Taschkent – Die brotreiche Stadt
Verlag: Neuer Deutscher Verlag | Jahr: 1925 | Übersetzer: Maria Einstein
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13.
Das Krankenhaus gefiel Mischka gut; es war gestrichen und hatte viele Fenster. Mag Serjoschka darin liegen, zu Kräften kommen. Man wird ihm Arznei geben, irgendwelche Pulver, und Serjoschka wird schnell gesund werden. Mischka wird ihn auf dem Rückwege aus Taschkent abholen und mitnehmen. Er wird großen Erfolg haben und mit Serjoschka teilen, damit ihn dieser nicht beneidet. Jeder kann krank werden, Serjoschka ist nicht schuld daran.
Die Tragbahre mit Serjoschka wurde auf der Freitreppe hingestellt. Die Träger gingen weg, lange kam niemand heraus. Auf einem Baum krächzte laut eine Krähe.
»Das bedeutet nichts Gutes, hoffentlich passiert nichts.«
Serjoschka kam zu sich, weinte.
»Wohin bringt man mich denn?«
»Das ist ein Krankenhaus. Hab keine Angst.«
»Und wohin willst du?«
»Ich bleibe bei dir.«
Mischka setzte sich auf die Treppe neben die Bahre und begann zu erzählen. Er hatte eine gute Frau getroffen, die mit ihnen beiden Mitleid hatte, Brot gab. »Ich«, sagte sie, »werde Serjoschka unbedingt auskurieren.« »Ich habe«, so sagte sie, »so eine Arznei«. Er, Mischka, werde nicht allein weiterfahren. Er werde hier auf den Markt gehen. Hier ist ein Markt wie in Busuluk, alles kann man da kaufen. Serjoschka solle auf ihn, Mischka, ja nicht böse sein wegen des Streites. Ohne Streit kommt man unterwegs nicht aus.
Er erinnerte sich an die Schraube, die er gewonnen hatte.
»Du denkst, ich habe die Schraube im Ernst genommen? Wozu brauche ich eine fremde Schraube? Ich habe dich nur necken wollen …«
Er holte die Schraube aus der warmen, tiefen Tasche hervor, legte sie Serjoschka in die Hand.
»Hier hast du sie, verwahr sie nur gut.«
Als die Krankenhaustüre sich öffnete und Serjoschka in sie für alle Ewigkeit eingetreten war, empfand Mischka unerträglichen Schmerz und bittere Einsamkeit. Er stand am Tisch, an dem eine Frau in weißem Kittel schrieb, und sagte müde:
»Wir sind Bauern aus dem Dorfe Lopatino. Michajla Dodonow bin ich, er ist Sergej Iwanytsch.«
»Wie ist der Familienname?«
Da entfiel Mischkas Gedächtnis Serjoschkas Familienname. Eben noch hatte er ihn auf der Zunge gehabt. Er wollte den Spitznamen sagen, doch die Frau forderte den richtigen Familiennamen.
»Schreiben Sie ihn auf meinen Namen: Michail Dodonow, aus dem Dorfe Lopatino.«
»Kannst du schreiben?«
»Aber sicher!«
»Unterschreib mit deinem Namen.«
Mischka legte sich mit der Brust auf den Tisch, streckte vor Anstrengung die Lippen vor.
»Habe lange nicht geschrieben, die Hand will nicht.«
Er unterschrieb und wurde mit einem Male traurig.
Er trat aus dem Krankenhause, die Schraube lag auf der Treppe.
»He, Serjoschka hat sie vergessen!«
Er sah in ein Fenster, niemand da. Ging an ein anderes, da drohte ihm jemand mit dem Finger. Wie ein herrenloses Hündchen strich Mischka um das Krankenhaus herum, blieb wieder vor der Treppe stehen.
»Wie könnte man ihm die Schraube zustecken?«
Jemand wurde auf einer Bahre herausgetragen. Er dachte schon, das sei Serjoschka, doch es war eine tote Frau, und die Füße der Frau waren nackt. Er wurde sterbenstraurig. Der Hunger quälte ihn, und auch der Kamerad tat ihm leid.
»Warum hat er bloß die Schraube vergessen!«