Taschkent – Die brotreiche Stadt
Verlag: Neuer Deutscher Verlag | Jahr: 1925 | Übersetzer: Maria Einstein
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26.
Am Morgen suchten sie Mischkas Rock auf einer großen Kirgisenstation zu verkaufen.
Trofim sagte zum letzten Male im Ton eines erfahrenen Menschen:
»Verlange viertausend.«
»Gibt man so viel?«
»Wenn nicht, läßt du nach. Als erster werde ich mit dir handeln. Lobe deine Ware gut, und schimpf mich aus, wenn ich zu wenig biete. Verstehst du? Geh dort zu dem Menschenhaufen.«
Mischka begab sich in das bunte Marktdickicht hinein, hielt den väterlichen Rock über dem Arm, Trofim näherte sich ihm von der Seite:
»Ruf lauter.«
Mischka schwang den Rock.
»He, kauft! Ich verkaufe billig!«
Trofim ließ ihn etwas vorgehen, trat dann auf ihn zu, fragte laut:
»Halt! Wieviel verlangst du?«
»Du wirst doch nicht kaufen«, antwortete Mischka.
»Woher willst du's wissen?«
»Hast kein Geld.«
»Hast du mein Geld gezählt?«
»Man sieht es dir an.«
Trofim stellte sich böse.
»He, du kleiner Strolch. Sag, was du verlangst?«
»Viertausend!«
»Nicht weniger?«
»Ist ja billig genug, der Rock ist nicht alt.«
Mischka und Trofim standen mitten im bunten Marktgewühl einander gegenüber, stritten laut, um die Aufmerksamkeit auf den Rock zu lenken, aber niemand, kein einziger Mensch blieb in ihrer Nähe stehen. Ab und zu warf der oder jener einen Blick auf sie, wandte sich aber gleich ab.
Kopfschüttelnd sagte Trofim:
»Das sind gerissene Teufel! Die wird man nicht überlisten!«
Die fröhliche Stimmung begann schon zu sinken. Der Rock schien schlecht. Aussichtslos, verzweifelt dachten die beiden: Den wird man weder für tausend noch für fünfhundert Rubel los. Da trat ein junger Kirgise an sie heran, etwas größer als Trofim, und richtete seine schwarzen, glänzenden Augen auf die Kinder.
»Kaufe!«
Ein Kirgise mit schmalem Bärtchen und vorgestreckten Lippen trat auch näher, betrachtete den Rock von außen und innen und fragte russisch:
»Wieviel?«
»Ich geb ihn billig weg: Viertausend.«
»Eintausend.«
Trofim rief hinter dem Rücken des Kirgisen:
»Wem gehört der Rock?«
»Mir!« sagte Mischka.
»Wieviel willst du?«
»Viertausend.«
»Verkaufst du ihn, oder vertreibst du dir nur die Zeit?«
»Was geht das dich an?« erwiderte ebenso ernst Mischka.
»Willst du ihn verkaufen, so gib ihn für dreitausend Rubel her und basta. Willst du?«
Der Kirgise sah den neuen Käufer an, spuckte aus, geriet in Eifer, fing an, das Futter zu befühlen.
»Hier ist nichts zu befühlen. Der Stoff ist gut. Wirst den Rock noch zwei Jahre tragen.«
Andere Kirgisen kamen dazu, machten Lärm, boten:
»Zweitausend.«
»Geht nicht, Genossen, billiger geb ich ihn nicht weg.«
»Nun, dreitausend! He?«
Trofim flüsterte ihm leise zu:
»Laß eintausend nach!«
Mischka schlug dem Kirgisen auf die Hand wie ein erwachsener Bauer, sagte laut:
»Leb wohl, mein lieber Rock! Der Stoff ist zu gut!«
Nun sie Brot hatten, war ihnen nicht mehr schlimm zu Mute.
Mischka trug es an der Brust, drückte es fest an sein Herz. Seine Augen leuchteten vor Freude, die Lippen zuckten vor Ungeduld. Man hatte Lust, gleich hier, neben den Händlerinnen, sich mit dem hungrigen Mund in das große Laib Brot einzubeißen, die Stücke unzerkaut zu verschlingen, doch hier auf dem Markt ging es nicht gut: Hungernde Flüchtlinge zogen vorbei, sahen mit eingefallenen Augen auf das Brot, konnten es ihm wegnehmen. Mischka und Trofim, jetzt die reichsten Menschen, gingen hinter die Station, ins Feld, um zu essen.
Schön glänzte die Sonne vom hohen Himmel herab.
Ringsumher erhoben sich weiße Kirgisenhäuser.
Harmlos bellten Hunde.
Und vor allem das Brot!
Das weiche, noch warme Laib Brot lag auf Mischkas Knieen, und darum erschienen die weite Steppe, der Himmel über der Steppe, die weißen Kirgisenhäuschen ebenso weich, warm, beruhigend.
»Nun los!« sagte Mischka entschlossen und stieß sein spitzes Messer in das Brot. »Hier, iß auf meine Gesundheit!«
Er selbst bekreuzigte sich freudig, als er zu kauen begann, und sah erstaunt den Kameraden an.
»Du betest nicht?«
»Ich bete nicht mehr.«
»Warum?«
»So. Keine Lust. Gib mir noch ein Stückchen! Das ist zu viel! Weniger! Wollen nicht alles auf einmal essen. Wollen für später ein wenig aufheben.«
Sie aßen lange, nahmen kleine Bissen. Die ausgehungerten Bäuche wurden schwer. Der Körper füllte sich mit Ruhe, mit angenehmer, satter Trägheit. Man bekam Lust, in der Sonne zu schlafen, alles zu vergessen, an nichts zu denken. Mischka streckte die Füße mit den breiten Bastschuhen aus, lag lange da mit ausgebreiteten Armen. Dann setzte er sich wieder auf, schaute schläfrig auf das immer kleiner werdende Laib Brot, schnitt sich kleine Stückchen ab.
Trofim tröstete ihn:
»Brauchst den Rock nicht zu bedauern. Hauptsache, man bleibt am Leben, es kommt schon wieder besser …«
Nach dem Essen tranken sie lange auf der Station kaltes Wasser am Wasserturm, hielten die satten, beruhigten Münder unter den Wasserhahn, wuschen sich.
»Wollen uns ein wenig in Stand setzen!« sagte Trofim und betrachtete seinen schmutzigen Bauch. »Wollen die Hände mit Sand reiben!«
»Der Kopf juckt mich so!« schüttelte sich Mischka. »In einem fort krabbelt es da herum.«
»Läuse?«
»Nicht wenig …«
»Reiz sie nur nicht, sonst beißen sie noch ärger …«
Sie spielten, bespritzten sich mit kaltem Wasser, es wurde ihnen ganz leicht zu Mute. Als sie eine Zeitlang gespielt hatten, zwinkerte Mischka schlau:
»Jetzt sorge du weiter.«
»Wofür?«
»Daß wir weiterfahren können.«
»Und was machst du?«
»Ich hab dich mit Brot gefüttert …«
Man ließ auf der Station nicht einsteigen.
Durch die Wagen, über die Wagendächer gingen Soldaten mit Gewehren, schmissen die Säcke hinaus, jagten die Bauern und ihre Frauen herunter, verlangten Papiere. Die Bauern liefen hinter den Soldaten her. verbeugten demütig die entblößten Köpfe. Von dumpfer Verzweiflung erfaßt, kletterten sie wieder auf die Puffer, von den Puffern auf die Dächer, wurden wieder verjagt, versuchten es wieder, wie die Ochsen, mit schweigsamer Hartnäckigkeit, liefen ans Ende des Zuges, zur Lokomotive.
Mischka und Trofim wurden viermal weggejagt.
Viermal schwangen die Soldaten ihre Kolben, riefen drohend:
»Weg da!«
Neben einem zerstörten Wagen saßen drei Bauern, zwei Bauersfrauen, ein kleines Mädchen, ein Greis und ein Soldat mit einem Holzbein. Als die Bauern den vorfahrenden Zug sahen, dachten sie, es würde ihnen vielleicht doch gelingen, hinaufzuspringen, sich festzuklammern, die schreckliche Stelle zu verlassen. Als aber die Lokomotive vorgefahren kam und die Wagen mit den freien, geleerten Wagendächern am Depot vorbei langsam in die blaue Steppe hinausfuhren, sagte einer der Bauern verzweifelt:
»Jetzt sind wir dem Tod ausgeliefert. Kommen weder vorwärts noch rückwärts. Wohin jetzt?«
»Gehen wir zur Rangierstelle«, meinte ein anderer. »Dort steigen wir ein.«
»Wird man es denn erlauben?«
»Werden niemand fragen!«
»Soweit kommen wir nicht«, sagte der Soldat. »Wir schaffen's nicht.«
Plötzlich erhob sich der dritte Bauer.
»Ist doch alles gleich. Hier können wir nicht sitzen bleiben!«
»Willst gehen?«
»Ich geh allein.«
Der Greis, der nicht von den Bauern wich, wühlte mit zitternden Fingern wie ein Huhn im Sand, befühlte die kleinen Steine, legte sie sich auf die Hand, beroch sie lange mit seiner schmutzigen, empfindungslosen Nase. Petro, ein großer, gebeugter Bauer, sah den Greis erstaunt an, als merke er ihn eben erst:
»Zu wem gehörst du, Alter?«
»Ich, Lieber, weiß selber nicht, zu wem ich gehöre. Ich habe mein Gouvernement verloren …«
»Wohin fährst du?«
»Wo soll ich denn hinfahren? Sitze hier an der Stelle schon fünf Tage, komme nicht vom Fleck. Fuhr mit meinem Sohn, der ist aber gestorben. Möcht mich gern mit euch zusammentun.«
»Wir gehen zu Fuß. Hier darf man nicht einsteigen.«
»Was schadet das? Kann auch laufen, so lange mich meine Beine tragen. Habe schon siebzig Werst ohne Unterbrechung zurückgelegt.«
Die Frauen mit dem kleinen Mädchen schauten unruhig in die weite, schreckliche Steppe. Sie fürchteten sich zu laufen, fürchteten sich auch, allein zurückzubleiben. Standen demütig, träge da, die Brüste eingedrückt von den Schulterbändern der Leinenbeutel. Sidor, ein barfüßiger Bauer, schmatzte mit den Lippen:
»Sollen wir gehen oder nicht?«
»Gehen wir«, rief Jermolaj. »Und du, Großvater, was machst du?«
»Komme auch mit. Wo soll ich mich sonst hintun?«
»Wirst du's schaffen?«
»Vielleicht schaff ich es, so Gott will …«
Sie rückten zusammen, eine kleine, verlassene Herde.
Trofim sah Mischka entschlossen an …
»Sie wollen gehen. Traust du dich?«
»Und du?«
»Ich geh mit.«
»Ich gehe auch mit.«
»Wirst du vierzig Werst laufen können?«
Mischka rieb seinen Bauch.
»Jetzt könnte ich noch mehr …«
Der große, gebeugte Petro, in einer aufgetrennten Mütze, machte einen Schritt vorwärts, blieb einen Augenblick stehen. Sah nachdenklich auf den Kirchturm der Station mit dem sonnenbeschienenen, eisernen Kreuz darauf, schwang den erhobenen Stock und führte die anderen die hellen, blinkenden Schienen entlang in die weite, lockende Steppe mit den blauen Berggipfeln, unter dem Gesang der Telegraphendrähte, unter dem schwächlichen, freudlosen Geläute der Abendglocken.
Sie fragten nicht, ob die Bauern sie mitnehmen wollten. Sie hatten sich nicht einmal richtig miteinander verständigt … Man mußte näher an Taschkent herankommen, in die satten, brotreichen Länder kommen, die sich hinter fernen Hügeln verbargen. Auf der Station wurden sie nicht mitgenommen, man hatte sie vom Wagendach heruntergeworfen. Nun gingen sie zu Fuß, ohne zu überlegen, mit kleinen, munteren Schritten und hatten keine Angst. Dachten immer, die Bauern würden sich umwenden, zu ihnen sagen:
»Wohin?«
Sie würden dann antworten:
Die Bauern wandten sich zwar um, doch fragten sie nicht, wohin die Jungens gingen. Um die kümmerten sie sich nicht. Der Soldat ging humpelnd, holte weit mit dem Holzbein aus, erzählte laut:
»Das Wasser in Taschkent ist sehr kalt, und alles spiegelt sich darin wie in einem richtigen Spiegel … Dort wachsen so viel Beeren, um nicht zu lügen, ganze Deßjatinen voll. Du gehst zum Beispiel den ganzen Tag und siehst immer nur Gärten und Gärten … Kein Haus hat ein Dach, und überall Wassergräben.«
»Was kostet dort das Brot?«
»Brot ist billig. Wenn du vierzehn Tage bei Sarten arbeitest, kannst du dein Essen verdienen und außerdem noch so an acht Zentner mitnehmen …«
Der Greis, das kleine Mädchen, die Frauen, die drei Bauern und Mischka und Trofim wurden aufgemuntert durch die fröhliche Stimme des lahmen Soldaten. Sie sahen zuversichtlich auf die blauen Berggipfel und gingen in einem unregelmäßigen, langgezogenen Dreieck immer weiter dem kalten, durchsichtigen Wasser, dem billigen, ihre Herzen aufwühlenden Brot, den grünen, endlosen Gärten entgegen …