feldern auf und für uns schneidet man die Taschen in den Städten zurecht. Kein Adler und kein andrer Raubvogel stürzt schneller auf die sich darbietende Beute, als wir uns auf die Gelegenheit stürzen, in welcher sich uns irgend ein Nuzzen zeigt. Kurz wir haben gar manche Geschiklichkeit, die uns ein glükliches Ende verspricht, denn im Gefängniß singen, an dem Pranger schweigen wir, bei Tag arbeiten und bei Nacht stehlen wir, oder, besser zu sprechen, wir warnen die Leute, daß Keiner sein Eigenthum unordentlich hinwerfe, wo's ihm gerade einfällt. Uns ängstigt weder die Besorgniß die Ehre einzubüßen, noch raubt uns die Sucht nach ihrer Vermehrung den Schlaf. Wir unterhalten weder Parteien, noch zerbrechen wir uns den Kopf, um Bittschriften zu machen, in die Gesellschaft großer Herren gezogen zu werden, oder Gunstbezeugungen zu erlangen. Diese Barakken und tragbaren Hütten achten wir für goldene Dächer und prächtige Paläste; statt der Gemälde und niederländischen Landschaften betrachten wir die Reize der Natur in diesen hohen Klippen und beschneiten Felsen, diesen weit gedehnten Wiesen und dichten Gesträuchen, die sich unsrem Blik bei jedem Schritte darbieten. Zu Astronomen werden wir von selbst, denn da wir fast immer im Freien schlafen, so wissen wir jederzeit welche Stunde des Tages oder der Nacht es ist. Wir sehen, wie die Morgenröthe die Sterne des Himmels verdrängt und zertritt, und mit ihrer Gefährtin, der Tagesdämmerung, emporsteigt, Freude in der Luft, Kühlung im Wasser und Feuchte auf der Erde verbreitend, und hinterher die Sonne, »die Wipfel vergoldend« (wie ein Dichter sagt,) »und die Berge umzitternd.« Wir fürchten nicht, während ihrer Abwesenheit zu erfrieren, wenn sie uns mit ihren Stralen blos von der Seite her trifft, und eben so wenig zu verbrennen, wenn sie uns mit denselben besonders kräftig berührt. Der Sonne wie dem Frost, der Unfruchtbarkeit wie dem Ueberfluß bieten wir die gleiche Stirne, kurz wir sind Leute, die durch ihre Kunst und auf ihr Glük hin leben, ohne uns um das alte Sprichwort zu kümmern: Kirche, Meer oder Königshaus. Als die drei Wege nämlich, auf welchen man sein Glük machen könne. Wir haben was wir wollen, weil wir mit Dem zufrieden sind, was wir haben. All Das hab' ich Euch gesagt, edler Jüngling, damit Ihr das Leben, in welches Ihr eingetreten, und die Art, wie Ihr Euch zu benehmen habet, nach dieser meiner kurzen Schilderung etwas kennen lernet; noch gar viel Anderes, das der Beachtung nicht minder werth ist, als Das, was Ihr so eben vernommen, werdet Ihr in Zukunft noch bei uns entdekken.«
Der beredte alte Zigeuner schwieg hier und der Noviz entgegnete, er freue sich sehr, so lobenswerthe Statuten vernommen zu haben; er gedenke allerdings in einen so sehr auf Vernunft und staatskluge Fundamente gegründeten Orden zu treten, bedaure dabei nur, nicht schon früher Kunde von einem so lustigen Leben erhalten zu haben und entsage von diesem Augenblik dem Stand eines Ritters und dem eiteln Ruhm eines erlauchten Geschlechtes; er lege Alles unter das Joch, oder, besser zu sagen, unter die Gesezze, nach welchen seine neuen Freunde lebten, da diese seinen Wunsch, ihnen zu Diensten zu sein, durch eine so hohe Belohnung anerkannt und ihm die göttliche Preciosa zugesprochen hätten, um derentwillen er Kronen und Kaiserreichen entsagen oder sich dieselben nur deshalb wünschen würde, um sie ihr zu Füßen zu legen.
Preciosa erwiederte hierauf: »Haben auch die Herren Gesezgeber kraft ihrer Gesezze für richtig erfunden, daß ich die Deinige sei und mich dir als solche übergeben, so hab' ich doch durch das Gesez meines eigenen Willens, welches das stärkste von allen ist, gefunden, daß ich Jenes blos unter den Bedingungen sein werde, die wir Beide vor deiner Ankunft an diesem Ort mit einander verabredet: du mußt erst zwei Jahre lang in unsrer Gesellschaft leben, ehe du in meinen Besiz gelangst, damit du nicht einen vorschnellen Schritt nachher zu bereuen habest und ich eben so wenig durch Uebereilung in Unglük gerathe. Persönliche Bedingungen brechen das allgemeine Gesez; diejenigen, welche ich dir vorgelegt, kennst du, und willst du sie beobachten, so werde ich vielleicht die Deinige und du der Meinige. Willst du nicht, so ist ja dein Maulthier noch nicht todt, deine Kleider sind unversehrt, und von deinem Geld fehlt kein Pfennig. Deine Abwesenheit von Haus hat noch nicht einmal einen Tag gedauert; du kannst den Rest desselben zur Ueberlegung Dessen, was du thun willst, verwenden. Diese Herren können dir wol meinen Leib, aber nicht meine Seele übergeben, die frei ist, frei geboren wurde und so lange frei bleiben soll, als es mir gefällt. Bleibst du hier, so werde ich dich hochschäzzen; kehrst du zurük, so werde ich dich deshalb nicht geringer achten, denn meines Bedünkens rennt die Leidenschaft verhängten Zügels davon, bis sie auf die Vernunft oder auf eine Enttäuschung trifft; und ich möchte nicht, daß du es hinsichtlich meiner machtest wie der Jagdhund, der eben wenn er den verfolgten Hasen erreicht und gefaßt hat, denselben wieder fahren läßt, um einem andern, der weit vor ihm voraus ist, nachzulaufen. Die Augen sind bisweilen geblendet, so daß sie auf den ersten Anblik Rauschgold von echtem Golde nicht unterscheiden, aber in Kurzem sehen sie den Unterschied zwischen dem Wahren und Falschen gut genug ein. Weiß ich ob die Schönheit, die du mir zuschreibst und über Sonnenlicht und Gold erhebst, dir nicht bei näherem Betrachten als düster und bei der Prüfung als Tombak erscheinen wird? Zwei Jahre geb' ich dir zur Berechnung und Erwägung Dessen, was du thun oder verwerfen sollst; hast du einmal zugegriffen, so kann Dies nur durch den Tod wieder rükgängig gemacht werden, daher ist's gut, daß du Zeit, und zwar lange, zum Sehen und Wiedersehen und zur Entdekkung der Fehler oder Tugenden bei dem Gegenstand deiner Wahl habest. Denn ich gehe nicht auf das barbarische und vermessene Vorrecht ein, das meine Vettern da sich nehmen, ihre Frauen zu verstoßen oder sie zu mißhandeln, wenn sie derselben überdrüssig geworden. Da ich nichts zu thun gedenke, was Züchtigung fodert, mag ich auch keinen Gefährten, der mich nach Belieben wegschikken könnte.«
»Du hast Recht, Preciosa,« entgegnete hierauf Andres; »willst du also, daß ich deine Besorgniß und deinen Argwohn etwa durch ein eidliches Versprechen, um keine Linie über die mir gesezten Vorschriften hinaus schreiten zu wollen, abschneide, so wähle nur, welche Art von Schwur du von mir verlangst, oder welches sonstige Sicherheitspfand ich dir geben kann, dann du wirst mich zu Allem bereit finden.«
»Schwüre und Versprechungen,« erwiederte Preciosa, »die ein Gefangener ausspricht um die Freiheit zu erlangen, werden nach Erlangung derselben selten erfüllt; und eben so verhält sich's, meiner Meinung nach, mit den Zusagen der Verliebten, die um ihre Wünsche zu erreichen die Flügel Merkurs und die Blizze Jupiters versprechen würden, wie solche ein gewisser Dichter mir versprochen hat und dazu bei den stygischen Fluten schwor. Ich verlange weder Schwüre, noch Versprechungen, Herr Andres, sondern blos daß Alles auf die Probe dieses Noviziats aufgeschoben werde, und mein bleibe die Sorge auf meiner Hut zu sein, falls Ihr etwas Unrechtes gegen mich unternehmen wolltet.«
»Sei es so!« antwortete Andres; »nur um Eines bitte ich meine Herren Kameraden: daß sie mich nämlich nicht nöthigen vor Verfluß von etwa einem Monat etwas zu stehlen, denn ich glaube ich werde ein sehr schlechter Spizbube sein, wenn ich nicht zuvor viele Lektionen genommen habe.«
»Pah! pah! mein Sohn,« rief der alte Zigeuner, »wir wollen dich schon einschulen, daß du ein Meister im Handwerk werden sollst; und verstehst du's eimnal, so wirst du so großes Gefallen daran finden, daß du dir die Finger darnach lekk'st. Wahrlich 's ist keine Kinderei Morgens leer auszugehen und Abends mit einer hübschen Tracht ins Lager zurük zu kehren.«
»Mit einer Tracht Prügel hab' ich dergleichen leer Ausgehende wol eher zurükkehren sehen,« bemerkte Andres.
»Wenn man Fische fängt, werden die Hände naß,« antwortete der Alte. »Alles im Leben hat seine Gefahr; das Handwerk des Spizbuben die Gefahr der Galeren, der Prügel und des Galgens; aber weil Ein Schiff in einen Sturm kommt oder versinkt, sollen die andern deshalb das Fahren nicht aufgeben. Es wäre was Sauberes, wann man deshalb, weil der Krieg Menschen und Pferde frißt, keine Soldaten mehr halten wollte! Wir aber können um so weniger auf so was Rüksicht nehmen, als Der, welcher von der Polizei ausgepeitscht worden, bei uns dafür gilt, ein Ordenskreuz auf dem Rükken zu tragen, das für ehrenhafter geachtet wird, als eines von den vornehmen Kreuzen auf der Brust. Der Hauptpunkt ist, nicht in der Blüte der Jugend und gleich nach den ersten Verstößen mit des Seilers Tochter zu tanzen; aber so einen Fliegenstreich auf den Rükken, oder das Wasserworfeln, achten wir keine Bohne werth. Sohn Andreas, bleibt immerhin für jezt noch im Nest unter unsern Flügeln; seiner Zeit wollen wir Euch schon zum Flug hervorziehen und zwar an einem Ort, wo Ihr nicht ohne Beute zurükkehren sollt. Wie gesagt werdet Ihr noch die Finger nach jedem Diebstahl lekken.«
»Als Ersaz für Das was ich in der Zeit stehlen könnte, wo ich noch Urlaub habe,« erwiederte Andres, »will ich jezt unter sämtliche Mitglieder der Bande zweihundert Goldthaler vertheilen.«
Kaum hatte er Dies ausgesprochen, als eine Menge Zigeuner auf ihn zustürzte, ihn auf die Schultern hob und ausrief: »Vivat, vivat der große Andres!« worauf sie noch hinzufügten: »Vivat, vivat Preciosa, sein geliebter Schaz!« Die Zigeunerinnen verfuhren eben so mit Preciosen, nicht ohne einigen Neid Christinas und der andern anwesenden Zigeunermädchen, da die Eifersucht ihre Wohnung eben so gut in den Lagern der Wilden und den Hütten der Schäfer findet, als in den Palästen der Fürsten; denn wenn ich einen Nachbar emporkommen sehe, von welchem ich glaube er habe nicht mehr Verdienst als ich, so ist das immer eine verdrießlich Sache.
Nachdem Dies vorüber, nahm man das Essen mit Muße ein, vertheilte das Geld gerecht und billig, wiederholte das Lob des Andres und erhob Preciosens Schönheit abermals zum Himmel. Die Nacht kam, man tödtete das Maulthier durch einen Genikfang und verscharrte es so, daß Andres seine Besorgniß, durch dasselbe entdekt zu werden, vollkommen beschwichtigen konnte. Mit dem Thier begrub man sein Geräthe, Sattel, Zaum und Gurt, wie bei den Indianern, die ihre kostbarsten Kleinode mit sich beerdigen lassen.
Andres war über Alles was er gehört und gesehen, und über den feinen Geist der Zigeuner nicht wenig erstaunt; er blieb entschlossen, sein Unternehmen durchzuführen, ohne sich jedoch auf die Gebräuche seiner Gefährten einzulassen, oder wenigstens dieselben auf jede mögliche Art zu beseitigen, indem er hoffte, sich von dem ihm auferlegten Gehorsam in unsaubern Dingen mit Geld loskaufen zu können. Am folgenden Tag bat er sie, ihren Aufenthalt zu ändern und sich von Madrid zu entfernen, indem er bei längerem Verweilen entdekt zu werden fürchte. Sie erwiederten, sie hätten bereits beschlossen sich in die Berge von Toledo zu begeben und von dort aus die ganze Umgegend zu brandschazzen. Wirklich brachen sie das Lager ab und gaben dem Andres eine Eselin zur Reise; er zog es jedoch vor, zu Fuß zu gehen und Preciosens Diener zu machen, die auf einer andern Eselin ritt. Sie war höchst vergnügt über den Triumph, den sie über ihren schönen Stallmeister feierte, und er sah sich mit nicht minderem Entzükken an der Seite Derjenigen, die er zur Herrin seines Willens gemacht hatte. O mächtige Gewalt Dessen, den man den süßen Gott der Bitterkeit nennt, (ein Name, den ihm unser Müssiggang und unsre Sorglosigkeit gegeben) mit welcher Tyrannei unterjochst du, und wie rüksichtlos behandelst du uns! Andres ist ein Kavalier und ein junger Mann von sehr vielem Verstande, sein Leben lang in der Residenz und mit aller Sorgfalt seiner reichen Eltern erzogen, aber seit gestern hat eine solche Umwandlung in ihm stattgefunden, daß er Dienern und Freunden entflieht, die Hoffnungen, welche seine Eltern auf ihn gesezt, täuscht, vom Weg nach Flandern, wo er sich persönlich Ehre erwerben und den Ruhm seines Geschlechtes mehren sollte, abweicht und sich als Diener zu den Füßen eines jungen Mädchens wirft, die, wenn auch noch so schön, endlich doch eine Zigeunerin ist! Aber es gehört zu den Vorrechten der Schönheit, daß sie selbst den ungebundensten Willen an einem Haare leiten kann.
Nach vier Tagen gelangten sie zu einem Flekken, zwei Stunden von Toledo, wo sie ihr Lager aufschlugen und zuvörderst dem Schulzen des Orts einige silberne Geräthschaften als Pfand gaben, weder im Dorf, noch auf dessen Markung einen Diebstahl zu begehen. Sofort zerstreuten sich sämtliche alte und einige junge Zigeunerinnen, so wie die Männer, in alle umliegenden Ortschaften, oder mindestens in diejenigen, welche vier bis fünf Stunden von dem Flekken entfernt waren, bei welchem sie ihren Siz genommen. Andres ging mit, um den ersten Unterricht im Stehlen zu bekommen; so viel Lektionen man ihm jedoch auch auf diesem Ausflug ertheilte, haftete keine bei ihm, vielmehr ging ihm jeder Diebstahl, den seine Lehrer verübten, seinem edlern Blute gemäß, durch's Herz, und bisweilen vergütete er sogar die von seinen Gefährten begangenen Diebereien mit seinem Gelde, indem er's nicht vermochte, die Thränen der Beraubten mit anzusehen. Darüber hatten jedoch die Zigeuner ihren großen Jammer, versichernd, Solches widerstreite ihren Gesezzen und Verordnungen, welche dem Mitleid den Eintritt ins Gemüth durchaus verböten, da sie in diesem Fall aufhören müßten Spizbuben zu sein, was sich nimmermehr für sie schikken würde. Als Andres Dies hörte, sagte er, er wolle fortan für sich allein stehlen, ohne irgend Jemand zum Gefährten mitzunehmen, denn er habe Gewandtheit genug um etwaigen Gefahren nöthigenfalls zu entgehen, und denselben entgegen zu treten fehle es ihm nicht an Muth; er wünsche also daß Gewinn oder Strafe aus seinen Diebstählen auch ihn allein treffe. Die Zigeuner suchten ihm diesen Vorsaz auszureden, indem sie ihm zu bedenken gaben, daß Fälle eintreten könnten, wo die Gesellschaft Mehrerer sowol zum Angriff als zur Vertheidigung nöthig wäre; und daß Eine Person allein keine große Beute zu machen im Stande sei. Allein je mehr sie sprachen, desto eifriger wünschte Andres ein Spizbube auf die eigene Faust zu sein, in der Absicht der übrigen Schaar los zu werden und für sein Geld Das oder Jenes zu kaufen, was er für gestohlene Waare ausgeben könnte, um auf diese Art sein Gewissen so rein als möglich zu erhalten.
Vermittelst dieses Kunstgriffes hatte er denn wirtlich in weniger als einem Monat der Bande mehr Nuzzen gebracht, als vier der verschmiztesten Beutelschneider zusammen ihr hätten leisten können, so daß Preciosa sich nicht wenig freute, in ihrem zarten Liebhaber einen so geschikten und aufgewekten Spizbuben zu finden, dabei jedoch beständig in Angst war, es möchte ihm irgend ein Unfall begegnen; denn sie hätte ihn um aller Schäzze Venedigs willen nicht beschimpft sehen mögen, da sie in Folge der vielen Liebesdienste und Gefälligkeiten, welche Andres ihr fortwährend leistete, bereits großes Wohlwollen für ihn empfand.
Sie blieben nicht viel über vier Wochen in dem Bezirk von Toledo, mochten aber aus dieser Zeit ihren Erndtemonat, obwol es bereits September war, und begaben sich sofort nach Estremadura, als einem reichen und warmen Lande. Andres führte mit Preciosen sittsame, verständige und liebeglühende Gespräche, und sie verliebte sich allmälig in den Verstand und das sittige Benehmen ihres Freundes, wie umgekehrt er sich in das ihrige. Hätte seine Liebe noch wachsen können, so wäre sie gewachsen, so groß waren die Züchtigkeit, der Geist und die Schönheit seiner Preciosa. Wo sie nur hinkamen, gewann er den Preis im Wettlauf und Tanze vor allen Andern; im Ball- und Kugelspiel that's ihm Keiner gleich; das Gehr warf er mit großer Kraft und ausgezeichneter Geschiklichkeit; kurz nach Verfluß von weniger Zeit flog sein Ruhm durch ganz Estremadura, und es war keine Ortschaft, wo man nicht von dem mannhaften Wesen des Zigeuners Andres, von seiner Anmuth und Gewandtheit gesprochen hätte, mit welchem Ruf denn das Gerücht von der Schönheit des Zigeunermädchens gleichen Schritt hielt, so daß es bald keine Stadt, keinen Flekken und kein Dorf gab, wohin man sie nicht zur Verherrlichung der Kirchweihen oder anderer besonderer Festlichkeiten berief. Auf diese Art wurde die Bande reich, wohl genährt und zufrieden, und die Liebenden fanden ihre Wonne darin, einander nur anzublikken.
Nun geschah es daß als einst das Lager zwischen einigen Steineichen, etwas abseits von der Landstraße, aufgeschlagen war, man gegen Mitternacht die Hunde mit ungewöhnlicher Heftigkeit bellen hörte. Einige Zigeuner, und darunter auch Andres, standen auf um zu sehen, Wen sie anbellten, und fanden bald daß ein weiß gekleideter Mensch, den zwei Hunde am Bein gepakt, sich gegen dieselben zu vertheidigen suchte. Jene eilten hinzu, befreiten ihn und Einer von den Zigeunern rief:
»Was Teufels treibt dich um diese Stunde und so abseits von der Straße hieher, Bursche? Willst du vielleicht stehlen? Wahrhaftig da bist du vor die rechte Thür gekommen!«
»Ich komme nicht um zu stehlen,« erwiederte der Gebissene, »und weiß nicht ob ich in der Straße bin oder nicht, obwol ich sehe, daß ich mich verirrt habe; aber sagt mir, meine Herren, ist ein Wirthshaus oder ein Hof in der Nähe, wo ich mich diese Nacht über etwas erholen und für die Wunden sorgen könnte, die eure Hunde mir gebissen haben?«
»Ein Hof oder Wirthshaus,« versezte Andres, »wohin wir Euch weisen könnten, ist hier nicht, aber um für Eure Wunden zu sorgen und Euch diese Nacht zu beherbergen soll es Euch auch in unsern Hütten an keiner Bequemlichkeit fehlen. Kommt mit uns, denn sind wir auch Zigeuner, so scheinen wir Dies doch nach unsrer Fürsorge für Nothleidende nicht zu sein.«
»Gott wolle eben so für Euch selbst sorgen,« antwortete der Mensch; »führt mich wohin Ihr wollt, denn der Schmerz in meinem Bein sezt mir sehr zu.«
Andres und ein andrer mitleidiger Zigeuner (denn wie unter den Teufeln einige schlimmer als die andern sind, gibt es unter vielen bösen Buben auch den einen oder andern Bessern) nahmen ihn in ihre Mitte und führten ihn fort. Die Nacht war mondhell, und sie konnten somit sehen, daß der Mensch noch jung, von zartem Gesicht und Wuchs sei. Er war ganz in weiße Leinwand gekleidet, und quer über den Rükken hing ihm eine Art Hemd oder Sak, ebenfalls von Leinwand, die auf der Brust zusammengebunden war.
Man gelangte in die Hütte des Andres, wo sogleich Feuer und Licht gemacht wurde und sofort Preciosas Großmutter herbeieilte, um die Wunde, von der sie bereits gehört, zu verbinden. Sie nahm ein paar Haare von den Hunden, brühte sie in Oel und brachte, nachdem sie erst die beiden Wunden im linken Beine des Gastes mit Wein ausgewaschen, die Haare samt dem Oel in die Bisse ein, worauf sie noch ein wenig frischen, gekauten Rosmarin auflegte, Alles mit reiner Leinwand verband, das Kreuz drüber machte und dann sprach: »Schlaft, Freund, mit Gottes Hülfe wird's nun von keiner Bedeutung sein.«
Während sie den Verwundeten verband, stand Preciosa daneben und schaute mit unverwandtem Blik auf ihn, wie andrerseits auch er auf sie, so daß seine Aufmerksamkeit dem Andres nicht entging, der jedoch glaubte blos ihre große Schönheit ziehe die Augen des Jünglings an. Nachdem derselbe verbunden war, ließ man ihn auf einem Lager von trokkenem Heu allein und fragte ihn für jezt weder über das Ziel seines Weges, noch über irgend sonst etwas aus.
Kaum waren sie von ihm weg, als Preciosa den Andres zu sich rief und fragte: »Erinnerst du dich eines Papiers, das mir in deinem Haus, während ich mit meinen Begleiterinnen tanzte, entfiel und dir, wie ich glaube, ziemlich verdrießlich war?«
»Wol erinnere ich mich,« entgegnete Andres; »es war ein Sonett zu deinem Lobe, und zwar kein übles.«
»Nun du mußt wissen, Andres,« erwiederte Preciosa, »daß der Verfasser des Sonetts eben dieser junge Gebissene ist, den wir in der Hütte gelassen; ich täusche mich gewiß nicht, denn er hat mich in Madrid zwei- bis dreimal gesprochen und mir auch eine sehr gute Romanze geschenkt. Dort trug er sich, meiner Schäzzung nach, wie ein Page, jedoch nicht wie einer von den gewöhnlichen, sondern wie einer, der von einem vornehmen Herrn besonders begünstigt wird. Und wahrhaftig, Andres, ich kann dir sagen, daß der junge Mensch sehr verständig und einsichtig und über die Maßen sittsam ist, so daß ich nicht weiß, was ich von seiner Ankunft in dieser Tracht denken soll.«
»Was du von ihm denken sollst, Preciosa?« versezte Andres: »nichts Anderes, als daß die gleiche Gewalt, die mich zu einem Zigeuner gemacht, ihn, wie es scheint, in einen Müller verwandelt hat, um dich aufzusuchen. Ha Preciosa, Preciosa, es wird klar, daß du dich rühmen willst, mehr als Einen überwunden zu haben. Ist Dies der Fall, so tödte zuerst mich und dann diesen Andern, wolle aber nicht uns Beide zugleich auf dem Altar deiner Falschheit, um nicht mehr zu sagen deiner Schönheit, opfern.«
»Bei Gott,« entgegnete Preciosa, »du bist sehr leicht verletzbar, Andres, und mußt deine Hoffnungen und den Glauben an mich an einem gar dünnen Härchen aufgehängt haben, wenn das harte Schwert der Eifersucht so leicht durch deine Seele gedrungen ist. Sprich, Andres, wenn hier eine List oder eine Betrügerei von mir mit im Spiel wäre, hätte ich nicht eher verschweigen müssen wer dieser Jüngling ist? Bin ich etwa so thöricht, daß ich dir Anlaß geben sollte, meine Tugend und meine Aufrichtigkeit in Zweifel zu ziehen? Ums Himmels willen schweig, Andres, und sieh, daß du morgen früh dem Gegenstand deines Schrekkens das Geheimniß entlokkest, wohin er gehe oder was er eigentlich suche, denn es wäre ja möglich, daß deine Vermuthung über ihn eben so falsch wäre, als Das, was ich von ihm gesagt, richtig ist. Und zu deiner noch größern Beruhigung, – da ich nun schon einmal so weit gekommen bin, für deine Ruhe sorgen zu müssen – verabschiede den jungen Menschen, sei nun die Art und Absicht seines Kommens welche sie wolle, sogleich wieder und mach daß er dir aus dem Gesicht kommt; Alle von unsrer Bande gehorchen dir ja und Niemand wird ihm gegen deinen Willen Aufenthalt im Zelte gewähren. Geschieht Dies aber nicht, so geb' ich dir mein Wort, daß ich nicht aus meiner Hätte weichen und mich weder vor ihm, noch vor irgend Jemand, der dir nicht genehm ist, werde blikken lassen.«
Dann sezte sie noch hinzu: »Sieh, Andres, es that mir nicht weh, dich eifersüchtig zu sehen, aber es würde mir sehr weh thun, wenn ich dich nicht mehr mit deinem bisherigen Verstand handeln sähe.«
»So lange du mich noch nicht wahnsinnig siehst, Preciosa,« erwiederte Andres, »wird jede andre Schilderung, wie weit die bittere, furchtbare Angst der Eifersucht führen könne, wenig oder nichts von meinem Innern ausdrükken; indessen will ich thun was du mir gebeut'st und werde, wenn immer möglich, zu erfahren suchen, was dieser Herr Page und Dichter will, wohin er geht und was er sucht, denn vielleicht daß ich durch irgend einen unvorsichtig von ihm hingeworfenen Faden den ganzen Knäul in die Hände bekomme, mit welchem er mich, wie ich fürchte, umgarnen wollte.«
»Die Eifersucht,« entgegnete Preciosa, »läßt meines Bedünkens den Verstand nie so frei, daß er die Sachen beurtheilen könnte, wie sie sind. Sie sieht immer aus Brillen, welche kleine Dinge groß, Zwerge zu Riesen und Vermuthungen zur unzweifelhaften Gewißheit machen. Bei deinem und meinem Leben beschwöre ich dich, Andres, handle in dieser Angelegenheit, so wie in Allem, was unsre Uebereinkunft betrifft, vorsichtig und klug. Thust du Dies, so sehe ich meinerseits gut dafür, daß du mir den Preis der Sittsamkeit, Vorsicht und Offenheit wirst einräumen müssen.«
Damit verabschiedete sie sich von Andres, der mit Verlangen dem Anbruch des Tages entgegen sah, um den Verwundeten seine Beichte ablegen zu lassen. Die Seele voll tausend einander widersprechender Vorstellungen vermochte er den Glauben nicht abzuwehren, der Page sei durch Preciosas Schönheit herbeigezogen worden, denn wer stiehlt hält alle Andern auch für Diebe. Andrerseits schien ihm jedoch Preciosa ein hinlänglich starkes Sicherheitspfand gegeben zu haben, um sich beruhigen und sein ganzes Glük in die Hände ihrer Tugend niederlegen zu dürfen.
Endlich kam der Tag, der ihm ungewöhnlich lang gezaudert zu haben schien; er begab sich zu dem Gebissenen und fragte ihn, wie er hieße, wohin er gebe und warum er so spät und so außerhalb der Landstraße reise; doch hatte er sich zuvor nach seinem Befinden erkundigt und ob die Bisse ihm keine Schmerzen machten. Der junge Mensch erwiederte, er befinde sich besser und ohne allen Schmerz, so daß er sich wieder auf den Weg machen könne. Was die Nennung seines Namens und das Ziel seiner Reise betraf, so sagte er weiter nichts, als er heiße Alonso Hurtado und begebe sich in einer gewissen Angelegenheit zu »Unsrer Frau von Penna di Francia;« Ein Flecken in der Provinz Leon, elf Stunden südöstlich von Ciudad-Rodrigo. um schneller hin zu gelangen reise er auch bei Nacht, habe in der eben vergangenen den Weg verloren und sei zufällig in dieses Lager gerathen, wo ihn die Wachthunde auf die schon gesehene Art zugerichtet. Dem Andres schien diese Erklärung keineswegs der Wahrheit gemäß zu sein; von Neuem fuhr ihm sein Argwohn über die Seele und er sprach:
»Freund, wäre ich Richter und Ihr wäret unter meine Gerichtsbarkeit wegen irgend eines Vergehens gefallen, welches erfoderte die so eben gemachten Fragen an Euch zu thun, so würde mich Eure Antwort nöthigen, Gewalt gegen Euch zu gebrauchen. Ich will jezt nicht mehr wissen wer Ihr seid, wie Ihr heißet und wohin Ihr geht; aber ich rathe Euch, wenn's Euch von Nuzzen sein sollte auf dieser Reise zu lügen, die Lüge mit mehr Schein der Wahrheit vorzubringen. Ihr sagt, Ihr reiset nach Penna di Francia und habt diesen Ort doch hier, wo wir sind, schon volle dreißig Stunden rechts hinter Euch. Ihr reiset bei Nacht, um schneller anzukommen, und streicht doch außerhalb der Straße unter Büschen und Bäumen umher, wo es kaum Fußpfade, geschweige Landstraßen gibt. Steht auf, Freund, lernet lügen und geht mit Gott. Aber werdet Ihr mir für den guten Rath, den ich Euch hiemit gebe, nicht eine Wahrheit sagen? Ich denke wol, da Ihr Euch ja doch so schlecht auf's Lügen versteht! Sagt mir denn, seid Ihr vielleicht Einer, den ich, so in der Mitte zwischen Page und Kavalier, oft in der Residenz gesehen habe, wo er im Rufe stand, ein großer Dichter zu sein und eine Romanze und ein Sonett an ein Zigeunermädchen machte, das unlängst in Madrid umherzog und für eine ausgezeichnete Schönheit galt? Sagt mir's; ich verspreche Euch auf Zigeunerehre Euer Geheimniß so gut zu bewahren, als Ihr nur immer wünschen könnt. Bedenkt dabei, daß Verletzung der Wahrheit zu nichts führen würde, da Euer Gesicht, das ich da vor mir sehe, dasselbe ist, das ich in Madrid gesehen; denn es versteht sich daß der Ruf von Euern ausgezeichneten Geistesgaben mich veranlaßte, Euch als einen seltenen und ausgezeichneten Menschen mehr als Einmal ins Auge zu fassen, und. so hab' ich mir denn Eure Gestalt so ins Gedächtniß eingeprägt, daß ich Euch wieder erkannte troz dem Unterschied Eurer jezzigen Tracht von Eurer damaligen. Beunruhigt Euch deshalb nicht, seid guten Muthes und glaubet nicht unter einen Haufen Spizbuben gerathen zu sein, sondern an einen Zufluchtsort, der Euch gegen die ganze Welt zu schüzzen und zu vertheidgen wissen wird. Seht, ich stelle mir etwas vor, und verhält sich's wie ich mir vorstelle, so hat Euch Euer guter Stern mit mir zusammengeführt. Was ich mir nämlich vorstelle, ist, daß Ihr in Preciosa, das schöne Zigeunermädchen, auf welches Ihr die Verse gemacht, verliebt, und um sie aufzusuchen hieher gekommen seid, wofür ich Euch nicht geringer sondern um Vieles höher schäzzen würde. Bin ich auch nur ein Zigeuner, so weiß ich doch aus Erfahrung, wie weit die mächtige Gewalt der Liebe sich erstrekt und welche Verwandlungen sie mit Denjenigen vornimmt, die sie unter ihr Joch bekommt. Verhält sich die Sache wirklich so mit Euch, worüber denn wol kaum ein Zweifel stattfinden dürfte, so ist die kleine Zigeunerin hier.«
»Ja, sie ist hier,« erwiederte der Gebissene, »ich habe sie heute Nacht gesehen« – ein Wort, das dem Andres wie der Tod durchs Herz ging, denn es schien ihm seinen Argwohn zu bestätigen. »Ich habe sie heute Nacht gesehen,« fuhr der Jüngling fort, »aber nicht gewagt ihr zu sagen wer ich sei, weil es mir nicht gerathen vorkam.«
»Auf diese Art,« rief Andres, »seid Ihr denn wirklich der Dichter, von welchem ich sprach!«
»Ja, ich bin's,« entgegnete der junge Mann, »ich kann und will Dies nicht leugnen. Vielleicht daß ich jezt gerade da, wo ich zu meinem Unglük hingekommen zu sein glaubte, mein Glük finde, wenn man anders Treue in den Wäldern und gastliche Aufnahme in den Bergen trifft.«
»Die trifft man allerdings,« versezte Andres, »und überdies die größte Verschwiegenheit unter uns Zigeunern. In dieser Zuversicht könnt Ihr mir Euer Herz eröffnen, Herr, denn Ihr werdet das meinige ohne die geringste Arglist finden. Das Zigeunermädchen ist meine Verwandte und unterwirft sich, falls Ihr sie etwa zur Frau haben wollet, ganz Dem was ich aus ihr machen will. Ich und all ihre übrigen Verwandten hätten Vortheil davon und würden einen solchen Schritt gerne sehen. Wollt Ihr sie blos zur Freundin, so werden wir ebenfalls nicht sonderlich häklig gegen einen Mann sein, der Geld hat, denn die Lust am Baaren geht mit uns ein und aus.«
»Geld hab' ich,« antwortete der Jüngling; »in den Aermeln des Hemdes da, das ich mir um den Leib geknüpft, bringe ich vierhundert Goldthaler.«
Das war ein zweiter Todesstreich für Andres, da er vermeinte, man trage wol nicht so viel Gold mit sich, wenn man nicht im Sinn habe eine theure Waare zu kaufen. Mit wankender Stimme sprach er:
»Das ist ein hübsches Sümmchen; Ihr braucht Euch jezt nur zu entdekken und dann gleich Hand ans Werk! denn das Mädchen, die keineswegs auf den Kopf gefallen, wird wol einsehen wie gut es für sie sei, die Eurige zu werden.«
»Ach, Freund,« erwiederte der Jüngling, »die Gewalt, die mich genöthigt hat, meine Tracht so zu ändern, ist weder die Liebe, wovon Ihr sprecht, noch überhaupt eine Sehnsucht nach Preciosen, denn es gibt Schönheiten in Madrid, die Einem so gut und besser als die reizendsten Zigeunerinnen das Herz rauben und die Seele gefangen nehmen können, obwol ich gestehe, daß die Reize Eures Bäschens Alles übertreffen, was ich je gesehen. Was mich in diese Kleidung, auf's Fußwandern und unter die Zähne der Hunde gebracht hat, ist nicht Liebe, sondern mein Unglük.«
Bei diesen Worten kehrten dem Andres die verlorenen Lebensgeister wieder zurük, denn die Rede des jungen Mannes schien einem andern Ziel zuzulenken, als Jener geglaubt hatte. Begierig aus dieser Verwirrung herauszukommen, gab er dem Gaste vom Neuem die Versicherung, daß er sich ohne Anstand entdekken dürfe, und Dieser fuhr also fort:
»Ich lebte in Madrid im Hause eines Herrn vom hohen Adel, dem ich jedoch nicht als einem Gebieter, sondern weil er mein Verwandter war, meine Dienste leistete. Er hatte einen einzigen Sohn zum Erben, der mich sowol wegen unsrer Verwandtschaft, als weil wir Beide von einerlei Alter und gleicher Gemüthsart waren, mit Vertraulichkeit und großer Freundschaft behandelte. Nun geschah es, daß dieser Kavalier sich in ein vornehmes Fräulein verliebte, welches er gar gerne zur Gemahlin erwählt hätte; als guter Sohn jedoch unterwarf er seinen Willen demjenigen seiner Eltern, die ihn noch höher zu verheirathen trachteten, machte aber Jener, unbemerkt von allen Augen, die seine geheime Neigung hätten verrathen können, noch fortwährend die Aufwartung; blos ich war Zeuge seines Thuns. Eines Abends, den das Unglük zu dem Ereigniß, das ich sogleich besprechen werde, besonders ausgewählt haben mußte, sahen wir, als wir eben aus dem Haus jener Dame traten, zwei Männer von anscheinend gutem Aeußern sich an die Thür lehnen. Mein Vetter wollte sehen, wer sie wären, kaum aber war er auf sie zugetreten, als sie mit großer Schnelligkeit nach den Degen und nach zwei kleinen Schilden fuhren und auf uns eindrangen; natürlicherweise zogen wir ebenfalls vom Leder und so griffen wir uns denn mit gleichen Waffen an. Der Kampf dauerte nicht lange, denn sogleich war es um das Leben unsrer beiden Gegner gethan; sie verloren dasselbe auf die zwei ersten Streiche, welche meinen Vetter die Eifersucht und mich das Bestreben, ihn zu vertheidigen, führen ließen: gewiß ein wunderbarer und selten vorkommender Fall! Wir kehrten mit unsrem ungesuchten Sieg nach Hause, rafften heimlich so viel Geld zusammen, als wir vermochten, und begaben uns nach dem Kloster des heiligen Januarius, wo wir den Tag erwarteten, der das Vorgefallene zur Kenntnis bringen und zeigen mußte auf Wen etwa der Verdacht der verübten That falle. Wir erfuhren jedoch, daß nicht das geringste Anzeichen gegen uns spreche, daher uns die klugen Geistlichen riethen, wieder nach Hause zurükzukehren, um nicht durch unsre Abwesenheit Argwohn gegen uns zu erregen. Schon waren wir im Begriff, ihrem Rathe zu folgen als wir Nachricht erhielten, die Herren Hofrichter hätten die Eltern des Fräuleins und das Fräulein selbst in ihrem Hause verhaftet, und unter andern Bedienten, die man ins Verhör genommen, habe eine Magd ausgesagt, mein Vetter sei bei Nacht und bei Tag zu ihrer Gebieterin gekommen; auf diese Anzeige hin sei man sogleich weggeeilt, um uns herbeizuschaffen, und da man uns selbst nicht, wol aber viele Spuren unsrer Flucht gefunden, habe sich bei dem ganzen Gerichtshof die Ansicht festgesezt, daß wir jene beiden Kavaliere (denn dies waren sie, und zwar aus sehr angesehenen Häusern) umgebracht hätten. Kurz, auf den Rath des Grafen, meines Verwandten, und der Geistlichen wendete sich mein Gefährte, nachdem wir uns vierzehn Tage lang in dem Kloster aufgehalten, in Mönchstracht, von einem andern Mönch begleitet, nach Aragonien, in der Absicht sich von hier nach Italien und von da aus nach Flandern zu begeben, und dort den Verlauf der Sache abzuwarten. Ich meinerseits wollte unsere Geschikke von einander trennen und schlug daher, damit unser Los nicht den gleichen Lauf nehme, zu Fuß und in Laienbrudertracht, einen andern Weg ein, begleitet von einem andern Geistlichen, der mich in Talavera verließ. Von dort bin ich allein und die Landstraße vermeidend weiter gezogen, bis ich bei Nacht zu Eurem Lager gelangte, wo mir begegnete was Ihr gesehen. Hab' ich von dem Weg nach Penna di Francia gesprochen, so geschah Dies blos, um auf Das, was man mich fragte, etwas zu antworten, denn in Wahrheit weiß ich nichts weiter von jenem Orte, als daß es überhalb Salamanca liegt.«
»Das ist richtig,« entgegnete Andres, »und Ihr habt es bereits fast zwanzig Stunden weit von hier zu Eurer rechten Hand liegen lassen, woraus Ihr sehen könnt, wie wunderlich Euer Weg gewesen wäre, wenn Ihr wirklich dorthin gewollt hättet.«
»Eigentlich habe ich nach Sevilla gewollt,« versezte der Jüngling, »denn ich kenne dort einen vertrauten Freund des Grafen, meines Vetters, einen genuesischen Kavalier, der große Silbersendungen nach Genua zu machen pflegt; meine Absicht war, daß er mich den Leuten, die den Transport besorgen, als Einen der Ihrigen anreihe, und ich somit unter diesem Dekmantel sicher nach Cartagena und von da nach Italien gelangen möchte, denn in kurzer Zeit sollen wieder zwei Galeren eintreffen, um das Silber an Bord zu nehmen. Das, lieber Freund, ist meine Geschichte; urtheilet selbst, ob sie nicht mehr aus reinem Unglük, als aus Liebe hervorgegangen. Wollen mich indessen die Herren Zigeuner, gesezt sie selbst gehen nach Sevilla, in ihrer Gesellschaft mit dahin nehmen, so werde ich sie sehr gut dafür bezahlen, denn ich sehe ein, daß ich in ihrer Begleitung sicherer und ohne Besorgniß reisen würde.«
»Sie werden Euch wol mitnehmen,« antwortete Andres, »und solltet Ihr nicht mit unserer Horde reisen können, (da ich bis jezt nicht weiß, ob diese nach Andalusien geht) so könnt Ihr Euch einer andern anschließen, mit welcher wir in zwei oder drei Tagen zusammen treffen werden. Gebt Ihr dieser etwas von Dem, was Ihr bei Euch habt, so dürftet Ihr Euch wol zu noch größern Unmöglichkeiten den Weg bahnen.«
Andres verließ ihn und gab den andern Zigeunern Bericht von der Erzählung und von den Wünschen des jungen Mannes, so wie von seinem Anerbieten einer guten Bezahlung. Alle waren der Ansicht, er solle in der Bande bleiben, nur Preciosa wollte das Gegentheil und die Großmutter sagte, sie selbst könne weder nach Sevilla, noch in die Umgegend gehen, wegen eines Spaßes, den sie sich vor einigen Jahren mit einem in jener Stadt sehr bekannten Müzzenmacher, Namens Triguillos, gemacht. Diesen habe sie sich nämlich splitternakkend, mit einem Cypressenkranz auf dem Kopf, bis an den Hals in ein Faß mit Wasser stekken und so die Mitternacht erwarten lassen, um dann heraus zu steigen und einen Schaz zu heben, der, wie sie ihm weiß gemacht, an einem gewissen Orte seines Hauses liege.
»Wie nun,« fuhr sie fort, »der gute Kappenmacher in die Frühmetten läuten hörte, hatte er, um die rechte Zeit nicht zu verlieren, solche Eile aus dem Faß herauszukommen, daß er mit demselben umpurzelte und ihm durch den harten Fall und die losgehenden Splitter der nakte Leib übel zerfezt wurde. Das Wasser lief heraus, er plätscherte drin herum und schrie aus vollem Halse, er ersaufe. Sein Weib und seine Nachbarn rannten unverzüglich mit Lichtern herbei, fanden ihn wie er allerhand Schwimmbewegungen machte, pustete, den Bauch auf dem Boden fortschleppte, mit Armen und Beinen zappelte und laut rief: ›Zu Hülfe, ihr Herren, ich ersaufe!‹ Denn die Angst hatte sich seiner so bemeistert, daß er alles Ernstes zu ertrinken glaubte. Sie faßten ihn bei den Armen und entrissen ihn der Gefahr; er kam zu sich und erzählte den Zigeunerstreich; nichts desto weniger aber und Allen zum Troz, die behaupteten, es sei das Ganze nur eine Prellerei von mir, grub er an dem bezeichneten Ort über Mannshöhe hinunter, und hätte ihn nicht ein Nachbar gehindert, an dessen Hausfundament er bereits anstreifte, so würde er beide Häuser zum Einsturz gebracht haben. Die Geschichte kam in der ganzen Stadt herum, so daß selbst die Kinder mit Fingern auf ihn zeigten und seine Leichtgläubigkeit und meinen Schwank erzählten.«
So berichtete die alte Zigeunerin und brachte Dies als Grund vor, weshalb sie nicht nach Sevilla gehen könne. Die Zigeuner aber, die vom Herren-Andres bereits wußten, daß der junge Mensch Geld in Fülle bei sich habe, nahmen denselben mit Vergnügen in ihre Gesellschaft auf und waren bereit ihn zu hüten und zu dekken, so lang' er immer wolle. Da sie jedoch zugleich beschlossen, den Weg statt nach Sevilla linker Hand einzuschlagen und sich in die Mancha und das Königreich Murcia zu begeben, riefen sie den Jüngling herbei und eröffneten ihm was sie füglicher Weise für ihn thun könnten. Er dankte und gab ihnen hundert Goldthaler, um sie unter sich zu vertheilen.
Durch diese Freigebigkeit wurden sie geschmeidiger als ein Marderpelz; nur Preciosa war nicht sonderlich zufrieden mit dem Dableiben Don Sancho's, wie er sich nannte, ein Name, den die Zigeuner sofort in Clemens umwandelten und Jenen hienach betitelten. Auch Andres blieb etwas unwirsch und hatte keine große Freude über die Anwesenheit des Clemens, denn es wollte ihm bedünken, derselbe sei von seinem frühern Vorhaben ohne rechten Grund abgegangen. Dieser jedoch, als läse er in Andres Seele, warf unter Anderem hin, er freue sich bald nach Murcia zu kommen, weil er auf diesem Weg ebenfalls in die Nähe von Cartagena gelangen würde; liefen dann die Galeren dort ein, woran er nicht zweifle, so könne er mit Leichtigkeit nach Italien übersezzen.
Andres aber, um ihn mehr vor den Augen zu haben, sein Thun zu beobachten und seine Gedanken zu erforschen, erwählte ihn zu seinem Zeltkameraden, und Clemens betrachtete diese Freundschaft als eine große Auszeichnung. Sie gingen immer zusammen, ließen tüchtig auftischen und sparten die Thaler nicht, liefen, tanzten, sprangen, warfen das Gehr besser als irgend ein Zigeuner, waren bei den Zigeunerinnen keineswegs in Ungunst und wurden von den Zigeunern im höchsten Grade respektirt.
Man schied sofort aus Estremadura, durchzog die Mancha und näherte sich allgemach dem Königreich Murcia. In allen Dörfern und Flekken, durch welche man kam, hielt man Wettkämpfe im Ballspiel, im Fechten, Laufen, Springen, Gehrwerfen und sonstigen Uebungen der Kraft und Behendigkeit, und aus jedem Kampf gingen Andres und Clemens als Sieger hervor, wie Solches von Andres allein schon früher berichtet worden. Während dieser ganzen Zeit, die über anderthalb Monate einnahm, fand Clemens nie Gelegenheit, und suchte sie auch nicht, Preciosen zu sprechen, bis er eines Tages, als sie und Andres beisammen standen, auf ihren eigenen Aufruf an ihrem Gespräche Theil nahm.
»Im ersten Augenblik,« sagte Preciosa, »wo du in unser Lager kamst, erkannte ich dich, Clemens, und die Verse, die du mir in Madrid gegeben, fielen mir sogleich ein; ich wollte aber nichts sagen, weil ich nicht wußte, aus welchem Grunde du dich zu unsrer Horde begeben haben mochtest. Wie ich jedoch von deinem Unglük hörte, ging mir's durch die Seele, und mein erschrokkenes Herz beruhigte sich erst wieder durch den Gedanken, daß, wie es Don Juan's in der Welt gebe, die sich in Andrese verwandelt hatten, es auch Sancho's geben könne, die andre Namen annähmen. Ich spreche so offen mit dir, weil Andres mir gesagt hat, er habe dir anvertraut, wer er sei und in welcher Absicht er ein Zigeuner geworden,« (und wirklich hatte ihn Andres zum Mitwisser seiner ganzen Geschichte gemacht, um ihm seine Gedanken eher mittheilen zu können). »Glaube übrigens nicht als sei der Umstand, daß ich dich erkannte, ohne weitern Nuzzen für dich gewesen, denn nur aus Rüksicht für mich und Das was ich über dich gesagt, ging deine Aufnahme und Zulassung in unsre Gesellschaft so leicht von Statten, aus welcher dir denn Gott alles Gute erwachsen lassen möge, was du nur wünschen kannst. Zur Vergeltung hiefür aber möcht' ich, daß du dem Andres sein Bestreben nicht als zu niedrig darstelltest und ihm nicht vorhaltest, wie schlecht es ihm anstehe, in diesem Verhältniß zu beharren. Denn bin ich auch überzeugt, daß sein Wille ganz unter Schloß und Riegel des meinigen steht, so würde mir's doch sehr wehe thun, wenn er nur das geringste Zeichen gäbe, daß ihm diese Unterwerfung einige Mühe koste.«
Clemens erwiederte: »Glaube nicht, einzige Preciosa, daß Don Juan mir leichtsinnig entdekt habe, wer er sei; ich selbst habe es zuerst entdekt und seine Augen verriethen mir zuerst seine Seele. Ich selbst war der Erste, der ihm sagte, wer er sei, und der Erste, der die von dir so eben erwähnte Fesselung seines Herzens errieth, worauf er mir das gebührende Vertrauen schenkte, sein Geheimniß gestand und nun selbst am Besten bezeugen kann, welches Lob ich seinem Entschluß und dem von ihm übernommenen Dienst spendete, denn ich bin nicht so engen Sinnes, Preciosa, daß ich nicht begriffe, wie weit sich die Macht der Schönheit erstrekken kann; und vollends die deinige, die über den höchsten Gipfel aller Reize hinaus geht, wäre eine Entschuldigung für noch größere Verirrungen, wenn man anders Das Verirrung nennen kann, was aus so unwiderstehlichen Gründen entspringt. Ich danke dir, schöne Freundin, für Alles, was du für meine Sache gesprochen hast und hoffe es dir durch den Wunsch zu vergelten, daß diese mit so vielen Hindernissen kämpfende Liebe ihr Ziel glüklich erreichen und du zum Besiz deines Andres, Andres zum Besiz seiner Preciosa mit voller Beistimmung seiner Eltern gelangen möge, damit man aus einer so schönen Vereinigung die schönsten Sprößlinge hervorgehen sehe, welche die sorgsame Natur zu erzeugen vermag. Dieses wünsche ich, Preciosa, und blos Dies werde ich zu deinem Andres sagen, nichts aber, was ihn von seinem wohl überlegten Vorhaben abbringen könnte.«
Clemens sprach die eben gehörten Worte mit solcher Wärme, daß Andres abermals in Zweifel gerieth, ob Jener sich als bloser Mann von Welt, oder als Verliebter so ausgedrükt habe, denn der höllische Krankheitsstoff der Eifersucht ist so fein, daß er sich selbst an Sonnenstäubchen anhängt und durch Alles, was den geliebten Gegenstand berührt, den Liebenden in Angst und Verzweiflung bringt. Indessen vermochte Jener denn doch keine weitere Bestätigung seines Argwohns aufzufinden, wobei er freilich mehr auf Preciosas Tugend als auf sein Glük vertraute, denn Liebende halten sich so lange für unglüklich, als sie Das, was sie wünschen, noch nicht erreicht haben. Kurz, Andres und Clemens blieben Kameraden und warme Freunde, da Erstern die ehrenhafte Gesinnung des Clemens und die Klugheit und Zurükgezogenheit Preciosens, die jeden Anlaß zur Begründung von Eifersucht sorgfältigst vermied, wieder vollkommen beruhigte.
Clemens war in der Dichtkunst keineswegs unbewandert, wie er schon in den Preciosen gegebenen Versen gezeigt; auch Andres hatte einen kleinen Anflug davon, und Beide liebten die Musik sehr. Als nun einst das Lager in einem Thale, vier Stunden von Murcia, aufgeschlagen war, nahm eines Nachts Andres unter einem Korkbaum, Clemens unter einer gegenüberstehenden Steineiche Plaz, wo sie denn, eingeladen von der umgebenden Stille, zu ihren Guitarren folgende Verse sangen, indem Andres jedesmal begann und Clemens darauf antwortete.
Andres.
Clemens, sieh das Sterngewimmel,
Das im kühlen Hauch der Nächte,
Greifend in des Tages Rechte,
Lichtumflossen schmükt den Himmel.
Und in diesen holden Zügen,
Falls so hoch dein Geist kann fliegen,
Mög' das Antliz dir erscheinen,
Wo der Schönheit Höhen sich vereinen.
Clemens.
Wo der Schönheit Höhen sich vereinen
Und worin die frohe Jugend
Und der spröde Reiz der Tugend
Sich zur süß'sten Milde reinen.
Dies in Menschenlob zu bringen,
Wird dem Geiste nie gelingen,
Wenn er nicht sich himmelan geschwungen
In den höchsten Dichterzungen.
Andres.
In der höchsten Dichterzungen
Nie gebrauchter Redeweise,
Wie empor zum Sternenkreise
Nie ein Weg noch ist gedrungen,
Mögst du, Mädchen dich erheben!
Wär' mir Wunderkraft gegeben,
O daß ich der Ruhm dann wäre,
Dich zu tragen so zur Himmelssphäre!
Clemens.
Dich zu tragen so zur Himmelssphäre
Hieße nur das Rechte singen,
Hieß dem Himmel Freude bringen,
Wenn dein Nam' ihm dränge zu Gehöre;
Und wenn in des Staubes Enge
Dann herab der holde Name klänge,
Würde Wohllaut in das Ohr sich gießen,
Ruh das Herz und Lust den Sinn durchfließen.
Andres.
Ruh das Herz und Lust den Sinn durchfließen,
Wann des holden Liedes Töne
Also anstimmt die Sirene,
Daß die Klügsten selbst das Ohr erschließen!
Doch von ihres Wesens Grunde
Gibt selbst Schönheit nur geringe Kunde:
Sie ist höchste aller Seelenwonnen,
Von der Anmuth hold'stem Kleid umsponnen.
Clemens.
Von der Anmuth hold'stem Kleid umsponnen,
Schönste der Zigeunerinnen,
Purpur bei des Tags Beginnen,
Milder Zephyr in der heißen Sonnen;
Stral durch den das Herz erblindet
Und das kält'ste wird entzündet;
Kraft, der solcher Zauber ist gegeben,
Daß sie tödtet und durchhaucht mit Leben.
Der Freie wie der in Fesseln Befindliche gaben alle Anzeichen, daß sie den Gesang noch nicht so bald geendigt haben würden, wäre nicht hinter ihrem Rükken Preciosa's Stimme erklungen, die die Lieder mit angehört hatte. Dieser Klang hielt die Beiden an, und bewegunglos horchten sie mit gespannter Aufmerksamkeit hin. Sie sang mit ausnehmender Lieblichkeit, gleichsam zur Antwort, folgende Verse, von welchen ich nicht weiß, ob sie dieselben erst jezt erfand, oder ob sie früher von Jemand für sie verfaßt worden waren:
In dem minnevollen Kriege,
Den ich kämpfe mit der Minne,
Halte ich von mehr Gewinne
Sittsamkeit als Schönheitszüge.
Selbst die allerkleinste Pflanze,
– (Finde aufwärts sie nur Wege,
Sei's Natur, sei's Menschenpflege!) –
Steigt empor zum Himmelsglanze.
Bin ich auch von schlichtem Eisen,
Leiht doch Reinheit Goldesschimmer,
Und mein Herz ist drum nicht schlimmer,
Noch mein Nuzzen abzuweisen.
Nimmer stört es meinen Frieden,
Wenn man mich nicht ehrt noch achtet,
Denn ich habe stets getrachtet
Mir mein eignes Glük zu schmieden.
Sei nur stets von mir geübet,
Was da führt zum Tugendpfade,
Und dann thu des Himmels Gnade
Was ihr Weiteres beliebet.
Möchte doch wahrhaftig sehen
Ob's der Schönheit sei gegeben
Auf die Höhe mich zu heben,
Drauf ich wünsche einst zu stehen.
Wenn von gleichem Stoff die Seelen,
Kann, wer mit dem Pflug sich nährte,
Wol nach seinem innern Werthe
Gleich mit einem Kaiser zählen!
Hier endigte Preciosa ihren Gesang und die Beiden erhoben sich um ihr entgegen zu gehen. Ein verständiges Gespräch knüpfte sich zwischen den Dreien an, worin Preciosa ihre Klugheit, ihre Sittsamkeit und ihren Geist dermaßen entwikkelte, daß Clemens das Vorhaben des Andres vollkommen entschuldigen mußte, was er bisher nicht ganz gethan hatte, da er den kühnen Entschluß desselben mehr auf Rechnung der Jugend als der Ueberlegung gesezt.
Am folgenden Morgen brach die Horde auf und nahm ihren nächsten Siz in einem Dorf, das zur Gerichtsbarkeit von Murcia gehörte und drei Stunden von der Stadt entfernt lag. Hier begegnete dem Andres ein Unfall, der ihm beinahe das Leben gekostet hätte. Nachdem man, der Sitte gemäß, einige silberne Gefäße als Sicherheitspfand eingelegt, nahmen Preciosa, deren Großmutter, Christina, zwei andre Zigeunermädchen, Clemens und Andres ihre Wohnung in dem Haus einer reichen Wirthin, einer Witwe, deren Tochter von sechzehn bis achtzehn Jahren etwas mehr frei als schön war und, dessen zum Beweis, Juana Carducha Hanne Wollkrazze. hieß.
Als diese die Zigeuner und Zigeunerinnen tanzen sah, plagte sie der Teufel und sie verliebte sich dermaßen in Andres, daß sie beschloß, es ihm geradezu zu sagen und ihn, wenn nur er selbst wolle, allen ihren Verwandten zum Troz zum Mann zu nehmen. Sie suchte deshalb eine Gelegenheit, mit ihm zu sprechen und fand diese in einem Hof, wohin Andres sich begeben hatte um zwei Esel zu besorgen. Dort trat sie auf ihn zu und sagte in aller Eile, damit kein Zeuge hinzukommen möge:
»Andres« (denn sie wußte seinen Namen bereits) »ich bin noch unverheirathet und reich, denn meine Mutter hat kein andres Kind als mich, dies Wirthshaus gehört ihr, und außerdem hat sie noch viele Weinberge und zwei andre eben so große Häuser. Du gefällst mir und wenn du mich zur Frau willst, so steht's bei dir. Gib mir schnell Auskunft, und wenn du gescheid bist, so bleib bei mir, da sollst du sehen, was für ein Leben wir führen werden.«
Andres war über die Entschlossenheit Carducha's nicht wenig erstaunt und antwortete so schnell als sie's verlangt hatte: »Meine unverheirathete Jungfer, ich bin bereits zu einer Heirath versagt, und wir Zigeuner heirathen blos Zigeunerinnen. Segne Sie Gott für die Gnade, die Sie mir angedeihen lassen wollte und deren ich nicht würdig bin.«
Es fehlte wenig, so wäre Carducha über die saure Antwort des Andres todt nieder gesunken. Eben wollte sie darauf antworten, als sie einige Zigeunerinnen in den Hof treten sah; beschämt und bestürzt eilte sie weg, mit großer Lust sich, sobald sie's vermöge, zu rächen. Andres beschloß als ein verständiger Mensch sich aus dem Staub zu machen und dieser vom Teufel dargebotenen Gelegenheit aus dem Weg zu gehen; denn er las in Carduchas Augen, daß sie sich ihm auch ohne die Bande der Ehe gänzlich hingeben möchte, und es gelüstete ihn keineswegs sich Fuß gegen Fuß und allein in diesen Kampf einzulassen. So bat er denn die andern Zigeuner, noch am nämlichen Abend von diesem Orte aufzubrechen. Sie, die ihm stets Folge leisteten, legten sogleich Hand ans Werk, holten ihre Pfänder noch am Abend ab und machten sich auf den Weg.
Carducha, die fühlte, daß mit Andres die Hälfte ihrer Seele wegziehe und sah, daß ihr keine Zeit bleibe zur Erfüllung ihrer Wünsche zu gelangen, beschloß den Geliebten mit Gewalt zurükzuhalten, da ihr Dies mit guten Worten nicht gelingen wollte. Sie brachte daher mit der List und Heimlichkeit, welche ihr schlimmes Vorhaben ihr eingab, unter das Gepäk des Andres, das sie als solches wohl kannte, einige werthvolle Korallen, so wie zwei silberne Schaumünzen und noch andere von ihren Kostbarkeiten. Kaum waren die Gäste aus dem Haus, als sie ein lautes Geschrei erhob, die Zigeuner hätten ihr ihren Schmuk gestohlen, auf welchen Lärm die Büttel und alle Leute des Dorfs herbeieilten.
Die Zigeuner machten Halt und schworen sie hätten nicht die geringste Kleinigkeit mitgenommen, sie wollten alle Säkke und Behältnisse der Horde aufmachen, worüber die alte Zigeunerin nicht wenig in Angst kam, besorgend bei dieser Durchsuchung möchten das Geld Preciosens und die Kleider des Andres, die sie mit großer Heimlichkeit und Vorsicht verbarg, zum Vorschein kommen; allein die gute Carducha half dem Allem auf kürzestem Weg ab, indem sie schon bei der Besichtigung des zweiten Völkchens sagte, man möchte nur fragen, wo das Gepäk des großen Tänzers sei, denn Diesen habe sie zweimal in ihr Zimmer treten sehen und es sei daher gar wol möglich, daß er ihre Sachen gestohlen. Andres merkte wol, daß er hiemit gemeint sei und sagte lächelnd:
»Werthe Jungfer, da ist mein Reisegeräthe und da ist mein Esel! findet Sie in jenem oder auf diesem Das was Ihr fehlt, so will ich's Ihr siebenfach ersezzen und mich überdies der Züchtigung unterwerfen, die das Gesez den Dieben zuerkennt.«
Die Büttel eilten sogleich herbei, um den Esel abzupakken und stießen nach wenigen Griffen auf das Gestohlene, worüber Andres in eine solche Bestürzung und Verwunderung gerieth, daß er stumm wie eine Bildsäule dastand.
»Hab' ich nicht recht gemuthmaßt?« rief Carducha. »Seht doch hinter welchem ehrlichen Gesicht sich ein solcher Spizbube verstekken kann!«
Der Schulz, der zugegen war, fing sogleich an den Andres und alle Zigeuner mit tausend Schmähworten zu überhäufen, nannte sie Diebe und Straßenräuber. Andres schwieg zu Allem, stand sinnend und in sich versunken da; verfiel aber durchaus nicht darauf, Carducha's Verrätherei zu ahnen. Indem kam ein stolzirender Soldat, ein Neffe des Schulzen, herbei und rief:
»Seht einmal wie dem Zigeuner da sein Stehlen Angst macht! Ich will wetten er macht noch Faxen und leugnet den Diebstahl, wenn er ihn in Händen davonträgt. Es wäre am Besten man schikte das ganze Gesindel auf die Galeren. Käme nicht mehr heraus, wenn der Schurke da seiner Majestät diente, als daß er von Dorf zu Dorf tanzt und von Wirthshaus zu Wirthshaus stiehlt? Auf Soldatenehre, ich muß ihm eine Ohrfeige geben, daß er vor mir niederstürzt!«
Damit hob er ohne Weiteres die Hand auf und gab Jenem einen solchen Bakkenstreich, daß er aus seiner Betäubung aufwachte und sich plözlich erinnerte, er sei nicht der Herren-Andres, sondern Don Juan und ein Kavalier. Mit unglaublicher Schnelligkeit und noch größerer Wuth stürzte er auf den Soldaten los, riß ihm den eigenen Degen aus der Scheide und stieß ihm denselben in den Leib, so daß er todt zu Boden niederfiel.
Und nun welches Geschrei des Volks und welches Toben des Oheims! Preciosa fiel in Ohnmacht und Andres kam selbst in Angst, sie ohnmächtig zu sehen. Alles lief zu den Waffen und fiel über den Mörder her. Die Verwirrung und der Lärm wuchsen, Andres eilte der ohnmächtigen Preciosa zu Hülfe und dachte nicht mehr an die Vertheidigung seiner selbst; überdies wollte das Schiksal daß Clemens bei dem unglüklichen Ereigniß nicht zugegen war, indem er bereits mit seinem Gepäkke das Dorf verlassen hatte; kurz man brach mit solcher Uebermacht auf den Mörder herein, daß er überwältigt und mit zwei schweren Ketten gefesselt wurde. Der Schulz hätte ihn gern auf der Stelle hängen lassen, wenn Dies in seiner Macht gelegen wäre, aber so mußte er ihn nach Murcia, in dessen Gerichtssprengel das Dorf gehörte, abliefern.
Erst am folgenden Tag führte man ihn dahin ab und bis dahin hatte der Gefangene viele Qualen und Schmähungen zu erdulden, welche der entrüstete Schulze und dessen Büttel, so wie die ganze Einwohnerschaft des Flekkens, auf ihn ergossen. Ersterer nahm alle Zigeuner und Zigeunerinnen, deren er sich bemächtigen konnte, gefangen; die Mehrzahl jedoch war entflohen, und unter diesen auch Clemens, der bei etwaiger Ergreifung erkannt zu werden fürchtete.
Kurz aber, der Schulze zog mit dem Protokoll über den Hergang und mit einer Karawane Zigeuner, worunter Preciosa und der arme mit Ketten umschlossene, mit Handschellen und Fußeisen auf einem Esel sizzende Andres sich befanden, umgeben von Bütteln und vielen andern bewaffneten Leuten, in Murcia ein. Die ganze Stadt strömte heraus um die Gefangenen zu sehen, denn bereits hatte man Nachricht vom Tode des Soldaten erhalten. Preciosas Schönheit war jedoch an diesem Tage so groß, daß Niemand sie gewahr wurde, ohne in ihr Lob auszubrechen, und das Gerücht von ihren Reizen gelangte denn auch der Frau Stadtrichterin zu Ohren. Neugierig das Wunder zu sehen, bat dieselbe ihren Mann, den Stadtrichter, daß diese Zigeunerin nicht in das Gefängniß gesperrt werde, wohin alle Uebrigen kamen. Den Andres dagegen warf man noch insbesondere in ein enges Loch, wo Finsterniß und die Trennung von seiner zweiten Sonne, Preciosa, so niederschlagend auf ihn einwirkten, daß er nur zu seinem Begräbniß wieder hier heraus zu kommen vermeinte.
Preciosen nebst ihrer Großmutter führte man sofort der Stadtrichterin vor, die, sobald sie Jene erblikte, ausrief: »Mit Recht preist man ihre Schönheit!« Damit trat sie auf sie zu, umarmte sie, konnte nicht satt werden sie anzusehen und fragte die Großmutter, wie alt die Kleine sei.
»Ein paar Monate über oder unter fünfzehn Jahren,« antwortete die Zigeunerin.
»So alt wäre jezt eben auch meine arme Constanze!« entgegnete die Stadtrichterin. »Ach ihr guten Leute, wie ruft mir das Mädchen mein Unglük zurük!«
Darüber ergriff Preciosa die Hände der Dame, küßte sie zu wiederholten Malen, bedekte sie mit ihren Thränen und sprach: »Gnädige Frau, der verhaftete Zigeuner hat keine Schuld, denn er wurde sehr gereizt. Man nannte ihn einen Dieb, was er doch nicht ist, und gab ihm einen Streich in das Gesicht, auf welchem seine Herzensgüte so deutlich geschrieben steht. Um Gottes und Eurer selbst willen, gnädige Frau, sorgt daß man ihm Gerechtigkeit widerfahren lasse und daß der Herr Stadtrichter sich nicht zu sehr beeile, die Strafe an ihm zu vollziehen, mit welcher die Gesezze ihn bedrohen. Hat meine Schönheit Euer Wohlgefallen einigermaßen erregt, so erhaltet dieselbe durch Erhaltung des Gefangenen, denn sein Tod würde auch den meinigen herbeiführen. Er soll mein Mann werden, aber rechtliche und ehrenhafte Gründe haben bis jezt gehindert, daß wir einander die Hände reichten. Sollte Geld zur Erlangung der Begnadigung von Nöthen sein, so soll unser ganzes Lager in öffentlicher Versteigerung verkauft und noch mehr gegeben werden, als man verlangt. Ach gnädige Frau, wenn Ihr wisset was Liebe ist und sie je empfunden habt und noch jezt gegen Euern Gemahl empfindet, so erbarmt Euch meiner, die ich meinem Verlobten mit zärtlicher und reiner Liebe zugethan bin.«
Während sie Dies sprach, ließ sie die Hände der Frau keinen Augenblik los und betrachtete dieselbe mit unverwandten Augen, unter Strömen bitterer, schmerzlicher Thränen. Ihrerseits hielt auch die Stadtrichterin Preciosen bei den Händen und betrachtete sie mit nicht weniger Aufmerksamkeit und mit nicht minder zahlreichen Thränen. Darüber trat der Stadtrichter ein und als er das Mädchen und seine Frau in dieser Verschlingung erblikte, blieb er, ergriffen von den Zähren wie von der Schönheit der Ankömmlingin, stehen. Er fragte nach der Ursache ihrer Bewegung und zur Antwort ließ Preciosa die Hände der Stadtrichterin fahren, umschlang die Füße des Stadtrichters und rief:
»Erbarmen, gnädiger Herr, Erbarmen! wenn mein Verlobter stirbt, so bin auch ich todt. Er hat keine Schuld; hat er aber, so treffe die Strafe mich, und kann Dies nicht sein, so werde wenigstens der Prozeß so lange hingehalten, bis man alles Mögliche zur Hülfe abgewartet hat, denn es ist ja möglich, daß der Himmel Dem, welcher nicht aus bösem Willen fehlte, das Heil der Errettung plözlich zusendet.«
Der Stadtrichter ward über die sinnigen Worte des Zigeunermädchens aufs Neue betroffen, und hätte er sich nicht gescheut ein Zeichen von Schwäche zu geben, so würden seine Thränen sich mit den ihrigen verbunden haben. Wahrend dessen war die alte Zigeunerin in tiefe, einander durchkreuzende Betrachtungen verloren und rief endlich nach langem Sinnen aus:
»Wollet die Gnade haben, meine Herrschaften, einen Augenblik zu verziehen; ich will machen daß diese Thränen sich in Lachen verwandeln und sollte mich's auch das Leben kosten.«
Damit eilte sie raschen Schrittes hinaus und ließ die Anwesenden in Verwunderung über Das, was sie gesagt, zurük.
Bis zu ihrer Rükkehr hörte Preciosa nicht auf mit Weinen und Bitten darauf zu dringen, man möge das Urtheil über ihren Verlobten verzögern; denn sie beabsichtigte im Stillen, seinem Vater Nachricht zu geben, damit er komme und die Sache auf sich nehme. Bald kehrte die Zigeunerin mit einem Kistchen unterm Arm zurük und bat den Stadtrichter mit seiner Gemahlin und ihr in ein anderes Zimmer zu treten, indem sie ihm etwas sehr Wichtiges im Geheimen mitzutheilen habe. Der Stadtrichter, in der Meinung, sie wolle ihm irgend einen Diebstahl der Zigeuner entdekken, um ihn dadurch günstig für den Prozeß des Gefangenen zu stimmen, zog sich sogleich mit ihr und seiner Frau in sein Kabinet zurük, wo die Alte sich vor den Beiden auf die Knie warf und also begann:
»Sollte die frohe Nachricht, die ich Euch geben will, gnädige Herrschaften, mir nicht zum Dank Verzeihung für ein schweres Vergehen verschaffen, so mag mich immerhin auch jede Züchtigung treffen, die Ihr mir zufügen wollt. Ehe ich jedoch mit der Sprache herausrükke, wünschte ich, meine Herrschaften, daß Ihr mir sagtet, ob Ihr diesen Schmuk kennet.«
Damit zog sie das Kistchen, worin Preciosas Kostbarkeiten befindlich waren, hervor und überreichte es dem Stadtrichter, der es sofort öffnete und einen Kinderschmuk in demselben wahrnahm, ohne jedoch darauf zu verfallen, was es damit für eine Bewandniß habe. Auch die Stadtrichterin betrachtete die Gegenstände, begriff aber eben so wenig davon und bemerkte blos: »Das sind Puzsachen von einem kleinen Mädchen.«
»Ganz recht,« erwiederte die Zigeunerin, »und von welchem Mädchen sagt die Schrift in diesem zusammengelegten Papier.«
Der Stadtrichter öffnete es hastig und las wie folgt:
»Die Kleine heißt Donna Constanza de Acevedo und de Meneses; ihre Mutter ist Donna Guiomar de Meneses und ihr Vater Don Fernando de Acevedo, Ritter des Calatrava-Ordens. Sie ward geraubt am Himmelfahrstage, Morgens um acht Uhr, im Jahr Eintausend fünfhundert und fünf und neunzig. Sie hatte den Schmuk an, der in diesem Kistchen aufbewahrt wird.«
Kaum hatte die Stadtrichterin den Inhalt der Schrift vernommen, als sie den Schmuk plözlich wieder erkannte, und indem sie ihn an den Mund drükte und mit unzähligen Küssen bedekte, ohnmächtig niedersank. Der Stadtrichter eilte erst ihr zu Hülfe, eh' er die Zigeunerin weiter nach seinem Kind fragte, sie aber rief, sobald sie wieder zu sich gekommen, aus:
»Liebstes Mütterchen, mehr Engel als Zigeunerin, wo ist die Eigenthümerin, ich meine das Kind, dem diese Puzwaren gehörten?«
»Wo, gnädige Frau?« erwiederte die Zigeunerin: »in Eurem Hause habt Ihr sie; das Zigeunermädchen, das Euch die Thränen aus den Augen trieb, ist die Eigenthümerin des Puzzes und ohne Weiteres Eure Tochter, die ich in Madrid aus Eurem Hause an dem Tag und zu der Stunde, welche der Zettel angibt, gestohlen habe.«
Als die durchschauderte Dame Dieses hörte, schleuderte sie in der Eile die Pantoffeln von sich und eilte in vollem Laufe in den Saal, wo sie Preciosen zurükgelassen und sie nun umgeben von ihren Mädchen und Dienerinnen noch immer weinend fand. Sie stürzte auf sie zu, entblößte ihr in voller Hast, ohne ein Wort zu sagen, den Busen und schaute ob sie unter der linken Brust ein kleines Mal in Form eines weißen Flekkes habe, mit welchem sie auf die Welt gekommen. Wirklich fand sie dasselbe vor, zwar durch die Zeit bedeutend größer geworden. Sofort zog sie ihr mit gleicher Schnelligkeit den Schuh aus, enthüllte einen Fuß, der wie aus Schnee und Elfenbein gedrechselt war, und entdekte dort ebenfalls was sie suchte, nämlich daß die zwei lezten Zehen des rechten Fußes in der Mitte durch ein wenig Fleisch verbunden waren, das man ihr als Kind nicht hatte durchschneiden wollen, um ihr keinen Schmerz zu machen.
Brust, Zehen, Schmuk, Tag des Diebstahls, das Geständniß der Zigeunerin und endlich der freudige Schrekken, den die Eltern bei ihrem Anblik empfunden, ließen in der Seele der Stadtrichterin keinen Zweifel übrig, daß Preciosa ihre Tochter sei. Sie nahm sie daher in die Arme und kehrte mit ihr zum Stadtrichter und der Zigeunerin zurük. Preciosa war ganz verwirrt, da sie nicht wußte, zu welchem Zwek man diese Untersuchung mit ihr vorgenommen, und sich nun vollends gar von den Armen der Stadtrichterin aufgehoben und Kuß um Kuß sich aufgedrükt sah. Endlich kam Donna Guiomar mit ihrer kostbaren Bürde bei ihrem Gatten an, legte sie in die Arme des Stadtrichters und sprach:
»Empfanget hier, mein Gemahl, Eure Tochter Constanze; sie ist es, Ihr dürft nicht den geringsten Zweifel hegen, denn ich habe das Zeichen an den Zehen und an der Brust gesehen und mehr noch als diese hat mir's mein Herz gesagt vom ersten Moment an, wo meine Augen sie gewahr wurden.«
»Ich zweifle nicht daran,« entgegnete der Stadtrichter, indem er Preciosen in den Armen hielt, »denn dieselben Gefühle sind auch durch mein Herz gegangen; und überdies könnten so viele Einzelheiten bei Einer, die nicht unser Kind wäre, ja nur durch ein Wunder zusammen treffen.«
Sämtliche Dienerschaft im Hause war ganz verblüfft und die Einen fragten die Andern, was Dies denn heißen solle; aber Keiner traf das Rechte, und wer hätte sich auch vorstellen mögen, daß das Zigeunermädchen die Tochter der Herrschaft sei? Der Stadtrichter ermahnte Frau und Kind und die alte Zigeunerin, die Sache so lange geheim zu halten, bis er selbst sie entdekken würde. Zugleich versicherte er die Alte, daß er ihr das Leid, das sie ihm durch den Raub seines Herzens angethan, verzeihe, ja die Entschädigung, welche sie ihm durch dessen Zurükgabe gewährt, verdiene sogar noch obendrein Lohn; kränkend sei ihm nur, daß sie, die doch von Preciosas Stande gewußt, dieselbe mit einem Zigeuner, ja sogar einem Räuber und Mörder, verlobt habe.
»Ach, mein Vater,« rief Preciosa, »er ist weder ein Zigeuner, noch ein Räuber, wenn er auch einen Menschen umgebracht hat; aber er brachte blos Denjenigen um, der ihm seine Ehre rauben wollte, und konnte, um zu zeigen wer er sei, nichts Geringeres thun, als Jenen tödten.«
»Wie, er ist kein Zigeuner, mein Kind?« fragte Donna Guiomar.
Da erzählte die alte Zigeunerin kürzlich die Geschichte des Herren-Andres; daß er der Sohn des Don Francisco de Carcamo, Ritters von Sant-Jago, sei und Don Juan de Carcamo heiße, auch denselben Orden trage, wie sie denn seine Ordenstracht, die er gegen die Zigeunerkleider umgetauscht, noch bei sich habe. Ebenso berichtete sie den zwischen Preciosa und Don Juan geschlossenen Vertrag, wonach Lezterer vor der Verlobung eine Probezeit von zwei Jahren zu bestehen hatte, und hob die Sittsamkeit Beider und die liebenswürdige Gemüthsart Don Juans hervor.
Jene erstaunten hierüber fast eben so sehr, als über die Wiederauffindung ihrer Tochter, und der Stadtrichter hieß deshalb die Alte die Kleider Don Juans herbeischaffen. Sie ging und kam bald mit einem andern Zigeuner zurük, der dieselben trug. Während ihrer Abwesenheit hatten die Eltern hunderttausend Fragen an Preciosa gethan, die diese mit solchem Verstand und solcher Anmuth beantwortete, daß sie das ganze Herz der Fragenden gewonnen haben würde und wenn sie auch nicht gewußt hätten, daß sie ihre Tochter sei. Sie fragten sie, ob sie eine Neigung zu Don Juan habe, und sie erwiederte, keine andere als diejenige, welche sie zur Erkenntlichkeit gegen einen Menschen verpflichte, der um ihretwillen bis zum Zigeuner herab gestiegen sei; sie werde jedoch ihre Dankbarkeit nie weiter ausdehnen, als es ihre verehrten Eltern ihr gestattten würden.
»Still, meine Preciosa,« erwiederte der Vater »(denn dieser an das Kostbarste erinnernde Name soll dir zur Erinnerung an dein Verschwinden und deine Wiederauffindung bleiben); ich als dein Vater nehme es auf mich einen Gemahl für dich auszuwählen, der deines Standes nicht unwürdig sei.«
Preciosa seufzte und ihre Mutter, feinsinnig wie sie war, fühlte daß dieser Seufzer auf Liebe zu Don Juan deute, daher sie zu ihrem Gatten sagte: »Mein Gemahl, da Don Juan de Carcamo von so gutem Hause und unserer Tochter so ergeben ist, so würde es uns nicht zur Unehre gereichen, wenn wir ihm dieselbe zur Frau gäben.«
Er erwiederte: »Erst heute haben wir sie gefunden und Ihr wollt schon daß wir sie verlieren? Erfreuen wir uns ihrer eine Zeit lang, denn wenn Ihr sie verheirathet gehört sie nicht mehr Euch, sondern ihrem Mann an.«
»Ihr habt Recht, mein Gemahl,« versezte sie; »aber gebt mindestens Befehl, daß Don Juan, der sich wol in einem unterirdischen Kerker befinden wird, wo anders hin gebracht werde.«
»Gewiß befindet er sich in einem solchen,« rief Preciosa, »denn einem Räuber und Mörder, der obendrein ein Zigeuner ist, hat man gewiß keinen bessern Ort eingeräumt.«
»Ich will selbst zu ihm gehen,« antwortete der Stadtrichter, »als ob ich ihn ins Verhör nehmen wollte. Noch einmal trag' ich Euch auf, meine Gemahlin, daß Niemand etwas von dieser Geschichte erfahre, bis ich es für schiklich erachte.«
Damit umarmte er Preciosen, begab sich unverweilt in das Gefängniß und von da, jede Begleitung zurükweisend, in das unterirdische Verließ, worin Don Juan lag. Er fand denselben mit beiden Beinen in einem Blok und mit Handschellen an den Händen; ja selbst das Fußeisen hatte man ihm noch nicht abgenommen. Die Zelle war ganz finster, der Stadtrichter ließ aber einen nach oben zu gehenden Kellerhals öffnen, wodurch einiges nothdürftige Licht hereinfiel, und fing, sobald er den Gefangenen sehen konnte, also an:
»Das wäre hübsch, wenn ich alle Zigeuner Spaniens so an einander gekuppelt bekäme, damit man an Einem einzigen Tag mit ihnen fertig würde, wie Nero es gerne mit ganz Rom auf einen einzigen Streich geworden wäre. Wisset, Meister Spizbube, daß ich der oberste Richter dieser Stadt bin und von Euch erfahren will, ob wirklich ein Zigeunermädchen unter Eurer Begleitung Eure Braut ist.«
Als Andres Dies hörte, glaubte er der Stadtrichter habe sich in Preciosa verliebt, denn die Eifersucht gehört zu den flüchtigen Körpern, die in andre Körper eindringen, ohne dieselben äußerlich zu zerbrechen, zu öffnen oder zu spalten. Indessen erwiederte er: »Wenn sie gesagt hat, ich sei ihr Verlobter, so ist Dies ganz richtig, und wenn sie gesagt hat, ich sei es nicht, so ist es ebenfalls richtig, denn Preciosa kann keine Lüge aussprechen.«
»Ist sie so wahrheitsliebend?« fragte der Stadtrichter. »Das ist nicht wenig für eine Zigeunerin! Nun gut, Bursche, sie hat gesagt, sie wäre Eure Braut, habe Euch aber die Hand noch nicht gegeben. Sie hat erfahren, das Ihr Eures Verbrechens wegen sterben müsset, und bat mich deshalb sie vor Eurem Tode noch mit Euch zu vermählen, denn sie sezze eine Ehre darein, die Witwe eines so großen Spizbuben, wie Ihr, zu sein.«
»So mögen denn Euer Gnaden thun, wie sie gebeten hat; bin ich ihr angetraut, so werde ich mit Freuden ins andre Leben gehen, da ich das gegenwärtige mit dem Namen ihres Gatten verlasse.«
»Ihr müßt sie denn sehr lieben?« fragte der Stadtrichter.
»So sehr,« antwortete der Gefangene, »daß wenn ich es irgendwie aussprechen könnte, meine Liebe nichts wäre. Kurz, Herr Richter, meine Sache möge zum Abschluß kommen! Ich habe Den getödtet, der mir die Ehre rauben wollte: ich bete dieses Zigeunermädchen an, ich sterbe gern, wenn ich in ihrer Gunst sterbe, und ich weiß daß die Gnade Gottes uns nicht fehlen wird, denn wir Beide haben ehrlich und gewissenhaft gehalten, was wir gelobten.«
»So werd' ich Euch denn diese Nacht holen lassen,« sagte der Stadtrichter, »Euch in meinem Hause mit Preciosa vermählen und morgen Mittag hängt Ihr am Galgen, wodurch ich denn eben sowol die Foderung der Gerechtigkeit, als Euern beiderseitigen Wunsch erfüllt habe.«
Andres dankte und der Stadtrichter kehrte in sein Haus zurük und erzählte seiner Gemahlin, was er mit Don Juan gesprochen und was er Weiteres zu thun gedenke. Während seiner Abwesenheit hatte Preciosa ihrer Mutter ihren ganzen Lebenslauf berichtet, wie sie sich immer für eine Zigeunerin und für die Enkelin jener Alten gehalten, sich jedoch immer für viel höher angeschlagen, als man beim reinen Zigeunerthum hätte erwarten können. Die Mutter bat sie, ihr aufrichtig zu gestehen, ob sie dem Don Juan de Carcamo wohlwolle.
Erröthend und mit niedergeschlagenen Augen erwiederte sie, da sie sich für eine Zigeunerin geachtet und ihren Stand durch die Heirath mit einem Ordensritter und so vornehmen jungen Mann, wie Don Juan de Carcamo, sehr gehoben haben würde, auch dessen gutes Gemüth und sittsames Betragen ihr aus Erfahrung bekannt gewesen seien, so habe sie ihn hie und da mit Zuneigung betrachtet, übrigens wäre aber ja bereits von ihr ausgesprochen worden, daß sie sich keinen andern Willen erlaube, als denjenigen ihrer Eltern.
Die Nacht kam und gegen zehn Uhr brachte man den Andres ohne die Handschellen und den Fußblok aus dem Gefängniß, aber doch noch immer mit einer großen Kette, die ihm von den Füßen aufwärts den ganzen Leib umschloß. Auf diese Art gelangte er, ohne von Jemand Anderem als seinen Führern gesehen zu werden, in's Haus des Stadtrichters, wo man ihn in größter Stille in ein Zimmer führte und daselbst allein ließ. Nach einiger Zeit trat ein Geistlicher ein und hieß ihn beichten, weil er am folgenden Tag sterben müsse. Andres erwiederte:
»Ich will von Herzen gerne beichten, aber wird man mich nicht zuvor trauen? Wahrhaftig nach der Trauung erwartet mich ein schlimmes Brautbette.«
Donna Guiomar, die Dies von einem Nebengemach aus gehört, sagte zu ihrem Gemahl, er bürde dem Don Juan eine allzuschwere Empfindung auf; er möge dieselbe erleichtern, denn der Gefangene dürfte sonst unter ihr das Leben verlieren. Dem Stadtrichter schien Dies eine richtige Bemerkung; er trat daher zu Jenen ein und sagte dem Beichtiger er wolle zuvörderst den Zigeuner mit der Zigeunerin trauen lassen; derselbe solle nachher beichten und sich Gott von ganzem Herzen empfehlen, denn dieser pflege sein Erbarmen oft gerade dann herabthauen zu lassen, wann die Hoffnungen am dürresten seien.
Kurz, Andres begab sich in einen Saal wo sich blos Donna Guiomar, der Stadtrichter, Preciosa, die Alte, der Geistliche und zwei Bedienten des Hauses befanden. Als jedoch Preciosa den Don Juan von einer so großen Kette umwunden, mit bleichem Gesicht und mit Thränenspuren in den Augen vor sich stehen sah, ward es ihr schwach und sie mußte sich auf den Arm ihrer neben ihr stehenden Mutter stüzzen. Diese drükte sie ans Herz und sprach: »Komm zu dir, Kleine, Alles was du siehst wird dir noch zu Freude und Frommen ausschlagen.« Sie jedoch, die Dies nicht begriff, wußte nicht, wie sie sich trösten sollte, die alte Zigeunerin stand verwirrt da und alle Andern waren höchst gespannt, was Das für ein Ende nehmen würde. Der Stadtrichter begann:
»Herr Pfarrverweser, dieser Zigeuner und diese Zigeunerin sind die Personen, die Euer Hochwürden trauen sollen.«
»Das kann ich nicht thun, wenn nicht die für einen solchen Fall nöthigen Umstände vorhergegangen sind. Wo geschah das Aufgebot? wo ist der Erlaubnißschein meines Obern, dieses Paar trauen zu dürfen?«
»Das ist eine Unachtsamkeit von mir,« entgegnete der Stadtrichter, »aber ich werde sorgen, daß der Generalvikar die Erlaubniß ertheilt.«
»Bis ich jedoch diese sehe,« versezte der Pfarrverweser, »mögen mir die Herrschaften verzeihen.« Und ohne ein Wort weiter zu sprechen, verließ er, um kein Scandal zu erregen, das Haus und ließ Alle in Verwirrung zurük.
»Der ehrwürdige Vater hat ganz recht gethan,« rief endlich der Stadtrichter, »und vielleicht ist dies ein Wink der Vorsehung, damit die Hinrichtung des Andres weiter hinausgeschoben werde; denn er soll nun einmal Preciosen heirathen und der Heirath müssen die Aufgebote vorausgehen, wodurch ein Tag um den andern verstreichen wird; Zeitgewinn verhilft aber gar oft einer schlimmen Lage endlich noch zu einem gütlichen Ausgang. Indessen möcht' ich denn doch von Andres wissen, ob er, falls das Schiksal seine Angelegenheiten so wändte, daß er ohne seine gegenwärtige Angst und Sorge Preciosen zur Frau bekäme, dadurch glüklich würde, sei er nun der Herren-Andres oder Don Juan de Carcamo?«
Wie sich Andres bei seinem Namen nennen hörte, sagte er: »So wollte sich also Preciosa nicht in den Schranken des Stillschweigens halten und hat entdekt wer ich bin! Wenn mich das Schiksal aber auch zum Fürsten der Welt gemacht hätte, so würde ich dennoch blos sie als das Ziel meiner Wünsche betrachten und außer ihr nach keinem andern Glük streben, als nach der Gnade des Himmels.«
»Nun, für die gute Gesinnung, die Ihr gezeigt, Herr Don Juan de Carcamo, will ich seiner Zeit dafür sorgen, daß Preciosa Eure rechtmäßige Gemahlin werde, und gebe Euch schon jezt die Anwartschaft auf sie, als den kostbarsten Schaz meines Hauses, meines Lebens und meiner Seele; haltet sie immer so hoch als Ihr gesagt, denn ich gebe Euch in ihr Donna Constanza de Meneses, meine einzige Tochter, die wenn sie Euch an Liebe gleich kommt, Euch an Abkunft nicht nachsteht.«
Andres stand ganz erschrokken über die ihm so plözlich kund gegebene Liebe da und Donna Guiomar erzählte in wenigen Worten den Verlust und die Wiederfindung ihrer Tochter, samt den untrüglichen Zeichen, welche die alte Zigeunerin über ihren Raub angegeben, worüber Don Juan in immer größeres Erstaunen gerieth. Zugleich aber umarmte er in einem Taumel des Entzükkens, der nicht beschrieben werden kann, seine Schwiegereltern, nannte sie Vater und Mutter und seine Gebieter, und küßte Preciosen die Hände, die ihn mit Thränen um die seinigen bat.
Das Geheimniß ward laut, die Nachricht von dem Vorfall verbreitete sich, sobald die beiden Bedienten, welche Zeugen gewesen, zur Thür hinaus waren. Als der Schulze, der Oheim des Getödteten, Kunde davon bekam, sah er wol, daß ihm der Weg zur Rache verschlossen sei, da gegen den Eidam des Stadtrichters die Strenge des Gesezzes nicht leicht in Anwendung gebracht werden dürfte. Don Juan legte die Reisekleider an, welche die Zigeunerin hergebracht; Kerker und Ketten von Eisen verwandelten sich in Freiheit und Ketten von Gold, und die Trauer der verhafteten Zigeuner in Freude; der Oheim des Getödteten erhielt die Zusage von zweitausend Dukaten, wenn er die Klage fallen lasse und dem Don Juan verzeihe.
Dieser vergaß auch seinen Kameraden Clemens nicht und ließ ihn suchen. Man fand ihn aber nicht und erfuhr auch nichts über ihn, bis nach vier Tagen die sichere Nachricht einlief, daß er an Bord einer der beiden genuesischen Galeren gelangt sei, welche im Hafen von Cartagena gelegen, und jezt bereits abgesegelt waren. Der Stadtrichter aber sagte dem Don Juan, er habe zuverlässige Kunde, daß sein Vater, Don Francisco de Carcamo, zum Richter in jener Stadt ernannt worden, man werde daher gut thun, auf seine Ankunft zu warten, damit die eigentliche Hochzeitfeier mit seiner Einwilligung und Zustimmung vor sich gehe. Don Juan erwiederte, er werde keine seiner Anordnungen überschreiten, vor allen Dingen aber müßte man ihn mit Preciosen trauen. Wirklich ertheilte der Erzbischof die Erlaubniß, daß die Trauung nach blos einmaligem Aufgebot geschehen durfte, und da der Stadtrichter sehr beliebt war, so feierte die Einwohnerschaft diesen Tag durch Beleuchtung, Stiergefechte und Lanzenbrechen. Die alte Zigeunerin blieb im Hause, denn sie wollte sich von ihrer Enkelin Preciosa nicht trennen.
Die Nachricht von den Begebenheiten und der Vermählung des Zigeunermädchens kam nach der Residenz und Don Francisco de Carcamo erfuhr, daß sein Sohn der Zigeuner und Preciosa das Zigeunermädchen sei, das bei ihm im Hause gewesen. Mit ihrer Schönheit entschuldigte er den Leichtsinn seines Sohnes, den er bereits für verloren gehalten, da er in Erfahrung gebracht hatte, daß derselbe nicht den Weg nach Flandern eingeschlagen. Noch zu stärkerer Entschuldigung diente der Gedanke, daß Jenem die Heirath mit der Tochter eines so angesehenen und reichen Kavaliers, wie Don Fernando de Acevedo, gar gut anstehe.
Er reisete daher eilends ab, um so schnell als möglich bei seinen Kindern einzutreffen und kam schon nach zwanzig Tagen in Murcia an, wo mit seiner Ankunft die Freude von Neuem begann, die Hochzeit festlich begangen und das Erlebte erzählt wurde, die Dichter der Stadt aber, unter welchen es einige sehr gute gibt, es auf sich nahmen, die außerordentliche Geschichte nebst der unvergleichlichen Schönheit des Zigeunermädchens zu feiern, wobei denn der berühmte Licentiat Pozo schrieb, daß durch seine Verse der Ruhm Preciosas dauern würde, so lange die Dauer der Jahrhunderte noch wahre.
Vergessen hab' ich zu bemerken, daß die verliebte Wirthstochter der Obrigkeit entdekte, der angebliche Diebstahl des Zigeuners Andres sei erlogen gewesen, und daß sie ihre Liebe wie ihre Schuld bekannte, worauf jedoch gar keine Strafe erfolgte, da in der Freude über die Wiederauffindung der Neuvermählten die Rache begraben wurde und die Milde auferstand.