Walther Rathenau. Sein Leben und Wirken
Verlag: Carl Reissner-Verlag | Jahr: 1927
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Rathenau als Minister
Am 1. Januar 1921 hatte Walther Rathenau im »Berliner Tageblatt« einen Neujahrswunsch für die neue Republik veröffentlicht, in dem es hieß: »Weniger Rede, mehr Gedanken; weniger Interessen, mehr Gemeinsinn; weniger Vorsatz, mehr Willen; weniger Wissen, mehr Urteil: weniger Zwiespalt, mehr Charakter.« Was er der deutschen Politik wünschte, das besaß er selbst in seiner politischen Tätigkeit im höchsten Maße, und es begann allmählich einem Teil der politischen Führer klar zu werden, daß es nicht genügte, Rathenau gewissermaßen heimlich hinter den Kulissen mitarbeiten zu lassen, daß er nicht nur Verhandlungen inoffiziell vorbereiten, sondern daß er selbst sie als Vertrauensmann der Regierung verantwortlich leiten müsse.
Indessen war im Londoner Diktat die für Deutschland unmögliche Reparationsleistung von 132 Milliarden Goldmark in jährlichen Zahlungen von 5 bis 4 Milliarden auferlegt worden. Das Londoner Diktat hatte in Deutschland die tiefste Depression hervorgerufen. Rathenau war wieder einmal in der unglücklichen Lage, recht behalten zu haben. Nach Rathenaus Tod berichtete ein Herr Dr. Hermann Reisenegger in der »Vossischen Zeitung« vom 16. Juli 1922 von einem Gespräch im Jahre 1912 mit Walther Rathenau und einigen anderen Herren der chemischen Industrie in einem Schweizer Eisenbahnzug. Es war vom Besuch Lord Haldanes in Berlin die Rede. Dr. Reisenegger und Rathenau waren der Meinung, daß man seine Vorschläge für eine nähere Verbindung zwischen England und Deutschland nicht hätte ablehnen dürfen, die anderen Herren hielten sie für Bluff. Rathenau fragte, ob die Herren sich schon überlegt hätten, was Deutschland ein verlorener Krieg gegen England kosten würde. Man erklärte, daß Deutschland den Krieg eben nicht verlieren dürfe. Rathenau stimmte dem zu, meinte aber, daß man gut tue, immer die schlimmsten Möglichkeiten ins Auge zu fassen, und er sagte: »Glauben Sie nicht, daß, wenn Deutschland den Krieg verliert, ihm etwas geschenkt wird. Im Gegenteil, es muß zahlen, was es hergeben kann. Und wer sind die Kreise in Deutschland, die zahlungsfähig sind? Die Landwirtschaft zahlt nicht, der Bürgerstand auch nicht viel, lediglich die Industrie Deutschlands wird zahlen müssen, das heißt, die Sieger werden die Auftraggeber für unsere Industrie und wir werden Lohnsklaven.«
Derselbe Gedankengang – die Angst, Deutschland zum Lohnsklaven der siegreichen Mächte herabgedrückt zu sehen, hatte ihn veranlaßt, vor Absendung des Waffenstillstandsangebotes zu warnen, oder richtiger, seine Zurücknahme zu fordern. Aus derselben Gedankenfolge heraus hatte er, als seine Warnung unbeachtet blieb, abgeraten, den Versailler Vertrag zu unterschreiben. Nun, da es geschehen und das Londoner Diktat seine harte, aber logische Folge war, nun stellte er sich auf den Standpunkt, daß Deutschland die eingegangenen Verpflichtungen erfüllen müsse, so gut es irgend könne, um so ehrlich den Beweis zu erbringen, daß das Diktat tatsächlich unerfüllbar sei.
Der Reichskanzler Wirth, der das Koalitionskabinett des Zentrums, der Demokraten und Sozialdemokraten leitete, bat Rathenau, in sein Kabinett einzutreten. Die Verhandlungen zogen sich hin, Rathenau war prinzipiell bereit, dem Vaterland jeden von ihm geforderten Dienst zu leisten, obwohl er sich bewußt war, daß er sich persönlichen Gefahren aussetze, wenn er eine in der Öffentlichkeit weit sichtbare führende Stellung einnehme. Denn die von den verschiedensten Seiten, am wirkungsvollsten natürlich von den rechtsgerichteten antisemitischen Organisationen gegen ihn geführte Hetze hatte eine bedrohliche Stimmung geschaffen, und es war ihm wohl bekannt, daß er mit mehr Feinden als Freunden rechnen mußte. Er versicherte sich erst, daß die Aufgabe, die ihn erwartete, so wichtig sei, daß er mit gutem Gewissen die andere Aufgabe in der AEG im Stich lassen dürfe, die er bisher erfüllt hatte. Aber Walther Rathenau hatte im Januar 1919 den Satz geschrieben, daß das Vaterland wieder gutmachen müsse und wolle, was es in Frankreich und Belgien zerstört hatte, – er fühlte sich verpflichtet, den Dienst des Wiederaufbauministers auf sich zu nehmen. Dennoch wurde ihm der Entschluß nicht leicht. Wirth und andere Freunde drängten. Neben seinen Berufspflichten trug er auch die Verantwortung für seine greise einsame Mutter, der er sich nach dem Tode des Vaters noch mehr als vorher widmen wollte. Er fragte sie, ob sie das Opfer bringen würde, mit ihm nach Belgien und Nordfrankreich zu gehen, und sie war dazu bereit. Bei manchem Mittagbrot an ihrem Tisch – der Sohn nahm regelmäßig, trotz der vielen Arbeit, die auf ihm lastete, bis zu seinem Tode die Mahlzeit bei der greisen Mutter ein – wurde hin und wider verhandelt, ob er nachgeben solle oder nicht. Endlich entschloß er sich dazu.
Was ihn vor allem veranlaßte, seine Stellung als Präsident der AEG aufzugeben und das Wiederaufbauministerium zu übernehmen, das war die große Idee, in einer wirklich patriotischen Weise den Wiederaufbau zu veranstalten. Er trug das deutsche Ideal in seiner Seele, das er auch in der deutschen Landschaft sah und von dem er glaubte, daß die deutsche Bevölkerung, durch den Krieg gereift, es ebenso stark und heiß in sich trage. Darum schwebte ihm eine großzügige Wiederaufbauaktion vor, bei der nicht nur ein paar Häuser und ein paar Fabriken wieder hingestellt werden sollten, sondern bei der das zerstörte Gebiet schöner und vollkommener, als es je gewesen, wieder aufgerichtet werden sollte. Er wollte im höchsten Sinne »wiedergutmachen«. Er wollte ein Denkmal deutscher Versöhnlichkeit, deutscher Großherzigkeit, deutscher Seele hinstellen. Nie hat er geglaubt, daß der Materialismus die endgültige Geistesrichtung Deutschlands sein könne. Die Seelenhaftigkeit war ihm untrennbar mit dem Begriff »deutsch« verbunden. Und alles Gegenteilige, was ihm im täglichen Leben begegnete, hielt er für Ausnahme, für Irrtum, – die Seelenhaftigkeit mußte im Grunde doch vorherrschen. In diesem Sinne hatte er schon am 16. Juni 1919 an Erzberger geschrieben (»Briefe«, Nr. 551), daß durch den Wiederaufbau erstens das Verhältnis zu Frankreich geregelt, zweitens der Friedensvertrag korrigiert, drittens die Entschädigung umgestaltet und gemildert, viertens auf die inneren Verhältnisse in Deutschland zurückgewirkt, fünftens Deutschlands moralische Stellung wiedergewonnen werden sollte. Es war eine im höchsten Sinne patriotische und weitblickende Art, den Wiederaufbau zu gestalten, die Rathenau vorschlug.
Er wollte deutsche Künstler, deutsche Gelehrte, deutsche Techniker, deutsche Lieferanten, deutsche Arbeiter und Handwerker zusammenrufen, die bei diesem Aufbau keine Geschäfte machen sollten, sondern nur ihre Leistung in der bescheidensten Weise vergütet verlangen dürften, wenn sie sich an dieser persönlichen Opfertat beteiligen wollten. Rathenau nahm an, daß die innere Einkehr, die ihn in jahrelanger Selbsterziehung und Gestaltung seines Ichs zu seinem Seelenerlebnis geführt hatte, auch im deutschen Volke schon eine allgemeine sein müsse. Er glaubte, daß sehr viele das Verlangen in sich trügen, wieder gutzumachen. Sein Patriotismus, seine Liebe zum deutschen Volke war so groß, daß er in ihm seine eigene Seelenhaftigkeit zu finden erwartete.
Und Walther Rathenau war nicht Phantast und nicht Träumer, wie ihm sehr viele bei diesen Plänen wieder entgegenhielten. Er hatte sehr reale Vorstellungen. Er wußte, daß es besser war, Dinge freiwillig und großzügig zu tun, die man doch würde leisten müssen, aber gezwungen und in kleinlichem Kampf. Er wußte, daß Deutschland der Lohnsklave der Entente werden mußte, und er wollte es durch ein freiwilliges Opfer vom Sklaventum befreien. Durch diesen großzügig geplanten Wiederaufbau wollte er der deutschen Industrie Arbeit, den deutschen Künstlern Beschäftigung, den deutschen Lieferanten Lieferungsmöglichkeiten geben und allen eine nähere friedliche Bekanntschaft mit Frankreich und den Franzosen ermöglichen. Er wollte Friedensarbeit leisten und da er schon während des Krieges immer für eine wirtschaftliche Vereinigung zwischen Frankreich und Deutschland gewirkt hatte, in denen er die natürlichen wirtschaftlichen Bundesgenossen sah, und immer dafür eingetreten war, die Zollschranken zwischen den beiden Ländern einzureißen, so sah er jetzt in dieser Wiederaufbauarbeit die günstigste Gelegenheit, diese wirtschaftliche Einigung zu vollziehen. Alles, was er plante, war nicht für den Tag und für die Stunde, alles war weitblickend und für Jahrzehnte und für Jahrhunderte voraussorgend. Rathenau hatte während der Wilhelminischen Epoche immer den Vorwurf gegen die deutsche Politik erhoben, daß sie zu kurzsichtig und zu wenig einheitlich und großlinig geführt werde. Er selbst wollte diesen Fehler vermeiden, alle seine Arbeiten waren weitblickend.
Diese weitblickende Politik Rathenaus wurde im Kabinett Wirth ergänzt durch die impulsive und ursprüngliche, aufrechte Natur des Kanzlers, durch seine Verantwortungsliebe und seinen Wagemut. Rathenau bildete mit seiner außergewöhnlichen vielseitigen Produktivität den anderen Pol, und diese beiden Männer gaben dem Kabinett Wirth sein Gepräge. Man hatte sich im Kabinett daran gewöhnt, Rathenau immer um Rat zu fragen, ihn zu allem heranzuziehen, so daß er in gewissem Sinne der führende Geist des Kabinetts genannt werden konnte.
Rathenau und Wirth waren sich darin einig, daß beide die Verständigung zwischen Deutschland und den Ländern der Entente suchten, Annäherung und friedliche Lösung der Probleme, die zwischen Deutschland und fast der ganzen übrigen Welt schwebten. Und beide waren loyal in ihren Bemühungen und suchten die Achtung vor der Ehrlichkeit Deutschlands im Ausland wieder herzustellen. Sie wollten keine Versprechungen machen, die sie nicht halten konnten, weder dem Ausland gegenüber noch dem Inland. Das Wort von dem Vertrag, der nur einen Fetzen Papier darstelle, das Bethmann Hollweg in jener Reichstagssitzung nach Kriegsausbruch am 4. August 1914 gesagt hatte, nannte Rathenau das unglücklichste politische Wort, das je gesprochen worden war. Verträge waren ihm bindend, und er forderte, daß sie es allen sein sollten.
Es war für ihn charakteristisch, daß er in seiner ersten Reichstagsrede am 2. Juli 1921 erklärte, daß er weder in der Lage sei, ein Programm zu entwickeln noch einen Bericht zu erstatten – er müsse sich erst einarbeiten. Er erklärte sich in seinem Auftreten vor dem Reichstag als Vertreter des Erfüllungsgedankens und bestand auf der Ansicht, daß Deutschland erfüllen könne, wenn auch unmöglich so, wie es von der Gegenseite gefordert und erwartet werde. Er hatte vor dem englischen Ultimatum gewarnt, weil die Unterschrift wieder ein Versprechen war, – da das Versprechen gegeben, die Unterschrift gesetzt wurde, mußte der Versuch gemacht werden, das Wort einzulösen. Und vor allem mußte für den Frieden gearbeitet, mußte der Friede gewollt werden. Rathenau wandte einmal die charakteristische Wendung an: »Wenn nach hundert Jahren die Geschichte dieser Epoche geschrieben werden wird, wird die Frage sorgfältig geprüft werden: wo wurden die ersten Knoten zum Frieden geknüpft? …« Seine leidenschaftliche Vaterlandsliebe wollte, daß Deutschland dieses erste Land sei, dem in der Geschichte der Ruhmestitel der Friedensliebe zugeteilt würde. Sein geliebtes Land sollte um der Ehre willen, um des Gedankens willen, wieder geachtet und geehrt im Kreis der europäischen Mächte zu stehen, lieber Not auf sich nehmen, als sein Wort brechen.
Damit die Not nicht zu drückend werde, traf Rathenau mit Loucheur, dem »Ministre des régions libérées«, in Wiesbaden zusammen. Rathenau wollte nicht mit seiner schwerkranken Heimat experimentieren, das hatte er schon in seiner Reichstagsrede gesagt, und deshalb wollte er auch keine Versuche einer neuen Wirtschaftsorganisation bei Reparationsleistungen anstellen. Doch da Frankreich und mit ihm alle anderen Länder, die alle dem Generalgläubiger Amerika verpflichtet waren, von dem Generalschuldner Deutschland Goldströme erwarteten, Deutschland aber kein anderes Zahlungsmittel besaß als seine Arbeit, so bemühte sich Rathenau in Wiesbaden, die Goldströme in Arbeitsströme zu verwandeln. Daß selbstverständlich auch aus diesem Grunde heftige Angriffe gegen Rathenau gerichtet wurden, daß die Konflikte, die sich in Spaa bereits gezeigt hatten, sich verschärften, war bei der in Deutschland herrschenden Stimmung, die gegen das Kabinett Wirth im allgemeinen und gegen Rathenau im besonderen geschürt wurde, beinahe selbstverständlich. Rathenau schrieb darüber an seinen Freund Schwaner: »Angriffe haben mich niemals beirrt. Die Art der Angriffe betrübt und beschämt mich, nicht weil sie mich treffen, sondern weil sie in Deutschland möglich sind und geschehen. – Du weißt, daß ich niemals einem Menschen Übles vergolten und niemals einen Menschen persönlich angegriffen habe. Niemals habe ich eine dargebotene Hand zurückgewiesen. – Heute weniger denn je. Ich achte jede Überzeugung, ich buhle um niemandes Gunst, ich hänge weder an meinem Amt noch an persönlichen Wünschen. Mein höchstes Glück wäre es, die Zeit zu erleben, wo Deutschland seinen inneren Hader vergißt und als wahrhafte Volksgemeinschaft zusammenhält.«
Im Reichswirtschaftsrat berichtete Rathenau am 27. Juli 1921 über den Wiederaufbau und stellte seine Möglichkeiten und seine Bedingungen dar. Der Gedankengang, den er in seiner Jugend in der »Physiologie der Geschäfte« formuliert hatte, daß nur die Geschäfte gut seien, bei denen beide Kontrahenten einen Gewinn haben, den vertrat er auch hier. Aber mit diesem so einleuchtenden und ehrlichen Grundsatz schien man nicht einverstanden. Und vor allem fürchtete man von Rathenau eine Art »Planwirtschaft«. Man mißtraute ihm, und in der Zeitschrift »Der Unternehmer« hieß es am 15. August 1921: »… daß man, allen gegenteiligen Versicherungen zum Trotz, von Rathenau auch in der Zukunft nur das Allerschlimmste erwarten kann.«
Im Inlande also wurde, so wie bei den Unternehmern, so auch in anderen Kreisen auf das Energischste gegen Rathenau gewühlt und gehetzt. Man hatte den Satz erfunden, – wirklich erfunden, – den Rathenau ausgesprochen haben sollte, daß wir, daß Deutschland also zahlen könne, wenn es nur wolle. Man behauptete, daß er das in seiner ersten Reichstagsrede gesagt habe: »Wir, Deutschland, können zahlen, wenn wir nur wollen«. Der Passus in seiner Rede, auf den man sich da bezog und den man entstellte, lautete: »Wenn ein Papier die Unterschrift meines Hauses oder meines Namens oder gar meines Volkes trägt, dann betrachte ich diese Unterschrift als meine Ehre und die Ehre meines Landes. Ich halte sie (die Reparation) nur für erfüllbar, wenn wir entschlossen sind, uns in tiefe Not zu begeben. Zwischen Nichterfüllen und Erfüllen liegt der Faktor der Not. Es gibt keine absolute Unerfüllbarkeit, denn es handelt sich lediglich darum, wie tief man ein Volk in Not geraten lassen darf. Die zwei Milliarden habe ich niemals als unerfüllbar bezeichnet, die Unerfüllbarkeit, von der ich sprach, liegt nicht in der Zahl der zwei Milliarden, sondern in der Härte des Index, und diese Härte, glaube ich, kann gemildert werden. Das ist mein Standpunkt. – Ich halte es nicht für richtig, daß man sagt: Wir wollen einmal sehen, wie weit wir kommen. Wenn man etwas Schweres vor sich hat, dann muß man sagen: ich will es unter allen Umständen.« Und das ist ein völlig anderer Gedankengang als der, den man Rathenau unterschob. Aber wieder nützte es nichts, daß er aufklärte und richtigstellte, wie er es auch auf der Tagung des Reichsverbandes der deutschen Industrie in München am 28. September 1921 tat. Das alte römische Wort von der kecken Verleumdung, von der doch immer etwas hängen bleibt, fand, wenn irgendwo, so im Falle Rathenau seine Bestätigung.
Auf dieser Tagung setzte Rathenau auch das eigentliche Problem auseinander, das das gefährliche Friedensdiktat der Weltwirtschaft gestellt hatte und das sie nun beschäftigte. Im Friedensdiktat war Deutschland zu Zahlungen verurteilt worden. Da Deutschland aber weder Gold noch Rohstoffe besitzt, so kann es nur in Arbeit zahlen. Die Arbeit, die Deutschland hervorbringt, muß, wenn die Zahlungen geleistet werden sollen, exportiert werden. Diese exportierte Arbeit strömt auf den Weltmarkt, wo die Gläubigerstaaten nach dem Krieg ohnedies das Problem einer ungeheuren Arbeitslosigkeit zu bewältigen haben. Durch die zuströmende Arbeitsleistung Deutschlands wird die Arbeitslosigkeit in den Ententeländern noch gesteigert, wo die Zahl der Arbeitslosen der der Kriegsteilnehmer ungefähr gleichkommt. Rathenau berechnete, daß von den fünf Millionen Arbeitslosen der Entente eine Million durch die deutsche Arbeit ernährt werde, und daß dies den gegnerischen Ländern nicht viel nütze, während das Elend, in das Deutschland durch diese erzwungenen Lieferungen gerate, das Weltelend noch vermehre. Durch den Wiederaufbau wollte Rathenau sich bemühen, zu der Lösung dieser Probleme beizutragen, doch erkannte und zeigte er zugleich alle Schwierigkeiten, die dem Aufbau und den Reparationszahlungen wieder entgegenstanden. Dennoch hielt er die Aufgabe nicht für unlösbar, denn er erkannte die starken produktiven Kräfte im deutschen Volke, die er Organisation, Disziplin, Wissenschaft, Sachlichkeit, Arbeit und strengste Pflichterfüllung nannte, und er glaubte an ihre Lebenskraft und durch sie an eine schließliche Lösung aller Probleme, denn: »Auf die Dauer kann nicht der Reichtum, kann nicht die politische Macht entscheiden, auf die Dauer gibt es nur eines, was entscheiden kann: innere Kraft, sittlicher Wille und ideelle Werte.«
Daß Deutschland unter dem Kabinett Wirth ehrlich für Frieden und Verständigung zu wirken bestrebt war, wurde im Ausland erkannt und anerkannt, es veranlaßte aber leider weder Frankreich noch England, noch den Völkerbund, Oberschlesien bei Deutschland zu lassen. Gegen alle Rechtsanschauungen in Deutschland, gegen die Bestimmungen des Versailler Vertrages, gegen die Abstimmungsresultate, wurde Oberschlesien von Deutschland getrennt und mit Polen vereinigt. Darauf wurden von den Demokraten zwei ihrer Minister demonstrativ zurückgezogen. Rathenau war einer davon. Es war erst geplant, den Reichswehrminister Geßler von der Demokratischen Partei aus dem Kabinett zurückzuziehen. Obwohl Rathenau nicht als politischer Minister von der Partei, sondern als rein sachlicher Verwalter seines Postens, wie er selbst in seiner ersten Reichstagsrede hervorgehoben hatte, zum Wiederaufbauminister berufen worden war, hielt man damals doch das Verbleiben Geßlers an seinem Posten für wesentlich wertvoller, und so legte Rathenau aus Parteidisziplin sein Amt nieder.
Seine Freunde und Anhänger begrüßten das, weil sie in all der Zeit, die er Minister war, um seine persönliche Sicherheit bangen mußten. Ich habe immer wieder darlegen müssen, daß gegen Rathenau gehetzt wurde, ich habe es aber im allgemeinen vermieden, auf das Wie allzusehr einzugehen. Daß die Hauptwaffe gegen ihn immer wieder in seinem Judentum gesucht und gefunden wurde, ist selbstverständlich. In den letzten Jahrhunderten hat kaum eine nationale Bewegung, wie jeder Krieg sie darstellt, anders als mit einem heftigen Judenhaß und mit Judenverfolgungen geendet. Je bedeutender und an je hervorragenderer Stelle ein Jude stand, desto gefährdeter mußte er scheinen. So hatten alle Anhänger Rathenaus bei seinem Rücktritt aus dem Kabinett geteilte Empfindungen. Um Deutschlands willen bedauerten alle, die seine Größe und seinen Charakter erkannt hatten, seinen Rücktritt, um seinetwillen waren alle, die ihn verehrten, glücklich, ihn der unmittelbarsten Gefahr entrückt zu sehen.
Trotzdem entzog sich Rathenau der Regierung nicht, die ihn immer wieder suchte und heranzog, weil Wirth erkannt hatte, daß er in Deutschland keinen zu diesen Aufgaben befähigteren und geeigneteren Mann finden konnte. Noch im November und Dezember 1921 ging Rathenau auf Wirths Wunsch nach London in der Absicht, England von Deutschlands gutem Willen zu überzeugen und eine britische Anleihe für Deutschland zu beschaffen. Diese Anleihe sollte den Reparationszahlungen dienen, sie wurde aber nicht gewährt, weil man in der Londoner City die Lage Deutschlands eben durch die Reparationen für zu gefährdet hielt. Indessen wurde in Verhandlungen mit Lloyd George das Projekt von Chequers besprochen, das den gemeinsamen Wiederaufbau Rußlands durch alle europäischen Staaten plante, wobei auch Deutschland mit einbezogen werden sollte. Dieses Projekt war der erste Schritt zu den »Vereinigten Staaten von Europa«, die Rathenau für ein durch die zwangsläufige Entwicklung notwendig zu schaffendes politisches Gebilde hielt. Gedanken wurden in London verhandelt, die viel später dem Vertrag von Locarno zugrunde gelegt wurden, wie Herr Dr. Simons, damals Rathenaus Sekretär, berichtet. Rathenau ging dann nach Paris, wo seine Vorstellungen geringeren Anklang fanden, aber dennoch wurde dieser Plan Anlaß für die Konferenz von Cannes, bei der Rathenau als Vertreter Deutschlands seine große Rede hielt, in der er die Unmöglichkeit, die Londoner Forderungen zu erfüllen, vor der ganzen Welt feststellte. Es wird erzählt, daß er in Cannes als Beweis für die wirtschaftliche Zahlungsfähigkeit Deutschlands, die viel geringer sein müsse als die absolute Zahlungsfähigkeit, erklärt habe: »Ich habe ein Pferd und für dessen Fütterung sechs Sack Hafer. Mein Freund, dem ich Geld schuldig bin, verlangt von mir, ich solle ihm meine Schulden mit dem Hafer bezahlen. Er fordert meine gesamten sechs Sack, denn das sei meine absolute Zahlungsfähigkeit. Ich will ihm aber nur einen Sack geben, weil sonst mein Pferd verhungern müßte; das wäre also meine wirtschaftliche Zahlungsfähigkeit. Das Pferd ist nun leider Deutschland. Die Entente aber ist mein Freund.«
In Cannes wurde zum erstenmal Deutschland gehört, bis dahin hatte man ihm immer nur diktiert. Daß Rathenau zu Worte kam, und somit Deutschland selbst sprechen durfte, war nur seinen geschickten Vorverhandlungen in London und Paris zu verdanken. Er erklärte, daß Deutschland nur drei Möglichkeiten habe, um seinen Verpflichtungen nachzukommen. Entweder es müsse die Substanz des Landes verkaufen, – das bedeute die Verkrüppelung, den Ruin Deutschlands; oder es müsse eine auswärtige Anleihe aufnehmen, – das wurde in London abgelehnt, weil die Lasten, die Deutschland zu tragen habe, zu drückend seien; oder es müsse die deutsche Währung ausverkaufen, – die Folge von diesem Vorgehen war der Streik der Markkäufer, die sich weigerten, das entwertete Geld zu kaufen, so daß ein ungeheurer Marksturz als Folge eintrat. Rathenau erklärte die deutsche wirtschaftliche Lage so, daß sie eine versteckte Arbeitslosigkeit bedeute. Denn nach Rathenaus eingehender Berechnung müssen drei bis vier Millionen Menschen eine Arbeit leisten, die früher nicht nötig war, und die dem Lande nicht zugute komme, sondern nur dazu diene, den Zustand von vor dem Krieg einigermaßen wiederherzustellen. Fast ein Fünftel des gesamten Arbeitsaufwandes wird also gewissermaßen umsonst geleistet. Rathenau erklärte, wie ungeheuer schwierig die Lage für Deutschland sei, für ein Land, das erst einen Krieg verloren, dann eine Revolution durchgemacht habe. Trotzdem sei es Deutschland bisher möglich gewesen, der völligen Desorganisation zu entgehen. Darum sei es auch bereit, an der Aufgabe teilzunehmen, die die europäischen Großmächte sich auf der Konferenz von Cannes gestellt hatten, nämlich an dem gemeinsamen Wiederaufbau von Rußland und damit von ganz Europa.
Die Konferenz von Cannes nahm ein vorzeitiges Ende durch den Sturz Briands. Aber die Konferenz von Genua war ihre nächste und unmittelbare Folge, und auf dieser sollte Rathenau wieder als Außenminister die deutsche Republik vertreten. Bei der Stellung, die er sich bei den Führern der Siegermächte schon erworben hatte, durfte man hoffen, daß die Genueser Konferenz einen entscheidenden Punkt auf dem Wege Deutschlands zum wirklichen Frieden bedeuten werde.
Als Walther Rathenau dem Drängen Wirths nachgab und das Ministerium des Äußeren übernahm, hatte er sich gescheut, seine alte Mutter mit dieser Nachricht zu erschrecken und aufzuregen. Als die Verhandlungen so weit gediehen waren, daß er sich entscheiden mußte und er sich zum »Ja« entschieden hatte, erfuhr seine Mutter die Nachricht aus der Zeitung, die der Sohn ihr selbst mitzuteilen vermieden hatte. Als Rathenau zum Mittagbrot wie gewöhnlich zu seiner Mutter kam, saßen sie beide einander gegenüber und stocherten an ihrem Essen herum, bis endlich die Mutter fragte: »Walther, warum hast du mir das angetan?« Und er antwortete: »Mama, ich mußte es ja, weil sie keinen anderen gefunden haben.« Es wurde nichts weiter darüber gesprochen an diesem Tage. So dürfte die Behauptung irrig sein, daß Rathenau sich zu dem Ministerposten gedrängt habe; er ließ sich vielmehr lange suchen und ungern finden.