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Geschichte eines Verbrechens.
Hochgeschätzter Herr!
Wenn diese Zeilen in Ihre Hände gelangen, bin ich bereits dem Nichts verfallen, das mir vor sechzehn Jahren, als Sie die große Güte hatten, sich meiner anzunehmen, so große Furcht einflößte.
Sie waren damals das Opfer einer Illusion, die ich jetzt zu zerstören bestrebt bin, nicht weil ich nach dem Instinkt eines schlechten Menschen handle, der die Gerechtigkeit schmähen will, sondern weil ein innerer Trieb mich zwingt, Ihnen mein Herz zu offenbaren. Wir alle sind Maschinen, wie die Geschöpfe Descartes; anscheinend legen wir mit viel Getöse einen großen Weg zurück, aber wir können schließlich dem Räderwerk nicht widerstehen, das in uns arbeitet, und wenn es zerbricht, gehen wir mit ihm in Staub und Trümmer auf … Der Mensch ist nicht zum Schweigen geschaffen; ich habe länger geschwiegen als ein anderer, der sich in meiner Lage befunden hätte, aber jetzt muß ich den Qualen weichen, die mein Inneres zerwühlen, ich muß sprechen. Sie, hochgeschätzter Herr, sollen mein Vertrauter sein, und ich will mein Leben von meiner Kindheit an bis zum Ende vor Ihnen aufrollen. Sie werden, ehe ich meine Beichte beginne, vielleicht sagen: Ich kenne Ihr Vorleben, ich habe nichts davon vergessen. Aber ich erwidere Ihnen hierauf: Damals sahen Sie mich maskiert – heute will ich ohne Larve vor Ihnen erscheinen.
Ich lebte wahrhaft glücklich bis zum Alter von sieben Jahren. Meine ersten schmerzlichen Erinnerungen datieren aus der Zeit, wo man bestrebt war, mich als vernünftigen Jungen hinzustellen, um mich dadurch gefügiger zu machen. Es geschah dies vor allem meinem Bruder Paul gegenüber, der damals drei Jahre alt war. Man sagte zu mir: du bist älter wie er, du bist der Stärkere und mußt ihm nachgeben. Ich hörte diese Redensart sehr oft, aber sie erregte mich nur, anstatt mich zu überzeugen. Mir ward die Berechtigung versagt, mit meinem Pferdchen zu spielen, wenn ich wollte. Wenn der kleine Paul seine Hände gierig darnach ausstreckte, mußte ich es ihm geben, mußte, um nicht als albern und egoistisch zu gelten, meine Tränen unterdrücken, wenn er ihm ein Bein ausriß, das meine Mutter dann mit Bindfaden wieder notdürftig befestigte. Man lehrte mich so frühzeitig den Begriff der Ungerechtigkeit kennen, und da sie gegen mich gerichtet war, wird man verstehen, was ich litt. Ich wollte mich widersetzen, aber ich wurde bestraft. Kein Aerger, keine Kränkung im Leben erscheint größer und empfindlicher als in der Jugendzeit; es sind wohl meist kleine Ursachen, aber ihre Wirkungen sind nachhaltiger, als man ahnt. Mit sieben Jahren war ich in meinen Polichinell verliebt, aber noch dreiundzwanzig Jahre später, als Laura Sennevoy meine Hand ausschlug, empfand ich Kummer darüber, daß er einst zerbrochen worden war.
Das Kind hat eine außerordentlich große Einbildungskraft, die alles übertreibt und vielen Dingen und Begebenheiten eine veränderte Gestalt gibt. Mir erschienen als Knabe Gefängnisse als der Inbegriff alles Furchtbaren. Ich glaubte auch an einen großen, schwarzen Mann, der mich in seinem Sack fortträgt, wenn ich nicht artig bin. Als mein Vater einst Miene machte, mich zu züchtigen, bildete ich mir ein, daß er mich jetzt in Stücke schlagen werde. Eines Tages sah ich den Tod vor Augen, als ein Spielkamerad die kleine Flinte, die er zu Neujahr geschenkt bekommen hatte, auf mich anlegte. Mein Vater lachte mich aus, aber ich sagte mir, er sähe es vielleicht gern, wenn ich getötet würde, um Paul dann alle meine Spielsachen geben zu können.
Ich wurde schlecht erzogen, nicht weil man besonders streng gegen mich gewesen war, sondern weil man mich nicht verstand. Mein Unglück, meine Fehler, ja, mein Verbrechen – alles entstand aus diesem unseligen Mißverständnis, unter dem ich seit Beginn meines Lebens zu leiden hatte. Ich war mißtrauisch, heftig und zugleich verschlossen, und in meinem Kinderherzen tobten Stürme, die sich nach außen hin in meiner finsteren Stirne wiederspiegelten.
Meine Stirne war stets mit Falten bedeckt, die die Hand meiner Mutter gar oft hätte glätten können; aber mit zwanzig Jahren waren sie für immer darin eingegraben und vergrößerten meine angeborene Häßlichkeit.
Mein Vater war Chemiker. Anfangs hatte er die Chemie als reine Wissenschaft betrieben, später stellte er seine Kenntnisse in den Dienst der Industrie und nahm in einer Parfümeriefabrik zu Grasse eine hoch dotierte Stellung an. Der zarten Konstitution meiner Mutter war das Klima dort sehr zuträglich. Ach, wenn die arme Frau gesund geblieben, würde ihr erstgeborener Sohn nicht zum Verbrecher geworden sein.
Sie sehen, ich mache es wie alle unglücklichen Menschen, ich suche mich mit dem beliebten »wenn« zu trösten und zu entschuldigen. Wer ein geliebtes Wesen beweint, sagt: Es wäre nicht gestorben, wenn es dies und jenes nicht getan hätte, wenn der Arzt … Vergebliche Worte!
Meine Mutter glaubte ihre beiden Söhne gleich innig zu lieben. Aber der eine war roh, jähzornig, widerspenstig und beschränkt, der andere sanft, liebenswürdig, schmeichlerisch und gelehrig. Er lernte zur selben Zeit lesen wie ich und konnte es früher. Bis dahin kannte ich nur den Zorn, jetzt aber empfand ich dabei noch Demütigung, die meinen Schmerz naturgemäß steigerte. Um mich zu entschädigen, heuchelte ich Widerwillen vor dem Lernen und begann dafür meine Körperkraft in den Vordergrund zu stellen. Beim Spielen war ich der Offizier oder Räuberhauptmann – niemand wagte es, meine Ueberlegenheit zu bestreiten.
Paul war eines jener Kinder, die Raphael in seinen Jesusknaben verewigt hat. Sein Porträt befindet sich im Louvre auf der Grande Sainte famille de François I. Mehrere Male fühlte ich das Bedürfnis, hinzugehen und dies Bild zu betrachten. Gestern habe ich es zum letztenmal besucht. Glauben Sie nicht, daß der Schmerz, der mich dort übermannte, in Gewissensbissen oder Verzweiflung darüber bestand, den Mann getötet zu haben, der einst diesem Christuskinde ähnelte! Nein, es war noch immer der alte Groll, der alte Haß gegen diesen schönen Auserwählten, dem es stets beschieden war, nur Liebe und Glück zu ernten. Wir beide gehörten zu denen, die von Jahrhundert zu Jahrhundert die Geschichte von Kain und Abel wieder aufleben lassen …
Wie Sie wissen, habe ich meine Schulzeit bei den Jesuiten verbracht. Da meine Eltern glaubten, daß ich sehr betrübt darüber sein würde, allein von ihnen fortgehen zu müssen, so beschlossen sie, sich auch von Paul zu trennen, der mir sehr zugetan war. Ich verbarg nach Möglichkeit meine Antipathie, da ich zeitig gelernt hatte, daß es sündhaft sei, seinen Bruder nicht zu lieben. Was man in guter Absicht tat, wandte sich so zum Bösen. Wären die täglichen Ursachen meiner Kränkungen verschwunden, so würde ich ein anders gearteter Mensch geworden sein, und hätte vielleicht, unter meinen neuen Kameraden, Herzensbündnisse fürs Leben geschlossen.
Durch mein Unglück im Lernen und durch ein typhöses Fieber, dessen Folgen mich fast ein Jahr lang am Arbeiten hinderten, blieb ich derartig zurück, daß sich mein Bruder schließlich in derselben Klasse befand wie ich. Ich fühlte mich bereits als Unterlegener. Paul zählte zu den ersten, ich hatte meinen Platz bei den letzten, aber ich tröstete mich mit Galgenhumor über mein Geschick. Einer muß doch schließlich der letzte sein – warum nicht ich? Ich hoffte, das verlorene Jahr wieder einzubringen, aber vergebens. Unsere Lehrer wie unsere Eltern befanden es für gut, die beiden Brüder beisammen zu lassen.
Einst schlug mir Paul vor, unsere Schularbeiten gemeinsam anzufertigen. Ich lachte ihn aus.
Der junge Herr will vielleicht gar der Repetitor seines älteren Bruders sein. Der junge Herr merkt offenbar nicht, daß ich nicht arbeiten will, wenn ich nicht arbeite, er hält sich für ein Genie und mich für einen Dummkopf. Er begann zu weinen.
So ist es recht! Spiele den Heuchler bei den Abbés und erzähle ihnen unsere Unterhaltung, vielleicht machst du dich dadurch beliebt bei ihnen.
Habe ich jemals geklatscht?
Gewiß hast du das. Nicht mit Worten, dazu bist du viel zu schlau, aber mit deinem Benehmen, mit deiner Liebenswürdigkeit, deinen falschen Schmeicheleien, mit deiner ganzen Persönlichkeit!
Wie du mich hassest, sagte er bekümmert.
Deine Tränen machen mich rasend! – –
Ich merkte, daß ein Aufseher unser Gespräch belauschte, und was ich fürchtete, trat ein. Man verhörte uns. Paul wollte mich verteidigen, schädigte mich jedoch durch seine Aussagen. Mich packte darüber eine tolle Wut, ich erklärte ihn für einen Heuchler und – Jesuiten. Der Pater lachte und untersagte mir für den folgenden Tag meinen Spaziergang. Stockschläge wären für mich eine weniger schmerzhafte Strafe gewesen, ich bedurfte notwendig der Bewegung, außerdem entrissen mich die Zerstreuungen im Freien ein wenig den traurigen Betrachtungen, die ich über die Ungerechtigkeit des Schicksals anstellte, das mir einen von mir so verschiedenen Bruder beschert hatte.
Eine Zeitlang bekam Paul schlechtere Zensuren. Ich freute mich im stillen darüber und überlegte, ob ich diesen Vorteil nicht wahrnehmen solle, um ihn meinerseits zu demütigen. Aber anderseits sagte ich mir: Wozu könnte das gut sein? Man würde meine Ueberlegenheit doch niemals gelten lassen und mir dafür vor Augen führen, daß ich ja vier Jahre älter sei als er. In Wirklichkeit hatte die Faulheit bei mir so stark die Oberhand gewonnen, daß es schon ganz besonderer Anstrengungen bedurft hätte, um einen Wechsel herbeizuführen. Ich zürnte meinen Eltern, die nach meiner Ansicht meinen Bruder zu sehr liebten, und haßte meine Lehrer, welche ihn ganz offen bevorzugten. Einer von diesen sagte mir eines Tages:
›Siehe mein Sohn, nur um in seinen Leistungen nicht allzusehr von dir abzuweichen, macht dein Bruder jetzt weniger gute Arbeiten. Er sieht, daß du verstimmt bist über seine Erfolge und verzichtet daher freiwillig darauf.‹
Ich empfand, daß seine Worte der Wahrheit entsprachen, und an jenem Tage packte mich zum erstenmal die Lust, Paul zu töten.
Diese wenigen Tatsachen mögen genügen, um zu zeigen, wie es in meiner Kindheit und meiner frühesten Jugend aussah. Ich dachte oft daran, was erst später werden sollte, wenn ich schon als Jüngling an Töten dachte. Später werde ich meinen Bruder nicht mehr sehen, beruhigte ich mich, er wird mich nicht mehr in Zorn bringen können und mein Haß wird sich besänftigen.
Als meine Mutter starb, weinte Paul Tränen, auf die ich eifersüchtig war. Meine Augen blieben trocken und dennoch war mein Schmerz gewaltig, weil ich fühlte, daß ich einen Schatz verloren hatte, dessen Besitz ich niemals zu würdigen verstanden. Die Erinnerung an vergangene Zeiten stieg in mir auf, wo die arme Frau unendlich gut gegen mich gewesen war, wo sie mich in ihre Arme genommen hatte, um mich über die Strafen zu trösten, die mir mein Vater zuerteilt hatte, die Erinnerung an ihre Freude, wenn ich zu den Ferien nach Hause kam. Sie hatte etwas so rührend Mildes, die hübsche, bleiche Frau; ich hätte sie auf den Knien anbeten mögen, aber Paul verstand es besser, als ich, sie zu verehren, ihr zärtliche und schmeichlerische Worte zu sagen. Dieser Vergleich war es, der am Sarge meine Tränen erstarren ließ – ich konnte nicht weinen, weil ich Pauls Werben um die Liebe der Entschlafenen gedenken mußte. Er dagegen überließ sich völlig seinem Schmerz, schluchzte laut und schien von einer Ohnmacht befallen zu werden, so daß alle, selbst mein schmerzgebeugter Vater, ihn sorgenvoll beobachteten. Ich sagte mir: Die Trauergäste beurteilen uns jetzt, er ist der gute Sohn, ich der schlechte. Ach, sie wissen nicht, daß der, welcher keine Tränen vergießt, gern an Stelle der Mutter dort ruhen möchte!
Trotz diesem Kummer hatte Paul drei Monate später seine Prüfung mit Erfolg bestanden. Ich wurde zurückgewiesen. Nur auf den ausdrücklichen Wunsch meines Vaters, der mir meine Trägheit vorhielt und die Strebsamkeit meines Bruders pries, hatte ich mich gemeldet, schwor aber nach dem vernichtenden Resultat, mich nie wieder den Foltern eines Examens auszusetzen.
Der Militärdienst mißfiel mir nicht, und hätte ich mich der Disziplin zu beugen verstanden, so würde ich sicherlich Karriere gemacht haben. Aber ich zog mir durch meinen Eigensinn allzu häufig Strafen zu, überdies mißfiel ich Kameraden wie Vorgesetzten und nur mit Mühe gelang es mir, Korporal zu werden.
Während dieser Zeit setzte Paul seine Studien fort und schrieb mir häufig zärtliche Briefe, die ich indessen selten und dann in nüchternem Tone beantwortete. Er hatte meinen traurigen Charakter verstehen gelernt und suchte alles zu vermeiden, was mir zu Kränkungen hätte Anlaß bieten können. Einmal besuchte er mich in Rouen, wo mein Regiment stand, und vertraute mir an, daß er sich vor dem Augenblick fürchte, wo er zum Militär einberufen werden würde. Ich prophezeite ihm, daß er sich bei seiner Veranlagung und seinem Temperament dort recht glücklich fühlen werde, und erzählte ihm von meinem Plane, nach den Kolonien gehen zu wollen. Er hielt meine Absicht für vortrefflich, und diese Harmonie der Ansichten bereitete uns beiden viel Vergnügen. Er wollte mich zum Diner einladen, aber ich erwiderte ihm, daß ich in Rouen zu Hause und folglich derjenige sei, der den Wirt zu spielen hätte. Ich führte ihn in das erste Restaurant der Stadt und bewirtete ihn dort wie einen Fürsten – das Taschengeld eines ganzen Monats mußte herhalten. Die gute Mahlzeit erwärmte unsere brüderlichen Beziehungen und wir umarmten uns fast zärtlich, als wir uns beim Abschied trennten.
Mein Vater konnte den Verlust seiner Lebensgefährtin nicht verschmerzen, kurz vor Beendigung meiner Dienstzeit folgte er ihr nach. Sein rastloser Fleiß hatte uns ein Vermögen von fünfhunderttausend Franken hinterlassen, dessen Teilung ohne jede Differenz von statten ging, wie überhaupt unsere Beziehungen zu jener Zeit die allerbesten waren.
So sah ich mich nun im Besitze einer Rente von sechstausend Franken und beschloß, dem Soldatenberufe zu entsagen, um unabhängig zu leben. Ich würde allerdings in diesem Falle mein Vermögen nicht vergrößern können, jedoch ich war in meinen Bedürfnissen recht anspruchslos, und die Haßgefühle, unter denen ich bei meinem düsteren Charakter bis jetzt so furchtbar zu leiden gehabt hatte, würden, so hoffte ich, fern vom Getriebe der Menschen allmählich verschwinden. Paul hatte seine Studien beendet und war zum Professor am Lyzeum zu St. Etienne ernannt worden. Hätte er sich nicht meiner von Zeit zu Zeit erinnert, ich würde ihn sicher vergessen haben, aber er besaß das, was man Familiensinn zu nennen pflegt. So schlug er mir denn in einem seiner Briefe vor, während der Sommerferien eine gemeinsame Reise zu unternehmen. Die Idee war mir sympathisch. Trotz meiner Vorliebe für die Schweigsamkeit begann ich an meinen bisherigen einsamen Ausflügen an die See oder ins Gebirge keinen Gefallen mehr zu finden; die Einsamkeit inmitten erhabener Naturschönheiten machte mich noch melancholischer und trauriger; so reisten wir beide denn an einem schönen Augustmorgen nach der Schweiz ab.
Es war gerade die Zeit, als die Arbeiten zur Jungfraubahn begonnen werden sollten. Wir waren zeitig von Interlaken aufgebrochen, hatten den Weg über die herrliche Wengernalp genommen und langten am Abend in Grindelwald an. Die Hotels waren überfüllt mit Touristen. Nachdem wir mit vieler Mühe in einem Nebengebäude des »Adler« ein kleines Zimmer ausfindig gemacht hatten, versuchten wir vergeblich, an der table d'hôte Platz zu finden, und matt und hungrig spähten wir im gedrängt vollen Speisesaale umher. Unsere traurigen Gestalten rührten das Herz eines braven Herrn, der mit seiner Frau und Tochter einen Tisch in einer Fensternische besetzt hatte.
Hier könnten noch ganz gut zwei Couverts aufgelegt werden, sagte er zu uns. Man wird zwar ein wenig beengt sitzen, aber ›à la montagne comme à la montagne‹ fügte er scherzhaft hinzu.
Paul nahm sein Anerbieten sofort an. Ich freilich hätte es vorgezogen, ein Stück Brot auf der Türschwelle zu essen, denn ich war kein Freund von Reisebekanntschaften und Hotelnachbarn, wie ich auch niemals in der Eisenbahn oder im Postwagen Gespräche anzuknüpfen pflegte. Es war vielleicht eine instinktive Vorsicht, aber wie schwach erwies sie sich gegen die Macht meines bösen Geschickes. Wenn es der Himmel gut mit mir gemeint hätte, wäre ich taub, stumm und blind zur Welt gekommen; so aber gestaltete er mich häßlich und unansehnlich und verlieh mir die Sinne, mit denen ich Liebe und Haß empfinden konnte.
Paul zählte damals sechsundzwanzig Jahre. Groß, schlank, vornehm, liebenswürdig und geistreich, mit dichtem, kastanienbraunen Haar und dem Teint eines jungen Mädchens, den hübschen Schnurrbart stolz in die Höhe gedreht, die Nase ein wenig groß, schalkhafte, blaue Augen und volle rote Lippen – so sah er zu jener Zeit aus. Und ich, schwarz, verbittert und von schmächtiger Gestalt, bildete, wie ich an diesem Abend schmerzlich wahrnahm, einen recht traurigen Gegensatz zu ihm.
›Man sollte nicht meinen, daß Sie Brüder sind?‹ Es schien mir, als ob diese Bemerkung mich treffen sollte. Die Frau, die sie geäußert hatte, fand mich häßlich und meinen Bruder hübsch. In meinem Herzen erwachte wieder der alte Groll. – Ich betrachtete das mir gegenübersitzende Mädchen, das durch die Worte ihrer Mutter veranlaßt worden war, uns beide aufmerksam zu mustern, aber trotz meiner Verstimmung und den schmerzlichen Empfindungen, die mich erfüllten, vermochte ich darin nichts von Groll oder Böswilligkeit zu entdecken.
Herr Raoul Sennevoy, der sich uns sogleich vorgestellt hatte – was uns veranlaßte, das gleiche zu tun – war Bureauchef im Finanzministerium und stand im Begriff, das Ende seines vierwöchentlichen Sommerurlaubes bestmöglich auszunutzen. Wir erfuhren, daß er sich mit den Seinen am folgenden Tage über die große Scheidegg nach Meiringen begeben wollte. Dies war auch unsere Absicht, aber die Familie Sennevoy wollte in diesem herrlichen Tal längeren Aufenthalt nehmen, während wir nach unserem Plane andern Tags unseren Weg über die Grimsel fortzusetzen gedachten. So verlief die Mahlzeit unter gleichgültigen Gesprächen, wenngleich die Anwesenheit des anmutigen, jungen Mädchens unserer Unterhaltung etwas Gezwungenes verlieh. Man wünschte sich gute Nacht und Paul begab sich mit mir nach unserem gemeinsamen Zimmer. Aber wir schliefen alle beide nicht. Ich hörte, wie er sich in seinem Bett hin- und herwälzte.
Was hast du? fragte ich ihn.
Krampf in den Beinen. Ich bin an lange Touren nicht gewöhnt.
Ich hatte ihn eigentlich im Verdacht, daß er von denselben verliebten Gedanken erfüllt sei, wie ich, aber er antwortete mir so natürlich, daß ich beruhigt war. Ich gehe nicht in Gesellschaft, sagte ich mir, und bin nicht gewöhnt, mich mit Frauen zu unterhalten, daher hat mich dies junge Mädchen so fesseln können. Eher konnte Paul unempfindlich geblieben sein, der genug schöne Frauen kennen gelernt hatte, da der Salon ein vertrautes Terrain für ihn bedeutete. Uebrigens besitzt Fräulein Laura nichts besonders Fesselndes und man braucht sich durchaus nicht auf den ersten Blick in sie zu verlieben.
Ich hatte mir vorgenommen, vernünftig zu sein, ein leiser Schmerz gab mir davon Kunde, daß in meinem Herzen noch die böse Erinnerung an frühere, schlechte Gedanken schlummerte, und so nahm ich mir vor, mich von Paul lieber sofort zu trennen, als der Möglichkeit ausgesetzt zu sein, ihn von neuem hassen zu müssen.
Beim Morgengrauen waren wir reisefertig. Der Führer, den wir gemietet hatten, drängte zum Aufbruch, damit wir den Sonnenaufgang nicht versäumten.
Ich denke, sagte Paul zu mir, wir erwarten Familie Sennevoy, um ihr guten Morgen zu wünschen.
Ich stimmte ihm, ohne jedes Mißtrauen, mit Freuden bei; meine Gedanken waren in diesem Augenblick in weit stärkerem Grade von Laura in Anspruch genommen, wie von Paul. Die Erwarteten erschienen bald, und wir wurden eingeladen, gemeinsam mit ihnen die Tour zu unternehmen. Mutter und Tochter bestiegen Maultiere, während der Vater, trotz seiner Korpulenz, den Paß zu Fuß ersteigen wollte. Ich ließ Paul ihm Gesellschaft leisten und wußte es so einzurichten, daß ich das junge Mädchen nicht aus den Augen verlieren konnte. Während sie den Krümmungen des Weges folgte, benutzte ich jede Abkürzung, die sich mir darbot, und kletterte selbst über Felsvorsprünge, um am Wendepunkt vor ihr einzutreffen und sie herankommen zu sehen. Sie war noch schöner als am Abend vorher und es schien mir, als ob ihr leicht gebräunter Teint inmitten dieser grandiosen Beleuchtung einen wunderbaren Glanz ausstrahle. Ihre Augen, die ich anfangs für dunkel gehalten hatte, waren blau. Sie hatte eine hübsche Nase, die mit den bogenförmig gekrümmten Augenbrauen dem oberen Teil ihres Gesichtes eine klassische Ebenmäßigkeit verlieh. Der Mund ließ zwei Reihen wundervoller Zähne sehen und das eckige Kinn gab der jugendfrischen Physiognomie etwas Energisches, das fast an Härte grenzte.
Fräulein Sennevoy zeigte sich in ihrem Touristenkleid von ausgesuchter Eleganz. Das graue Alpaccakostüm war so zugeschnitten, daß die Geschmeidigkeit der prächtigen Figur zur vollen Geltung kam. Ihre Hände waren merkwürdig klein, aber ebenso wie die in gelben Stiefeln steckenden Füßchen außerordentlich kräftig. Jedesmal wenn sie mich erblickte, lächelte sie mit ein wenig gesuchter Liebenswürdigkeit, dann betrachtete sie wieder den Himmel, an dem die ersten Strahlen der Sonne erglänzten und die Berggipfel, deren weiße Spitzen sich rosa zu färben begannen.
… Die Feder ist mir aus der Hand gesunken, und ich habe lange nachgedacht. Warum flechte ich wohl in meine Beichte all' diese Einzelheiten hinein? Ich hatte Ihnen gezeigt, wie Kain seinen Bruder Abel zu hassen begann, und so hätte es genügt, Ihnen zu sagen, daß alle beide dasselbe Mädchen liebten. Was bedeuten Verwandtschaftsbande, wenn im Herzen der Wunsch erwacht, den Rivalen, der uns zu besiegen droht, aus dem Wege zu räumen? … Welch' schrecklicher Haß, welch' sündhafte Leidenschaft muß in der Seele eines Menschen schlummern, der um ein Nichts, um eine zerbrochene Puppe, um verletzter Eitelkeit willen so etwas Furchtbares begehen kann!
Fast ohne es zu wollen, habe ich Lauras Bild gezeichnet und es ist umso ähnlicher geworden, als ich sie im Geiste mit einer wunderbaren Deutlichkeit vor mir erblickte. Ich war zu einem andern Menschen geworden auf dieser Reise, die ich zu gleicher Zeit verfluche und segne, die über mein verbrecherisches Leben entscheiden sollte, die mein rauhes Herz erweichte und die mich andern jungen, lebensfreudigen Menschen, ja selbst meinem Bruder gleich machte, indem sie mir das Herz vor Hoffnung und Wonne schwellte. – Es schien mir in diesen Augenblicken, wo ich mich meinen Träumereien überließ, als ob die Winde, die um die Berge wehten, meine heiße Stirn kühlten, als ob mir der liebliche Duft der Alpenblumen die Sinne berauschte … Ich hörte die Glöckchen der Herden erklingen und die Hirten auf ihren Schalmeien blasen … sah die Scharen von Engländern und Engländerinnen wieder, die wir auf unsern Wegen trafen oder überholten, kurz, all' die unvergeßlichen Stunden dieses Spaziergangs längs der gigantischen Berge des Oberlandes zogen wieder an mir vorüber …
Ich näherte mich Laura, um ihr beim Heruntersteigen vom Maultier behilflich zu sein, als ihr Vater mit Paul langsam näherkam. Sennevoy keuchte und schwitzte und schien außer stande, den Weg fortzusetzen.
Papa, sagte Laura, als sie bei uns anlangten, ich trete dir mein Maultier ab, es würde mir Spaß bereiten, den Weg zu Fuß zu machen. Und da sie fürchtete, daß er ihr Anerbieten ablehnen könnte, ging sie sogleich mit mir voraus, während Paul noch zurückblieb, um Sennevoy in den Sattel zu helfen.
Wenn Paul nicht gewesen wäre, hätte mich Laura geheiratet. Sie bezeugte mir eine Zuneigung, die nicht erkünstelt, sondern durchaus ehrlich gemeint war. Trotzdem sie erst zwanzig Jahre alt war, mußten ihre Eltern, die ihr nur eine sehr bescheidene Mitgift geben konnten, darauf bedacht sein, sie sobald als möglich an den Mann zu bringen. Ich besaß ein bescheidenes aber sichergestelltes Vermögen, das ich ohne Zweifel vergrößert haben würde, denn ich hätte einen nutzbringenden Beruf ergriffen, wenn mir das Glück, eine Familie zu besitzen, zuteil geworden wäre. – Ach, welche Freuden würden mir beschieden gewesen sein, hätte mein Bruder nicht existiert! – Ich vergehe vor Schmerz bei dem Gedanken an all das Weh, das er mir zugefügt hat.
Wir verließen Meiringen gemeinsam mit Familie Sennevoy, und bis Luzern, wohin wir sie begleiteten, gab mir Paul nicht den geringsten Anlaß zur Eifersucht. – Geschah es, weil ihn das junge Mädchen in keiner Weise bevorzugte? – Ja, ohne Zweifel war dies zum größten Teil der Grund, aber es lag wohl auch daran, weil die Liebe in mir eine Art Begeisterung erzeugt hatte, die mich alles um mich herum in einem neuen, aber trügerischen Lichte erblicken ließ. Alles erschien mir schöner und besser, ich empfand zärtliche Gefühle für meinen Brüder, ich hegte Freundschaft für Sennevoy, den geschwätzigen und eitlen Bureaukraten, und für seine gezierte und eingebildete Gattin; meine Gunstbezeugungen erstreckten sich sogar auf Führer und Tiere, ich streichelte das Maultier, das Laura trug, überhäufte die Kellner der Hotels, in denen wir abstiegen, mit Trinkgeldern und begann schließlich die Majestät des Gebirges in leidenschaftlichen Versen zu besingen. Ach, wo sind sie hin, die verwünschten und doch so glücklichen Tage, die ich in den weißen und grünen Schweizerbergen zugebracht! …
Der Argwohn erwachte in mir zum ersten Male, als wir uns von unsern neuen Freunden trennten. Der Urlaub des Bureauchefs ging zu Ende. Paul und ich hatten nicht die Absicht, wieder umzukehren und konnten anderseits unsere Gesellschaft nicht länger aufdrängen. Obgleich wir Erlaubnis erhalten hatten, sie in Paris zu besuchen, war jede Freude und Hoffnung mit einem Male aus meinem Herzen gewichen. Ich dachte über mich selbst nach und sah mich im Geiste wieder allein mit meinem Gram, meinem Weltschmerz. Die kurzen Abschiedsworte, die mir Laura sagte, schienen mir zerstreut und gleichgültig zu klingen. Aber als Paul ihr ein letztesmal die Hand drückte, blickte sie ihn an, als wollte sie in seiner Seele lesen … Und er? … Ach, ich sah es nur zu deutlich, daß er sie anbetete …
Ich stand auf dem Punkte, ihm zu sagen: Ich liebe dieses junge Mädchen. Wenn du nicht willst, daß wir beide unglücklich werden, gehe ihr für immer aus dem Wege! Aber ich war dazu außer stande; bitten war mir unmöglich, nur in heftigen Zornaufwallungen hätte ich mein Herz erleichtern können. Ich schwieg und tat gut daran. Es gibt keinen Mann, der so großmütig oder so töricht sein wird, freiwillig auf ein Weib zu verzichten, um es dem glücklichen Nebenbuhler zu überlassen. Und dann dachte ich bei mir, daß Paul, der in der Provinz zu leben gezwungen ist, Laura nur selten wiedersehen kann. Ich dagegen würde stets in ihrer Nähe weilen, wollte die Eltern überlisten und gar bald am Ziel meiner Wünsche angelangt sein.
* * *
Während ich Laura meine Verehrung in so ungeschickter Weise bezeigte, daß sie nur als einfache Höflichkeit aufgefaßt werden konnte, korrespondierte Paul mit dem Mädchen. An einem Dezembermorgen, es war am Tage vor Weihnachten, erschien er plötzlich bei mir, ohne daß ich von seiner Anwesenheit in Paris etwas gewußt hätte.
Ich bin im Begriff, sagte er, um die Hand von Fräulein Sennevoy anzuhalten.
Ich fühlte mich wie erstarrt, wie versteinert. Es kostete mich Anstrengung, meine Lippen zu bewegen, wie ein Trunkener lallte ich:
Du willst mir das Mädchen nehmen, das ich liebe … Trotz dem Nebelschleier, der sich vor meinen Augen senkte, gewahrte ich, wie eine plötzliche Blässe sein Gesicht bedeckte.
Du liebst sie! … Es ist nicht möglich! … O, bereiten wir uns nicht diesen Kummer! …
Das Leben kehrte wieder zurück, gewaltig gärte es in mir und ich rang nach Luft – wie ein Rasender schrie ich ihm entgegen:
Ich liebe sie und du wirst sie nicht heiraten! … Paul sah mich einen Augenblick kalt an, dann sagte er:
Sie wird zwischen uns beiden wählen … Ach, er wußte, daß ihm der Sieg zufallen würde.
* * *
Ich habe ein Verbrechen begangen, aber furchtbar habe ich vorher und nachher dafür büßen müssen. Ich bin lange, lange krank gewesen, Leber- und Nierenleiden haben mich aufs Krankenlager geworfen – aber all die physischen Schmerzen, die ich erlitten, waren nur ein schwaches Echo der Stürme, die meine Seele heimgesucht haben. – Verschmähte Liebe richtet ohne Zweifel nicht die gleichen Verheerungen bei allen Menschen an. Viele weinen und trösten sich. Mein Bruder hätte auch zu jener Art von Abgewiesenen gehört, die ein anderes Herz suchen und finden, um die erlittenen Enttäuschungen und unvermeidlichen Tränen zu vergessen.
Als ich mein Unglück besiegelt sah, entfloh ich aus Paris. – Kam mir wohl zu jener Zeit der Gedanke an einen Mord? Ja, gar oft, wenn mich in meiner Einsamkeit Wutanfälle packten, in denen ich schreckliche Drohungen gegen meinen Bruder ausstieß. Aber wenn ich, wie es die fromme Lehre der Jesuiten verlangt, mein Gewissen prüfte, als bereite ich mich zur Beichte vor, dann hielt ich mich für unfähig, jenes furchtbare Verbrechen zu begehen. Es waren nur unnütze Worte, die ich im Zorn verschwendet hatte, ein trübes Hirngespinst, das mich wie ein böser Traum gefangen hielt. Ich gedachte meiner guten Eltern und nahm mir vor, meine Hände rein zu erhalten.
Die Zeit, die verronnen war, und eine Reise, die ich nach Spanien und Algier unternommen hatte, verliehen mir etwas Kaltblütigkeit, ohne daß meine Liebe und mein Haß schwächer geworden wären. Liebe und Haß waren überhaupt meine treuen und stets wachsamen Reisegefährten, die mir rieten, die mir unterwegs ständige Gesellschaft leisteten und mich nicht allzu lange schlafen ließen. Aber ich konnte nicht immer so herumirren; obgleich der Gedanke an eine Junggesellenwohnung durchaus nichts Verlockendes bot, mußte ich mich doch früher oder später mit ihm vertraut machen. Und womit sollte ich mich beschäftigen, wenn ich erst einmal in meinem Gefängnis angelangt sein würde? Arbeiten? Die Erfolge meines Bruders hatten mir das Studium gründlich verleidet. Eine bezahlte Stellung annehmen? Bei meiner Ungeschicklichkeit würde ich hier nur Mißerfolge ernten. Dennoch sah ich ein, daß ich etwas ergreifen müsse, um die langen Stunden auszufüllen, um nicht vor Langeweile zu sterben. Bevor ich Familie Sennevoy kennen gelernt hatte, war ich mit jedem harmlosen Zeitvertreib zufrieden gewesen, ich schlenderte in Paris und seiner Umgebung herum, besuchte Museen und Bibliotheken und hörte regelmäßig die Vorlesungen im Collège de France. Auch hatte ich Zutritt zu den Laboratorien der Sorbonne, wo ich zu meinem Vergnügen Experimente anstellte. Alles dies erschien mir jetzt schal und albern – womit sollte ich mein Leben ausfüllen?
Die Liebe und der Haß rieten mir: Führe ein Wiedersehen mit Laura und eine scheinbare Versöhnung mit deinem Bruder herbei. Welche Genugtuung, wenn du ihre Ehe stören könntest!
Meine Wangen glühten und mein Herz begann heftig zu pochen. Ich wurde wieder wahnwitzig und versuchte, diese Idee weiter auszuspinnen. Ihren Ehefrieden sollte ich stören, ich, den man nicht zum Mann haben wollte! Die Frauen sind lasterhaft, entartet … Sie lügen beständig … Laura hat dich einige Wochen lang in dem Glauben gelassen, daß sie dich liebe, deine Huldigung mißfiel ihr nicht und sie würde sie vielleicht jetzt noch gern entgegennehmen. Ein Gatte kann nicht immer gefallen. Paul ist zwar schöner, als du, aber da sie gezwungen ist, stets in seiner Gesellschaft zu leben, wird sie ihn nicht immer in dem frühern Maße vergöttern, während ihr all seine Fehler und schlechten Eigenschaften desto deutlicher zum Bewußtsein gelangen werden. Du konntest nicht ihr Gatte werden – werde ihr Geliebter!
Eine wilde Freude ließ mich bei diesem Gedanken bis ins Innerste erschaudern und ich setzte meine Betrachtungen fort. Meinen Bruder wiedersehen? – Unmöglich? – Wie, du wärest zu schwach, um lügen zu können, zu dumm und ungeschickt, um einen Vorsatz auszuführen, der dir solche Wonnen verspricht? Sieh, du bist nicht schlechter als andere Menschen. Wenn du energisch gewesen wärest, hättest du dir eine Stellung in der Welt erobern können, aber du hast es vorgezogen, gleichgültig und misanthropisch zu sein. Es ist zwar bedauerlich, daß es so gekommen ist, jetzt aber ist der Augenblick da, wo du das Unrecht sühnen mußt, das dir widerfahren. Geh zu deinem Bruder und nimm ihm sein Weib.
Immer unwiderstehlicher beherrschten mich diese Gedanken, immer verführerischer schmeichelten sie meinem Stolz, meiner Sinnlichkeit und meiner Böswilligkeit, bis ich schließlich ernstlich daran dachte, sie zu verwirklichen. Paul hatte mir heuchlerische, rührselige Briefe geschrieben. ›Dein Kummer benimmt mir jede Freude. Ich kann nicht froh sein, solange du dich nicht getröstet hast … Ich bin in der Tat egoistisch gewesen, mein armer Vincent. Ich liebte – das ist mein Recht und meine Entschuldigung. Die Liebe zerstört alle andern Rücksichten. Ich finde dies ungerecht, aber es ist die Schuld der Natur, nicht die ihres Wesens … Wie gern hätte ich von dir einen Brief erhalten, mein lieber Vincent! Ich bitte dich sehr, gib mir recht bald ein Lebenszeichen … Du tatest recht daran, dich auf Reisen zu begeben, jetzt aber kehre zurück in deine Heimat, zu deinen Verwandten … Sage, wann werde ich dich wiedersehen, mein großer Bruder? – Du sollst mit offenen Armen bei uns empfangen werden.‹
Nachdem ich mit Haß und Liebe zu Rate gegangen war, antwortete ich Paul, daß mein Kummer wie meine feindseligen Gefühle kurz und heftig gewesen seien, daß jetzt mein Schmerz zwar besänftigt wäre, mich aber matt und traurig gemacht hätte, so daß ich im Grunde genommen derselbe Mensch geblieben sei, der ich früher war. Ich fügte hinzu: Mache dir keine Gewissensbisse, mein Freund. Wenn ich geliebt worden wäre, hätte ich es wie du gemacht. Wie stets im Leben, bist du auch in diesem Falle der Glücklichere von uns beiden gewesen. Umso besser für dich! Es wird die Zeit kommen, wo ich! wegen deiner Verheiratung ebensowenig Groll empfinden werde, wie wegen deines glücklich bestandenen Examens. Du erinnerst dich doch, wie mich einst deine Erfolge in der Schule kränkten? Ich habe trotz alledem später viel Zuneigung für dich empfunden. Wenn wir beide einmal alt sind, werden wir, ich will es hoffen, gute Freunde geworden sein. Vielleicht schon früher.
Nach einer Pilgerfahrt von fünfzehn Monaten kehrte ich nach Paris zurück. Paul war von St. Etienne nach Lyon übersiedelt, pflegte aber mit seiner Frau seine Schwiegereltern in Paris häufig zu besuchen. Er suchte mich auf. Ich empfing ihn nicht, aber meine Erregung steigerte sich bei dem Gedanken, daß er mit Laura in meiner Nähe weile. Laura wiedersehen! Dieser Wunsch war so unwiderstehlich, daß ich mich auf der Straße auf die Lauer legte. Ich sah sie allein ausgehen und sprach sie an. Sie schien sich über dieses unerwartete Wiedersehen sehr zu freuen und ich war erstaunt über die Ruhe und Selbstbeherrschung, die ich im Gespräch mit ihr an den Tag legte. Sie war entschieden noch liebreizender wie als junges Mädchen; ihre Augen schienen größer und ihr Ausdruck zarter und inniger geworden zu sein.
Sie wollten mich besuchen? sagte sie zu mir. Kommen Sie, ich kehre wieder um.
Nein, nein! erwiderte ich hastig, aber wenn Sie gestatten, will ich Sie ein paar Schritte begleiten.
Sie willigte ein. Ihrem Gatten mußte sie über mich in der lobendsten Weise berichtet haben, denn noch am selben Abend empfing ich von ihm einen von Zärtlichkeit und Freude überquellenden Brief.
Endlich habe ich dich wieder! Kein Schatten trübt jetzt mehr mein Glück! Ich bitte dich, morgen das Dejeuner mit uns im Restaurant einzunehmen. Wir wollen dir zu Ehren ein festliches Mahl veranstalten. Ach, wie zufrieden bin ich jetzt! …
Eine seltsame Stimme, leise und doch gebieterisch, als käme sie aus einer andern Welt, flüsterte mir zu: Entflieh! Gehe wieder auf Reisen! Gehe bis nach Amerika, bis nach den Südseeinseln, gehe bis zu den Antipoden und bleibe dort …
Jedoch ich war fest entschlossen, nicht mehr in die Verbannung zu wandern, sondern jetzt meinem eigenen Willen zu gehorchen, anstatt auf jene phantastischen Eingebungen zu hören, die wohl eine Folge der religiösen Erziehung sein mußten, die ich, gegen meinen Willen, genossen hatte. Die Feder in meiner Hand sträubte sich, das »Ja« niederzuschreiben, mit dem ich Paul als Erwiderung auf seine Einladung antworten wollte. Ich schrieb ihm, daß ich erst am übernächsten Tage frei sei und stellte mich am folgenden Morgen, wie an den vorangehenden Tagen, in der Nähe ihres Hauses auf. Die Wohnung der Schwiegereltern war mir bekannt; die Vorhänge eines Zimmers waren herabgelassen, dort, ohne Zweifel, wohnte Paul mit Laura. Es war am Morgen und beide kleideten sich jetzt wohl an, um auszugehen; ich dachte mir, man bleibt nicht zu Hause, wenn man nur eine Woche in Paris zubringt. Und wirklich, er erschien bald. Als ich ihn so stehen sah mit seiner jugendfrischen Gestalt, dem rosigen Teint, den leuchtenden Augen, erschien er mir hübscher, als je. Wahnsinniger, der du bist, sprach ich zu mir, diesem Apollo willst du sein Weib nehmen!
Er winkte einen Wagen heran, sprach einen Augenblick mit dem Kutscher und wandte sich dann wieder dem Hause zu, in dessen Portal jetzt Laura strahlend und heiter erschien. Beide blickten sich an, man hätte meinen können, daß sie sich nach langer Trennung wiedersahen. Während sie in den Wagen stieg, stützte er ihren Arm, als ob sie, die so leicht und geschickt war, der Stütze bedurft hätte! Sie fuhren bei mir so nahe vorüber, daß sie mich wohl sicher bemerkt hätten, wenn sie weniger mit sich selbst beschäftigt gewesen wären, obgleich ich im Halbschatten eines Torweges stand. Paul hatte seinen Arm um Lauras Taille geschlungen, wie zwei zärtlich Verliebte fuhren sie dahin. Und wenn ich mit diesen beiden Glücklichen zusammen sein würde, müßte ich nicht auch unbedingt der Zeuge ihrer verliebten Blicke, ihrer Zärtlichkeiten und all jener Vertraulichkeiten werden, die man sich in Gegenwart von Verwandten erlaubt? Wie sollte ich ein solches Schauspiel ertragen? Und wie kann Paul so unklug sein, mich dazu einzuladen, er, der wußte, daß ich Laura geliebt hatte, daß ich sie einst zu meiner Frau ersehnte und daß ich eifersüchtig und rachgierig war? –
Noch einmal hörte ich die geheimnisvolle Stimme: Fliehe! Fliehe! – Ich nahm mir vor zu fliehen, wenn ich mein Werk vollbracht haben würde …
Während meiner Reise hatte ich sozusagen nur eine intellektuelle Eifersucht empfunden, jetzt aber in Gegenwart von Laura und ihrem Manne wurde ich das Opfer jener tierischen Eifersucht, die den Körper wie ein Fieber durchglüht und ein logisches Denken unmöglich macht.
Was ist dir, fragte mich Paul, du hast entzündete Augen und bist rot, während du sonst stets blaß warst. Hast du Kopfschmerzen?
Ich begann laut zu lachen.
Ich? Nicht im geringsten! Ich fühle mich sehr wohl, habe mich niemals so vortrefflich befunden. Die Reise hat meine Gesundheit wunderbar gestärkt.
Erzählen Sie uns doch etwas von Ihrer Reise und Ihren Abenteuern, bat Laura.
Ich sprach dem Weine fleißig zu, um mich nicht gehen zu lassen, um nicht mit den Zähnen zu knirschen und vor Gram und Liebe zu schluchzen, während ich anderseits dadurch meine Sinne immer mehr trübte. So erzählte ich denn von den Frauen, die ich in Spanien und Algier kennen gelernt hatte. Von Zeit zu Zeit lachte Laura halb belustigt und halb verlegen.
Vincent, sagte mein Bruder zu mir, du scheinst zu vergessen, vor wem du sprichst.
Kurze Zeit darauf hatte ich beide zu mir zum Diner gebeten. Von jeher hatte ich besondern Sinn für Ordnung, Behaglichkeit und Geschmack gehabt und so erntete auch meine Garçonhäuslichkeit unumschränktes Lob. Ich glaubte zu bemerken, daß Laura für mein einsames Dasein eine gewisse Neugier bekundete. Sie interessierte sich für all' meine Kunstgegenstände, Nippes und Reisetrophäen und ich machte ihr eine silberne, ziselierte Vase zum Geschenk, die schönste, die ich besaß. Sie nahm sie ohne Umstände an und reichte mir dafür ihre Wange zum Kusse hin. Ich besann mich nicht lange. – War ich nicht sein Bruder? Und gebot uns Paul nicht, uns zu küssen, wie es guten Freunden zusteht?
Sie kehrten nach Lyon zurück, wo ich sie bald besuchte. Ich fühlte jetzt die gebieterische Notwendigkeit, Laura zu sehen. Ihre Gegenwart bereitete mir wohl unsäglichen Schmerz, die alten Wunden begannen aufs neue zu brennen, aber sie versetzte mich in einen süßen Rausch. Der bewußte Alkoholiker, der weiß, daß der Absynth ihn töten wird, ist mein getreues Ebenbild in jener Epoche meines Lebens.
Mein Bruder und meine Schwägerin wollten sich in ihrer Wohnung ein wenig einschränken, um mir ein kleines Zimmer zur Verfügung zu stellen; jedoch ich zog es vor, im Hotel zu wohnen. Für meinen langen Aufenthalt in Lyon suchte und fand ich einen passenden Vorwand – das angebliche Studium eines Herbariums im pharmazeutischen Institute.
So lebte ich denn vier Monate hindurch in der Gesellschaft von Paul und Laura und es gelang mir recht gut, meine Empfindungen, die noch nichts gegen früher eingebüßt hatten, geschickt zu verbergen. Aber neue Stürme begannen in mir zu erwachen, als Paul mir seine Freude, Vater zu werden, offenbart hatte. Planlos irrte ich in der Umgebung der Stadt umher und verbarg mich drei Tage lang in einem kleinen weltentrückten Gasthaus auf dem Berg Ceindre, um mich zu beruhigen. Und wirklich, ich glaubte mich geheilt von meiner Liebe zu Laura; es schien mir, als ob sie mir jetzt Widerwillen einflöße. Neugierig betrachtete ich sie, als ich nach Lyon zurückkehrte und gewahrte, daß ihr Gesicht eingefallen und ihr sonst so frischer Teint einer erdfahlen Blässe gewichen war. Ich empfand Freude über diese Veränderung und sagte mir: Sie wird vielleicht sterben oder ein schmerzhaftes Leiden zurückbehalten; jede Frau in dieser Lage geht ernsten Gefahren entgegen.
Hochgeehrter Herr, Sie werden jetzt, wie schon oft beim Lesen dieses Schriftstückes, sagen: Dieser Mensch ist ein Narr und ich hatte wohl recht, als ich verhinderte, daß man ihn um einen Kopf kürzer mache.
Ich möchte Ihnen hierauf erwidern, daß es viel gefährlicher ist, einen Narren in Freiheit zu lassen, wie einen vernünftigen Verbrecher. Wenn der vernünftige Verbrecher einmal sein Ziel erreicht hat, ist er befriedigt und läßt die menschliche Gesellschaft zumeist in Ruhe. Als ich befreit von meinem Bruder war, lebte ich wie ein ruhiger Mensch, ja, ich wage es zu sagen, wie ein guter Mensch. Ich habe den Armen große Schenkungen gemacht. Eines Tages wäre ich beinahe von einem heranbrausenden Schnellzug zermalmt worden, weil ich mich auf die Schienen stürzte, um ein junges Weib mit seinem Kind zurückzureißen, das im Gedränge umgestoßen und auf den Schienenstrang geschleudert worden war. Sie sehen, daß ich nicht verrückt bin. Wäre ich es gewesen, so hätte sich meine anscheinend fixe Idee, zu hassen, nach dem Tode meines Bruders auf ein anderes Objekt gerichtet. Uebrigens, wenn Sie unbedingt daran festhalten, daß ich ein Narr sei, so sage ich Ihnen: Sie sollen recht haben, daß alle Narren sind, die als Sklaven eines Lasters oder einer Idee leben. Sie selbst, hochgeehrter Herr, sind ein Narr, wenngleich in edler und vornehmer Weise, während ich es im niedrigen, tragischen Sinne bin, und wir alle gehören zu jener traurigen Art von Menschen, die sich » Homo sapiens« zu nennen wagt, weil sie von allen Kategorien der lebenden Wesen die einzige ist, die ihren Kreaturen das Zeichen des Wahnsinns aufdrücken darf. Sie sehen, verehrter Dichter, daß ich mir, noch mehr als Sie selbst, Ihre Theorien zu eigen gemacht habe.
Ich war nach Paris zurückgekehrt. Als ich von Paul einen Brief erhielt, worin er mir mitteilte, daß Laura in Lebensgefahr geschwebt hatte, weil das Kind vor der Geburt gestorben war, mußte ich lachen und weinen. O, dachte ich, wenn sie doch auch in eine bessere Welt abberufen würde! Ich könnte sie dann nicht mehr wiedersehn, aber Paul würde sie dann auch für immer verloren haben. Ach, wie herrlich ist der Gedanke, daß wir eines Tages alle, die Glücklichen, wie die Unglücklichen, in modrigen Särgen zu Staub zerfallen müssen! Wie trostreich ist diese Gewißheit, wenn man vor Schmerz darüber weint, daß man alles das entbehren muß, was die andern besitzen! …
Ich brachte es nicht fertig, nach Lyon zurückzukehren. Meine Stimmung war unbeschreiblich. Wenn ich Laura erblickt hätte, vor Fieber zitternd, welk und abgemagert, ich wäre fähig gewesen, sie in einer rasenden Umarmung zu erwürgen.
Einige Monate später war ich mit ihr bei ihren Eltern zusammen, die mich zum Essen geladen hatten. Sie war vollständig wiederhergestellt, frisch und anmutig wie früher, der Pulsschlag des Lebens hatte, nach einer kurzen Verlangsamung mit neuer Kraft in diesem jungen und kräftigen Organismus wieder eingesetzt. Kein Bedauern über vernichtete Hoffnungen war an ihr wahrzunehmen. Ich lag wieder wie früher im Bann ihrer Schönheit, sie besänftigte mich und erfüllte meine Gedanken mit wundersamer Klarheit. Die Falten meiner Stirn schienen sich ein wenig zu glätten. Meiner Toilette wandte ich besondere Aufmerksamkeit zu und strebte darnach, mit Eleganz gekleidet zu gehen. Ohne einen Nebengedanken von Rache und Haß wollte ich der Verführer dieses reizenden Wesens werden. Sie schien mir im Verkehr mit Paul kälter geworden zu sein, es war aber in Wirklichkeit nur Vorsicht oder auch feine List; sie empfand, daß ich sie noch immer liebte, daß sie das Ziel aller meiner Wünsche war und fühlte eine innere Genugtuung darüber. Sie hatte einen Teil meines Charakters kennen gelernt und ergründet und verstand es, alles zu vermeiden, was Zorn oder Eifersucht in mir verursacht hätte. Ich glaube, sie würde sich gefreut haben, aus mir einen braven, liebenswürdigen Menschen zu machen, der sich mit oberflächlichem Flirt zufrieden gibt.
Die Sommerferien kamen heran. Herr Sennevoy hatte bei Cabourg eine Villa gemietet, in der wir seine Gäste sein sollten, so daß ich Laura dort noch näher war wie in Lyon.
Eines Abends am Strande gestand ich ihr endlich meine glühende Liebe. Zeit und Ort verliehen diesem Ereignis ein höchst romantisches Gepräge. Es war die Stunde der Flut, immer näher rollten die unruhigen Wogen heran und ein kalter Wind, vermengt mit dem Geruch von verwestem Meergras, wehte uns ins Gesicht. Alles dies steht so lebhaft vor meinen Augen, während ich Ihnen schreibe, daß es mich Ueberwindung kostet, nicht innezuhalten und die Augen zu schließen, um das stürmische Meer brausen zu hören, um jenen scharfen Geruch zu empfinden, der mir aus seinen Tiefen entgegenwehte.
Ich schlang meinen Arm um Laura, sie wollte sich losreißen, aber ich hielt sie fest.
Laura, Laura! Wie tief unglücklich haben Sie mich gemacht … Beginnen Sie nicht von neuem, mich zur Verzweiflung zu treiben! …
Seien Sie vernünftig … Ich bitte Sie … Sie bereiten mir Kummer … Sie machen mich verwirrt! …
Das Verwirrtmachen war es gerade, was ich anstrebte … Trotz allen ihren Ermahnungen gab ich an jenem Abend meiner Leidenschaft und Verzweiflung beredten Ausdruck.
Sie forderte mich nicht auf, abzureisen und klärte auch ihren Mann nicht über das Vorgefallene auf, sondern war mir gegenüber wie bisher, liebenswürdig und gleichgültig.
So vergingen einige Monate. Paul würde zum Professor an einem Gymnasium in Paris ernannt und fast in dieselbe Zeit fiel ein anderes bemerkenswertes Ereignis seines Lebens. Ein Onkel seiner Frau, den sein Geschäft zum reichen Manne gemacht hatte, starb und setzte Laura zu seiner alleinigen Erbin ein. So besaßen sie denn ein Vermögen, das jährlich fünfzigtausend Franken abwarf, dazu ein Schloß in Chatenay bei Sceaux.
Ich habe gezeigt, daß ich in allem eifersüchtig auf Paul war. Meine Verliebtheit hatte zwar augenblicklich alles andere verdrängt, aber die Hauptursache war davon nicht berührt und nach wie vor fühlte ich den Stachel, der in meinem Herzen saß.
Als ich meinen Bruder im Besitze solcher Reichtümer sah, erfüllte mich sein Glück mit neidischem Gefühle. Ach, dachte ich, er steigt immer weiter empor, während ich mich täglich tiefer vergraben muß. Welches Ziel will er jetzt noch erreichen, wo er die unwiderstehliche Macht des Geldes in Händen hat? Er konnte sich den materiellen Genuß des Luxus verschaffen, er genoß Liebe und auch reiche Ehren waren ihm gewiß, Ordensauszeichnungen, seine Aufnahme in die Akademie, ja, er wird vielleicht noch eine der Leuchten des Vaterlandes werden; indes ich dazu bestimmt bin, armselig und unbekannt weiter zu vegetieren.
Du weißt, Vincent, hatte er zu mir gesagt, daß alles, was ich besitze, auch dir gehört. Ich vergrößere meinen Haushalt und du sollst nach deinem Belieben bei uns verbleiben.
O, diese parvenühafte Gönnerschaft! Sie zeigte mir erst deutlich den Rang des Schmarotzers, auf den ich verwiesen werden sollte. Ein Schmarotzer, ich, der nur eine einzige Tugend besaß – den Stolz!
Ich reiste wieder ins Ausland, aber nur drei Monate hielt ich es dort aus, dann trieb es mich wieder zurück. Als ich wiederkam, fand ich Laura mit all den Reizen ausgestattet, die dazu angetan sind, Männerherzen zugrunde zu richten. Die elegante Toilette verlieh dieser Brünetten mit den blauen Augen etwas Stolzes und Imposantes; sie erschien mir wie eine Königin und wie ein alter, armseliger Tropf schrumpfte ich ihr gegenüber zusammen. Aber desto leidenschaftlicher sehnte ich mich nach Revanche: Sie wird mir gehören, sei es selbst um den Preis eines Verbrechens!
Noch hatte ich die Hoffnung nicht aufgegeben, mein Ziel durch die bei zivilisierten Menschen üblichen Hilfsmittel zu erreichen. Ich gehöre zu denen, deren Gestalt, deren Benehmen und ganze Sinnesart den Frauen ewig mißfallen. Meine Häßlichkeit, die jetzt abstoßend ist, wirkte damals bereits unangenehm. Ungeschickt und verbittert wie ich war, fehlte mir die Gabe, den Frauen Schmeicheleien zu sagen; meine Bitte ähnelte mehr einer Drohung, ähnlich jenen Räubern, die in den Bergen Spaniens oder Italiens mit geladenem Gewehr in der Hand betteln. Da ich bemerkte, daß Laura an Luxus Gefallen fand, suchte ich sie vorerst durch Geschenke zu blenden und verkaufte Obligationen und Rentenbriefe, um Blumen, Perlen, alte kostbare Fächer und all die wertvollen Nichtigkeiten darbringen zu können, die sie so gern hatte.
Paul äußerte hierüber halb Erstaunen, halb Bewunderung.
Was tust du, Vincent? Hast du etwa auch geerbt?
Ich geerbt? Niemals im Leben! Du weißt ja, daß ich auch nicht die geringste Aussicht dazu habe.
Armer Kerl! Es ist wahr. Aber du mußt doch unglaublich sparsam gelebt haben, um dir diese Generosität gestatten zu können.
Enorm sparsam, lieber Bruder. Ich habe nicht die geringsten Bedürfnisse.
Ich schlug den sarkastischen Ton der früheren Tage an, und die Bitternis, die sich in meinen Worten kundgab, war ohne Zweifel auch in meinen Augen und meinen Gesichtszügen ausgeprägt, denn Paul sagte:
Ich fürchte, du bist krank.
Weshalb? Weil ich mich ein wenig generös zeige? Ich genieße auf dem Lande deine Gastfreundschaft in ausgedehntestem Maße, gestatte mir, dir dafür zu danken, soweit es mir meine Mittel erlauben.
Aber du überschreitest deine Mittel, wie ich fürchte. Nun, wenn du dich in Geschenken ruiniert haben wirst, dann gestattest du mir hoffentlich …
Paul, du beleidigst mich, wie einst, da du dich anbotest, mir bei meinen Schularbeiten zu helfen.
Ach, sagte er traurig, du hast nicht vergessen … Er sah mich lang und mit ersichtlicher Angst an. Mein bleiches, krampfhaft erregtes Gesicht verriet, was in mir vorging Abel mag in diesem Augenblicke wohl die Nähe Kains geahnt haben …
Die Villa meiner Schwägerin ist ein geräumiger Bau aus dem siebzehnten Jahrhundert, mit schönen Salons und behaglich eingerichteten Wohnräumen, die nach beendeter Trauerzeit zur Beherbergung einer stattlichen Anzahl von Gästen ausersehen waren. Ein großer, etwas melancholischer Park umgab das Schloß – ach, alles dies hätte, ebenso wie Laura, mir gehört, wenn Paul nicht gewesen wäre.
Eines Tages, als ich mich mit Laura allein befand, kam meine verhaltene Leidenschaft wieder zum Durchbruch. Wir befanden uns im Salon, der wegen der großen Hitze – es war gegen Ende Juni – durch herabgelassene Vorhänge in Halbdunkel gehüllt war. Ich tat, als ob ich lese, Laura stickte. Sie saß auf einem kleinen Kanapee in einem malvenfarbigen Hauskleid, das ihren vollen Hals und die schönen Arme freiließ. Ihr kleiner Fuß, der durch den seidenen Strumpf durchschimmerte, spielte mit dem braunen Lederschuh, den sie halb abgestreift hatte. Anscheinend in meine Zeitung vertieft, wandte ich keinen Blick von ihr ab. Bald entfiel die Stickerei ihren Händen, der Kopf sank langsam auf die Kissen des Kanapees zurück, die Augenlider senkten sich. Noch einmal versuchte sie es, sie zu erheben, dann schlossen sie sich von neuem und nach kurzer Zeit hatte sie der Schlummer bezwungen. Ich stand auf. Leise schlich ich auf sie zu, die Arme ausgebreitet, wie ein Löwe, der sich auf seine Beute stürzen will. Aber ihr Schlaf war nicht tief, sie fühlte mein Herannahen und schrak bestürzt empor. Unsere Blicke hatten miteinander ein beredtes Zwiegespräch …
Auch diesmal wies sie mich nicht fort und ich war geneigt, ihre Nachsicht für eine Art Mitschuld zu halten. Wenn Paul verschwände, würde sie mich heiraten – dieses Ziel schien mir immer erstrebenswerter und ließ mich der Gefahren nicht achten, denen ich mich durch mein Verhalten aussetzte.
Ich wurde abergläubisch und rief das Geschick um Hilfe an. Es gibt junge, kräftige Menschen, die der Tod in voller Gesundheit überrascht – sollte es nicht möglich sein, daß Paul nach dem Genuß schlechten Wassers einem typhösen Fieber erliegt oder vom Sonnenstich getroffen wird?
Ich fand Gefallen daran, auf die Sperlinge und Kaninchen im Park zu schießen. Auf einem solchen Raubzug passierte es mir, daß ich einen Schuß gerade nach der Richtung hin abgab, in der sich Paul zufällig befand und die Kugel des Karabiners pfiff bei seinem Ohr vorbei.
Unglücksmensch! rief er, du hast mich beinahe getötet.
Verzeihe mir, ich werde nicht mehr schießen.
Schieße … aber nur, wenn sich auf einen Kilometer im Umkreis kein Mensch befindet.
Dieser Sarkasmus ließ in mir den ungestümen Wunsch rege werden, ein andersmal zu meinem Ziele zu gelangen.
Endlich schien mir der Zufall zu Hilfe zu kommen. Paul wurde krank und lag derart an Fieber und Kopfneuralgien darnieder, daß ich meine Wünsche erhört glaubte. Ich atmete auf und empfand Freude darüber. Paul würde auf natürliche Weise von meinem Wege verschwinden und ich könnte seine Witwe heiraten, ohne zu fürchten, daß mein Glück durch die sogenannte Gerechtigkeit der Menschen eine Unterbrechung erlitte.
Zwei Tage lang beobachtete der Arzt den Patienten, ohne sich über seinen Zustand zu äußern, dann ließ das Fieber nach und man war wieder beruhigt. Zur Linderung der Nervenschmerzen wurden verschiedene Mittel angewandt, in erster Reihe Phenacetinpulver.
Ich zeigte Pauls Leiden gegenüber zärtliche Besorgnis. Die Hoffnungen, die mich beseelten, erzeugten in mir eine gewisse Gemütsbewegung und das Bestreben, mich dienstbeflissen zu zeigen.
Ich bin heftig, leidenschaftlich, verbittert, hatte ich gesagt, aber ich liebe meinen Bruder. Mich von ihm fern zu halten, wäre eine harte Strafe, und so ersuchte ich Laura um die Erlaubnis, mit ihr gemeinsam bei ihm wachen zu dürfen. Sie gestattete es mir, bat aber ihre Mutter, sie nicht allein zu lassen.
Als Madame Sennevoy gesehen hatte, wie geschickt und aufopfernd ich mich zeigte, erklärte sie mich für einen vollendeten Krankenpfleger.
Nach zwei schweren Nächten schien die Gefahr vorüber zu sein; Laura wie ihre Mutter glaubten jetzt, ein wenig der Ruhe pflegen zu dürfen, und eine Krankenschwester trat an ihre Stelle.
Ich blieb, indem ich erklärte, noch nicht ermüdet zu sein.
Während ich auf seinem Bette saß, betrachtete ich auf dem danebenstehenden, kleinen Tische die braune Schachtel, die die Phenacetinpulver barg. Ich sagte mir: Wenn der Apotheker sich geirrt hätte! Wenn er ein vernichtendes Gift in die Oblate geschüttet hätte!
Ich blieb stundenlang unbeweglich, wie hypnotisiert sitzen beim Anblick jener braunen Schachtel und beim Gedanken an dieses neue »wenn«, das sich meiner Phantasie bemächtigt hatte.
Die Schwester löste ein zweites Pulver in ein wenig Wasser. Mein Bruder, der gerade aus dem Schlaf erwachte, sagte zu mir:
Du bist noch da, mein armer Vincent! Ich bitte dich, gehe jetzt schlafen. Augenblicklich fühle ich mich sehr wohl und werde hoffentlich heute abend nichts mehr von dieser grauenhaften Gliederschwere empfinden. Gib mir einen Kuß, fügte er hinzu, indem er die Arme nach mir ausstreckte.
Ein Schluchzen schnürte mir die Kehle zu. Empfand ich wohl jetzt einen Augenblick etwas wie brüderliche Liebe? – Nein! … Pauls Gebärde war rührend gewesen, ein Schauspieler hätte sie kopieren müssen und sein Publikum damit zu Tränen gerührt.
Ich stellte mich, als ob ich hustete.
Ich küsse dich nicht, weil ich erkältet bin und Halsschmerzen habe; ich will dich nicht der Gefahr aussetzen, daß du dir einen Schnupfen holst.
Er richtete sich auf seinen Ellbogen gestützt, ein wenig auf und sah mich besorgt an.
Nimm dich in acht, damit du jetzt nicht krank wirst! Du weißt, Fieber und Kopfschmerzen sind unangenehme Dinge!
Er sank matt auf die Kissen zurück. Ich aber, anstatt mich schlafen zu legen, begab mich nach Paris in die Sorbonne, in das Laboratorium des einstigen Mitschülers und Freundes meines Vaters, des Professors Tanneron, dessen Vorlesungen ich jüngst gehört hatte. Ich kannte seine Gewohnheiten, wartete bis er das Gebäude durch den in die Rue Victor Cousin mündenden Ausgang verlassen hatte und ging dann hinein. Der Diener, der mich kannte, führte mich in das Arbeitszimmer des Gelehrten, dem ich, wie ich sagte, einige Zeilen schreiben wollte. Dieses Arbeitszimmer, das mit dem Laboratorium in Verbindung stand, war ein Laboratorium für sich, ein Chaos von Tischen, Gestellen, Bücherschränken und Instrumenten aus Porzellan und Glas.
Die Pulver, Kristalle, Körnchen und Flüssigkeiten in den großen Glasbüchsen waren fast alles Gifte – und Gift war es, was ich hier suchte.
Ich las: Schwefelsaures Ammoniak, essigsaures Blei, Zinkchlorid. Aber ein stärkeres Gift war mein Begehr, eine Substanz, von der wenige Körnchen genügten, um ihren Zweck zu erfüllen. Suchend ging ich im Laboratorium umher.
Strychnin.
Dies Wort leuchtete mir entgegen wie mit Flammenschrift. Von dem weißen Pulver schüttete ich schnell ungefähr den dritten Teil auf den Briefbogen, den ich in der Hand hielt. Ich zitterte und handelte dennoch mit automatischer Genauigkeit: nicht ein Körnchen fiel zu Boden oder auf meine Kleider. Die geschlossene Glasbüchse wurde wieder an ihren Platz gestellt, ich faltete das Papier sorgfältig zusammen und hatte es gerade in die Tasche meines Rockes gesteckt, als der Diener auf der Schwelle des Zimmers erschien.
Der Herr ist unwohl? fragte er teilnehmend. Meine Haare und meine Stirn waren mit kaltem Schweiß bedeckt; ich muß schrecklich blaß gewesen sein.
Ja, erwiderte ich, mir ist eben schwindelig geworden und ich suche etwas Essigsäure, um mir Besserung zu verschaffen.
Ich sprach wie im Traume; es schien mir, als ob meine Stimme plötzlich ihren Klang verloren hätte und gleichzeitig wunderte ich mich über meine Geistesgegenwart und die vernünftige Erklärung, die ich dem Diener gab. Aber meine Knie zitterten, ich wankte und mußte mich an dem Schrank festhalten, aus dem ich soeben das Strychnin genommen hatte.
O, nur jetzt nicht ohnmächtig werden, durchfuhr es mich, man würde mich entkleiden und das Gift könnte meiner Tasche entfallen. Bevor der Diener noch einen Schritt tat, um mich zu stützen, stand ich wieder aufrecht.
O Gott, mein Herr, sagte er, indem er mich zu einem Stuhl geleitete, Sie scheinen sehr krank zu sein.
Es ist nichts … Ein kleiner Hitzschlag … Sehen Sie, es geht mir schon wieder besser.
Er näherte meiner Nase ein Fläschchen mit Essigsäure und ich fühlte in der Tat, wie das Leben wieder in mir pulsierte.
Etwas Bewegung wird mir gut tun, sagte ich. Ich will Herrn Professor von meiner Wohnung aus schreiben, und eilig entfernte ich mich, nachdem ich dem Diener ein Hundertsoustück in die Hand gedrückt hatte.
Am Boulevard St. Michel setzte ich mich auf eine Bank, denn meine Kräfte waren noch nicht völlig wiedergekehrt. Ich wollte mich nicht Betrachtungen hingeben, sondern sagte mir nur: Du bist nichts, als ein Werkzeug des Geschickes, du handelst nicht nach deinem eigenen Willen, sondern folgst wieder nur jener geheimnisvollen Macht, die dir vielleicht jetzt eingeben wird, das Strychnin in die Gosse zu schütten.
Aber sie lenkte meine Schritte anstatt nach der Gosse nach einem Chemikaliengeschäft, wo ich eine Schachtel mit leeren Oblaten kaufte, und ließ mich dann meinen Weg wieder nach Chatenay nehmen. Meine Abwesenheit hatte im ganzen drei Stunden gedauert.
Mit meinen Kleidern warf ich mich aufs Bett und lag bald in einem tiefen, erquickenden Schlafe, aus dem ich erst durch das Läuten der Dinerglocke geweckt wurde. Heiter und zuversichtlich stand ich auf, zog schnell andere Kleider an und betrat als erster den Speisesaal, wo auch Laura mit ihren Eltern alsbald erschien. Man tauschte Ansichten über Pauls Leiden aus und alle schienen beruhigt und zufrieden zu sein. In meiner Abwesenheit hatte der Arzt den Kranken besucht und ihn fieberfrei gefunden, wenngleich er noch über stechende Schmerzen in Stirn und Schläfen, sowie über jene Mattigkeit und Zerschlagenheit klagte, die Fieberanfällen zu folgen pflegt.
Ich bin der Ansicht, meinte Madame Sennevoy, daß Paul nichts anderes als Heufieber hatte. Meine Mutter, die auf dem Lande lebte, wurde in dieser Jahreszeit stets von einer Art Grippe befallen.
Mit Wohlgefälligkeit kramte auch Herr Sennevoy seine pseudo-medizinischen Kenntnisse aus und sprach von Mikroben, von schädlichen Gasen, die dem brennenden Teile der Erde entströmen, und von der Vegetation, die in Gärung begriffen sei. Ich tat, als ob ich aufmerksam zuhöre und bereitete mich zu dem Werke vor, das meine Lebensbestimmung bedeutete – zum Brudermord.
Die Dosis, die ich zu verwenden beabsichtigte, sollte so stark sein, daß ihre Wirkung schnell erfolgte, denn ich wollte nicht, daß er leiden solle. Ich sagte mir, der Arzt, der sich auch seine Krankheit nicht zu erklären vermochte, wird den plötzlichen Tod einem Gehirnschlag zuschreiben. In diesem ehrbaren Hause wird niemand einen Argwohn fassen, und übrigens – in welcher Absicht sollte auch jemand ein Verbrechen begehen können? Jeder scheint Paul zu lieben, ich selbst stehe ausgezeichnet mit ihm. Ich habe gelernt, mich zu beherrschen; wenn er stirbt, wird kein falscher Ton in mein Wehklagen hineinklingen.
Ich stärkte mich mit diesen Sophismen, aß mit gutem Appetit und sagte mir zur Beruhigung, daß Zeugen meiner Ruhe und meines Gleichmutes vorhanden wären, wenn ich, was mir unmöglich schien, angeklagt werden würde.
Nach beendetem Mahle gingen wir zu Paul. Wir sahen, wie ihm die Schwester das dritte Pulver gab.
Ich möchte nicht geweckt werden, sagte er, ich fühle, daß ich sehr gut schlafen werde.
Wir waren wie er der Ansicht, daß man sich um ihn viel zu sehr Angst und Sorge bereitet hatte und daß es sogar ziemlich lächerlich gewesen war, eine Schwester zu seiner Pflege heranzuziehen; aber reiche Leute sind ja berechtigt, alle Vorsichtsmaßregeln zu übertreiben.
Pauls Bett stand im ehelichen Schlafzimmer. Laura, dachte ich, welche die heutige Nacht offenbar hier wieder zubringt, wird voraussichtlich einen sehr leisen und unruhigen Schlaf haben und den Kranken nicht aus den Augen lassen. Was sollte ich jetzt beginnen?
Es war kaum neun Uhr. Die junge Frau, die einen Teil des Tages hindurch geruht hatte, wird ihr Lager nicht zu früher Stunde aufsuchen.
Ich begab mich auf mein Zimmer und füllte eine leere Oblate mit Strychnin, das ich vorsichtshalber, ehe ich mich in den Speisesaal begeben hatte, aus meiner Tasche nahm und in einer Schublade einschloß. Es war berechtigte Vorsicht gewesen, denn, wie ich bemerkte, hatte der Diener die Kleider, die ich am Nachmittag in Paris getragen, bereits ausgebürstet und in den Schrank gehängt.
Von meinem Fenster aus gewahrte ich im Garten Laura und ihre Eltern. Jetzt war der Moment gekommen, hinunter ins Schlafzimmer zu gehen.
Obgleich ich bei allem, was sich ereignete, der handelnde Teil war, hatte ich doch die Empfindung, nichts weiter als Zuschauer zu sein. Was sich da abspielen würde, war gewiß furchtbar, aber es stand mir nicht mehr zu, den Gang des Dramas aufzuhalten. Wozu sich jetzt von Unschlüssigkeit, Zaghaftigkeit und Mitleid gefangen nehmen lassen? Was ich jetzt aufschiebe, würde doch früher oder später eintreten, wie eine Erfüllung des Geschickes, dem niemand zu entgehen vermag. Ich litt also nur wenig beim Gedanken an das Kommende; indessen wurde mir plötzlich kalt und trotz den Gasflammen schien es mir, als ob ein dichter Nebel die Korridore einhülle, und wie im Finstern tastete ich die Wände entlang.
Im Schlafzimmer verbreitete eine kleine, mit einem seidenen Schirm verhängte Lampe gedämpftes Licht. Paul schlief. In der Nische eines Fensters, dessen Vorhänge nicht herabgelassen waren und durch welches man die klare Scheibe des Vollmonds erblickte, saß die Nonne mit ihrem Rosenkranz und betete.
Sie müssen sehr abgespannt sein, liebe Schwester. Gehen Sie doch ein wenig ins Freie. Ich werde bei meinem Bruder bleiben, bis Madame wieder heraufkommt.
Sie nahm meinen Vorschlag an, und sobald sie gegangen war, vertauschte ich ein Phenacetinpulver in der braunen Schachtel gegen das mitgebrachte Strychninpulver.
Meine Vorsehung trieb mich zur Eile an – nachdem kaum fünf Minuten vergangen waren, trat die Wärterin wieder ins Zimmer.
Da ich diese Nacht nicht zu wachen haben werde, sagte sie zu mir, so ist es nicht allzu notwendig, mich jetzt auszuruhen.
Ich wollte das Zimmer auf den Fußspitzen verlassen, als Paul mich rief.
Du bist es, Vincent? Du siehst, es geht mir sehr gut. Sei bedankt für deine Sorgfalt! Guten Abend, mein guter Junge!
Guten Abend, Paul! Richte dich nicht auf, erwiderte ich und überschritt rasch die Schwelle. Ich hatte so sehr gefürchtet, er würde mir wie am Nachmittag die Hände entgegenstrecken, daß mein Herz hämmerte, als wollte es zerspringen.
In meinem Zimmer angelangt, sank ich auf die Knie, aber selbst in dieser Stellung vermochte ich mich nicht aufrecht zu erhalten und fiel vornüber. Mein Kopf schlug auf den Teppich auf und einige Augenblicke blieb ich ohne Besinnung liegen. Als ich wieder zu mir kam, zitterte ich, als ob man mich aus dem Schlaf geschreckt hätte und fand mich im Dunkeln. Ich hatte das Gedächtnis an den Ort verloren, an dem ich mich befand, an die Umstände, die mich hierher geführt und an das, was ich getan. Draußen auf dem Korridor hörte ich schnelle Schritte und plötzlich brachte mich ein unbeschreibliches Angstgefühl wieder zur Besinnung. Ich stieß einen Schrei, ein Geheul aus … Paul hatte das vergiftete Pulver genommen, Paul war tot! … Und wieder fühlte ich auf der Stirn den kalten Schweiß, wie in dem Augenblicke, wo ich das Strychnin gestohlen hatte …
Aber die Schritte entfernten sich und bald herrschte wieder tiefe Stille im Hause. Ich stand auf und zündete eine Kerze an. Es war erst zehn Uhr; wie ich sah, hatte ich nur kurze Zeit ohne Besinnung zugebracht. Die ganze qualvolle Nacht lag also noch vor mir und beim Gedanken hieran ergriff mich ein solches Schaudern, daß ich im Begriff stand, zu Paul hinunterzugehen, die braune Schachtel fortzunehmen und sie ins Feuer zu werfen. Dann wollte ich fliehen, um nie wiederzukehren.
Meine Zuflucht sei das Grab! … Denn solange ich atmen und denken kann, wird mich der Wunsch verzehren, Laura zu besitzen und Paul zu töten … Ja, nur im Grab will ich Ruhe und Erlösung finden von einem unerträglichen, unglücklichen Dasein!
Das Leben hat jetzt keinen Wert mehr für mich, sagte ich mir, aber ich wußte wohl, daß ich mich trotz allen Vorsätzen nicht töten würde, und der Gedanke an Lauras Besitz begann meine fieberhaft erregte Phantasie zu beherrschen. Sie wird dir gehören … Du wirst sie trösten und ihr gar bald die Tränen getrocknet haben, die sie über ihren Verlust vergießen wird … Erinnere dich deiner glühenden Eifersucht! Vergegenwärtige dir Pauls Liebe zu ihr. Gedenke des Glückes, das beiden beschieden war, während du so unsagbar leiden mußtest! Fort mit aller Empfindsamkeit! … Du allein bist zu beklagen, nicht dein Bruder, der schon mehr Freuden im Leben genießen durfte, als ein Mensch begehren darf …
In dieser Weise erhitzte ich mich mehr und mehr, während ich, die Hände an meinen Kopf gepreßt, im Fauteuil vor meinem Schreibtisch saß. Ich hätte mich eigentlich zu Bett begeben sollen, denn es war unnatürlich, nach all den vorangegangenen Aufregungen wach zu bleiben.
Ich beging hierdurch in meinem Verhalten mehrere Fehler, die mir beinahe verhängnisvoll wurden und die ich mit all der Energie wieder gut machen mußte, die Sie, hochgeschätzter Herr, an mir kennen gelernt haben, als Sie sich so lebhaft für mich interessierten.
Mitternacht kam heran und ich begann aufgeregt im Zimmer umherzugehen. Paul sollte jetzt bald ein neues Pulver nehmen. Außer dem von mir in die braune Schachtel gelegten, befanden sich nur noch zwei andere darin … Paul schlief vielleicht. Wird Laura ihn in diesem Falle wecken, um ihn ein nutzloses Medikament einnehmen zu lassen? – Oder wird sie selbst weiter schlummern?
Es schlug zwölf Uhr. Fröstelnd, mit stockenden Pulsen blieb ich vor dem Kamin stehen und starrte auf das Zifferblatt. Der Zeiger ging mit schrecklicher Langsamkeit weiter, es schien mir, als ob er unter meinen verstörten Blicken die Hälfte seines gewöhnlichen Weges zurücklege. Ich kehrte wieder zu meinem Fauteuil zurück. Der Schlaf übermannte mich und ich hatte Träume, in denen mehrere Menschenleben an mir vorüberzogen. Seltsam! Was ich seit dem Tode meines Bruders erlebte, rollte sich mit wenigen Veränderungen und Abweichungen vor meinem Gehirn auf. Ich sah mich auch in den Armen Lauras … Die Pendule weckte mich auf. Ein Uhr! … Erst ein Uhr! …
Paul, dessen Schmerzen nicht wiedergekehrt sind, hat kein weiteres Pulver genommen …
Dieser Gedanke beruhigte mich. Kein Zweifel, meine Leiden würden wieder von neuem beginnen. Wer ich wollte dann ein einfacheres, schnelleres Mittel finden, mich seiner zu entledigen. Meine erhitzte Phantasie konstruierte sich einen ganzen Roman, während die Zeit dahineilte. Die Uhr schlug zwei.
Da ertönte plötzlich schrilles Glockengeläute und Geschrei durch die Stille der Nacht. Laura rief mit dem Akzent eines wahnsinnigen Schmerzes um Hilfe.
Paul hatte das Strychnin verschluckt …
O, was empfand ich jetzt! Meine Schläfen hämmerten, mein Herz drohte zu zerspringen, dann schien wieder das Blut in meinen Adern erstarrt zu sein. Und die schon aufs höchste gesteigerte Erschütterung der Nerven wurde noch vermehrt durch das Angstgeschrei Lauras, in welches sich das tiefe Stöhnen des Vergifteten mischte! … Aber dieses physische Weh ward plötzlich durch die Sorge um die Selbsterhaltung unterdrückt – ich hatte den Rest des Strychnins nicht vernichtet! Dort auf meinem Tische lag das Papier, das noch eine Menge jenes weißen Pulvers barg. Ich nahm es, zündete es an meiner Kerze an, und schleuderte es, um die Flamme zu schüren, mit einigen Zeitungen in den Kamin.
Inzwischen nahm die Aufregung im Hause zu. In das unausgesetzte Schreien und Stöhnen mengten sich andere angsterfüllte Stimmen, dazwischen der Lärm von zugeschlagenen Türen und in den Korridoren das aufgeregte Hasten und Jagen der aus dem Schlaf geschreckten Hausbewohner.
Als das Feuer im Kamin erloschen war, eilte ich in das Zimmer meines Bruders, gleich einem Schauspieler, der inmitten einer pathetischen Situation auf der Bühne erscheint.
Frau Sennevoy war unmittelbar vor mir an das Lager des Kranken getreten. Die arme Frau erschien barfuß und hatte nur einen Unterrock über ihr Nachthemd geworfen. Laura hatte sich mit einem Peignoir bekleidet gehabt, um ihrem Mann, den die Kopfneuralgien wieder peinigten, ein Pulver zu geben. Ich glaube, diese Tatsache später erfahren zu haben, vielleicht war es auch nur eine augenblickliche Vermutung. Die Schwäche in meinen Gliedern war ebenso wie der Nebelschleier vor meinen Augen völlig geschwunden; mit der gespanntesten Aufmerksamkeit beobachtete ich alles, was um mich herum vorging, so daß mir nichts von all den grotesken, ergreifenden und schrecklichen Momenten der Situation entging. Die Schwester sah mit ihrer Nachthaube sehr komisch aus, auch Herr Sennevoy, der mit zitternder Hand seinen Hosenträger zu befestigen versuchte, gewährte einen sonderbaren Anblick.
Mama, Mama! jammerte Laura, es muß Hilfe kommen oder ich werde wahnsinnig!
Paul stöhnte nicht mehr, aber sein Gesicht spiegelte seine Qualen in schrecklicher Weise wieder. Mit seinen starren, hervorgetretenen Augen sah er eher einer Maske ähnlich. Es schien, als ob ihm die Kehle zugeschnürt sei, und mühsam rang er nach Atem. Plötzlich erschütterte ein heftiger Husten den ganzen Körper, daß er sich wild aufbäumte und krümmte und die Anwesenden Rufe des Entsetzens und der Verzweiflung ausstießen. Dann sank er zurück in die Kissen, sein schaumbedeckter Mund öffnete sich und murmelte: Ach! Ach, wie muß ich leiden! Eine stumme Bitte schien aus seinen schmerzerfüllten Blicken zu sprechen, die er auf uns gerichtet hatte.
Herr Sennevoy hatte Befehl gegeben, den Arzt zu holen. Die Schwester, aschfahl im Gesicht, sagte: Niemals haben meine Augen etwas Derartiges gesehen. Sie versuchte, dem Unglücklichen einen Trunk einzuflößen, aber seine Kiefer preßten sich aneinander und die Zähne knirschten, als sollten sie zerbrechen.
Laura schlang ihre Arme um ihn.
Paul, mein Einziger, ich bitte dich, was fehlt dir? Sprich ein Wort, mein Liebling! Es ist furchtbar! Schwester, bringen Sie mir schnell Aether! Gott o Gott! Erbarme dich unser! Habe Mitleid mit uns!
Sie sah ergreifend schön aus, wie sie so wehklagte und erfüllte mich mit Bewunderung, anstatt mit Bedauern. Aengstlich mieden meine Blicke das Schmerzenslager; ich durfte mich nicht vergessen; jede Mitleidsregung, jede Gemütsaufwallung konnte mein Verderben besiegeln.
Wie hat sich das nur zugetragen? fragte ich Herrn Sennevoy.
Ich weiß es nicht.
Man könnte es für einen plötzlichen Tobsuchtsanfall halten.
O, wie schrecklich! Laura! Laura! Nimm dich in acht! Er wollte seine Tochter offenbar davor warnen, sich beißen zu lassen. Dann fügte er aufs Geratewohl hinzu: Reibet ihm den Leib!
Dieser Todeskampf war furchtbar. Heftiges Zittern und ein immer stärker werdender Krampf ließen Pauls Körper vom Kopf bis den Füßen erbeben. Man sah, daß er übermenschliche Anstrengungen machte, um zu sprechen, zu schreien, um seine unbewegliche Brust zu heben, und von Zeit zu Zeit stieß er Töne aus, die wie das Brüllen eines zu Tode getroffenen Löwen klangen. Dann erhob sich der ganze starre Leib in gewaltigem Bogen aus dem verwüsteten Bett. Ich glaube, wenn ich die Energie besessen hätte, mich zu bewegen, ich hätte mich auf ihn gestürzt, um seinen Qualen ein Ende zu bereiten. Dieser wildphantastische, schauerliche Kampf währte fünf Minuten, die mir eine ganze Ewigkeit erschienen. Plötzlich wurden seine Muskeln schlaff, er ließ seinen Kopf auf Lauras Schulter fallen und atmete zwei oder dreimal.
Geliebte! Geliebte!
Es geht ihm besser, rief sie außer sich; mein Gott, mein Gott, du hast mich erhört!
Ihr Mund senkte sich auf das bleiche Gesicht und die feuchten, bläulichen Lippen des Sterbenden.
Du fühlst dich besser, nicht wahr? Mein Paul …
Aber ein letzter heftiger Krampf packte ihn in ihren Armen. Seine Augen traten noch weiter hervor, und erschienen wie riesige Kugeln, die sich gegen mich richteten gleich einer drohenden Gebärde. Es war mir, als ob Paul auf mich zeigte, mich anklagte. Ich ließ mich in einen Sessel fallen und verbarg das Gesicht in meinen Händen. Einen Augenblick atemlose Stille, dann vernahm ich einen kurzen Aufschrei, dem Schluchzen und beruhigende Worte folgten.
Komm, komm, mein armes Kind, sagte Herr Sennevoy.
Ich wußte, daß Paul soeben den letzten Seufzer getan hatte, und stand auf, indem ich mich umblickte. Die Schwester legte die Decke über das verzerrte und grinsende Gesicht des Toten.
Komm, Laura, sagte die Mutter weinend, bleibe nicht hier!
Was sprecht ihr da, geliebte Eltern! antwortete Laura, es ist nur eine Ohnmacht, er lebt! Man stirbt nicht so in wenigen Minuten in seinem Alter! Nein, es ist nicht möglich, daß ich meinen geliebten Mann nicht mehr haben soll! Er fühlte sich wohler, hatte einen Teil der Nacht hindurch so ruhig geschlafen. Nein, Papa! Paul ist mir nicht entrissen! Ich bin nicht Witwe! Nein, nein!
Ach, wie schwer war es für mich, in diesem Moment meine Selbstbeherrschung zu bewahren! Ich hätte wohl das Recht gehabt, angesichts dieses Unglücks, das ich allein angerichtet, Tränen zu vergießen, aber die seelische Erschütterung, der ich jetzt zu unterliegen drohte, war vor allem durch die hinreißende Tragik hervorgerufen, mit der Laura verzweifelt ausgerufen hatte: Ich bin nicht Witwe!
Schluchzend umarmte sie den Leichnam, nur dem eintretenden Arzt gelang es, sie zum Aufstehen zu bewegen.
Feierliche Stille herrschte im Gemach, während sich dieser über den Toten beugte. Nach einigen Augenblicken wandte er sich um und sagte mit zitternder Stimme: Tot! … Es ist unbegreiflich!
Laura sank auf die Knie, ihren Kopf an das Herz ihres Gatten schmiegend, und der Ausdruck des unsagbaren Schmerzes, den die großen Meister dem Antlitz Marias am Fuße des Kreuzes verliehen, spiegelte sich in ihrer ganzen Haltung erhaben wieder.
Plötzlich stand sie auf, richtete den Blick auf mich, und ich glaubte, vom Blitz getroffen zu sein.
Sie meinen, es ist unbegreiflich, sagte sie zum Arzt gewandt. Sie vermuten, daß er vergiftet worden ist …
Vergiftet! Armes Kind, sprach Herr Sennevoy, dein Schmerz bringt dich um den Verstand! Meine geliebte Laura, gehe mit Mama hinaus, aus diesem Zimmer!
Ich werde von meinem Mann nicht fortgehen … Doktor, ich weiß es, Sie täuschen sich … Die Zuckungen haben ihn nur in Starrsucht versetzt … Versuchen Sie alles! Ich habe gehört, daß der Tod erst nach mehreren Stunden festgestellt werden kann … Doktor, nehmen Sie mein Blut, aber retten Sie ihn!
Ich bitte dich, begann Herr Sennevoy wieder, sei vernünftig, gehe hinaus! Man wird alles Nötige in ganz anderer Weise veranlassen, wenn du nicht anwesend bist!
Inwiefern könnte meine Anwesenheit dabei hinderlich sein, meinen geliebten Mann zu retten? – Doktor! Sie unternehmen nichts … Es erscheint Ihnen also gewiß …
Leider, gnädige Frau.
Dann hat man ihn mir gemordet? …
Aber gnädige Frau, wer hat Ihnen das eingeredet? Erzählen Sie mir bitte, wie begann der Anfall?
Er wollte, nachdem er sein Pulver genommen hatte, wieder einschlafen. Plötzlich sagte er: ›Was habe ich für einen schlechten Geschmack auf der Zunge! Was hast du mir da gegeben!‹ Er richtete sich auf und wollte das Bett verlassen. Ich glaubte, daß ihn das Fieber von neuem ergriffen hätte und veranlaßte ihn, sich wieder zu Bett zu begeben. ›Ach, wie muß ich leiden! Ach, was habe ich für Schmerzen!‹ ›Wo?‹ – ›Ich weiß es nicht! doch, hier im Kopf, er zerspringt mit‹ … er begann zu schreien und ich rief um Hilfe. Dann versagte ihm die Stimme, er konnte den Mund kaum öffnen und gab durch Zeichen zu verstehen, daß ihm der Hals zugepreßt sei, daß er ersticke. Es war entsetzlich – Und diese Zuckungen … Doktor, alles dies ist nicht möglich … Ich bin wahnsinnig, nicht wahr? Ich möchte lieber wahnsinnig sein … Aber ich bin es ja nicht … Sie glauben, daß er Gift genommen hat …
Der Arzt erwiderte nichts, aber aus seinen Blicken sprach ein so beredtes ›vielleicht‹ und aus denen Lauras ein so deutlicher, mir geltender Fluch, daß ich entfliehen wollte. Einen Moment herrschte lautlose Stille im Sterbegemach, dann sagte Laura mit tonloser, aber fester Stimme zu mir: Wie kommt es, daß du der einzige von uns bist, der sich ganz angekleidet hat? –
Einige Stunden später hatte ich mein erstes Verhör vor dem Untersuchungsrichter zu bestehen.
Laura hatte den Vorsatz gefaßt, mich ins Verderben zu stürzen. Sie erzählte, daß ich vor ganz kurzer Zeit eine Kugel beim Kopfe ihres Gatten vorbeisausen ließ und daß ich auf ihn eifersüchtig gewesen wäre. Sie hätte Furcht vor mir gehabt und mich nur deshalb in ihrer Nähe geduldet, weil sie dadurch meinen bösartigen Charakter zu besänftigen gehofft habe und besonders auch, weil Paul, der in bezug auf mich völlig blind war, den Gedanken eines Zerwürfnisses mit seinem Bruder nicht zu ertragen vermochte. Der Schmerz äußerte sich bei dieser leidenschaftlichen Frau in einem unwiderstehlichen Wunsch nach Rache. Zwischen unseren Charakteren bestanden verwandte Beziehungen. Ich begriff jetzt, warum ich sie so sehr geliebt hatte.
Es kostete anfangs viel Mühe, die Beamten zu überzeugen. Ich gab mit solcher Natürlichkeit und Bekümmernis mein Erstaunen darüber kund, jetzt noch beschuldigt zu werden, wo ich den Tod meines Bruders zu beklagen hätte, daß man sich fast bei mir entschuldigte. Der Arzt sprach sich noch nicht bestimmt über die Todesursache aus. Gewisse Symptome, die man ihm beschrieben hatte, ähnelten dem Starrkrampf, der jedoch nicht mit solch unheimlicher Schnelligkeit zum Tode führe. Auch wies der Körper des Verstorbenen keinerlei Wunden auf.
Man fand in meinem Zimmer die leeren Oblaten, die ich in Paris gekauft hatte. Weshalb hatte ich sie nicht beiseite geschafft? … Weshalb hatte ich jenes Phenacetinpulver nicht vernichtet, das ich durch das Strychninpulver ersetzte? Gehörte ich zu der Art von einfältigen Verbrechern, die der Anklage überall verdächtige Momente offen lassen? – Jetzt hieß es die peinlichste Aufmerksamkeit zu beobachten und vorsichtig zu spielen. Ich antwortete, daß ich an neuralgischen Schmerzen litte und häufig genötigt sei, lindernde Medikamente zu gebrauchen.
Haben Sie dieses Phenacitinpulver selbst hergestellt? Ich war im Begriff, bejahend zu antworten, als ich bemerkte, daß es ein kleineres Format hatte, als die leeren Hülsen.
Nein, ich habe es hier gekauft. Die andern Hülsen kaufte ich in Paris bei einem Chemikalienhändler.
Bei welchem?
Ich erinnere mich dessen nicht. Vielleicht hat sie mir mein Diener besorgt.
Man fragte mich, weshalb ich nicht zu Bett gegangen sei. – Ich erwiderte, daß ich wohl das Recht gehabt hätte, länger wach zu bleiben und wollte noch hinzufügen, daß ich sogar gewohnt sei, mich spät niederzulegen, aber ich dachte daran, daß der Diener das Gegenteil bekunden würde, da er wußte, daß mein Verbrauch an Petroleum und Kerzen ein sehr geringer war.
Ich hätte Papiere im Kamin verbrannt. Welche?
Liebesbriefe.
Darüber befragt, wie ich meine Zeit am letzten Tage verbrachte, mußte ich zugeben, einen kurzen Ausflug nach Paris unternommen zu haben.
Zu welchem Zweck?
Ich spielte den Aergerlichen.
Es liegt, glaube ich, nichts gegen mich vor, das zu diesem beleidigenden Verhör zu berechtigen scheint.
Man befragte die übrigen Bewohner des Schlosses.
Die Schwester bekundete, daß ich sie veranlaßt habe, die Wache im Krankenzimmer an mich abzutreten; sie wäre nur sehr kurze Zeit abwesend gewesen.
Während sie sprach, konnte ich ein Zittern nicht unterdrücken, denn ich hatte auf dem Teppich einige Teilchen Strychnin bemerkt. Mit einer heftigen Gebärde, scheinbar durch nervöse Ungeduld hervorgerufen, schleuderte ich eine zufällig auf dem Schreibtisch stehende Zuckerschale zu Boden, welche mit ihrem Inhalt und ihren Scherben das verräterische Pulver bedeckte.
Aber andere Augen hatten es zur selben Zeit bemerkt, wie ich. Ich hatte mit einem Beamten zu tun, dessen klare Augen kalt und scharf waren wie Messerklingen. Er befahl, alles auf dem Boden liegen zu lassen, bis sich die Chemiker mit der Untersuchung der Scherben befaßt haben würden.
Der Diener erzählte, er hätte beim Bürsten meiner Kleider Spuren bemerkt, die darauf hindeuteten, daß ich einen Fall getan habe; auch wäre an der Tasche meines Rockes ein weißes Pulver sichtbar gewesen. Der Untersuchungsrichter ließ sich die Kleider zeigen und deutete auf einige fast unmerkliche Flitterchen.
Was ist das? fragte er mich.
Ich weiß nicht … Bromsäure glaube ich.
Und wie um zu kosten, führte ich einen befeuchteten Finger auf die bezeichnete Stelle. Ein leichtes Schütteln hätte genügt, um alles verschwinden zu lassen.
Man zog mir den Arm zurück.
Die Recherchen förderten weiter nichts Verdächtiges zutage, in alledem war also nichts enthalten, was Veranlassung hätte geben können, einen Menschen um einen Kopf kürzer zu machen.
Ich bin genötigt, Sie in Gerichtsgewahrsam nehmen zu lassen, sagte der Untersuchungsrichter fast sanft zu mir.
Sie haben nichts gefunden, und dennoch …
Die Witwe klagt Sie zu schwer an … Und dann haben Sie eine Zuckerschale zu Boden geworfen.
Also der zerbrochenen Schale wegen sperrt man mich ein …
Ich lachte, aber ich sah im Spiegel mein verzerrtes gelbes Gesicht, meine bleichen Lippen und begriff zum erstenmal, welche Energie das so trivial bezeichnete »gezwungene Lachen« in sich bergen kann.
Mit der größten Höflichkeit geleitete man mich im Wagen nach dem Gefängnis, wo mir eine Zelle, kahl wie eine Hundehütte, angewiesen wurde. Man brachte mir ein ziemlich gutes Mittagessen, um das ich ersucht hatte, und das ich, trotz meinem geringen Appetit, ganz zu vertilgen bestrebt war, eingedenk der Tatsache, daß ein Mensch mit leerem Magen leicht schwindlig wird und sich einschüchtern läßt. Und als ich mich dann auskleidete, um mich zu Bett zu begeben, konnte ich nicht umhin, ganz laut zu mir zu sagen: Wirklich, die persönliche Freiheit spielt in Frankreich eine äußerst nebensächliche Rolle.
Da ich sehr müde war, glaubte ich, daß ich bald in einen bleiernen Schlaf versinken würde. Tatsächlich verlor ich, während mehrerer Stunden, jede Empfindung und hatte nicht einmal Träume. Dann kam nach und nach das Erwachen.
Paul ist tot! Ich war beruhigt und fast erfreut darüber. Er kann mich nicht mehr kränken mit seiner Güte, seiner Schönheit, mit seinem Luxus, seiner Frau, mit seinen Erfolgen und seinem Geist … Dann kam mir der Gedanke: Man verdächtigt dich, der wahre Schuldige zu sein. Ich erschrak und sprang im Bett auf. Ein dumpfer Desinfektionsgeruch stieg mir in die Nase … Ich bin im Gefängnis!
Wie vernichtet sank ich auf mein Lager zurück. Ich war ohne Licht und geriet daher umso leichter in den Bann meiner Betrachtungen. Mein sie waren nicht so schrecklich, wie ich es hätte fürchten können. Was mich am meisten trübe stimmte, das war der Haß Lauras. Nur ein Teil meiner Wünsche war in Erfüllung gegangen – Paul war nicht mehr! … Aber seine Frau würde niemals die Meine werden … Hinsichtlich der Anklage, deren Gegenstand ich war, machte ich mir keine Sorgen. Das Belastungsmaterial war nach meinem Dafürhalten ungenügend. Es wäre wirklich kaum anzunehmen, daß die Chemiker in den Fasern des Teppichs und dem Zucker, den ich darüber geschüttet, die winzige Dosis des Giftes entdecken könnten, die mir entfallen war. Ich wußte eben zu wenig, um von der gewaltigen Macht der Wissenschaft überzeugt zu sein.
Nachdem die Obduktion und die Analyse das Vorhandensein von Strychnin in den Eingeweiden erwiesen, nahm man mich schärfer ins Verhör. Ich mußte sagen, wie ich meine Zeit auf meinem Ausflug nach Paris zugebracht habe und räumte bei dieser Gelegenheit meinen Besuch in der Sorbonne ein, von dem man sonst schwerlich Kenntnis erlangt hätte. Aber Parchet, der Diener erzählte, wie er mich ohnmächtig im Laboratorium angetroffen habe und ich war starr vor Schreck, als er sagte, daß er mich in das Chemikaliengeschäft in der Rue des Ecoles eintreten sah.
Sie täuschen sich, erwiderte ich ihm, Sie haben mich mit einem andern verwechselt.
Man konstatierte leicht, daß die Oblaten aus dem bezeichneten Geschäft stammten und stellte mich dessen Angestellten gegenüber. Der eine derselben, der sich um die von Parchet bezeichnete Stunde im Laden befand, glaubte mich wieder zu erkennen, konnte dies aber nicht eidlich bekräftigen. Ich hielt meine Behauptung aufrecht, daß sich die Oblaten schon lange in meinem Besitz befunden hätten.
Professor Tanneron, der vorgeladen wurde, bekundete, daß ihm Strychnin entwendet worden sei.
Meine Konfrontation mit der Leiche meines Bruders war eine schreckliche Prüfung, die ich jedoch mit Energie ertrug. Ich bekämpfte meine Gemütsbewegung und ohne eine Spur von Erregung heftete ich meinen Blick, wie man mich geheißen, auf den Toten. Der Mund war ein wenig geöffnet, die Augäpfel waren in die Augenhöhlen zurückgetreten und die Züge hatten wieder ihre Ruhe angenommen. Weiß wie ein schönes Bildwerk aus reinem Marmor schien Paul im Schlummer zu liegen. Wenn ich diesen jungen Körper, der nun dem Nichts, der Zerstörung verfallen war, an einem andern Orte erblickt hätte, fern von diesen Spionen, die auf ein Zittern von mir lauerten – mich würden vielleicht Mitleid und Gewissensbisse unwiderstehlich hingerissen haben, weinend vor ihm in die Knie zu sinken, aber hier war ich nur von dem einen Gedanken erfüllt, zu täuschen, zu kämpfen.
Der Anblick Ihres Bruders scheint Ihnen wenig Schmerz zu bereiten, sagte man zu mir.
Ich weine nicht, wenn ich überwacht werde, erwiderte ich mit verächtlichem Tone, indem ich meinem Opfer den Rücken wandte.
Alle Fragen, mochten sie hinterlistig oder brutal, beleidigend oder teilnahmsvoll klingen, erwiderte ich mit kurzen, lügenhaften Antworten oder Achselzucken.
Man schickte mich in das » Prison de la Santé« und langsam und sicher wurde die Untersuchung fortgesetzt. Jetzt bemächtigte sich meiner die Furcht und verdrängte in mir alle andern Empfindungen, alle andern Leiden meiner Seele.
Ich sagte mir: früher war ich glücklich, glücklich, ohne es zu wissen, wie ein Kind. Mein Kopf saß wenigstens fest auf meinen Schultern. O, das Gefängnis ist etwas Furchtbares! Welche Ungerechtigkeit liegt darin, einen Angeklagten, der unschuldig sein kann, mit Strenge und Härte zu behandeln! Ich bin schuldig, aber niemand weiß davon, niemand soll je etwas davon erfahren, denn ich werde alles leugnen. Und so bin ich denn eingeschlossen, gleich den vielen andern, die gleichfalls leugnen, in einem finsteren Loche, einer Schlammgrube des Verbrechens und Lasters, wo ich mich nicht bewegen, wo ich nicht schlafen kann, wo ich nur mit Widerwillen esse, wo die Augen des Kerkermeisters mich durch ein Guckloch beobachten, wo die furchtbarsten Aengste mich packen, ohne daß ich mich ihrer zu erwehren vermag. Wie erträgt man ein solches Dasein? – Es ist eine infame Lüge, wenn man behauptet, daß die Tortur abgeschafft sei. Man sucht die Unschuldigen wahnsinnig zu machen, damit sie sich zu Geständnissen bequemen. O, die Gesellschaft in ihrer heutigen Organisation ist verabscheuungswürdig!
Man hielt mich offenbar gefangen, weil noch zu schwache Indizien vorlagen. Anstatt sich an strikte Tatsachen zu halten, einer bestimmten Richtschnur zu folgen, gehorchte der Gerichtshof einer Art Instinkt. Ebenso wie er darin im Rechte war, so richtig war meine Taktik, laut und vernehmlich über die Ungerechtigkeit der Richter Klage zu führen.
Meine künstliche Erregung diente zu gleicher Zeit dazu, mich über meine Furcht hinwegzutäuschen. Man verschafft sich Erleichterung, wenn man schreit, man betäubt sich in seinem eigenen Lärm. Der Ruf: Meine Unschuld wird erkannt werden, bedeutete so viel wie: Ich werde nicht sterben!
Die Finsternis meiner Zelle erfüllte mich mit Schaudern vor der ewigen Nacht des Grabes und ihr schmaler Raum gemahnte mich furchtbar an die Enge des Sarges. Kein Bedauern wurde darüber in mir rege, Paul des Lichtes und der Freiheit beraubt zu haben, dieser beiden Güter, die mir so lieb und teuer waren; gleich einem Tier, war ich nur um mich selbst besorgt.
Ich möchte, sprach ich zu mir, so entsetzlich der Gedanke an den Tod für mich auch ist, in meinem Bett sterben, die letzten Schmerzen gelindert durch das wohltätige Morphium, umgeben von teilnahmsvollen Angehörigen bei den Sterbegebeten des Priesters … Aber ein gewaltsamer Tod, der Tod auf dem Schafott, die Arme gebunden, die Füße gefesselt, zitternd vor Kälte und Angst, inmitten des zu diesem grausigen Schauspiel aufgebotenen Apparates: die Soldaten, die Menge, die Henkersknechte … Das ist unmöglich, unmöglich! Ich bin nicht geschaffen für solch unsägliche Qualen. Ich bin das Kind rechtschaffener Leute, bin fromm und sorgfältig erzogen worden, bewegte mich stets in der besten Gesellschaft … Nein und abermals nein! Ich bin kein Opfer des Schafotts. Man wird meine Unschuld einsehen. Ich werde nicht sterben, höchstens vor Angst werde ich den Tod erleiden, wenn ich noch länger im Gefängnis bleiben soll.
Ich hatte mir einen außerordentlich tüchtigen und sehr bekannten Verteidiger erwählt, Raphael Viret, der sich mit wahrem Eifer dieser Sache annahm, welche die öffentliche Meinung lebhaft zu beschäftigen begann. Die soziale Stellung, das Vermögen, das jugendliche Alter des Opfers, die dunkeln, anscheinend in einer Liebesaffäre zu suchenden Beweggründe für das begangene Verbrechen, dies alles verlieh diesem Fall ein besonders hervorragendes Interesse, das schließlich eine leidenschaftliche Gestalt annahm, als es mir durch meine Energie gelungen war, Zweifel an meiner Schuld bei der Menge rege zu machen.
Seien Sie mir gegenüber recht aufrichtig, sagte mein Verteidiger zu mir. Es ist von der größten Bedeutung, daß ich über alles unterrichtet bin. Ich werde, wenn es erforderlich ist, mit Ihnen leugnen, so klar der Fall für mich auch liegt. Aber Sie wissen, daß für ein Verbrechen, wie das Ihnen zugeschobene, eine Freisprechung erlangt werden kann, wenn hierbei Liebeswahnsinn in Betracht kommt. Wir werden vorbringen, daß die Frau, die Sie anklagt, durch ihre Koketterie, durch ihre Avancen, die Hauptursache des Unglücks gewesen ist.
Das bietet in der Tat, erwiderte ich, einem Meister der Rede, wie Sie es sind, Gelegenheit zu einem wunderbaren Plaidoyer. Aber ich schwöre Ihnen bei Christus, daß ich unschuldig bin und daß meine Schwägerin in dieser furchtbaren Angelegenheit eine geradezu unnatürliche Einbildungskraft an den Tag legt.
Da ich nicht an Christus glaubte, konnte ich unbesorgt diesen schamlosen Eid schwören.
Nun gut, sagte er lächelnd, es wird mir noch besser gelingen, einen Unschuldigen zu verteidigen, wie einen Schuldigen. Die Maschen dieses Gewebes sind so verschlungen, daß mein Verdienst darin bestehen soll, sie zu entwirren.
Ich hatte ihn nicht überzeugt, und er mochte wohl im stillen hoffen, noch im Laufe der Zeit die Wahrheit zu ergründen. Ein rauhes und verschlossenes Herz, das sich mehr und mehr unter dem Druck der Furcht zusammenpreßt, erweicht allmählich, wenn die Ermutigung und Hoffnungsfreudigkeit ihre Macht an ihm erproben. Es kostete mich, wie ich gestehen muß, große Mühe, diesem Freunde gegenüber mein Geheimnis zu wahren. Welche Erleichterung wäre es gewesen, ihm alles zu beichten, ihm das Drama meiner ewigen Eifersucht erzählen zu dürfen! Allein ich war zu mißtrauisch geworden. Doktor Viret selbst erweckte meinen Argwohn nicht durch seine Rechtlichkeit, sondern durch seine logische Schärfe, durch sein Talent, und es schien mir am besten, alles beständig abzuleugnen. Dies tat ich denn auch. Ich gestehe es heute ein, weil ich aus dieser Welt scheiden will. Und während ich das Bekenntnis meiner Seele niederschreibe, kann ich meine Gemütsbewegung nicht unterdrücken: bald werden meine Augen feucht, bald muß ich darüber lachen, wie ich Menschen zum Narren gehalten habe.
Die Sachverständigen gaben ihr Gutachten ab. In dem Teppich meines Zimmers und in dem Rock, welchen ich trug, hatte man Strychnin gefunden. Aber in welch winzig kleiner Menge! Als man mich befragte, wie ich mir das Vorhandensein dieses Giftes erkläre, erwiderte ich:
Es gibt überall unendlich kleine Teilchen von allen möglichen Substanzen. Ich wette, daß die Herren Chemiker in ihrer Analyse eine Menge Körper angegeben haben, für die mich verantwortlich zu machen, niemand einfällt, weil es eben Strychnin war, durch das mein Bruder vergiftet wurde.
Viret ersuchte darum, die Analyse in ihrem ganzen Umfange sehen zu dürfen.
Sie haben recht, sagte er zu mir, die Geschworenen werden sich durch dieselben Ziffern überführen lassen, mit denen man uns hier niederschmettern will.
Seine Ueberzeugung wurde durch die Entgegnungen der Sachverständigen in keiner Weise erschüttert. Er tat, als ob er nicht verstände, daß eine in so hohem Grade vergängliche Substanz wie das Strychnin, das nur unter sehr begrenzten Umständen existieren kann, nicht mit anderen einfachen Körpern, wie beispielsweise Kupfer und Arsenik, verglichen werden darf, die sich vermöge ihrer Unzerstörbarkeit in der ganzen Natur verbreitet finden.
Als ich Laura gegenübergestellt wurde, glaubte ich Nemesis zu sehen und diese Verkörperung brachte meine Liebe zu dem jungen und schönen Weib, das mir mein Bruder streitig gemacht und genommen hatte, mit einem Male zum Erlöschen. In ihrem schwarzen Wollkleid, angetan mit dem Witwenschleier, mit ihren harten, haßerfüllten Blicken, dem abgemagerten Gesicht mit dem scharf hervortretenden Kinn – wie erschien sie mir da so ganz anders, als jene strahlende Laura, die ich auf dem Weg nach Meiringen vor mir gesehen hatte, deren liebliches Bild verschwunden war, wie ein Traum, gleich einer Lufterscheinung, die man am Morgen auf den Höhen der Berge erblickt und die der zunehmende Tag zerstört.
Aber ich verstand es, derjenigen zu trotzen, die mich verderben wollte. Meine Augen senkten sich nicht vor den ihrigen. Ich hatte ihren Gatten ermordet, aber sie verfügte dennoch nicht über genügendes Beweismaterial, um meine Schuld in vollem Umfange darlegen zu können. Immerhin rief sie mit ihren Aussagen einen lebhaften Eindruck auf den Untersuchungsrichter hervor. Sie suchte mich mit einer solchen Menge unbedeutender Tatsachen zu erdrücken, daß ich im höchsten Grade überrascht war, zu sehen, wie tief sie meinen Charakter durchschaute, wie sie allen Phasen meines Hasses gegen meinen Bruder und meiner Liebe zu ihr zu folgen verstand.
Romanhaft … Höchst romanhaft … bemerkte ich zwar kalt auf ihre Worte, jedoch in mir erwachte die Furcht, daß sich diese kluge und energische Frau, so wie hier vor dem Richter, auch vor den Geschworenen Gehör verschaffen, ihnen die unantastbare Wahrheit zeigen und mein Verderben besiegeln könne.
Die Untersuchung dauerte vier Monate. Die Zeitungen, die mir zu lesen gestattet waren, enthielten lange Abhandlungen über meine Angelegenheit. Die einen zweifelten nicht an meiner Unschuld, die andern erklärten mich für schuldig, aber alle waren sie darin einig, daß ich ein Rätsel sei. Man gab dem Gericht verschiedene Ratschläge, mich zum Sprechen zu bewegen, und vielen würde es, glaube ich, ganz willkommen gewesen sein, wenn die Folter wieder eingeführt worden wäre. Ein Angeklagter, der auf alles mit »Nein« antwortet, ist verstockt. Wie! Ich behauptete, diese schöne Laura Rousset niemals geliebt zu haben! Eine solche Kälte sei im höchsten Grade unwahrscheinlich. Andere Zeitungen enthielten sentimentale Phrasen und zitierten große Worte, wie man sie an den Portalen der öffentlichen Gebäude lesen kann. Sie erinnerten an die bisherigen Justizmorde, traten leidenschaftlich gegen die Todesstrafe auf und besprachen die Schrecknisse des Kerkers, wo, wie sie sagten, die Menschen gleich wilden Tieren behandelt werden.
Ihr Name, hochverehrter Herr, wurde in jener Zeit oft genannt. Sie hatten ein Gedicht, betitelt »Der Henker«, verfaßt, das in herrlichen Worten Ihren Abscheu vor vergossenem Blute ausspricht, sei es auch ebenso unrein, wie das der lernäischen Schlange.
Man interviewte Sie. Gleich anderen Philanthropen, aber mit unvergleichlicher Eleganz der Sprache, äußerten Sie sich dahin, daß es besser sei, alle Schuldigen in dieser Welt leben zu lassen, als einen einzigen Unschuldigen zu töten. Man befragte Sie um Ihre Meinung bezüglich meines Falles. Sie erwiderten diplomatisch, daß Sie die Prozeßakten nicht in Ihren Händen gehabt hätten und taten gut daran, sich reserviert zu halten, da Sie bald darauf ins Geschworenenkollegium gewählt wurden. Sie sollten aus nächster Nähe diese menschliche Gerechtigkeit kennen lernen, der Sie so sehr mißtrauten.
Obgleich mich mein Anwalt über die Bewegung, die sich zu meinen Gunsten vollzog, auf dem laufenden hielt, wurzelte dennoch die Furcht so stark in mir, daß ich im stillen wünschte, die Voruntersuchung möge ewig dauern.
* * *
Aber der Tag kam heran, wo mich der furchtbare Gefängniswagen nach der Conciergerie überführte. Eingezwängt in einen Bretterkäfig ohne Licht und ohne Luft, bei jedem Stoß gegen die Wände geschleudert, so fuhr ich ächzend und stöhnend dahin durch die Straßen von Paris. Ach, vielleicht niemals wieder werde ich sie betreten, in ihnen Herumstreifen, mich zerstreuen an ihrem unendlichen Zauber, an ihren tausendfachen Ereignissen! Ich hatte geglaubt, daß mein Leben bis dahin jedes Reizes entbehrt habe, nun aber erkannte ich erst, wie viel Glück es dennoch in sich barg.
Endlich langte ich in der Conciergerie an. Polizeibeamte, Gerichtsdiener, Schreiber drängten sich hastig hin und her, in den düsteren Zimmern und feuchten Korridoren eine stickige, verdorbene Luft, dazu der Anblick der Gitter und riesigen Türriegel, die gotische Architektur, die dicken kalten Mauern … Es regnet, es ist kalt und trübe … Das ist der Herbst … Und ich gedenke wehmutsvoll der stillen Sommerabende im Park von Chatenay, der im Silberlicht des Mondes schlummerte …
So war ich denn eingeschlossen und allein – die letzte Etappe vor der Sitzung des Schwurgerichts, die über mein Wohl und Wehe entscheiden sollte. Der Aufenthalt in der Conciergerie war noch schrecklicher wie im Prison de la Santé, aber ich wünschte trotzdem, hier für immer bleiben zu dürfen, ja, ich wollte mich mit dem Gedanken vertraut machen, Zeit meines Lebens an diese Zelle gefesselt zu sein, mit ihrem elenden Bett, dem harten Sitz, dem Tisch, der zum Essen und Schreiben diente.
Die Zusammenkünfte mit meinem Anwalt und den Richtern nahmen ihren Fortgang. Viret sprach zu mir wie ein Freund; ich bezeigte ihm die größtmögliche Nachgiebigkeit, ohne indessen von meinem lakonischen Verhalten abzuweichen, worin er keine Berechnung, sondern eine Charaktereigentümlichkeit erblickte. Den Beamten gegenüber zeigte ich mich verschlossen und stolz. Auf jede Frage, die mich hätte in Verlegenheit bringen können, antwortete ich: »Ich bin unschuldig und Sie werden nicht den Beweis erbringen, daß ich schuldig bin.«
Meine Hartnäckigkeit erregte schließlich den Untersuchungsrichter, der innerlich von meiner Schuld überzeugt war, und er begann heftig zu schelten, als ich die Bemerkung fallen ließ, daß die Vergiftung zweifellos einem Versehen des Apothekers, einem Irrtum der Nonne oder eines Dieners zuzuschreiben sei.
Mein Verteidiger forderte ein eingehendes Verhör aller Personen, die sich in der Umgebung meines Bruders befunden hatten. Ich hoffte hierdurch teils Zeit zu gewinnen, teils glaubte ich, daß sich im Vorleben der einen oder andern irgend eine verbrecherische Handlung befinden würde, auf Grund deren sie verdächtigt, gefangen genommen und an meine Stelle gesetzt werden könnten. Es war ein Todeskampf, den ich jetzt kämpfte, und ich scheute in diesen Augenblicken vor keinem Mittel zurück, das imstande gewesen wäre, mich zu retten.
Wenn es nicht regnete, zwang man mich, eine Stunde lang frische Luft in der »Wandelhalle« zu schöpfen, der kläglichsten, die erfunden worden war, um Unglückliche noch trauriger zu stimmen: eine rechtwinklige Zelle ohne Plafond, ein Grabgewölbe, dessen Deckel man entfernt hatte; Fluchtgedanken stiegen in mir auf, als ich den freien Himmel über mir erblickte …
Trotz der falschen Fährte, auf die ich die Richter zu führen versucht hatte, erlitt mein Erscheinen vor dem Schwurgericht keinen Aufschub. Die Verhandlungen begannen am 5. November und dauerten drei Tage.
Ich war mehr tot als lebendig – dieser Ausdruck findet sich in einer unendlichen Zahl von Erzählungen, aber ich wüßte nichts, das treffender und besser wäre, um meine seelische und körperliche Verfassung in dem Augenblicke zu bezeichnen, als sich morgens die Tür zu meiner Zelle öffnete.
Da ich von der Notwendigkeit durchdrungen war, mich aufrecht zu halten, hatte ich, unfähig etwas anderes zu verzehren, mehrere Eier zu mir genommen, wie man ein Medikament verschluckt. Auch meine Toilette hatte ich mit der peinlichsten Akkuratesse gemacht, schwarzen Rock, blendend weiße Wäsche und schwarze Handschuhe angezogen, hatte mich rasiert und Schnurrbart wie Haaren die größte Sorgfalt gewidmet. Diese Toilette erforderte eine wahre Riesenarbeit, was jedoch nicht hinderte, daß ich wie ein Gespenst aussah. Zwischen Munizipalgardisten machte ich mich auf den Weg. Ich warf meinen Kopf zurück und war bemüht, einen harten und trotzigen Gesichtsausdruck anzunehmen, aber mein Herz hämmerte, dumpf rauschte es in meinen Ohren und ich weiß nicht, wie es kam, daß ich nicht ohnmächtig zusammenbrach. Man ließ mich eine Treppe hinabsteigen und einen unterirdischen Gang entlang schreiten. Eine eigentümliche Konstruktion des alten Gebäudes machte diesen Weg notwendig, der das Schreckliche der Situation ohne Zweifel noch vermehrte. Man glaubte sich in ein Labyrinth versetzt, das zur Hölle führt; kaum hat man einige Schritte getan, so scheint es, als ob man schon ein bedeutendes Stück zurückgelegt habe und noch unaufhörlich so weiter schreiten solle. Anfangs hatte ich vor Kälte gezittert, jetzt strömte eine fieberhafte Hitze durch meinen Körper, meine Wangen glühten und mein Blick schien umflort. Dann erstarrte ich plötzlich wieder – ich befand mich am Fuß einer Treppe. Meine Beine waren so schwer, so gefühllos wie die Steine, auf denen ich dahinschritt. – Welches Martyrium! Um einen Pfeiler herum schlingt und wendet sich diese enge Treppe, ohne Absatz, ohne Ende … Ihr Angeklagte, ihr Verbrecher, meine Brüder! Auch ihr littet gewiß ebenso bei diesem erbarmungslosen Aufstieg! Atemlos, angsterfüllt lehntet ihr euch mit dem Rücken, mit den Schultern gegen den Pfeiler, ihr wolltet stehen bleiben, aber die Wache stieß euch vorwärts.
Trotz meines Vorsatzes, trotzig zu bleiben, sagte ich in demütigem Tone:
Lassen Sie mich Atem schöpfen, ich kann nicht mehr! Man bewilligte mir eine halbe Minute.
Stolpernd, die Knie von den Stufen zerschunden, die Hände vom Pfeiler bestaubt, kam ich in der Etage an, die zu dem neuen Teil des Justizgebäudes führte, wo die Schwurgerichtsverhandlung stattfand. Man führte mich in eine Art Wartezimmer, in welches das dumpfe Gemurmel der unruhigen Menge hineindringt. Ich setzte mich auf die Bank, vor einen schwarzen Tisch, stützte meinen Kopf und wartete, bis die Uhr die zwölfte Stunde verkündete.
Sie schlägt, die schreckliche Stunde. Ich habe die Empfindung, daß sich im ganzen Gebäude eine große Bewegung vollzieht. Man heißt mich aufstehen … Eine kleine Tür öffnet sich vor mir, vor meinen umflorten Blicken erscheint eine gewaltige Versammlung – ich stehe vor meinen Richtern. Auf kleinen Bänken, in dem für die Zeugen bestimmten Teile, drängen sich Männer und Frauen und getrennt von diesen Bevorzugten, durch eine niedrige Barriere geschieden, ein eng zusammengepreßtes Publikum. Im Gerichtsraum steht und sitzt eine Schar von Anwälten in Talaren und hinter den Richtern erblicke ich auf einer Estrade ein elegantes, aber gemischtes Publikum, Damen und Herren der Gesellschaft, Schauspielerinnen, Kokotten, mit einem Wort ganz Paris. Nicht weit von mir, meinen Gardisten gegenüber, sitzen vollzählig die Journalisten, nicht einer fehlt an seinem Platze …
Meine ganze Aufmerksamkeit konzentriert sich zuerst auf die Geschworenen, auf jene Männer, von deren Ja oder Nein das Fallen meines Kopfes abhängt. Da ich ihnen gerade gegenüberstand, so war ich der Mittelpunkt ihrer Blicke, sowie aller Blicke im Saal. O, wie eigentümlich, fast überwältigend war das Gefühl, all diese erbarmungslosen Augen neugierig auf mein bleiches Gesicht, auf jede Bewegung meiner Züge gerichtet zu wissen! Nur Mut! sagte eine wohlbekannte Stimme hinter mir. Es war Viret, der zu mir sprach. Ungestört und leicht konnten wir uns miteinander verständigen, und wenn ich mein Gesicht zu ihm neigte, schien es mir, als ob ich dort eine Zuflucht vor den Blicken gefunden hätte, die auf mir ruhten.
Die Verhandlungen der ersten beiden Tage boten durchaus nichts so Schreckliches, wie ich gefürchtet hatte. Viele behaupten, daß unsere Einbildung Schmerz und Freude vergrößere und die Wirklichkeit stets Beruhigung oder Ernüchterung und Täuschung hervorrufe. Ich glaubte nicht daran, bis ich mich selbst von der Richtigkeit dieser Behauptung überzeugte.
Laut und vernehmlich antwortete ich auf alle Fragen. Bei der großen Aufmerksamkeit, die man anfangs mir widmete, war die Ruhe im Saal so groß, daß ich glauben konnte, mich allein mit dem Präsidenten zu befinden. Ich sah ihm voll ins Gesicht, wie ein Mann, der seiner Sache sicher ist. Größer war meine Beklommenheit, als die Geschworenen vereidigt wurden. Ich suchte in ihren Mienen zu lesen und aus der Persönlichkeit jedes einzelnen seine Gesinnung mir gegenüber zu erraten. Sie, hochverehrter Herr, der Sie an erster Stelle saßen und das Verdikt auszusprechen hatten, erschienen mir gewaltig, wie Jupiter, dabei milde wie ein Weiser, und ich hatte die Empfindung, daß Sie mir günstig geneigt waren. Andere, mit ihrem durchbohrenden Blick und der in Falten gelegten Stirn, verursachten mir ein geheimes Schaudern. Besonders einer, der mir ähnlich sah und mich sicher verstand, war mir nicht sympathisch. Die übrigen machten zumeist einen nüchternen und unentschlossenen Eindruck und schienen bereit, sich der vorherrschenden Meinung bedingungslos anzuschließen.
Ein von meinem Gardisten verursachtes Geräusch zog meine Blicke nach einer andern Richtung – nach den Ueberführungsbeweisen, einem Gewühl von Sachen, in dem ich mich anfangs nicht zurechtfand, Stoffe, Photographien, Schachteln, Glasbehälter.
Glasbehälter … Der eine, der ganz klein war, enthielt eine violette Flüssigkeit, das Produkt der chemischen Analyse, ein anderes, sehr großes, die Eingeweide des Opfers. Mir wurde übel zumute. Ich glaube, wenn ich meinen Bruder geliebt hätte, wenn ich wirklich unschuldig an seinem Tode gewesen wäre, würde mich jetzt keine andere Empfindung gepackt haben, wie dieses Gefühl des Abscheus. Dieser Magen, der grau und verzerrt im Spiritus herumschwamm, war hier nichts weiter als ein Beweismittel, sowie es der Rock war, den ich am Tage des Verbrechens getragen, sowie es das Stück des Teppichs war, das man gleichfalls vorgelegt hatte. Mein Materialismus ist hier feinfühliger als die Empfindsamkeit jener Leute, welche die Knochen oder Schädel von Heiligen und großen Männern verehren. Ich wandte mich von diesem schrecklichen Gegenstand ab wie von einem unsauberen Orte, und nur zwei- oder dreimal passierte es mir, zu vergessen, daß ich eigentlich nicht nötig hatte, hinzusehen.
Ich entsinne mich, lange Zeit den Christus am Kreuz betrachtet und mich dabei des Gemäldes von Bonnet, das im »Salon« ausgestellt war, erinnert zu haben. Später las ich in einer Zeitung, daß meine Augen wie im stummen Gebet am Bild des Erlösers gehangen hätten, und daß die fromme Erziehung, die ich bei den Jesuiten genossen, mich diese Prüfung leichter ertragen ließ. Ein anderes Blatt, das mir übelgesinnt war, deutete meine Betrachtung des Christusbildes als vollendete Heuchelei.
Das Verlesen des Anklagebeschlusses erregte mich nicht sonderlich, denn ich kannte von der Voruntersuchung her jede Silbe dieses Schriftstückes und wurde erst von Angst ergriffen, als es sich seinem Ende näherte: die Zeugen sollten jetzt erscheinen, Unvorhergesehenes konnte eintreten und vor allem würde ich Laura wieder gegenübergestellt werden.
Ich liebte sie nicht mehr. Es schien mir, als ob ich seit jenem Tage, wo ich sie in Grindelwald zuerst erblickt, mehrere Menschenleben durchlebt hätte. Ich würde nicht überrascht sein, wenn sie jetzt gealtert, gebrochen und welk vor mir erschiene, denn auch meine Jugend war wie die ihrige, seit langer, langer Zeit dahin. Aber ich fürchtete ihren Haß, sie könnte heftig und beleidigend werden und die Geschworenen von meiner Schuld überzeugen. Ich begann zu zittern und verbarg meinen Mund mit dem Taschentuch, um diesen nervösen Anfall nicht merken zu lassen.
Die Belastungszeugen waren die Nonne, die Dienerschaft meines Bruders, Parchet, der Diener des Laboratoriums, Professor Tanneron, der Chemikalienhändler, Herr und Frau Sennevoy, Laura, der Arzt und verschiedene Sachverständige. Die Sitzung endete mit der Vernehmung Parchets. Laura war nicht erschienen. Das ermüdende Defilé der Zeugen hatte meine anfängliche nervöse Unruhe völlig aufgehoben. In meiner Zelle wieder angelangt, speiste ich mit großem Appetit und schlief bald darauf ein.
Als ich am folgenden Morgen den Weg zu meinen Richtern antrat, spürte ich in dem langen, unterirdischen Gang und auf der Treppe nichts mehr von jenem unbeschreiblichen Angstgefühl, das sich am vergangenen Tage dort meiner bemächtigt hatte, und ruhig und gefaßt betrat ich den Gerichtssaal.
Professor Tanneron hätte eigentlich unter den Entlastungszeugen figurieren können. Er zollte meinen verstorbenen Eltern hohes Lob und das prickelnde Gefühl, das ich bei diesen Worten in meinen Augen empfand, würde leicht einen Tränenausbruch hervorgerufen haben, wenn ich nicht mit eiserner Energie meine Haltung bewahrt hätte. Ich wußte sehr wohl, daß oft die verstocktesten und gefühllosesten Angeklagten weich werden, wenn man ihre guten Eigenschaften rühmt, wenn man ihre glückliche und unschuldige Kinderzeit erwähnt und sie als Opfer eines unseligen Geschickes hinstellt, so daß ich mir vorgenommen hatte, jede empfindsame Regung im Keime zu unterdrücken. Da meine Aufrichtigkeit Ihnen gegenüber, hochverehrter Herr, ohne Grenzen sein soll, so will ich eingestehen, daß, wie bei so manchen interessanten Verbrechern, bei mir die Todesangst und die Hartnäckigkeit, mit der ich um mein Leben kämpfte, mit einem guten Teil Schauspielerei vermischt war. Jedenfalls werden Sie zugeben müssen, daß die Kürze und Klarheit meiner Antworten die Verhandlungen wesentlich erleichtert haben.
Doch ich komme zurück zu Professor Tanneron. Er sagte, daß ich von jeher Begabung für die Wissenschaft gezeigt und wie sehr er bedauert habe, daß mich eine gewisse Gleichgültigkeit und Misanthropie daran verhindert hätten, mich regelmäßig der ernsten Arbeit zu widmen. Dann drückte er seinen Kummer darüber aus, eine so schwere Anklage auf mir lasten zu sehen und genötigt zu sein, zu konstatieren, daß ihm Gift entwendet worden war.
Hier bemerkte Viret, der bisher von seinem Recht, an die Zeugen Fragen zu stellen, nur wenig Gebrauch machte, daß es doch unverantwortlich sei, wenn eine so gefährliche Substanz, wie das Strychnin nicht in einem verschlossenen Schrank aufbewahrt werde. Tanneron büßte, von diesem Vorwurf getroffen, seine Beredsamkeit ein und erging sich in langen und verwirrten Phrasen darüber, daß in einem Laboratorium alles gefährlich sei und man nicht seine Zeit damit verlieren könne, unaufhörlich Schränke zu öffnen und zu schließen.
Die Neugierde des Publikums war getäuscht und meine Freude grenzenlos, als der Präsident verkündete, daß der leidende Gesundheitszustand von Frau Paul Rousset ihr Erscheinen vor Gericht nicht gestatte und sie sich daher auf eine schriftliche Erklärung beschränken müsse. Er verlas dieses Schriftstück, ein Kapitel eines psychologischen Romans, ein Gemisch von Zorn und Spitzfindigkeit, von Leidenschaft und Schmerz. Wie ein Anatom analysierte Laura mein Herz und mein Gehirn und dieses Dokument erschien mir so bedeutungsvoll, daß sich etwas wie Ungewißheit meiner bemächtigte. Ich begann daran zu zweifeln, ob den Menschenseelen wirklich die Gabe innewohne, sich verschleiern zu können und erinnerte mich aus der Jugendzeit einer Erzählung vom jüngsten Gericht, dem großen Tage, der alles offenbaren soll, was der Mensch im Leben je verhüllt oder verschwiegen. Einige Sekunden zögerte ich, das Leugnen fortzusetzen, aber nur einige Sekunden …
Mit fieberhaft zitternder Hand machte Viret Notizen.
Als die Sachverständigen das Wort ergriffen, war ich genötigt, die ominösen Glasbehälter zu betrachten, das Abwenden meiner Blicke würde gegen mich gezeugt haben. Ihr Vorhandensein wurde aber durch die Beschreibung noch schrecklicher gestaltet, die der Professor Bernardel in kurzen und packenden Worten von der Strychninvergiftung, von dem Todeskampf des Opfers entwarf. Ich sah mich wieder im Geiste nach Chatenay versetzt, in das Zimmer, wo das gelbe Licht der Kerzen allmählich unter dem grauen Schein des dämmernden Morgens verblaßte … Ich wurde plötzlich bleich und fühlte wieder den kalten Schweiß, der damals meine Stirne und meine Haare benetzt hatte … Ach, daß man den verwünschten Nerven nicht gebieten kann! Sie trieben mich in diesem Augenblicke fast dahin, mein Geheimnis laut zu verraten, um aller Seelenpein ein Ende zu machen, um vor allem diesen Arzt zum Schweigen zu bringen, dessen Ausführungen der ganze Saal schaudernd lauschte … Ich war nahe daran, ohnmächtig zu werden, aber ich blieb stumm und antwortete nur auf die hinterlistige Bemerkung des Präsidenten, der meine Gemütserregung verfolgt hatte:
Ich liebte meinen Bruder, Herr Präsident, wie könnte ich daher kalt und gefühllos bei der Geschichte seiner Leiden bleiben!
Die Entlastungszeugen waren nicht zahlreich vertreten. Viret bemerkte, daß ich sie sehr gut aus den Reihen derer hätte wählen können, welche die Anklage vorgeladen habe. So hätte beispielsweise die Nonne ausgesagt, daß ich sie zum Verlassen des Krankenzimmers veranlaßt habe, aber sie fügte hinzu, sie wäre nur ganz kurze Zeit abwesend gewesen und es sei unwahrscheinlich, daß ich diesen Moment zur Vertauschung der Pulver benutzt haben könne. Ich hatte Zeugnisse der Jesuiten beigebracht, welche bekundeten, daß ich mich niemals hinreißen ließ, heftig gegen meinen jüngeren Bruder zu werden, und dies in einer Epoche des Lebens, wo Streitigkeiten und Schlägereien zwischen Brüdern häufig zu sein pflegen. Diese geschickten Erzieher, welche den Grund meines Hasses gegen Paul wohl durchschauten, hatten dieselbe Eifersucht, dieselbe Erregung bei gar vielen anderen ihrer Zöglinge beobachtet, welche sich jedoch niemals bis zum Verbrechen treiben ließen, und so beschränkten sie sich nur darauf, in diesem Leumundszeugnisse nichts als die materielle Seite anzugeben und hervorzuheben. Alles in allem genommen, war dieser Teil des Prozesses wenig interessant. Die Zeitungen konstatierten dies, und auch das Publikum bewies dieser Verhandlung gegenüber nur geringe Aufmerksamkeit.
Ich hatte einen bösen Abend und eine noch schlimmere Nacht, in der sich all' meine bisher ausgestandene Angst und Unruhe, alle Seelenqualen vereinigten, so daß mir der Tod jetzt fast als die Erlösung erschien, die er in Wahrheit ist. Hier in meiner einsamen Zelle peinigte mich außer der Furcht vor dem Sterben noch die Besorgnis vor dem, was darauf folgen würde. Ich glaubte nicht an eine andere Welt und zitterte doch davor, was besagt, daß ich nur in der Theorie leugnete.
Doch ich komme zum dritten und letzten Verhandlungstage. Der Antrag des Staatsanwaltes war zum großen Teil nach dem Schriftstücke Lauras ausgearbeitet worden und hob in sehr geschickter Weise alle materiellen Beweise hervor.
Was fehlt uns noch? Das Geständnis des Angeklagten? Ein Mensch seines Schlages bleibt sich auch in seinen Aussagen gleich. Trotz seiner Trägheit ist er hervorragend intelligent und energisch, nichts vermag ihn zu erschüttern. Bei der Ausführung seines verbrecherischen Planes hat er nur sehr wenige Fehler begangen und selten ist wohl eine böse Tat so voller Heimtücke durchdacht worden. Meine Herren! Wenn jemals das Wort »Gleichheit« an richtiger Stelle thront, so ist es hier, am Portal des Justizpalastes, der Fall. Jedoch hier wie überall umschließt es ein Ideal, das zu erreichen gar sehr schwer erscheint. Die Angeklagten sind nicht gleich vor der Gerechtigkeit, weil wir in den einen starke, in den andern schwache Kreaturen erblicken. Die Schuld daran trägt folglich nicht die menschliche Gesellschaft, sondern die Natur. An uns ist es nun, das Gleichgewicht im denkbar möglichsten Maße wiederherzustellen. Wir müssen in einem Falle wie dem hier vorliegenden unseren Scharfblick, unsere Aufmerksamkeit und unsere Logik gleichsam verdoppeln. Für mich ist Vincent Rousset schuldig, schuldig der verabscheuungswürdigsten Missetat. Seine blutschänderischen Wünsche, die sich bei Lebzeiten seines Bruders nicht erfüllt haben, wollte er auf einem Grabhügel verwirklichen. Für Verbrecher seiner Gesinnung ist das Schafott zu milde; dennoch, meine Herren, wollen wir uns nicht die barbarischen Strafen zurückwünschen, die dieses Jahrhunderts des Lichtes unwürdig wären, sondern einzig und allein die Verruchtheit vernichten, die unsere Welt erfüllt und besudelt.
Vincent Rousset ist unwürdig, zu leben. Man denke, er hatte einen liebenswürdigen Bruder, der sich durch des Angeklagten traurigen Charakter nicht abschrecken ließ, zärtlich und gut gegen ihn zu sein, einen Bruder, schön, jung, lebenslustig, geistreich und klug, und er hat diesen vortrefflichen Mann hingemordet, der vielleicht einer der ruhmvollsten Söhne Frankreichs geworden wäre! Er hat ihn gemordet auf die gräßlichste und grausamste Art, mit einem Gift, das die unsagbarsten Qualen erdulden läßt. Paul Rousset, dieser edle Mensch mußte vor seinem Tode noch zehn Minuten in der Hölle leben, einer Hölle, in die ihn die Hand Kains gestoßen hatte. Der Brudermörder leugnet. Gewiß, man hat ihn nicht auf frischer Tat erfaßt, als er seinem Opfer das Gift beibrachte. Er war oder hielt sich wenigstens für sehr geschickt. Aber jede Tat, gut oder böse, sei sie auch noch so verborgen, hinterläßt unauslöschliche Spuren. Wir folgen Vincent Rousset Schritt auf Schritt bei der Vollendung seines Verbrechens.
Weshalb mußte er an einem glühend heißen Junitage den schattigen Park von Chatenay verlassen? Um Professor Tanneron einen Besuch abzustatten, den er seit dreizehn Monaten nicht gesehen hatte. – Und der Grund dieses Besuches? Vincent Rousset weigert sich, ihn uns anzugeben und Professor Tanneron vermag sich ihn nicht zu erklären. – Der Diener des Laboratoriums ist erstaunt über das eigentümliche Verhalten Vincents. Er denkt nicht daran, ihn zu überwachen, dennoch beobachtet er ihn. Anstatt im Kabinett des Gelehrten vor dem Schreibtisch sitzen zu bleiben, an dem er alles findet, was er zum Schreiben eines Briefes braucht, geht Vincent im Saal umher, der alle die gefährlichen Produkte enthält, welche die Wissenschaft zu benutzen genötigt ist und die gewöhnlich dem Heile der Menschheit dienen. Er entfloh, weil er beinahe beim Diebstahl des Giftes überrascht worden war. Meine Herren! Vincent Rousset hat zehn Gramm Strychnin gestohlen, obgleich einige Centigramm schon genügen, um zu töten. Er hat in der Hast sozusagen ohne Berechnung die Oblate gefüllt und den Rest im Kamin verbrannt. Die chemische Analyse konstatierte Strychnin in der Tasche seines Rockes, in dem Teppich des Zimmers. Der gewandte Verteidiger wird Ihnen sagen, dies beweise nichts, weil das Strychnin in so minimaler Quantität vorhanden war.
Meine Herren! Das Vorhandensein von Strychnin ist eine sehr seltene Tatsache, die sich immer deutlich erklären läßt. Man könnte alles analysieren, was dieser Saal enthält, Menschen wie Gegenstände, und ich glaube, man wird, die Ueberführungsbeweise dort ausgenommen, keine Spur dieser Substanz entdecken. Und Vincent Rousset hat sie in seinem Zimmer gehabt, gerade in dem Augenblick, als sein Bruder unter den Ihnen bekannten Umständen stirbt, sein Bruder, nach dessen Frau er begehrte. Sie werden eingestehen, meine Herren, daß dieses Zusammentreffen das deutlichste Kriterium seiner Schuld darstellt, darum sprechen Sie ihn schuldig mit der größtmöglichen Strenge, denn er allein ist der Mörder, der blutschänderische Brudermörder. Niemals war eine Schuld klarer bewiesen und niemals stand vor einem Gerichtshof ein so verabscheuungswürdiger Verbrecher. Seine beispiellose Verstocktheit macht ihn jeder milderen Beurteilung unwürdig. Er hat versucht, den Verdacht auf Unschuldige abzulenken. Der ehrenwerte Apotheker von Chatenay, die treue Dienerschaft von Herrn und Frau Paul Rousset sind hintereinander von ihm verdächtigt worden. Was lag ihm an den Köpfen der anderen, wenn es sich um den seinen handelte! Meine Herren Geschworenen, Sie sind hier berufen, ein großes Rätsel vor der gesitteten Gesellschaft zu lösen. Wenn Sie den Mörder in diesem Manne bestrafen, so strafen Sie gleichzeitig die Niederträchtigkeit, die Heuchelei, die Unzucht, mit einem Worte die niedrigsten Laster, welche das Menschengeschlecht entwürdigen und entehren.
Ich könnte die ganze Rede des Staatsanwaltes zitieren. Dieser Teil genüge, um Ihnen, hochverehrter Herr, zu zeigen, wie tief sie in meinem Gedächtnis eingegraben steht. Mochte ich sie auch später lächerlich finden, so war dies jedoch keineswegs der Fall, als ich sie vor den Geschworenen anhören mußte, während sie mich mit Unwillen und Zorn erfüllte. Wenn es in meiner Macht gelegen hätte, den Redner zu töten, ich hätte keinen Augenblick gezögert. Er vernichtete mich, das unterlag keinem Zweifel, seine hochtrabenden Phrasen nahmen der Logik nichts von ihrer Schärfe und Ueberzeugungskraft. Jedoch die Gewißheit, mit der ich mein Schicksal besiegelt sah, vermochte nicht, mich niederzuschmettern.
Ich richtete mich auf und hing mit glühenden Blicken an dem Mund des Gegners. Einige Zeitungen sagten, daß ich das Aussehen eines Tigers gehabt hätte, andere hoben meinen Stoizismus hervor. Es ist gewiß, wenn der Henker unmittelbar nach der Rede des Staatsanwaltes seines Amtes gewaltet hätte, so wäre ich ruhig und mutig in den Tod gegangen, um allen, die mich verfolgten und umringten, zu trotzen.
Ich bitte Sie, sagte ich zu Raphael Viret, nachdem der Staatsanwalt geendet, fassen Sie sich sehr kurz! Was können Sie noch gegen diese geschickt erdachten Verleumdungen ausrichten? Der Schein spricht so sehr gegen mich, daß ich mich frage, ob sich die Dinge nicht wirklich so zugetragen haben, wie der Staatsanwalt es sagt. Ich bin am Ende, machen Sie es kurz!
Mein Lieber, Sie sind ein Original, erwiderte Viret lächelnd.
Niemals war er von meiner Schuld überzeugter gewesen, als in dem Augenblicke, da er das Wort ergriff; und als er geendet, da hatte er sich aus der Unschuld seines Klienten einen wahren Glaubensartikel gestaltet.
Obgleich ich mich schon im Grabe wähnte, hörte ich ihm zu, und allmählich wurde ich sozusagen von einer objektiven Bewunderung ergriffen, als ob sein Plaidoyer einem andern gegolten hätte: das schöne Bild, das er von mir entwarf, war so wenig ähnlich! Er begann bei meiner Kindheit und zeigte, daß ich stets nachdenklich, träumerisch und traurig gewesen war, so wie alle diejenigen, denen das Geschick noch viel Unglück im Leben vorbehält. Später führe ich, ohne Ehrgeiz, zufrieden mit meinem bescheidenen Erbteil, das fleißige Leben eines vernünftigen Menschen, welcher arbeitet, um seinen Wissensdurst zu befriedigen, nicht um Diplome zu erwerben. Meinen Aufenthalt in Lyon und meinen Besuch im botanischen Museum gestaltete er zu einem idyllischen Gemälde. Hatte ich meine Schwägerin geliebt? Die keusche und verschlossene Seele meines Klienten hat ihr Geheimnis nicht verraten. Aber wenn ich daran denke, daß er bald nach Paul Roussets Heirat eine Reise von anderthalb Jahren unternahm, so glaubte ich es als erwiesen hinstellen zu können, daß Vincent Rousset glücklich gewesen wäre, seinen Namen Fräulein Sennevoy zu geben. Als ein Mann von Ehren wollte er vergessen. Und er vergaß, denn schließlich, meine Herren, finden wir es nur in den Werken der Dichter, in den Sonetten Petrarcas, daß die Liebe ewig währe, und diejenigen der Verfasser, welche am lautesten ihre Klagen erheben, haben zumeist am wenigsten aus Liebe gelitten. Spanien war es, wohin Vincent Rousset seine Traurigkeit mitgenommen hatte. Die Frauen und Mädchen von Kastilien und Andalusien konnten nicht ohne wohltätigen Einfluß auf sein liebeswundes Herz bleiben. Er fühlte sich geheilt und kehrte zurück, öffnete seine Arme dem Bruder und sogar seiner Schwägerin und bewies beiden gegenüber ein ebenso ehrenhaftes wie zärtliches Verhalten.
Der unglückliche Paul Rousset war ein Mann von Geist. Tun Sie ihm nicht das Unrecht an, zu glauben, daß er unbesonnenerweise einen Bruder in seiner Häuslichkeit geduldet habe, in dem er seinen Rivalen erblickte. Die Wiederaussöhnung war eine vollständige, weil Paul von der Heilung Vincents überzeugt war, weil Vincent selbst wußte, daß er nicht mehr unter dem einstigen Liebesschmerz zu leiden haben würde.
Hier, meine Herren, muß ich einen delikaten Punkt der weiblichen Psychologie berühren, und ich will dies mit der größtmöglichsten Vorsicht und Zartfühligkeit tun. Es fällt mir schwer, einer betrübten Witwe unangenehme Wahrheiten zu sagen; jedoch ich nehme die Erlaubnis für mich in Anspruch, der Eigenliebe einer Frau einige Nadelstiche zu versetzen, wenn es', wie hier, gilt, das Leben eines Mannes zu retten. Im übrigen gilt das, was ich sagen will, nicht Madame Rousset allein und Molière hat es vor mir schon ausgesprochen. Die Frauen, meine Herren – sagen wir ruhig, fast alle Frauen – sind gern geneigt, alles in sich verliebt zu sehen. Ein Kompliment ist bei ihnen eine Erklärung, ein Lächeln, ein Blick ist eine Herausforderung. Wendet man ihnen den Rücken, so bilden sie sich ein, es geschehe aus Furcht, sich von ihren Reizen gefangen nehmen zu lassen, und wenn sie geliebt worden sind, wollen sie sich nur schwer mit dem Gedanken vertraut machen, daß man sie nicht mehr liebe. Fräulein Sennevoy geschmeichelt durch die Huldigungen der beiden Brüder, empfand an Stelle von Liebe ein gewisses Interesse für den, der ihretwegen in die Verbannung ging. Der Gedanke an die Tränen, die er vergießen könnte, ließ sie ihr eheliches Glück umso höher schätzen. Sind wir nicht alle grausame Sybariten? Das tobende Unwetter gefällt uns, wenn wir es vom wohlgeschützten Zimmer aus beobachten; passiert es uns nicht oft im Winter, wenn wir unser weiches Lager aufsuchen, daß wir mit behaglicher Genugtuung sagen: Hier ruht es sich besser, wie unter den Brückenpfeilern? Was den Kontrast unseres Geschickes mit dem der herumirrenden Vagabunden bedeutet, läßt uns die Annehmlichkeiten unseres Komforts deutlicher empfinden und höher schätzen. Ich weiß, daß ich mit diesen Worten vielleicht edle und fromme Gemüter verletze, aber ich weiß auch, daß die Mehrheit der Menschen nicht edel ist und daß die Frauen – ich habe gesagt, fast alle – eine bösartige Koketterie besitzen.
Nach diesen feinen Wendungen griff mein Verteidiger entschlossen meine Anklägerin an und zwar derart, daß er schließlich Zweifel an ihrer Tugend durchblicken ließ.
Wie, meine Herren, sie wagt, ohne daß man sie darum bittet, von ihrem Hasse getrieben, zu erzählen, daß Vincent ihr ein leidenschaftliches Geständnis gemacht und so kühn gewesen war, ihr einen keineswegs brüderlichen Kuß zu geben, und sie behält ihn dennoch weiterhin unter ihrem Dach! … Welche Gewissenlosigkeit! Meine Herren! Wenn Vincent ihr gegenüber das getan hätte, was sie behauptet, dann würde sie verantwortlich für das Verbrechen sein, mit dem sie ihn belastet! Dieser niederträchtige, blutschänderische Geduldete mußte sich sagen: Diese Frau wird mir gehören, sie fürchtet den Gatten, dem sie angehört – vernichten wir ihn!
Glauben Sie mir, meine Herren, ich leide darunter, genötigt zu sein, eine solche Frage hier aufzuwerfen. Sie sehen, ich berühre sie nur, Sie selbst sollen sie ergrübeln und beantworten. Aber, wird man mir sagen, weshalb sucht die Rousset ihren Schwager ins Verderben zu stürzen, während sie selbst bei diesem Drama eine wahrhaft hassenswerte Rolle spielt? Nun wohl, meine Herren, es handelt sich hier außerdem noch um die weibliche Schwäche. Erschüttert durch die Katastrophe ihrer Witwenschaft, ist Frau Rousset hysterisch geworden, das heißt, sie wurde eine mit einer fixen Idee behaftete Frau, für welche die Lüge eine Notwendigkeit ist. Sie hat verschiedene Tatsachen übertrieben und entstellt, andere sogar frei erfunden, und daher glaube ich es als erwiesen hinstellen zu können, daß sie sich nicht im Vollbesitz ihrer geistigen Fähigkeiten befindet und ihren Aussagen nur eine sehr eng begrenzte Glaubwürdigkeit beizumessen ist.
Sie werden einwerfen, daß der Beweggrund für das Verbrechen hinfällig sein würde, wenn man die Erklärung Frau Roussets nicht gelten ließe. In der Tat, meine Herren, kann von einem Beweggrund um so weniger die Rede sein, als wir es nach meiner vollsten Ueberzeugung überhaupt nicht mit einem Verbrechen zu tun haben.
Der unglückliche Paul Rousset war ausschließlich von durchaus zuverlässigen Personen umgeben: von der frommen Schwester, die in so maßvoller Weise ihre Aussage gemacht hat, von einer Kammerfrau und einer Köchin, die schon seit seiner Heirat bei ihm waren, von einem Kammerdiener, der, bevor er in seine Dienste trat, acht Jahre bei dem Grafen von Trèves angestellt gewesen war und von diesem eine kleine Rente geerbt hatte. Alle diese Personen sind keine Giftmischer. Nicht ein Verbrechen, sondern ein Versehen ist passiert! Von wessen Seite? Ich weiß nichts darüber und gebe mir auch nicht die Mühe, es zu ergründen. Da ich Verteidiger bin, werde ich mich wohl hüten, den Ankläger zu spielen. Jedenfalls kann ich nicht umhin, zu bemerken, daß, wenn in den chemischen Laboratorien die Giftbehälter nicht besser geschlossen sind wie die Zuckerdosen, wohl auch in den Arbeitsräumen der Apotheker nicht viel mehr Schlösser anzutreffen sein werden. Und selbst wenn es für die gefährlichen Substanzen besondere Aufbewahrungsorte gibt, kann es da nicht vorkommen, daß sich eines dieser Gifte einmal nicht an seinem Platze befindet? Kann es nicht umfallen, sich mit einer anderen nicht minder gefährlichen Substanz vermengen? Erst kürzlich ist in diesen Räumen eine traurige Geschichte zur Verhandlung gelangt: eine unglückliche Frau war im Krankenhaus durch Quecksilbersublimat getötet worden. Die Fehler der Pharmacie sind zahllos und nur die wenigsten kommen ans Tageslicht.
Der Herr Staatsanwalt macht so großes Aufheben von dem Strychnin, das bei dem Angeklagten und in seinem Zimmer gefunden wurde. Der Herr Staatsanwalt weiß, daß Vincent Rousset sich nach einem Laboratorium begeben hat, in dem sich eine große Menge dieses Giftes befindet, das täglich zu Studienzwecken benützt wird, da Herr Professor Tanneron kürzlich in der Akademie der Wissenschaften und in der Medizinischen Gesellschaft interessante Mitteilungen über die salzigen Verbindungen des Aethyl-Strychninums gemacht hat. Er weiß dies, aber es kommt ihm nicht der Gedanke, daß Vincent von diesem Besuche einige Partikel des schrecklichen Giftes mitgeschleppt haben könne. Ach, meine Herren, trauen Sie chemischen Analysen nicht! Der Herr Staatsanwalt hat angekündigt, daß ich dieses Thema behandeln werde. Dies ist klar. Ich bin mit ihm der Ansicht, daß das Strychnin wesentlich verschieden von einem einfachen Körper ist, wie zum Beispiel von Arsenik, einem unzerstörbaren Element. Das Arsenik ist uns heute bekannt, es ist aber noch nicht lange her, da kannte man es in der gerichtlichen Medizin ebensowenig, wie man heute das Strychnin kennt. Man fand es im Organismus von Menschen, die einfach längere Zeit in einem Zimmer mit grünen Tapeten geschlafen hatten. Die Chemie hatte an das grüne Papier nicht gedacht und auf einen Giftmord geschlossen.
In dem Maße, in welchem sich die hervorragende Rede Virets ausdehnte, faßte ich Mut. Und als er meine Schwägerin herabzuwürdigen begann, die Frau, die ich als junges Mädchen anmutig und rein in den grünen und weißen Halden der Schweiz erblickt hatte, da überkam mich ein Gefühl des Triumphes, und aus Furcht, seinen Abglanz in meinen Zügen sehen zu lassen, verbarg ich mein Gesicht im Taschentuch, gleichsam als ob ich weine.
Der Staatsanwalt hatte gesagt, daß mir im Leben zu wenig Glück beschieden gewesen sei, um als Unschuldiger gelten zu können. Viret benutzte diese Worte für den Schluß seiner grandiosen Rede.
Es ist nicht christlich, sich über Unglückliche lustig zu machen. Es gibt glückliche Menschenleben, was auch die sogenannten Weisen darüber sagen mögen, es gibt glückliche Menschen, die sich nur zu zeigen brauchen, damit alles um sie herum für sie glücke und gelinge. Aber es gibt auch solche, die das böse Geschick verfolgt. Und da sie das Verhängnis über sich schweben fühlen, so gehen sie gleichsam in sich selbst zurück, bekommen ein kummervolles, verbittertes und finsteres Aussehen, sie werden abstoßend, sie werden verabscheut. Vincent Rousset ist einer dieser Unglücklichen. Er hat einmal in seinem Leben geliebt, Sie wissen, wie es ihm vergolten worden ist. Er ist freiwillig in die Verbannung gegangen; aber obgleich er von seinem Leiden genas, sind ihm doch Narben und eine krankhafte Blässe davon zurückgeblieben. Er wurde ein ernster Mann, der das Lachen verlernt hat. Das böse Geschick, das nach so vielen schmerzvollen Leiden hätte gebannt sein können, hat ihn nicht verlassen. Durch den Tod seines Bruders beraubt, den er geliebt hatte, war es ihm nicht vergönnt, ruhig zu weinen – er wurde verfolgt und ins Gefängnis gebracht. Jetzt sitzt er hier, an den Toren, die zur Hölle führen. Sie haben nur ein Wörtchen zu sprechen, meine Herren Geschworenen, um ihn in den Abgrund zu stürzen, aus dem es kein Emporsteigen mehr gibt. Und mit einem andern Wörtchen können Sie ihm seinen Rang in der menschlichen Gesellschaft wieder anweisen. Zwar wird es ihm nicht beschieden sein, dort Freude und Liebe zu genießen, die Spannkraft des Lebens ist in ihm erloschen; man geht nicht ungestraft aus der Tortur hervor, sie braucht nicht zu töten, aber sie kann Wunden schlagen, die niemals vernarben. Wenngleich er auch ewig traurig, argwöhnisch und verbittert bleibt, wird er doch wenigstens das ruhige Leben des Rechtschaffenen führen und die wohltuende Erholung genießen können, welche auf große Sorgen und schwere Krankheiten folgt.
Meine Herren Geschworenen! Ich flehe Sie nicht an, ich wende mich nicht an Ihre Empfindsamkeit, Ihr klarer Blick allein genügt mir. Von zwei Seiten hat man Ihnen diesen Fall vor Augen geführt. Bei Ihnen allein steht die Entscheidung, ob dem Schaffot oder dem Kerker ein ehrenwerter Mann zugeführt werden soll, der Sohn rechtschaffener Leute, auf dessen ganzem Leben kein Tadel ruht, mit dem sein vermeintliches Opfer in dem zärtlichsten Einvernehmen lebte – weil Chemiker einige Milligramm Strychnin auf einem Teppich gefunden haben!
Er hat geendet. Der Präsident wendet sich an mich und fragt mich, ob ich etwas zu bemerken habe. Ich mache ein verneinendes Zeichen. Meine Kräfte und mein Mut sind zu Ende. Das lügnerische Bild, das Viret von mir entworfen, hat eine seltsame, nervöse Wirkung auf mich hervorgerufen. Wenn ich den Mund öffnete, würde ich unsinnige Dinge sagen. Alle meine Pulsadern schlagen heftig, ich höre nichts, als das Summen des Blutes in meinen Ohren, und meine Sehkraft scheint erloschen zu sein. Es ist mir, als ob es leer um mich herum geworden sei, als ob sich die Geschworenen und Richter verkleinert hätten und sich in weiter Ferne von mir befänden. Mir scheint es, als ob jemand spricht … Ja, der Präsident bewegt die Lippen … Dann entsteht eine große Bewegung im Saale; meine Wächter treten zu mir und führen mich fort. Ich bin im Wartezimmer.
Ein lauter Seufzer entringt sich meiner Brust; mit zitternder Hand taste ich nach meiner eisigen Stirn und trockne sie mit dem Taschentuch. Wie bin ich matt! Wenn man mir sagte, ich solle mich gleich in ein Bett legen, das ich nicht wieder verlassen werde, ich würde mit Freuden gehorchen. Ich schließe die Augen und wohl eine halbe Minute lang umfängt mich bleierner Schlaf.
Wie in jener Nacht, wo ich darauf wartete, daß mein Bruder das Pulver nehme und wie in letzter Nacht, träume ich von der Guillotine. Ich bin unter dem Fallbeil … Es fällt! … Ich zittere und fahre wild und verstört empor.
Aber ich sitze noch immer im Wartezimmer und höre das laute und verworrene Lärmen der Menge, die nicht vom Platze weichen wird, bis mein Schicksal entschieden. Ich habe warme Anhänger darunter, die wohl fähig wären, die Richter zu verhöhnen, falls sie mich schuldig sprächen. Mein Bruder interessiert niemand. In den Kriminalprozessen werden die Opfer, von denen man so viel spricht, zu wesenlosen Schatten, an die wir nur zeitweilig erinnert werden durch die Anwesenheit des zitternden, bebenden Angeklagten. Damals gab ich mich jedoch diesen Betrachtungen nicht hin, ich war nicht einmal fähig, mir die Geschworenen bei ihrer Beratung vorzustellen. Ich war zu ermattet, kaum vermochte ich die Augen offen zu halten und wollte nicht schlafen, aus Furcht vor jenem entsetzlichen Traume. Ich sagte mir: Es ist gut, daß nun alles ein Ende nimmt, mir fehlt die Kraft, noch einen solchen Tag zu ertragen. Und doch hätte ich noch deren zehn ertragen, wenn es notwendig gewesen wäre. Die Gewißheit, daß ich nichts mehr tun konnte, um mich zu verteidigen, daß ich keine Lügen mehr zur Verfügung hatte, machte mich plötzlich resigniert. Ich dachte nicht mehr an die Möglichkeit einer Freisprechung und es überkam mich jene Ruhe der Verzweiflung, die oft den zum Tode Verurteilten hindert, sich zu widersetzen, wenn man ihn zu seinem letzten Gange holt.
Jedoch die Zeit fliegt dahin und meine Empfindungen wechseln. Die Nerven beginnen wieder zu vibrieren, ich presse mir die Hände zusammen und zerbeiße mir die Lippen bis aufs Blut. Ich will schreien, aber noch ist die Achtung vor den Gesetzen der Schicklichkeit nicht in mir erstorben und ich bleibe still.
Als ich den Gerichtssaal verließ, war es noch heller Tag. Jetzt werden die Gaslampen angezündet. Zweimal schon habe ich die Viertelstunden schlagen hören. Die Geschworenen sind nicht einig … O, ich werde nicht freigesprochen! Es ist unmöglich, unmöglich! Es wäre unerhört, es wäre lächerlich! Wie, ich allein sollte sie alle getäuscht haben, diese allmächtigen Richter, diese Verteidiger, diese Geschworenen? Unmöglich, unmöglich! Jedoch, wenn meine Schuld erwiesen wäre, würde man die Beratung nicht so lange ausdehnen. Ich wäre schon …
Ein drittes Viertel! Ach, wenn das noch länger dauern soll, werde ich ohnmächtig … Und wieder höre ich, sehr schnell wie mir scheint, die Turmuhr schlagen. Ich zähle sechs Schläge, es ist also fast eine Stunde her, seit ich hier sitze.
Allmählich wie die Nacht, die draußen herniedersinkt, weicht das chaotische Stimmengewirr im Justizpalast einer feierlichen Stille. Ich weiß, was dies bedeutet. Der Gerichtshof, die Geschworenen sind in den großen Saal zurückgekehrt. Der Obmann der Geschworenen sagt »ja« und »nein«, oder »ja« und »ja«, oder auch nur »ja«. Schuldig ohne mildernde Umstände, schuldig mit mildernden Umständen … Unschuldig …
Von neuem hebt der Lärm an. Man kommt, um mich zu holen und zum letzten Male stehe ich auf der Schwelle der kleinen Tür, die zum Saale führt.
Durch den Nebel, der meine Augen umflort, sehe ich das strahlende, freudige Gesicht meines Anwalts und Ihre milden, freudig bewegten Züge, hochverehrter Herr. Ich weiß alles, ich brauche nicht erst zu hören, daß der Präsident mir das Urteil vorliest. Dennoch höre ich ihm anscheinend zu, während meine Glieder, die ich nicht zu bewegen vermag, wie von einer riesenhaften Hand zusammengepreßt scheinen. Da ich für nichtschuldig erklärt wurde, muß ich unverzüglich in Freiheit gesetzt werden. Ich mache verzweifelte Anstrengungen, um die unsichtbaren Schlingen, die mich zu erwürgen drohen, abzuschütteln. Endlich gelingt es mir, indem ich in Lachen ausbreche. Mühsam bringe ich die Worte »Eine Narrenbande!« hervor. Mein Verteidiger, der Gerichtshof, die Journalisten und meine Nachbarn glaubten, daß ich »Meine Herren, ich danke« gesagt hätte.
Der Arzt eilte herbei, um mit Aether mein Lachen zu beruhigen, das nicht aufhören wollte.
Es ist mir im Verlauf dieser Erzählung passiert, daß ich! es beklagte, nicht verurteilt worden zu sein. Dies ist Undankbarkeit. Ich schulde Ihnen, teurer Dichter, unendlich viel und wenn auch sehr spät, entbiete ich Ihnen hiermit den herzlichen Dank, den Sie sicher damals erwarteten. Durch Doktor Viret, dessen Glückwünschen ich mich nicht entziehen konnte, habe ich erfahren, daß Sie eine bewundernswerte Energie entfaltet hatten, um Ihrer Meinung Gehör zu verschaffen. Trotz Ihren angestrengten Bemühungen und Ihrer Beredsamkeit hatte ich fünf Stimmen gegen mich. Wenn ich der Jury angehört hätte – Sie würden, seien Sie versichert, sechs Gegner gezählt haben …
Das Wort, das mir entschlüpft war, wiederholte ich für mich, während man den Haftbefehl aufhob, während ich Anstalten traf, das Gefängnis schnell zu verlassen. Meine Nerven hatten sich beruhigt. Ich lachte noch immer, aber leise, nicht wie ein Wahnsinniger, sondern wie ein glücklicher Mensch. Eine dichte Menge von Neugierigen erwartete mich auf dem Quai. Ich nahm einen Wagen, um ihnen zu entgehen. Aber kaum hatte dieser die Seinebrücke passiert, als ich den Kopf zum Fenster hinauslehnte. Gleich langen, weißen Gürteln zogen sich die Reihen der elektrischen Lampen durch den gelben Herbstnebel und mit der Freude eines Kindes betrachtete ich das Hin- und Herhuschen der vielfarbigen Laternen der Wagen und die glänzend erleuchteten Fenster der Verkaufsläden.
Mechanisch hatte ich dem Kutscher meine Wohnung genannt. Aber während der Fahrt fiel mir ein, daß mich vielleicht dort Reporter erwarten könnten, um mich zu interviewen. Auch die Neugier meines Concierge wäre mir peinlich gewesen und so beschloß ich denn, um allen Eventualitäten vorzubeugen, in ein Hotel zu flüchten. In der Rue St. Horroré stieg ich in einem zumeist von Engländern frequentierten Hotel ab. Nachdem ich mir in meinem Zimmer ein vortreffliches Mahl hatte servieren lassen, ging ich zu Bett.
Ich schlief zweiundzwanzig Stunden.
Bevor ich die Augen öffnete, überkam mich die wundersame Empfindung der glücklichen Wirklichkeit. Ich war frei, ich lag in einem guten Bett. Träge streckte ich meine Glieder, legte mich auf den Rücken und rollte mich wie ein Knäuel hin und her. Ich fühlte, daß ich leicht fieberte, doch war mir dies nicht unangenehm. Es war finster. Ich tastete nach dem Knopf des elektrischen Lichtes. 7 Uhr. War es Morgen? Oder Abend? Ein Blick aus dem Fenster, das nach! der Straße hinausging, zeigte mir, daß Arbeit und Vergnügen in vollem Gange begriffen waren.
O, wie gut habe ich geschlafen! Wie gut habe ich geschlafen, sprach ich zu mir, indem ich mich behaglich reckte.
Ich legte mich wieder zu Bett und klingelte, um Feuer im Kamin anstecken zu lassen. Der Kellner, der auf meinen Ruf erschien, verscheuchte meine Mattigkeit. Mein Bruder ist tot und ich habe ihn getötet. Dieser Gedanke schoß mir durch den Kopf wie ein stechender Schmerz. Aber meine Betrachtung währte nur einen Moment und wie am Abend vorher begann ich mir zu sagen: Diese Narren! Ich habe sie alle betrogen! …
Ich überlegte, wie ich den Abend verbringen solle. Ein Spaziergang in diesem Paris, das ich niemals wiederzusehen geglaubt, reizte mich wohl. Aber die Ruhe in meinem Bett schien mir köstlich, auch empfand ich ein wenig Unbehaglichkeit; es war Winter, vielleicht grassierte die Influenza. Da ich mein Leben glücklich gerettet hatte, wollte ich es jetzt nicht aus Unvorsichtigkeit wieder aufs Spiel setzen.
Der Herr wünscht? frug der eintretende Kellner.
Lassen Sie mir ein Bad bereiten und bestellen Sie mir den Coiffeur.
Ich fühlte das dringende Bedürfnis, mich von allen Unreinlichkeiten des Gefängnisses zu befreien und diese Sorgfalt, die ich meiner Person angedeihen ließ, verschaffte mir die Zerstreuung, die ich wünschte. Aber als ich mich unter den Händen des Coiffeurs befand, dem ich befohlen, mich glatt zu rasieren, um mein Gesicht völlig zu verändern, da dachte ich bei mir, daß ich eigentlich eine würdigere Toilette verdient hätte. Meine Haut zog sich zusammen und meine Haare sträubten sich.
O, mein Gott, was fehlt dem Herrn?
Nichts! Ich fürchtete, Sie würden mich schneiden.
Unbesorgt! Ich bin vorsichtig.
Im Augenblick, als er sich dem Schnurrbart zuwandte, meinte er:
Wie schade, ihn abzuschneiden. Der Herr sieht entschieden vorteilhafter damit aus. Wahrhaftig! Der Herr ähnelt Vincent Rousset!
Wer ist Vincent Rousset? fragte ich ruhig.
Der Mann, über den man in diesen Tagen verhandelt hat.
Ach ja, ich habe in der Eisenbahn etwas über diesen Prozeß gelesen.
Die Barbiere sind seit undenklichen Zeiten die geschwätzigsten Menschen. Auch dieser hier konnte schwerlich eine Ausnahme bilden, und fast ängstlich wartete ich darauf, seine Ansicht zu vernehmen.
Diese Geschworenen am Seinegericht leisten wirklich Unglaubliches. Die schwersten Verbrecher werden dort freigesprochen.
O, Sie glauben wirklich …
Vincent Rousset schuldig? So wie ich glaube, daß zwei und zwei viere gibt. Der Herr ähnelt ihm übrigens in auffallender Weise. Wenn der Herr nicht schwarz, sondern rötlich wäre, würde ich sagen: Das ist Vincent Rousset!
Er ist rötlich?
Ja, mein Herr.
Sie haben ihn gesehen?
Ja, Herr, im » Petit Journal illustré«, das koloriert ist …
Nachdem ich meine Toilette beendet hatte, begab ich mich in den Speisesaal des Hotels. Es war schon spät, nur zwei Tische waren noch unbesetzt. Es schien mir, als ob mich die Anwesenden neugierig betrachteten, und ich war froh, als ich mich wieder in meinem Zimmer befand.
Ich konnte nicht schlafen, was nach dem Langen Schlummer, den ich genossen, ganz natürlich war. Diese Nacht war schrecklich. Eine fixe Idee peinigte mich bis zum Morgengrauen, und ich beschloß, mich künftig mit Betäubungsmitteln zu versehen, um solche Nächte nicht wieder zubringen zu müssen.
Am Mittag ging ich aus, um mir die Zeitungen zu verschaffen, die während meines Prozesses erschienen waren; als ich die Blätter, die ich haben wollte, erhalten hatte, kehrte ich nach dem Hotel zurück und schloß mich in mein Zimmer ein.
Während des ganzen Tages las ich, wie weltentrückt, wie in einem Opiumtraum. Schon halb schlafend legte ich mich zu Bett. Mein Schlaf war bleiern und von schrecklichen Träumen gestört. Ich sah Paul als Sterbenden … Ich sah seine Eingeweide in einem Glasbehälter unter den andern Beweisgegenständen …
O, ich will ein Betäubungsmittel nehmen … Aber … Es unterdrückt nicht den Traum. Wo träumt man nicht? Im Grabe? … Wer weiß es? …
Ich konnte nicht ewig im Hotel bleiben, meine Mittel würden mir diesen großen Luxus nicht gestattet haben und so beschloß ich, nach meiner Wohnung zurückzukehren.
Eine Menge Briefe erwartete mich dort. Mehrere Engländerinnen oder Amerikanerinnen baten mich um Autogramme. Eine französische Dame machte mir unehrenhafte Anträge. Ich verbrannte diese Korrespondenz, ohne die Benachrichtigung des Notars meines Bruders davon auszunehmen, der mich um meinen Besuch bat und mir mitteilte, daß Paul mich in seinem Testament reich bedacht habe.
Als ich damals nach Chatenay abgereist war, hatte ich meine Hausmeisterin, die mich bestohlen, entlassen; die Wohnung befand sich daher in verwahrlostem Zustand. Alle Möbel bedeckte eine dicke Staubschicht, auf dem Tisch im Speisezimmer bemerkte ich Kuchenkrumen und trübe Gläser – Paul und ich hatten hier vierzehn Tage vor seinem Tode gesessen.
Ich sah ihn vor mir, wie er noch Schüler war, mit seinem großen, weißen Kragen, mit seinen von Tinte beschmutzten Fingern, mit seinen treuherzigen Augen, und ich sah ihn dann als Kind, dem Jesusknaben im Louvre ähnelnd.
Ich war beunruhigt, das Schreckbild erschien oft. Es wird aufhören, mich zu besuchen. In diesem Augenblicke ist die Erinnerung an ihn noch zu frisch. Sie wird verblassen und verschwinden wie er selbst.
Am Abend ergriff mich Angst vor der Einsamkeit und ich ging in die Oper. Aber nach dem ersten Akt – man gab »Die Walküre« – hatte mich die Musik so schmerzlich erregt, daß ich entfloh.
Am folgenden Abend wählte ich ein kleines Theater – ich war nicht fähig, zuzuhören.
Ich ging auf Reisen. Zwei Jahre lang durchquerte ich die Welt. Ich ging nach Amerika, ich flüchtete bis nach Neu-Kaledonien – Pauls Erscheinung begleitete mich.
Als ich nach Paris zurückkehrte, vergrub ich mich in gelehrte Bücher. Aber es gelang mir kaum, sie überhaupt bis zum Ende zu lesen, meine Gedanken waren abwesend. Um nichts in der Welt hätte ich, wie früher, die wissenschaftlichen Vorlesungen besucht. Wenn ich jemand bemerkte, den ich kannte, machte ich einen Umweg oder ich tat, als ob ich ihn nicht sähe. Eines Tages befand ich mich plötzlich an einer Straßenecke Laura gegenüber. Ich lachte laut auf. Sie war nicht mehr in Trauer; vielleicht hatte sie sich wieder verheiratet. Weshalb erschien mir Paul, wahrscheinlich von ihr vergessen, jetzt immer häufiger?
Die Langeweile ergriff mich, eine Langeweile, bei der mir mein Bruder Gesellschaft leistete. Nicht daß er mich bedrohte und erschreckte. Er blieb düster, gelassen, wie immer die Gestalt war, die er annahm: als Kind, als Jüngling, als Mann. Mit besonderer Deutlichkeit trat sein Bild vor mein geistiges Auge; er nahm einen Stuhl und setzte sich zu Füßen meines Bettes, oftmals las er, wie jemand, der sich eine stundenlange Wartezeit durch Lesen vertreiben will. Da ich an ihn gewöhnt war, verjagte ich ihn nicht. Was hätte es auch genützt? Er würde doch nicht gehorcht haben.
Auf einem meiner ziellosen Spaziergänge wurde ich einmal vom Regen überrascht und trat in eine Kirche. Ganz im Hintergrunde des gewaltigen Schiffes, dessen Dunkelheit durch das vielfarbige Licht gemildert war, das durch die bemalten Fenster hineindrang, sangen Geistliche ihre Vespergebete. Müde setzte ich mich auf eine Bank, um mich herum schliefen Bettler. Die ernste Monotonie des Gesangs, die Erhabenheit der gigantischen Formen des Baues, der sanfte Frieden in diesem Raum, alles vereinte sich in mir zu einer seltsamen Wirkung. Fast tat es mir wohl, mich inmitten dieser schlummernden Unglücklichen zu befinden, deren Gedanken ebenso düster waren wie die meinigen. Ist es nicht möglich, daß der Mensch von Diebstahl und Mord träumt, wenn ihn der Hunger quält?
Mein Bruder war mir nicht gefolgt. Hatte er meine Spur verloren? Gewährte diese Kirche Schutz vor Gespenstern? Ach, wie gern wollte ich mein Leben dort verbringen, wenn dies wahr wäre! Ich erinnerte mich an die Worte, die mir in meiner Kindheit gesagt worden waren: die Kirche gewährt Vergebung für alle Sünden. Wie viele Bitten sind hier den unglücklichen Herzen schon entstiegen! Wie viel Tränen haben diese Pfeiler schon fließen sehen! Selig sind die da weinen, hat Christus gesagt. Ach, meine Augen wurden nicht feucht!
Lange blieb ich in Gedanken versunken sitzen und kam am folgenden Tage wieder. Ich hatte keinen Glauben: Alles was zum Glück und Seelenfrieden gehört, besaß ich nicht. Vielleicht, wenn ich mich demütigte, wenn ich niedersänke auf die Knie, könnte ich erlangen, daß der Tau des Himmels den harten Stein erweicht, den mir die stiefmütterliche Natur an Stelle des Herzens gegeben. Ich warf mich nieder, ich faltete die Hände. Mir wurde nichts gewährt. Ach, der Himmel ist taub und blind!
Mein Bruder erschien mir wieder. Er hielt sein Buch in der Hand, und ich las daraus zur gleichen Zeit wie er die Worte:
Wenn ich alle meine Reichtümer unter die Armen verteilte, wenn ich selbst meinen Leib hingäbe, auf daß er verbrannt würde, so wäre alles dies dennoch vergebens, sofern nicht die Liebe in mein Herz eingezogen ist.
Ich empfinde keine Liebe. Der Haß ist mein Teil. Er ist nicht mehr glühend, wie einst, als mein Bruder noch lebte. Er ist tot wie dieser, aber er schläft seinen Todesschlaf in meinem Herzen, kalt und bleiern fühle ich ihn in mir – er hat mich nicht verlassen.
Reise, Studium, Philosophie und Frömmigkeit erwiesen sich als machtlos, und so versuchte ich es mit Vergnügen. Aber ich bin ernst und keusch veranlagt, zur Langeweile gesellte sich noch der Ekel, und die Ermattung hielt mich beständig in einem Halbschlaf, den sich das Gespenst zunutze machte.
Während mehrerer Jahre versuchte ich so ihm zu trotzen, dann begann mein bisher so zäher Organismus sich für alle Torturen zu rächen, die ich ihn hatte erdulden lassen. Ich leide an Magen, Leber und Nieren, und unerträgliche Neuralgien martern meinen Kopf. Wie einst Haß und Liebe meine unzertrennlichen Begleiter gewesen waren, so sind es jetzt der Schmerz und das lästige Gespenst meines Bruders. Seit vielen Monaten schon plane ich einen Selbstmord, aber jedesmal, wenn ich von Leberschmerzen gepeinigt werde, lasse ich den Arzt rufen. Er spritzt mir Morphium ein, der Schmerz verschwindet – aber nicht das Gespenst.
Schließlich bin ich ans Werk gegangen, Ihnen, hochgeehrter Herr, zu offenbaren, wem ich alles dies verdanke, diese Leidenstage, die ich beschrieben habe, diese verschiedenen Seelenzustände, wie die psychologischen Romanschriftsteller sagen, die ich durchlebt habe seit ich denken kann. Am Ende meiner Arbeit angelangt, nehme ich wahr, daß sie mir heilsam gewesen ist. Das Geständnis, das ich diesen Blättern anvertraut habe, hat mir ein wenig Mut verliehen. Ich glaube, daß ich die Kraft haben werde, mich zu töten.
Aber die Beichte, die ich hier ablege, hat mit Reue nichts gemeinsam. Ich sterbe nicht als ein Büßer. Da ich von meinem Geschick zum Töten bestimmt war, bin ich nicht schuldiger als der Tiger, der nach Blut lechzt. Mag man darum auch ein Verbrechen und keine Notwendigkeit erblicken, ich habe zu viel gelitten – tausendmal mehr als Paul – um nicht darüber Rechenschaft geben zu können.
Wer wollte sie auch von mir fordern, da ich mich den irdischen Mächten entziehe, da der Himmel, meinem Unglück gegenüber taub und blind, mir seine Hilfe versagte?
* * *
Zweimal schon hatte der Diener auf der Schwelle zum Arbeitszimmer Jules Mirebels respektvoll gesagt:
Es ist serviert.
Der Dichter, der wohl wußte, daß gebackene Speisen durch eine solche Wartezeit einbüßen, war, vertieft in die Lektüre des Manuskriptes, an seinem Platze geblieben. Er las die »Geschichte eines Verbrechers« bis zum Ende und als er dort angelangt war, stand er nicht sogleich auf. Er dachte: Das ist ein großer Bösewicht. Er hat uns getäuscht, ich habe mich getäuscht, und wir sind sehr grausam gewesen, indem wir ihn sich selbst überlassen hatten. Der Himmel, den er leugnet, hat es so gewollt. Warum? Vielleicht damit er die junge Mutter und das Kind vom Tode bewahren sollte, die auf die Eisenbahnschienen gefallen waren. Diese beiden Menschenleben, die er gerettet, werden mit dem einen in die Wagschale gelegt werden, das er vernichtet hat.
Wie Tom den Zaun anstrich
Von Mark Twain
Diese Episode ist dem berühmten Buche Mark Twains: »Tom Sawyers Abenteuer und Streiche« entnommen, und möge an dieser Stelle als Probe für den Humor des Verfassers gelten. Niemand, der gerne von Herzen lacht, sollte es versäumen, sich die Humoristischen Werke Mark Twains anzuschaffen. (Siehe die Anzeige auf Seite 2 des Umschlages.) – Zur Orientierung des Lesers sei bemerkt, daß Tom zur Strafe für einen seiner Streiche den Zaun an einem schulfreien Tage anstreichen sollte.
Sonnabend Morgen tagte, die ganze sommerliche Welt draußen war sonnig und klar, sprudelnd von Leben und Bewegung. In jedem Herzen schiens zu klingen und zu singen, und wo das Herz jung war, trat der Klang unversehens auf die Lippen. Freude und Lust malte sich in jedem Antlitz, elastischer Schwung hob jeden Schritt. Die Akazien blühten und erfüllten mit köstlichem Duft rings alle Lüfte.
Tom erschien auf der Bildfläche mit einem Eimer voll Tünche und einem langstieligen Pinsel. Er stand vor dem Zaun, besah sich das zukünftige Feld seiner Tätigkeit, und es war ihm, als schwände die Freude aus der Natur mit einem Schlage. Eine tiefe Melancholie bemächtigte sich seines ahnungsvollen Geistes. Dreißig Meter lang und neun Fuß hoch war der unglückliche Zaun! Das Leben schien dem Jungen öde, das Dasein eine Last. Seufzend tauchte er den Pinsel ein und fuhr damit über die oberste Planke, wiederholte dies Manöver einmal und noch einmal. Dann verglich er die unbedeutende übertünchte Strecke mit der Riesenausdehnung des noch ungetünchten Zaunes und ließ sich entmutigt auf ein paar knorrigen Baumwurzeln nieder. Jim, der kleine Nigger, trat singend und springend aus dem Hoftor mit einem Holzeimer in der Hand. Wasser an der Dorfpumpe zu holen, war Tom bis jetzt immer gründlich verhaßt gewesen, in diesem Augenblick dünkte es ihm die höchste Wonne. Er erinnerte sich, daß man dort immer Gesellschaft traf; Weiße, Mulatten und Nigger-Jungen und -Mädchen waren da stets zu finden, die warteten, bis an sie die Reihe kam, und sich inzwischen ausruhten oder um allerlei handelten und tauschten, sich zankten, rauften, prügelten und dergleichen Kurzweil trieben. Auch durfte man Jim mit seinem Eimer Wasser nie vor Ablauf einer Stunde zurück erwarten, obgleich die Pumpe kaum einige hundert Schritte vom Haus entfernt war, und selbst dann mußte gewöhnlich noch nach ihm geschickt werden. Ruft also Tom:
»Hör', Jim, ich will das Wasser holen, streich' du hier ein bißchen an.«
Jim schüttelte den Dickkopf und sagte:
»Nix das können, junge Herr Tom. Alte Tante sagen, Jim sollen nix tun andres, als Wasser holen, sollen ja nix anstreichen. Sie sagen, junge Herr Tom wohl werden fragen Jim, ob er wollen anstreichen, aber er nix sollen es tun – ja nix sollen es tun.«
»Ach was, Jim, laß dir nichts weiß machen, so redet sie immer. Her mit dem Eimer, ich bin gleich wieder da. Sie merkt's noch gar nicht.«
»Jim sein so bange, er's nix wollen tun. Alte Tante sagen, sie ihm reißen Kopf ab, wenn er's tun.«
»Sie! O Herr Jemine, die kann ja gar niemand ordentlich durchhauen – die fährt einem ja nur mit der Hand über den Kopf, als ob sie streicheln wollte, und ich möcht' wissen, wer sich daraus was macht. Ja, schwatzen tut sie von Durchhauen und allem, aber schwatzen tut nicht weh – das heißt, so lange sie nicht weint dazu. Jim, da, ich schenk' dir auch 'ne Steinkugel – da, noch 'nen Gummi dazu!«
Jim schwankte.
»'Nen Gummi, Jim, und was für ein Stück, sieh mal her!«
»O, du meine alles! Sein das prachtvoll Stück Gummi. Aber, junge Herr Tom, Jim sein so ganz furchtbar bange vor alte Tante!«
Jim aber war auch nur ein schwacher Mensch, – diese Versuchung erwies sich als zu stark für ihn. Er stellte seinen Eimer hin und streckte die Hand nach dem verlockenden Gummi aus. Im nächsten Moment flog er, laut aufheulend, samt seinem Eimer die Straße hinunter, Tom tünchte mit Todesverachtung drauf los und Tante Polly zog sich stolz vom Schlachtfeld zurück, Pantoffel in der Hand, Triumph im Auge.
Toms Eifer hielt nicht lange an. Ihm fiel all das Schöne ein, das er für diesen Tag geplant, und sein Kummer wuchs immer mehr. Bald würden sie vorüber schwärmen, die glücklichen Jungen, die heute freie Jungen waren, auf die Berge, in den Wald, zum Fluß, überall hin, wo's schön und herrlich war. Und wie würden sie ihn höhnen und auslachen und verspotten, daß er dableiben und arbeiten mußte, – schon der Gedanke allein brannte ihn wie Feuer. Er leerte seine Taschen und musterte seine weltlichen Güter, – alte Federn, Glas- und Steinkugeln, Marken und sonst allerlei Kram. Da war wohl genug, um sich dafür einmal Ablösung von der Arbeit zu erkaufen, aber keineswegs genug, um sich auch nur eine knappe halbe Stunde voller Freiheit zu verschaffen. Seufzend wanderten die beschränkten Mittel wieder in die Tasche zurück, und Tom mußte wohl oder übel die Idee fahren lassen, einen oder den andern der Jungen zur Beihilfe zu bestechen. In diesem dunklen, hoffnungslosen Moment kam ihm eine Eingebung! Eine große, herrliche Eingebung! Er nahm seinen Pinsel wieder auf und machte sich still und emsig an die Arbeit. Da tauchte Ben Rogers in der Entfernung auf, Ben Rogers, dessen Spott er von allen am meisten gefürchtet hatte. Ben's Gang, als er so daher kam, war ein springender, hüpfender kurzer Trab, Beweis genug, daß sein Herz leicht und seine Erwartungen hoch gespannt waren. Er biß lustig in einen Apfel und ließ dazu in kurzen Zwischenpausen ein langes, melodisches Geheul ertönen, dem allemal ein tiefes gezogenes ding – dong – dang, ding – dong – dang folgte. Er stellte nämlich einen Dampfer vor. Als er sich Tom näherte, gab er Halb-Dampf, hielt sich in der Mitte der Straße, wandte sich stark nach Steuerbord und glitt darauf in stolzem Bogen dem Ufer zu, mit allem Aufwand von Pomp und Umständlichkeit, denn er stellte nichts Geringeres als den »Großen Missouri« mit neun Fuß Tiefgang vor. Er war Schiff, Kapitän, Mannschaft, Dampfmaschine, Glocke, alles in allem, stand also auf seiner eigenen Schiffsbrücke, erteilte Befehle und führte sie aus.
»Halt, stoppen! Klinge–linge–ling.« Der Hauptweg war zu Ende und der Dampfer wandte sich langsam dem Seitenweg zu. »Wenden! Klingelingeling!« Steif ließ er die Arme an den Seiten niederfallen. »Wenden Steuerbord! Klingelingeling! Ttschu! tsch–tschu–u–tschu!«
Nun beschrieb der rechte Arm große Kreise, denn er stellte ein vierzig Fuß hohes Rad vor. »Zurück, Backbord! Klingelingeling! Ttschu–tsch–tschu–u–tschu!« Der linke Arm begann nun Kreise zu beschreiben.
»Steuerbord stoppen! Lustig Jungens! Anker auf – nieder! Klingelingeling! Ttsch–tschuu–tschtu! Los! Maschine stoppen! He, Sie da! Scht–sch–tscht!« (Ausströmen des Dampfes.)
Tom tünchte währenddessen und ließ den Dampfer Dampfer sein. Ben starrte ihn einen Augenblick an und grinste dann:
»Hi–hi! Festgenagelt – äh?«
Keine Antwort. Tom schien den letzten Strich mit dem Auge eines Künstlers zu prüfen, dann fuhr er zart mit dem Pinsel noch einmal drüber und übersah das Resultat in derselben kritischen Weise wie zuvor. Ben marschierte nun neben ihm auf. Toms Mund wässerte nach dem Apfel, er hielt sich aber tapfer an die Arbeit. Sagt Ben:
»Hallo, alter Junge, Strafarbeit, ja?«
»Ach, du bist's, Ben, ich hab' gar nicht aufgepaßt.«
»Hör du, ich geh schwimmen, willst du vielleicht mit? Aber gelt, du arbeitest lieber, natürlich, du bleibst viel lieber da, gelt?«
Tom maß ihn erstaunt von oben bis unten.
»Was nennst du eigentlich arbeiten?«
»W–was? Ist das da keine Arbeit?«
Tom tauchte seinen Pinsel wieder ein und bemerkte gleichgültig:
»Vielleicht – vielleicht auch nicht! Ich weiß nur soviel, daß das dem Tom Sawyer paßt.«
»Na, du willst mir doch nicht weiß machen, daß du's zum Vergnügen tust, eh?«
Der Pinsel strich und strich.
»Zum Vergnügen? Na, seh' nicht ein, warum nicht. Kann denn einer alle Tag 'nen Zaun anstreichen?«
Das warf nun ein neues Licht auf die Sache. Ben überlegte und knupperte an seinem Apfel. Tom fuhr sachte mit seinem Pinsel hin und her, trat dann zurück, um die Wirkung zu prüfen, besserte hie und da noch etwas nach, prüfte wieder alles, ohne sich im geringsten um Ben zu kümmern. Dieser verfolgte jede Bewegung, eifriger und eifriger mit steigendem Interesse. Sagt er plötzlich:
»Du, Tom, laß mich ein bißchen streichen!«
Tom überlegte, schien nachgeben zu wollen, gab aber diese Absicht wieder auf: »Nein, nein, das würde nicht gehen, Ben, wahrhaftig nicht. Weißt du, Tante Polly nimmts besonders genau mit diesem Zaun, so dicht bei der Straße, siehst du. Ja, wenn's irgendwo dahinten wär', da läg nichts dran, – mir nicht und ihr nicht – so aber! Ja, sie nimmts ganz ungeheuer genau mit diesem Zaun, der muß ganz besonders vorsichtig gestrichen werden, – einer von hundert Jungen vielleicht, oder noch weniger, kann's so machen, wie's gemacht werden muß.«
»Nein, wirklich? Na, komm, Tom, laß mich's probieren, nur ein ganz klein bißchen. Ich ließ dich auch dran, Tom, wenn ich's zu tun hätte!«
»Ben, wahrhaftig, ich tät's ja gern, aber Tante Polly – Jim hat's tun wollen und Sid, aber die haben's beide nicht gedurft. Siehst du nicht, wie ich in der Klemme stecke? Wenn du nun anstreichst und 's passiert was und der Zaun ist verdorben, dann –«
»Ach, Unsinn, ich will's schon recht machen. Na, gib her, – wart', du kriegst auch den Rest von meinem Apfel; 's ist freilich nur noch der Butzen, aber etwas Fleisch sitzt doch noch drum.«
»Na, denn los! Nein, Ben, doch nicht, ich hab' Angst, du –«
»Da hast du noch 'nen ganzen Apfel dazu!«
Tom gab nun den Pinsel ab, Widerstreben im Antlitz, Freude im Herzen. Und während der frühere Dampfer »Großer Missouri« im Schweiße seines Angesichts drauf los strich, saß der zurückgetretene Künstler auf einem Fäßchen im Schatten dicht dabei, baumelte mit den Beinen, verschlang seinen Apfel und brütete über dem Gedanken, wie er noch mehr Opfer in sein Netz zöge. An Material dazu war kein Mangel. Jungen kamen in Menge vorüber. Sie kamen um zu spotten und blieben um zu tünchen! Als Ben müde war, hatte Tom schon Kontrakt gemacht mit Billi Fischer, der ihm einen fast neuen, nur wenig geflickten Drachen bot. Dann trat Johnny Miller gegen eine tote Ratte ein, die an einer Schnur zum Hin- und Herschwingen befestigt war, und so weiter und so weiter, Stunde um Stunde. Und als der Nachmittag zur Hälfte verstrichen, war aus Tom, dem mit Armut geschlagenen Jungen mit leeren Taschen und leeren Händen, ein im Reichtum förmlich schwelgender Glücklicher geworden. Er besaß außer den Dingen, die ich schon oben angeführt, noch zwölf Steinkugeln, eine freilich schon etwas stark beschädigte Mundharmonika, ein Stück blaues Glas, um die Welt dadurch zu betrachten, ein halbes Blasrohr, einen alten Schlüssel, um nichts damit aufzuschließen, ein Stück Kreide, einen halbzerbrochenen Glasstöpsel von einer Wasserflasche, einen Bleisoldaten, ein Stück Seil, sechs Zündhütchen, ein junges Kätzchen mit nur einem Auge, einen alten messingnen Türgriff, ein Hundehalsband ohne Hund, eine Messerklinge, vier Orangenschalen und ein altes, wackeliges Stück Fensterrahmen. Dazu war er lustig und guter Dinge, brauchte sich gar nicht weiter anzustrengen die ganze Zeit über und hatte mehr Gesellschaft beinahe, als ihm lieb war. Der Zaun wurde nicht weniger als dreimal vollständig überpinselt, und wenn die Tünche im Eimer nicht ausgegangen wäre, hätte er zum Schluß noch jeden einzelnen Jungen des Dorfes bankerott gemacht.
Unserm Tom kam die Welt gar nicht mehr so traurig und öde vor. Ohne es zu wissen, hatte er ein tief in der menschlichen Natur wurzelndes Gesetz entdeckt, die Triebfeder zu vielen, vielen Handlungen. Um das Begehren eines Menschen, sei er nun erwachsen oder nicht, – das Alter macht in dem Fall keinen Unterschied – also, um eines Menschen Begehren nach irgend etwas zu erwecken, braucht man ihm nur das Erlangen dieses »etwas« schwierig erscheinen zu lassen. Wäre Tom ein gewiegter, ein großer Philosoph gewesen, wie zum Beispiel der Schreiber dieses Buches, er hätte daraus gelernt, wie der Begriff von Arbeit einfach darin besteht, daß man etwas tun muß, daß dagegen Vergnügen das ist, was man freiwillig tut. Er würde verstanden haben, warum künstliche Blumen machen oder in einer Tretmühle gehen »Arbeit« heißt, während Kegel schieben im Schweiße des Angesichts oder den Mont-Blanc erklettern lediglich als Vergnügen gilt. Ja, ja, wer erklärt diese Widersprüche in der menschlichen Natur?