Friedrich Bodenstedt: Tausend und Ein Tag im Orient
Verlag: Verlag der Deckerschen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei | Jahr: 1850
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Achtes Kapitel.
Uebergänge. Keschisch-Oglu. Allahwerdy. Volkslieder der Kurden.
Mit unserm Abschiede von der Tscherkessenküste beginnt ein Uebergangskapitel, worin ich die schwierige Entscheidung treffen muß: entweder durch den thrakischen Bosporus, das Marmorameer und den griechischen Archipelagus die Rückreise in die Heimath anzutreten, wie es der wirkliche Gang der Dinge mit sich bringt – oder noch einmal zurückzukehren nach Tiflis, in die Schule der Weisheit des Mirza-Schaffy.
Ich entscheide mich nach reiflicher Ueberlegung für das Letztere, und will hier kurz die Gründe anführen, welche mich dazu bewegen.
Es ist mir von verschiedenen Seiten der Vorwurf gemacht worden, daß ich mich in den Reiseskizzen des ersten Bandes von »Tausend und Ein Tag« zu großer Kürze befleißigt und mehr angeregt als ausgeführt hätte. Jedenfalls der angenehmste Vorwurf den ich hören konnte! aber doch immer ein Vorwurf, der Beachtung verdient, und dem ich ein noch größeres Gewicht beilegen würde, als wirklich der Fall ist, 144 wenn ich nicht schon früher ein besonderes, mehr wissenschaftlich angelegtes Werk über die Völker des Kaukasus geschrieben hätte, welches über viele, in diesen Skizzen nur kurz angedeutete Punkte nähere Auskunft geben wird Jedem der es liest. Ebenso habe ich den verschiedenen Kosakenstämmen der donischen Steppe und der Ukraine bereits vor fünf Jahren eine besondere Schrift gewidmet, welche außer historischen und geographischen Notizen eine ansehnliche Sammlung chronologisch geordneter Volkslieder enthält, so daß der wißbegierige Leser auch in diesem Punkte sich nicht auf die Mittheilungen von »Tausend und Ein Tag« zu beschränken braucht.
Ueber die Länder und Völker hingegen, welche ich auf meiner Rückkehr berührte, habe ich noch Nichts veröffentlicht, und hier dürfte es allerdings nicht rathsam sein, die Beobachtungen eines halbjährigen Aufenthalts in Kertsch, Theodosia, Jalta, unter den Tataren der Krimm, in Odessa, Konstantinopel, Kleinasien &c. in ein paar flüchtig skizzirte Kapitel zusammenzudrängen. Es bleibt deshalb die Schilderung meiner Rückkehr in die Heimath einem besonderen Buche, von mehr politischer Färbung, vorbehalten, während ich hier die versprochene Fortsetzung der Lieder und Sprüche der Weisheit des Mirza-Schaffy, nebst einigen anderen poetischen Fragmenten aus dem Orient folgen lasse.
Ich glaube damit den Wünschen der meisten meiner Leser zu begegnen, denn Mirza-Schaffy hat weit über die Grenzen Deutschlands hinaus Freunde und Gönner gefunden, und in Journalen wie in brieflichen Mittheilungen ist mir mehrfach der Wunsch ausgedrückt worden, mein Versprechen, eine Fortsetzung der Lieder und Sprüche des Weisen von Gjändsha erscheinen zu lassen, bald in Erfüllung zu bringen.
Ein anderes, zu gleicher Zeit gegebenes Versprechen, die 145 Gedichte des blinden armenischen Sängers Keschisch-Oglu, nebst einer größeren Sammlung kurdischer Volkslieder in der Uebersetzung mitzutheilen, kann ich leider nur theilweise erfüllen, da durch den plötzlichen Tod meines Freundes Abowian in Eriwan, die Quelle versiegt ist, aus welcher ich weiteren Mittheilungen entgegensah.
Ich werde später Gelegenheit nehmen, einige Einzelheiten aus dem Leben dieses trefflichen Mannes hervorzuheben, der unter Kämpfen und Entbehrungen aller Art es sich zur Aufgabe gemacht hatte, deutsche Sitte und Sprache unter seinen Landsleuten am Ararat zu verbreiten, und der seit einer Reihe von Jahren jedem deutschen Reisenden in Armenien ein freundlicher und vielfach nützlicher Führer war . . . Hier möge zunächst als poetischer Uebergang zur Wiedereröffnung des Divans der Weisheit des Mirza-Schaffy, eine kleine Auswahl der Gedichte Keschisch-Oglu's folgen, der sich einige, ebenfalls im Hochlande des Ararat gewachsene, kurdische Volkslieder anreihen werden
Keschisch-Oglu
(oder nach der Aussprache des Volks: Keschisch-Ogli) wurde in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts geboren zu Schulawery, einem etwa 60 Werst von Tiflis gelegenen armenischen Dorfe.
Er war der Sohn eines armen Priesters und erhielt als Kind eine Art Unterricht im Armenischen und Tatarischen, hatte aber das Unglück, schon im zwölften Lebensjahre sein Gesicht durch die Pocken zu verlieren, ein Verlust, welcher nur 146 dadurch einigermaßen ersetzt wurde, daß ein inneres Licht in ihm aufging: das Licht der Poesie. Seine dichterischen Anlagen entwickelten sich so früh, daß er schon im zwanzigsten Lebensjahre eine gewisse Berühmtheit im Lande erlangt hatte. Um diese Zeit verließ er seine Heimath, wo es ihm trotz seines Dichterruhms sehr kümmerlich ergangen war, um in der Ferne sein Glück zu suchen. Die Saß in der Hand pilgerte er von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, hatte sich am Hofe von Teheran einer glänzenden Aufnahme zu erfreuen, durchzog später ganz Kleinasien und kam nach Konstantinopel, wo er als Hofdichter des Sultans angestellt wurde und auf seine alten Tage ein sorgloses und ruhiges Unterkommen fand.
Die Wanderungen des Keschisch-Oglu wurden durch eine Menge kleiner Triumphe verherrlicht, da er aus den Gesangswettkämpfen, die er überall anstellte, wohin er kam, fast immer als Sieger hervorging.
Noch heut zu Tage ist es Sitte bei den Persern, Armeniern, Tataren &c., daß die Barden des Landes einander öffentlich zum Kampfe herausfordern und, gewöhnlich im Beisein einer großen Menschenmenge, förmliche Gesangturniere halten. Der Eine singt aus dem Stegreife ein paar Verse her und zwingt den Andern, in demselben Versmaaße darauf zu antworten. Bei den Armeniern ist es gewöhnlich die Bibel, bei den Tataren der Koran, woraus der Stoff zu den ersten Angriffen geschöpft wird. Uebrigens bestehen in dieser Beziehung keine Vorschriften und Jeder kann seine Stoffe nehmen woher er will, nur muß der Angegriffene gleich auf den angeregten Gegenstand eingehen, und erst dann, wenn er dies mit 147 Glück gethan, steht es ihm frei, seinerseits ein neues Thema zu behandeln.
Der Wettkampf dauert in dieser Weise oft stundenlang fort und die Umstehenden folgen dem Gesange mit gespannter Aufmerksamkeit; jeder Fehler auf der einen oder der andern Seite veranlaßt eine lärmende Unterbrechung. Aber erst wenn einer der Beiden förmlich in's Stocken geräth, und seinem Gegner nicht mehr zu folgen vermag, wird er als besiegt erklärt und der Andere unter lauten Beifallsbezeugungen als Sieger ausgerufen.
Dem Sieger steht das Recht zu, das Saitenspiel des Besiegten zu zerschlagen, was jedoch höchst selten geschieht. Gewöhnlich reicht er dem Gegner die durch Gesang eroberte Saß großmüthig zurück, wodurch das Ansehn des Letztern einigermaßen hergestellt wird, denn ohne diese Großmuth des Siegers würde der unterlegene Sänger sein Saitenspiel nie wieder zur Hand nehmen dürfen.
Die Schriftkundigen unter den Umstehenden lassen es sich angelegen sein, die gewöhnlich sehr langsam und mit öftern Wiederholungen abgesungenen Verse niederzuschreiben; doch kommt es, soweit meine Erfahrung reicht, nur selten vor, daß sich unter diesen Stegreifgedichten Sachen von Bedeutung befinden. Ich lasse hier als eine kleine Probe solcher Improvisatorenkünste ein Fragment aus einem Wettkampfe folgen, welchen Keschisch-Oglu einst mit einem andern armenischen Sänger, Namens Allahwerdy, zu bestehen hatte. Ich habe dieses Fragment, wie alle auf Keschisch-Oglu bezüglichen Mittheilungen, meinem trefflichen Freunde Abowian von Eriwan zu verdanken, der durch seinen zu frühen Tod leider verhindert wurde, mir eine Fortsetzung seiner interessanten Berichte zu liefern. 148
Fragment aus dem Sängerkampfe zwischen Keschisch-Oglu und Allahwerdy.
Allahwerdy, als der Herausforderer, geht auf seinen Gegner zu, greift in die Saß und hebt an zu singen:
| »Möge Gruß Dir und Heil sein, o Keschisch-Oglu! Bald wird Wehe Dein Theil sein, o Keschisch-Oglu! Jedes Wort meiner Lieder auf Dich gezielt Soll wie ein tödtender Pfeil sein, o Keschisch-Oglu!« |
Keschisch-Oglu erwiedert:
| »Deinen Gruß geb' ich Dir wieder, o Allahwerdy! Bald stürzt die Wucht meiner Lieder, o Allahwerdy! Wie die Gewitterwolke aus schwüler Luft Verderbend auf Dich nieder, o Allahwerdy!« |
Wiederum greift Allahwerdy in die Saiten und singt:
| »An dem Helden prallt ab die Beleidigung, Er findet Mittel zu seiner Vertheidigung – An dem Ohre werd' ich Dich in die Dreschtenne führen,Zur Erklärung dieser Stelle muß bemerkt werden, daß in Armenien die Ochsen zum Dreschen des Korns, wie überhaupt zum Pflügen &c. gebraucht werden. Ein großes, unten schachbrettartig zugerichtetes Stück Holz wird über das in der Tenne ausgebreitete Korn gezogen und die vorgespannten Ochsen werden dabei an den Ohren gezogen, um sie anzutreiben. Allahwerdy konnte seine Verachtung des Keschisch-Oglu nicht kräftiger ausdrücken als durch dieses Bild. Zum stummen Viehe Dich machen, o Keschisch-Oglu!« |
149 Keschisch-Oglu entgegnet:
| »Dem Helden steht die Stimme des Muthes gut, Doch der Muth ist verschieden von Uebermuth – Nicht ruhe ich, bis Deine Zunge ruht, Und zur Wittwe Dein Weib wird, o Allahwerdy! |
In dieser Weise wird der Streit nun fortgeführt bis einer der Sänger erschöpft ist. Zur Abwechselung werden auch Räthsel aufgegeben, Sprüchwörter in Verse gebracht, Lieder zum Preise des Weines und der Liebe gesungen u. s. f.
Die meisten der tatarischen und armenischen Lieder welche mir zu Händen gekommen, tragen unzweifelhafte Spuren des großen Einflusses, welchen die persische Poesie und besonders Hafis hier ausgeübt hat, ohne daß die modernen Naturdichter Armeniens vielleicht eine Ahnung davon haben. Die Hafisischen Lieder haben unter dem Volke in Persien so tief Wurzel geschlagen und so unendlich viele Nachahmungen hervorgerufen, daß die meisten darin vorkommenden Bilder und Wendungen sinnlicher Natur längst in die Volkssprache übergegangen sind. Nun konnte es, bei der langjährigen Herrschaft der Perser über Armenien, nicht ausbleiben, daß die Unterdrückten von den Unterdrückern Manches annahmen, und so erklärt sich's, daß wir in fast allen tatarischen und armenischen Liedern hafisische Bilder und Ausdrücke wiederfinden, obgleich ein eigentliches Studium Hafisens von der christlichen Bevölkerung Armeniens niemals getrieben wurde.
Das Haar der Geliebten ist ein Fangnetz für Männer-Herzen, die Augenbrauen sind Bogen womit auf das verliebte Opfer geschossen wird, der Schoß ist ein Blumengarten, 150 die Brüste sind Granatäpfel, und wie die Nachtigall um das Aufblühen der Rose, so wehklagt der Sänger um das Aufblühen der Liebe in der Brust grausamer Schönen . . .
Ich habe es mir angelegen sein lassen, von den Liedern Keschisch-Oglu's hier nur diejenigen mitzutheilen, in welchen das eigenthümliche Gepräge des Dichters am meisten hervortritt. Leider ist ihre Zahl sehr gering. Doch dürften sie vielleicht späteren Reisenden Anlaß geben, weitere Nachforschungen in Armenien anzustellen, wo in Gegenden, die ich nicht besucht habe, noch hunderte von den Liedern des blinden Barden im Munde des Volks fortleben sollen.
Ein Weib, das voller Treue ist, Die spiegelschöne AnahidAnahid – die armenische Venus. Einige armenische Gelehrte, u. a. Cirbied und Martin, wollen diese Namen in Verbindung bringen mit der griechischen Diana, da Anaïd rückwärts gelesen Diana heißt. Das Auge klar und liebereich, Die Glück und Kummer mit mir theilt, Des Mundes Frühlingshauch vergeht, Keschisch-Ogln, der Sänger, spricht: |
| Du wunderschöne, süße Maid! Was soll ich für die Seligkeit Die Du gewährt, Dir wieder geben? Ich armer, blinder Sänger kann Für Alles was mein Herz gewann, Dir Nichts als meine Lieder geben! |
Schön ist das Mädchen das ich meine, O, daß ihr Gott das Glück vergelte, Es gleicht ihr Gang dem jungen Rehe Der Busen fest wie Apfelsinen, Dem Lockenhaar entsteigen Düfte, O, keine Andere erkiese, |
Eine Taube such' ich die mir entflogen ist, Schlank ist ihr Wuchs und schwarz ihr Haar, Verlassen hab' ich Haus und Land, Ich irre umher und finde sie nicht, O kehre zurück! Alles trag' ich von Dir, Du stehe auf, o Keschisch-Oglu! |
Lieder aus Kurdistan.
| Sieh mich lieb, Du schwarzäugige Dirne an! Deine Wimpern stehn wohl Deiner Stirne an. Deine Augen, wie die Beeren der Reben schwarz, Sie machen mein ganzes Leben schwarz, O, wende, Du Schöne, mein Herzeleid! Komm zu uns zu Gaste, nach Hause komm! Mit den Gästen der Feier zum Schmause komm! Vor allen andern sollst Du beachtet werden, Der erste Schafbock soll Dir geschlachtet werden!Ein Beweis besonderer Auszeichnung bei den Gebirgsvölkern sowohl des Ararat wie des Kaukasus. |
| Es ist Dein Wuchs dem Alef gleich, Die Brust an schwarzen Flecken reich, 155 Wohl an dreihundert zähl' ich! Es soll die Brust mein Heil'genschrein, Soll Kirche mir und Kloster sein, Kein andres Bethaus wähl' ich! Mag Erzerum zu Grunde geh'n, Darf ich zu Deinem Munde geh'n, So bin ich überselig! |
Ueber Alles hoch und über Alles schön, Wo der Schnee die Berge nicht bekleidet, Ueber Alles hoch und über Alles schön, |
| Mir gegenüber steht des Reiters Grab, Noch gestern strotzt' er in der Jugend Prangen: Mit seiner Lanze brach sein Leben ab. Getroffen stürzt' er und gebrochen hin. Jetzt ziehen schon die Würmer und die Schlangen Ueber die fleischentblößten Knochen hin . . . |
| Es schwang sich der Reiter auf sein schwarzes Roß, Es versammelt sich um ihn der Knechte Troß. Er ist zu den Zelten der Feinde geritten, Und hat dem Samam-Chan den Kopf abgeschnitten. |
| Ich war auf's Feld hinausgegangen, Da sah ich zwei schöne Mädchen wandern, Es schwoll das Herz vor Lust mir. Ich ging von Einer zu der Andern, Ich konnte Keine von Beiden erlangen, Da quoll schwarzes Blut in der Brust mir. | |
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Es wollte keinem schönen Kind Es war das Gras vom Thaue naß | |
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| Um zweier Schönen Augen willen Hat sich mein Herz empört, Um zweier Schönen Augen willen Ist mir das Herz zerstört. | |
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Ich bin alt geworden, schwach und alt, Vor Gram sind meine Wangen erblichen, | |
Stieg der Frühling in die Lande nieder, Im Gebirge scholl ein Klaggestöhn, Weithin schimmerte sein roth Gewand, Kommt das Roß gesattelt, kommt von fern, Weithin tönt der Klageweiber Schrei'n – |