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Taschkent – Die brotreiche Stadt

von Alexander Newerow

Verlag: Neuer Deutscher Verlag | Jahr: 1925 | Übersetzer: Maria Einstein

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Kapitel 13

12.

Am Mittag kam ein Zug, kein Bauernzug, sondern mit guten Wagen.

Die Bauern durften nicht mit.

Wanjka und Petja wurden hinausgeschmissen, drei Mädchen zur Tscheka geführt.

Ohne Fahrschein!

Mischka hatte Glück gehabt.

Er trieb sich die ganze Zeit neben der Lokomotive mit den hohen, roten Rädern herum, kletterte eine Stufe hinauf. Er wäre sicher davongefahren, doch wirbelten durch seinen Kopf allerlei Gedanken.

»Hast deinen Kameraden im Stich gelassen. Den kranken Kameraden!«

Die Räder der Lokomotive begannen sich zu drehen, noch schneller die Gedanken in seinem Kopf zu wirbeln.

»Hast ihn im Stich gelassen, im Stich gelassen!«

Mischka sprang von der Stufe hinunter, weinte fast vor Aerger.

»Wozu hast du dich bloß mit dem zusammengetan?«

Die Lokomotive mit den roten Rädern war fort, es blieb nur die Sehnsucht nach ihr.

Serjoschka lag in der Sonne hinter dem Stationsgebäude, leckte stumpfsinnig mit der entzündeten Zunge seine Lippen. Sein Gesicht war eingefallen, die Nase trat scharf hervor. Mischka setzte sich neben den Kameraden, schüttelte den Kopf, nahm das Läppchen aus dem Sack, tat eine Prise Salz auf die Zunge, verzog das Gesicht, spuckte. Ging schweigend längs der Wagen. Nahm die Mütze ab, stand eine Weile unter dem Fenster eines Wagens, ging weiter. Hob Kartoffelschalen auf, die im Schmutz lagen, bewegte schwer die hungrigen Kiefer.

Ein dicker Geruch von Kohlsuppe mit Hammelfleisch drang zu ihm.

Wieder zog Mischka die alte Mütze.

»Tantchen, gib eine Kleinigkeit für einen kranken Jungen!«

»Für wen?«

»Für einen Kranken!«

»Mach, daß du wegkommst, wenn du nicht willst, daß ich dir die Augen vollschütte. Keinen Augenblick Ruhe hat man vor euch, Teufelsbrut!«

Mischka stöhnte auf, sagte nichts, ging am allerletzten Wagen vorbei, setzte sich auf die dünne, helle Schiene.

Sein seliger Vater pflegte zu sagen:

»Unsereiner soll stets hergeben, aber kriegen tut unsereiner nie was.«

Mischka drückte den Kopf mit beiden Händen, erstarrte zu Stein.

Da kam auf ihn eine Städtische zu, mit einem weißen Tüchlein um den Kopf, eine barmherzige Schwester. In der Hand hielt sie ein großes Stück Schwarzbrot. Wurde ihr etwa von selber klar, daß Mischka großen Schmerz litt, oder hatten Mischkas Augen diesen Schmerz verraten?

»Wohin reist du, Junge?«

Die freundliche Stimme erwärmte ihn, als hätte man ihn mit warmem Wasser aus einem Krug begossen. Er sah ihr ins Gesicht, sie lachte nicht, die Augen waren voller Teilnahme. Ohne lange nachzudenken, legte Mischka los und erzählte ihr alles, wie in der Beichte. Er hatte sich mit einem Kameraden verabredet, zusammen nach Taschkent zu fahren, einander unterwegs nicht im Stich zu lassen. Der Kamerad ist aber etwas krank geworden, und niemand gibt ihnen ein Stückchen Brot. Er, Mischka, möchte schnell weiterfahren, kann aber den Kameraden nicht im Stich lassen. Bleibt der allein, dann geht er zugrunde, ist sehr unerfahren. Ist bisher nirgendshin aus dem Dorf herausgekommen, fürchtet sich vor Lokomotiven.

»Woran ist er denn erkrankt?«

»Er hat Durchfall von schlechtem Wasser und so was wie Fieber.«

»Zeig ihn mir.«

Sie kamen hinter das Stationsgebäude, wo Serjoschka auf der Erde lag. Mischka sagte:

»Da, schau her!«

Die Städtische sah sich Serjoschkas Bauch an, sagte:

»Er hat Typhus und wird es bei dir sicher nicht aushalten.«

»Was soll denn mit ihm jetzt geschehen?«

Die Städtische dachte nach, sagte:

»Unser Wagen ist voller Kranker, doch wird man ihn hinlegen müssen. Auf der nächsten Station schaffen wir ihn ins Krankenhaus. Bist du einverstanden?«

Nicht das freute Mischka, daß Serjoschka ins Krankenhaus kommen werde. Nein, auch das freute ihn. Am meisten aber freute ihn folgendes: Daß es auf der Welt gute Menschen gibt. Nur findet man sie nicht gleich. Sein Herz wurde heiterer, der Hunger in den Gedärmen wurde leichter. Die Städtische brach ein Stück Brot ab. Mischka weinte fast vor Freude.

»Ich danke auch ergebenst, Tantchen!«

Selber denkt er bei sich:

»Wenn sie nur mich auch mitgenommen hätte!«

Die Städtische war wohl eine Zauberin. Sie erriet sofort Mischkas Gedanken.

»Wohin willst du jetzt gehen?«

Mischka blickte in die mitleidvollen Augen, gestand:

»Tantchen, setz mich in irgend eine Ecke, ich werde niemand was sagen.«

Es gibt auf der Welt gute Menschen!

Das Herz wird einem heiterer, der Hunger nagt nicht so in den Gedärmen.

Mischka sitzt im Sanitätswagen und kann kaum glauben: Ist es Traum? Ist es Wirklichkeit?

Der Wagen rattert, wiegt ein. Die Räder rattern, machen Musik, Mischka in seiner Ecke lächelt durch den blauen Schlummer, der die Gedanken verwirrt.

»Wo ist jetzt der krummbeinige Wanjka? Wo sind die Lagerfeuer?«

Mit einem Mal sind alle Feuer erloschen, nur die Räder sagen unten:

»Tu–tu–tu! Tu–tu–tu!«

Dann hörten auch die Räder auf zu sprechen.

Schlaf.