Taschkent – Die brotreiche Stadt
Verlag: Neuer Deutscher Verlag | Jahr: 1925 | Übersetzer: Maria Einstein
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27.
Fernhin breitet sich die weite, in rotes Sonnenlicht gehüllte Steppe mit seltenen Hügeln. Einsam kreisen Steppengeier über den toten, grauen Salzlagerungen, setzen sich dann auf die alten Gräber der Steppenfürsten, sitzen da wie traute Wächter, mit starren, schwarzen Köpfen. Große, jungfräuliche Kletten strecken sich in langen Ketten die Gräben entlang, steigen auf Hügel, ängstigen durch ihre tote Einsamkeit durch die urewige, nie gestörte Ruhe. Die Sonne stieg in den Zenit, begann unterzugehen. Die Mittagsschatten wurden kürzer.
Der Soldat mit dem Holzbein erzählte nicht mehr von dem kalten, durchsichtigen Wasser, sah böse mit roten, entzündeten Augen auf die toten Steppenweiten, sagte hoffnungslos:
»Wir kommen nicht bis zur Station. Wir schaffen's nicht.«
Die Frauen, das kleine Mädchen sperrten schief ihre vertrockneten, verhungerten Münder auf, faßten sich an den Händen, weinten vor drückender Angst. Nur Sidor, der barfüßige Bauer, und Jermolaj mit dem dicken, ungekämmten Haar marschierten hartnäckig drauf los, die schwarzen, verwitterten Köpfe vorgebeugt, und holten mit ihren zerschundenen Füßen weit aus. Petro, der voranging, hob seinen Wanderstab in die Höhe, beschirmte die Augen mit der Hand, schaute die dahineilenden, glänzenden Schienen entlang und sagte ab und zu beruhigend:
»Dort ist was Dunkles zu sehen.«
Kamen sie aber an den dunklen Fleck, der das Auge erfreut hatte, wurden die Herzen wieder von Trübsal beklemmt: Das waren von Kirgisen verlassene Lagerstätten, Haufen zerspülter Lehmerde, die schwere, traurige Arbeit von Flüchtlingen. Wieder spähte Petro unter der Hand hervor, suchte wieder die verloren gegangene Station.
Die Station war nicht mehr zu sehen.
Nur der Telegraphendraht summte, nur manchmal traf man umgefallene Eisenbahnwagen, die den Abhang heruntergeworfen waren, und zerbrochene Lafettenräder, die letzte Spur des Bürgerkrieges, der über die Steppen von Turkestan bis Samara gezogen war.
Mischka und Trofim hatten es leichter als die anderen.
Sie hatten schon gegessen, getrunken. Waren ausgeruht. Jeder trug in der Tasche ein großes Stück von dem Rest des Brotes, der übrig geblieben war. Manchmal steckte sich Mischka verstohlen ein kleines Stückchen Brot in den Mund, sagte flüsternd zu Trofim:
»Wir haben's gut! Was?«
»Wir schaffen es schon!« beruhigte Trofim. »Man darf sich nur nicht fürchten …«
Der Greis ging, die linke Seite vorgeschoben, und schleppte kaum die steifen Füße nach. Auf einem Hügel atmete er tief aus den staubigen Nüstern aus, lächelte schwach mit den strahlenden, gütigen Augen, bekreuzigte sich im Anblick der Abendröte, die über der Steppe schwamm.
»Halt, Kinder, es geht nicht weiter!«
Die Steppe begann vor den erstaunten Augen zu schwanken, zu schwimmen, die Klettenpflanzen begannen auch zu schwanken, die Telegraphenstangen zu kreisen vor den verwunderten Augen, der Telegraphendraht summte noch stärker in die Ohren.
»Halt, Kinder, weiter schaff ich's nicht!«
Der Greis spreizte die Beine, setzte sich auf den trockenen, heißen Boden.
Der Soldat setzte sich neben ihm hin, umklammerte mit beiden Händen sein Holzbein.
Sidor und Jermolaj setzten sich auch hin, Petro warf plötzlich den Wanderstab von sich:
»He, du Straße, du unendliche, du unser langer Weg!«
Er fand in der Tasche einige Tabakreste, schluckte absichtlich den scharfen, stechenden Rauch, um die leeren, hungrigen Gedärme zu beruhigen. Nach drei Zügen wurde er schwindlig, breitete die Arme aus, fiel auf den Rücken. Sidor und Jermolaj saßen, den Kopf auf die hochgezogenen Knie gestützt, die Frauen und das kleine Mädchen lagen ausgestreckt. Der Greis rollte sich in ein Knäuel zusammen, stützte den Kopf auf die Faust. Der Soldat betrachtete seinen Holzfuß, sagte mit dumpfer, gleichgültiger, toter Stimme:
»Wir sind verloren!«
Mischka sah ängstlich auf die Bauern, die mitten auf dem Wege hingefallen waren, sah in die Steppe ohne Menschen, ohne Häuser, sein Herz zog sich zusammen. Ist die Station nahe, ist's gut. Wenn es aber noch vierzig Werst bis dahin sind? Er brach, die Hand in der Tasche, ein kleines Stückchen Brot ab, steckte es in den Mund, um die aufsteigende Unruhe zu betäuben. Der Soldat schaute auf Mischkas Tasche mit hungrigen Augen.
»Hast du Brot?«
Trofim sagte träge, ohne die Fassung zu verlieren:
»Woher denn Brot, er kaut Lehm!«
Der Greis rührte sich, Sidor und Jermolaj hoben die Köpfe, die Frauen und das kleine Mädchen warfen sehnsüchtige Blicke herüber. Einige Sekunden lang saß der hungrige Menschenhaufen in aufgeregtem Halbkreise da, mit gespitzten Ohren. Hat der Wind dies erfreuliche Wort herangeweht, oder hat es die Erde dem zermarterten Körper zugeflüstert?
»Wo ist Brot?« fragt Petro.
Der Soldat zeigt auf Mischka.
»Dieser Mann hat Brot.«
Mischka erhob sich erschrocken, bereit, um seine letzte Freude auf Tod und Leben zu kämpfen, seine Augen blitzten auf wie die eines kleinen Raubtiers, das man aus seiner Höhle hervorgezogen hat. Plötzlich erhob sich auch Trofim, nahm den Kameraden an der Hand:
»Gehn wir! Wir kennen den Weg!«
Mischka und Trofim machten einige Schritte zurück, blieben dann stehen, wandten die unruhigen Augen nicht von den Bauern ab. Die Bauern betrachteten sie nachdenklich, als bereiteten sie sich zum Angriff vor.
Hinter ihren Rücken zeigte sich Rauch.
Im Abendrot hob sich scharf der Körper eines langgestreckten Zuges ab, die Achsen der Lokomotive blitzten kurz auf.
»Er kommt!« rief Petro. »Er kommt hierher!«
Vom fernen Anblick des Zuges wieder aufgewühlt, beschlossen die Bauern, auf einem kleinen Hügel auf ihn zu warten. Man beschloß, sich an die Trittbretter anzuklammern, an die hinteren Puffer sich anzuhängen, um ja nicht die Nacht mitten in dieser schrecklichen Steppenstille zu verbringen.
Traurig befühlte der Soldat sein Holzbein.
»Ich krieg's nicht fertig, Genossen!«
Eine der Frauen freute sich, daß der Soldat nicht aufspringen wollte, sagte schüchtern:
»Springt nicht, Bauern, ihr zerschlagt euch auf den Tod.«
Niemand antwortete ihr. Sie aber, entsetzt von dem Gedanken, allein in der Steppe zu bleiben, flehte Gott an, daß der Soldat doch nicht aufspringen möchte, daß die Bauern alle zusammenbleiben möchten.
Der Zug nahm eine scharfe Kurve, kam näher. Flink arbeitete die Lokomotive mit den stählernen Ellenbogen, der Schornstein puffte durch seinen schwarzen, großen Mund. Zart schmolz weißer Dampf in der Luft
Petro beugte sich zu dem Alten:
»Großvater, der Zug kommt! Stehst du auf?«
Trofim belehrte Mischka streng:
»Wenn du dich anklammerst, stell dich mit dem Gesicht zur Lokomotive, daß dich der Wind nicht runterwirft!«
»Springst du mit mir auf?«
»Ich springe, wie's gerade kommt. Bin geschickter als du.«
Der Zug kam. Auf dem Hügel verlangsamte er etwas sein schnelles Tempo. Die Lokomotive prustete, das steilstirnige, eiserne Pferd schaute die versammelten Menschen mit dem hellen Licht ihrer Vorderlaternen an. Heißer Dampf, den der Maschinist ablaufen ließ, zischte, warf die Frau mit dem kleinen Mädchen hin, schleuderte den Alten den Hügel hinunter. Mischka hörte wie im Traum Trofims Stimme:
»Spring rauf!«
Und wieder wie im Traum sah er das ihm entgegeneilende Trittbrett des grünen Wagens, streckte die Hände vor, schrie laut, besinnungslos:
»Onkelchen!«
Vor ihm flitzte Trofims Kopf vorbei. In der Luft baumelten Trofims Beine. Als Mischka gewahr wurde, daß es Trofim gelungen war, aufzuspringen, spannte sich seine Bauernkraft, die tief in seinem kleinen Körper verborgen lag, wie eine riesenhafte Feder und warf ihn nach vorne. Ein Trittbrett lief vorbei. Ein anderes. Menschen lehnten aus den Wagenfenstern, und alle sahen auf den längs des Zuges rennenden kleinen Jungen in breiten Bastschuhen, schrieen ihm etwas zu. Er aber weitete schwer atmend die heißen Nüstern, wollte schon auf das letzte Trittbrett springen, aber eine unsichtbare Gewalt riß ihn von der Erde, warf ihn um, zerdrückte ihn, schleuderte ihn in ein tiefes, schwarzes Loch …