Taschkent – Die brotreiche Stadt
Verlag: Neuer Deutscher Verlag | Jahr: 1925 | Übersetzer: Maria Einstein
Wenn Sie das Buch lieber in der Hand halten möchten, können Sie es hier erwerben:
Oder laden Sie das Buch kostenlos als E-Book für Ihren E-Reader herunter:
Wie verwende ich eine EPUB-Datei?EPUB herunterladen
„Taschkent – Die brotreiche Stadt“ als E-Book für Ihren Reader.
Projekt Gutenberg unterstützen
Ihr Download startet.
Projekt Gutenberg lebt davon, dass Literatur frei zugänglich bleibt.
Mit Ihrer Unterstützung helfen Sie, diese Bibliothek zu erhalten und weiter auszubauen.
Im Buch suchen
11.
Nachts setzte Regen ein.
Die Wiese mit den Bauern und Bauersfrauen geriet in Bewegung, die Kohlen der Lagerfeuer zischten, ärgerliches Geschimpfe überall. Jemand schrie im Dunkel:
»Hol den Ueberrock!«
»Wo ist der Ueberrock?«
Die ganze Menschenherde zog zur Station, verkroch sich unter die Wagen. Nur eine Frau, die auf der Wiese zurückgeblieben war, schimpfte wütend:
»Nikolaj, wohin hat dich der Teufel geholt!«
Lange patschten Mischka und Serjoschka durch Pfützen, stolperten über Erdunebenheiten, kamen zu spät auf dem Bahnhof an, es gab keinen Platz zum Sitzen mehr. Serjoschka bekam Bauchschmerzen.
»Mischka, ich muß austreten!«
»Wieder austreten! Lauf schnell, hinter das Gebäude!«
»Komm du mit!«
Mischka spuckte vor Aerger aus, wurde wütend.
»Du bist aber merkwürdig, Serjoschka. Mußt austreten und ich soll mitkommen. Dort sind doch keine Wölfe, man wird dir dort die Füße nicht abbeißen.«
So an zehnmal lief Serjoschka hinter das Gebäude, drückte, weinte, sagte immer wieder mit kraftloser, unruhiger Stimme:
»Mischka, ich muß in einem fort …«
»Drücke nicht!«
»Ich drück ja nicht, es kommt von selbst …«
»Versuch Speichel hinunterzuschlucken.«
»Meine Gedärme drehen sich um.«
Mischka hatte es satt, sich mit ihm abzugeben, sagte faul:
»Es wird schon besser, denk nicht dran. Du hast Durchfall, das kommt vom schlechten Wasser.«
Serjoschka dachte an nichts mehr.
Er zuckte in einem fort, drängte sich nahe an den Freund, um sich ein wenig zu erwärmen, schloß die Augen.
»Ich friere!«
Im trüben Laternenlicht fielen die Regentropfen, ließen die Pfützen aufspritzen, trommelten am Bahnhofsdach. Ein Mann in einer Ledermütze kam gelaufen, stampfte mit seinen Absätzen durch den Korridor, trat Serjoschka auf den Fuß.
Serjoschka brach in Tränen aus.
Mischka zog die alte, väterliche Mütze über die Ohren, fragte müde:
»Warum stöhnst du, Serjoschka?«
»Ich friere … Mein Kopf brennt …«
Das hatte noch gefehlt. Mischka drängte sich durch den Menschenhaufen, schrie:
»Genossen, erlaubt einem kranken Jungen sich ein wenig zu wärmen!«
Niemand antwortete.
Da sann Mischka eine List aus, er nahm Serjoschka bei der Hand, rief noch lauter:
»Laßt uns durch!«
»Wer ist denn da?«
Sie drängten sich in eine Ecke durch, wo ein Sack lag, der einer Bauersfrau gehörte. Die Frau schrie sie an:
»Wohin wollt ihr denn? Auf euch hab ich grade gewartet!«
Wenn man List anwenden will, muß man eben listig sein, sonst geht es eben nicht. Noch nie hatte Mischka so eine freundliche Stimme gehabt:
»Tantchen, bist du aus Busuluk?«
»Geh vom Sack herunter!«
»Wir werden nichts anrühren.«
Der Bauer nebenan sagte, ohne den Kopf zu heben:
»Pack ihn einmal tüchtig am Haar, dann wird er Bescheid wissen.«
»Unsere Mutter haben wir verloren, unser Vater ist vor Hunger gestorben.«
Wieder sagte der Bauer nebenan, ohne den Kopf zu heben:
»Ich bin auch Waise, fahre ohne Vater.«
Mischka erwärmte sich neben den Säcken, schlummerte ein wenig ein. Kaum aber verfiel er in Schlaf, als Serjoschka wie besessen aufschrie:
»Ein Kirgise!«
Das Kind der Bauersfrau begann zu weinen. Die Frau sagte ärgerlich:
»Schrei nicht, hast das Kind erschreckt.«
Doch Serjoschka schrie wieder:
»Es brennt!«
Dann kam er zu sich, wünschte auszutreten, heulte leise, sein Kopf fiel auf die Knie.
Verzweifelt schloß Mischka die Augen.
Er dachte an das nie gesehene Taschkent; unaufhörlich wirbelten durch seinen Kopf fünfzehn Pfund Weizensaat und zwei Säcke voller Brotstücke. In Gedanken hing er an den Puffern, kletterte auf Wagendächer, versteckte sich auf Lokomotiven; und kein Soldat, kein Vorgesetzter konnten ihn fangen. Sie kommen aufs Dach geklettert, er aber ist schon herunter. Sie kommen auf die Lokomotive, er aber ist schon fort. So daß man überall von ihm sprach.
»Ein Räuber ist aufgetaucht!«
»Wer ist es?«
»Ein Busuluker Junge aus dem Bezirk Lopatino. Er reist ohne Paß und ohne Durchlaßschein. Man kann ihn nicht fangen, um ihn der Tscheka zu übergeben …«
Nebenan zuckte Serjoschka auf, winselte im Fieber wie ein kleines Hündchen.
Mischka betrachtete ihn mit verärgerten, bösen Augen und dachte:
»Wozu hab ich mich bloß mit dem zusammengetan! Besser, ich hätte mich nicht mit ihm zusammengetan! Jetzt aber geht es nicht anders, wir haben eine Verabredung getroffen. Laß ich ihn allein ist er verloren. Geb ich mich mit ihm ab, dann werd ich noch lange nicht nach Taschkent kommen. Ich Dummkopf! Wollte nicht allein reisen. Das hab ich nun davon. Wär ich allein, könnte ich alle sechs Brotstücke allein essen, wenn ich sie gesammelt habe.«
Es wurde ihm schwül von den schweren Gedanken, die sich lastend über ihn gelagert hatten, der Kopf wollte ihm zerspringen. Mischka drängte sich durch den Bahnhof durch und trat auf den Perron.
Unter den Wagen sah er Wanjka mit den krummen Beinen, dem er die Brotrinden weggeschnappt hatte, und noch einen anderen Jungen, namens Petjka. Sie saßen an einem trockenen Plätzchen neben einem Rad, halb schlafend, halb nachdenklich.
Auch Wanjka erkannte seinen Rivalen von heute nachmittag, sagte friedfertig:
»Krieche zu uns!«
»Wozu das?«
»Kannst dich bei uns ein wenig wärmen.«
Mischka setzte sich neben das Rad hin, erzählte von Serjoschka, von Serjoschkas Durchfall, davon, wie sie sich verabredet hatten, einander nicht im Stich zu lassen. Serjoschka selbst taugt nicht viel, versteht nicht sich durchzuschlagen, so daß er, Mischka, für beide sorgen muß. Heute hat er fünf Stücke erbeutet; wollte er aber, hätte er alles für sich nehmen können.
Wanjka sah ihn unter den Augenbrauen hervor an.
»Du vertraust wohl deiner Kraft?«
»Soll ich etwa der nicht vertrauen? Gib mir satt zu essen, und ich will es gegen zwei aufnehmen.«
»Kunststück! Gib mir zu essen, dann geh ich auch gegen zwei.«
Petjka betrachtete Mischka und fragte mit blitzenden Augen:
»Würdest du es auch gegen unseren Jaschka aufnehmen?«
»Wie alt ist er denn?«
»Er wird dreizehn.«
»Auch ein Kerl! Ich nehme es mit einem Erwachsenen auf.«
Petjka ärgerte sich: Der hat vor zweien keine Angst! Er stieß mit dem Ellenbogen wie ohne Absicht, traf Mischka gerade in die Backe.
Mischka schob seinen Sack zurecht.
»Was schlägst du?«
»Und du?«
»Sieh zu, ich geb dir eins, dann liegst du!«
Wanjka stieß ihn mit dem Bein zurück.
»Sei nicht frech!«
Petjka hielt schon die Fäuste bereit.
»Wanjka, gib ihm für die Brotstücke.«
Unter dem Wagen gerieten die drei aneinander; der entfachte, dumpfe Haß ließ sie lange miteinander kämpfen. Wanjka mit den schlimmen Nägeln zerkratzte Mischkas Nase. Doch Mischka blieb ihm nichts schuldig, er umklammerte seinen Kopf so fest und preßte ihn so stark, daß Wanjka quietschte wie eine Maus.