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Die Räuber vom Liang Schan Moor. Band 2

von Schi Nai'an

Verlag: Droste-Verlag | Übersetzer: Franz Kuhn

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Kapitel 8

Siebenundfünfzigstes Kapitel In der Klampenlaube

Man wanderte also zu der lieblich am Flußufer gelegenen Klampenlaube und suchte sich ein behagliches Plätzchen mit der besten Aussicht aus.

Sung ließ zwei Krüge von dem köstlichen ›Lenzer‹, der berühmtesten Weinsorte der Gegend, anfahren und dazu verschiedene Gemüsegerichte, Früchte und Leckereien. Der Eiserne Büffel bekam auf Wunsch wieder einen extra großen Humpen hingesetzt.

»Ein feiner Kerl, der große Bruder Sung!« bekannte er offenherzig, über das ganze Gesicht strahlend. »So einen zum Freund gewinnen, das lohnt wahrhaftig!«

Nachdem man eine Weile wacker gezecht hatte, spürte Sung auf einmal Appetit nach pikanter Fischsuppe.

»Ob es hier wohl gute frische Fische gibt?« fragte er Tai Tsung.

»Und ob! Seht Ihr nicht dort das ganze Flußufer voll von Fischkähnen? Wir sind ja hier mitten in der reichsten Fisch- und Reisgegend.«

»Dann wollen wir uns doch eine pikante Fischsuppe bereiten lassen. Das ist nach dem vielen Trinken gut für den Magen.«

Tai Tsung bestellte, und in Kürze setzte der Wirt drei Näpfe und eine Schüssel besonders scharf gewürzte Rotweißfischsuppe auf den Tisch. Sung betrachtete mit Wohlgefallen das saubere, geschmackvolle Geschirr.

»Ein gutes Gericht schmeckt in schönem Geschirr noch einmal so gut. Es ist erstaunlich, wie nett hier in dieser öffentlichen Schenke alles hergerichtet wird«, bemerkte er anerkennend, griff zu den Eßstäbchen und legte aus der Schüssel erst seinen beiden Gefährten und zuletzt sich selber vor.

Mit Vergnügen beobachtete er, wie der Eiserne Büffel, das zierliche Eßgerät verschmähend, seine Eßschale gleich in die Schüssel tauchte und bis an den Rand gefüllt an den Mund führte und den Inhalt dann in einem Zug samt Haut und Gräten hinunterschlang. Ihm selber wollte das Gericht nicht recht munden, und nach zwei, drei Kosthappen legte er die Eßstäbchen hin.

»Das ist nicht das richtige. Der Fisch müßte frischer sein«, sagte er enttäuscht.

»Ich kann das Zeug auch nicht essen. Es schmeckt wie alter eingepökelter Fisch«, schloß Tai Tsung sich seiner Meinung an.

Nur die Zunge des Eisernen Büffels war für solche feinen Unterschiede unempfindlich. Ihm mundete es vortrefflich.

»Ihr habt doch wohl nichts dagegen, wenn ich eure Portionen mit aufesse?« sagte er und langte sich erst Sungs und dann Tai Tsungs Napf und ruhte nicht eher, als bis er alle drei Näpfe und die Schüssel leer geschlürft und geschleckt hatte. Und dabei schmatzte und sprudelte er so gewaltig, daß ihm der Saft nur so aus dem Munde lief und der ganze Tisch bespritzt und bekleckert war. Sung hatte Mühe, Haltung zu bewahren und nicht laut herauszuplatzen. Er rief den Schenken herbei.

»Mein Freund ist noch nicht satt. Bringe ihm eine schöne große Portion Fleisch! Es kann gut zwei Pfund sein«, bestellte er.

»Darf ich Lammfleisch nehmen? Ochsenfleisch haben wir leider nicht vorrätig«, bemerkte der Schenk mit einem Seitenblick auf den gefräßigen Riesen.

Der Eiserne Büffel wischte sich die reichlichen Suppenspuren von Mund und Wange und spritzte sie zornig dem Schenken ins Gesicht.

»Lümmel! Bin dir wohl nicht fein genug, daß du noch fragst, ob du mir Lammfleisch vorsetzen darfst?« brüllte er ihn an.

»Oh, ich dachte nur …« entschuldigte der Schenk sich erschrocken.

»Schon gut. Geh und bringe eine Portion Lammfleisch!« befahl Sung.

Das Gewünschte war bald zur Stelle, und schnell beruhigt machte sich der Eiserne Büffel mit schweigendem Ernst an die neue Aufgabe. In Kürze hatte er die gewaltige Portion bewältigt. Sung gewahrte es mit ehrlicher Bewunderung.

»Welch ein Kraftmensch!« dachte er im stillen.

»Eure Fischsuppe taugt aber nichts«, sagte Tai Tsung tadelnd zum Schenken. »Die schmeckt ja nach altem Pökelfisch. Könnt Ihr denn keinen frischen für meinen Freund auftreiben?«

»Nun, ich kann es den Herren nicht verhehlen, der Fisch in der Suppe war nicht ganz frisch, es war gestriger«, gestand der Schenk. »Die Fische vom letzten Fang sind nämlich noch gar nicht auf den Markt gekommen, sie lagern noch in den Kähnen, weil sich der amtliche Fischmakler heute etwas verspätet hat. Ohne seine Genehmigung dürfen sie für den Verkauf nicht freigegeben werden. Das ist der Grund, weshalb die Fischsuppe nicht ganz so ausgefallen war, wie sie sollte.«

Der Eiserne Büffel hatte sich von seinem Platz erhoben.

»Oho, das wollen wir doch sehen, ob für meinen Freund nicht auch ohne amtliche Genehmigung frische Fische aufzutreiben sind! Ich werde selber gehen und ein paar Stück zur Stelle schaffen«, erklärte er und war, ehe ihn die anderen daran hindern konnten, auf und davon gerannt.

»Hoffentlich verübelt Ihr mir nicht, daß ich Euch mit diesem ungeschlachten Burschen bekanntgemacht habe, der seinen Freunden eine Ungelegenheit nach der anderen schafft!« entschuldigte sich Tai Tsung bei Sung.

»Er soll getrost so bleiben, wie er ist. Ich schätze es an ihm, daß er geradezu und ohne Falsch ist«, erwiderte Sung lächelnd.