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I.

Der kleine Junge, der Herrn Rousset täglich Mundvorräte zu bringen pflegte, fand an einem schönen Frühlingsmorgen die Gittertür, die zu seinem Hause führte, angelehnt, während diese sonst stets verschlossen war. Er stieß sie auf, durchschritt den kleinen, mit Kies bestreuten Vorgarten, stieg drei Stufen empor und legte die Hand an die Klingel. Da bemerkte er, daß auch die Tür zur Wohnung offen stand; zögernden Schrittes ging er durch das Vestibül bis zur Küche, die kalt und öde dalag; dann rief er mehrere Male erst leise, dann lauter:

Herr Rousset!

Niemand gab ihm Antwort.

Der Knabe mochte zwölf Jahre alt sein. Bei seinen Kameraden spielte er den Helden; er sagte, daß er den Krieg liebe, daß er nicht an Gespenster glaube. Aber allein, angesichts etwas außergewöhnlicher Dinge, war er durchaus nicht tapferer als ein anderer seiner Freunde. Gerade jetzt kam es ihm nicht ganz geheuer vor, wo er, ohne Erlaubnis, in die Wohnung eines mißtrauischen Sonderlings eingedrungen war, der nur drei Personen über seine Schwelle ließ – die Wäscherin, den Fleischerjungen und ihn, Jean Roche, den Sohn des Obsthändlers. Keinem von diesen war es je gelungen, bis zur ersten Etage zu gelangen; sie trafen sich gewöhnlich vor der Tür und gingen nach Erledigung ihrer Geschäfte wieder zusammen fort, indem sie sich eifrig über ihren sonderbaren Kunden unterhielten, den man in der Nachbarschaft gewöhnlich den Bären der Rue Boileau zu nennen pflegte.

Seit drei Jahren bewohnte er dieses trübselige Landhaus, galt für reich, zahlte pünktlich und gab ziemlich anständige Trinkgelder, flößte indessen, wie alle Leute, die in der Zurückgezogenheit leben, ein gewisses Mißtrauen ein. Dazu kam, daß sein Aeußeres in keiner Weise dazu angetan war, sympathisch zu wirken. Schwarz gekleidet, glattrasiert, mit stark ergrauten Haaren und einer niedrigen, faltenreichen Stirn, die Augen düster und beweglich, den Mund zusammengepreßt und die Nase scharf wie eine Messerklinge – so konnte er eher für einen Geistlichen oder einen Richter gelten. Aber man kannte seinen Beruf nicht. Zudem ging er sehr unregelmäßig aus, anfangs häufig, dann immer seltener, so daß sich die Nachbarschaft vergeblich bemühte, näher in das Leben dieses Sonderlings einzudringen.

Jean Roche legte mit einer gewissen Hast das Brot, die Flasche mit Milch, das Kilogramm Zucker und die Gemüse, die ihm seine Mutter für Herrn Rousset mitgegeben, auf den weißen Küchentisch nieder. Dann rief er noch einmal, und eilte, als er keine Antwort bekam, mit einem leichten Schaudern der Türe zu.

Herrn Roussets Gärtchen war schlecht gepflegt, aber die weißen Blüten einer Akazie verbreiteten einen lieblichen Duft und die Vögel sangen auf dem bestaubten Efeu, der an der Gittertür emporrankte. Die Akazie, die Vögel, der schöne Maienmorgen beruhigten Jean Roche und er ließ von neuem die elektrische Glocke spielen, die gellend widerhallte. Aber Herr Rousset erschien nicht.

Er ist sicherlich nicht weit gegangen, da er die Türen offen gelassen hat, sprach er zu sich.

Jean setzte sich auf eine Stufe und seine Phantasie begann zu arbeiten.

Ob ihn etwa der Schlag gerührt hat? – In diesem Falle wäre aber das Haus geschlossen gewesen … Vielleicht hat man ihn ermordet und beraubt …

Erregt sprang er auf und verließ den Vorraum. Gegen das Gitter gelehnt, betrachtete er aufmerksam die Wohnung. Alle Fenster waren geschlossen, jedoch nicht die Jalousien. Schmutzig gewordene Vorhänge verhüllten die Fensterscheiben. Ach, dahinter lag vielleicht Rousset, tot, in seinem Blute schwimmend!

Ein Pariser Gassenjunge findet bekanntlich an allen grausigen Dingen Gefallen, er begeistert sich für die blutigen Dramen, die sich in Zeitungsromanen, Vorstadttheatern oder auch in der Wirklichkeit abspielen, geht am Sonntag hinaus nach der Morgue und sieht mitunter wohl einen halben Tag lang an der Seine dem Suchen nach einem Ertrunkenen zu. Die Feigheit allein hinderte Jean Roche, jetzt in das Haus hineinzugehen und dem Tod, dessen Bild er sich soeben in seiner Phantasie ausgemalt hatte, ins Angesicht zu sehen. Aber es schien ihm doch nicht geheuer vorzukommen, sich so allein in unmittelbarer Nähe eines Wesens zu befinden, das bereits einer andern Welt angehörte. Mit stillem Bedauern trat er auf die Straße hinaus. Es wäre so schön gewesen, seinen Freunden sagen zu können: Ich war es, der das Verbrechen entdeckt hat, ich war der erste …

Während er dieses Thema weiter ausspann, bemerkte er in dem kleinen Tischlerladen, der Roussets Haus gegenüber lag, einen Lehrjungen seiner Bekanntschaft. Er ging hinein und erzählte ihm seine Wahrnehmungen. Der Meister, der zugehört hatte, sagte: Ich will schon hinter das Geheimnis kommen, und während alle drei hinübergingen, hatte Jean Roche seinen Mut wieder gefunden.

Der Tischlermeister ließ mehrere Minuten lang die Glocke ertönen, daß es schrill widerhallte, dann sagte er:

Also, hinein!

Hinein, wiederholte Jean.

Du mein Gott, der arme Mann wird gewiß krank sein und nicht aufstehen können.

Sie brauchten nicht lange zu suchen. In dem gleich an der Treppe gelegenen Zimmer, dessen Flügeltüren weit geöffnet waren, hing Rousset an der Rosette des Plafonds, wie ein Kronleuchter. Die Kinder schrien auf und liefen davon. Der Meister, bleich vor Entsetzen, stieg auf einen Stuhl und schnitt die Schnur entzwei, indem er den Leichnam an der Achsel festhielt. Seine Last hätte ihn beinahe vom Stuhl geworfen. Er ließ ihn los und der Tote, steif, mit blauer Gesichtsfarbe und schrecklich aufgerissenen Augen, fiel dumpf auf das Parkett.

Hastig entfernte der Tischlermeister die Schnur, die Rousset erwürgt hatte, dann verließ er schnell das Zimmer, die Hand an die Stirn pressend, auf der eisige Schweißtropfen perlten. Draußen standen schon in Gruppen Passanten und Nachbarn, die durch die Kinder von dem tragischen Ereignis unterrichtet worden waren. Bald erschien auch die Polizei. Der Kommissär fand auf dem Schreibtisch zwei Briefe vor. Der eine war an ihn selbst gerichtet und enthielt nur die Worte:

›Ich bitte, niemand des Mordes zu verdächtigen‹.

Der andere lautete an die Adresse von Herrn Jules Mirebel, Mitglied des Instituts, und der Kommissär zögerte angesichts dieses berühmten Namens keinen Augenblick, ihm das Schriftstück zustellen zu lassen.


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