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Deutsche Balladen. Aus Ferdinand Avenarius' Balladenbuch

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von Anthologien

Verlag: Steingrüben Verlag | Jahr: 1951

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Kapitel 119

»Und alles ohne Liebe«

Theodor Fontane

Die Mutter spricht: »Lieb Else mein,
Wozu dies Grämen und Härmen?
Man lebt sich ineinander ein,
Auch ohne viel zu schwärmen;
Wie manche nahm schon ihren Mann,
Daß sie nicht sitzen bliebe,
Und dünkte sich im Himmel dann
Und – alles ohne Liebe.«

Jung-Else hörts. Sie schloß das Band,
Das ew'ge, am Altare,
Und lächelnd nahm des Gatten Hand
Den Kranz aus ihrem Haare;
Ihr war's, als ob ein glühend Rot
Sich auf die Stirn ihr schriebe,
Sie gab ihr Alles, nach Gebot,
Und – alles ohne Liebe.

Der Mann ist schlecht; er liebt das Spiel
Und guten Trunk nicht minder,
Sein Weib zu Hause weint zu viel
Und ewig schrein die Kinder;
Spät kommt er heim; er kost, er schlägt,
Nachgiebig jedem Triebe,
Sie trägts wie nur die Liebe trägt
Und – alles ohne Liebe.

Sie wünscht sich oft, es war vorbei,
Wenn nicht die Kinder wären;
So aber sucht sie stets aufs neu
Zum Guten es zu kehren;
Sie schmeichelt ihm, und ob er dann
Auch kalt beiseit sie schiebe,
Sie nennt ihn »ihren liebsten Mann«
Und – alles ohne Liebe.