Deutsche Balladen. Aus Ferdinand Avenarius' Balladenbuch
MeistgelesenVerlag: Steingrüben Verlag | Jahr: 1951
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König Abels Tod
Detlev von Liliencron
Der König schläft im purpurnen Zelt,
Der Posten klirrt auf und nieder.
Blauampellicht gefangenhält
Des Königs schwere Lider.
Vor den Deichen ebben die Wasser dumpf,
Die Wachtfeuer qualmen und knistern,
Durch die Nacht wiehert ein Pferd. Die Frösche
Stimmen in tausend Registern.
Auf heimlichen Wegen, mit Axt und Beil,
Mit Keulen und Morgensternen,
Kommen die freien Friesen in Eil,
Sie kommen aus Näh und Fernen.
Das Bild des heiligen Christian
Rumpelt voran auf dem Wagen.
Bitt für uns, betet der Kapellan,
Wir wollen mit Gold dich beschlagen.
Mit Gold schon beschlägt ihn der gelbe Mond
Und leuchtet auf Freund und Feinde.
Wenn morgen er wieder am Himmel thront,
Er sieht eine stille Gemeinde.
Der König träumt im Purpurzelt,
Der Posten klirrt auf und nieder.
Der blauen Ampel Dämmer fällt
Auf des Königs zuckende Lider.
König Erich steht vor ihm, naß aus der Flut,
Und streckt den Arm nach oben.
»Hinweg, hinweg, bei Christi Blut,
Zehn Klöster will ich geloben.«
Steilauf der König: »Gratias.
Wulff Bokwoldt! Helm und Schienen,
Mein Schuppenhemd, und rufe rasch
Uk Rugmoor und Caj Thienen.«
Wulff Bokwoldt, der Page, wie der Hund
Schlief treu zu des Königs Füßen.
Im Traume lächelt sein junger Mund,
Schön Heilwig sieht er grüßen.
Im Walde, voll des süßen Schalls,
Er und schön Heilwig gingen.
Sie knotet lustig um seinen Hals
Ihr Langhaar in Maschen und Schlingen.
Zwei Ritter mit schwarzem Panzer bewehrt,
Stehn vor des Königs Bette.
Der Page gürtet dem König das Schwert
Und reicht ihm Schild und Kette.
Im Lager lärmt es. Des Himmel Zier
Sind gierige Geierflüge.
»Die Hengste vor! Der Friesenstier
Muß heute noch in die Pflüge.«
Der König ruft es, die Sonne glitzt,
Gekrach und Lanzengesplitter.
Des Königs goldene Rüstung blitzt,
Seit' jagen die schwarzen Ritter.
Dicht drängt Wulff Bokwoldt den Schecken heran,
Wild flattern Schweif und Mähnen.
Heut wird er ein Ritter, heut wird er ein Mann,
Er beißt mit Eisenzähnen.
Die Friesen kämpfen für Herd und Weib,
König Abel ist verloren.
Die schwarzen Ritter strecken den Leib,
Caj Thienen und Uk Rogmooren.
Der König allein, er irrt auf dem Deich,
Hoch spritzt die Flut an den Wällen.
Ringsum der Feind. Keinen Sünder bleich,
Einen König sollen sie fällen.
In die Friesen trug er sein Schwert Hilfnot,
Das hat ihn heute betrogen.
Wessel Hummer aus Pellworm schlug ihn tot
Und schleudert ihn in die Wogen.
Der Page, wo blieb der Page klein?
Sie warfen ihn nackt in den Graben.
Um seine weißen Glieder fein
Zanken und raufen die Raben.