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Taschkent – Die brotreiche Stadt

von Alexander Newerow

Verlag: Neuer Deutscher Verlag | Jahr: 1925 | Übersetzer: Maria Einstein

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Kapitel 29

28.

Langsam ziehen sie dahin, einer nach dem andern, die mit dem Zug nicht mitgekommen sind, Jermolaj, Petra, der Soldat mit dem Holzbein, die Frauen, das kleine Mädchen. Bald bleibt der eine, bald der andere zurück. Sie rufen einander zu, getrennt durch die dunkle angstvolle Nacht, gehen hartnäckig immer weiter. Pflücken Gras ab, zerreiben es zwischen den Zähnen. Erholen sich ein wenig, kriechen wieder weiter, hartnäckig, unbeugsam. Wieder erzählt der Soldat von kaltem, durchsichtigem Wasser und grünen Gärten; aber der von den zurückgelegten Werst eingelullte Greis liegt demütig, ein grauer Haufen, mitten im hohen, trocknen Gras am Fuß des Abhanges. Zum letzten Mal umspinnt er mit seinen Gedanken die erlöschenden heimatlichen Felder, riecht den Duft der heimatlichen Erde, und im letzten Aufflackern der Liebe küßt er die kirgisische Steppenerde wie die eigene, die heimatliche und flüstert mit den alten, sterbenden Lippen:

»Trage Frucht, Mutter Erde, du unsere Ernährerin, für die Alten, für die Jungen, den Bauern zur Freude!«

Das bäuerische, das schreckliche Volksleid ist da, atmet dem Menschen ins Gesicht. Es wird aber zu nie dagewesener, wunderbarer Freude erblühen. Von allen Seiten, auf allen Wegen kommen die Arbeitenden aus großen und aus kleinen Dörfern. Jeder bringt Samen, bettet ihn in die hungrige, heimatliche Erde. Die hungrige Erde trägt goldene Aehren, die zermarterte freut sich an der Freude der Zermarterten. Weit breitet sich das junge Saatgrün aus, die Erde schmückt sich mit einem grünen Kleid. Der Alte lächelt dem grünen Feld entgegen, das Lächeln erstirbt auf den dünnen, blauen Lippen.

»Trage Frucht, du unsere Ernährerin!«

Züge fahren vorbei, Fußgänger gehen vorbei, aus den Zügen geworfen, niemand sieht die menschliche Freude auf den toten Lippen des Greises, der mitten auf seinem langen Weg gefallen ist.

»Ehre dir, du Namenloser!«