Taschkent – Die brotreiche Stadt
Verlag: Neuer Deutscher Verlag | Jahr: 1925 | Übersetzer: Maria Einstein
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25.
Gewaltig zerrte kirgisischer Wind Mischka und Trofim, suchte immer wieder, sie in die menschenleere Steppe hinunterzustürzen. Und als sie die gebeugten Bauern- und Weibergestalten sahen, die die Wagendächer voll besetzt hielten, dachten sie: Wir schwimmen in der Luft, über der Erde, über der Steppe. Nie wird uns jemand hier erreichen, uns was anhaben können. Bloß einmal krampfte sich schmerzlich Mischkas Hand zusammen. Ein Bauer gegenüber rief:
»Sie ist tot.«
Den Kopf neben Mischkas Füßen, das Gesicht aufwärts gewandt, lag eine struppige Frau und schaute mit toten, offenen Augen in den fernen, fremden Himmel. Die spitze, blaue Nase, der starre, offene Mund mit gelben, entblößten Zähnen brachten Mischkas Gedanken in ängstliche Verwirrung, schlugen schmerzhaft an sein Herz.
Trofim sah gleichgültig hin.
Ebenso gleichgültig ließen die Bauern ihre Bärte hängen, dachten an ihre eigenen Angelegenheiten. Einer sagte:
»Man wird sie runterwerfen müssen. Wollen keine Unannehmlichkeiten haben.«
»Wie?«
»Vom Dach.«
Mischka schrumpfte zusammen.
Schloß die Augen, dachte an Lopatino, an die zu Hause gebliebene Mutter, floh in Gedanken nach Taschkent, doch die tote Frau mit den entblößten Zähnen verdeckte ihm die Mutter, Lopatino, und das ferne Taschkent, das ihm seine ganze Kraft genommen hat und das er nie erreichen wird. Die Tote unruhig betrachtend, flüstert Mischka verstohlen zu Trofim:
»Wer ist das?«
»Eine Hungrige.«
»Wird man sie runterwerfen?«
»Am Tage kann man's nicht machen, man würde es merken.«
Eine riesenhafte Wolke zieht herauf, verdeckt die Sonne, fällt wie ein schwarzer Vorhang über den Zug. Der vollbesetzte Zug geht direkt auf die Wolke los, zerschneidet sie mit seinen Pfiffen, schreit, lärmt, kann ihr nicht entfliehen. Entweder weil die Wolke auf ihm lastet oder weil es bergauf geht. Die Räder hören auf zu hüpfen, die Wagen hören auf zu schaukeln. Den Schwanz weit hinter sich streckend, fängt der Zug an, langsam zu fahren, bereit, jeden Augenblick stehen zu bleiben. Auf einmal ergießt sich aus einem ungeheuren Wasserkrug schwerer, starker Regen. Die Tropfen trommeln auf das schmutzige, abgewetzte Dach. Die Bauern drücken sich ineinander. Unbeweglich sitzen auch Mischka und Trofim unter Trofims Bastdecke. Nur die tote Frau lag noch immer mit dem Gesicht nach oben, mit toten, unbeweglichen Augen, die sich mit Regenwasser füllten. Als aber die große Wolke in kleine Fetzen zerriß und als diese Fetzen sich über die Steppe verteilten und die letzten Wassertropfen fallen ließen, kam ein feuchter, kalter Abend.
Winzig klein tauchte vorne eine kleine Station auf.
Durch ein nahes Tal zogen Kamele.
Ueber einem Hügel stieg Rauch empor.
Trofim, dessen nackter Körper zitterte, fragte Mischka:
»Frierst du?«
»Und du?«
»Ich friere etwas.«
»Ich auch etwas.«
»Ich habe Hunger«, sagte Trofim.
»Ich auch«, gestand Mischka.
»Kannst du aushalten?«
»Und du?«
»Hab schon zwei Tage ausgehalten.«
Mischka wollte dem Kameraden nicht nachstehen und schüttelte zuversichtlich den Kopf.
»Wir werden schon aushalten.«
An der Station sprangen die Bauern hastig herunter. Auf dem Wagendach blieben nur Mischka und Trofim und die tote Bauersfrau mit den gelben, entblößten Zähnen. Der volle Mond, der über der Station aufging, übergoß, den toten Körper mit seinem milden Licht, leuchtete in den offenen Mund. Mischka wurde es unheimlich, doch Trofim sagte ruhig:
»Wir wollen lieber nicht hinunterspringen. Ist man gesprungen, kommt man so leicht nicht wieder auf ein Dach. Bleiben wir auf dieser Station stecken, geht es uns noch schlimmer. Hast du Angst vor Toten?«
»Und du?«
»Warum soll ich Angst davor haben? Sie können doch nicht aufstehen.«
Der Zug hielt nicht lange.
Neben der Lokomotive wurde mit der Laterne gewinkt, die Puffer schlugen aneinander und
in die Nacht,
in die kalte Feuchtigkeit hinein fuhren schwerfällig die Wagen los und die Räder spielten träge.
Das letzte Haus flog vorbei.
Trüben Auges sah die letzte Laterne nach.
Ueber den Wagen hing die gelbe Glatze des kalten Mondes.
»Es ist kalt!« sagte Trofim. »Umarmen wir uns.«
Mischka knöpfte den nassen Rock auf, und Trofim unter seiner Bastdecke umfing ihn fest mit zitternden Armen, drückte seinen Bauch an Mischkas Bauch, die Brust an Mischkas Brust.
Ebenso fest umarmte Mischka den Kameraden, schlug die Rockschöße über Trofims Rücken zusammen, und in der kalten, dunklen Nacht einander ins Gesicht atmend, einander vor dem Tode rettend, fuhren sie auf dem Wagendach, ein kleines, zweiköpfiges Knäuel, verschmolzen durch den einen, unbeugsamen Wunsch, sich um jeden Preis durchzuhelfen.
»Mir ist wärmer geworden«, sagte Trofim.
»Mir ist auch wärmer«, bestätigte Mischka.
»Atme mir ein wenig auf die Backe!«
»Und du mir.«
»Huuu …«
In einem kurzen Augenblick ließ die nie gekannte Freude wärmender Freundschaft diese zwei Herzen höher schlagen. Die Freude kam nicht in Worten zum Ausdruck, sie fuhren schweigend, doch beide empfanden, wie gut es tat, wieviel weniger schrecklich es war, zu zweit zu sein …
Und die tote Frau, die ihnen keine Angst mehr machte, schien zu sagen:
»So, Kinder, so!«