Taschkent – Die brotreiche Stadt
Verlag: Neuer Deutscher Verlag | Jahr: 1925 | Übersetzer: Maria Einstein
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14.
Den ganzen Tag trieb sich Mischka auf dem Markte zwischen den Verkäuferinnen herum, hörte zu, was ein Weiberrock, was eine Weiberjacke kostet, was man für Brot verlangt, wenn man es kaufen will. Er wollte schon den Großmutterrock aus dem Sack holen, doch er hörte die Bauern sagen:
»Die Kirgisen hinter Orenburg zahlen viel Geld für verschiedene Sachen. Dort muß man Sachen hinbringen.«
Mischka dachte:
»Will mich noch ein klein wenig gedulden.«
Er versuchte zu betteln, doch die Weiber in dieser Gegend waren entsetzlich streng.
Sagt man zu ihnen: »Tantchen!« schauen sie nicht einmal her.
Setzt man ihnen zu: »Um Christi willen!« holen sie zum Schlag aus.
Eine wollte Mischka auf den Kopf schlagen. Offenbar hatte sie erfahren, daß er bei dem Bauern das kleine Stück Brot gestohlen hatte, denn sie schrie über den ganzen Markt:
»Mach, daß du wegkommst, verfluchte Diebsbrut! Ich seh schon lange zu, wie du da herumstrolchst!«
Mischka drückte die väterliche, alte Mütze in die Stirn, ging fort, um einen Skandal zu vermeiden. Man wird die Sache noch bei der Tscheka melden, dann wird er vierzehn Tage sitzen müssen, viel Umstände macht man ja mit unsereinem nicht. Man wird seinen Paß verlangen, er hat keinen. Seinen Durchlaß? Kein Durchlaß da. Lieber sich aus dem Staube machen …
Erst gegen Abend erinnerte er sich an Serjoschka. Als hätte er einen Stich ins Herz bekommen.
»Warum siehst du nicht nach ihm? Hast du doch versprochen!«
Er wollte hinlaufen, doch die Bauern machten ihm Angst.
»Der Zug nach Taschkent wird gerade vorbereitet. Wird gleich abfahren.«
Mischkas Gehirn spaltete sich in zwei Hälften. Die eine befiehlt ihm, zu Serjoschka zu laufen, die andere sucht ihm Angst zu machen:
»Lauf nicht hin, wirst den Zug versäumen!«
Aber die erste Hälfte flüstert ihm in die Ohren:
»Schämst du dich nicht, deinen Kameraden im fremden Lande so zu verlassen? Hast eine Verabredung getroffen und willst jetzt nicht. Ist doch keine große Sache, hinzulaufen! Nimmst Abschied zum letzten Male und fährst dann weiter. Und auch er wird es leichter haben, wenn er weiß, daß du wegfährst, wird nicht immer auf dich warten …«
Die andere Hälfte sucht ihn zu beruhigen:
»Deine Verabredung gilt nicht für solche Fälle. Wirst umsonst hingehen, den Zug verpassen. Verlierst einen ganzen Tag und eine Nacht, und in dieser Zeit könntest du hundert Werst zurücklegen. Er tut dir doch leid. Du machst es doch nicht böswillig …«
Mischka wurde lange von Zweifeln gequält.
Er kam zur Station. Warf einen Blick aufs Krankenhaus, einen Blick auf die Wagen:
»Ob die sich schon bewegen?«
Die Wagen standen unbeweglich.
Mischkas Gewissen siegte über Mischkas Unentschlossenheit, gab ihm einen Ruck nach vorwärts. Er rannte, was er konnte, bis zum Aufgang des Krankenhauses, blieb stehen wie versteinert. Drei Fenster waren ganz dunkel, in einem nur brannte Licht. Er ging zur Türe, sie war geschlossen. Er steckte den Kopf in das Fenster, in dem Licht brannte, jemand faßte ihn am Aermel.
»Wohin willst du denn? Willst wohl die Scheibe zerschlagen?«
Mischka wandte sich um, vor ihm stand ein Bauer mit einem Besen in der Hand.
»Ich will nach Serjoschka sehen.«
»Was für ein Serjoschka?«
»Unser Serjoschka, aus Lopatino.«
»Hier gibt es keinen Serjoschka. Mach, daß du wegkommst!«
Da hast du's. Heute hat man ihn da hineingelegt, und nun soll es keinen Serjoschka geben!
In diesem Augenblick pfiff auf der Station die Lokomotive.
»Der Zug!«
Mischka stürzte vom Krankenhaus weg, der Boden brannte ihm unter den Füßen, kam auf die Station gelaufen. Da wird man aus nichts klug. Man rennt hin, man rennt her, einige trinken Tee. Er fragt einen Bauern, der Bauer zuckt die Schultern:
»Ich weiß nichts, Brüderchen, warte selber schon den vierten Tag. Wohin willst du denn?«
»Ich muß nach Taschkent.«
»Der nach Taschkent ist schon längst weg.«
»Weg?!«
»Ganz sicher, er ist weg.«
Mischka war es, als hätte, er einen Schuß durch die Beine, die Arme bekommen.
Er stürzte auf die andere Seite, stieß im Dunklen auf eine Frau, die einen Eimer kochendes Wasser trug. Der Eimer schwankte, das kochende Wasser verbrannte ihre Finger. Die Frau ließ den Eimer fallen, schrie:
»Haltet ihn!«
Kein Hirsch rennt da und zerteilt das Gebüsch mit den Hörnern, Mischka rennt mit seinem Sack auf der Schulter. Hinter ihm wächst Lärm an, schlägt an seine Ohren:
»Hat gestohlen, haltet ihn!«
Bauern schneiden Mischka den Weg ab:
»Ach, du Hundesohn!«
»Laßt ihn, schlagt ihn nicht!«
»Holt die Miliz!«
»Da, Genosse Milizsoldat, ist der …«
»Hat der Frau einen Sack gestohlen.«
»Auseinandergehen!«
Ist es die Erde, die sich wie ein Rad dreht, oder hüpfen die Menschen einander über die Köpfe?
Nein.
Die Erde dreht sich nicht, und die Menschen hüpfen nicht: Mischka ist es dunkel vor den Augen geworden, Mischkas Kopf dreht sich nach allen Richtungen. Er steht in einem furchtbaren Kreise, und die Zunge bringt kein Wort hervor. Er will sprechen, doch die Zunge will nicht. Eine Träne fällt auf Mischkas Backe, doch wer wird in diesem Durcheinander eine Träne bemerken? Alle schauen auf Mischkas Sack, Mischkas Leid entfacht den Haß der Bauern, die vom langen Herumliegen auf den Stationen stumpf geworden sind.
»Hauen muß man solche kleinen Hunde!«
Der Milizsoldat faßt ihn an der Hand:
»Komm mit.«
»Bin verloren.«
Nur das denkt Mischka.
»Die lassen mich nicht mehr heraus.«