Walther Rathenau. Sein Leben und Wirken
Verlag: Carl Reissner-Verlag | Jahr: 1927
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Genua und der Mord
Am 7. März 1922 sprach Rathenau im Hauptausschuß des Reichstages über Cannes und Genua. Er erklärte, welche Bedeutung der Konferenz von Cannes beizumessen war, die man in weiten Kreisen herabsetzte, obwohl sie ein Moratorium und eine Zahlungsermäßigung gebracht hatte. Rathenau hat in keiner seiner Reden sich seiner Erfolge in der Öffentlichkeit gerühmt, weil er durch plumpes Betonen nicht der Sache, nicht dem Vaterlande schaden wollte. Er sprach über die Bedeutung der bevorstehenden Genueser Konferenz und warnte zugleich vor zu großen Hoffnungen, die man gern an sie knüpfen wollte. Er erklärte, daß man sich bemühen müsse, die Last der Reparationszahlungen zu mildern, indem man sie nicht mehr wie einen Tribut an einen oder mehrere Nachbarstaaten leiste, sondern versuche, sie anonym zu machen, indem man eine große Anleihe aufnehme, und so lieber die zahlreichen Gläubiger der Anleihe, statt der einzelnen Siegerstaaten befriedige. Er wies auf die Bedeutung von Amerika hin, das den Krieg wie den Frieden bestimmend beeinflußte, den sogenannten Frieden, denn nach dem Versailler Friedensschluß habe der Krieg nur andere Formen angenommen, ohne doch aufzuhören. Er erwartete von Amerika, dessen Macht, wie Rathenau 1912 vorausgesagt hatte, durch den Krieg gewaltig gestiegen war, daß es nun für die Ordnung und den Wiederaufbau Europas sorgen werde. Er erklärte es für die erste Aufgabe der deutschen Politik, mit allen Mitteln daran zu arbeiten, daß man dem Frieden näherkomme, daß man das Vertrauen im Kreise der Völker und Staaten zurückgewinne und erhalte und gleichzeitig alle Rechte Deutschlands wahre. In diesem Sinne sollte die Fahrt nach Genua angetreten werden, und in diesem Sinne erhoffte er von Genua, daß es ein Markstein werde auf dem Wege zur endlichen Befriedigung der Welt.
Am 29. März sprach Rathenau vor dem Plenum des Reichstages und setzte auseinander, was in Cannes erreicht worden sei: die Herabsetzung der Reparationszahlungen von fünf Milliarden, die zum Teil in festen Leistungen, zum Teil in den Abgaben des Index und endlich in Goldleistungen für die Besatzungskosten bestanden, auf im ganzen 720 Millionen. Dann war zum erstenmal seit dem Kriege der Vertreter Deutschlands auf einer Weltkonferenz gehört worden, und endlich war Genua die Folge der durch Briands Sturz vorzeitig abgebrochenen Konferenz von Cannes. Wenn auch in Boulogne bestimmt worden war, daß in Genua weder der Friedensvertrag noch die Reparationsleistungen besprochen werden dürften, was eine große Beeinträchtigung der Genueser Konferenz war und bewies, daß Poincaré auch England gegenüber seinen Willen zu behaupten vermochte, so konnte doch die Bedeutung der Genueser Verhandlungen nicht ganz vernichtet werden.
In dieser Rede, in der Rathenau kaum auf die innere Politik und gar nicht auf die gegen ihn gerichteten Angriffe reagierte, berechnete er die Bedeutung und den Umfang der an das Ausland, an die Entente geleisteten deutschen Zahlungen und spezialisierte sie. Das deutsche liquidierte Eigentum im Ausland, die übergebene Flotte, das Reichseigentum im abgetretenen Gebiete, das übergebene Eisenbahn- und Verkehrsmaterial, Rücklaßgüter nichtmilitärischen Charakters, die verlorenen Ansprüche an Deutschlands Kriegsverbündete, den Wert der Saargruben, Kohlenlieferungen und Reparationsbarzahlungen, die verlorenen Kolonien, die abgetretenen Gebiete und noch einige kleinere Posten einbegriffen, hatte Deutschland über 100 Milliarden gezahlt. Somit war die stärkste Zahlungsleistung, die jemals von einem Volke der Erde an andere Völker geleistet worden war, von Deutschland ausgegangen. Er sprach über Deutschlands Abrüstung, die noch höher zu werten sei, weil sie allein in einem waffenstarrenden Europa vor sich ging. Vor dem Kriege gab es in Europa 3,7 Millionen Soldaten, nach dem Kriege, nach Deutschlands Abrüstung, waren 4,7 Millionen Soldaten in Europa. Die deutsche Abrüstung sei bis etwa ein viertel oder ein halbes Prozent durchgeführt. Und die viel besprochenen Waffenfunde hätten demgegenüber gar keine Bedeutung. Wohl seien die versteckten Waffen eine Gefahr für das Reich und für die Gesamtheit des deutschen Volkes und daher unverzeihlich, aber als Kriegsgefahr für das Ausland kämen sie nicht in Betracht. Rathenau erklärte, bei den modernen Kriegsmitteln könne nur ein Land Kriegsgefahr bringen, dessen Technik in der Lage sei, sich völlig auf den Krieg ein- und umzustellen. In dem in seiner Industrie geschwächten waffenlosen Deutschland sei das unmöglich. Rathenau nahm Bezug auf die Worte des Abgeordneten Stresemann, der es als einen Trugschluß der Entente bezeichnet hatte, wenn sie glaube, da in Deutschland alle Essen rauchten, alle Industriewerke beschäftigt seien, müsse Deutschland Reichtümer aufhäufen. Wieder berechnete er, welche Arbeit geleistet werden müsse, um nur einigermaßen die Zustände von vor dem Kriege wieder herzustellen und nicht, um neue Ersparnisse zurückzulegen. Er setzte auch auseinander, in welcher Weise sich Deutschland am Wiederaufbau Rußlands beteiligen könne, und erklärte schließlich, welche Ziele sich die Vertreter des deutschen Volkes in Genua gesetzt hätten. Er sagte: »Wir kämpfen für dreierlei. Wir kämpfen für die Existenz des Volkes, wir kämpfen für die Unversehrtheit und Einheit des Reiches, wir kämpfen für den Frieden und den Aufbau. Dieses Ziel ist uns allen gemeinsam. Es gibt nicht eine Seele in diesem Hause, die sich davon ausschließt. Deshalb lassen Sie uns auch dieses Ziel in Einigkeit verfolgen.«
In diesem Sinne und in dieser Gesinnung reiste Rathenau nach Genua. Es ist schmerzlich auszusprechen, daß in Deutschland indessen die Stimmung gegen ihn und gegen den Reichskanzler, namentlich aber gegen Walther Rathenau, den man als den bedeutendsten Kopf im Kabinett erkannte, so geschürt worden war, daß viele sonst ehrliche Patrioten den Wunsch hegen konnten, er möge ohne Erfolg von der Konferenz heimkehren. Man vertrat den Standpunkt, daß man sich von Rathenau, dem deutschen Juden, nicht helfen lassen wolle und dürfe. Die Schmähbriefe, die beleidigenden und drohenden Zuschriften häuften sich bei Rathenau immer mehr. Je weniger er sich von ihnen einschüchtern ließ, je gleichmütiger und unerschrockener er seine Pflicht erfüllte, desto heftiger wurde gegen ihn geschürt und gehetzt. Die »Heidefrau« – eine gütige und begabte Frau aus dem Volke, deren wahren Namen Rathenau nie erfahren hat – von der er schon seit Jahren Briefe und Gedichte erhalten hatte, und die ihm sehr ergeben war, hörte auch von drohenden Judenhetzen und Verfolgungen, und sie bot ihm als Asyl ein einsames Häuschen an der See an, in dem er Sicherheit finden konnte. Es klingt wie eine Legende, daß diese unbekannte Frau aus dem Volke Walther Rathenau schützen, ihm eine Zuflucht eröffnen wollte. Aber er machte natürlich keinen Gebrauch von diesem Anerbieten seiner unbekannten treugesinnten Beschützerin. Er vertrat den Standpunkt, daß er nichts Böses tue, sondern nur im höchsten Sinne seine Pflicht erfülle, und darum meinte er, daß auch ihm niemand etwas antun werde. Und dann – »wenn sie mir das Leben nehmen, sie nehmen mir nicht viel«, hatte er schon vor Jahren an Wilhelm Schwaner geschrieben.
So fuhr Rathenau nach Genua, wo er bald beobachtete, daß England und Frankreich Sonderverhandlungen mit Rußland anbahnten. Da er befürchten mußte, daß durch ein Abkommen zwischen der westlichen Staatengruppe und Rußland Deutschland ins Hintertreffen käme und etwa geschädigt werde, schloß er am 14. April 1922 den Friedens- und Freundschaftsvertrag mit Rußland, den dieses ihm anbot. Durch diesen Vertrag wurden alle gegenseitigen durch den Krieg verursachten Forderungen zwischen Deutschland und Rußland quittiert. Mit diesem Schritt, der der erste selbständige seit dem Kriege war, begann Deutschland sich seine politische Stellung wiederzuerobern, wie es überhaupt als Rathenaus Werk angesehen werden darf, daß namentlich in Genua die Nationen und Staaten von gegenseitigem blindem Haß wieder zur Verständigung und zur wechselseitigen Anerkennung geführt wurden. Es war Rathenaus Wille, Europa zu wirklichem Frieden zu führen, den der Versailler Friedensschluß herbeizuführen weder vermocht noch gewollt hatte. In diesem Sinne hielt er am 19. Mai seine große Rede vor der Vollversammlung der Genuesischen Konferenz, in der er die eigentliche historische Bedeutung dieser Verhandlungen darlegte und Deutschland seine Stellung als Vermittler zwischen Ost und West, zwischen Rußland und Westeuropa anwies. Seine Rede wirkte erschütternd, und als er mit dem Petrarca-Zitat schließend den Völkern und ihren Vertretern zurief: »Io vò gridando Pace, Pace, Pace!« da brach spontaner Beifall in der Versammlung aus.
Dieser Beifall ist anders und höher zu werten, da er dem Vertreter Deutschlands galt, der die Stellung Deutschlands in Europa wieder aufzubauen bemüht war, als wenn er einem Vertreter der Siegerstaaten gegolten hätte. Nach Rathenaus Tod tat Lloyd George die Äußerung, daß Rathenau wie ein Fürst unter ihnen gestanden habe. Seine Persönlichkeit wirkte zugleich imponierend und versöhnlich. Seine tiefe Stimme, seine ruhige vornehme Sprechweise, seine großen klaren Gedanken hielten diese Männer in ihrem Bann, die an gute Redner im alltäglichen Sinn wohl gewöhnt waren.
Als Rathenau zurückkam, war er voller Hoffnung und konnte es auch sein. Was er in Unterredungen mit den Vertretern der anderen Mächte hatte vorbereiten können, was er an Verabredungen bereits getroffen hatte, und was er hoffen durfte, in weiteren Verhandlungen zu erreichen, das gab ihm einige Zuversicht für seine gequälte geliebte Heimat, für Deutschland. Aber natürlich wurden sofort wieder Kritik und Vorwürfe laut, die sich an den Vertrag von Rapallo hefteten. Gegen den Abschluß des Vertrages konnte man nichts einwenden, denn jedem war es klar, daß durch ihn der deutschen Industrie und Wirtschaft neue Absatzmöglichkeiten geschaffen wurden, die sie notwendig brauchten. Aber man fand den Zeitpunkt für den Abschluß unglücklich gewählt. Man kritisierte, wie es überhaupt deutsche Art ist, die schon Goethe zu dem Aufschrei veranlaßt hat: »Mich nach- und umzubilden, mißzubilden versuchten sie seit vollen fünfzig Jahren; ich dächte doch, da konntest du erfahren, was an dir sei in Vaterlandsgefilden.«
In seiner Rede, die Rathenau am 9. Juni 1922 in Stuttgart vor einem geladenen Kreis von Mitgliedern aller Parteien hielt, wies er diese Art der Kritik zurück. Vor ihm hatte der Reichskanzler Wirth einen Überblick über die Entwicklung des letzten Jahres seit dem Londoner Ultimatum gegeben. Nun legte Rathenau seine Anschauung über diese Entwicklung dar. Er zeigte, wie sich von Verhandlung zu Verhandlung bei der Entente die Erkenntnis durchgerungen habe, daß Deutschland nicht in der Lage sei, Gold in beliebiger Menge zu zahlen, da es selbst kein Gold produziere. Ferner, daß Warenlieferungen nicht geleistet werden können, wenn sie einerseits gefordert, zugleich aber andererseits durch Antidumpingzölle beschränkt, ja unmöglich gemacht werden. Und schließlich, daß nicht ein Land und nicht ein Staat in der Lage sei, durch seine Zahlungen und durch die Opfer, die er bringe, die Welt aus dem allgemeinen Verschuldungsverhältnis zu lösen, sondern daß eben die ganze Welt, daß alle Staaten Opfer bringen müßten. Und weiter zeigte er, daß auch alle Opfer keine Gesundung herbeiführen würden, wenn nicht der Wille zur Gesundung, das ist der Wille zur Wahrheit und zum Frieden, erwache.
Bald nach dieser Rede in Stuttgart sprach Rathenau am 13. Juni 1922 in Berlin in der »Deutschen Gesellschaft von 1914« aus Anlaß des Erscheinens der ersten Bände Veröffentlichungen des Auswärtigen Amtes. Er sagte, daß diese Publikation das Motto: »Im Dienste der Wahrheit« tragen könne. Und wieder wies er darauf hin, daß der wirtschaftliche Wiederaufbau Europas, so nötig er auch sei, doch nicht so wichtig erscheine, wie der geistige Wiederaufbau, der in der Überwindung des Hasses, des Mißtrauens, der Verdächtigung, der Anklage und Beschuldigung bestehe, die aus der internationalen Atmosphäre verschwinden müßten. Er schloß mit den Worten: »Der Weg der Wahrheit ist lang. Er ist um so länger, als ein Mangel an europäischem Interesse die Fragen, die uns Lebensfragen sind, als gelöst, das Urteil der Geschichte als gesprochen anzusehen sich gewöhnt bat. Ein Urteil kann nur gesprochen werden von einem vollgültigen Tribunal. Unser Suchen und Werben um Wahrheit aber wird nicht ruhen, bis im Namen der Geschichte ein befugtes Tribunal seinen Spruch gefällt hat.«
Am 21. Juni 1922 war im Reichstag der »Tag der Interpellationen«. Zuerst richtete Stresemann eine Interpellation an die Regierung, die die drohende Loslösung der Rheinlande vom Reich betraf, und fragte, was man gegen die Bildung eines westlichen Pufferstaates aus ihnen zu tun gedenke. Dann forderte der Abgeordnete Lauscher eine Erklärung von der Reichsregierung über die von der Botschafterkonferenz geforderte Einstellung resp. Zerstörung einer Reihe von wirtschaftlich bedeutenden Eisenbahnlinien im besetzten Rheinischen Gebiete, von denen die Entente behauptet hatte, daß sie einem militärischen Aufmarsch dienen sollten. Und schließlich kam die dritte Interpellation vom damaligen Abgeordneten Marx, die die Verhältnisse im Saargebiet betraf. Rathenau beantwortete alle drei Interpellationen gemeinsam. Bei dem ersten Teil seiner Rede hatte man den Eindruck, daß es ihm nur erwünscht war, seine Auffassung von der Unteilbarkeit Deutschlands sowie von der Untrennbarkeit Preußens, die er schon in seinen ersten politischen Aufsätzen nach dem Zusammenbruch gefordert hatte, wieder einmal klar und scharf zum Ausdruck zu bringen. Die Anfrage des Abgeordneten Lauscher betreffend, sagte er etwas kürzer, daß er zuversichtlich hoffe, die Botschafterkonferenz werde sich von der ehrlich und offen abzugebenden Erklärung bestimmen lassen, diese unberechtigte Forderung zurückzunehmen. Und sie werde einsehen, daß die von ihr hervorgehobenen Bauersparnisse in keinem Verhältnis zu den ungeheuren Zerstörungskosten stehen. Deutschland wolle keinen Krieg und könne keinen wollen, und sei sich dessen voll bewußt, darum werde die deutsche Regierung diese unberechtigte Forderung mit allem Nachdruck bekämpfen. Die dritte Interpellation endlich beantwortete er in einer längeren Rede, in der er tiefbewegt Ausführungen über die Zustände im Saargebiet machte. Er sprach mit der ihm eigenen Selbstbeherrschung und Zurückhaltung und doch empfand man die Erregung, die hinter seinen Worten stand, das warme Mitgefühl, die innige Verbundenheit mit den leidenden Saarbewohnern. Er sprach von dem Druck und den Lasten, die das Saargebiet zu ertragen hatte, von der Mißstimmung und dem Groll, die die Saarbewohner gegen die aufgezwungene Fremdregierung hegten, von den Mißverhältnissen, die schon die Sprachverschiedenheit hervorriefe, und er endete mit den Worten: »Das Bild, das ich Ihnen im vorstehenden vom Saarbecken entrollen durfte, ist kein erfreuliches. Als Deutsche aber können wir mit Stolz auf die Tatsache hinweisen, daß die Bevölkerung des Saargebietes in den schwersten Jahren der Fremdherrschaft, von denen erst wenige vorübergegangen sind, sich um so fester zusammengeschlossen hat, um das zu wahren, was sie als höchstes Gut betrachtet: ihr Deutschtum! Immer und immer wieder erhält die Reichsregierung und die Öffentlichkeit aus dem Saarbecken Beweise bester deutscher Gesinnung. Ich stehe daher nicht an zu erklären, daß die Deutschen an der Saar dem ganzen deutschen Volke Muster und Vorbild sind! Das deutsche Volk und die Reichsregierung wissen schon heute, was sie an der Bevölkerung des Saargebietes haben. Ihr muß ihr bestes Wollen und Können gelten in der Hoffnung auf den Tag, an dem auch äußerlich die Wiedervereinigung vollzogen wird.«
Während Rathenau so für das Deutschtum und um das Deutschtum kämpfte, für deutsche Gesinnung in Deutschland eintrat, wurde von denjenigen, die die nationale Gesinnung für sich allein in Anspruch nehmen wollten, alles, was Rathenau sprach und tat, mit geschickter und mit plumper Entstellung und Verdrehung in sein Gegenteil verkehrt. Im Saargebiet verstand man Walther Rathenaus Eintreten für die Saarbewohner, und man wußte ihm Dank dafür. Ein Abgesandter aus dem Saargebiet sollte den Dank seiner Heimatgenossen an Rathenau überbringen, er kam aber nur zurecht, um den Sarg des Ermordeten mit einem Kranz zu schmücken und der Mutter Walther Rathenaus den Dank und den Schmerz seiner Heimatgenossen auszusprechen.
Am 23. Juni 1922 richtete Helfferich im Reichstage seine große Angriffsrede gegen die Regierung, die vor allem Walther Rathenau galt. Helfferich war schon während des Krieges ein Gegner Rathenaus gewesen. Und dieser hatte seine, wenn auch damals noch stille und versteckte Feindschaft oft empfunden. Nun ging Helfferich zuerst auf Rathenaus Saarrede ein und sagte (nach Bericht des »Berliner Lokalanzeigers« vom 24. Juni 1922): »Wir danken dem Herrn Minister für seine energische Erklärung und vor allem für die Zusicherung, daß die Reichsregierung sich mit allen Mitteln der Loslösung der Rheinlande widersetzen wird. Bezüglich des Saargebietes hat der Herr Minister des Auswärtigen dem von ihm selber entworfenen Bilde die Farben und damit auch in etwas das Leben vorenthalten. Es ist nicht richtig, daß durch das Verhalten der Saarregierung nur ein Mangel an gegenseitigem Vertrauen hervorgerufen worden sei und nur eine Atmosphäre der Mißstimmung, nein, in der Bevölkerung sind Erbitterung und Empörung, Haß und Wut entstanden. Warum sagen Sie das nicht, Herr Minister? Es ist wichtig, daß die Welt aus Ihrem Munde erfährt, es ist wichtig, daß unsere Brüder im Saargebiet, die treu zum angestammten Vaterland halten, die Gewißheit haben, daß man an höchster Stelle des Deutschen Reiches für diese ihre Gefühle volles Verständnis hat.«
Rathenau hat auf diesen Angriff nicht geantwortet, was jeder Denkende erkennt und sich selbst sagt, daß der Verantwortliche in solchem Falle sich wohl hüten muß, durch scharfe Worte die fremden Machthaber zu reizen, die seinen unklugen Angriff an denen rächen würden, die er zu verteidigen bestrebt war.
Diesen unter einem Dank versteckten Angriff hat wenige Tage später der »Lokalanzeiger« als Beweis dafür angeführt, daß die Spannung zwischen den Rechtsparteien und Rathenau sich in der letzten Zeit gemildert, ja daß namentlich Helfferich einen Dank an Rathenau gerichtet habe. Als man diesen Teil von Helfferichs Rede als ehrlichen Dank ansehen wollte, da vergaß man wohl, daß Helfferich auch gesagt hatte: »Hier erhebe ich schwere Vorwürfe, ich möchte sagen, Anklagen gegen die Regierung. Die Regierung hat nicht nur den Reichsrat und das Auswärtige Amt nicht völlig richtig informiert, sondern ihre dem Ausschuß gegebenen Informationen über den Inhalt der fertiggestellten Note (es handelte sich um eine Note bezüglich der Abrüstungskontrolle durch die Entente), waren direkt irreführend … Ich frage: was bedeutet die Differenz zwischen dem deutschen Text und dem französischen? Wer soll hier hinters Licht geführt werden? … Eine deutsche Regierung, die ohne Ermächtigung des Reichstages wesentliche Bestandteile der deutschen Souveränität veräußert, gehört vor den Staatsgerichtshof.«
Diese Rede, in der das Wort: »Erfüllungspolitik – Katastrophenpolitik« fiel, endete mit den Worten: »Die Rettung wird wiederkommen, wenn die deutsche Regierung gegenüber unerfüllbaren Forderungen auch Rückgrat zeigt, wenn wir es in Deutschland wieder mit Männern zu tun haben.« Die Rede erregte einen Sturm des Widerspruches und wurde im Reichstag selbst durch Zwischenrufe als Hetzrede und Unverantwortlichkeit gekennzeichnet. Die sachlichen Unrichtigkeiten widerlegte sofort der Minister Hermes. Walther Rathenau hegte vermutlich die Absicht, zu einem späteren Zeitpunkte diesen Angriff zurückzuweisen. Aber nicht der Angriff, und nicht die ungesprochene Widerlegung macht diese Rede so wichtig, daß ich hier Bruchstücke aus ihr wiedergeben mußte, sondern es ist, als ob durch sie noch einmal wie in einem nach strengen Kunstregeln gebauten Drama unmittelbar vor der Katastrophe die Momente zusammengefaßt würden, die eben zur Katastrophe führen mußten.
Nach dem Zusammenbruch, nachdem Rathenaus Rat nicht befolgt worden war und man nicht mit geschlossenen Heeresreihen ein Friedensangebot erlassen hatte, blieben den Anhängern des vorigen Systems, der zusammengebrochenen monarchischen Regierung nur zwei Möglichkeiten. Entweder sie mußten das monarchische Prinzip aufgeben und den Volksstaat wollen und anerkennen, womit sie freilich auch ein Urteil über sich selbst sprachen, oder sie mußten, was ihnen offenbar bequemer, leichter und ehrenvoller schien, einen Sündenbock suchen, dem sie die Schuld am Zusammenbruch, am Leiden des Vaterlandes zur Last legen konnten. Das lockte sie mehr. Den Sündenbock fanden sie bald: Die von Juden geführte Sozialdemokratie erklärte man für schuldig. Man leugnete den Zusammenbruch und erfand die »Dolchstoßlegende« und beschuldigte die Juden einer schweren volksfeindlichen Intrige, wofür man willige Ohren fand. Daß ein Jude zu bewaffnetem äußersten Widerstand aufgefordert hatte, ignorierte man. Ebenso verschwieg man, daß dieser Jude mit aller Energie vor dem Unterschreiben des Friedensvertrages gewarnt hatte. Als er doch unterschrieben und damit das Wort des deutschen Volkes, die Ehre Deutschlands verpfändet war, trat derselbe Jude für die Erfüllungspolitik ein – und man belegte sie mit dem Brandmal der Feigheit. Da der ohnehin so unbeliebte Walther Rathenau sie vertrat, wurde sie und natürlich auch er in allererster Linie als ihr Träger mit allen, aber wirklich mit allen Mitteln verfolgt.
Als Helfferich Walther Rathenau persönliche Feigheit und Mangel an Rückgrat vorwarf und nach Männern in Deutschland schrie, da wollte man nicht erkennen, daß der die edelste Mannhaftigkeit zeigte, der unbeirrt von aller Verfolgung seine Pflicht erfüllte. Rathenau hatte wahrlich nicht eigensinnig an einer Meinung festgehalten, die der Wirklichkeit nicht entsprach, sondern er hatte vielmehr seine Wünsche und Forderungen immer dem realen Geschehen angepaßt und nur eines unverändert und unverbrüchlich festgehalten: die Ehre, die Ehre Deutschlands, seiner deutschen Heimat. Er hatte versucht zu erfüllen und hatte, da der Beweis erbracht war, daß die Erfüllung unmöglich sei, Verhandlungen angebahnt, und so, von Etappe zu Etappe hatte er der Entente gegenüber Fortschritte gemacht. Die Zahlungsbedingungen von Cannes waren die günstigsten, die damals und die, meines Wissens auch seither, erreicht worden sind. Nun sollte das in Wiesbaden von Rathenau und Loucheur getroffene Abkommen ratifiziert werden, das einen Teil der Reparationszahlungen in Sachlieferungen verwandeln wollte, was jedem Unvoreingenommenen und logisch Denkenden nur vorteilhaft erscheinen konnte, – und nun brach erneut der Sturm los und die Hetze gegen Rathenau begann in verschärfter Form.
In diesen Tagen häuften sich die Drohbriefe bei Rathenau noch mehr als sonst. Man forderte ihn auf, sich nach der Schweiz zurückzuziehen, da er in Deutschland beseitigt werden würde. Auch andere Regierungsmitglieder erhielten Drohbriefe. Der Reichskanzler Wirth, der nicht nur Rathenaus Geist und Charakter in der Zusammenarbeit schätzen und bewundern gelernt hatte, der ihm auch in echter Freundschaft zugetan war, bat ihn immer wieder, eine Wache anzunehmen, sich von Detektiven begleiten zu lassen. Rathenau lehnte es ab, weil ihm das feige erschien. Vielleicht beeinflußte ihn auch die Rücksicht auf seine greise Mutter, die er durch solche Begleitung nicht noch mehr ängstigen und beunruhigen wollte, aber vor allem ihm selbst erschien es unmöglich, sich so beschützen zu lassen. Er fühlte sich damals müde und gealtert und sah angegriffen aus. Sein vertrauter Diener, seine Freunde hofften auf den Tag, da er in Urlaub gehen und sich erholen werde. Der Tag stand nahe bevor. Rathenau dachte an Freienwalde als Erholungsaufenthalt, aber sein Diener warnte ihn, weil er dort zu nahe von Berlin und doch nicht Ruhe vor den Geschäften finden werde. Rathenau sah das ein und sprach von einer weiten Reise, die er antreten wolle, wo ihn niemand erreichen werde – diese Worte bekamen nach seinem Tode eine seltsam vorahnende Bedeutung.
Er kannte die Gefahr – und glaubte sie doch nicht ganz. Seine menschengläubige liebevolle Seele drängte den Gedanken immer wieder zurück, der sich mit Mördern beschäftigen wollte. Das sind Dinge, die der Verstand, der Kopf erwägen kann – das Herz, die Seele weiß nichts davon und will nichts wissen. Und dann: Rathenau hatte in den »Kommenden Dingen« gesagt: »Jedes Geschöpf lebt so lange, bis es sterben will« und hatte diese Worte in einem Brief an L. K., der er Vertrauen schenkte, erläutert (»Briefe«, Nr. 743): »Sie sollen sich um meine Erhaltung keine Sorge machen. Wenn ein unvergeudetes Leben enden soll, so geschieht es nicht aus Willkür, sondern weil es seinen Abschluß gefunden hat. Dankbar bin ich für jede Stunde, die mir zu wirken gegönnt ist, und welcher Satz, welcher Pinselstrich des Werkes letzter ist, ziemt nicht zu fragen. – Noch weniger sollen Sie sich kümmern und betrüben über schlimme Worte. Es gibt Menschen, die durch Leiden böse werden, doch auch sie müssen zur Heilung beitragen, freilich auf dem weitesten Umwege.« Und am 4. Februar 1922, als er eben das Ministerium des Auswärtigen übernommen hatte, schrieb er einem Herrn Ludwig Neumann in Breslau (»Neue Briefe«, Nr. 61): »Den Ernst Ihrer Auffassung verkenne ich nicht. Ich glaube indessen, bei Annahme meiner Tätigkeit nur auf die Erfordernisse des Staates, nicht auf persönliche Sicherheit oder auf irgendwelche anderen Zusammenhänge Rücksicht nehmen zu müssen, die für die auswärtige Politik nicht entscheidend sein dürfen.«
Aus dieser Weltanschauung und aus dieser Sachlichkeit, die er selbst walten ließ, konnte er nicht für seine persönliche Sicherheit sorgen, konnte er aber auch nicht daran glauben, daß man seine Person vernichten würde, ehe er seine Mission erfüllt habe. So tat er aus seiner Menschlichkeit heraus das, was er für seine Pflicht erkannt hatte, ohne nach den Folgen zu fragen. Und darum glaubte er auch an das Pflichtbewußtsein und an die Verantwortlichkeit der anderen und hegte keine Furcht für sich.
Am 23. Juni 1922 kam er nach einer langen Unterredung mit Hugo Stinnes, die ihn bis 1 Uhr nachts im Hotel Esplanade festgehalten hatte, spät nach Hause. Er war sehr ermüdet und sah erschreckend angegriffen aus. Am nächsten Vormittag fuhr er wie gewöhnlich in seinem Auto zum Auswärtigen Amt. Als er um 10 Uhr 50 Minuten durch die Königsallee fuhr, folgte ein anderes Automobil, in dem mehrere junge Leute saßen, dem seinen. In der scharfen Kurve an der Wallotstraße holten sie ihn ein und feuerten aus einer Maschinenpistole mehrere Schüsse gegen ihn ab. Rathenau, der wie immer ohne Hut war, und den hochgewölbten charakteristischen Schädel frei zeigte, richtete sich, offenbar schon getroffen, hoch auf, um dem Chauffeur Weisung geben zu können. Diesen Augenblick benützten die Mörder, um eine Handgranate in den Wagen zu schleudern, und blutüberströmt fiel Rathenau in die Kissen zurück. Während der Chauffeur stoppte, fuhr das Auto mit den Mördern, dessen Nummer verdeckt war, eilig fort. Eine Krankenschwester, die an der Mordstelle auf einer Bank gesessen hatte, stieg ins Auto ein und fuhr mit zum Hause des Ermordeten zurück. Der Tod war sofort eingetreten. Sie konnte keine Hilfe mehr leisten.
Was nun kam – die Untersuchungen der Mordkommission, die Jagd nach den Mördern, die Aufregung im Reichstag, das Gesetz zum Schutze der Republik, die Demonstrationskämpfe für die Republik – das alles hat im letzten Grunde mit Walther Rathenau nichts mehr zu tun. Der Schmerz der Mutter, das Leid und die Aufregung seiner Freunde, die Trauer im Volke – alles war nur selbstverständlich und natürlich. Daß diesem Opfer der nationalen Zerrüttung Deutschlands eine feierliche Aufbahrung und Bestattung zuteil wurde, daß das gesamte Reich an dieser Trauerfeier Anteil nahm, die aus dem würdig geschmückten Reichstag zu der nach Rathenaus eigenen Angaben erbauten Familiengruft in Oberschöneweide hinführte, daß das ganze Reich in einer minutenlangen Arbeitspause während der Beisetzung Walther Rathenaus gleichsam den Atem anhielt im Gedenken an diesen Märtyrer – das erscheint uns beinahe als notwendig – für ihn, der allen Totenkult ablehnte und als seelenlos empfand, hatte es keine Bedeutung und zu ihm keine Beziehung.
Nur wenige wußten damals, was Deutschland, was die Welt an diesem Manne verlor. Es ist bezeichnend, was Lloyd George aussprach: Deutschland habe mit diesem Mord Selbstmord begangen. Aus aller Welt, von allen Seiten kamen Beileids- und Trauerkundgebungen. Das Gedächtnisheft der AEG hat eine Reihe davon veröffentlicht. Eine ist so bedeutungsvoll, daß sie hier wiederholt werden soll. Sie ist vom 15. Juli 1922 aus Speicherz bei Bad Brückenau datiert und lautet:
»Ehrwürdige Mutter,
verehrte Schwester von Walther Rathenau!
Nachdem die öffentlichen Tage der Trauer vergangen sind, wie alles vergeht auf Erden, hat Ihr Schmerz ein Heim gefunden im einsam bleibenden Herzen. Eine Priesterhand darf an dieses Heim anklopfen, ohne es zu sehr zu stören. – Ich denke täglich Ihres Walthers. Ich werde seiner nie vergessen. In meiner Seele wird immer eine Sabbatkerze für ihn brennen, so lange ich lebe. – Bei Tausenden meiner Mitbrüder, bei Millionen von Deutschen wird es ebenso sein. Für uns ist er der gute Mensch, der hohe Denker, der kräftige Staatsmann, das erste geschichtlich dauernde Licht, das in der gegenwärtigen Nacht aufgegangen ist. Ach! und Märtyrer seiner Menschenliebe, seiner Treue zu Volk und Land! – Alle seine Bücher sind in meiner Bibliothek. Als ich vor drei Monaten ihn in Berlin nochmals gesehen habe, besprach ich sein letztes Buch mit ihm. Vor Jahren, bei meinem Gönner, dem Grafen Zedlitzsch-Trützschler, als er Kultusminister in Berlin gewesen, haben wir uns kennengelernt. Sein Opfergang aus seinem Tempel ins Feld der politischen Tat hat mich nicht überrascht. Es war Notwendigkeit seines Wesens und Lebens. – Wenn ich, ein katholischer Priester, am Altare stehe und das Opfer unseres Jesus von Nazareth darbringe, sehe ich oft in Walthers Auge, und ich fühle sein Herz bei Gott. Ich weine um ihn, aber er lächelt mich an – er ist in ewigem, himmlischem Frieden, ehrwürdige Mutter, treue Schwester. – Ich bin 62 Jahre alt, meine Philosophie ist die des Aristoteles, des gemäßigten Realismus. Es ist nicht Mystik, was ich schrieb, es ist mir eine sichere Realität. – Nachdem ich durch Jahrzehnte Universitätslehrer gewesen, bin ich jetzt hier in der Rhön, als mein letztes Lebenswerk mache ich aus meinem Landgut eine Stiftung für erholungsbedürftige Studenten. Ich weihe sie Walthers Andenken. Ich sorge, daß israelitische Studierende teilhaben, ihm zu Ehren. Das soll mein kleiner Beitrag sein zu seinem großen unsterblichen Fortwirken. – Hiob und die Psalmen seien Ihr Trost. Vater und Sohn finden Sie einst wieder in Abrahams Schoß, der unser aller Erzvater im Glauben ist.
Ihr Dr. W. Ph. Englert.«
Viele Nachrufe sind auf Walther Rathenau gehalten worden, Gerhart Hauptmann, mit dem er seit langem so nahe befreundet war, daß er ihm seine »Kritik der Zeit« zueignete, schrieb, daß kein Mörder gewagt hätte, die Hand gegen Rathenau zu erheben, der auch nur eine halbe Stunde das Glück gehabt hätte, mit ihm sprechen zu dürfen. Er hätte es nicht vermocht, weil Rathenaus reiner Adel und seine Güte, die tiefe Einsamkeit und die hohe Geistigkeit ihn bezwungen hätten.
Fritz von Unruh, der ihm auch nahestand, dichtete sein schönes »In memoriam«, in dem es heißt:
»Wer überraschte dich, wenn du in Versen
dem Schicksal deines Stammes nachgedacht,
und mit Rabbinern fromme Zwiesprach haltend,
mir oft die Wange rötetest vor Scham,
bedacht ich, wie unselig und verirrt
Baidur mit Mose kämpft, statt ihm die Hand
wie einem Freunde darzubieten, der,
Unendliches ergänzend und erfüllend,
den gleichen Weg zu gleichem Ziele schreitet.«
Und die ihm so treu ergebene »Heidefrau« schrieb noch zu »Johanni 1926« die folgenden Verse »Der Mutter«:
»Wer dich je Jude schmähte, – erfaßte nicht
des Christentumes Sinn – den überweltlich Gottes Sohn
uns ausgedeutet in der Predigt – der einzigen –
die er dort hielt auf jenem ruhevollen Berge –
vom blauen Meer – dem heitren – sanft umspült.
O Freund – du arg Verkannter – die Scham –
die bittre
umrötet meine Stirn in dem Gedanken,
wie euer kleiner Stamm von Namenchristen wird
von ewig her verfolgt – gemartert und verdammt.
»Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« –
Entflammt
nicht dieser Worte Urweltschein Ströme der Tränen –
die aller Christen Seelen säen auf dem Weg –
den Irrgegangenen seit Jahrtausenden?
Ein Grausen – mitternächtiger Qualen trächtig –
zerschürft heut wieder an Johanni mir Herz und Hirn,
daß du – ein Glanzgestirn an trüber Zeiten Himmel,
dem Irrwahn »Jude« Opfer wardst. – Du,
der den schärfsten Zwiespalt »Liebe – Haß« bezwungen
gleich jenem Juden, der am Kreuz auf Golgatha
im Dornenkranz die Krone ewigen Lebens Gott abgerungen.«
Alle diese Menschen, die meisten seiner Freunde und Anhänger und vielleicht auch seine Mörder selbst – nicht jene Knaben, die verhetzt und verblendet in einem falschen, irregeleiteten Patriotismus ein feiges, nie zu sühnendes Verbrechen, einen Meuchelmord begangen haben, sondern jene, die diesen Mord nach langem Hetzen durch gewolltes bewußtes Mißdeuten und Mißverstehen vorbereitet hatten, alle, die aus Angst um ihre persönlichen Interessen, ihre bequeme Eitelkeit und ihre guten Geschäfte den Mann haßten, der sie in ihren Lieblingsschwächen zu stören schien – alle diese haben vermutlich selbst geglaubt, daß der Jude, der Republikaner, der Demokrat, wie sie ihn sahen, ermordet worden ist. Aber Rathenau war im wesentlichsten nicht Jude, nicht Demokrat, nicht Republikaner. Das waren äußere Formen, die mit dem inneren Gehalt seiner Anschauungen nichts, oder nur sehr wenig zu tun hatten. Ermordet hat man den ersten Verkünder, den Träger einer neuen Menschheitsepoche. Ermordet hat man den Wegweiser, den Führer ins Land der Seele. Und man hat ihn ermordet, weil die Masse der Seelenlosen den hassen muß, der im höchsten Sinne Edelmann, ja Fürst im Reich der Geister ist. Ermordet hat man den Träger des göttlichen Genies, das uns aus Rathenaus Werk entgegenleuchtet. Und ich glaube einige, seine besten Freunde, wie der Schriftsteller Hermann Stehr, wie der Philosoph Konstantin Brunner, wie Ernst Norlind und Wilhelm Schwaner haben das gewußt und haben deshalb damals in der Öffentlichkeit geschwiegen.
Daß mit diesem Mord dem deutschen Vaterland der schlimmste Dienst erwiesen wurde, den man ihm antun konnte, das haben wir schaudernd erlebt. Nach Rathenaus Tod stieg die Goldmark, die am 2. Januar 1919 in Papiermark 1,89, am 1. Januar 1921 in Papiermark 17,85, am 2. Januar 1922 in Papiermark 67,80, am Tage der Ermordung in Papiermark 84, am 28. Juni 1922 in Papiermark 78,22 gestanden hatte, schon am 1. Juli auf 401,90 Papiermark und am 31. Dezember 1922 auf 1750 Papiermark. Vor der Inflation hatte Rathenau immer gebangt, namentlich weil er ihre Wirkung auf den Mittelstand voraussah. Durch die umstrittene Anleihe, gegen die Helfferich so energisch gearbeitet hatte, wollte er ihren Gefahren wenigstens teilweise begegnen. Nach seiner Ermordung war das alles zu Ende. Die Erfüllungspolitik wurde aufgegeben, – die Ruhrbesetzung war die Folge, der Zusammenbruch, die Not, das Elend stieg ins Unerträgliche, – und endlich wurde Rathenaus Erfüllungspolitik wieder aufgenommen, jetzt von ihren früheren Gegnern. Der Vertrag von Locarno brachte die Formulierung der Gedanken, die 1921 in London angeregt worden waren. Der Märtyrer der deutschen Politik wird durch die Tat anerkannt, auch wenn das Wort noch nicht bereit ist, ihn zu verherrlichen.
Und doch ist der Ermordete nicht tot. Sein Geist, seine Seele wirken fort. Im Gegenteil haben vielleicht gerade die, die ihn ermorden wollten, um seine Ideen unschädlich zu machen, unbewußt und ungewollt diese zu lebendiger Kraft erweckt. Ein Toter spricht vernehmlicher, als ein Lebender es könnte. Die Worte, die Sätze seiner bleibenden Werke haben und behalten ihre schöpferisch fortwirkende Kraft. Er, der nie für die Stunde dachte und wirkte, er wirkt fort in alle Zeiten. Die Seele ist unsterblich. Die Liebeswellen, die von ihr ausgingen, und die die Energieform der Ewigkeit sind, werden mehr und immer mehr von empfänglichen Geistern, von aufnahmefähigen Seelen in ihrer Wirkung erkannt und empfunden und zu neuer lebendiger Wirkung getragen. Und diese Seelen in ihrer schöpferischen Kraft werden ihm ein dauerndes menschliches Denkmal setzen, wie seine Mutter es tat in dem Brief an die Mutter des Mörders ihres Sohnes, an Frau Techow, von dem sie selbst sagte, daß sie ihn im Sinne ihres Sohnes, im Erleben seiner Liebe schreiben mußte: »In namenlosem Schmerz reiche ich Ihnen, Sie ärmste aller Frauen, die Hand. Sagen Sie Ihrem Sohn, daß ich im Namen und Geist des Ermordeten ihm verzeihe, wie Gott ihm verzeihen möge, wenn er vor der irdischen Gerechtigkeit ein volles offenes Bekenntnis ablegt und vor der göttlichen bereut. Hätte er meinen Sohn gekannt, den edelsten Menschen, den die Erde trug, so hätte er eher die Mordwaffe auf sich selbst gerichtet, als auf ihn. Mögen diese Worte Ihrer Seele Frieden geben.
Dank
Bei der Abfassung dieses Buches, das ein schwacher Versuch ist, das Bild des großen, bewunderten und verehrten Toten zu zeichnen, unterstützten mich gütig, wofür ich ihnen von ganzem Herzen danke, in erster Linie die verstorbene Mutter des Toten, Frau Mathilde Rathenau, dann seine Schwester, Frau Edith Andreae, geb. Rathenau, die mir großzügig Material zu meiner Arbeit zur Verfügung stellte. Dann danke ich der Walther Rathenau-Stiftung im Reichsministerium des Innern, und zwar speziell ihrem Kurator, Herrn Ministerialdirektor Brecht, dem Herrn Reichskunstwart Dr. Redslob, sowie Herrn Professor Rauers aus dem Reichsarchiv, dann dem Rathenaustift in Freienwalde (Kreis Oberbarnim) und zwar besonders Herrn Landrat Mengel, der mir auch freundlichst gestattete, Aufnahmen aus der Freienwalder Festschrift in meinem Buch zu reproduzieren. Auch Herrn Geheimrat von Falcke vom Berliner Schloßmuseum spreche ich meinen Dank aus. Dann danke ich Herrn Kommerzienrat Mamroth in der AEG, dessen Güte mir den Zugang zum Archiv der AEG eröffnete, sowie Herrn Dr. Grunwald, der mich auf manches wertvolle Material aufmerksam machte. Ganz besonderen und persönlichen Dank möchte ich noch Herrn Hugo Geitner, Walther Rathenaus langjährigen Sekretär, aussprechen, von dem ich viele wichtige und bedeutende Mitteilungen erhielt, und Walther Rathenaus vertrautem Diener, Herrn Hermann Merkel.
Sommer 1927
Etta Federn-Kohlhaas.