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Walther Rathenau. Sein Leben und Wirken

von Etta Federn-Kohlhaas

Verlag: Carl Reissner-Verlag | Jahr: 1927

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Kapitel 14

Politisches und soziales Wirken

Im April 1919 schrieb Rathenau seine Flugschrift vom »Neuen Staat«. Ihr Inhalt war neu und verblüffend. In dem Augenblick, da eine Demokratie jüngsten Datums im Begriff stand, sich ihre Verfassung zu geben, wurde ein Entwurf einer ganz neuen, neuartigen Verfassung vorgelegt.

Rathenau sagte im »Neuen Staat«, daß die äußere Form des Staates, ob er monarchisch oder republikanisch, demokratisch oder plutokratisch oder feudal regiert werde, im Grunde ganz gleichgültig sei. Denn immer würden die politischen Mittelpunkte, die diese Staaten sich unter allen Umständen geben müssen, die gleichen Funktionen haben und sie in ziemlich ähnlicher Weise ausüben. Immer würden sie die eigentlich politische Leitung, die über Krieg und Frieden zu entscheiden hat, in Händen haben müssen. Rathenau war kein »Pazifist« in dem Sinne einer politischen und internationalen Parteizugehörigkeit. Er glaubte an die menschliche Entwicklung, er glaubte, daß sie von Barbarei zu Menschentum führen müsse, dem er den viel mißbrauchten Namen Kultur nicht gerne geben mochte. Er glaubte an Evolution, der er den Namen der »Hundertjährigen Revolution« gab; und er war ihr Anhänger und Vorkämpfer. Darum glaubte er nicht an das sofortige oder nur baldige Aufhören der Kriege und trat auch nicht dafür ein, sondern er strebte nach dem Erwecken einer neuen Gesinnung, nach der Verbreitung von Einsicht und Erkenntnis. Er wollte nicht das Symptom bekämpfen, als welches ihm die Kriege erschienen, sondern er wandte sich gegen die Ursache, die er in der Gesinnungs-Barbarei der Menschen sah.

Rathenau war auch ein Gegner des parlamentarischen Systems, das der Ausdruck der herrschenden Demokratie ist, oder vielmehr, er glaubte nicht an die Wirksamkeit und an den Einfluß des Parlamentes, wie es heute in mehr als zwanzig Ausgaben im Deutschen Reich besteht. Er war für eine Art Standes- und Berufsparlament, für das Parlament und die Parlamente der Wirtschaft und der Industrie, die er schon in seinen Schriften von der »Neuen Wirtschaft« und der »Autonomen Wirtschaft« gekennzeichnet hatte. Ebenso wollte er ein Parlament, oder wie er es nannte, einen Staat des Unterrichtswesens, der Rechtspflege, des Heilwesens, des Ackerbaues, kurz, Staaten oder Parlamente aller Beziehungen und Verhältnisse der Menschen untereinander. Nicht an eine Wiedererweckung des mittelalterlichen Gilden- und Innungswesens dachte er, nicht an Interessenkampf und Interessenschutz irgendwelcher Erwerbsgruppen und ihrer Mitglieder. Nein, Selbstverwaltung aller lebenswichtigen Faktoren eines großen und vielfältigen Reiches sollte statthaben, und diese Selbstverwaltungen sollten miteinander in Fühlung treten, einander ergänzen, und vereint für das Ganze wirken und arbeiten. Alle diese Einzelstaaten oder Parlamente im Staat sollten dem politischen Gesamtstaat oder Parlament untergeordnet sein. Diese Verfassungsform schaltete einerseits allen Partikularismus der Länder aus und machte andererseits unseren Reichstag überflüssig und setzte an seine Stelle lauter fachlich verbundene und gegliederte Einzelparlamente. Aus der Demokratie, die heute angeblich herrscht und die in Wirklichkeit immer eine Oligarchie sein muß, ist die Organokratie geworden, von der Rathenau schon in den »Kommenden Dingen« gesprochen hatte. Rathenau nannte diese Verfassung die einzige Möglichkeit, um einem politisch so unreifen Volk wie das deutsche gesunde Existenzbedingungen zu schaffen. Immer freilich ist Voraussetzung für diese Entwicklung, daß die Gesinnung geweckt werde, die den persönlichen Interessenkampf der Allgemeinheit zuliebe zu überwinden bereit ist. Daß die Gesinnung erwache, die Eigensucht, Geldgier, Machtverlangen lächerlich und verächtlich findet.

Auch diese Schrift enthält eine scharfe Kritik der Revolution, von der Rathenau schon damals, schon 1919 sagte: »Die Revolution versimpelt. Lohn, Gehalt und Stellung sind ihr Inhalt, Spießigkeit ihre Form. Die neu sich erhebenden Forderungen von links (es handelt sich um das Rätesystem, dem Rathenau durch seine Fachparlamente gerecht werden wollte, indem er es organisch umbildete und Klasseninteressen in Volksinteressen zu verwandeln suchte), sind unschöpferisch, wie die von rechts; der Kampf ist der alte mit roheren Formen. Ein Zufall entscheidet, ob wir der Diktatur oder der Wirrnis entgegentreiben.« Und weiter heißt es: »Sind wir noch eine Nation? Was wir mit tausend Eiden geschworen, ist vergessen. Gleichmütiger hat sich noch kein Volk erniedrigen und zerstücken lassen. Weimar redet, Kommissionen reisen, das Land feiert, Spartakus putscht, Berlin tanzt.« Und es schien Rathenau ganz gleichgültig, ob Spartakus von links oder ob Hitler von rechts putsche, Hitler, der damals noch Kapp und Baltikum hieß. Alle diese um persönliche Macht, um die Macht einer Gruppe, um Stellung, Ansehen einzelner im Einzelinteresse geführten Kämpfe richteten sich gegen die Allgemeinheit und waren daher antinational. Sie wurden auch nicht anders, wenn sie im Namen des Nationalismus geführt wurden und Ansehen und Gedeihen der Nation schädigten.

Rathenau wußte, daß auch seinem Plan eines »Neuen Staates« der Ruf: »Utopie!« – »Unmöglich!« – »Dilettantismus!« entgegenschallen werde. Er war ihn gewöhnt und er schreckte ihn nicht. Die innere Wahrheit, die seine Autorität war, zwang ihn auszusprechen, was er als äußere Wahrheit erkannt hatte. Er mußte seinen Erlebnissen und Anschauungen Stimme und Wort leihen und konnte nur hoffen, daß man ihn verstehen werde. Wenn man begreifen will, was Rathenau in diesen Jahren der sogenannten Revolution, die er in sich zusammenbrechen sah und der er so gern Inhalt und Idee gegeben hätte, gelitten und ertragen hat, dann muß man sich einen Arzt vorstellen, der bei einer Epidemie seine Volksgenossen und seine Nächsten dahinsiechen sieht. Er kennt das Heilmittel, das die Seuche bricht, er trägt es in der Tasche, er verkündet es, schreit es laut aus, aber man verlacht ihn als Narren, als Quacksalber, als Scharlatan, als Utopisten. So erging es damals Rathenau.

Noch eine Schrift sandte er aus, die er im Juli 1919 verfaßte: »Die neue Gesellschaft«. Es ist ein hartes Buch, das härteste wohl, das Rathenau veröffentlichte. Er teilt das Merkmal der Gesellschaft nach vollzogener Sozialisierung mit: das arbeitslose Einkommen hat ein Ende. Da aber in Natur und Geschichte keine hundertprozentigen Lösungen vorkommen, so wird es auch in der bestsozialisierten Gesellschaft arbeitsloses Einkommen immer nur nicht geben sollen. Heimlich und versteckt wird es auch weiter sein Dasein führen, nur wird es nicht so hoch geachtet sein. Die sozialisierte Gesellschaft, deren Merkmal ein materielles ist, wird auch ihr Leben ganz materiell gestalten. »Da Kultur eine Giftblüte zu sein scheint, die nur in der Sonne des Reichtums auf dem Sumpf der Armut gedeiht, so muß und soll sie zugrundegehen. Unser Gewissen erträgt nicht mehr den Glanz der wenigen auf Kosten des Elends von vielen, In der sozialisierten Gesellschaft werden die Stände, die heute Deutschlands Bildung tragen, fast alles verlieren, und die Proletarier dennoch kaum Sichtbares gewinnen. Um dieses kaum Sichtbaren willen aber müssen wir den harten Weg schreiten und werden ihn freudig und willig schreiten; denn aus dem anfänglich unscheinbaren Gut der restlosen Gleichberechtigung erwächst die Gewalt der Menschenwürde, der menschlichen Verbundenheit und Einheit.« Um dieses Werk zu vollenden, wird die menschliche Entwicklung ein Jahrhundert brauchen, doch lohnt das Werk, und darum wird der schwere Weg gern beschritten werden.

Rathenau legt nun den Querschnitt durch die sozialisierte Gesellschaft und setzt voraus: »Erstens, daß technischer Fortschritt unsere Deklassierung und Distanzierung gegenüber dem Auslande bis zu einem erträglichen Verhältnis ausgleicht; zweitens, daß durch eine gewaltige und rechtzeitige Reform des Erziehungs- und Bildungswesens, deren geringster Aufwand auf etwa drei Milliarden zu schätzen ist, der völlige Kulturbruch verhütet ist. Diese Reform muß frühzeitig eingesetzt haben, nach vollzogener Tatsache ist ihre Bewilligung unwahrscheinlich. Eine dritte, weniger optimistische dafür um so wahrscheinlichere Voraussetzung tritt hinzu: daß die westlichen Gebiete einen stetigeren und entsprechend langsameren Gang der Sozialisierung einschlagen.«

Wenn jeder wenigstens dem Gesetz und der Theorie nach angestellt ist und für seine Leistung ein Gehalt erhält, womit er nach Belieben verfahren darf, das er nur nicht als Kapital auf Zins anlegen kann, so kann er doch nicht gehindert werden, mehr als das Mindestmaß seiner Leistung zu arbeiten, Nebenarbeit zu leisten, Tauschgüter zu erwerben, die er verspielen und verwetten kann. Es wird Gewinn und Verlust, Verleihen und Borgen geben, Schmuggel- und Schiebertum werden blühen. Solange sich nicht die Gesinnung der Menschen ändert, solange nicht die allgemeine Geistesrichtung oder wenigstens die Geistesrichtung einer Vielheit auf Besitzfreiheit und Dienst an der Allgemeinheit geht, wird es immer noch Reichere und Ärmere und arbeitsloses Einkommen geben. Die Einkommen werden sich ganz verschieden gestalten. Seltenheitswerte werden am höchsten bezahlt werden. Freilich wird Seltenheitswert, namentlich in der Kunst, nicht nach dem Maßstab gebildeten individuellen Geschmackes bestimmt werden, sondern nach dem Abstimmungsurteil einer Mehrheit. Aufwand und Luxus wird es auch dann noch geben, aber nur Schieber, gewissenlose Abenteurer und einige wenige Glückspilze, die aber auch keinen inneren Zusammenhang mit dem Luxus haben, werden ihn betreiben können. Auch weiterhin, in dem sozialisierten Deutschland, wird es eine geschichtete Gesellschaft geben, und die ersten Schichten werden aus dem feudalen, dem Beamtenadel und den Nachkommen der ehemals geistig und wirtschaftlich Führenden und Hochgestellten bestehen. Auch Landwirte und selbständige Bauern werden vermutlich eine Schicht bilden. Innerhalb dieser Schichten wird es überall Spannungen und Spaltungen geben, überall wird man auf eine Gelegenheit warten, um eine Wendung in den Verhältnissen herbeizuführen. Die Lebensbedingungen werden sich verschlechtern, die Qualität der Erzeugnisse verringert sich, billige Lohnarbeit wird vorherrschen.

Jede Revolution erzeugt neue Revolutionen. Hinter dem dritten Stand wartete der vierte und hinter dem vierten wartet jetzt schon, noch ehe seine Revolution wirklich vollzogen ist, der fünfte und sechste. Jede emporsteigende Revolution wirft der vorigen ihre Blutherrschaft vor und wartet selbst nur auf den Augenblick, da sie ihre eigene Blutherrschaft errichten kann. Die nur scheinbare Gerechtigkeit des sozialisierten Reiches wird einen bitteren Haß hervorrufen und den bittersten zwischen denen, die auf das Innigste verbunden sein müßten, zwischen den Kopfarbeitern und den Handarbeitern.

Die Gesellschaft wird arm sein, auch wenn der einzelne eine gewisse Wohlhabenheit und manche sogar Reichtümer besitzen. Die Bedürfnisse werden sich nicht vereinfachen, somit wird nur eine andere und nicht geschmackvollere Art gefunden werden, um sie zu befriedigen. Die Dinge des Gebrauches werden normalisiert und typisiert werden, aber nicht nach Vorbildern eines guten und gebildeten Geschmackes. Der Geschmack der Masse wird herrschen, und wir werden in Scheußlichkeiten, ordinärem Ornament, in »Bazargreueln und Scherzartikeln« ersticken. Der entschuldbare Teil des Luxus, Kunstliebe und Kunstpflege, hört schneller auf als der unentschuldbare. Man wird nach Nützlichkeit fragen, nicht nach Schönheit, und die einzige Lichtseite dieses schönheitsleeren Daseins wird ein gewisser Kollektivaufwand, eine Pflege des öffentlichen gemeinsamen Lebens bilden. Nur in den öffentlichen Einrichtungen finden sich noch Aufgaben für die Kunst, aber auch diese werden nach Mehrheitsbeschluß ausgeführt werden müssen. Es wird keine Autoritäten des Geschmackes, der Bildung, des Denkens geben, alles wird von Gleichberechtigten nach dem Gesetz der Mehrheit bestimmt werden, wie die Mehrheit es beurteilt. Nur Fragen der Nützlichkeit, der Aktualität werden behandelt werden. Die Reklame und Propaganda gleitet aus der Wirtschaft, wo sie überflüssig geworden ist, in die geistigen Dinge hinüber. An die Stelle deutscher Kultur, deutschen Geschmackes, deutscher Geistigkeit tritt ein Zustand, wie wir ihn in manchen Teilen Amerikas und Osteuropas vorgebildet finden. Diese Gesellschaftsform wird höher kultivierten, ernsten und urteilsfähigen Menschen als Hölle erscheinen müssen.

Aber diese Hölle ist die gerechte Strafe für die Gleichgültigkeit, die Verständnislosigkeit, die Verblendung, mit der die gehobenen Stände jahrzehntelang die Not des Proletariats mit angesehen haben, – denn ein großer Teil des Proletariats wird in den Zuständen, die den Gebildeten als Hölle erscheinen, ein Paradies erblicken. Doch wir können diese Hölle durchgeistigen, und dann hört sie auf, eine Hölle zu sein. Wenn wir unsere Geistigkeit umstellen können, dann ist eine andere Entwicklung vorauszusehen. Wenn die Nation erwacht, wenn im Leben des Volkes ein ähnlicher Vorgang eintritt, wie das Erwachen der Männlichkeit im Einzelleben, dann ändert sich das ganze Bild. Wir müssen aus eigener Kraft und eigenem Wollen uns die Idee geben, in deren Dienst wir das Leben unseres Volkes stellen wollen. Wir müssen es aus eigener Kraft, sagt Rathenau, denn uns erstehen keine Führer und keine Propheten, die uns diese Idee auferlegen könnten.

Unsere Negation der vorigen Epoche erweckt nicht automatisch, wie es bei der französischen Revolution der Fall war, eine neue vorgebildete und vorbereitete Kultur zum Leben. Wir müssen aufbauen, nachdem wir eingerissen haben. Und wir müssen Opfer bringen für die neue Geistigkeit. Träger dieser Opfertat wird jene Schicht unserer Gesellschaft sein müssen, die fähig ist, die Bedeutung ihrer Aufgabe zu erkennen. Sie ist der Masse des Volkes gegenüber nicht so verfeindet, wie sie in sich selbst zerklüftet und gespalten ist, aber dennoch wird sie die Aufgabe auf sich nehmen, nicht weil sie Vermögen besitzt, sondern weil ihr die Überlieferung eigen ist, die sie weitergeben muß. Sie wird diese Überlieferung nicht im Klassenkampf weitergeben können und nicht als ein Gnadengeschenk, das Höhergestellte der Untertanenschicht übergeben, wie sie sie herabsetzend nennen. Nicht aus Mitleid und nicht aus Mißachtung darf diese Opfergabe kommen. Sie muß freiwillig sein und aus Liebe dargebracht werden und die Empfänger müssen willens sein, sie aufzunehmen. Ein Akt gemeinsamen Wollens muß Empfänger und Gebende verbinden. Heute glaubt die Oberschicht noch, daß sie die alten Verhältnisse und Beziehungen wieder herstellen wird, wenn sie es nur geschickt anfängt, ja, daß sie es wieder erreichen wird, daß man eine Oberschicht und Untertanen unterscheide. Aber Walther Rathenau sagt, daß diese Hoffnung irrig ist. Nie wieder kehren die alten Verhältnisse zurück und nie wird eine Gesellschaftsordnung wie die frühere erwachsen. »Wir werden sehend«, hieß es in den »Kommenden Dingen«. Je länger noch die Verblendung der oberen Klassen andauert, die bisher das Bildungsmonopol besaßen und es weiter für sich bewahren wollen, desto härter, desto erbitterter, desto gefährlicher wird der Kampf werden, desto weniger wird man von geistigen Gütern retten können, die doch die einzigen wirklichen Güter sind.

Rathenau meint nicht die Einrichtung von Volkshochschulen, Vorträgen und volkstümlichen Konzerten für das Proletariat, wenn er von dieser Opfergabe der Kultur spricht. Er hielt wenig von dem allen und glaubte nicht an die sogenannte Bekämpfung der Klassengegensätze. Er wollte das System der zweischichtigen Bevölkerung von Grund auf geändert wissen. Die mechanische, die Handarbeit, die in der heutigen Form der geistlosen Arbeitsteilung durch die Mechanisierung nicht mehr aus der Welt zu schaffen ist und nicht durch Handwerk ersetzt werden kann, wenn nicht die Bevölkerungsdichte so herabsinkt, daß sie dasselbe Verhältnis zur Bodenfläche hat wie im Mittelalter, muß mit der Möglichkeit geistigen Aufstieges rechnen, können, die die Handarbeit heute nur in der Theorie besitzt. Nicht Verkürzung der Arbeitszeit wird da ausreichen. Den in Amerika möglichen Weg der Lohnsteigerung verbietet unsere Armut, und jede Lohnsteigerung zieht eine Erhöhung der Preise nach sich, die sie wertlos macht und in sich selbst aufhebt, so daß die Besserung nur eine scheinbare und eine Selbsttäuschung ist. Aber die Arbeitszeit muß jedenfalls so verkürzt werden, daß jedem Handarbeiter Zeit zu geistiger Betätigung bleibt, während jeder Geistesarbeiter zu mechanischer Arbeitsleistung mitverpflichtet sein soll. Alle Bildungsmöglichkeiten müssen allen eröffnet werden und in beiden Schichten darf nur die Befähigung entscheiden, in welche Berufskategorie ein Mensch kommen muß, und zugleich müssen ihm die Lebensbedingungen geschaffen werden, die es ermöglichen, daß von jedem höchste Qualitätsleistungen erreicht werden. Da der Zusammenbruch des Krieges durch die Militärrevolte die soziale Revolution bei uns verfrüht herbeigeführt hatte, durfte Rathenau annehmen, daß sie in den anderen Ländern des europäischen Westens langsamer eintreten werde, aber er war sich bewußt, daß die soziale Revolution unerbittlich überall kommen wird. Dem deutschen Volke wollte er für diese Epoche hundertjährigen sozialen Kampfes, den er voraussah, Arbeits- und Bildungsmöglichkeiten gewährleisten, die ihm Stetigkeit und Qualitätsleistung in einer Zeit verbürgen sollten, in der die Nachbarn durch Kämpfe in sich selbst zerrieben waren.

Um diese Stetigkeit zu erreichen, mußte vor allem die Aufhebung des Monopols erblicher Bildung erfolgen. Wer befähigt ist, soll sich Bildung erwerben können, nein, müssen, denn keine geistige Kraft darf unentwickelt, unausgenützt oder gar mißbraucht bleiben. In dem Augenblick, in dem sich die Klasse, der Stand der erblichen Bildung freiwillig entschließen könnte, aus Liebe zum Volksganzen auf das Bildungsmonopol zu verzichten, in dem Augenblick, da nicht mehr minderbegabte Nachkommen geistig tätiger Eltern in geistige Berufe gepreßt würden, zu denen sie nicht fähig sind, weil ja nicht der Geist, sondern nur der Stand vererbt wurde, in dem Augenblick würden die begabten aber unbemittelten Kinder proletarischer Eltern in die Reihen einrücken können und müssen, die ihnen bisher verschlossen waren. In diesem Augenblick wäre die geistige Revolution vollzogen, eine neue Ära neuer Geistigkeit könnte entstehen, und statt der vorher geschilderten geistlosen einschichtigen Gesellschaft, die die Hölle ist, könnte eine geisterfüllte einschichtige Gesellschaft entstehen, die kein Paradies wäre, aber im höchsten Sinn soziale Lebensmöglichkeiten bieten würde.

Das freiwillige Geschenk forderte Rathenau, das auf einmal aus ganzem Wollen dargebracht wird. Was langsam und unwillig abgerungen oder nur mißliebig geboten wird, das nützt nichts, auch wenn die Wohltätigkeitsgabe einiger Vorträge und einiger Konzerte es zu schmücken sucht. Die Gabe muß freiwillig dargebracht sein, und sie wird es werden, schon weil bei der Wahl zwischen militärischer, merkantil-kapitalistischer, demagogischer und bildungsgemäßer, auf Geist und Charakter beruhender Herrschaft nur die geistige Herrschaftsform gewählt werden kann. Rathenau sagt: »Die deutsche Idee der Geistbildung wird uns etwas erwirken, das wir seit einem Jahrhundert nicht mehr gekannt haben und dessen Tragweite wir nicht ermessen: freiwillige Anerkennung, Förderung und Gefolgschaft. Wir wissen nicht, was es bedeutet, wenn solche werbenden Kräfte einem Volke zur Seite stehen, wie Frankreich in seiner Formengebung, England und Amerika in der Zivilisation und Demokratie und Rußland in der slavischen Orthodoxie, die Neutralstaaten in ihrem Internationalismus besessen haben.« Und weiter sagt er: »Das Ziel der Weltrevolution, in die wir getreten sind, heißt, physisch betrachtet, Einschichtigkeit der Völker, transzendental betrachtet heißt es Erlösung. Erlösung der Unterschichten zur Freiheit und zum Geiste. Niemand kann sich selbst, doch jeder kann jeden erlösen. Stand um Stand, Mensch um Mensch, so erlöst sich ein Volk. Doch bei jedem bedarf es der Bereitschaft und bei jedem des guten Willens.« Und auf diesen hoffte, an ihn glaubte Rathenau trotz aller persönlicher und politischer Enttäuschungen.

Bald nachdem Rathenaus Schrift von der »Neuen Gesellschaft« erschienen war, erkrankte er. Es war wohl, wie man sagt, nur eine Grippe, aber die Krankheit schwächte ihn sehr und er brauchte lange, bis er sich erholte. Er war damals Todesgedanken noch zugänglicher als sonst wohl. Seit dem Tod seines Vaters beschäftigten sie ihn gelegentlich, wie aus seinen Briefen hervorgeht. Seit seinem 50. Geburtstag, der in aller Stille, ohne öffentliche Ehrungen im Kreis seiner Freunde gefeiert worden war, kehren die Äußerungen darüber in seinen Briefen häufiger wieder.

In dieser Krankheitsperiode ereignete sich eine an sich unbedeutende aber für Rathenaus Dankbarkeit und Wärme, sobald jemand seine Einsamkeit durchbrach, charakteristische Episode. Ein junger Student hatte Rathenau geschrieben und in seinen Briefen viel Teilnahme und Verständnis für Rathenaus Werk bekundet. Rathenau hatte ihm geantwortet und gedankt, wie er es immer in solchen Fällen tat, und eine Korrespondenz war daraus erwachsen. Der junge Mann erkrankte schwer und lag zur selben Zeit in der Charité, als auch Rathenau krank lag. Seinen ersten Ausgang benützte er, um dem verehrten einsamen »Meister« ein paar Blumen zu bringen, ohne ihn doch selbst durch seinen Besuch stören und anstrengen zu wollen. Rathenau machte ihm wegen seiner Unvorsichtigkeit, eine so weite Fahrt zu unternehmen, ehe es ihm die Ärzte erlaubten, und wegen seines Nichteindringens in die Krankenstube Vorwürfe, aber er gab ihm ein schlechtes Beispiel, denn auch er fuhr, noch ehe der Arzt einen Ausgang gestatten konnte, zu dem jungen Kranken in die Charité. Man sprach so oft von Rathenaus Kühle und Anmaßung, sobald aber Menschen mit warmem Herzen und echtem Gefühl sich ihm näherten, war er liebevoll dankbar. Da die meisten Menschen ihn nur aufsuchten, weil sie etwas von ihm wollten und ihn brauchten, hatte er sich eine Form der kühlen Abwehr angewöhnt, denn er übersah und durchschaute alle, die zu ihm kamen. Seine charakteristische Äußerung: »Wenn die Menschen nur wüßten, daß sie von Glas sind«, die mit dem Wort seines Vaters übereinstimmt: »Nichts ist so untrüglich wie der Schein« bekundet das. Es tat ihm wohl, wenn er empfinden durfte, daß Menschen aus echtem Gefühl zu ihm kamen, aber nur mit wenigen verband ihn dieses schlichte Verhältnis gegenseitiger Zuneigung und gegenseitigen Vertrauens und Verstehens. Er verstand und durchschaute alle, weil er alle in sich trug, weil er alles in seiner Seele hegte, – sie aber konnten immer nur ein kleines Teilchen seiner Persönlichkeit aufnehmen und erfassen, und jeder empfing von ihm alles, was er zu empfangen fähig war.

In diese Krankheitsperiode kam die Nachricht vom Tod des ihm nahe befreundeten Direktors der Elektrobank in Zürich, die ihn tief bewegte. In den Januartagen von 1920 veröffentlichte er im »Tagebuch«, das Stefan Großmann herausgibt, einen Aufsatz: »De profundis«. Es ist eine Auseinandersetzung mit der Gottheit, die der Mensch, die Walther Rathenau mit dem höchsten Geist führt. Um Gebet und Erlösung, um Hingabe und Wiedergeburt handelt es sich. Der Aufsatz, den Rathenau als persönliches Bekenntnis vielen nahen Freunden gab, gipfelt in den Worten: »Dies ist Wiedergeburt: nicht, daß aus dem sündigen Leibe ein schuldloser geboren werde. Nicht, daß aus Verdorbenem, Verworfenem, Verwestem, Entsühntes, Geheiligtes, Belebtes auferstehe: sondern daß im ewigen Gang der Schöpfung das Alte sich verjünge, das Tote sterbe und der Geist erwache. Sieh! Alle Sünden waren einst Tugenden, und alle Tugenden werden einst Sünden sein. Das erste Licht war brennender Schmerz, der erste Gedanke würgender Kampf. Willst du zurück zum Kind, zum Tier, zum Kraut, zum Stein, weil diese Vier selig sind? Nicht selig sollst du werden, sondern seelenhaft. Nicht auserwählt, sondern wiedergeboren. Ein Geschöpf der Grenze bist du; wenn du die Hülle sprengst, wird dein Herz hängen bleiben. Die Schmerzen, die du fühlst, sind die Schmerzen der wachsenden Seele. Stemme dich! Kämpfe mit uns, wehre dich, und wehe deiner Hüfte! – Der Mensch spricht: »Dona nobis pacem.« – Die Stimme spricht: »Vitam! Vitam venturi saeculi!«

Am 28. Juni 1920, ganz kurz ehe er nach Spaa ging, hielt Rathenau im demokratischen Klub eine Rede über »Demokratische Entwicklung«. Er war Mitglied der Demokratischen Partei geworden, nachdem der von ihm geplante großdemokratische Volksbund gescheitert war, noch ehe er sich richtig gebildet hatte. In dieser Rede sagte er über die Demokratische Partei: »Wir haben die Pflicht, die Partei des Geistes zu werden – mag sie klein oder mag sie groß sein.« Wie er Deutschland in Europa die Stelle des geistigen Volkes zuweisen wollte, so übertrug er in Deutschland der Demokratischen Partei die Aufgabe der geistigen Richtung. Er meinte, da die Demokratie schon verwirklicht sei, könne sie nicht mehr als Idee ein Kampfziel bilden, darum müsse sich die Partei einen neuen Geist, eine neue Idee geben. Rathenau sagte auch, daß ein reaktionärer Zug durch Deutschland gehe, der in seiner Augenblickswirkung sehr stark, in seiner Ewigkeitswirkung aber nur ein Lufthauch sei und vor jeder gedanklichen Bewegung, vor jeder Idee zunichte werden müsse. Darum sei es Aufgabe der Partei, die sich die demokratische nenne, hinzuführen zu dem Dreiklang der Freiheit, der Verantwortung und der Gemeinschaft.

Im Juli 1920 nahm Rathenau als Regierungsexperte an den Verhandlungen in Spaa teil. Er schrieb von dort an seine Mutter, daß nicht die Arbeit so anstrengend sei, wie daß er täglich mit fünfzig Menschen reden müsse. (»Briefe«, Nr. 642.) Bei diesen Verhandlungen scheint es zu einem Konflikt zwischen Rathenau und Hugo Stinnes gekommen zu sein, der in Beziehung auf Rathenaus Schicksal eine besondere Bedeutung erhielt. Am 25. November 1921 berichtet der »Vorwärts« von einem Konflikt in Spaa zwischen den beiden Männern über die Frage einer eventuellen Ruhrbesetzung, was Rathenau freilich im »Berliner Tageblatt« schon am 26. November desavouierte, doch ist bei dieser Gelegenheit in Spaa der verhängnisvolle Ausspruch Hugo Stinnes' gefallen, daß Rathenau eine »fremdrassige Seele« besitze und deshalb nicht volles Verständnis für die Lage zeige. Stinnes' gefährliches Wort hat fortgewirkt und muß zu den Dingen gerechnet werden, die die allgemeine Stimmung erzeugten, aus der Rathenaus für Deutschland so verhängnisvolle Ermordung möglich wurde. Im »Eclair« berichtet Emile Bure am 6. Juli 1921: »Hugo Stinnes fut à Spaa d'une telle maladresse, qu'il était difficile de causer avec lui. Mais il ne se console pas d'avoir été écarté par Mr. Loucheur et il s'essaie à discréditer les conférences qui viennent de se tenir à Paris et qui doivent reprendre bientôt. Ses agents répandent partout des bruits calomnieux et laissent entendre notamment que Mr. Loucheur ne songe avec Mr. Rathenau qu'à assurer la direction d'un trust européen de l'électricité.« Der französische Berichterstatter also, der dem Organisator der Rohstoffabteilung gewiß nicht freundlicher gesinnt war als dem Großindustriellen Hugo Stinnes, schob die Gegnerschaft des letzteren, die sich auch noch später, als Rathenau Wiederaufbauminister war, deutlich zeigte, auf Gefühle der Zurücksetzung und des Neides. Und dieser Neid, den nicht nur Stinnes Rathenau entgegenbrachte, sondern der ihn von allen Seiten umgab, benützte die Gegnerschaft gegen den deutschen Juden, um die Atmosphäre zu schaffen, die den Mord an Rathenau ermöglichte. Die Unfähigkeit der Verblendeten, seine Größe, Vornehmheit, die Reinheit seiner Gesinnung, den Adel seines Charakters und die Einzigartigkeit seiner Persönlichkeit zu erkennen, bedingten den Mord.

In einem Vortrag, den Rathenau im Oktober 1920 bei der Tagung des Deutschen Beamtenbundes in Berlin hielt, sagte er, daß in wenigen Jahrzehnten wahrscheinlich die ganze europäische Politik der Staaten untereinander sich umgestalten werde und zwar zwangsläufig, sobald man erkannt haben werde, daß die Zersplitterung Europas der amerikanischen Einheit gegenüber nicht mehr standhalten könne. Alle seine Wirtschaftsgedanken und Wirtschaftsvoraussagen faßte er in diesem Vortrag zusammen, und er endete mit der Aufforderung an seine Hörer: »Prüfen Sie diese Gedanken. Wenn Sie sie geprüft haben, werden Sie finden, daß sie wahr sind. Wenn sie aber wahr sind, so haben Sie den Mut, sie zu wollen; denn wenn Sie sie wollen, so wird auch das Land lernen, sie zu wollen, und wenn das Land sie will, so werden sie.«

In seiner großen Rede auf dem demokratischen Parteitag in Nürnberg am 12. Dezember 1920 arbeitete Rathenau wieder die von ihm erkannten Wirtschaftsprobleme und ihre Lösung heraus, wies auf die Notwendigkeit produktiver Wirtschaft hin und sagte: »Keiner von Ihnen glaubt, daß unsere Zukunft jemals zu retten sein wird durch Armeen oder Diplomaten. Nichts davon wird geschehen. Mögen Organisationen armeeartiger Qualität sich bilden oder nicht, die Schicksale der Völker werden auf die Dauer nicht entschieden durch Armeen, sie werden entschieden von den Völkern selbst, sie werden entschieden auf Grund von Ideen. Der Versailler Vertrag kann nicht verteidigt werden, weil er keine Idee enthält. Der Versailler Vertrag fällt ins Nichts deswegen, weil er nichts weiter ist, als ein Papier des Hasses. Leben wird in der Welt nur dasjenige, was die Idee trägt und was von der Idee getragen wird, Leben wird dasjenige Volk, das das Volk der Ideen ist, leben wird dasjenige Volk, das schafft, denn an diesem Volk geht niemand vorüber.« Das deutsche Volk zu diesem Volk der Ideen zu machen, war sein höchster Wunsch und das Lebensziel, für das er gestorben ist.

Ebenso wie Rathenau im Innern des Landes an einer Gesundung der Verhältnisse arbeitete, versuchte er auch, erträglichere Lebensbedingungen nach außen hin zu schaffen, als er Anfang 1921 von der Regierung nach London gesandt wurde, um die Londoner Konferenz dort vorzubereiten. Sein Name, der im Ausland besseren Klang hatte als in der Heimat, die alten Beziehungen, die er überall besaß, und nicht zum mindesten die vollkommene Beherrschung der fremden Sprachen – Rathenau sprach französisch, englisch und italienisch wie deutsch – machten ihn zu dieser Aufgabe wie vorher zu den Verhandlungen in Spaa besonders geeignet. Er suchte und fand bald Zugang zu den englischen Diplomaten und Führern. Von London ging Rathenau nach Paris, um auch dort die Stimmung für Deutschland milder zu machen. Doch fand er dort weniger günstige Aufnahme. In Frankreich war der Haß gegen Deutschland im allgemeinen und das Mißtrauen gegen Walther Rathenau im besonderen noch zu lebendig, als daß er dort großen Erfolg hätte haben können.

Trotzdem ist in Frankreich die erste umfassende wissenschaftliche Untersuchung seiner Ideen angestellt worden. Professor Gaston Raphaél hat im Jahre 1919 eine sehr sachliche Monographie über Walther Rathenau und sein Werk erscheinen lassen. Dennoch ließ auch diese Arbeit, trotz ihres streng wissenschaftlichen Charakters und trotz aller Anerkennung für Rathenaus Werk und für seine Ideen, die Antipathie gegen den Deutschen, gegen den Feind deutlich erkennen. Immerhin ist es bemerkenswert, daß dieses Werk in Frankreich, im Lande des Erzfeindes, hatte erscheinen können, lange ehe in Deutschland jemand daran dachte, sich ernst und ehrlich mit Rathenau und seinem Werk zu beschäftigen. Denn die Hetzschriften, die sich an einzelne herausgerissene Sätze in seinen Werken klammerten oder eine verlogene Kampagne gegen seine Person führten, kommen natürlich nicht in Betracht.

Am 27. April hielt Walther Rathenau in der »Deutschen Hochschule für Politik« einen Vortrag über den »Höhepunkt des Kapitalismus« und er sagte darin: »Es kommt vor, daß Epochen scheinbar ihren höchsten Gipfel ersteigen, während sie in Wirklichkeit schon abgelöst sind. Ich glaube, daß der Hochkapitalismus zunächst noch seine gewaltigsten Formen entwickeln wird, Formen, sage ich, denn seinem Inhalt wirkt schon manches entgegen. Dann wird er sich langsam umwandeln in einen Kollektivkapitalismus, in einen Kapitalismus gemeinschaftlicher Verantwortung.« Rathenau glaubte an die Entwicklung der horizontalen Truste, an die Verbindung und Vereinigung aller gleich- oder ähnlich gearteten Industriewerke zu einer großen Wirtschaftsvereinigung, – diesen Sinn gab er dem Begriff Kollektivkapitalismus. Stinnes, der selbst ein Vertreter der vertikalen Vertrustung war und wohl ihr mächtigster Vertreter in Deutschland, bekämpfte in manchen Diskussionen diese ihm entgegengesetzten und seine Macht in gewissem Sinne negierenden Anschauungen Rathenaus. Er ging von dem aus, was war, Rathenau von dem, was werden müsse und solle. In einer dieser Diskussionen soll Stinnes geäußert haben, Rathenau wäre klarer und stärker, wenn er geheiratet und einen Hausstand hätte. Die Weltwirtschaftsentwicklung beweist, daß Rathenau in seinem Urteil der Stärkere und Klarere gewesen ist.