Die Räuber vom Liang Schan Moor. Band 2
Verlag: Droste-Verlag | Übersetzer: Franz Kuhn
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Einundsechzigstes Kapitel Das Gassenorakel
Am nächsten Tag machte sich Huang von neuem zu einem Besuch beim Präfekten auf.
Diesmal hatte er Glück. Der Präfekt war gerade frei und empfing ihn in der hinteren Gasthalle. Huang überreichte die mitgebrachten Geschenke, man tauschte die üblichen Eingangsfloskeln über Wetter und Befinden, dann hub Huang an:
»Darf ich untertänig fragen, habt Ihr letzthin Nachricht von Eurem erlauchten Vater, dem Gnadenkanzler, erhalten?«
»Ich erhielt kürzlich einen Brief von ihm.«
»Hatte er etwas Neues aus der Hauptstadt zu melden?«
»Ja, leider nichts Gutes. Der Großastrolog hat den Thron darauf aufmerksam gemacht, daß in den letzten Nächten eine Annäherung des Großen Bären an unser Kiang su beobachtet worden ist. Der Astrolog hat geglaubt, den Thron warnen zu müssen. Es drohe von Kiang su her Umsturz, und es sei in dieser Provinz erhöhte Wachsamkeit am Platze. Es kommt noch eins hinzu: In den Straßen von Kai fong fu ist unter den Gassenkindern folgender dunkle Spruch im Umlauf:
Unheil droht vom Hause Holz –
Kampf zu Wasser, Taten stolz –
Sechsunddreißig kreuz und quer –
Aufruhr kommt von Schantung her.
Danach scheinen zwei Unruheherde in Betracht zu kommen, einer in Kiang su, einer in Schantung. Mein Vater hat mir schärfste Wachsamkeit empfohlen«, sagte der Präfekt.
»Hm, es scheint etwas daran zu sein«, bemerkte sein Gast lächelnd nach einer Weile des Nachdenkens und brachte die Abschrift zum Vorschein, die er sich tags zuvor im Yang tse Turm besorgt hatte.
»Hier, bitte, lest! Da haben wir schon den Beweis!«
»Das ist ja ein durch und durch revolutionäres Machwerk! Wo habt Ihr denn das her?« rief er bestürzt.
»Vom Yang tse Turm«, erwiderte sein Besucher und berichtete sein gestriges Erlebnis.
»Wer ist denn der Verfasser?«
»›Sung Kiang aus Yün tschong hsiän‹ hat er klar und deutlich unterschrieben.«
»Wer mag das sein? Habe den Namen nie gehört.«
»Offenbar einer aus dem hiesigen Sträflingslager. Das geht klar aus seinen eigenen Worten hervor.«
»Ganz schön. Aber er hat doch sonst nichts weiter verbrochen, daß man gegen ihn einschreiten müßte.«
»Ihr solltet seine Gefährlichkeit nicht unterschätzen. Was Ihr mir eben da von dem Spruch erzählt habt, der augenblicklich auf den Gassen der Hauptstadt umläuft, so paßt nach meinem bescheidenen Dafürhalten der Inhalt ganz auf die Person des Mannes.«
»Wieso?«
»In der ersten Zeile heißt es, Unheil droht vom ›Hause Holz‹. Man braucht über das Zeichen ›Holz‹ nur ein ›Dach‹ zu setzen, dann ist das ›Haus Holz‹ fertig, und man hat den Familiennamen unseres Mannes, den Namen Sung.
Man braucht weiter die beiden Zeichen ›Wasser‹ und ›Taten‹, die in der zweiten Zeile vorkommen, nur zu einem Zeichen zusammenzuziehen, dann ergibt sich sein Zuname Kiang. Aus Schantung stammt er außerdem, und überdies hat er sich durch seine Verse an der Wand des Yang tse Turms deutlich genug als Revolutionär verraten. Also bedarf es noch weiterer Beweise, daß wir in ihm den Mann zu suchen haben, auf den der Spruch des Volksmunds zielt?«
»So weit stimmt alles. Aber was hat die dritte Zeile zu bedeuten: Sechsunddreißig kreuz und quer?«
Hier irrte Huang. Daß die sechsunddreißig starken Kämpen gemeint waren, die sich kreuz und quer aus dem ganzen Land als Häuptlinge im Liang schan Moor zusammenfinden sollten, entging seinem Scharfblick.
Der Präfekt hegte immer noch einen leisen Zweifel.
»Gibt es denn überhaupt einen Mann dieses Namens in unserem Sträflingslager?« fragte er.
»Darüber wird uns unschwer die Gefangenenliste belehren.«
Der Präfekt schickte nach dem Archiv und ließ sich die Gefangenenliste holen. Richtig, auf der Liste fand sich ein gewisser Sung Kiang aus Yün tschong hsiän verzeichnet, kürzlich eingeliefert im fünften Monat des Jahres. Nun war der Präfekt von der Deutung Huangs völlig überzeugt.
»Ich bewundere Euren Scharfblick«, bekomplimentierte er ihn.
»Die Sache ist hochwichtig und heischt rasches Handeln. Ihr dürft meines Erachtens keinen Augenblick verlieren und solltet den Mann sofort greifen und herbringen lassen«, riet ihm Huang.
Der Präfekt gab ihm recht, eilte in die Amtshalle und zitierte den Kerkermeister Tai Tsung herbei.
»Mache dich mit deinen Leuten zum Sträflingslager auf und schaffe mir sofort den gewissen Sung Kiang aus Yün tschong hsiän, Verfasser des revolutionären Wandspruchs im Yang tse Turm, zur Stelle! Aber keine Zeit verlieren, bitte ich mir aus!« befahl er.
Tai Tsung hatte Mühe, seine Bestürzung zu verbergen. Er mußte seinen bedrohten Freund unbedingt vorher warnen. Um Zeit zu gewinnen, schickte er seine Leute erst nach Hause, um sich mit Waffen zu versehen, alsdann sollten sie sich vor seiner Behausung am Stadtgott-Tempel versammeln und ihn dort erwarten. Er selber schnallte seine ›Panzerpferdchen‹ an und sauste zum Sträflingslager vor der Stadt.