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Taschkent – Die brotreiche Stadt

von Alexander Newerow

Verlag: Neuer Deutscher Verlag | Jahr: 1925 | Übersetzer: Maria Einstein

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Kapitel 11

10.

Hinter der Station qualmten Feuer. Es roch nach kochendem Wasser, nach Zwiebeln, Kartoffeln, nach gebranntem Dünger.

Hier kochte man, hier verrichtete man auch seine Notdurft.

Nackte Weiber mit bis auf den Bauch herabgelassenen Hemden, zerzaust, ungewaschen, suchten Läuse in den Nähten ihrer Hemden. Sie zerdrückten die Läuse mit den Nägeln, warfen sie auf heiße Ziegelsteine, beobachteten, wie die angebrannten Läuse sich aufblähten. Bauern in aufgeknöpften Hosen neigten die Köpfe über den Hosenlatz, spuckten unaufhörlich auf die schmutzigen, blutenden Füße. Vor aller Augen hockte sich mit hochgehobenem Rock ein Mädchen hin, das an Durchfall litt, und verzog vor schwerer Anstrengung das Gesicht.

Sich verbergen war unmöglich.

Unter dem Wagen ging es nicht, man wurde davongejagt.

Neben dem Abtritt mit zwei Sitzen stand man in längerer Reihe an als neben dem Teewasser. Die Wiese hinter der Station, alle Gräben, alle Erdlöcher waren vollständig verschmiert und beschmutzt; mitten in diesem Schmutz stumpften die Menschen ab, verlausten, ließen alles über sich ergehen.

Züge kamen und gingen.

Die Glücklichen fuhren auf den Puffern, auf den Dächern der Wagen fort.

Die Unglücklichen irrten wochenlang auf der Station herum, wurden nachts von Fieberphantasien geschüttelt. Mütter heulten über ihre hungrigen Kinder, hungrige Kinder bissen die mageren, milchlosen Brüste der Mütter.

Mischka und Serjoschka standen neben einem fremden Feuer, Mischka begann mit einem dünnen Stöckchen in der Asche zu wühlen. Das zerzauste Bauernweib schrie durchdringend:

»Schert euch zum Teufel! Ein Schuft nach dem anderen. Meine Kraft ist zu Ende!«

Ein Bauer in bis oben zugeknöpftem Rock schielte zu Mischka hinüber.

»Was willst du hier?«

»Nichts will ich hier. Ich suche meine Angehörigen.«

»Komm nicht zu nah an uns heran!«

Auf dem Bahnhof in einer Ecke unter einer Bank lag ein Tatarenjunge mit enthaartem Kopf und sprach laut in der steinernen, feuchten Stille:

»O Allah! Oh Allah!«

In einer anderen Ecke lag ein Bauer mit gespreizten Armen, das von einem roten, ungekämmten Bart umrahmte Gesicht der Decke zugewandt. Auf den schmutzigen Barthaaren krochen wie die Ameisen in ihrem Nest große, graue Läuse herum. Die Augen des Bauern öffneten sich bald, bald schlossen sie sich. Ein Fuß in einem aufgewickelten Fußlappen zuckte in einem fort, der andere lag unbeweglich. Am Schnurrbart neben den feuchten Nüstern saß eine große, grüne Fliege mit bläulich schimmerndem Kopf.

Serjoschka fragte:

»Warum liegt er hier?«

Mischka antwortete nichts.

Ein kleines Stück beschmutztes Brot, das neben dem Bauern lag, zog ihn mit unwiderstehlicher Gewalt an. Mischka begriff, daß der Bauer im Sterben war, und dachte:

»Es wäre schön, dieses Stückchen zu stiebitzen! Niemand ist da, niemand wird es sehen. Der Tatarenjunge liegt mit dem Gesicht nach unten. Wenn er's auch sieht, holt er mich doch nicht ein. Ich nehme mir etwas mehr, gebe Serjoschka etwas weniger, da er doch kleiner ist.«

Mischka ging von einer Wand zur anderen, sah im Vorbeigehen durchs Fenster. Vom süßen Gefühl des ersten Diebstahls wurden ihm die Füße schwach, das Gesicht und die Ohren brennend heiß. Er betastete Serjoschka mit abwesenden Augen, flüsterte ihm hastig zu:

»Geh, sieh dich dort um.«

»Wo?«

»Dort, hinter der Türe.«

Eins, zwei. Fertig!

Serjoschka fragte hinter der Türe:

»Mischka, was soll ich schauen?«

»Brauchst nicht mehr zu schauen, ist nicht nötig …«

Auf der Plattform liefen Bauern hinter dem Stationsvorsteher her, flehten ihn an, sie um Christi Willen fahren zu lassen.

»Genosse Vorsteher, erweisen Sie uns diese Gnade!«

»Wartet, Genossen, wartet, ich kann nicht!«

Mischka lief zusammen mit den Bauern.

Die Bauern blieben stehen, auch Mischka blieb stehen und hielt den staunenden Serjoschka an der Hand.

Die Bauern zogen die Mützen vom Kopf, auch Mischka zog die alte, väterliche Mütze vom Kopf, stieß Serjoschka an:

»Nimm die Mütze ab!«

Aus der Sache wurde nichts, die Bauern begannen zu schimpfen. Mischka sagte auch wie ein Erwachsener:

»Die wollen Schmiergelder haben …«

Später sahen sie eine Dame mit verschiedenen Kämmen im Kopf.

Solche waren auch in Samara zu sehen, der selige Vater nannte sie Schnickschnackgänse. Die Dame stand auf den Stufen eines grünen Waggons, sie hatte zwei goldene Ringe an den Fingern. In einem Ohr glänzte ein Ohrring, und auch ihre Zähne waren nicht wie bei anderen Menschen: Sie waren aus Gold. Nebenan stehen Kinder und schauen ihr in den Mund. Die Dame wirft Knochen hin, und die Kinder schlagen sich um die Knochen, fallen in einem Haufen über sie her wie ineinander verklammerte Frösche. Dann ordnen sich die Kinder wieder in Reih und Glied. Als die Dame alle Knochen fortgeworfen hatte, warf sie eine Brotrinde hin.

Böse Wut ergriff Mischka.

»Brot wirft sie hin, die dumme Gans!«

Er schob seinen Sack zurecht, ging zusammen mit Serjoschka zum Angriff über.

»Versuch du zu fangen, ich will auch fangen.«

Mischka ist nicht groß von Wuchs, aber gedrungen, ist ganz seinem Onkel Nikanor nachgeraten, der ein Meister im Faustkampf war. Wenn der einem übers Ohr fuhr, dann hörte man im ganzen Kopfe Musik.

Die Dame sah den Jungen mit den breiten Bastschuhen und warf absichtlich ein größeres Stückchen hin. Mischkas Nüstern blähten sich auf. Er schnellte die rechte Schulter mit einem Ruck vor, warf zwei Jungens um, kam rittlings auf den dritten zu sitzen, drückte seinen Kopf zu Boden und umklammerte wie mit einer Zange den Hals.

Das kleine, zerdrückte Stückchen Brot, ganz mit Staub bedeckt, wurde seine Beute.

Bevor er zu Atem kam, warf die Dame noch ein Stück Brot hin.

Mischka schnellte mit ungeheurer Kraft in die Höhe.

»Serjoschka, fange!«

Doch ein krummbeiniger Junge mit großem Bauch war schlauer als alle anderen, brachte Serjoschka zu Fall, der fiel direkt mit der Nase auf den Boden. Serjoschka sprang auf, sah nichts um sich, hob beide Hände zum Schlag, der Schlag ging vorbei. Der Krummbeinige aber schleuderte ein Mädchen in einem langen Hemd beiseite, krümmte den Rücken wie eine Katze und wandte sich gegen Mischka, der hinzugeeilt kam. Zwei andere Jungen schrieen:

»Gib ihm eins, Wanjka!«

Mischka schob den Sack hinter den Schultern zu recht und die Mütze zurück, die ihm in die Augen geglitten war … Komm nur!«

»Glaubst wohl, ich fürchte mich vor dir?«

Na los, komm nur!«

Da warf die Dame wieder ein Stückchen Brot.

Gleichzeitig warf jemand aus dem Wagenfenster ein zusammengerolltes Papier.

»Daß dich der Satan …«

Mischka hätte sich am liebsten in zwei Hälften zerrissen, doch ging das nicht. Er stürzte nach dem Papier.

»Irgend etwas wird da drin sein!«

Mit bebenden Fingern rollte er es auf, nichts, nur Zigarettenstummel.

»Daß euch der …«

Das Spiel dauerte lange.

Bald warf Mischka zwei Jungen auf einmal um, bald wurde er von zweien auf einmal umgeworfen.

Er hatte mehr als alle anderen gefangen, und es war ihm zuversichtlicher zu Mute.

Vielleicht stößt er noch einmal auf so eine Schnickschnackgans. Hauptsache, er kommt bis nach Taschkent, bringt fünfzehn Pfund Saat und große Brotstücke nach Hause.

Strenge, bäuerische Gedanken reihten sich aneinander, erfreuten das Herz, und der Gedanke an eigene Saat im nächsten Frühling war wie ein warmer, milder, kosender Nebel. Ein süßer Bauerntraum zog durch den mageren, ausgehungerten Leib.

Serjoschka hatte kein einziges Stückchen gefangen.

Ein Stückchen hatte er erfaßt doch der krummbeinige Wanjka mit dem dicken Bauch hatte es ihm entrissen und ihm noch obendrein mit seinen spitzen Hundenägeln die Backe zerkratzt.

Hinter dem Stationsgebäude setzten sie sich auf die Erde.

Mischka zählte die aufgefangenen Brotrinden, sagte:

»Fünf. Drei für mich, zwei für dich.«

Mischka schlang die Brotrinden hinunter, der Geschmack im Munde wurde noch schlimmer.

»Mischka, gib mir noch ein wenig, ich bin nicht satt geworden.«

»Das genügt vorläufig. Wollen Wasser trinken, uns schlafen legen.

»Gib mir diese Krume.«

»Welche?«

»Hier auf deinem Knie.«

Mischka war auch nicht satt geworden. Er befühlte das bei dem Bauern gestohlene Stückchen, verzog böse den Mund.

»Immer gib, gib. Wann wirst du mir etwas geben?«

»Ich habe dir die Schraube gegeben.«

»Die habe ich gewonnen.«

Serjoschka schwieg.

Mischka holte aus der Tasche die gewonnene Schraube, warf sie ihm vor die Füße.

»Iß sie, wenn du keine Freundschaft halten willst.«

Beide schwiegen lange.

»Wieviel Stücke schuldest du mir?«

»Drei!«

»So siehst du aus!«

»Wieviel denn?«

»Rechne nach, dann wirst du's wissen. Als wir uns unterwegs ausruhten, da gab ich dir, also eins. Auf der Station, wo wir einstiegen, gab ich dir nochmals, zwei. Eben habe ich dir zwei Brotrinden gegeben, also zusammen vier. Ich bin nicht so wie du, werde schon nicht zu viel sagen.«

Serjoschka fing an zu weinen:

»Meine Gedärme schmerzen mich so …«