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Die Räuber vom Liang Schan Moor. Band 2

von Schi Nai'an

Verlag: Droste-Verlag | Übersetzer: Franz Kuhn

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Kapitel 19

Achtundsechzigstes Kapitel Der Kleine Bund vom Weißen Drachengott-Tempel

Auf einmal hörte der Weg auf und mündete in einen in Uferschilf gebetteten einsamen Tempel. Auf der einen Seite der breite Strom, auf der anderen Seite sumpfiges Marschland. Es gab kein Weiterkommen.

»Verflucht! Wo sind wir denn da hingeraten?« rief Tschao Kai ärgerlich aus.

»Keine Sorge! Schafft unsere Freunde nur in den Tempel hinein! Dort sind sie einstweilen in Sicherheit.«

Es war das erstemal, daß der schwarze Riese seinen Mund auftat. Alles folgte ihm zum Tempeltor. Dieses war fest verriegelt. Unter einigen wuchtigen Axthieben des Riesen ging es krachend in Trümmer. Während der Riese in das Tempelinnere stürmte, scharten sich die anderen in dem von Zypressen und Lebensbäumen beschatteten Vorhof. ›Tempel des Weißen Drachengottes‹ stand in großen goldenen Lettern auf der Stirnseite der Tempelhalle geschrieben. Behutsam bettete man die beiden Geretteten auf die kühlen Fliesen im grünen Baumschatten. Sung schlug die Augen auf und ließ seine Blicke verwundert und beglückt von Gesicht zu Gesicht gleiten.

»Freunde, bin ich im Traum? Oder seid ihr's wirklich?« murmelte er mit bewegter Stimme.

»Teurer Freund, wäret Ihr uns doch damals gefolgt und bei uns auf dem Berg geblieben! Dann wäre Euch dieses ganze Ungemach erspart geblieben«, kam es sanft vorwurfsvoll von Tschao Kais Lippen. »Aber sagt, wer ist eigentlich dieser grimmige schwarze Riese?«

»Mein Freund und Gefängniswärter Li Kweh, genannt der Schwarze Taifun. Er wollte mich wiederholt aus dem Kerker herauslassen. Aber ich wehrte ihm sein gutgemeintes Vorhaben. Ich wäre doch nicht weit gekommen auf der Flucht.«

»Das ist ja ein ganz toller, unerschrockener Kämpe!«

»Vor allem wollen wir unseren Kameraden anständige Sachen anzuziehen geben«, schlug der Geisterschütz vor.

Book illustration

Unter einigen wuchtigen Axthieben des Riesen ging das krachend in Trümmer

Während man dabei war, Sung und Tai Tsung von ihren Schandkitteln zu befreien und sie vorläufig mit geliehenen Sachen auszustaffieren, sah man Li Kweh wieder zum Vorschein kommen.

»Freundchen, wo habt Ihr denn gesteckt?« rief ihn Sung an.

»Ich wollte mir den verfluchten Einsiedel vornehmen, der hier haust. Was fällt dem Kerl ein, bei hellem Tag Gespenster zu sehen und uns das Tor vor der Nase zuzusperren! Dummerweise ist er mir entwischt.«

»Laßt gut sein und kommt her! Ich will Euch mit den Häuptlingen, meinen Freunden, bekanntmachen. Hier, der Oberhäuptling Tschao Kai …«

Brav und folgsam legte Li Kweh seine Streitäxte ab und beugte seine massige, über und über mit Blut bespritzte Gestalt zu einem artigen Fußfall vor Tschao Kai.

»Alter großer Bruder, übt Nachsicht, wenn sich der Eiserne Büffel bisweilen etwas roh und ungebärdig aufführt!« brummte er.

Der Reihe nach wurden ihm sämtliche siebzehn Häuptlinge vorgestellt. Dabei konnte er einen unter ihnen, Tschu Kweh, zu seiner Freude als engeren Landsmann begrüßen. Tschu Kweh stammte, wie er selbst, aus der Gegend von I tschou in Schantung. Dem kriegserfahrenen Häuptling Geisterschütz dauerte das Vorstellungszeremoniell anscheinend zu lange. Er hielt es für richtig, Tschao Kai auf die gefährliche Lage aufmerksam zu machen, in die man geraten war.

»Auf Euer Geheiß sind wir unserem neuen Kameraden hierher gefolgt. Und nun sitzen wir hier an einem toten Punkt und sind durch den Yang tse vom Weitermarsch abgeschnitten. Boote haben wir nicht zum Übersetzen. Was soll geschehen, wenn uns die feindlichen Truppen hier angreifen? Wir müssen beizeiten an unsere Sicherheit denken.«

»Pah, wenn es weiter nichts ist! Wir werden der Bande zuvorkommen, die Stadt stürmen und drinnen alles mitsamt dem Präfekten kurz und klein schlagen«, brachte der Eiserne Büffel kampflustig in Vorschlag, als ob es sich um eine höchst vergnügliche Sache handelte.

Tai Tsung, der gerade wieder zu sich gekommen war, widersprach.

»Keine Tollheiten, Freund Li! Die Garnison ist sechstausend Mann stark. Gegen solche Übermacht können wir nichts ausrichten.«

»Ich sehe drüben am anderen Ufer eine Anzahl Dschunken liegen. Mit meinem Bruder werde ich einfach hinüberschwimmen und die Dschunken für uns kapern«, ließ sich der jüngere Yüan vernehmen.

Sein Vorschlag wurde gut geheißen. Die drei Brüder Yüan entledigten sich ihrer Kleidung bis auf einen Lendenschurz, in dem sie ihre langen Messer bargen, und stürzten sich in die Fluten. Sie waren kaum einen halben Li weit geschwommen, als auf einmal fern stromaufwärts drei große Barken gesichtet wurden, die unter taktmäßigem Auf und Ab der Ruder und mit geblähten Segeln in rascher Fahrt herantrieben. Erwartungsvoll und von Zweifeln bewegt, starrte alles am Ufer auf die sich nähernden Fahrzeuge. Man sah Waffen an Bord blitzen. Sollten es etwa feindliche Fahrzeuge sein, die der Präfekt ausgesandt hatte, um die Räuber von der Wasserseite her anzugreifen?

»Verflucht! Nimmt denn mein Mißgeschick immer noch kein Ende?« rief Sung bestürzt aus, als man ihm die Kunde von den verdächtigen Fahrzeugen hinterbrachte. Und so schnell es ihm seine Kräfte erlaubten, stürzte er aus dem Tempel hinaus zum Ufer.

Alsbald wandelte sich seine Bestürzung in helle Freude. In dem großen nackten, nur mit einer kurzen weißen Schwimmhose bekleideten, hellhäutigen Kerl mit dem rötlichen Haarschopf, den er vorn auf dem Bug der vordersten Dschunke, einen blitzenden Fünfzinken auf den Knien, mit einer Pfeife im Munde den Rudertakt pfeifend, sitzen sah, erkannte er Tschang Schong, den Weißen Aal!

»Wer seid ihr?« rief der Weiße Aal herüber.

»Gut Freund! Herbei! Hier ist Sung!« rief und winkte Sung hinüber.

»Wir kommen!«

Inzwischen hatten die drei Brüder Yüan bereits kehrtgemacht und kamen ans Ufer zurückgeschwommen. Die drei Fahrzeuge drehten bei und legten unweit des Tempels an. Der ersten Dschunke entstieg der Weiße Aal mit einem Dutzend Bewaffneter, der zweiten sein Bruder Tschang Hong der Bluthund mit den beiden Brüdern Mu Hung und Mu Tschun und dem fahrenden Arzneihändler Pi Yung und einem Dutzend Knechten vom Landgut Mu, der dritten Li Kün der Schlammflußdrache mit Höllenrichter und Höhlenmolch und Seeschlange und einem weiteren Dutzend Bewaffneter, alles Salzschmuggler.

Der Weiße Aal konnte sich beim Anblick Sungs vor Freude und Bewegung kaum lassen. Es dünkte ihn, der Mann, den er noch im Kerker vermutete, sei geradewegs vom Himmel herabgestiegen.

»Ich konnte Euch nicht länger im Kerker schmachten sehen und hatte mich mit einigen Kameraden zu Eurer Rettung zusammengetan«, berichtete er Sung in Kürze. »Heute wollten wir Euch aus dem Kerker holen. Wider Erwarten wurdet Ihr inzwischen von anderen Helfern befreit. Darf ich fragen, wer die wackeren Kämpen sind? Etwa die Männer vom Liang schan Moor?«

Sung nickte und erzählte. Dann lud er die ganze Gesellschaft in den Tempel und machte die neun Yang tse Piraten und die siebzehn Häuptlinge vom Liang schan Moor sowie Tai Tsung und Li Kweh untereinander bekannt. Feierlich wurde Schwurbrüderschaft geschlossen und jener Bund gegründet, der in der Geschichte als ›der Kleine Bund vom Weißen Drachengott-Tempel‹ weiterlebt.