Die Räuber vom Liang Schan Moor. Band 2
Verlag: Droste-Verlag | Übersetzer: Franz Kuhn
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Zweiundsechzigstes Kapitel Der Simulant
Er fand Sung in der Schreibstube vor. Sung begrüßte ihn erfreut und erzählte ihm, daß er ihn neulich leider vergeblich gesucht und sich dann im Yang tse Turm mit einem Krug Wein über die Einsamkeit hinweggetröstet hätte.
»Gerade deswegen bin ich hier. Was habt Ihr bloß damals an die Turmwand geschrieben?«
»Das weiß ich nicht mehr. Ich war ja völlig berauscht.«
»Es soll ein Vers von revolutionärem Inhalt sein, und ich habe soeben den Befehl erhalten, Euch als den Verfasser mit meinen Leuten abzuholen und vor den Präfekten zu schleppen. Ich habe mich heimlich aufgemacht, um Euch vorher zu warnen. Wir müssen uns etwas zu Eurer Rettung ausdenken.«
»Verdammt! Diesmal geht's mir an den Kragen!« entfuhr es Sung.
»Nicht den Mut verlieren! Mir ist ein rettender Einfall gekommen. Aber wir dürfen keine Zeit verlieren. Hört! Wenn ich nachher mit meinen Leuten komme, um Euch abzuholen, spielt den Wahnsinnigen! Wälzt Euch am Boden, beschmiert Euch mit Dreck und Kot, schwatzt irgendwelches verrücktes Zeug! Dann wird man Euch als armen Irren ansehen und schonen.«
Sung versprach's, und Tai Tsung sauste davon zum Stadttempel.
Dort musterte er seine Schar und begab sich mit ihr von neuem zum Sträflingslager, diesmal ohne Panzerpferdchen.
»Wo steckt der Sung Kiang, der neue Sträfling?« fragte er in verstellt barschem Ton. Man führte ihn zur Schreibstube. Aber dort war er nicht. Man suchte überall nach ihm, schließlich fand man ihn mit wirrem Haar, über und über beschmutzt, am Rand der Kotgrube liegen.
»Was wollen die Leute?« lallte er den Ankommenden blöde zu.
»Dich mitnehmen!« brüllte ihm Tai Tsung an.
Da begann er wie wild um sich zu schlagen und dazwischen wirres Zeug zu schwatzen:
»Ich bin der Schwiegersohn des Nephritkaisers und habe hunderttausend Mann himmlische Heerscharen zur Seite. Mit denen mache ich euch Leute von Kiang tschou samt und sonders den Garaus! Denkt ihr, ich habe Angst vor euch? Der Höllenfürst Yen loh wang führt meine Vorhut und der ›Herr der fünf Bahnen‹ meine Nachhut. Alle, alle müßt ihr verrecken!«
»Ein armer Irrer!« raunten sich Tai Tsungs Leute untereinander mitleidig zu. »Unter diesen Umständen dürfte sich eine Verhaftung erübrigen.«
»Ganz meine Ansicht«, stimmte Tai Tsung bei und zog mit seinem Trupp wieder ab.
»Der Mann ist offenbar von Wahnsinn befallen«, meldete Tai Tsung dem Präfekten, der erwartungsvoll in der Amtshalle saß. »Er wälzt sich am Rande der Kotgrube im Dreck und redet wirres Zeug. Mit Rücksicht auf seinen unsauberen Zustand habe ich von einer Mitnahme abgesehen.«
Der Präfekt wollte eben des weiteren fragen, als hinter dem Wandschirm, wo er gehorcht hatte, der Gelbe Wespenstachel Huang hervorkam und sich an ihn heranschlängelte.
»Laßt Euch nicht irre machen!« flüsterte er ihm ein. »Sein Vers an der Wand des Yang tse Turms und seine Handschrift zeugen von allem anderen als von Wahnsinn. Der Mann ist Simulant. Ihr müßt ihn unter allen Umständen zur Stelle schaffen lassen, und wenn er nicht gehen will, transportfähig wird er wohl sein.«
Der Präfekt gab seiner Einflüsterung nach und erteilte Weisung, den Mann trotz allem so oder so zur Stelle zu schaffen. Tai Tsung machte sich also erneut zum Lager auf. Als er in die Amtshalle zurückkam, brachten seine Leute Sung mit Tragstangen in einem Korb aus Weidengeflecht mit. Auf Befehl des Präfekten mußte der Korb an den Stufen vor seinem Amtssessel abgesetzt werden.
»Niederknien!« befahl er dem Gefangenen.
Aber Sung dachte nicht daran und begann seine einstudierte Rede vom Schwiegervater Nephritkaiser und von seinen Verbündeten, den himmlischen Heerscharen und dem Höllenfürsten und dem Herrn der fünf Bahnen, mit deren Hilfe er ganz Kiang tschou in Klumpen schlagen wolle, zu wiederholen.
Der Präfekt war verblüfft und ratlos. Da war es wiederum Huang, der ihm einflüsterte:
»Laßt den Lagervogt und den Lageraufseher kommen und fragt sie, ob der Mann schon bei der Einlieferung Spuren von Wahnsinn zeigte oder erst später. Im ersten Falle ist sein Zustand echt, im zweiten simuliert er.«
Der Präfekt folgte seinem Rat und zitierte Vogt und Aufseher des Sträflingslagers herbei. Der Häftling sei bei der Einlieferung normal gewesen, sein Wahnsinn stamme aus allerjüngster Zeit, lautete deren Auskunft.
»Also Simulant!« schrie der Präfekt zornig und ließ seine Schergen so lange auf Sung eindreschen, bis dieser unter dem Druck der Schmerzen seine einstudierte Rolle preisgab und sich freimütig zur Verfasserschaft an dem Vers im Yang tse Turm bekannte. Er habe ihn im Rausch und Übermut geschrieben und sich nichts weiter dabei gedacht, gab er an. Der Präfekt ließ ihm einen fünfundzwanzigpfündigen Holzkragen umlegen und ihn in den Kerker für Hinrichtungskandidaten bringen. Nach Schluß der Sitzung begab er sich mit Huang in die hintere Gasthalle.
»Ich bin Euch zu Dank verpflichtet. Ohne Euren Scharfblick und Eure hohe Einsicht wäre ich das Opfer eines frechen Betruges geworden«, sprach er zu ihm.
»Ihr solltet sofort Eilboten nach der Hauptstadt senden und Euren erlauchten Vater, den Gnadenkanzler, in Kenntnis setzen«, fuhr Huang mit seiner Einflüsterung fort. »Die Sache ist hochpolitisch und wohl wert, Euer Verdienst um den Thron in gebührendem Licht erstrahlen zu lassen. Ihr solltet anfragen, ob der Hochverräter lebend nach der Hauptstadt gebracht oder gleich hier an Ort und Stelle hingerichtet werden soll. Der Himmelssohn wird auf diese Weise von der Angelegenheit erfahren und sich über Euren Eifer freuen.«
»Ihr habt recht. Ich werde noch heute schreiben und dabei auch Euer Verdienst in das rechte Licht rücken. Ich werde meinen Vater bitten, daß er persönlich beim Himmelssohn einen recht schönen fetten Posten für Euch erwirkt«, erwiderte der Präfekt huldvoll.
Huang krümmte sich zu tiefer Verneigung.
»Und welchen Mann Eures Vertrauens dachtet Ihr als Überbringer des Schreibens zu wählen?«
»Natürlich meinen schnellsten Läufer, den Kerkermeister Tai Tsung. Vermöge seines Laufzaubers schafft er achthundert Li am Tage. In zehn Tagen kann er bereits wieder zurück sein.«
»Ausgezeichnet«, lobte Huang.
Er hatte nun keine weiteren Fragen oder Bedenken zu äußern und sah alles nach Wunsch gehen.
Einen Tag lang ließ er sich als Gast feiern und füttern, dann kehrte er, die Brust vom Bewußtsein seines Wertes geschwellt, in sein Wu weh kün zurück. Die seit langem erstrebten Pfründe glaubte er bereits so gut wie sicher in der Tasche zu haben.
Der Präfekt aber setzte sein Schreiben an den Kanzler auf, stopfte zwei Postbeutel voll kostbarer Geschenke, verschloß und versiegelte die Beutel und berief Tai Tsung zu sich.
»Dieses Schreiben und diese beiden Beutel mit Geschenken sind für meinen Vater, den Kanzler, bestimmt, der nächstens, am fünfzehnten des sechsten Monats, Geburtstag hat. Du sollst sie nach Kai fong fu bringen. Laß dir ein Antwortschreiben geben und komme ungesäumt zurück! Wenn du täglich deine achthundert Li läufst, kannst du in zehn Tagen zurück sein. Eine gute Belohnung ist dir sicher.«
Tai Tsung nahm das Schreiben und die beiden Beutel in Empfang, begab sich in seine Wohnung und machte sich reisefertig. Er glaubte, es handele sich bei dem Schreiben lediglich um einen Glückwunschbrief.
Bevor er sich auf die Reise machte, suchte er noch einmal seinen Freund Sung im Kerker auf und nahm Abschied:
»Großer Bruder, Ihr müßt Euch eine Weile ohne mich behelfen. Ich soll im Auftrag des Präfekten nach Kai fong fu eilen. Aber in einem Monatsdrittel bin ich wieder da. Ich habe im Kanzlerpalast einige Beziehungen und werde mich nach Kräften für Eure Rettung einsetzen. Inzwischen lasse ich Euch vom Eisernen Büffel betreuen. Er wird es Euch an nichts fehlen lassen. Und nun lebt wohl und Kopf hoch!«
Alsdann berief er den Eisernen Büffel zu sich, bestellte ihn zu Sungs Wärter und befahl ihm, immer treu und brav für das leibliche und sonstige Wohl des großen Bruders zu sorgen. Was er dem Eisernen Büffel nicht zweimal zu sagen brauchte.
»Und gehe nicht aus und meide die Kneipe! Sonst machst du womöglich Dummheiten, und unser Freund hat den Nachteil davon«, setzte er hinzu.
»Gut, ich werde mich beherrschen und bis zu Eurer Rückkehr keinen Tropfen anrühren«, versprach der Eiserne Büffel brav. Und hielt auch Wort.