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Eine Schwäche der Nerven hatte das Geständnis verhindert, zu dem Christian am Weihnachtsabend bereit gewesen war. Er hatte es sich gesagt sein lassen und schwieg. Die beiden Feiertage im Doktorhaus lagen in seiner Erinnerung wie zwei Inseln, schwebend zwischen Himmel und Horizont, rosiges Gewölk in einem fremden Blau, das ihm wie aus einem viel früheren Leben her dennoch bekannt war.
Er lag damals stundenlang auf dem Diwan, die Hände unter dem Kopf verschränkt, und sah zur Decke, die leise auf und nieder schwankte; Brigitte kam ab und zu heran, setzte sich für eine Weile zu ihm, fühlte nach seiner Stirn, bereitete Limonaden, schälte Früchte und ging wieder, so leise, wie sie gekommen war. Sie fragte ihn nach gar nichts, wenigstens mit Worten nicht. Aber ihre Augen waren fragend auf ihn gerichtet; er sah es wohl und lächelte tief drinnen, glücklich und verschmitzt; sie waren groß und hell, herrliche Augen, wie sie kein zweites Menschenkind besaß, kein Hinterhalt, kein Lauern, kein heimliches Wissen – nichts als eine ernsthafte, weit offene Frage, eine Kinderfrage an das böse Leben, aber voll Vertrauen und ohne Argwohn.
Es roch nach Tannennadeln und Bäckerei, im Ofen sang das Feuer und draußen stand ein grünblauer Himmel über dem weißen Land. Was doch alles mit einem geschah! Christian war zumute, als hätte es ihn um einige Stufen hinaufgetragen, seit er Ljuba begegnet war. Von hier aus hatte das Leben ein älteres Gesicht. Wenn er an die Ruthenin dachte – und sein Denken an einen Menschen war jedesmal so inständig, daß er leibhaft bei ihm zu sein glaubte – dann liebte er von dorther seine Braut mit einer neuen Liebe, einer kühleren, aber gerechteren, duldsameren, selbstloseren. Saß aber Brigitte neben ihm, dann konnte es plötzlich sein, daß er mit unsäglichem Verlangen an Ljuba dachte, daß sein Schweigen, mit dem er das geliebte Kind ansah, stumm nach dem Mund der anderen schrie. So hielt er sich die zwei Tage in einem schwebenden Zustand, in einem Hier und Dort und eigentlichen Nirgends, fühlte sich reich und zugleich verarmt, wissend und unentschieden und nie vorher hatte er so deutlich empfunden, was es heißt, gelebt zu werden statt zu leben.
Dann war wieder die tägliche Arbeit da, er setzte seine Besuche im Doktorhaus fort, niemand sprach von seiner Entgleisung am Weihnachtsabend. Jeden Donnerstag – die Donnerstage waren an den Landschulen Ferialtage – kostete es einen lächerlichen und doch mit der Zeit zermürbenden Kampf, um nicht auszureißen; die Lockung, zu Ljuba zu fahren, wuchs mit jedem Sieg, den er sich abnötete. Er schrieb ihr Briefe und zerriß sie wieder; er sah tagelang den großen weichen Mund vor sich und es geschah ihm, daß er ihn sich mit aller Gewalt vergegenwärtigte, während er Brigittes festes Lippenpaar küßte.
Damit begann es. Er spürte, daß diese Art zu lügen ärger war als die mit Worten, sah sich mit wachsender Verachtung zu, wie doppelgesichtig er es trieb und war doch nicht Manns genug, reinen Tisch zu machen. Er gehörte wohl zu den Männern, die an jedem Weibe wachsen, das ihnen in die Quere kommt, aber da es jedesmal mit Haut und Haar, mit allen Sinnen und der ganzen Seele um ihn geschehen war, taugte er nicht zum Don Juan.
Anfangs Februar hielt er es nicht mehr aus. Wie ein Bub, der hinter die Schule geht, voll schlechten Gewissens und erregender Vorfreude, fuhr er in die Stadt.
Die Straßen waren hell und funkelnd, Schmelzwasser stand im Rinnstein und spiegelte blitzend das Licht. Eine Ahnung vom Kommenden war in der Luft, ein fröhliches Sichrüsten, ein geheimes Lächeln vor dem Umschwung.
Christian fand das Haus nicht mehr, in welchem Ljuba wohnte. Er schlenderte die Straße ein paarmal auf und ab, dem Zufall vertrauend, dem leichtsinnigen Helfer der Liebenden. Er war glücklich über den großartigen Tag. Die Straße lag in der mittaglichen Sonne, da und dort bewegte sich ein offener Fensterflügel im Wind – dann lief ein gespiegelter Lichtfleck über die Hauswand gegenüber; der Schmutz, durch den die Autos klatschten, war durchmischt mit reiner Himmelsbläue.
Aber der Zufall ließ ihn im Stich; sie kam nicht. Auch gleich, dachte er belustigt und genoß schon die Leichtheit des Gewissens voraus, in der er Brigitte von seinem Ausflug erzählen würde. Er besorgte einiges, kaufte Bonbons für sie in einer hübschen Packung, sah nach der Uhr und fand, daß er noch eine Stunde bis zum frühesten Zug habe, setzte sich in das Café, das er in seinen Studentenjahren viel besucht hatte, nahm einen Platz am Fenster und freute sich unbändig des Lebens.
Nein, er war nicht anspruchsvoll, wenn es Brigittes Eltern auch manchmal so schien. Es genügte zu seinem Glück, hinter dieser großen Glasscheibe zu sitzen und auf die Straße zu blicken, in einer Schneelache den ganzen Himmel zu haben, in einem baumelnden Fensterflügel den Anbruch des Frühlings. Wie jung er doch war und wie überschwenglich! Herrlich, herrlich war das Leben in jedem kleinsten Ding. Durch die Leute, die vorübergingen, schien ein Aufatmen zu gehen, ein Sichregen der Leiber unter den Wintermänteln; Frauen sah er, sie waren allein und lächelten der Luft zu, die ihnen entgegenfloß.
Einen Augenblick lang blieb ihm der Atem stehn und das Herz zuckte in süßem Schrecken zusammen – dort bog sie um die Ecke, sie hing einem jungen Kerl im Arm und lachte zu ihm auf – ja, das war der Mund, der ihn Tag für Tag lockte, der weiche Schritt, der herrscht, indem er sich schmiegt. Er konnte die Augen nicht wegtun von ihr – ja, so hing sie ihm selber im Arm, in jener Märznacht im Dezember, so lachte sie, so liebte sie ihn.
Er konnte es nicht glauben, aber sie kamen wahrhaftig auf das Café zu, in dem er saß, sie traten ein und gingen durch die Reihen leerer Tische, hinter ihm vorbei – er sah zwei dunkel verschwimmende Schatten im Fenster – sie setzten sich nicht weit von ihm und lachten und plauderten in einer fremden, etwas zu süßen Sprache, es war polnisch, er verstand hin und wieder ein Wort, hergeweht aus längst verstorbenen Jahren.
Er ertrug es nicht länger, mit dem Rücken zu ihr zu sitzen, und wechselte den Platz. Die beiden waren ganz unter sich, er kannte die bannende Kraft, mit der Ljuba einen Raum für zwei allein zu schaffen verstand, mitten unter anderen Menschen eine unsichtbare, aber zu fühlende Kammer der Liebe. Als sie ihn zum erstenmal anblickte und ihn wiedererkannte, erblaßte sie ein wenig, dann lächelte sie ihm zu und dankte für seinen Gruß. Er zahlte und wollte gehen; aber während er nach Mantel und Hut langte, stand sie schon neben ihm, und alles war vergessen, Brigitte und sein leichtes Gewissen, das atmende Leben vor ihm war stärker als er.
Du bist lange ausgeblieben. Warum?
Er konnte nicht antworten, es war wieder so wunderbar wie damals.
Sie sah nach der Uhr, zog die Brauen hoch, bedeutete ihrem Begleiter, daß sie gleich komme, und fragte Christian mit der tieferen Stimme, die ihr in der sinnlichen Erregung zu eigen war:
Willst du abends, nach sieben, zu mir kommen? Ich wohne aber nicht mehr dort.
Sie nannte Straße und Hausnummer, sah ihn mit einem Gesicht an, das wie unter dem würgenden Griff des Verlangens beim Ersticken war, und kehrte an ihren Platz zurück. Sie hatte ihm nicht Zeit gelassen zu antworten, er hätte auch nicht gewußt, was sagen, er war fortgenommen von ihrem Blick, der unter den Wimpern dunkel schwelte.
Dann ging er durch die Straßen der Stadt, er glaubte, aus nichts mehr zu bestehen als dem einzigen Gefühl, verzaubert zu sein. Als er allmählich zu sich kam, wurde er gewahr, daß er den Zug versäumt hatte. Aber eine Stunde später ging wieder einer.
Er eilte, ohne es zu spüren, den Fluß entlang, es war der gleiche Weg, den er damals nach dem Konzert gegangen war, er kam ins Freie, ohne es recht zu merken. Wie betäubend, sich immer wieder vorzusagen: Willst du abends, nach sieben, zu mir kommen? Er dachte an nichts als diese paar Worte, sie schienen nicht mehr der Sprache anzugehören, es waren hautwarme, entkleidete Wesen, die er liebkoste und denen er bebend erlag. Er sah den Fluß nicht, nicht sein winterlich stilles Grün zwischen den weißen Flächen, nicht den Panzerglanz der besonnten Berge, er sah nur ihr Gesicht und zitterte vor diesem Mund, der sich ihm nackend darbot. In Bildern, gesättigt von Blutwärme, wurde ihm sein Empfinden bewußt: da war das Leben eine Frucht, gepflückt im höchsten Augenblick der Reife, knapp bevor sie selber fiele, und er schälte sie, legte mit zuckender Hand den innersten Kern bloß. Dann wieder schloß er alle zehn Finger in lustvollem Krampf zu Fäusten, ein herrlicher Griff in ihr strähnig glattes Haar. Es war ein Reichtum in ihm, daß er den Tod hingenommen hätte, ohne mit der Wimper zu zucken. Begehren und Begehrtwerden in solchem Maß – was konnte das Leben hernach noch sein? Gab es mehr als diese aufs äußerste getriebene Spannung vom Scheitel bis zur Sohle? Mochte es auch wahr sein, daß in diesem Augenblick eine Verarmung an Welt eintrat wie nie zuvor, ein Absterben all dessen, was Traum und Sache des Mannes ist; mochte auch der Reichtum, den der junge Mensch erlebte, in nichts anderem bestehen als in einer gewaltigen Häufung seines Ich – das Gefühl trog nicht, daß es dem Menschen verhängt sei, in der Stunde der Wollust und des Todes nichts als sich allein zu haben.
Es kostete ihn nicht einen Augenblick Überlegung, was er zu tun habe; er nahm den Sechsuhrzug und ging durch die lautlose Nacht auf Straßpoint heim, namenlos glücklich darüber, wie sättigend das gestaute Gefühl sich löste und ihn bis ins feinste Geflecht seines Wesens mit stiller Kraft versah.
*
Diese Kraft reichte eine Weile aus; er blieb den ganzen Februar über im Dorf. –
Ende des Monats saß Brigitte eines Abends am Fenster und sah Christian nach, der den ganzen Nachmittag bei ihr gewesen war. Er wandte sich ein paarmal um und winkte; dann nahm ihn der Hohlweg auf und das kleinflockige Gestöber, das aufs neue einsetzte. Es hatte den ganzen Tag immer wieder geschneit, stoßweise und aus dünnbewölktem Himmel.
Christian war gleich nach dem Essen gekommen und hatte die Geige mitgebracht. Brigitte besann sich keines Zusammenseins mit ihm, das sie inniger beglückt hätte als das heutige.
Seit zwei, drei Wochen schien er ihr auf eine gute Art verändert: sein Blick oft und für lange in den ihren versunken, voll nachdenksamem Lächeln, seine Heftigkeit gleichsam von einem verschwiegenen Wissen her beherrscht, sein Lachen tiefer und voller, wie aus einem breiten Strom geschöpft, der ihn durchströmte; es war, als sei er in ein Alter gewachsen, auf das ihr Wesen leichter und vertrauensvoller erwiderte.
Sie hatten Mozartsonaten gespielt. Er verstand es so gut, sie über Schwierigkeiten hinwegzureißen, er selbst spielte nicht gerade schön und auch technisch nicht sauber genug, aber mit einer Musikalität, die jeden Satz klar machte, weil sie den Linien des Grundplanes folgte, nach dem er gebaut war. Er liebte an Mozart nicht so sehr die spielerisch graziöse Anmut, um deretwillen er in aller Leute Munde ist, sondern die zarte Melancholie, das verhaltne Schluchzen, das tränenstumme Lächeln. Er wies sie hin auf seinen kecken Griff ins Volkstümliche, seinen himmlischen Übermut, seine tödlichen Akzente. Dabei sprach er kaum über das Werk, es waren vielmehr Liebesworte für den Menschen, der es gemacht hatte, und für den Menschen überhaupt, für die innere Welt des Menschen, in der er sich auszukennen schien wie auf dem Spielhof seiner Kinderzeit. Sie lernte ihn dabei besser verstehen, als wenn er von sich erzählte.
Nach dem Spielen hatten sie über dies und das gesprochen, auch über die Heirat und seinen Plan, von hier fortzuziehen. Sie hatten eine Weile in Möbeln, Gärten und Wohnungen geschwelgt und Stunden des Beisammenseins vorausgenossen, Abende beschworen, an denen sie ins schwindende Licht blicken und schweigen wollten, bis die Sterne aufgingen. Ein friedliches Glück war von solchen Bildern ausgegangen, wie es Brigitte noch nie erfahren hatte. Dann war er mit einem derben Scherz gegangen, als schüttelte er etwas von den Schultern, was er nicht gerne trug, und sei es noch so hold und leicht.
Da er nun ihren Blicken entschwand, der sonderbare, schwierige Mann, der liebe, kam eine Weichheit über sie, ein Nichtmehrwissen, wohin mit sich, daß ihr der hereinbrechende Abend hinter Tränen zerschwamm. Sie quollen warm und tiefer herauf als bloß von dort, wohin das Glück noch reicht; denn tiefer als dieses ruhige Glück lag das Gefühl des Lebens selbst, und die Wurzeln dieses Gefühls rührten allseits an das Dunkle.
Sie hörte sein Lachen noch einmal, mit dem er gegangen war, und da wußte sie, sie würde es ihm nie sagen können, wie es um sie stand. Jetzt so wenig wie vor zwei mal vier Wochen, als sie Tag für Tag ängstlicher auf das Zeichen ihres Leibes wartete, daß alles in Ordnung sei. Sie ging damals rastlos herum, ihre Hände zitterten bei jeder Arbeit, sie verwirrte sich im Gespräche, wagte der Mutter nicht ins Gesicht zu sehen. Das Warten war an manchem Tag so qualvoll geworden, daß sie, bebend vor Schwäche, minutenlang vor der Tür zum Sprechzimmer ihres Vaters stand; dann konnte es sein, daß ihr die lauernden Nerven ein schwaches Ziehen im Kreuz zu melden schienen, und sie aufatmend in ihr Zimmer ging, mit allen Kräften der Hoffnung in ihren Körper vertieft, bis sie der Täuschung inne ward und hilflos in sich hineinweinte. Christian war damals gerade die ganze Woche über ausgeblieben.
Dann wußte sie eines Tages, daß sie umsonst wartete. Ihr Körper, von strengster Ordentlichkeit auch in seinem Unterworfensein unter das Geschlecht, hatte sie nicht betrogen. Sie lag eine Nacht lang wach. Alle Stufen der Angst, des Alleinseins, des Gerichts über sich selber, der völligen Ausgesetztheit durchlitt sie. Hatte sie um der einen blinden Stunde willen so viel Marter verdient? Sie dachte an den Vater und konnte sein gutes Gesicht nicht mehr ohne Tränen vertragen; die Mutter – nein, sie mußte es verschweigen, so lange es sich nur verschweigen ließ. Aber einmal – es ist unausweichlich – kommt es an den Tag. Wenn sie in die Stadt führe und es sich nehmen ließe? Es wäre leichter davon zu reden, wenn sie sich seiner entledigt hätte. Aber es war nur der Kopf, der so dachte und wollte; alles Gefühl widersprach dem.
Da steht sie in ihrer Ratlosigkeit auf, ihr ganzer Leib schlottert vor Todesangst, die Haare hängen ihr schweißnaß im Nacken. Immer rascher hat es sich im Kopf gedreht, weiß und grausig ist immer wieder der gleiche Gedanke obenauf gekommen, und nun ist er ein einziger blendender Schein in der tödlichen Finsternis. Sie fühlt nicht, daß es kalt ist im Zimmer, sie fliegt zur Tür, über den Gang, in traumsicherer Eile, dann steht sie vor dem Schrank im Sprechzimmer des Vaters, sie weiß, wo die Gifte liegen, aber da ist die Glastür versperrt, sie tastet den Schreibtisch ab, zieht Schubladen heraus, ihre Hände flattern, sie findet den Schlüssel nicht, dort hängt der weiße Mantel des Vaters, sie gräbt in den Taschen – nichts – aber ein Instrument aus schwerem Metall bleibt ihr in der Hand. Was hilft's, es muß sein. Scherben klirren zu Boden, sie zieht die Splitter aus dem Rahmen –, da steht der Vater hinter ihr.
Sie ist plötzlich ganz nüchtern. Und da lügt sie ihn zum erstenmal im Leben mit kaltem Bewußtsein an; und ist merkwürdig geschickt im Lügen:
Sie brauche ein schmerzstillendes Mittel; es sei ihr noch nie widerfahren, aber diesmal hätte sie unerträgliche Schmerzen. Sie habe ihm nichts sagen wollen, um ihn nicht zu erschrecken.
Der Vater sah sie lange an. Nein, sie weinte nicht, sie hielt stand. Glaubte er ihr? Es war ihr gleichgültig, sie durfte keinen Augenblick ihre Haltung verlieren. Er gab ihr zwei Pillen und brachte sie zu Bett. Sie schloß rasch die Augen, um es nicht sehen zu müssen, wie er mit dem Fortgehen zögerte, weil er sich nicht zu entscheiden vermochte, ob er reden sollte oder nicht. Sie nahm so deutlich wahr, wie er sich quälte, als sähe sie ihn durch gläserne Lider. Sie wußte, er würde gehen, ohne Wort, und hörte ihn kaum vernehmbar seufzen, als er sie verließ.
Sie hatte tief geschlafen und als sie spät am Vormittag erwachte, wußte sie, es war überstanden. Immer öfter kam von nun an ein neues, seltsames Gefühl über sie, anfangs ganz körperlich: eine gesunde Wärme von innen nach außen, ein angenehmes Schwersein bis in die Fingerspitzen, ein fühlbares Durchströmtwerden. Dann griff es auf das Gemüt über: die Angst trat zurück, sie war Mutter geworden und sagte mit jedem Atemzug ja dazu.
Dort stieg er in seine Einöde hinauf und wußte nichts von alledem. Wie trüge er es? Sie mußte es auch ihm verschweigen, aber es gab nun keinen Menschen mehr für sie auf der Welt als ihn. Sie ließ die Tränen in den Schoß fallen und da es Tränen der zärtlichsten und zugleich behütetsten Tiefe waren, würden sie dem Wesen nicht schaden, das ihr unter dem Herzen wuchs.
Der Taxer war bald nach seiner Heimkehr mit einem Bogen von Hof zu Hof gegangen, um Unterschriften zu sammeln. Er hatte ihrer mehr zusammengebracht, als er erwartet hatte, und schickte das Ergebnis mit einem Begleitbrief an die bischöfliche Kanzlei.
Diesen Begleitbrief hatte er mit Christian durchbesprochen, und der Pfarrer ging nicht weit fehl, wenn er der Hinterträgerin dieser Heimlichkeit – es war eine der beiden Taxermägde – glaubte, daß der Text vom Lehrer stamme.
Am ersten Sonntag nach der Unterschriftensammlung sah es mit dem Kirchenbesuch trostlos aus. Nicht einmal die Kinder waren vollzählig vorhanden. Ein großer Teil der Leute, die unterschrieben hatten, kam schon von der Frühmesse aus der Nachbargemeinde zurück, als es in ihrem Dorf zum Gottesdienst läutete. Ein paar Alte und die geeichten Anhänger des Pfarrers standen im Friedhof herum, ein klägliches Häuflein, dem die einen in finsterer Befangenheit, die anderen mit beziehungsreichem Grinsen begegneten. Der Pfarrer ersparte sich die Predigt, Christian hielt die Aufsicht über die Kinder, die Kirche blieb stumm.
Am nächsten Sonntag war schlechtes Wetter. In die Nachbarpfarre brauchte man dreiviertel Stunden hin, eine Stunde zurück. Ausnahmsweise durfte man sich wohl einmal den Weg schenken. Die einen blieben ganz daheim, die anderen kamen zur Messe, wenn auch mit deutlicher Absicht ein Stück zu spät. Aber es tat wohl, wieder in den gewohnten Bänken zu knien, auch war man unter sich und brauchte sich nicht begaffen zu lassen. Am fünften Sonntag – glasklares Winterwetter – war die Kirche wieder ganz schön voll, die Sänger wollten singen, sie seien es so gewohnt, Christian saß an der Orgel, der Pfarrer predigte, ein paarmal vermochte er sich das Schmunzeln nicht zu verhalten, aber er rührte mit keiner Silbe an die Sache. Eine Woche darauf wußte der Taxer, daß er verspielt hatte.
Der Schmied, der Valterer und er waren die einzigen, die den Hohlweg heraufstapften, als die Glocken zum Gottesdienst riefen. Der Pfarrer hatte auf den Streik mit einer einzigen Maßnahme geantwortet: er ließ mit dem Läuten etwas früher beginnen und es etwas länger dauern. Diese Mahnung durch den Mund der Glocken ging tiefer als je eines seiner Worte gegangen wäre; es kommt leicht ein klagender und anklagender Ton in ihren Klang, wenn sie länger läuten als man es gewohnt ist. Und die Bauern hörten diesen Ton, sie besaßen ein gutes Ohr für alle wortlosen Klänge. Dahinter aber vernahmen sie den Vorwurf ihres Hirten und beugten sich seinem Rufen um so williger, je deutlicher es sich hinter dem Geläute verbarg.
Die letzten drei! sagte der Taxer zu den beiden, als sie die Höhe des Talbodens erreicht hatten, über den Männer, Frauen und Kinder der Kirche zustrebten.
In seinem Gesicht hatte eine Weile der Hohn die Überhand; dann fiel es wieder in die verdrossenen Falten zurück, die es seit der mißglückten Vorsprache beim Bischof durchzogen. Er blieb stehen und spuckte aus.
Scheißkerle, alle miteinander! Bei den Weibern ist's kein Wunder, bei den alten Krachern auch keins, aber die Jungen! Das unterschreibt und verspricht und redet wie gedruckt – und hat Knochen aus Kerzenwachs und im Schädel nichts als viel Platz. Der Bichlacher und der Einwaller – Pfui Teufel!
Damit ließ er die beiden stehen und ging heimzu.
Seit der Hannes auf der landwirtschaftlichen Schule war, lag die meiste Arbeit auf ihm. Aber sie freute ihn einmal gar nicht. Er hatte sich selber so gewaltig vortriumphiert, als er die Unterschriften im Sack hatte – es war zu früh triumphiert gewesen; er hatte zweimal auf den Tisch gehauen: Straßpoint ist nicht feil! – Straßpoint war schon lange feil und nun war es dahin; die Taxerin kränkelte seit Weihnachten, alles lief ihm gegen den Strich, nichts ging mehr gradaus. Das grub Falten ins Gesicht, das duckte die Schultern nach vorne und war ein dumpfes Gewicht im Kopf. Mit dem Pfarrer war es aufzugeben, das führte zu keinem Ende; die Alte muß zum Doktor, morgen schon; der Hannes soll wieder her – landwirtschaftliche Lehranstalt? Flausen. Was der Junge zu wissen hat, lernt er von mir, was darüber hinausgeht, ist mehr als bloß unnütz, kostet nur Geld. Aber Straßpoint – ja, Straßpoint! Der Bauer bleibt stehen. Das streckt ihn, das reckt ihn. Ein Pfahl im Fleisch? Gewiß; aber einer, der wohltut, ein Pfeiler im Fleisch, gleim gewachsenes, urgesundes Holz.
Er sah über die Felder hin, die noch unter dem weißen Leintuch lagen; aber in der Luft war schon was zu spüren. Rührte es sich im Boden schon, regte es sich im Schlaf, das nackte braune Leben unter dem eiskalten Leintuch?
Nächste Woche ist der erste März, sagte er laut zu sich selber. Und Ende März will er ziehen, der Jörg. Dann konnte der Kampf angehen, ein feiner, ein heikler Krieg – er freute sich darauf.
Da sah er, wie der Schmied, mit dem er von der Messe heimgegangen war, sich vom Wast trennte und zur Kirche hinaufging – der Taxer hatte gute Augen in die Weite – eilig schien es der Schmied zu haben, er nahm zwei Stufen der Friedhofstiege auf einmal und verschwand durch die offene Kirchtür.
Da lachte der alte Taxer ein einziges Mal laut auf, böse und gut in einem, und trat ins Haus.
*
Das Leben des Dorfes geht weiter. Mag auch jeder noch so straff am selbstgedrehten Seil hängen, mag er zappeln und reißen daran – die Arbeit muß getan werden, die Erde wacht auf, die Wälder schütteln den Schnee ab, vom Berg gehn die Wasser nieder, der Atem, der alle trägt, ist so groß, daß das Gekeuch des Leidens und der Mühsal nicht aufkommt gegen ihn. Er atmet jeden aus, damit er für eine Weile da sei auf dem wiesengrünen Stern, und atmet ihn wieder ein, wenn seine Zeit vorbei ist.
Der März war gewaltig über das Land gekommen. Ein Brausen Tag und Nacht, Wasser und Wind allerorten, so beginnt aufs neue das Leben.
Christian lag jeden Mittag auf der Bank vor dem Hause, die Sonne prallte gegen die weiße Mauer, vom Wald kam das unaufhörliche Rauschen, die ersten Fliegen fuhren heftig summend durch die blanke Luft. Er war braun geworden in dem ungebrochenen Licht und fühlte sich gesund wie ein gesundes Tier. Es war die Zeit der schönsten Fahrten durch den Schnee, der sonnseitig schon verfirnte. Dunkel brennendes Blau – und immer deutlicher das Gefühl, daß unter dem Weiß das triebhafte Braun heraufdrängte, unter dem schönen Tod das schönere Leben. Schon brach es auf den Talwiesen hervor, und das Wissen berauschte, daß alles noch einmal begann. In das Strauchwerk schoß blutrot der Saft, und wenn es gegen den Himmel stand, schien sich das Blau im Gezweig zu entzünden und purpurn zu brennen. Dann war es ein unsägliches, schattenloses Glücksgefühl, an der heißen Lärchenwand einer Bergscheune zu lehnen, das Feuer der Sonne zu riechen, das an den trockenen Balken brannte, und bis in jede Zelle satt und schwer von sich selber zu sein. Vom Tal herauf die ersten Amselrufe, neben windzerfressenem Schnee der erste Krokus.
Ja, es begann alles noch einmal. Es geschah wie zum erstenmal, überwältigend neu und doch erstickend mit namenloser Erinnerung. Noch war nichts bloß Wiederholung, noch wuchs ihm mit jedem Frühling ein neues Aug, ein feineres Ohr; zu immer dichteren Maschen spürte er das Netz seiner Sinne geknüpft, mit dem er die Welt fing.
Die Burgl spülte Stiege und Hausgang, sie ging mit Kübeln aus und ein, praßte mit Wasser und lachte ihm entgegen, wenn er ihr von der Bank her satt und träge zublinzelte. Sie hatte den Kittel hochgeschürzt, der kurze, rotwollene Unterrock ließ ihre strammen Beine sehen, und wenn sie sich über das Wasserschaff bückte und den Spülhuder auswand, leuchtete das mattweiße Nackt über den Strümpfen.
Christian hatte Zeiten, in denen er zu keinem Gespräch imstande war; ein paar Worte über das Wetter war dann alles, was ihm einfiel. Es gab aber auch Tage, an denen er völlig ungehemmt zu sagen vermochte, was er sich dachte, und er sagte es dann genau so, wie es ihm durch den Kopf fuhr. Dies war in den Zeiten seiner besten Gesundheit der Fall, und wenn seine Worte dann auch von einer schamlosen Aufrichtigkeit waren, sie verletzten doch nicht, sie verblüfften so sehr, daß das Opfer errötend mitlachte.
Während die Großdirn das Schaff ausschwenkte, sagte er:
Du bist schön, Burgl, und je mehr man von dir sieht, um so schöner. Das ist nicht bei allen so. Du brauchst nicht viel anzuhaben, um einem zu gefallen, im Gegenteil.
Sie richtete sich lachend auf.
Du verlierst zwei Haarnadeln, fuhr er fort; du weißt wohl, was das bedeutet. Sie denken beide an dich, der Jörg und der Gasper. Welchen wirst du dir eintun? Der Gasper wird diesen Monat frei.
Sie griff mit beiden Händen nach dem doppelten Kranz ihres Haares und drückte die lockeren Nadeln in die Zöpfe. Es gab keine anmutigere Bewegung an einem Mädchen, als wenn es nach seinem Haar langte. Christian ließ sie zu keiner Antwort kommen. Er lag noch immer auf der Bank, die Arme unter dem Kopf verschränkt, und blinzelte in die Sonne. Ihre Wärme lag körperhaft auf ihm und wenn er die Augen schloß, konnte er sich einbilden – und das sagte er nun zur Burgl, so wie es ihm durch den Kopf schoß:
Hast du das schon einmal gespürt: die Sonne sitzt mir mitten im Gesicht, heiß mit ihrem nackten Hintern. – Du mußt ans Heiraten denken, bevor der Gasper kommt. Muß ich mir's an den Knöpfen abzählen, welchen du nehmen sollst? Mich willst du wohl nicht, oder?
Es schlug dreiviertel eins, er mußte zur Schule. Die Burgl stellte das Schaff an die Wand zum Trocknen.
Was du zusammenredst, Lehrer!
Sie ging mit Christian ins Haus. Hier war es übermäßig dunkel nach der blendenden Helle draußen. Er schlang ihr von hinten den Arm um den Hals, faßte sie am Kinn und bog ihr den Kopf weit zurück.
Du bist ein verdammt schönes Weibsbild, du. –
Sie hatte leise aufgeschrieen, aber nun hielt sie atmend still, ihr Blick schwamm dunkel unter den halbgeschlossenen Lidern, ihr Mund stand wartend ein wenig offen und lächelte willig.
Christian war hellwach. In einem einzigen Augenblick sah er sich und das Mädchen als Paar so im Hausflur stehn, zuerst mit seinen eigenen Augen, dann mit denen Brigittes, mit denen ihres Vaters, mit denen Jörgs und Gaspers, und der Genuß an der Szene, die er da sah, wuchs, kein Schatten von Reue trübte ihn; die Sonne sang im Blut, als er den dargereichten Mund küßte. Nicht einmal, immer wieder küßte er ihn, in langen, lustvoll entblößenden Zügen, bis sie ihm erstickend im Arm lag und sich ihm heiß in die Glieder drängte, die sie umschlangen.
Er gab sie lachend frei und ging zur Schule. Er sprang den Hügel hinab und freute sich an jedem apern Fleck, der naßschwarz aus dem allgemeinen Weiß brach. Die Bäume troffen vor Nässe, ihre Äste waren gereckte Schlangen, denen die Haut über gespannten Muskeln glänzte. Das Blau über dem Berg lockte fort. Achtundzwanzig Jahre alt – und sich festnageln lassen an ein und denselben Fleck Erde? Schien nicht überall die Sonne auf die nackte Haut, daß man bebte und sich wand vor Entzücken? Allerorten ist die Welt rund und darüber steht das Gitterwerk der Sterne; erst dahinter ist das hohle Nichts; was immer unter den Sternen liegt, ist Heimat.
Wir haben es im Krieg gelernt, als wir über die Grenzen marschierten. Da streckte sich die Erde unter unserem Schritt in die Länge und Breite, Wald ging über in Wald, Acker in Acker, Himmel in gleich blauen Himmel, und der Fluß band alles aneinander und war in der Landschaft das langsam klopfende Herz. Wir waren so arm geworden – oder so reich? – daß ein regenverwischtes Strohdach über gestampftem Lehm Heimat, Abend, Frieden und Kindheit war. Wenn uns das Marschieren oft ohne Sinn erschien, weil wir heute nach Osten, morgen in gleicher Eile nach Westen zogen, den einen Sinn hatte es: wir wußten wieder, was die Erde war, daß der Boden, den wir traten, heimlich das eigentliche Ziel sein mußte. Gehen, Rast und kurzer Schlaf, Aufbruch, Gehn und kurze Rast – wir waren wieder Schreitende über die Erde geworden, und wenn wir um das Feuer saßen, war es das erste, uralte, heilige Feuer, und wir behüteten es vor dem Regen wie ein Kind. Aber auch der Regen, der tagelang vom Himmel floß, war wieder richtiger Regen, er näßte uns bis auf die Haut, und wenn uns der Wind trockenblies, war es wie der erste Wind, der über die junge Schöpfung wehte, als sich das Feste von den Wassern schied. Rauch, der aus fremden Hütten stieg, war Rauch der Heimat; der Stall, in dem wir lagen, war unser Stall, wir waren Besitzende und Preisgebende in einem, Wanderer, überall zu Hause, wo ein Brunnen lief und ein Herd rauchte. Dazu hat uns der Krieg gemacht, und seit wir aus ihm zurück sind, fällt es uns schwer, zu warten und zu bleiben; wir haben uns das Sitzfleisch wegmarschiert.
So waren diese Tage anfangs März: eine immer stärkere Lockung in die Weite, ein stürmischer Gruß der Ferne über die ganze Erde hin bis ins enge Bergtal herein, wo sich Christian um sein Gleichgewicht mühte. Er erschien sicherer und männlicher vor Brigitte, aber er war es nicht. Was ihm diesen Schein verlieh, war gerade die innere Unsicherheit, der Unfrieden mit sich selber. Im jungen Menschen seines Alters und seiner Art sind vielfältigere Möglichkeiten zwischen heilig und verrucht, heldisch und hündisch als im reifen Mann. Und wenn er sie spürt, trägt er schwerer daran als der Mann an dem Seinigen. Die Auswege aus seinen Zwiespälten sind oft unbegreiflich für die Alten, sie entspringen keiner Vernunft oder doch einer anderen als der geläufigen. Hinreißend, sagen die einen, verrückt, die anderen, unverantwortlich, die dritten.
Nachts träumte Christian vom Kriege. Er hatte in den ersten zwei Jahren nach seiner Heimkehr unter solchen Träumen viel gelitten; drei-viermal in mancher Woche sah er sich nächtens der Front wiedergegeben. Oft war es so grauenhaft, was er noch einmal durchzustehen hatte, daß er mit einem Schrei erwachte, mit kaltem Schweiß bedeckt, bis gegen Früh wach lag und dann in einen schweren, schwächenden Schlaf fiel.
Als er zur Schule ging, versuchte er den Traum dieser Nacht festzuhalten, aber er erinnerte sich nur an Stückwerk und eine seltsame Farbigkeit.
Über rote Hügel unter rotem Himmel kamen Russen in giftgrünen Uniformen herab, in tanzartiger Bewegung, schwebend wie in einem lautlos schönen Reigen. Dann lag er auf einmal an der Böschung eines Staukanals, der sein Wasser ins Turbinenhaus eines riesigen Elektrizitätswerkes schüttete. Er lag nackt im Gras und neben ihm lag die Burgl, den Rock zur Hüfte hinaufgeschlagen, und er fuhr ihr mit der Hand die Beine entlang, während er in den Himmel glotzte. Im Kanal schwammen russische Soldaten, laut lärmend, wunderbar übermütige Kinder mit bäurischen Bärten. Dann war plötzlich Alarm, die Badenden stiegen eilig aus dem Wasser, kleideten sich an und rückten vor. Nun erst sah er, daß er zwischen den Linien lag und schämte sich. Er wollte aufstehen, aber es gelang ihm nicht, die Burgl klemmte seine Hand zwischen den Knieen fest, er war auf eine törichte und lustvolle Art ihr Gefangener. Dann war die Landschaft wie auf einen Schlag in ein brandig schweres Braun getaucht. Er ging an Kriegerleichen vorüber, sie lagen in endloser Reihe wie schlafend da, und mitten unter ihnen, in einem abgerissenen Stadtanzug, der Wirtsgasper, im toten Gesicht ein blasses Lächeln. Bei seinem Anblick war er heftig zitternd erwacht.
Eisenheller Märzmorgen. Der Wind fuhr durchs Tal hinaus, im Süden lag dunkles Gewölk, sonst war der Himmel blankgefegt. Christian ging rasch, die Luft war hart und herrlich, er wäre am liebsten den ganzen Tag marschiert. Soldat sein! Ja, wieder Soldat sein!
Er war noch voller Bilder des Krieges, als er vor den Kindern stand. Etwas hatte sich verändert, er wußte im ersten Augenblick nicht was; aber dann sah er, daß die Klasse zum erstenmal wieder voll Morgensonne war. Er wollte mit Rechnen beginnen, aber es war alles so anders heut, auf dem Boden lag das Licht goldgelb in breiten Balken, die blonden Köpfe leuchteten über den Bänken. Da erzählte er vom Krieg. Eine Begebenheit, von der er wußte, daß sie nicht erlogen war, die mutige Tat eines Soldaten, den er selbst gekannt hatte.
Da war ein junger Unteroffizier – er war mit Christian in die Schule gegangen – der hatte die Aufgabe, Rekruten im Gebrauch der Handgranate zu unterrichten. Dazu war es nötig, ihnen den Bau dieser Waffe zu erklären. Er stand mitten unter ihnen in der gedrängt vollen Baracke und zeigte ihnen die verschiedenen Modelle. Es war ein Tag wie heute, ein blauer, sonniger Märztag, weit fort von der Front, und wenn durch die offenen Fenster der Wind hereinwehte, brachte er Vogelstimmen mit und den Geruch der apern Felder. Da will es das Unglück, daß sich eine der scharfen Granaten durch einen ungeschickten Handgriff entzündet. Der Zugsführer hält sie in der Hand, er ist blaß geworden, sie raucht und zischt leise. Jede Sekunde Überlegung ist verspielte Zeit. Die Soldaten drängen zur Tür, aber es sind ihrer zu viele, um rasch genug hinauszugelangen. Da holt der Zugsführer zum Wurf aus, die Fenster stehen offen, draußen ist der leere Exerzierplatz, sie wird keinen großen Schaden stiften. In diesem Augenblick sieht er die ersten Doppelreihen einer heimkehrenden Kompanie auf den Platz marschieren. Acht Sekunden lang brennt in der Granate drinnen die Zündschnur, dann springt der Funke ins Ekrasit. Der Mann weiß nicht mehr, wieviel Zeit dahin ist, er hat nicht mitgezählt, es ist ihm, als hielte er den rauchenden Tod eine halbe Ewigkeit in der Hand. Darf er ihn unter die Soldaten schleudern? Er preßt ihn an seine Brust und so wirft er sich zu Boden, er deckt ihn zu mit seinem jungen, gesunden Leib wie mit einem Schutzschild.
Die Schulzimmertür ging auf und ein kleiner, schmächtiger Herr stand in der Klasse und schien darauf zu warten, daß ihn die Kinder begrüßen. Aber die saßen in den Bänken und rührten sich nicht. Sie hatten wohl für einen Augenblick die Köpfe nach ihm gedreht, aber nun sahen sie wieder zu Christian auf, da und dort holte eines tief Atem, ein paar Buben riefen heraus: Ist sie explodiert? Ist er tot? Aber ehe Christian dazu kam zu antworten, schrie der Fremde: Auf! Die Klasse stand erschrocken da und sah bald den Lehrer, bald den Eindringling an. Der ging auf Christian zu und sagte gereizt:
Ich habe zweimal geklopft, Herr Lehrer.
Christian kannte den Inspektor nicht. Er antwortete:
Es ist ungehörig, während des Unterrichts in die Schulstube zu kommen. Was wünschen Sie?
Das war dem anderen zu viel. Er fuhr den Lehrer an, ob er denn nicht wisse, wer er sei. Er komme zur Inspektion und wünsche empfangen zu werden, wie es einem Vorgesetzten gebührt. Christian bedauerte, ihn nicht zu kennen, er habe im Herbst seinen Dienstantritt schriftlich gemeldet und bisher keine Gelegenheit gehabt, sich vorzustellen. Dann ließ er die Kinder sich setzen und blieb neben der Tür stehen, leicht an die Wand gelehnt, und sah zu Boden. Der Inspektor hatte sich halbwegs beruhigt, aber der Ton, in dem er nun Christian aufforderte, im Unterricht fortzufahren, war noch alles eher als freundlich. Christian wandte sich zur Klasse.
Ich erzähle euch die Geschichte ein anderes Mal fertig.
Dann ließ er Hefte und Tafeln herausnehmen, gab den Größeren eine Beschäftigung und hielt mit den Kleinen Schreibstunde.
Es freute ihn, wie rasch die Kinder vergaßen, daß sie mit ihm nicht mehr allein waren; sie fingen zu arbeiten an, wie sie es gewohnt waren, fragten einander flüsternd um Auskunft, wenn ihnen eine Schwierigkeit aufstieß, bekamen rote Köpfe vor Eifer, lächelten ihm zu, als wollten sie ihm versichern, daß sie zu ihm stünden, komme da, wer wolle, und überhörten das Klopfen des Bleistiftes, mit dem sie der Inspektor vom Pult aus zur Ruhe verwies. Die Kleinen malten von der großen Tafel die Wörter ab, die sie dem Lehrer angaben; denn sie durften sich selber ausdenken, was sie schreiben wollten. Es waren mitunter sehr sonderbare Wörter, und wenn Christian seinen Spaß daran hatte, dann lachte die ganze Klasse. Es ging höchst lebhaft zu, Schriftdeutsch und Mundart wechselten kunterbunt, die Griffel kratzten auf den Tafeln, Gelächter belebte die Arbeit und wenn es nötig war, quittierte Christian eine verunglückte Antwort mit einem herzhaften »Schafskopf!«
Dann wechselte er die Abteilung, gab den Kleinen etwas zu zeichnen auf und wollte mit den Größeren ein Stück Erdkunde wiederholen, aber da griff der Inspektor ein und verlangte die Kinder auszufragen. Es ging gar nicht übel, nur hatte er Mühe, ihrer unbefangenen Lebhaftigkeit Herr zu werden.
Dann ließ er die Klasse rechnen. Er hatte eine so ungeduldige und bohrende Art zu fragen, daß die Kinder immer verwirrter wurden. Er kam vom Hundertsten ins Tausendste und blieb dabei doch an der ewig gleichen Sache hängen, er verbiß sich in eine Frage und da er die Antwort zumeist in der Form erwartete, in der sie sich in seinem Kopf festgesetzt hatte, brauchte er eine Unzahl von Kniffen und Schlichen, um die Kinder dorthin zu bringen, wo er sie haben wollte.
Die Zeit zog sich unerträglich in die Länge, seit einer Stunde schon hielt er sich bei den Maßen und Gewichten auf, die er in immer abstrakteren und verwickelteren Formen abfragte. Christian hatte sich, wütend über die zwecklose Quälerei, ans Fenster gestellt und sah, als ginge ihn das alles nichts mehr an, auf den Dorfplatz hinaus, wo der Wind das Wasser vom Brunnenrohr fortblies, daß es in einem zerflatternd breiten Strahl auf den Trogrand klatschte. Er glaubte, es nicht mehr auszuhalten und würgte an den Flüchen, mit denen er am liebsten dazwischengefahren wäre. Der Inspektor hatte eben eine der begabtesten Rechnerinnen der Klasse in der Arbeit und Christian hörte aus ihrem Gestammel, wie sie immer verzagter und verzagter wurde, er hörte den Inspektor schreien – er schrie seit einer Stunde so –, es führte zu keinem Ende, wollte ihm scheinen; sie stotterte immer dümmeres Zeug daher, ließ sich in jede Falle locken und wußte schließlich nicht mehr, wieviel Dekagramm ein Kilo hat.
Da war er mit seiner Geduld zu Ende und rief ihr vom Fenster her zu, sie solle sich niedersetzen. Dann drehte er sich zur Klasse, hieß die Kinder die Schulsachen packen und schickte sie heim.
Der Inspektor ließ es geschehen. Aber er war sprachlos.
Nun waren die beiden allein, das Getrampel über die Holzstiege hinab war verhallt, keiner wollte anfangen.
Dann sagte der Inspektor – ruhiger als es Christian erwartet hatte, aber in jedem Wort bebte die Erregung, und die Uhr, die er zog, zitterte in seiner Hand.
Der Unterricht schließt um elf, Herr Lehrer; es ist jetzt halb.
Und da Christian schwieg:
Reden Sie!
Christian hat zwei Stunden Zeit gehabt, sich alles Mögliche zurechtzulegen. Aber nun weiß er, daß sie aneinander vorbeireden würden, zwei ungleich geartete Menschen der gleichen Zeit. Wahrhaftig der gleichen Zeit?
Er zwang sich zu äußerster Höflichkeit.
Sie haben die Kinder zu sehr ermüdet; es wäre mit ihnen nichts mehr anzufangen gewesen.
Ich habe keine Leistungen gesehen, Herr Lehrer.
Der Ton wird schärfer. Christian bleibt ruhig, aber er spürt den Zorn sich stauen. Er fragt nur:
Wundert Sie das?
Wie soll ich das verstehen? Ich habe keine Lust, mich von Ihnen – er sucht nach einem Ausdruck, Christian wartet. Da schreit der andere:
Rechtfertigen Sie sich!
Christian ist blaß geworden. Er mißt eine Weile den aufgebrachten Mann vor sich; in seinen Augen ist kalter Hohn. Der Inspektor war, ehe er in die Schule kam, beim Pfarrer gewesen, und der hatte weidlich losgelegt. Der Lehrer huldige neumodischen Richtungen der Pädagogik, die nicht aufs Land heraus paßten. Die Schulzucht lasse zu wünschen übrig, es werde nichts mehr auswendig gelernt, im Beichtunterricht habe er von Seiten des Lehrers keinerlei Unterstützung erfahren, Beichtspiegel und Katechismus würden von ihm nicht mehr abgefragt. Dann fuhr er schwereres Geschütz auf: Christian habe zweimal ohne Grund den Unterricht versäumt, stecke mit dem Taxer unter einer Decke, ja, was das Schönste sei, er habe den Brief an den Bischof verfaßt, mit dem der lächerliche Kirchenstreik eingeleitet worden sei. Von alledem abgesehen, pflege der Lehrer keinen Verkehr mit ihm, sondern sitze lieber mit jungen Leuten – Wilderern, Gaunern, weiberleutischen Böcken –, im Wirtshaus, spiele zum Tanz auf oder hocke, wie an den Weihnachtsfeiertagen, da man ihn notwendig an der Orgel gebraucht hätte, bei seiner Braut im Nachbardorf.
Das alles ist dem Inspektor gegenwärtig, aber zuerst will er das Eingeständnis der schwachen Leistungen hören.
Rechtfertigen Sie sich, Herr Lehrer!
Christian weiß, daß nun viel auf dem Spiel steht, er könnte klug sein und Entschuldigungen stammeln, könnte die Rolle spielen, die ihm von Amts wegen zustünde, aber wohin führte es? Soll er schon das erstemal klein beigeben, wo er sich doch im Recht weiß? Er hat sich vom ersten Tag an redlich geplagt, die Kinder haben gern und fleißig mitgetan, sie wissen, was sie zu wissen brauchen – er hört in diese Überlegung hinein die immer verzagteren Antworten der Agnes noch einmal – da bricht er wütend aus:
Wenn ich täglich so Schule halte, wie Sie es heute im Rechnen gemacht haben, dann kann die Klasse am Ende des Jahres nicht mehr bis drei zählen. Wissen Sie eigentlich, in was für einem Zustand ich diese Schule übernommen habe? Ich mußte fast täglich eine Stunde zugeben, um aus dem gröbsten herauszukommen. Ich habe einen Abendkursus für die erwachsenen Analphabeten einrichten müssen, weil seit Jahren versoffene Amtsbrüder in dem Haus da gewirtschaftet haben; aber da haben Sie es sich wohl erspart, Nachschau zu halten. Es ist mir ganz und gar gleichgültig, wie Sie meine Leistung beurteilen, die Sie an einem Vormittag nicht kennenlernen können. Aber wenn Sie glauben, ich lasse mir von Amts wegen meine Arbeit verekeln, für die ich jederzeit einstehe, dann sind Sie auf dem Holzweg. Akten, Vorschriften, Erlässe, statistische Ausweise – das alles kann man bergehoch herstellen, und wem es Vergnügen macht, der soll sich Schwielen aufsitzen darüber, mich geht es nichts an. Entweder läßt man mich hier arbeiten, ohne mich zu stören, oder ich geh. Es mag immerhin Ihre Pflicht sein, die Schulen Ihres Sprengels zu besuchen, aber es kann nicht in Ihren Dienstvorschriften stehen, die Kinder – Hier unterbrach ihn der Inspektor.
Junger Mann, bedienen Sie sich eines anderen Tones, Sie stehen vor Ihrem Vorgesetzten.
Aber Christian hatte es überhaupt satt. Wozu das alles? Er schwieg und sah zur Wand, an der die besten Zeichnungen seiner Kinder hingen, Dörfer, Almen, Bäume und Tiere, urlebendig, in köstlichen Farben, kleine Stücke der Welt, Kinderaugen entsprungen, ein Blick in ihr unversehrtes Paradies.
Er hörte den Inspektor reden; Vorwürfe, hinter denen der Pfarrer zu spüren war, Meinungen, die einem völlig anderen Weltbild entsprangen. Er hätte erwidern können, daß ein natürlich gutes Benehmen, wie es aus gegenseitiger Neigung zwischen Lehrer und Schülern zumeist von selbst erwächst, einer gedrillten Haltung vorzuziehen sei; daß ein richtiger Bubenkopf lieber einem kunterbunten Bauerngarten zu gleichen habe als einem Gewürzschrank mit zwölf säuberlich etikettierten Schubladen – aber er ließ es sein. Es ist aus, dachte er nur, und sah die Bilder der Reihe nach an. Sonderbar! Trotz der heimatlichen Wirklichkeit, die sie darstellten, lag ein Hauch unwirklicher Ferne über ihnen, ein traumhaftes Überall und Nirgendwo. Er nahm es zum erstenmal wahr und spürte, wie es ihn lockte. Achtundzwanzig Jahre, nie lockt das Überall und Nirgends stärker als in dem Alter.
Aber es ist auch niemals schwerer, die Welt zu nehmen, wie sie ist. Da steht nun dieser Inspektor und redet und ereifert sich, aber Christian hat nur Hohn und Haß für ihn. Er sieht eine Einrichtung, einen Grundsatz vor sich statt eines Menschen. Der Mann ist kleiner als er, er hat einen dunkelgefaßten Kneifer in der Hand und sucht seinen Worten durch heftige Bewegungen Nachdruck zu geben, die schwarze Zwickerschnur fliegt auf und nieder, das Gesicht ist vertrocknet und das Haar, das in einer kurzen steilen Bürste zur Höhe steht, macht es nicht schöner. Aber weiß Christian, daß er einen nervösen, herzkranken Mann vor sich hat, der einmal ein vorzüglicher Lehrer war, der aber nun, seit er leidet, immer mehr an Geduld, Geschicklichkeit und Wärme einbüßt? Er weiß wohl auch nicht, daß dieser Mann sich aus der Unerquicklichkeit seiner Ehe in eine immer starrere dienstliche Haltung flüchtet; weiß nicht, wie viele üble Erfahrungen so ein Inspektor mit unbegabten, schludrigen, querköpfigen Leuten macht; er rechnet ihm nicht an, wie tötend die Gewohnheit wirkt, mehr mit Akten umzugehen als mit Menschen, und verkennt die Gefahr, der jeder subalterne Mensch ausgesetzt ist, wenn er zum Vorgesetzten aufrückt: die Gefahr, Lust an der Macht zu bekommen. Er hält seine Arbeit für eine rein persönliche Sache und verträgt keine Einmischung; aber er weiß nicht, wie nötig an manchen Schulen die behördliche Aufsicht ist.
Der Inspektor schließt mit einem Verweis, weil Christian es unterlassen hat, für die Einrichtung seiner Abendschule um amtliche Erlaubnis anzusuchen. Was soll er dazu sagen? Er lacht nur. Aber dann kann er sich's doch nicht ersparen:
Es fehlt nur noch, daß jeder Bauer beim Ministerium anzufragen hat, ob er seine Felder misten, seine Bäume schneiden und seine Kuh füttern darf. Wenn Sie der Ansicht sind, daß wir dann noch etwas zu fressen kriegen – So gehen sie denn feindselig auseinander und haben einander nichts mehr zu sagen.
Sie treffen sich erst wieder abends beim Wirt, wo der Inspektor nächtigt.
Hätten sie voraussehen können, was dieser Abend in sich birgt, sie wären einander ruhiger begegnet; neben der Schule, die das Leben selber hält, ist alles andere nur ein Spaß.
*
Es ist Samstag. Die Stube ist voller Leute, auch aus der Nachbarschaft sind Burschen da. Allen sieht man es an, daß Märzwind durch das Land weht. Sie haben die Hüte im Genick und sind voller Lärm und Wildheit, sie haben einen Sonnentag lang gerochen, daß es aper wird. Das fährt ihnen die Adern auf und nieder, das macht sie stark und müd. Die Kastanien vor dem Wirtshaus haben Knospen wie kleine Fäuste. Noch drei, vier Wochen, und sie werden sie langsam auftun, zu zarten feuchten Händen voll jungem Grün. Der Wald braust, ein Schwall von Kraft geht über die Erde hin und steigt in allem hoch, was Leben hat. Die Luft war den ganzen Tag stark wie Schnaps, kalt und heiß zugleich.
Christian hat die Geige da und der jüngere von den Schmiedbuben hält die Wirtsharfe zwischen den Knieen, der Wast langt die Ziehharmonika vom Gläserkasten herab. Sie passen noch nicht recht zueinander, sind nicht zusammengespielt, aber nach ein paar Versuchen gelingt es ihnen und sie schmettern einen Marsch in die Stube, daß es nur so kracht.
Der Jörg ist da mit der Burgl, sie sitzen vor ihrem Wein, der Bursch schlingt ihr den Arm um die Schulter – ein prächtiges Menschenpaar. Sie sind keineswegs verheiratet, es war alles Mumpitz und Übermut, eine kleine Reise nur, der Schwester und dem Taxer zum Trotz, dem ganzen Dorf zum Spaß. Eine noble Lustfahrt zugleich, um die Burgl zu versöhnen, die sich zwei Wochen lang wütend versperrte, als er ihr gestand, daß Straßpoint verkauft sei. Sie war drauf und dran gewesen, davonzulaufen; ihr Traum zerronnen, ihr Stolz verletzt; und sie hatte sich schon hundertmal als Bäurin auf Straßpoint gesehen – Jörgs Schwester davongejagt – und alles gehörte ihr, Stall und Küche, Keller und Spind, mehr: die Kammer des Bauern und die Wiege, die auf dem Estrich stand und wartete. Ja, alles hatte gewartet auf sie und nun war es vertan und dahin. Sie hätte ihm das Gesicht zerkratzen mögen, als er es ihr lächelnd gestand. Vierzehn Nächte blieb ihre Kammer verriegelt, das Fenster wie zugefroren. Aber dann kam das Angeld, ein dicker Pack Tausender, und das brach das Eis. Im ersten Augenblick war sie sprachlos gewesen, sie hatte ihn scheu von der Seite her angesehen, er schien ihr doppelt so viel Mann, seit er die Scheine in der Hand hielt – ein unfaßbares Abenteuer, ein Geheimnis, das einem die Red' verschlug. Aber das war bald überstanden, an nichts gewöhnt man sich leichter als an das Geld. Sie hatte vorgeschlagen, anderswo einen Hof zu erstehen, und diesen Einfall mit einem Eifer verfochten, als hätte der Jörg nur deshalb verkauft. Er hatte lange gebraucht, ihr die Bäurin ein für allemal auszureden, und damit sie auf andere Gedanken käme, hatte er sie auf die kleine Reise mitgenommen. Die wächsernen Myrten, die sie sich ansteckten, hatten jedem Wirt erlaubt, sie als Hochzeitspaar gelten zu lassen.
Ende März wollten sie ziehen. Der Jörg hat das Wirtsgeschäft im Kopf, verbunden mit einem gut aufgezogenen Viehhandel. Das sollte ein Leben werden! Landauf, landab zu kutschieren, unter Leute zu kommen, auf die Märkte zu fahren, mit Weinhändlern und Brauereidirektoren zusammenzusitzen und auf die volle Brieftasche zu klopfen, daß es klatschte. Aber er hatte noch immer nichts Passendes gefunden.
Die Karten fliegen auf den Tisch, die Schnapsgläser zittern, der Wein rinnt über. Rauch und Lachen erfüllt die Stube; es ist Zeit, das Spielen sein zu lassen und zum Tanzen aufzustehen. Nur ein paar Alte sitzen in der Ecke beisammen und trumpfen ihren Wein aus, unter ihnen, eine wahre Seltenheit, der Thoma. Das Märzwetter muß ihm in die Glieder gefahren sein, sein halbes Ohr brennt feuerrot aus dem Haarstrupp heraus, sein sparsames Lachen dröhnt und sein Schweigen ist bis zum Rand voll wissendem Leben. Er redet nicht drein, aber seine Stummheit ist kein Loch im Gespräch, sie schwingt mächtig mit wie eine Pause in der Musik.
Man weckt die beiden Wirtsmägde, da Mangel an Tänzerinnen herrscht. Sie kommen schlaftrunken und lachend von ihrer Kammer herab, sie müssen auf eine gute Art geweckt worden sein.
Christian trinkt der Burgl zu. Er weiß nicht, wohin das heut noch führen wird. Das Blut ist rebellisch, der Krieg mit dem Inspektor hat einen trotzigen Leichtsinn hinterlassen, eine Lust am Zerstören, einen wilden Übermut, alles zu tun, was man nicht tun darf. Wenn er den Bogen über die Saiten reißt, daß die Paare keuchen vor atemlosem Wirbel, dann ist ihm zumute, als sollte er die Welt in Brand stecken, daß sie in einer einzigen Nacht verpraßle. Das schmächtige Männchen da oben wird wohl nicht schlafen können – den Bogen stärker gegen die Därme gedrückt! Heut wird nicht geschlafen, heut wird gegeigt und getanzt, daß jeder Schulbehörde Hören und Sehen vergeht.
Die Burgl und der Lehrer. Nun ist es so weit, sie haben sich oft mit den Augen befragt und einander viel mit den Augen gesagt, und da der Jörg anfängt, Spottverse aus dem Stegreif zu singen und der ältere Schmiedbub ihm in der Schlagfertigkeit um nicht viel nachsteht, haben sie eine Viertelstunde Zeit für einander. Die Burgl geht voraus; nach einer unauffälligen Weile folgt ihr Christian. Sie beide sind durch nichts mehr zu halten.
Er sieht sie die Tennentür auftun, er hört den Wind im Gebälk droben, atmet den Heugeruch ein paarmal tief ein und die kühle Nacht in dem riesig hohlen Raum, dann spürt er ihre Arme um seinen Hals, wunderbar starke, tödliche Arme.
*
Das Spottliedersingen ist ein alter, wohlbehüteter Brauch in der Gegend. Der junge Straßpointer ist einer der wendigsten Versemacher. Es brauchen nur vier neue Zeilen zu sein, die Melodie ist von alters her die gleiche. Der Schmied und der Jörg singen einander in Grund und Boden. Alles, was der eine vom anderen weiß, die kleinste Schwäche, der lächerlichste Spleen, wird anmutig und zum Entzücken aller Zuhörer offenbar. Der Jörg ist der geschicktere Reimer, sein Spott ist feiner, seine Pointe verblüffender. Immer geschliffener werden die kurzen Vierzeiler, denen der eingefügte Jodler Spannung verleiht. Der Schmied fängt schon an, sich zu wiederholen, er wird es bald aufgeben müssen.
Niemand hat gehört, daß die Tür ging. In einem abgerissenen Stadtanzug, ein blasses Lächeln im Gesicht, steht der Gasper hinter dem geschlossenen Kreis der Zuhörer.
Sie haben ihn heute entlassen. Er hat sich nicht beeilt heimzukommen, es wäre ihm recht gewesen, möglichst wenig Aufsehen zu machen mit seiner Heimkehr, aber er hat nicht ahnen können, daß seine Stube noch um Mitternacht voller Leute ist. Auf dem Wege ins Dorf ist er in manchem Wirtshaus gesessen; ganz nüchtern ist er wohl nicht mehr.
Da sieht ihn als erster der Jörg, der mit dem Gesicht zur Tür steht. Er nickt ihm zu, und weil gerade die Harfe zu einem neuen Vers einlädt, singt er dem Gasper vier Zeilen, die an glatter Anspielung nichts zu wünschen übrig lassen.
Man hat sich nach dem Ankömmling umgesehen und ihn etwas betrunken begrüßt. Da der Jörg für seinen Willkomm reichen Beifall einheimst, setzt er noch einmal an. Es nützt nichts, daß ihm der Gasper in jäher Gereiztheit zuruft: Laß das! Im Gegenteil, nun erst recht!
Aber mit einem, der drei solche Monate hinter sich hat, ist schlecht spaßen. Acht Tage später hätte er es vertragen, aber heut? Nein, so will er nicht empfangen werden, und noch dazu im eigenen Haus. Eine dritte Strophe. Da packt ihn vollends die Wut, er drängt sich durch den Kreis der Lacher – für eine Sekunde lang fällt ihm der Lehrer ein, wird er ihm auch diesmal einen Strich durch die Rechnung machen mit seiner verdammten Geige? – aber da springt er den Jörg schon an. Nichts Schöneres, als ihm mit der Faust das infame Lächeln aus der Larve zu schlagen. Er hat wohl zu viel getrunken, sonst müßte er wissen, daß der Jörg nicht allein bleibt. Der ist zurückgefahren, aus der Nase läuft ihm das Blut. Er kann nicht viel unternehmen, er hat damit vollauf zu tun. Aber da ist der eine Schmied, der mit dem Gasper einiges abzumachen hat; da ist der Wast, der auch ohne Grund nicht ungern rauft; da sind fremde Burschen aus der Nachbarschaft, denen manches heimzuzahlen ist. Als hätte es nur dieses Faustschlages bedurft, um einige kleine Hemmungen zu beseitigen, ist in einem Augenblick die Rauferei im Gang. Eine Lampe nach der andern geht zerscherbt zu Boden. Geschrei und Gekeuch, ein Trampeln und Gläserklirren, in dem völligen Dunkel zu rasendem Lärm gesteigert; man hört die Ziehharmonika aufschreien, die Harfe scheppern, Stuhlbeine krachen und dazwischen das schwere Schnaufen und Gepolter der Raufenden. Die Tür ist längst offen, man beginnt sich aus der Stube zu drängen; Laufen im Hausgang, einer schlägt über die drei steinernen Stufen hinab, die ins Freie gehen, zwei sind hinter ihm her – da zerreißt ein Schrei den Lärm und es ist plötzlich tief still.
Es gibt eine Stille, zum Reißen gespannt von der Gewalt des Lebens oder des Todes. Als hielte die Zeit selbst den Atem an, gewürgt von einer Faust über den Menschen, der ewig unsichtbaren Faust über uns.
Die Kellnerin kommt mit einer Kerze aus der Küche, und die Leute, die noch im Flur stehen, kehren mit ihr in die Stube zurück, die Burgl ist auch dabei. Durch das offene Haus zieht der Wind, die Türen klappern bei jedem Stoß, die Schatten steigen riesig die Wände hinan; die Magd muß von Zeit zu Zeit innehalten und die Kerzenflamme hinter der hohlen Hand zur Ruh kommen lassen.
Dann schreit sie entsetzt auf, Blut sickert ihr entgegen, eine große, finsterrote Lache, und mittendrin liegt der Gasper und gibt kein Zeichen mehr. In seinem toten Gesicht ist das blasse Lächeln wieder, mit dem er im Leben allem gewachsen war.
Eine Woche später stieg Christian am frühen Nachmittag durch den Wald zur Valterer Alm hinauf. Er hatte die Kinder schon nach einer Stunde Unterricht heimgeschickt; gerade die letzten sechzig Minuten dieser Schulwoche glaubte er nicht mehr ertragen zu können.
Es war ein ungemein stiller Tag. Der Himmel, wie mit einer dünnen weißen Haut überzogen, hinter der die Sonne nach allen Seiten gleichmäßig zerfloß, blendete und war märzschwül. Nicht der kleinste Hauch war zu spüren und wenn man an dürres Strauchwerk streifte, konnte man aufschreckend zusammenfahren. Im Wald lag noch reichlich Schnee, aber auf den Blößen gab es große braune Flecken, auf denen da und dort in kleinen Haufen der Krokus stand. Die Wärme und das gleichförmig helle Licht machten müde und schwermütig.
Trotzdem ging Christian rasch und ohne Aufenthalt vorwärts. Einer, der ihm begegnet wäre, hätte ihm anmerken müssen, daß ihn ein innerer Sturm den Berg hinaufjagte. Er lief an allem vorbei, was ihn auf Spaziergängen anrührte und entzückte, er sah steif vor sich hin, als wäre sein Inneres vor ihn hingestellt und zöge ihn hypnotisch hinter sich her.
Eine grauenhafte Woche, aus der er da fortlief! Er gab sich nicht mit ihr ab – seine Aufmerksamkeit war vielmehr ganz auf einen inneren Vorgang gerichtet, war ein angestrengtes Insichhineinhorchen – aber sie lief ihm wie ein Schatten nach, der an seinen Fersen hing.
Noch spät in jener Nacht, da der Gasper in der Stube lag, nicht anders, als er es geträumt hatte, war er noch einmal dem Inspektor begegnet. Sie waren sich auf dem Flur in die Arme gelaufen, der Inspektor, durch den Lärm der Rauferei aus dem Schlaf geschreckt, dürftig gekleidet, schlotternd vor Kälte und Angst, und Christian, aus der Tenne schleichend, noch immer fortgenommen von einer Trunkenheit, die ihm alles Handgreifliche traumhaft entrückte. Er mußte dem Inspektor besoffen erscheinen, als er ihn vor der Stubentür zurückhielt und ihm zuflüsterte:
Gehn Sie wieder schlafen, Herr Schulrat, Sie treten in einen Urwald, in dem Sie sich nicht zurechtfinden werden.
Und vor Gaspers Leiche hatte er ihn hart am Arm gepackt und ihm ins Ohr gezischt:
Sehen Sie, nun ist es ihm gleich, wieviel fünfmal neunzehn ist.
Der Inspektor hatte sich losgemacht und ihm ins Gesicht geschaut; da sah er einen wütend zusammengebissenen Mund und die schmalen Augen voll zitterndem Wasser.
Am nächsten Tag, als die Leute schweigend vor der Kirche standen, ein scheuer Haufe unter der unsichtbaren Faust, war Christians Trunkenheit einer Leere gewichen, die wie zunehmendes Dunkel in ihm wuchs.
Die Erhebungen der Gendarmerie waren von umständlicher Nutzlosigkeit gewesen; die Burschen, die an Ort und Stelle vernommen wurden, hatten verbundene Köpfe, zerkratzte Gesichter, der eine ein blaugeschlagenes Auge, der andere eine gespaltene Lippe, hinter der zwei Zähne fehlten. Der Wachtmeister kannte das; wenn es so aussah, war noch niemals ein Täter festzustellen gewesen.
Christian hatte lügen müssen, er sei knapp vor der Rauferei ins Freie gegangen, um Luft zu schöpfen; die Burgl lächelte vor sich hin, als er das zu Protokoll gab.
Am Dienstag früh hatten sie den Gasper begraben. Am Donnerstag war er bei Brigitte gewesen und hatte ihr von diesem Unglückssamstag erzählt; von der Inspektion und ihrem üblen Ausgang, von dem Abend beim Wirt und seinem gräßlichen Ende. Er hatte maßlos über den Inspektor losgezogen und war sehr erstaunt gewesen, als Brigitte sein rebellisches Gefluche mit einem halb zustimmenden, halb abwehrenden Lächeln hinnahm. Er sah ihr ruhiges Gesicht und begriff nicht, wie sie so ruhig bleiben konnte. Er verstand die bewahrende Kraft nicht, die aus solcher Ruhe sprach und die zur Welt hielt, möchte sie schließlich sein, wie sie wollte. Er konnte nicht ahnen, daß es eine mütterliche Kraft war, die sich in ihrem Werk, an dem sie heimlich wirkte, nicht stören lassen durfte. Nicht von einem wissenden Willen ging sie aus, sondern von einem willigen Leib, der ein Kind hegte. Was galten die Feindschaften der Männer vor dem stillen Wachstum, von dem ihr junger Schoß voll war?
Sei klug, hatte sie gesagt, du wirst ihn nicht ändern, du kannst dir nur schaden. Laß ihn gescheit reden und tu, was du für gut hältst.
Er hatte über so viel Alter und Weisheit hellauf lachen müssen und ihr den Mund zugeküßt.
Aber dieser Kuß war plötzlich wie vergiftet gewesen von Erinnerung, Scham und Reue; er hatte sie losgelassen und war verstummt. Eine Stunde lang hatte er dann mit sich gerauft, immer wieder drauf und dran, ihr alles zu erzählen, aber auch immer wieder nicht imstande dazu. Sie waren recht schweigsam auseinandergegangen.
Feigheit? Verlogenheit? Nichtsnutzigkeit?
Es konnte darüber hinaus auch gesunder Instinkt sein, Klugheit, schonendes Verschweigen. Ach, es konnte so vielerlei sein!
Und von dieser Grübelei her, von diesem schwarzen Punkt aus war die Leere gewachsen, an der er nun seit einer Woche litt, täglich ärger, sie zehrte den Schlaf der Nächte auf, sie machte seine Arbeit wertlos und zu einer Qual. Er war seit früher Kindheit gewohnt, Moralisches durchzudenken. Im Katholizismus aufgewachsen, dessen Sündenlehre das Gewissen zu einem Messer zuschleift, einem zarten und gefährlichen Werkzeug der Selbstqual, war er damit vertraut, das Halbbewußte ins volle Licht heraufzuziehen, und die häßliche Nüchternheit, in der es dann dalag, scheuchte ihn nicht zurück. Er wußte wohl, daß Selbsterbarmen in jedes Reuegefühl hereinspielte, ja, daß in dem bittern Gewächs des Schmerzes tief drinnen ein süßer Kern steckt, und die Verführung war groß, um dieser Süße willen die Bitterkeit zu steigern. Über all das hatte er öfter gegrübelt als beispielsweise über Politisches; es schien ihm nichts Fesselnderes zu geben als den inneren Haushalt der Menschennatur. Auch diesmal hatte er alles auseinandergefaltet, und eine Weile vermochte die erinnernde Wiederholung dessen, was er getan hatte, die innere Leere mit Leben zu füllen, aber dann begann er einen Ekel zu spüren, als hätte er sich an sich selber überessen.
Nein, er taugte zu nichts. Statt es in Ruhe zu versuchen, den Inspektor von seiner Leistung zu überzeugen – der hochmütig unbeherrschte Ausbruch; statt sich ein wenig zusammenzunehmen und die Burgl Burgl sein zu lassen – ein männcheneitles Spiel mit dem Feuer und zuletzt ein völliges Sichfallenlassen; statt – nein, an Brigitte wollte er nun nicht mehr denken.
Es gab Tage, an denen er vom Aufwachen bis zum Einschlafen an nichts anderes gedacht hatte als an ihren biegsam schlanken Leib, ihre pflanzenhafte Art zu stehen und zu warten, an die zarte Scheu ihrer Bewegungen, an ihre schlanken Hüften und kleinen Brüste, ihre kindlich traumvollen Augen. Es stand unerbittlich fest: er hatte sie sich längst verscherzt.
Die Valterer Alm lag knapp über der Waldgrenze. Hier ging der Berg noch einmal in die Breite, ehe er sich zum Gipfel zusammenriß. Ein sanftes Auf und Ab von Böden, flachen Mulden und wie zur Rast gelagerten Hängen. Breite niedrige Hütten mit steingrauen Dächern. Um sie herum, weiß und braun gefleckt, die Alm.
Christian setzte sich auf einen apern Block. Hier war die Stille von einem leichten Bergwind belebt, der sich fast unmerklich aufmachte und ebenso unmerklich wieder verstummte, ein spielerischer Wind, und weitab von aller Menschenwelt trieb er sein Spiel. Hier war es so einsam, daß man nach einer Weile Dahocken seine Arme und Beine für fremde Wesen halten konnte. Christian stützte die Ellbogen auf die Knie und hielt den Kopf zwischen den Händen. So war es gut, so hörte das Denken auf. Eine lose Hüttentür schlug im Winde auf und zu, einmal strich ein Specht durch das nahe Holz und lachte. Dann war es wieder lange reglos still. Eine dunstige Wärme stieg aus dem Boden, einschläfernd und sättigend.
Er hatte alles zu Ende gedacht. Es gab hier und dort Entschuldigungen, aber sie überzeugten ihn nicht mehr. Er hatte viel gewollt, hatte es ernsthaft gewollt, aber nichts vermocht. Es war ein neuer Anfang gewesen, als er im Herbst aus der Stadt in das Dorf geflohen war – nun wußte er, er hätte noch weiter vorne beginnen sollen. Er war aufgebrochen, um das Notwendige zu tun, und das Schöne, allseits Verlockende hatte ihn eingefangen. Er hatte es sich zu leicht gemacht, war zu wenig lange allein geblieben, hatte sich zu wenig straff in die Zucht genommen, und wo immer ihm eine Probe verhängt war, hatte er versagt. Was heißt das: noch weiter vorne beginnen? Es wird wohl heißen: keine Sicherheiten mehr, kein monatlich gewährleistetes Einkommen, kein behagliches Versorgtsein mit bräutlicher Liebe, kein eitles Spiel mehr auf der schönen, fremden Bauernbühne. Soldat sein, ja, noch einmal Soldat sein! Einer, der sich selbst befiehlt und sich selbst gehorcht. Wanderer über die Erde hin, überall zu Hause, wo ein Brunnen läuft und ein Herd raucht. Den Städten fern, in denen ein krankes Leben künstlich sein Ende hinauszieht, weitab von den Dörfern, in denen ein halbwegs gesundes sich in stickiger Enge immer wieder selbst aufzehrt. Samenträger des Neuen, des Künftigen sein und über die Erde hingehen und es in alle vier Winde streuen!
Ach, wie jung er noch war!
Er war eingeschlafen und wachte erst wieder auf, als der Wind stärker und kälter über ihn hinblies. Er fühlte sich verbrannt von Reu und Leid. Von Liebe für die Braut, die er verspielt hatte, von Liebe auch für die Kinder, denen er kein Vorbild gewesen. Aber so ausgebrannt er war, es herrschte eine finstere Klarheit in ihm wie auf einer Brandstatt, auf der nur noch die Grundmauern stehn.
Sein Gesicht war voll schmerzlicher Entschlossenheit, als er den Berg hinunter und nach Hause ging.
*
Der Gedanke, Christian eines Tages so zu verlieren wie sie ihn gefunden hatte, war Brigitte oft gekommen, ja sie hatte manchmal geradezu damit gerechnet. Aber zugleich war es ihr wieder eine tiefste Gewißheit, daß dieser zwie- und mehrspältige Mann nie mehr für ganz aus ihrem Leben fortzunehmen sei. Dann überlief sie eine Art selig unseligen Schauers, daß ihr Wesen, das bisher in Freiheit auf das Leben gewartet hatte, von einem bestimmten, nachrechenbaren Herbstabend an für alle Zeit gebunden sein sollte. Sie hatte diese Gewißheit einmal ausgesprochen. Auf einem ihrer Spaziergänge mit Christian, die er manchmal dazu benützte, ihr zu gestehen, wie wenig Vertrauen er zu sich als Ehemann habe, hatte sie ihm mit gesenktem Kopf zugehört und beigepflichtet, aber dann erwidert:
Ich weiß, Christian, es wird schwer werden mit uns beiden, aber es ist doch so, daß ich zu dir gehöre – und das für immer.
Sie hatte nicht aufgesehen und Christian war es gewesen, als redete sie aus einer Erfahrung, die von heut bis zum Tode reichte. Es waren nie zärtliche Worte, die sie ihm sagte, aber manchmal Verkündigungen ihres ernsthaft kindlichen Wesens, die ihn bis ins Herz trafen.
Sonntag vormittag saß Brigitte im Sprechzimmer ihres Vaters und hatte mit ihm eine lange Unterredung, die ihr Weinen oft unterbrach.
Sie war mit ihm in der Kirche gewesen – ohne die Mutter, die sich seit einiger Zeit nicht wohl fühlte – und schon während der Messe war ihr einige Male eine heiße Schwäche aufgestiegen, das Blut aus dem Kopf gewichen, sie hatte sich an der Bank festhalten müssen, weil der Raum um sie finster zu kreisen begann. Die dicke Luft drohte sie zu ersticken, ihr Gesicht war kalt und feucht. Sie nahm sich mit aller Gewalt zusammen, aber als sie mit den Leuten die Kirche verlassen hatte, erbrach sie sich im Friedhof zweimal nacheinander. Sie stand mitten unter Männern, Frauen und Kindern, über das Stiegengeländer gebeugt, in ihren Leib verkrampft, der sie mit würgenden Griffen festhielt. Um sie war ein dunkles Stürzen und Sichdrehen.
Als es vorbei war, führte sie der Vater am Arm die Stiege hinab. Sie gingen an den Gaffenden vorbei, die befangen grüßten.
Zu Hause hatte sie der Vater gleich in sein Zimmer geführt und sie bewogen, sich auszusprechen.
Ich weiß es, Brigitte, sagte er, als sie sich wieder beruhigt hatte, ich weiß es seit der Nacht, da ich dich hier vor dem Schrank gefunden habe.
Er stand hinter ihr und strich ihr über das Haar. Scheu fügte er hinzu:
Ich habe bis heute um dich gebangt; ich dank dir, Mädel, daß du es nicht getan hast.
Nach einer Pause:
Weiß er davon?
Sie schüttelte den Kopf.
Dann sag es ihm. Am besten heut schon. Du wolltest ohnedies zu ihm hinauf. Mit der Mutter rede ich selber.
*
Sie fühlte sich wieder völlig wohl, als sie nach dem Essen ins Dorf hinaufging. Ja, es war wohl besser, es ihm doch zu sagen. Vielleicht freute es ihn sogar. Sie wird es ihm ohne Umschweife, gleich mit dem ersten Wort anvertrauen. Und dann will sie mit ihm ein Stück weit ins Tal hineingehen, wie sie es vereinbart haben. Es war immer schön gewesen, mit ihm die geliebten Wege zu gehen, er saß nicht gern und es redete sich leichter im Freien.
Als sie ihn auf Straßpoint nicht antraf, suchte sie ihn beim Wirt. Sie blieb eine Weile unter den Kastanien sitzen; durch das leere Geäst wärmte die Sonne. Dann ging sie wieder nach Straßpoint hinauf, redete mit Jörgs Schwester, was man so redet, wenn man sich zufällig trifft. Der Jörg und die Großdirn – sie nannte sie nie beim Namen – seien gestern fortgefahren, sie wüßte nicht, wohin, aber sie hätten sich herausgeputzt und zwei große Koffer mitgenommen. Der Knecht, der das Fuhrwerk zurückbrachte, habe ausgerichtet, sie kämen erst in vierzehn Tagen wieder. Der Lehrer sei nach der Messe heimgekommen, habe mit ihr zusammen gegessen, seither habe sie ihn nicht mehr gesehen, weit könne er nicht sein. Dann ging die Bäurin in die Küche.
Brigitte blieb auch hier eine Zeitlang auf der Bank vor dem Hause sitzen. Was war mit ihm? Er hatte keine Absage geschickt. Wo sollte sie ihn suchen? Aber – wie es ihr jetzt häufig geschah –, sie fiel gleichsam aus ihren Gedanken heraus und versank in das sprachlose Leben ihres Körpers. Sie war auf eine gesunde Art leicht ermüdbar, die Märzsonne zehrte, und so schlief sie für eine Weile ein, mit ihren schmalen Schultern an die Hauswand gelehnt, das Gesicht ein wenig zur Seite geneigt, die kleinen Hände im Schoß. Wieviel Lieblichkeit bei aller Spröde, wieviel zarte Wärme ging von ihr aus! Sie hätte können nackt dasitzen und wäre dennoch keusch und wie unter einem Flaum von Unberührbarkeit erschienen.
Es hatte ihr wohlgetan, zu schlafen. Aber plötzlich wurde sie unruhig und wußte nicht, wohin. Sie entschloß sich, den Spaziergang allein zu machen. Den ganzen Weg grübelte sie, wo Christian umgehen könnte, Unmut und Enttäuschung breiteten sich über ihr Gemüt, sie wuchsen wie Schatten am Abend. Sie ging weit ins Tal hinein – ein mechanisch rastloses Gehen – dann kehrte sie plötzlich um. Bei jeder Biegung des Weges die Hoffnung, ihn entgegenkommen zu sehen, und jedesmal nichts; es begegneten ihr immer wieder Leute, die auf die innersten Höfe heimkehrten, oft war es Christian, den sie zu sehen glaubte, und ihre Schritte wurden rascher, aber er war es nie. Sie zürnte und hoffte, das Weinen stak ihr im Hals, das letzte Stück lief sie. Sie sah noch einmal in die Wirtsstube, ehe sie nach Straßpoint hinaufstieg. Nichts. Nirgends.
Es war ein schöner Märzabend. Die Sonne hatte einen blanken, fast farblosen Himmel zurückgelassen. Christians Kammer war noch hell, als Brigitte eintrat. Sie hatte auf der Stiege ihr Herz unbändig klopfen gespürt, noch einmal war ihr die Erwartung, ihn endlich zu finden, brennend wie ein jähes Glück durch Leib und Seele gefahren, da fand sie die Kammer leer. Es war alles an seinem Platz, Bücher und Papier auf dem Schreibtisch, eines von den Schulheften der Kinder lag aufgeschlagen da und das Fläschchen mit der roten Tinte stand unverschlossen daneben. Im Aschenbecher eine halbangerauchte Zigarette, im Winkel die Skier und die Stöcke, auf dem Schrank der Geigenkasten. Das Fenster stand offen und der Abend drang herb herein. Sie schloß es und setzte sich an den Schreibtisch. Nun mußte er doch bald kommen.
Sie war schon einmal – mitten im Winter – hier gesessen und hatte auf ihn gewartet, ohne daß er es wissen konnte. Seine Freude, sie hier in seiner Kammer zu finden, war unbeschreiblich groß gewesen, er hatte sie um die Mitte genommen und durch den engen Raum gewirbelt, daß sie atemlos aufs Bett gefallen war. Ein Wildbach von Küssen war über sie weggegangen.
Er kam nicht. Es wurde dämmerig, herinnen und draußen. Sie blätterte in einem Buch, aber sie vermochte nicht zu lesen. Wenn die Haustür ging, fuhr sie auf und horchte. Einmal klopfte die Bäurin, sie wollte das Bett bereiten. Es wurde dunkel, und er kam nicht.
Sie trat ans Fenster. Da lief der schmale Weg von Straßpoint ins Dorf hinab. Ihre Hände waren feucht geworden, sie preßte sie gegeneinander, die Brust wollte ihr zerspringen vor Verzagtheit – nun kam die Nacht, sie mußte gehen, sie konnte nicht länger warten auf ihn. Wie oft war sie an ihrem Fenster daheim gestanden und hatte gewartet; da war er immer gekommen und sie hatte ihn von weitem pfeifen hören. Immer pfiff er und machte sich Musik, wenn er auf dem Weg zu ihr war. Aber heute kam er nicht mehr. Immer weher zog sich ihr das Herz zusammen und plötzlich war es zu viel; sie grub wie ein Schulmädchen den Kopf in den aufgehobenen Arm und lehnte sich so an das erdunkelnde Fenster. Da brachen die Tränen in einem heißen Guß hervor und sie krümmte sich vor Liebe und Verlassenheit.
Christian war nachmittags in die Stadt gekommen. In seinem Rucksack lagen ein paar Wäschestücke, ein zweiter Anzug, ein leichtes Paar Schuhe. Er hatte keinen festen Plan im Kopf; es war zum Aufbruch geblasen und er marschierte.
Der Bahnhof war fast leer. In den Straßen das gewohnte Sonntagspublikum, kleine Leute in dunklen Anzügen, die man wochentags nie durch die Stadt gehen sah, kümmerliche Paare, die in irgendein Gasthaus verschwanden, ältliche Mädchen, ineinander eingehängt, sie steuerten einem Kino zu, irgendein Metzgermeister mit seiner Familie – es fehlte die Jugend, sie lief Ski, alles war in den Bergen, was gesund und unternehmungslustig war.
Er nahm kein Zimmer, vertraute den Rucksack einer Cafékassiererin an und streifte ziellos durch die Stadt. Er hatte fast nichts mehr zu denken, alles war seit gestern zu Ende gedacht. Eine leichte, nicht unangenehme Benommenheit, das Gefühl, nur noch einige Stunden Zeit zu haben, die Lust zu schlendern, das Bewußtsein, ins Unbekannte zu müssen, das alles erinnerte ihn an gewisse Tage im Krieg, wenn man die letzten Stunden in einer Stadt vor sich hatte, in der die Truppe zur Erholung gelegen war. Der Abmarschbefehl war verlautbart – man wußte meist nicht, wohin – das Zeug lag gepackt in den Unterkünften und man schlenderte durch die Straßen, die einem zwei- drei Wochen lang tiefsten Frieden vorgetäuscht hatten.
Er hatte von niemand Abschied genommen. Aber von hier wollte er nicht fort, ohne Ljuba noch einmal gesehen zu haben. Sie gehörte ganz zu dem, was er vorhatte, zu dem Überall und Nirgends, in das er aufbrach, zu Ferne und Gefahr, vielleicht überhaupt zur dunklen Hälfte des Lebens, in die wie ein wachsender Schatten der Tod hereinreicht.
Christian fand das Haus. Er stieg die Treppe hinauf, wie verzaubert von alledem, was auf dem Weg hierher durch seine Nerven gegangen war. Er stand eine Weile vor der Tür – was wollte er von diesem Geschöpf seines Traums? Es war in sein Leben geraten, wie einem, der am Fenster des Eisenbahnwagens steht und hinaussieht, plötzlich das Gesicht einer Landschaft mit aller Gewalt ins Innere fällt, so daß er sie für immer mit sich herumträgt. Er mag aussteigen und bleiben, wo er will, sie ist in ihm und auf eine seltsame Art seine eigentliche Heimat. Und von Zeit zu Zeit gewinnt sie solche Macht über ihn, daß er aufbricht, um sie zu suchen. Da mag es geschehen, daß er sie nicht mehr findet, obwohl er die Strecke genau kennt, die er damals gefahren ist.
Christian läutete; eine alte Frau tat ihm mißtrauisch auf. Er fragte nach Ljuba.
Das Fräulein ist vor einer Woche nach Hause gefahren.
Wann kommt sie zurück?
Sie kommt nicht mehr zurück, sie bleibt dort.
Hat sie ihre Adresse hinterlassen?
Ja.
Christian mußte eine kleine Geschichte erfinden, um sie zu bekommen.
Sonderbar, als er ging, hatte er wieder das Gefühl, im Grunde froh zu sein darüber, daß sie fort war.
Dennoch nahm er abends den Zug in ihre Heimat; er wußte mit einemmal, wohin.
Das Verschwinden Christians – mitten im Schuljahr, ohne ein geringstes Zeichen des Abschieds – war bald talaus, talein der ergiebigste Gesprächsstoff. Die Plötzlichkeit und Heimlichkeit, mit der er ausgerissen war, wirkte erregend und entlockte den Leuten eine Fülle selbsterfundener Beweggründe seines Tuns. Wenn auch über die Sache viel Unsinn geschwätzt wurde, mit zwei Vermutungen hatte man doch recht, nämlich damit, daß Brigitte in der Hoffnung sei, und daß sich Christian mit dem Inspektor heillos zerstritten habe. Die Annahme, Christian habe vom Zustand seiner Braut gewußt und sie deshalb verlassen, war freilich falsch, und Brigitte litt darunter, daß man ihn solcher Schufterei für fähig hielt. Es hatte sich rasch herumgesprochen, was ihr vor der Kirchentür widerfahren war, sie mußte sich Worte des Bedauerns sagen lassen, hinter denen oft eine ausgiebige Portion unverschämter Neugier zu spüren war. Sie brach solche Unterhaltungen immer rascher und schroffer ab.
Brigittes Mutter war zusammengebrochen, als sie erfuhr, wie es um ihr Kind stand. Ihr Mann hatte Mühe, sie zu überzeugen, daß es Ärgeres gebe als das Unglück, mit neunzehn Jahren ein Kind zu bekommen, ohne verheiratet zu sein. Als dann Brigitte verweint heimkam und berichtete, daß sie Christian nicht angetroffen habe, konnte die Mutter ihre Empörung nicht mehr bei sich behalten, und es gab einen mehr als bloß unerquicklichen Abend. Sie wurde jedoch ruhiger, als Christian verschwunden blieb. Eine Zeitlang ging sie mit dem Gedanken um, Brigitte zuzureden, sie möge sich das Kind nehmen lassen; aber so vernünftig ihr dieser Ausweg erschien, etwas in ihr hinderte sie daran, ihn wirklich anzuraten. Auch der Vater hatte ihn erwogen, und da er ein Mann war, hatte er keine Hemmung verspürt, mit Brigitte darüber zu sprechen. Aber sie wollte nichts wissen davon; jetzt erst recht nicht. Sie konnte ihm freilich nicht erklären, warum sie Christian um so viel inniger liebe, seit er fort war, sie verstand es selbst nicht; aber daß er ihr gleichsam ein lebendiges Stück von ihm dagelassen hatte, war das einzige, was ihr über den Verlust hinweghalf.
Der Pfarrer lachte. So mußte alles schiefgehen, was gegen die eingesetzte Autorität unternommen wurde. Ja, so ein Dorf ist etwas Altes. Es geht halt nicht, daß man mit achtundzwanzig Jahren die Welt auf den Kopf stellen will. Man muß schon selber ein Bauer sein, wenigstens zu drei Vierteln, um in ein Dorf so fest hineinzuwachsen, daß man mit fünfundsechzig noch rüstig und gesund auf dem gleichen Fleck hockt.
Dem Taxer war es ein neuer Verdruß, ihm hatte der Lehrer gepaßt. Der Hannes war wieder daheim, aber die Taxerin lag nun schon seit vierzehn Tagen im Bett, und der Doktor hatte das letztemal bedenklich den Kopf geschüttelt und vorsichtig davon zu reden begonnen, daß man vielleicht an eine Operation werde denken müssen. Der Alte ging vergrämt herum. Er glaubte an alles nicht, was man über den Lehrer schwätzte, er konnte sich nicht erklären, warum er fort war, und hoffte, daß er bald wieder auftauchen werde.
Daneben das ewige Gerede über den Gasper. Nun war es schon der fünfte, dem man den Totschlag anhängte; aber daß man immer häufiger den Straßpointer nannte, schnitt ihm selber ins Fleisch.
Der Inspektor hatte auf den Bericht des Ortsschulrates hin acht Tage gewartet, dann einen neuen Lehrer geschickt. Er wurde mit seiner siebenköpfigen Familie im alten Mesnerhaus untergebracht. Er war ein demütig heiterer Mann, der sich über die Unzulänglichkeit seines Lebens nicht ungern mit einigen Achteln Schnaps hinwegtröstete. Sonst gab es an ihm nichts auszusetzen.
Die Kinder gewöhnten sich rasch an ihn und wußten seine Schwächen bald zu nützen. Sie redeten noch eine Zeitlang von Christian, dann vergaßen sie ihn.
Das Jahr schritt vorwärts. In diesen ersten Tagen des Frühlings spürte man am deutlichsten, wie es wuchs. Auf allen Höfen setzte die Arbeit ein. Im April brannten bis Mitternacht die Feuer auf den waldnahen Wiesen, die Burschen saßen um sie herum, legten grüne Äste in die Glut, sengten ihnen die Nadeln weg, ließen sie heiß werden und flochten sie zu Ringen zusammen, mit denen man die Zäune flickte. So ein Zaun bestand nur aus Pfosten und Scheitern, die man mit lärchenen Ringen verband; kein Nagel wurde verwendet, es mußte eine uralte Gattung Zaun sein, von der man sich nicht trennen mochte.
Dann kam der Anbau der Äcker und auf den besseren Höfen die Arbeit im Obstanger, bei den Bienenstöcken, Flickarbeiten auf den Dächern, hier und dort kalkte man die Mauern neu. Knechte und Mägde waren schon im Februar gewechselt worden; Mariä Lichtmeß war von alters her der richtige Tag dazu.
So ging das Leben wieder seinen Gang wie seit tausend Jahren. Die wenigen Neuigkeiten verblaßten allmählich, die Feste fielen ungefähr auf die gleichen Tage wie jedes Jahr, Mariä Verkündigung brachte die Schwalben zurück, Lätare die Stare, dann kam die Karwoche, man war viel in der Kirche, wieder ging das Leiden und Sterben unseres Herrn wie eine ernste und zugleich farbig zarte Legende durch das Land; Ostern fiel in die Mitte des April, da standen die Kirschen schon voll weißer Knöpfe, die Wiesen waren schon grün und man trieb das Vieh in den Winterroggen, weil er zu dicht stand.
Auf Straßpoint saß schon der zweite neue Besitzer. Spekulanten, die nur kauften, um zu verkaufen.
Der Jörg und die Burgl waren als Eheleute heimgekommen. Der Bruder des Gasper – Partieführer beim Oberbau der Eisenbahn, Frau, zwei Kinder und eine saubere Wohnung in einem der neuen Massenmietblocks der Stadt – hatte keine Lust, sein dürftiges, aber sicheres Brot aufzugeben, um die Wirtschaft zu übernehmen. Er wollte nichts mehr zu tun haben mit den Bauern. Er fühlte sich wohl in der Stadt, hatte an ihrem Rande einen winzigen Schrebergarten, zog dort seinen Salat und seine Radieschen, stattete seine Wohnung, die ihm lieber war als das alte Gerümpel daheim, mit selbst gebastelten Kästchen und Laubsägezierat aus, hielt darauf, daß die Kinder fleißig lernten und adrett gekleidet waren, bewunderte seine kleine, schwarze Frau, eine Maschinführerstochter – was ging ihm denn ab? Er war mit dem Jörg bald handelseins geworden. Ein angemessener Pachtschilling – und im übrigen hatte er sich um nichts mehr zu kümmern.
Aber es blieb eine Fehlrechnung. Die Burgl spielte zwar die Wirtin vorzüglich. Sie war mit einer schottisch gewürfelten Seidenbluse erschienen und trug Sonntags eine kleine Uhr im Gürtel, die goldene Kette ging ihr zweimal um den Hals und lag ihr so stattlich auf der stattlichen Brust, als läge sie dort am einzig richtigen Platz; sie trug hochgestöckelte Schuhe und zwei Ringe mit Steinen, sonntags überdies ein breites Armband, an dem zwei goldene Herzen hingen. Aber das war alles nichts gegen die einzigartige Überraschung, mit der sie in den Köpfen der Weiber eine Art Revolution angerichtet hatte: sie war mit geschnittenen Haaren zurückgekommen, statt ihrer schweren Krone von doppeltgewundenen Zöpfen trug sie eine Lockenpracht ohnegleichen zur Schau, ihr Hals war rasiert und eine Zeitlang schien sie dem Jörg nackter und begehrenswerter als je.
Auch der Jörg wäre kein übler Wirt gewiesen. Er richtete sich mit seinem Haufen Geld auf Großbetrieb ein, ließ ungeheure Fäßer Wein das holprige Sträßlein heraufziehen, schaffte sich eine kleine Kühlanlage an, kaufte Würste, Speck und Käse auf Vorrat, ließ das Wirtshausschild neu malen, unter den Kastanien eiserne Tische und Stühle aufstellen, elektrische Lampen anbringen und so weiter.
Es wäre ein prächtiges Geschäft geworden, wenn auch noch Gäste gekommen wären. Aber die blieben immer bedenklicher aus. Die einen freute das Gespreize der Frau nicht, die anderen, daß der Jörg die Sache gar so großspurig aufzog. Nach dem Gottesdienst kehrte man wohl für ein Gläschen Schnaps zu, ließ sich vom jungen Wirt die eine und andere Neuerung zeigen, sperrte bewundernd das Maul auf oder hatte kleine, geschliffene Anzüglichkeiten auf der Zunge; aber auch diese paar Leute blieben immer öfter aus. Es hatte sich herumgeredet, der Jörg habe alles zusammen mit der Burgl längst abgekartet gehabt: die Anzeige des Wilddiebstahls, den Tod des Gasper, die darauffolgende Heirat und Übernahme des Wirtshauses. Wenn es nach allem, wie der Jörg geartet war, auch nicht im entferntesten stimmte, es war doch ein feiner Roman, und um ihn sich zu erzählen, ging man lieber zur Alten Post im Nachbardorf statt zum Helden der Geschichte persönlich. Als dann das große Tanzfest am Ostermontag – mit gemieteter Bläserkapelle, Lampions unter den Kastanien, Glückstopf und Grammophoneinlagen – eine einzige Katastrophe wurde, sah der Jörg, es geht nicht. Und da er den Pachtvertrag nur zur Probe auf einen Monat eingegangen war, packte er kurzerhand sein Zeug und zog aus der Gegend fort. Es fehlte nicht viel, und er hätte auch aus diesem kläglichen Abgang noch ein kleines Fest gemacht; doch tat die Burgl nun nicht mehr mit. Er wußte wohl nicht, wie abschüssig der Weg war, auf den er sich begab. Nun waren ihm auch die letzten Wurzeln abgedorrt, mit denen er sich noch hätte festhalten können; das Erdreich, in dem er stak, war ihm zu Sand vertrocknet und ließ ihn los, schon beim ersten Windstoß gab es ihn frei. Er sah nicht einmal zurück nach Straßpoint, als er durchs Tal hinauskutschierte. Er hatte, um rascher fortzukommen, alles Neuangeschaffte seinem Nachfolger um einen Spottpreis überlassen. So saß er auf seinem kleinen, leichten Landauer, den schwarzen Samtvelourhut fröhlich ins Genick geschoben, kurzes blondes Gelock auf der Stirn, eine lange Zigarre im Mund, in den Augen eine leichtfertige Freude, auf der Welt zu sein; und neben ihm die Burgl, den städtischen Frühlingshut etwas windschief in den Locken, die Uhrkette auf der stattlichen Brust und über sich einen hellgrünen Sonnenschirm. Sie grüßten lachend die Leute hinter den Pflügen, riefen ihnen lustige Sachen zu, trieben den feinen Renner mit freundlichem Schnalzen an und kamen nie wieder zurück.
*
Der Taxer hatte sein Weib begraben. Das Messer war zu spät gekommen.
Er ging die ersten Tage nach dem Begräbnis stiegenauf, stiegenab, in die Tenne hinaus, in die Kammer hinauf, sogar in der Nacht hörte ihn der Hannes herumgehen. Er sah schlecht aus; seine Nase schärfer gekrümmt, die Augen tiefer unter der Stirn, eher heller als früher und ihr kaltes Grau noch eisiger. Oft am Tage kam er in die Küche herein, sah der Magd eine Zeitlang zu, sagte kein Wort und ging wieder. Auch dem Hannes gegenüber sprach er sich nicht aus.
Es ging ihm viel durch den Kopf. Nun waren sie dahin, die beiden, kein Schade um sie, aber was geschah mit Straßpoint? Ein Knecht nach dem anderen kündigte, große Stücke Feldes blieben unbebaut. Der gegenwärtige Besitzer kam alle vierzehn Tage einmal auf den Hof, stellte neue Leute ein und ließ verlauten, daß ihn die Sache nicht freue. Er war der richtige Höfehändler, weiß Gott, aus welcher Tiefe des Spekulantentums heraufgekommen. In den Jahren nach dem Krieg wimmelte es von solchen Leuten – Blasen, die aus dem Sumpf stiegen, eine Weile schillerten und stinkend zerplatzten. Vielleicht hatte er mit einem Waggon Zündhölzer, der ihm nie zu Gesicht gekommen war, begonnen, ist an Seife und verdorbenem Speck groß geworden, hat sich in Holz und Pferden versucht und ist augenblicklich dabei, vom Höfehandel in die Spekulation mit städtischen Baugründen hinüberzuwechseln, um irgendwo als Agent für »Höhensonne im Haus« oder als Schuhlitzenhausierer zu enden, nachdem er Bauern, Kaufleute und Bürgen zugrunde gerichtet hat. Der Taxer konnte solche Leute nicht einmal sehen, geschweige mit ihnen verhandeln; er zählte sie zu den Kellerratten, Wühlmäusen, Baumwanzen.
Doch verfolgte er von seiner kleinen Gemeindekanzlei aus alles genau, was mit Straßpoint vor sich ging. Er hatte neben den bürgermeisterlichen Schreibereien auch die Reiffeisenkasse und die bäuerlichen Versicherungen zu verwalten, er kassierte die Prämien ein, zahlte die Darlehn aus und verrechnete die Zinsen.
Anfangs Mai tauchte auf Straßpoint ein neues Gesicht auf; das reinste Galgengesicht, hatte sich der Taxer gedacht, als ihm der lange, schlottrige Bursch zum erstenmal über den Weg gelaufen war. Der wollte die Sache großzügig angehen, als hätte er sich in den Kopf gesetzt, mit der Straßpointer Pacht nun vollends aufzuräumen, dem Hof bei lebendigem Leib die gesündesten Stücke herauszureißen. Er hatte scheints nichts anderes im Sinn, als Wiese, Wald und Acker stückweise zu verkaufen und vom Erlös so lange und so gut zu leben, als er reichte – natürlich in der Stadt. Er hoffte wohl, auf diese Weise einige Jahre bequem und in Freuden zu völlern. Er jagte die letzten Knechte und Mägde davon und nahm die Regina ins Haus, die es ihm hüten sollte. Warum er zu alledem Straßpoint haben mußte, und er das Geld, das es gekostet hatte, nicht gleich so verjubelte, konnte sich der Taxer nicht erklären. Wahrscheinlich steckte eine ganz ungewöhnliche Gaunerei dahinter. Jedenfalls mußte seine Dummheit genau so groß sein wie seine Gewissenlosigkeit; er schien nicht zu wissen, daß es ein Höferecht und eine Behörde gab, die solchen Unfug nicht duldete. Aber der Taxer wußte es.
Und nun begann in dem alten Mann der Wille, Straßpoint zu retten, stärker zu werden als er selbst; und wurde ein schweres, dunkelschattendes Gewächs in ihm, dem er nicht mehr zu wehren vermochte, und lag ihm bis zu seinem Tod wie ein hartes Kreuz auf.
*
Er sitzt eine halbe Nacht lang in seinem Stall und hat Zeit, zu kopfen und zu rechnen. Er hockt auf einem gestürzten Melkkübel und wartet; eine Kuh soll kalben. Sie liegt schwer atmend da, auf die Seite gedreht von der Fülle ihres Leibes, sie hält den Kopf nach vorne gereckt, als lausche sie in sich hinein. Von Zeit zu Zeit kommt rauschend ein Atemzug aus ihr gleich einem langen Seufzer.
Es ist warm im Stall, der nach der Tiefe zu in schlafschweres Dunkel sinkt. Ein schwaches rötliches Licht nur, in seinem verschwimmenden Kreis die Kuh und der alte Mann.
Man wird so tun, als ließe sich das stückweise Felderverkaufen machen. Je länger man ihn hinhält, desto ärger muß es seinen Geldbeutel schwächen. Er wird schließlich Hypotheken aufnehmen müssen, von einem brachliegenden Hof kann man nicht leben.
Der Hannes kommt in den Stall.
Geht's nicht vorwärts, Vater?
Der Alte deutet nur mit einer Kopfbewegung nach der Kuh, dann fragt er unvermittelt:
Hat der neue Herr auf Straßpoint seine Brandschadenversicherung gezahlt?
Der Taxer hat den Hannes, seit er von der Schule zurück ist, ein bißchen zur Hilfe in solchen Dingen herangezogen und einen brauchbaren Schüler in ihm gefunden.
Der will sie gar nicht zahlen, hat er mir neulich gesagt; er hat die Versicherung abgemeldet.
So. Schriftlich?
Der Hannes hört nur die Frage, er sieht nicht, was in dem Gesicht seines Vaters vorgeht, er ist mit der Kuh beschäftigt; aber er müßte erschrecken, wenn er es in diesem Augenblick sähe. Eine ungeheure Spannung droht die alten, gebändigten Züge zu zerreißen, in den steingrauen Augen zuckt ein Feuer auf, das nicht von der Welt des Taxer ist, der große schmale Mund ist totenblaß geworden.
Ja, schriftlich. Wir haben den Gegenbrief von der Anstalt schon bekommen.
Dann reden sie über die Kuh.
Es wurde immer schwerer zu ertragen, daß Christian fort war. Nun war es anderthalb Monate her, seit Brigitte zum letztenmal mit ihm beisammen gewesen war. Nie hatte sie so viel über ihn nachgedacht wie in diesen paar Wochen, Und da geschah ihr das Seltsame, daß seine tiefgehende Unverläßlichkeit, sein Einzelgängertum, seine Ichverhaftetheit, kurz alles das, was ihn schwierig und untreu machte, ihr immer lieber wurde und daß dagegen seine lebhafte Art, sein immer bereitstehendes Lachen und alles, was man an ihm gern leiden mochte, zurücktrat und verblaßte. So wuchs er in ihren sehnsüchtigen Augen in ein größeres Maß hinein, die Gespräche, an die sie sich jetzt zu erinnern begann, erschienen ihr bedeutsamer als damals, sie rundeten sich zu einer Welt für sich, an der teilzuhaben ein immer schwermütigeres Glück wurde. Zweifellos übertrieb sie ihn; aber die Natur hat mancherlei sonderbare Heilmittel zur Hand. Es kann durchaus sein, so verkehrt es auch scheinen mag, daß der Verlust eines Menschen um so leichter zu ertragen ist, je mehr Wert der Verlassene in den Verlorenen hineinlegt. Er wächst damit selber und das frischt seine Lust zu leben wieder auf. Brigitte waren solche Erwägungen freilich fern, sie unterlag unmittelbar dem Gefühl.
Ihr Vater besaß genug Mut und Zartheit, um öfters, wenn sie allein waren, von dem Verschollenen zu sprechen; und es wurden ihre liebsten Stunden. Er ging mit größter Behutsamkeit daran, ihr Christian immer weiter fortzurücken, und nützte ihre Neigung, ihn zu vergrößern, geschickt aus, um ihn zur Figur einer Geschichte zu machen, einer immer fremderen und ferneren. Er sah sich dann oft in ein bestürztes Staunen versetzt, wenn sie nach einer Stunde gemeinsamen Erinnerns plötzlich in Tränen ausbrach und ihr Gefühl für den Verschollenen so heiß und nackt und zuckend dalag, als wäre er erst gestern durchgegangen.
Keine Zeile kam von ihm, man hörte kein Wort darüber, wohin er wohl gegangen sein mochte. Die ärgsten Stunden – nachts –, wenn sie nicht schlafen konnte – waren die, da sie das Äußerste befürchtete. Am Morgen wußte sie dann jedesmal, daß es nicht zu ihm paßte, das Leben fortzuwerfen, das er in jeder kleinsten Regung geliebt und gepriesen hatte. Sie wußte keinen Menschen, der vor einem Telegraphendraht, an dem die Regentropfen sich zu einer Schnur reihten, entzückter und dankbarer gestanden wäre als er. Sie war oft verstummt vor dem Blaßwerden seines Gesichtes, wenn ihn eine Farbe der Natur, ein Abendwerden, ein Windhauch in ihrem Haar erschütterte. Sie dachte wieder an sein sprachloses Stehenbleiben, als sie auf einem Spaziergang an ein paar krüppelhaften Eichen vorbeikamen, die ihr braunes Laub auch im Winter nicht hergeben wollen, und der Wind durch die Kronen fuhr, daß es geisterhaft schwirrte. Ein solcher Mensch geht nicht aus der Welt; auch ihre Bitterkeit will er bis zum letzten Tropfen kosten.
Und er sollte sie kosten bis zur Neige.
*
Christian war nach sechzehnstündiger Fahrt, während der er viel geschlafen hatte, an irgendeiner größeren Bahnstation ausgestiegen. Das lange Sitzen war nicht mehr auszuhalten gewesen, draußen war blauer Tag und Sonne, ein flaches Hügelland unter dem ersten Anhauch des Frühlings. Wind kam ihm entgegen, als er vom Bahnhof ins Städtchen ging. Er verspürte keinerlei Bedürfnis, sich zu beeilen, war munter und was er an Gepäck im Kopfe trug, wog leicht.
Natürlich dachte er mitunter an das Dorf zurück, aber es schien ihm in jeder Beziehung das beste zu sein, daß er gegangen war. Vor allem für Brigitte; sie wäre mit ihm nicht glücklich geworden.
Plötzlich durchfuhr es ihn heiß: sie war gestern umsonst nach Straßpoint hinaufgegangen und hatte ihn gesucht. Daß er diese Vereinbarung hatte vergessen können! Es tat ihm leid, auch für sich; er hätte es sich ersparen können, den Eindruck unnötig kränkender Rücksichtslosigkeit zu hinterlassen.
Aber dann schüttelte er mit Gewalt alles ab, was ihn an Gedanken und Bildern der Erinnerung mit dem Dorf verband. Es bedurfte wirklich der Gewalt, um das lebendige, warm durchblutete Geflecht zu zerreißen, durch das sein gesamtes Denken und Fühlen mit Brigitte und den Kindern, dem Taxer und dem Pfarrer, der Burgl und dem Jörg verwachsen war. Und wahrscheinlich wäre es ihm nie gelungen, sich in dem Maße frei zu machen, wie er es wünschte und brauchte, wenn ihm nicht am ersten Tage seiner Reise ein ungewöhnliches Mißgeschick widerfahren wäre.
Er hatte den ganzen Tag die kleine Stadt und ihre anmutige Umgebung durchstreift, glücklich über die Weite des Horizonts, den groß aufgetanen Himmel, in den er endlich wieder hinausschauen konnte, statt nach ihm aufzublicken wie daheim, wo er, von den Bergen allseits in die Höhe gedrängt, nicht viel mehr war als ein langgestreckter Fjord der blauen Unendlichkeit. Hier füllten ihn die Wolken von Rand zu Rand und er reichte mit seiner dunstigen Bläue, seinem schleierigen Licht ganz auf den Boden herab, auf dem man selber stand. Von jedem Punkte aus kannst du nach allen Richtungen fortgehen, ohne aufgehalten zu werden; das war es, was dieses Land von sich auszusagen schien und wodurch es sich von der Heimat unterschied. Dort lebte man in den engen Räumen des Gebirges. Die steilen Wände, die auf einen niederschatteten, begrenzten und verpflichteten auf eindeutige Weise, sie gaben jedem Weg – dem der Beine wie dem der Seele – die unabänderliche Richtung. So kam es wohl, daß die Gebirgler den Flachländern engstirnig und querköpfig erschienen, während man umgekehrt von Flachheit, Haltlosigkeit und allzu großem Anpassungsvermögen sprach – vielleicht auf beiden Seiten ohne tiefere Berechtigung.
Mochte nun die Weite des Himmels, die Aufgeschlossenheit des Landes oder bloß das Gefühl einer neuen Freiheit die Ursache sein, Christian genoß den ganzen Tag über, den er hügelauf, hügelab wanderte, das unaufhörliche Kommen und Gehen so vieler und weitausholender Gedanken, daß er schon an diesem ersten Tag seiner Flucht wußte: nicht um des Zieles willen war er auf dem Weg, sondern um des Weges willen. Ja, er wollte zu Ljuba, aber auch Ljuba war nicht das Ziel, das Ziel war kein anderes als er selbst – und wer kann wissen, ob er sich noch einholt, bevor er den letzten Atemzug tut?
Er entschloß sich, erst am nächsten Mittag weiterzufahren. Er nächtigte in einem kleinen, nicht gerade einladenden Gasthof, schlief zum erstenmal seit einer Woche wieder neun Stunden durch und ging nach dem Frühstück noch einmal durch die Stadt hinaus auf die Hügel, auf denen gepflügt, geeggt und gesät wurde. Weithin lag die Erde umgebrochen vor ihm, ein leichter Wind, der ohne Aufhören wehte, brachte ihren schweren, feuchtwarmen Geruch, Vogelstimmen füllten den Märzhimmel, und weiße, tiefziehende Wolken kündeten die Nähe des April. Hier war alles um drei Wochen früher daran als daheim. Die Aprikosen blühten an den Hauswänden, da und dort stand, einer kleinen rosigen Wolke gleich, ein blühender Pfirsich im Grünen. Der frisch gepflügte Boden glänzte, er war fett und dunkelbraun und ging in langen, gleichlaufenden Wülsten über Hügel hinauf und hinab, bis zum Himmelsrand.
Warum liebe ich das alles so sehr, fragte sich Christian. Da gab es daneben die großen Städte aus Stein und Asphalt, die Nächte aus Glas und Licht. Riesige Steinkrater mitten im grünen Land, wimmelnd von Menschen, Ratten und Maschinen, und in ihrer Tiefe glühte, alles hinabsaugend, eine finstere Glut. Hier heraußen war der Raum ohne Grenzen, aber die Zeit ein festes Gefüge nach dem Maß der wachsenden und schwindenden Sonne – dort hauste man einander über dem Kopf, so wenig Platz gab es, aber die Zeit war aufgelockert in unendlich viele Stunden, die einander glichen, als wiederholte sich bloß eine einzige, die weder Tag noch Nacht, weder Frühling noch Herbst anzeigte, die nur kam und verging und wieder kam und verging. Auch das gab eine Art Freiheit, auf engstem Raum ein Jenseits von Werden und Vergehen, ein loderndes Heute – ohne die Schatten des Gestern und Morgen, voller Möglichkeiten, sich preiszugeben und verzehrt zu werden um des Augenblicks willen. Macht, Geschäft, Weib – ein kreisrunder Kranz um die eine Stunde, auf die es ankommt. Keine Geduld, keine tiefere Ahnung des Kommenden, keine Ehrfurcht vor dem Gewordenen. Und dabei eine Nacktheit des Fleisches wie der Seele, eine grasse Helle den ganzen Leib hindurch, ohne den Schatten eines Geheimnisses, ein blitzblanker Verstand, gleich tauglich, die schwierigste Maschine zu bedienen wie das eigene Liebesleben.
Gab der Mensch nicht die Hälfte seiner wesentlichen Kraft preis, wenn er sich zu solchen Massen häufte? Gehörte nicht wenigstens ein kleines Stück des wirklichen, irdischen Raumes zu ihm, ein Stück Boden, ein Stück Himmel, ein ausschreitbares Stück Welt? Auch der Krieg hatte die Menschen zu Massen gehäuft, aber war es nicht doch anders gewesen als in den wimmelnden Städten? Als zwischen den feindlichen Gräben der gemeinsame Tod stand, war da nicht doch ein Kraut gegen ihn gewachsen, ein bittersüßes, das den Tod nicht vertrieb, aber seine Härte milderte? Die endlosen Fronten entlang, knapp hinter den rostigen Verhauen, trieb und grünte es wie ein Geschenk des Bodens, den die Gräben wie Gräberzeilen durchzogen: Kameradschaft. Und sie war nicht hinter den Verhauen geblieben, den unerbittlichen Grenzen zwischen uns und den andern, sie wuchs über sie hinweg und gleichsam über sich selbst hinaus, sie gab den Mut ein, den verwundeten Feind im Feuer der Granaten aus dem Vorfeld zu holen, ihn zu verbinden und auf den Hilfsplatz zu tragen. Eine tausendfach erlebte Tatsache, vielleicht die bedeutsamste des Krieges, weil in ihr etwas wirkte, was über den Krieg hinauswies. Als kämpften die Gegner, die sich vier Jahre lang mit allen Mitteln zu vernichten trachteten, heimlich gegen den dritten, gemeinsamen Feind: die tödliche Maschine, das allseits verhängte Sterben, den Krieg.
Ein anderes: das Marschieren, der tägliche Dienst im Graben, die Wochen im Spital hatten das Leben auf die einfachste Formel gebracht, es aller Masken und Trachten bis zur äußersten Nacktheit entkleidet. Man wußte, wie viel jeder taugte, das Moralische war sachlich geworden und bedurfte keines Geschwätzes mehr. Ob einer Asphaltsieder oder Philosophieprofessor war – was er außerhalb des Grabens vermochte, trat zurück gegen das, als was er sich im Graben bewies. Eine scheinbare Verarmung, in Wahrheit aber eine letzte Vereinfachung auf den erprobbaren Bestand menschlichen Wertes. Die uralten Tugenden, Schwächen und Bosheiten des Menschen lagen wieder klar zu Tage.
Und als sich dann erwies – eine dritte Erfahrung – daß Musik, Verse, Gedankenspiele und noch billigere Eitelkeiten vor dem Tode nicht viel galten, blieb außer dem guten Kameraden nur noch die Erde selbst. Ein Baum am Abend, ein singender Vogel über dem Schlachtfeld, die wärmende Sonne nach kalter Nacht. Darum ist es eine echte, unausrottbare Liebe, die der Heimgekehrte zur Erde hat, keine Flucht ins Romantische, kein schwelgerisches Sichvergessen, nicht einmal eine Umkehr ins Bauerntümliche, nein, eine neue, von Tod und Leben geweihte Liebe. Wir haben mit Spaten und Geschossen den edlen Leib der Mutter zerrissen, seine duftende Grashaut mit Feuer und Gas verbrannt, seine Fruchtbarkeit zerstört, und dennoch hat er uns immer liebend umfangen, geschützt und gestärkt und hat die Toten in den Schoß genommen für immer. Was sollen uns die steinernen Städte, ihr gläsernes Licht in der Nacht, ihre Blendung und ihr Geschrei? Wir wollen schweigen und horchen, ins Dunkel horchen, wie wir es gewohnt sind seit damals.
Darum liebe ich diese gefurchten Äcker, dachte Christian, sie dienen dem Leben wie die unseren dem Tode gedient haben. Aber das Leben ist heiliger als der Tod.
Als er mittags in seinem Zimmer den Rucksack packte und die Brieftasche aus dem Nachtkästchen nehmen wollte, war sie verschwunden. Er durchsuchte das ganze Zimmer, kramte in seinen Taschen, im ersten Augenblick aufs tiefste betroffen von der unliebsamen Entdeckung. Als er sie nirgends fand, nahm seine Erregtheit eine andere Richtung, sie wechselte gleichsam das Motiv. Der Schrecken, nun ohne Paß, ohne Geld, ohne Fahrkarte dazustehen, wich einer zitternden Begierde nach dem Abenteuer. Der Dieb, über den er anfangs geflucht hatte, erschien ihm immer überzeugender als Vollstrecker einer Fügung, und er tat den Gedanken, ihm die Polizei auf den Hals zu schicken, mit einem Lachen ab, das ebenso seiner bubenhaften Freude an dem neuen Spiel wie der Polizei galt. Nun gab es nichts mehr, was ihm helfend zur Seite stand; er war völlig auf sich selbst gestellt. Beine, Arme, Aug und Ohr war alles, was ihm geblieben war. Selbst der Vorrat an Worten wird wie aufgezehrt sein, wenn er fremdsprachiges Land betritt. Er besaß keine Waffe; mit einem Regenschirm kann man einen Hund verscheuchen, im übrigen ist er ein freundliches, an einem Mann beinahe lächerliches Werkzeug. Er war noch weniger geworden als ein Soldat: ein Landstreicher ohne Papiere.
Froh darüber, daß er nach dem Frühstück alles bezahlt hatte, schulterte er seinen Rucksack, bang und neugierig zugleich. Ja, es war eine fast wohlig prickelnde Angst, die ihm durch die Glieder fuhr, als er sich auf den Weg machte.
Um die nachtdunklen Höfe des Dorfes das schwebend zarte Maigewölk der Baumblüte, dahinter der schwarze Wald, der steile Berg mit dem schneeigen Gipfel, darüber die Sterne, weiß wie Apfelblüten im warmen Blau der Nacht. Kein Windhauch – und dennoch ist es, als ginge ein langsames Atmen durch die gesättigte Stille: das Land lebt.
Der Hannes ist noch wach, er liegt mit verschränkten Armen im offenen Fenster seiner Kammer und es ist ihm recht eigen zumute. Das große Atemholen geht auch durch ihn. Er weiß nichts davon, er spürt nur, wie es ihn trägt und ihm weh und wohl tut zugleich.
Seine vierundzwanzig Jahre! Gesund bis in den innersten Kern, wunderbar frisches, saftdurchzogenes Holz der Lärche. Adlig wie dieser Baum mit seinem festeren Gefüge, seinem weichen Gezweig, seinem noblen, empfindsamen Grün ist dieser Hannes. Abseits und voller Traum.
Seit Christian fort ist, geht er noch stiller herum, ganz benommen von einer geheimen Hoffnung, einer wiedererstandenen, die er längst begraben hatte. Sie kommt ihm selber unwahrscheinlich und fast frevelhaft vor, aber sie wird ihm von Tag zu Tag vertrauter, er gewöhnt sich langsam an seine Träume. Wenn er durchs Haus, über die Felder, durch die Kirche geht, ist es mehr ein Schweben als ein Gehen, er vergißt zeitweilig, wer er ist, wo er ist, er geht nur, weil ihn die Arbeit ruft, aber zugleich sitzt er im Tanzsaal droben und spielt ihr vor, schaut ihr nach, will sie behutsam hinunter tragen, oder er sieht sie im Doktorgarten stehen, Zweige stutzen, Bohnen setzen, die jungen Beete gießen.
Das alles sieht er auch in dieser Nacht, es steigt aus seinem beschwörenden Herzen, und nichts stört ihm die holden Bilder; aus dem dunklen Anger kommt der Duft der Bäume, und er glaubt zu vergehen um ihretwillen, die er liebt, seit er sie kennt, und doppelt liebt, seit sie verlassen ist und ein Kind im zarten Leib trägt.
Im Garten geht das Gatter, eine gebeugte Gestalt schreitet langsam auf das Haus zu. Sie setzt sich für eine Weile auf die Bank, ein Seufzer kommt aus dem Dunkel herauf. Es ist der Vater, denkt Hannes – daß der noch auf ist? – er wird wohl in der Kanzlei zu tun gehabt haben, und nun hört er ihn durch das Haus stapfen, lange, ruhelos. Dann ist es wieder tief still.
Der Hannes will gerade zu Bett, als hinter dem Hügel – dem Dorf zu – ein roter Schein aufleuchtet. Er wächst, alles ringsum wird finster gegen ihn, Rauch qualmt über ihn weg, von unten her glutig gebräunt. Mit einem Schlag ist der Bursch fort aus seinem Traum und hell wach – das ist Straßpoint! Er fährt in den Rock, schlüpft in die Schuhe, reißt die Tür zur Schlafkammer des Alten auf und schreit ins Dunkel: Auf Straßpoint brennts! bekommt keine Antwort, weckt den Knecht, läuft die Stiege hinunter und durch die Felder auf den roten Schein zu. Sobald er auf der Höhe steht, sieht er aus dem Stadeldach das Feuer schlagen. Einen Augenblick ist er ratlos. Dann springt er ins Dorf hinab, fliegt von Haus zu Haus, poltert gegen die Türen, klopft an die Fenster, schreit die Leute aus dem Schlaf, weckt den Pfarrer und den Mesner, schafft ihm an, Feuer zu läuten, und hat schon einen kleinen Trupp Männer hinter sich, als er wieder nach Straßpoint hinauf eilt.
Grausig bellt die Glocke über das Dorf hin. Zwei Buben rennen um die Wette durch den Hohlweg hinunter. Das Dorf hat keine Pumpe, keine Leitern, keinen Meter Schlauch; man muß in der Nachbargemeinde die Feuerwehr alarmieren.
Es gibt nahezu kein Stück Vieh mehr auf Straßpoint, Gott sei Dank. Knechte und Mägde sind fort, der Eigentümer sitzt in der Stadt. Wozu steht man eigentlich da? Bis die mit der Spritze kommen, ist nichts mehr übrig als die Mauern. Zwei Ochsen, ein paar Schafe werden aus dem Stall getan, die Hühner stieben nach allen Seiten davon. Schon springt das Feuer auf den Söller des Wohnhauses herüber, klettert die Holzwand des oberen Stockwerkes hinauf, packt das Dach mit hundert wie zum Greifen gekrümmten Fingern, schwingt sich über den Rand, läuft die Schindeln hinauf, vielfüßig und immer schneller, sie knistern unter dem bläulich huschenden Tritt – da schreit plötzlich der Pfarrer den Burschen zu:
Holt einer die Regina! Sie haust allein auf dem Hof, soviel ich weiß.
Man trümmert die Tür ein. Ihrer drei sind ins Haus, der Schmied und der Hannes mit Äxten, der Wast mit einem Zapin. Man hört sie versperrte Türen einschlagen, droben springen schon die Fenster vor Hitze, den Bäumen in der Nähe rollt es die jungen Blätter ein, die grünen Zweige sengen an. Durch den immer dickeren Qualm schlägt mit einemmal die helle Flamme, Straßpoint brennt wie eine Fackel.
Der Schmied und der Hannes haben das Erdgeschoß durchsucht und leer gefunden.
Der Wast ist die Stiege hinauf, berichten sie, wir haben ihm gesagt, er soll es bleiben lassen, man hat ihn gar nicht mehr sehen können in dem Rauch. Droben müssen die Kammern schon brennen.
Der Pfarrer nickt. Brummend sagt er zu sich selber:
Er hat vieles gutzumachen, der Wast.
Alles starrt wie angewurzelt zum oberen Stockwerk hinauf, eine tödliche Spannung verstummt die rot überflackerten Gesichter, man dreht kaum den Kopf hin, als der Tennendachstuhl in sich zusammenkracht, daß ein roter Brunnen von Feuertropfen in die Höhe schießt. Man gibt ihn schon verloren – da dröhnen Hiebe durch das Geprassel, ein brennender Fensterstock fliegt herab, ein Zapin wird ihm nachgeschleudert, und dann sieht man den Wast, rußschwarz im Gesicht, den Hut bis über die Ohren gezogen, den Rockkragen hochgestellt, durch das Fensterloch steigen. Er erwischt mit dem einen Fuß einen verkohlten Balken des Söllers, von dem nur noch die Träger aus der Mauer ragen, und springt hinab. Er kommt zu Fall und ehe er sich aufrichten kann, bricht der Windladen des Daches der Länge nach rauchend herab und dem Wast ins Kreuz. Es verschlägt ihm den Atem, er krümmt sich, man kommt ihm zu Hilfe, schleppt ihn zum Brunnen, er kriegt wieder Luft, stöhnt und hustet, er kann sich wieder rühren, aber der Schmerz im Rücken bleibt; der wird noch lange bleiben.
Niemand hat gesehen, daß die Regina vor dem Ausgeding steht und neben ihr der Thoma, der sie geweckt hat. Seit zwei Nächten schläft sie in dem kleinen Nebenhaus, in der gleichen Kammer, in der die Burgl geschlafen hat.
Sie ist erst herausgekommen, als der Wast durch das Fenster sprang, und erfährt vom Pfarrer, daß der Bursch sie gesucht hat.
Man bettet ihn auf einen Leiterwagen, spannt einen der geretteten Ochsen davor, und nun läßt es sich die Regina nicht nehmen, ihn heimzubringen. Sie hält das Tier am Zaum und führt es durch die dunkle Nacht nach Valtern. Ihr Rücken ist noch eine Strecke weit angestrahlt von dem Feuer hinter ihr, der Wast sieht sie vom Wagen aus neben dem Tier dahinstapfen; so weh ihm das Kreuz tut, er muß doch lächeln – er hat nachgerechnet: es ist noch kein halbes Jahr seit damals.
*
Am nächsten Tag war Straßpoint ein rauchender Trümmerhaufen. Die Feuerwehrleute spritzten den ganzen Vormittag in die verkohlten Balken, rissen das glimmende Gerümpel auseinander und erstickten die Glut, wo sie sie fanden; unverbranntes Zeug legten sie auf einen Haufen, dann schlugen sie von dem Mauerwerk alles Holz herab, das noch aufrecht stand, kurz, sie machten Ordnung auf der Brandstatt. Immer wieder kamen Neugierige und ließen sich alles erzählen, vom Alarm bis zu dem Augenblick, da der erste Strahl Wasser aus der Spritze knatterte. Sie waren leider viel zu spät gekommen, obwohl sie schon eine knappe Stunde nach der Meldung den Brandplatz erreicht hatten. Die Pumpe stand am Bach, und sie hatten den letzten Meter Schlauch dransetzen müssen, um die große Entfernung zu bewältigen.
Die Geschichte des Wast ging von Mund zu Mund. Man hatte es ihm nicht zugetraut, daß er sein Leben um eines anderen willen aufs Spiel setzen würde, man erzählte sich auch, die Regina sitze an seinem Bett, um ihn zu pflegen, seine Schwester Marie aber sei in der Nacht niedergekommen und habe ein totes Kind zur Welt gebracht. Es müsse eine harte Sache gewesen sein.
Ja, es war eine harte Sache. Sie krümmte sich in den Wehen, der Stolz sperrte ihr den Mund wie ein Krampf, es nützte nichts, daß ihr die Mutter zuredete, sie solle schreien, es ginge leichter; sie biß sich nur in die Lippen, grub sich die Fingernägel in die gefäusteten Hände und starrte zum Fenster.
Über den weißen Vorhang flog ein bebendes Rot, schwoll an, als müßte das Linnen jeden Augenblick Feuer fangen, flackerte und schwand, stieg von neuem und blieb die ganze Zeit über ein stummes Spiel des Schreckens und der Vergeltung vor den aufgerissenen Augen der Kreißenden. Dort droben, wo das Feuer mit einer verlotterten Wirtschaft aufräumte, hätte sie einmal Bäurin werden sollen, und das Kind, um das sie sich abrackerte, hätte zum jungen Straßpointer einmal Vater gesagt.
Wie sie ihn dafür haßte, daß er ihr nun so weh tat! Er hatte ihr immer nur weh getan und diesmal am ärgsten. Soll nur alles niederbrennen bis auf die letzte Zaunlatte! Was brauchte sie dieses Kind, das sie so lange versteckt hatte, als es nur ging, und das ihr nur Spott einbrachte, seit es sich nicht mehr verheimlichen ließ.
Als sie es sich gegen Früh mit einem besinnungslosen Schrei abgerungen hatte, schlief sie rasch ein und erfuhr erst einige Stunden später, daß es nicht mehr lebte. Ihr Gesicht war wie versteint von Einsamkeit, als sie das Tote ansah.
*
Der Wast lag drei Wochen, dann erholte er sich, aber es blieb ihm eine Schwäche im Kreuz, er wurde nie mehr ganz der alte.
Die Regina ging unhörbar aus und ein, brachte ihm das Essen, besorgte alles aufs pünktlichste, was Brigittes Vater vorschrieb, blieb auch wohl für eine Stunde neben dem Kranken sitzen und las ihm aus den Heiligenlegenden vor. Der Wast lächelte zufrieden vor sich hin, es hätte auch schlimmer ausgehen können. Sie setzte beim Lesen die Worte klar und ordentlich und hatte eine Stimme, die den Stoff der Erzählungen vergessen ließ, aber eine lichte Heiterkeit blieb zurück, eine fast winterliche Helle. Manchmal schlief er ein, wenn die Geschichte in gar zu lange Betrachtungen überging, von denen sie ihm keine Silbe ersparte.
Als er wieder soweit war, daß er herumgehen und die leichteren Arbeiten im Haus verrichten konnte, fragte er sie, ob sie nicht auf Valtern bleiben möchte.
Bis zum Herbst gern, gab sie ihm Bescheid; dann muß ich zur Einwallerin, sie hat sich für Oktober eine neue Hanni angeschafft.
Du magst kommen, wann du willst, Regina, solang ich da zu reden hab, steht dir die Haustür offen – jede Stund. Und die neue Bäurin, die um Peter und Paul einzieht, wird nichts dagegen haben, sie mag dich gut leiden.
Ist es die Straßpointerin? fragte die Regina aufs Geratewohl.
Da bekam der Wast seit drei Wochen zum erstenmal wieder etwas Farbe ins Gesicht.
So blieb denn die Regina über den Sommer auf Valtern. Die Marie aber hatte vierzehn Tage nach der Entbindung ihre Sachen gepackt und einen Dienstplatz in der Stadt gefunden.
*
Einige Tage nach dem Brand saß der Taxer in seiner Kanzlei dem neuen Straßpointer Galgengesicht gegenüber. Nun war es so weit. Die alte Bauernfaust, die sich immer ungeduldiger zum Zugreifen gespreizt hatte, mochte sich schließen.
Es gab ein scharfes Hin und Her, um jeden Groschen kämpfte der Taxer, bis er ihn hatte. Der andere war nicht wählerisch in seinen Argumenten, aber der Alte blieb wie ein Schraubstock, der langsam zuging; es war der schwerste Handel seines ganzen Lebens. Kein Zucken ging über sein Gesicht, als ihm der schlottrige Bursch zuschrie, es sei an den fünf Fingern einer Hand abzuzählen, wem die Zündhölzer gehörten, ohne die dieses grausame Geschäft nie perfekt geworden wäre. Hier stand nicht Ehre, nicht Stolz, auch nichts Moralisches zur Verhandlung, hier ging es einzig um den Hof. Und der Hof mußte her, koste es das Leben selber.
Die geschäftliche Seite lag klar. Der Besitz hatte durch den Brand gewaltig an Wert verloren, der Schaden war durch keine Versicherung gedeckt, dem Burschen fehlte das Geld, um Haus, Stall und Scheune wieder aufzubauen, eine Brandstatt inmitten brachliegender Felder war nicht an den Mann zu bringen – außer an den, der da vor ihm saß und Posten für Posten den Preis drückte.
Schließlich behielt der Leichtsinn einer Jugend, die nichts zu verlieren hat, die Oberhand – der Junge war froh, als ihm der Taxer den vollen Betrag hinschob und alle Abgaben, Gebühren und Formalitäten der Eigentumsübertragung auf sich nahm.
Als der Kerl draußen war, sank dem Alten der Kopf zwischen die Arme, die er auf dem Tisch lang ausgestreckt vor sich liegen hatte. Er machte die Augen zu und blieb eine Weile so sitzen, ganz abgeriegelt, nichts mehr auf der Welt als er selbst. Es war schwer zu tragen, der Hof hatte viel mehr gekostet als bloß Geld; aber auch das wird auszuhalten sein. Er atmete tief auf und ging.
Straßpoint ließ er mit allem, was dazu gehörte, auf den Hannes schreiben.
*
Der hatte am ersten Abend nach dem Brand zwischen verkohltem Gerümpel eine eiserne Tabaksdose gefunden und mit nach Hause genommen. Sie gehörte Christian, bei dem er sie oft gesehen hatte. Sie enthielt ein kleines Häuflein zu Asche verbrannten Tabaks. Er wollte sie als Andenken an den Lehrer für sich behalten.
Aber sein heimlicher Traum wollte es anders.
So ging er am nächsten Sonntag nach dem Gottesdienst zu Brigitte. Sie saß im Garten, hatte eine Handarbeit im Schoß und sah ihm freundlich entgegen, als er zwischen den blühenden Apfelbäumen auf sie zukam. Die Bäume schienen ihr beinahe kleiner zu werden neben dem hohen, breitschultrigen Burschen. Sie stand auf und gab ihm die Hand.
Was führt dich her, Hannes?
Man redete in der Gegend nicht gern von der Leber weg; es gab dort eine angeborene, unlernbare Kunst, mit vielen Worten anmutig zu schweigen. Aus dem unverbindlichen Hin und Her in einer schnellflüssigen, musizierenden Sprache entstand ein bald dichteres, bald dünneres Gewebe, durch das man die Sache, die man meinte, nur hin und wieder durchscheinen ließ. So hatte der Jörg mit den Leuten geredet, der Gasper, die Marie, und auch der Hannes war von der Art, wenn ihn nicht, wie eben jetzt, eine allzu große Schüchternheit hemmte. Diese Scheu machte es ihm schwer, zu Worten zu kommen, und drängte ihm gleich die Sache auf, die er vorzubringen hatte.
Ich hab das gefunden – er zog die Schachtel aus dem Sack – sie ist vom Lehrer. Ich hab mir gedacht, es ist am gescheitesten, ich bring sie dir.
Er war bis hinter die Ohren rot geworden und lächelte, während er ihr die Dose hinhielt. Einen Augenblick durchzuckte sie ein Gefühl, als wäre Christian gestorben. Sie nahm das Ding in die Hand.
Ja, sie ist von ihm, Hannes. Sonst ist wohl alles verbrannt?
Er nickte.
Dann gab sie einer unerklärlichen Regung nach.
Behalt nur du sie, du hast sie gefunden.
Was bedeutete das? Stand es so zwischen ihr und dem Lehrer? Er fand sich nicht zurecht, steckte die Schachtel ein und schwieg. Oder hatte sie es krumm genommen, daß er so mir nichts dir nichts daherkam und sich in ihre Sachen mischte? Er hätte ihr gern eine Freude gemacht, ja, aber steckte dahinter nicht eine Heimlichkeit, seine Heimlichkeit, die ihm keine Ruhe ließ, bis er wenigstens am Gartenzaun stand und das Haus sah, in dem sie wohnte? Ach, es ist schwer mit einer, die man so liebt, daß man es ihr nicht einmal sagen kann! Mit den Bauerntöchtern täte man sich leichter, aber was nützt das, wenn man nur die eine im Kopf hat, Tag und Nacht?
Sie redeten über das Wetter, über den Brand, kein Wort über Christian.
Es ist entsetzlich schade um Straßpoint, sagte Brigitte, ich hab es so gern gehabt.
Da ist das Antworten auf einmal leicht und ein stiller Triumph, wenn man erwidern darf:
Der Vater hat es gekauft. Wir fangen diese Woche zu bauen an.
Er sah, sie freute sich darüber; daß Straßpoint ihm gehörte, verschwieg er.
Da darf ich wohl hie und da zuschaun kommen?
Er strahlte übers ganze Gesicht, sie hätte ihm nichts Schöneres sagen können.
Es regnete schon den vierten Tag. Christian hatte bei einem Bauern für eine Woche Unterschlupf gefunden; es war eine Jauchengrube auszuheben und zu betonieren gewesen. Neben Unterkunft und Verpflegung hatte es ein paar Groschen eingetragen, mit denen man wieder ein Stück weit ohne Bettelei vorwärts kam. Er hatte sich dankbar und guter Dinge auf den Weg gemacht. Jede Arbeit, auch die schwerste, war leichter als das Warten vor den Türen, das Entgegennehmen des Tellers mit der Suppe. Er hatte lange gebraucht, bis er es überhaupt ertrug, und ganz ohne Scham gelang es ihm auch an den besten, zuversichtlichsten Tagen nicht.
Sein Äußeres hatte sich in den paar Wochen, die er nun auf dem Weg war, stark verändert. Er war sehr hager geworden, um das schmale Gesicht stand ihm ein dunkler Bart, der die hellen Augen noch heller machte, das gleichmäßig kurz geschorene Haar gab ihm das Aussehen eines Arbeiters. Seine Nase war schärfer geworden, die Stirn härter, der Mund gespannter. Er trug längst keine Hemdkragen mehr und ging meist ohne Hut.
Nein, es war kein Abenteuer geworden. Jeder Tag endete mit der Frage: Wie wird der morgige sein? Und in der Nacht, vor dem Einschlafen, war trotz der Übermüdung der Ansturm des eigenen Innern durchzustehen. Er hatte es für leichter gehalten, einem Ich zu entlaufen, mit dem man nichts mehr zu tun haben wollte. Vielleicht gab es Menschen, die nach Zeiten der Verpuppung als neue Wesen zu einem neuen Leben ausschlüpften – für ihn gab es diese dumpfe, sich von selbst vollziehende Verwandlung nicht. Er wußte zu tiefst, er vermochte nicht mehr zu werden, als er von Anfang an war, ja nicht einmal anders zu werden. Statt sich zu verwandeln, war es ihm zugemessen, sich auseinanderzufalten, Schale um Schale wegzutun, um zu der Gestalt vorzudringen, wie sie im Kern angelegt war.
Seit er sich aus dem Dorfe fortgejagt, von Brigitte getrennt hatte, spürte er mit jedem Tage deutlicher, wie stark er mit alledem verwachsen war. Freilich, in der ersten Zeit seiner Wanderschaft gab es so viel äußere Schwierigkeiten zu bestehen, daß ihm alles Zurückgelassene verblaßte und verstummte; aber als er sich in dem neuen Leben halbwegs zurecht fand, vernahm er immer heller eine Stimme, die ihn zurückrief. Im Regen, der sich wie ein grauer Sack über das Land zog, in der Dunkelheit der Scheunen, in denen er nächtigte, im Tabakqualm der Wirtsstuben, in denen er mitten unter den Lärmenden in nicht mehr zu steigernder Einsamkeit saß, stand ihm mit einemmal die zarte Gestalt vor Augen, und er würgte an den Tränen, die er sich zu weinen schämte. Aber der Schmerz darüber, daß er sie verloren hatte, wurde langsam von der Einsicht verdrängt, daß auch dieser Schmerz nichts anderes sei als ein lustvoller Stachel, süß zu spüren im Herzen, wenn man ihn mit stockendem Atem hineintrieb, bis es blutete.
Noch immer das alte Ich! Wird es auch dann noch eine Lust sein, wenn du erfahren solltest, daß der geliebte Andere zugrunde geht, weil du ihn aus seinem ruhigen Wachstum aufgestört und dann sich selbst überlassen hast? Sie wird nicht sterben daran, tröstest du dich; aber wenn sie dennoch daran stirbt? Dann ist es ihr so verhängt, und ich war nur das Werkzeug, dessen sich der Unerforschliche bediente.
Aber er glaubte sich nicht. Das waren Ausflüchte, und wenn die Nacht lang ist, magst du immer verzwicktere finden, sie helfen nichts, sie führen alle wieder im Kreis zur gleichen Frage zurück. Sie bohrt in dir und es schmerzt – aber dieser Schmerz ist noch immer ein Zuviel. Tu ihn fort, damit endlich der Mann aus dem Steinblock trete, an dem du hämmerst und die künftigen Maße mißt! Was dir weh tut, trübt dir nur den Blick auf das, was not tut. Das Leben ist mehr als bloß eine Schwingung für dein Auge, ein schöner Ton in deinem Ohr, ein Reiz für deine schmeckende Zunge – es ist ein schweres Geflecht von Tun und Lassen und der Verantwortung für beides.
Aber was soll mir ein achtzehnjähriges Kind? Kann es mehr sein als Anmut, Wärme, umfangender Arm, Zärtlichkeit und Süße? Ich will ein Wanderer bleiben, der die Welt liebt, und ihm nicht anders begegnen als der Birke auf dem Hügel, der Amsel am Abend, dem Wind und der ziehenden Wolke.
So fiel es über ihn her und steigerte seine Einsamkeit ins Maßlose. Oft meinte er zu verbrennen an der Qual, so völlig allein auf der Welt zu sein, und er lechzte nach dem Du, in welchem das Ich doch erst Bestand gewinnt. Er ging zu Ljuba, aber je näher er ihr kam, um so weiter schien sie ihm fort zu sein; je mehr er sich aber von Brigitte entfernte, desto näher kam er ihr.
Die beiden letzten Wochen seiner Landstreicherei war er nicht mehr allein.
In diesen Jahren nach dem Krieg bevölkerten sich die Straßen mit Männern, die keine Arbeit fanden. Sie zogen einzeln oder paarweise durch Dörfer und Städte, landauf, landab, bettelnd, mitunter stehlend, dann wieder zwei, drei Tage bei irgendeiner Gelegenheitsarbeit verweilend, die waffenlose Soldateska eines feindseligen Friedens. Sie erkannten einander von weitem, fühlten sich zusammengehörig, aber ohne Bedürfnis nach Zusammenschluß, als mißtrauten sie jeder Form von Gemeinschaft, die über die gegenseitige Duldung hinausging. Sie mochten damit nicht unrecht haben; es gab nicht wenige unter ihnen, die zu allem Möglichen imstande gewesen wären. Sie führten einen heimlichen, aber erbitterten Krieg gegen die Polizei aller Länder, durch die sie kamen, gegen Grenzwachen und Behörden, ja sogar gegen die öffentliche Fürsorge. Dieses graue Heer von Wanderern wuchs mit der Zunahme der Arbeitslosigkeit. Von den Bürgern der Städte gefürchtet und gehaßt, von den Bauern nicht gern gesehen, von der Polizei scharf im Auge behalten, von Hunger, Kälte und Krankheit Tag und Nacht bedroht, bildeten sie einen neuen Menschenschlag mit einer dem äußersten Elend entwachsenen Lebensform, für die es in der bürgerlich bäuerlichen Welt keinen Vergleich gab. Die dreckigste Zigeunerbande, der armseligste Wanderzirkus war ein lebendiges Stück Geborgenheit gegen ihr vereinzeltes Dahinziehen. Ihre Ausgesetztheit war genau so Sache des Mannes wie ihr früheres Soldatentum, nur fehlte die zusammenhaltende Kraft der Kameradschaft, die fast mütterliche Wärme der Kompanie.
Christian hatte bei einem Bauern Quartier für die Nacht gefunden. Er lag in der Scheune, auf einem Rest von Winterheu, mit seinem nassen Mantel zugedeckt. Es hatte den ganzen Tag geregnet, aber er war gut marschiert, fünfunddreißig Kilometer Straße lagen seit dem Morgen hinter ihm. Da er noch Geld besaß, hatte er sich Wurst und Brot gekauft und zum Frühstück ein Glas starken Schnaps. Nun war er müde und glücklich, ein so gutes Nachtlager gefunden zu haben. Der slowakische Bauer hatte ihn bis zur Scheunentür geführt und ihn mit freundlichem Gutenachtgruß ins Dunkel entlassen. Christian hatte sich im Finstern rasch zurechtgefunden, er war es seit Wochen so gewohnt.
Welch ein knabenhafter Traum, zu glauben, Landstreicherei ohne Papiere sei ein Abenteuer erster Ordnung! Marschieren, marschieren, Regen, Dreck, schweres, bitteres Brot, wunde Sohlen, erlahmender Stolz, Mutlosigkeit, Scham und Reue. Schon einige Male war er halb und halb entschlossen gewesen, sich bei der nächstbesten Behörde zu melden und zu erwirken, daß man ihm auf irgendeine Weise die Heimfahrt ermögliche; aber dann war jedesmal im entscheidenden Augenblick der Bubentrotz in ihn gefahren, die Suppe, die er sich eingebrockt hatte, auch auszulöffeln. Und wenn dann die Sonne wieder über den Erdkreis heraufflog wie ein golden brennender Vogel, wenn die Lerchen aus den Feldern stiegen, ein einziger Lustschrei, und er ausgeschlafen und ein Glas Schnaps im Leib, sich auf den Weg machte, dann konnte es wohl sein, daß ein breiter Streifen Glanz durch einen ging und man die Beine warf, als hätte man die ganze Welt im Sack. Ach ja!
Christian seufzte es laut vor sich hin. Da hörte er ein Geräusch, als wenn jemand sich aufrichtete und nach etwas suchte. Bald darauf knipste eine Taschenlampe und ihr weißer Schein ging quer durch das Dunkel.
Christian hielt den Atem an, er war tief erschrocken.
Er drehte so langsam und so leise als möglich den Kopf nach der Seite, von der das Licht kam. Da sah er, daß ein Mann in der Ecke saß und sich mühte, den Griff der Lampe in einen Bretterritz zu klemmen. Dann holte der Fremde ein Schreibheft aus dem Brotsack, kramte lange in allen seinen Taschen, schien endlich den Rest eines Bleistiftes gefunden zu haben, denn nun hielt er das Heft auf seinen Knieen und schrieb. Manchmal starrte er eine Weile reglos vor sich hin, kniff die Augen halb zu, als wollte er Gedachtes schärfer in seinen Blick fassen. Christian sah von seinem Gesicht nichts als den Schattenriß des Profils. Es war der Kopf eines Sechzigers, ein guter Kopf übrigens, wenn man sich die Mühe nahm, durch das Gestrüpp des Bartes und das altersdünne Haar, das in die Stirn hing, seiner Linie nachzugehen. Hinter einer nicht sehr tief reichenden Verwahrlosung ein schönes, vom Verstand her geformtes Mannsgesicht.
Christian geriet ein paarmal in Versuchung, sich bemerkbar zu machen, aber er wußte nicht, wie er es anstellen sollte. Seine Menschenscheu war in den Wochen des Alleinseins in dem gleichen Maße gewachsen wie sein Verlangen nach einem, dem er sich hätte anvertrauen können.
Zum erstenmal, seit er auf der Wanderschaft war, versprach es ein Abenteuer zu werden. Er hätte gern gewußt, was der Fremde schrieb. Nach all den Begegnungen mit arbeitslosen Bauernknechten, Fabriksarbeitern, Handwerkern und Tagdieben ein Landstreicher, der mitten in der Nacht aus dem Schlaf auffährt und schreibt.
Es mochte nicht mehr als eine halbe Stunde verstrichen sein, als der Fremde das Heft versorgte, die Lampe ausknipste und sich wieder hinlegte.
Christian wagte sich nicht zu rühren und horchte gespannt auf die Atemzüge des Fremden. Aber er lag wohl zu weit entfernt, es war nichts zu hören.
Da kam es auf einmal laut und deutlich aus der Ecke:
Dobra noc!
Christian hielt den Atem an. Hatte der ihn doch kommen hören? Wußte der, daß er nicht schlief?
Er richtete sich halb auf – die Finsternis stand im Raum wie ein Körper, an den er mit jeder Bewegung anzustoßen fürchtete, nicht der dürftigste Lichtschein gab ihm Kontur – und dennoch blickte er mit weit offenen Augen ins Dunkel. Die Freude, einem außergewöhnlichen Kameraden der Landstraße begegnet zu sein, zerrann so rasch, wie sie aufgestiegen war, als er sah, daß er es mit einem Ausländer zu tun hatte, von dessen Sprache er nicht viel mehr als dieses Gute Nacht verstand. Schade, dachte er enttäuscht, wünschte gleichfalls Dobra noc und drehte sich auf die andere Seite.
Aber ein paar Minuten später kam aus dem Winkel wieder diese Stimme, die ihm trotz ihrer Spröde so gut gefiel: Schlechtes Polnisch. Deutscher, gelt?
Christian riß es herum. Das war beinah die Mundart seiner Heimat. Eine unbeschreibliche Empfindung durchbebte ihn, Rührung und Dankbarkeit, das Gefühl, auf einmal geborgen zu sein und die Wüste hinter sich zu haben, durch die er sich gemüht hatte. Wie wundervoll lautete im fremden Land die Sprache der Heimat! Sie machte alles wieder körperhaft, was wie unter einem Schleier von Taubheit gelegen war.
Sie sind ja selber ein Deutscher, Gott sei Dank! erwiderte er, und die Freude zitterte in seiner Stimme. Nun konnte er endlich wieder sprechen, es war ganz gleichgültig, was, und er nahm die Seltsamkeit des Gesprächs, das nun begann, wie etwas Selbstverständliches hin.
Wie alt?
Fast neunundzwanzig.
Woher?
Tiroler.
Arbeitslos?
Eigentlich nicht. Ich bin Dorfschullehrer, aber ausgerissen, es war nicht mehr zu ertragen.
Ist Landstreicherei bequemer?
Ich bin nicht freiwillig auf der Straße. Mir ist die Brieftasche mit Geld, Paß und Fahrkarte verlorengegangen.
Wie sonderbar, so ins Dunkel zu reden; zu zweit und dennoch wie ganz allein; man hört sich selber zu, weil man den anderen nicht zuhören sieht. Wenn er nur weiterfragte! Auf einmal steckte alles, was er hinter sich zu haben glaubte, erstickend in der Kehle; aber die war nur noch ärger versperrt, seit es die Möglichkeit gab, zu reden.
Glauben sie bitte nicht, daß ich ein fahrender Sänger bin, der mitten in der Nacht seine Seufzer notiert! Oder ein Zeitungsmann, eine Weltblattlaus, die sich nächtens ihre Reportage abzapft. Ich hab' auch das einmal gemacht, es ist widerlich – Dorfschullehrer war ich nie, wahrscheinlich stelle ich es mir übertrieben großartig vor – aber die Kinder – nein, gegen die Kinder dürfen Sie nichts haben – da sei Gott vor! – Sie glauben wohl nicht an Gott – ich auch nicht – aber ich weiß, daß er auch das noch zuläßt – übrigens der Punkt, wo er über seine Abhängigkeit von unseren Vorstellungen hinauswächst, und seine Wirklichkeit beginnt – kein Tag ist ganz verloren, an dem morgens oder abends ein Kind in der Sonne steht – sie halten länger vor als die Weiber, länger sogar als man selbst – es ist eine Lust, alt zu werden, solang Kinder am Straßenrand stehen – mit den Weibern ist es umgekehrt – Gute Nacht!
Der Fremde hatte das meiste wie zu sich selber gesagt, und Christian fühlte, es gab keine Antwort darauf. Aber nun sah er ihn vor sich: er zog landauf, landab, endlose Straßen, sein altes, klar bestimmtes Mannsprofil ging wie ein Schatten über die Wände der Häuser und es leuchtete auf, wenn Kinder vor den Türen standen und ihm nachblickten. Er hatte wohl vieles hinter sich, er wandte sich nicht zur Seite, wenn das Lachen der Mädchen aus den Fenstern flog oder die Blicke der Frauen ihm über die Zäune entgegenkamen, dunkel und langsam, wie dieses Land sie hergab. Er hatte wohl mehr hinter sich als bloß das Weib. Im Ton dieser Stimme, in dem Ungefähr, wie die Worte anflogen und verwehten, tat sich für Christians Ohren eine Abgeschiedenheit auf, vor der die Welt an Dichte und Schwere verlor, ein Jenseits von allem, was die Menschen dieser Zeit stachelte und brannte; aber zugleich eine Nähe für ihn selbst, ein ihm von Anbeginn vertrautes Diesseits, noch sehr fern, aber er wußte sich auf dem Wege dorthin, und nur seine Jugend hielt ihn noch auf, deren er müde war, und die doch ihre Kraft gerade darin bewies, daß sie über sich hinaus wollte. Was hätte denn Jugend für einen Sinn, wenn nicht den einer Bewegung von sich fort und auf die Form zu, die ihr entsteigt wie der Kristall der schmelzflüssigen Masse. Auch im Kristall ist Bewegung, aber sie hat ihr Gesetz gefunden.
*
Am Morgen grüßten sie einander, als wären sie sich länger als bloß seit sieben verschlafenen Stunden vertraut. Sie kamen rasch überein, für eine Weile beisammen zu bleiben; sie hatten den gleichen Weg und der Fremde erbot sich, Christian auch ohne Papiere über die Grenze zu bringen. Es war herrlich, zu zweit zu sein, die Tage flogen dahin, als rollte die Zeit unter vier Beinen rascher fort als unter zweien; sie redeten miteinander und schwiegen miteinander, und Christian wußte oft nicht, wobei die Freundschaft besser gedieh, beim Reden oder beim Schweigen.
Er lernte das Leben des fremden Mannes stückweise kennen. Es war keine zusammenhängende Geschichte, die er zu hören bekam, er vermochte sie auch nicht durch Vermutungen zu ergänzen. Sie begann mit einer frühen Flucht aus dem Elternhaus, führte über eine unfaßbar harte Jugend zur Entlassung aus einer technischen Hochschule – irgendeine unheimliche, mit aller Willenskraft aus dem Bewußtsein gestrichene Gewalttat mußte die Ursache gewesen sein – und brach hier eigentlich ab. Denn was dann folgte, schien selbst für den Erzähler nicht mehr festes, betretbares Gebiet der Erinnerung zu sein, sondern untergegangen im Meer der Zeit, und nur Inseln ragten da und dort aus der grauen Flut einer sechzigjährigen Gegenwart. Das war es vor allem, was den Mann von den meisten andern unterschied: daß da einer vor sich hinlebte, für den es die Zeit als Weg von gestern nach morgen nicht gab, für den das Einst der Vergangenheit und jenes der Zukunft auf immer vertauscht und eines im andern aufgehoben erschien.
Sie sprachen über alles, worüber zwei Männer heutiger Zeit sprechen können, die einander in völliger Freiheit begegnen; und die Straße, die vor ihnen in die Weite zog, hinter Waldparzellen verschwand, sich da und dort verzweigte und am Ende jeden Tages ins Dunkel verlosch, war ihnen ein Gleichnis ihres Gesprächs, das sich von der Frage nach dem Dasein Gottes über die Literatur, Politik und Technik des Abendlandes bis zu den Zoten erstreckte, mit denen Soldaten ihr dürftiges Brot zu würzen verstanden.
Christian war nie einem ähnlichen Menschen begegnet; oft meinte er, das erste wirkliche Ich vor sich zu haben, mit dem vollen Maß an Freiheit und Lebendigkeit, das dem Menschen zukommt. Seine Kraft kam nicht aus feindseliger Vereinzelung – darüber war er hinaus, seit er wanderte –, sondern aus seiner männlich tiefen Freundschaft mit der Erde, die einzig für ihn erschaffen zu sein schien, wie er für sie. Sein Leben auf den Straßen war zumeist mühselig, oft trostlos, aber das nahm er nicht anders hin als schlechtes Wetter. Christian hatte in ihm einen Mann gefunden, der seinen Traum von Unabhängigkeit, diesen Traum jeden echten Mannes, bis zur äußersten Grenze verwirklicht hatte, unbedingter als jeder Millionär, Staatsmann oder Künstler. Er glich einem jener buddhistischen Alten, die eines Tages plötzlich aufbrechen und den Wildgänsen nachziehen. Kein Rest von Schwärmerei und Selbstbetrug störte die tägliche Verwirklichung des Anspruches: ich will denken, tun und lassen, was mir gemäß ist und keinen andern stört. Mit den Sprachen Europas, die er so weit beherrschte, als es für seine Landstreicherei nötig war, schien er auch die wundervolle Mannigfaltigkeit dieses Erdteiles zu besitzen und damit das Vermögen, die Menschen aller Landstriche zu verstehen und ihr Tun zu betrachten, als lese er in einem tausendjährigen Geschichtenbuch.
Sie saßen auf zwei Wehrsteinen der Straße einander gegenüber, auf eine trübselige Art verbunden durch den spätnachmittägigen Regen, hinter dem das Land ringsum versank.
Wir müssen uns in den nächsten Tagen um Arbeit umsehen, das Geld geht zu Ende. Wenn das Wetter schön wird, beginnen die Bauern zu mähen. Können Sie mit einer Sense umgehen, junger Freund?
Christian schwieg. Er sah in den grauen Regen hinein, als suchte er hinter dem niederströmenden Wasser den großen Hof, dahinter das strenge Gesicht des Berges, das schmale Tal, in das zu beiden Seiten der Wald hereinschlägt.
Als merkte ihm der andere an, wohin seine Gedanken gingen, sagte er unvermittelt:
Kehren sie um! Europa ist groß, ein Stück Heimat ist größer – es besitzt um eine Dimension mehr – um die der Liebe. Sie haben Heimweh.
Christian sah zur Seite. Die Augen brannten ihm. Nach einer Weile antwortete er:
Wir sollen heute über die Grenze. Morgen bin ich am Ziel. Am liebsten bliebe ich bei Ihnen – für immer.
Dabei sah er dem Alten voll ins Gesicht, aber in den harten Augen war keine Antwort zu lesen. Nach langem Schweigen erhob sich der Fremde.
Gehn wir!
Sie machten sich wieder auf den Weg. Christian schämte sich seiner letzten Worte. Augenblicklich war der Alte zurückgezuckt, genau wie eine Schnecke, der man zu nahe kommt. Ja, der trug sein Haus mit sich und es war gerade so groß, daß er selber darin Platz fand. Christian hatte in den zwei Wochen, die er nun mit dem Manne beisammen war, einige Male dieses schneckenhafte Einziehen der Fühler erlebt und die Härte der Schale zu fühlen bekommen, in die der Alte zurückkroch, wenn Christian seine freundschaftliche Bewegtheit merken ließ. Er hatte auch nicht erfahren, was der andere schrieb, wenn er mitten in der Nacht auffuhr und Licht machte. Aber je empfindlicher er seinen persönlichen Raum wahrte, desto mehr liebte ihn Christian. Er bewunderte seine Klugheit, seine Bildung, seinen Mut, war entzückt von seinem Humor, der philosophisches Maß hatte und sich manchmal zu sarkastischem Spott zuspitzte, von seinem kurzen, hellen, reinlichen Lachen – aber das war alles auch bei anderen Männern zu finden. Was er an ihm liebte, war die scheue Zartheit der Seele, die unverbrauchte Empfänglichkeit aller Sinne und des Herzens. Aber es blieb eine ehrfürchtig aufschauende Liebe ohne Worte, die Liebe eines Jüngers zum Meister.
Sie setzten ein Gespräch fort, das dem Alten gestern langweilig geworden war. Es kreiste um nichts Geringeres als den Sinn des Lebens. Christian hatte eine Abfuhr um die andere erhalten, aber er fing immer wieder zu fragen und zu räsonnieren an. Früher hatte er die Bücher befragt, dann sich selber – er hatte keine Antwort bekommen. Er war zweimal geflohen und wußte, was er suchte, war jedesmal dasselbe: Antwort auf die Frage, was für einen Sinn hat das Leben? Er wollte, daß es einen habe und vielleicht wollte er mehr: daß es möglich sein sollte, ihn in zehn klare Worte zu fassen, ihn für wahr zu halten und nach ihm zu leben. Nun war er diesem Manne begegnet, der sich von allem gelöst hatte, um es inniger zu besitzen; »er kennt kein Zielerreichen: so kann er nicht fehlgehen; er kennt kein Behalten: so kann er nicht verlieren«. Die Verse des Laotse fielen ihm ein, wenn er die Ferne wahrnahm, in der der Alte von allem lebte, was ihn selber noch gefangen hielt, aber auch von allem, wonach er selber leidenschaftlich verlangte. Oft war es ihm ein plötzliches Wunder, wenn er morgens den Fremden sich vom erbärmlichsten Zufallslager erheben sah und er seinem Lächeln begegnete, als bräche eine Sonne aus dem harten Gesicht. Was immer der Alte sagte, kam aus der Wirklichkeit eines ganz gelebten Lebens, aber es ließ sich nicht in die gewünschten zehn klaren Sätze tun. Woher wußte denn er, um was es auf diesem sonderbaren Stern ging? Warum konnte er es ihm nicht sagen? Er widersprach sich oft, und selbst in seinen Widersprüchen lag die volle Wahrheit. Wo steckte da das Geheimnis?
Als es dunkel wurde, gingen sie unbehindert über die Grenze.
Es ist nicht immer so leicht, junger Freund, es wird viel geschmuggelt, das macht die Gendarmerie nervös.
Sie kamen durch ein Dorf. Zu beiden Seiten der Straße die dunklen Reihen niedriger Häuser, hier und dort ein kümmerlich erhelltes Fenster.
Wir wollen bis ins nächste marschieren und dort über Nacht bleiben, es ist sicherer.
Christian klopfte noch immer das Herz. Wenn man sie gefaßt hätte? Der Alte besaß Papiere, aber er?
Sie schwiegen. Es war stockfinster geworden, aber es hatte zu regnen aufgehört. Christian war sehr müde, er trottete neben dem Alten her, es fröstelte ihn, die Füße waren naß, die Kleider vom Regen schwer. Er kämpfte gegen den Schlaf. So war es im Krieg gewesen, wenn die Nacht durchmarschiert werden mußte.
Er zündete eine Zigarette an. Das aufflammende Zündholz, ein winziger Kreis von Licht und Wärme, aber voll Erinnerungen. Die Lampe bei Brigittes Eltern hatte einen Schirm aus ockergelber Seide. Auf Straßpoint gab es kein elektrisches Licht, eine riesige Petroleumlampe stand auf dem Stubentisch und flackerte, wenn die Burgl laut auflachte oder der Jörg auf den Tisch schlug.
Das nächste Dorf ließ auf sich warten. In die Straße mündete ein Feldweg; es war nicht zu begreifen, daß ihn der Alte in dieser Dunkelheit sah. Sie bogen in ihn ein und fanden eine freistehende Scheune. Sie war leer. Aus den Wiesen ringsum erhob sich immer lauter das Gezirp der Grillen. Das nasse Gras duftete stark. Christian schlief augenblicklich ein.
*
Als er erwachte, stand die Sonne schon hoch. Der Platz neben ihm war leer. Er sprang ins Freie, lief um die Scheune herum, hielt nach allen Richtungen Ausschau – der Alte war fort. Er hoffte ihn im Dorf zu finden, fragte nach ihm, ging ein Stück weit noch einmal zurück, holte das Verlorene laufend ein – der Mann blieb verschwunden.
Er kaufte sich um das letzte Geld Brot und frühstückte während des Gehens. Die Sonne trocknete ihm die Kleider, auf den Äckern stiegen die Lerchen, ein reinigender Wind flog über das grüne Land daher, in den Wiesen standen die Mäher und hieben das schwere Gras zu Boden. Der Himmel war wie von einer neuen Bläue, weit draußen wuchsen die Wolken weiß herauf, ungeheure Blüten des Mai. In feuchten Schwällen kam der Duft des gemähten Grases, die Straße trocknete auf, es war eine Lust, auf ihr zu wandern.
Warum ist er plötzlich davongelaufen, dachte Christian; was will er damit sagen? Hat er mich gewogen und zu leicht befunden? Schmeckte ich ihm lau und spie er mich aus? Sein letztes Wort war zugleich das erste, mit dem er mich persönlich meinte: Kehr um! Ist es der Sinn dieser Flucht, umzukehren? Geh ich in die Irre? Wer gibt mir nun Antwort, da er nicht mehr bei mir ist?
Mit einemmal durchzuckte ihn das Gefühl, der Alte habe seinem Vater geglichen. In beiden das gleiche Vertrauen zu einer Hand, die sie hielt, das gleiche Jasagen zu allem, was ihnen begegnete. Er rechnete nach, sie müßten gleich alt sein, wenn der Vater noch lebte. Nur einfältiger war dieser gewesen, seine Augen hatten den gütigeren Blick gehabt, seine Worte waren stets ohne Schärfe, sein Lachen ohne Spott geblieben. Christian begann das Herz zu klopfen, als er die beiden immer deutlicher eins werden sah, und nun traf ihn das Wort: Kehr um! mit einer neuen, beschwörenden Gewalt; es war, als tönte es aus dem eigenen Blut herauf.
*
Über dem Land steht der Mittag, weiß, gleich einer steilen Flamme, der Horizont verzittert in ihrem Silberrauch, über den Wiesen flimmert das irre Blau.
Weit außerhalb des Dorfes liegt ein riesiges Viereck, der Massenfriedhof der Gefallenen. Eine breite Straße führt schnurgerade auf ihn zu. Sie ist blendend weiß und geht wie feierliches Schweigen durch das schwirrende Gesumm der Wiesen; sie mündet durch ein schwarzes Gitter geradenwegs in die Ewigkeit.
Tausende von hölzernen Grabzeichen, alle einander gleich, die dicht aufgegangene, starre Saat des Todes. In der Mitte ein gewaltiges Holzkreuz, zwei schwarze Balken, die den blauen Himmel längs und quer ausstreichen, darunter eine kleine Bank für den, der noch wandert und müd wird, noch sucht und nicht findet.
Es ist die höchste Stunde des Tages, und Christian sitzt mitten unter den Toten. Aus seinen Schultern ragt das Kreuz in die Höhe und spannt die dunklen Arme über das feuerflirrende Land.
Nun ist er da, den Acker des Krieges um sich und dahinter das Schlachtfeld, wogend von Korn und Gras, voller Lerchennester, Duft und Wärme. Er fühlt, er ist am Ziel. Hierher hat es ihn verlangt, hier muß das ewige Schweigen Antwort geben auf das tagtägliche Gefrage. Er schließt die Augen und horcht.
Da liegen sie nun und ruhen. Freunde, Kameraden, Soldaten von hüben und drüben, tapfere und ängstliche, gesunde und schwache, prahlende und verschwiegene, alle unter der gleichen Schicht Erde, alle mit dem gleichen Kreuz zu Häupten, den gleichen Wolken über sich, den gleichen Sternen. Sie tun einander nichts mehr zu leide, sie liegen eng beisammen und stören sich nicht. Sie reden nicht mehr miteinander, aber ihr Schweigen ist schwer von einem gemeinsamen Wissen. Sie kennen keine Gewalt mehr, kein Höher und Niedriger, Mächtiger und Hilfloser, sie sind nichts als langsam zerfallendes Gebein; aber die Stille über ihnen ist erfüllt von ihrem Geist. Sie lügen nicht mehr, sie spielen einander nichts vor, sie hassen nicht und lieben nicht, sie lassen einander gelten, so wie sie sind. Kein Geschwätz, keine Träume, kein Hunger mehr, keine Träne und keine Furcht. Sie haben das Ihre getan – Furchtbares, das ihnen verhängt war – aber nun ist es vorbei und sie haben die Welt, die unter ihnen bebte und in Trümmer ging, mit hinabgenommen: den Ungeist der Zwietracht, den Haß, den Hochmut, die Lüge und die Gewalt. Was hätte den freventlich gehäuften Unrat fortschwemmen können, wenn nicht ihr Blut; was hätte das Geschwür der Verlogenheit aus der Welt wegbrennen sollen, wenn nicht ihr stählern glühendes Herz?
Da liegen sie nun und ruhen. Über ihren Gräbern steht weiß der Mittag, die Flamme des Lebens, um ihre Gräber wogt es wieder – Milch und Brot – und was ihr Schweigen verkündet, ist nur dies: das Leben ist heiliger als der Tod. Seid ernsthaft, wie wir ernsthaft waren, als über das Schlachtfeld die Nacht herabsank, die uns zur letzten ward; seid heiter, wie wir nun heiter sind in den Armen der Erde! Seid einfach, wie es unsere letzten Gedanken waren; seid friedlich, wie wir nun friedlich nebeneinander liegen, Freund und Feind! Seid echt, seid wahrhaft, seid nüchtern, wie wir es waren, als Musik und Fahnen und die großen Worte hinter uns zurückblieben wie ein rosiger Nebel vor dem weißen Gesicht des Todes; seid schweigsam und geduldet euch, wie wir nun schweigen und uns gedulden. Nehmt das Eure auf euch, seid Soldaten und tragt es, wie wir das Unsere – und das Eure, ihr Glücklicheren – getragen haben, bedingungslos und ohne großen Anspruch! Seid liebreich, wie wir es waren, wenn wir auf kurzer Rast, bei elender Kerze, die Karte auf den Knien, der Mutter schrieben oder der Geliebten; seid hart und milde – hart gegen euch selber, milde gegen die anderen; seid unerbittlich und duldsam – unerbittlich gegen euer Herz, duldsam gegen alles Lebendige!
Da liegen sie nun und ruhen. Und ihr Schweigen tönt laut hinein in den Mann, der da unter ihnen sitzt, und dringt ihm bis in die innerste Tiefe. Er ist seiner müde und möchte bei ihnen drunten liegen, er ist auch der Welt müde, die zu laut ist angesichts der Millionen Toten. Es wäre leichter, heiter und geduldig zu sein, wenn er ihren Frieden teilte. Ich hätte in Rußland fallen müssen, geht es ihm zum zweitenmal durch den Kopf – nun muß er leben. Wie soll er leben?
Kehr um! hat der alte Landstreicher gesagt, oder war es der tote Vater gewesen? Die Toten reden laut, sie reden lauter als die Lebenden.
Ich weiß, Christian, es wird schwer werden mit uns beiden, aber es ist doch so, daß ich zu dir gehöre – und das für immer. Sind das nur Worte? Es ist das Leben selber, nun weiß er es endlich. Und wie er an das schmale Bergtal zurückdenkt, an den mächtigen Hof, an die Kinder und die Geliebte, da wird alles einfach, klar und verpflichtend.
Er kehrt in das Dorf zurück, abends will er über die Grenze. Seine Sprache hat nur mehr ein Wort, ein einziges: heim!
*
Die Nacht war mondlos. Von der Milchstraße kam ein Schein, wie von dünnem Gewölk. Die Luft war lau und voll Leben. Heuduft lag weithin über dem Land, unsäglich süß und erstickend wie kein zweiter Duft auf dieser Erde. Drüben schimmerte die Straße und verlosch in die Nacht.
Christian ging das Buschwerk entlang, das in schnurgerader Linie zwei Felder trennte. Er verhielt sich so leise als möglich, von Zeit zu Zeit blieb er stehn und horchte. Nichts als der Lärm der Grillen, hie und da in der Ferne ein Hund, der anschlug und verstummte. So war es damals, wenn man feindwärts auf Erkundigung ging. Er wußte nicht, wie weit er noch hatte; vielleicht war er schon drüben.
Da ruft ihn jemand an. Er bleibt wie angewurzelt stehn. Keine Papiere! Das gibt endloses Gefrage in fremder Sprache, Schreibereien, vielleicht zwei, drei Wochen Arrest. Weiß Gott, wie lange das alles dauert; er hat nicht mehr so viel Zeit, er will heim.
Langsam läßt er sich nieder. Hier kann er durch. Fast lautlos kriecht er durchs Gebüsch. Dann springt er auf und läuft.
Noch einmal der Anruf und knapp darauf ein Schuß. Ein harter Schlag in den Rücken, aber er läuft weiter, über einen gemähten Streifen ins mannshohe Korn hinein. Er atmet schwer, die Beine wollen nicht mehr mit, hinter den Augen fängt es dunkel zu kreisen an. Da fällt er der Länge nach hin, die Arme fangen den Kopf auf, das Gesicht ist zur Seite gedreht. Die Halme schließen sich dicht über ihm zusammen.
Wie ein Messer schneidet der Gedanke ins Bewußtsein: es ist zu allem zu spät, du mußt hier verbluten. Ein paar Atemzüge lang bäumt sich die Gesundheit seiner achtundzwanzig Jahre dagegen, er will sich aufrichten und fortlaufen, eine namenlose Angst würgt ihn, aber dann wischt die erste Schwäche über das Gehirn gleich einem Schatten, er denkt noch: Schade! dann zieht ihn die Erde, aus der er gekommen ist, langsam an sich.
Der Boden ist feucht und warm. Er strömt den urvertrauten Geruch aus – Krume, Wurzeln, grünes Gewächs. Kein Atem tat jemals so wohl, kein Mund hauchte dem Manne so voll und warm ins Gesicht, bei keinem Weibe lag er so versöhnt. Immer tiefer hinab versickern ihm die Gedanken, dorthin, wo sie entspringen, in den farbig dunklen Bereich der Bilder und des Traums.
Da ist ein Abend in der Vorstadt. Sie spannen ein Seil von Dach zu Dach. Ein Mann in glitzerndem Kostüm geht darüber, er trägt eine lange Stange quer vor sich her, sie schwankt mit hängenden Enden auf und ab. Ein kleines Mädchen in Weiß springt ihm in der Mitte des Seils auf die Schultern. Oh, dieses Zittern im Herzen: wenn sie herabstürzte!
Trunkne Nacht – bis drei Uhr früh Mozarts Quartette, roter Wein und Freunde, am Junihimmel hängt der Mond, ein silbernes Gong, und wenn die Gläser aneinanderstoßen, klingt er leise mit.
Viel früher ein einzelner Tag. Ein Baum rauscht, die Maiwolken steigen, der Kuckuck ruft. Zum erstenmal die betäubende Gewißheit: in dieser Stunde ist die ganze Ewigkeit.
Ein Zigeunerwagen steht im Hof. Am Abend sitzen braune Männer ums Feuer, ihr Lachen mischt sich mit dem Gewieher angepflockter Pferde, die Weiber ziehen seltsame Kämme durchs lange schwarze Haar. Angst und heimliche Hoffnung: nehmen sie mich mit?
Dann ein Klosterhof mit einer Allee von Linden, altem, prangendem Portal. In der Kirche heilige Leiber in Purpur und starrem Gold, sie sitzen halb aufrecht im dämmerigen Glasschrein und lachen aus zarten Totenköpfen.
Schüchternes Blau über blondem Haar. Sie reist mit den Eltern ab. Nebel zieht die Almen entlang herein ins Tal. Die Ferien sind zu Ende. Noch am Morgen ist das Kissen von Tränen naß.
Er lehnt, neun Jahre alt, an einer mittagheißen Mauer. Brennessel stehen in der Nähe und riechen scharf nach Hitze und einem bösen Grün, Glasscherben blitzen im Kehricht. Er fährt mit beiden Händen die nackten Schenkel entlang, gleichmäßig und immer inbrünstiger, bis er vor Lust und Verzweiflung fast erstickt. Niemand sagt ihm, was das ist.
Er steht im Exekutionskarree. Sie führen den Deserteur über den Hof. Das Viereck öffnet und schließt sich wieder, eine tödliche Maschine aus Menschen. Man verliest ihm das Urteil, befiehlt ihm, niederzuknien. Da wirft es ihn blindlings hin, er überschlägt sich, eine letzte Welle überstürzt ihn. Dann kniet er dort, die Augen verbunden, die Arme gebreitet, und biegt sich in grauenhafter Erwartung zurück, so weit er kann. Vier Schützen schleichen lautlos auf ihn zu, spannennah sind die Gewehrläufe auf ihn gerichtet, zwei auf die Stirn, zwei aufs Herz. Der Offizier, der den Säbel hebt, ist bleich wie die Mauer. Der Feldkaplan hat das Kreuz in der Hand. Oh!
Auf kleinen Waldblößen riecht es nach versengten Nadeln und Brombeeren; aus Haseln und Buchen löst sich manchmal ein Blatt, ein Häher schreit, dann schließt sich wieder die Stille und wird schwerer als zuvor. Die Zeiten sind vertauscht, Jäger brechen durch den Wald, Mönche bauen, Einsiedler hausen in der herbstlichen Stille. Ein Spruch tönt durch die Zeiten: Wer nichts hat, hat Gott.
Das spukt vorüber, ehe einer bis drei zählt; dann ist es von kreisender Blutleere ins Finstere hinabgesogen, ein letztes, klägliches Lächeln zurücklassend, das noch lange im bärtigen Mannsgesicht stehen bleibt.
Die Arbeit auf Straßpoint ging rasch vonstatten. Hannes war den ganzen Tag auf dem Bau, sein stiller Eifer trieb Maurer und Zimmerleute an, zur Sonnenwende stand schon der Dachstuhl und auf seinem First die kleine buntbebänderte Fichte.
Der Zimmermeister, auf der äußersten Pfette draußen, hielt das volle Weinglas in der Hand und sagte den Feierspruch. Dann trank er es leer, auf das Wohl des Bauherrn und seines Nachwuchses bis ins siebente Glied, auf das Wohl der ehrsamen Arbeit und des ganzen geliebten Landes. Drei Böller krachten durchs Tal hinaus, als das Glas an der Erde zerscherbte.
Es war ein Fest fürs ganze Dorf. Der Hannes stand auf dem Bauplatz, hochgewachsen und stattlich, er dankte für den guten Spruch mit wenigen, altüberkommenen Worten, dann ließ er das Bierfaß anschlagen, das in der Brechelstube lag, und lud Freunde und Verwandte, die Arbeiter und alle, die gekommen waren, ein, zu essen und zu trinken. Man ließ ihn dreimal hochleben.
Brigitte und ihr Vater waren auch da. Die Scheu, unter Leute zu gehn, seit man ihr das Kind ansah, hatte sie längst überwunden. Man begegnete ihr nicht anders als früher, im Gegenteil, ein feiner Zug von respektvoller Vertraulichkeit schien ihr im Grüßen und Sprechen der Leute zu liegen, als wollten sie ihr bedeuten, daß sie nun lebendiger zu ihnen gehöre als zuvor. Unter Bauern war es keine Schande, ein lediges Kind auszutragen. Die Bräute waren selten, die ohne Beweis, daß sie zu Müttern taugten, in die Ehe traten. Solange der Alte den Hof nicht übergab, war es für den Jungen schwer zu heiraten, aber die Natur hielt sich nicht daran, sie wollte die Weiber so tüchtig wissen wie die Männer und verschwendete aus ihrem Überfluß.
Hannes war glücklich über die Maßen, daß Brigitte seiner Einladung zur Firstfeier gefolgt war. Er vermied es vor den Leuten, allzu oft mit ihr zu reden, aber seine Augen suchten sie im Hin und Her der Mädchen und Burschen und verweilten mit verliebten Blicken auf ihrem Gesicht, aus dessen sommerlicher Bräune die hellen Augen groß und schön leuchteten.
Der alte Taxer war daheim geblieben. Er wurde immer abseitiger, zugeknöpfter und wunderlicher. Niemand konnte sehen, daß er am Fenster seiner Stube stand und nach dem Hügel hinaufsah, hinter dem das neue Straßpoint in die Höhe gewachsen war. Sein Haus war leer und wird noch leerer werden, wenn der Hannes im Herbst hinaufzieht. Es ist nicht immer ein friedliches Glück, alt zu werden – aber daß Straßpoint wieder in Ordnung kommt, ist ein freundlicher Lichtstreif vor der heraufkommenden Nacht. Das Galgengesicht, dem er die Brandstatt abgetrotzt hat, ist nach dem Handel beim Wirt gesessen und hat sein Maul ausgeleert; aber die Leute sind verstummt und gegangen, als man ihnen zumutete, den Taxer für einen Brandstifter zu halten. Der Pfarrer hatte nur geschmunzelt, als er davon hörte; es wäre nicht das Schlimmste gewesen, schien ihm, er jedenfalls hätte den Alten verstanden.
Brigitte kam auf den Hannes zu.
Du hast die Stubenfenster doch größer machen lassen.
Es flammte ihm übers ganze Gesicht. Er nickte; dann brauchte man ihn wieder beim Bierausschank.
Ja, er hatte sie der Höhe und Breite nach um etliches ausbrechen lassen, als die Mauern schon standen. Brigitte war einige Male auf den Bau gekommen, und einmal hatte sie geäußert, sie würde die Fenster größer haben wollen, wenn sie hier wohnen müßte. Nun freute es sie, daß der Hannes nicht so querköpfig war und sich vernünftig raten ließ; nicht jeder Bauer wäre von den gewohnten Maßen abgegangen, wenn es sich bloß um mehr Licht und Sonne handelte.
Aber dem Hannes wurde der Tag doppelt so schön, weil sie es bemerkt hatte.
Abends, nach dem Dunkelwerden, brannten die Sonnwendfeuer auf dem Gipfel und den ganzen Grat herab bis zu den hochgelegenen Almen.
Der Hannes ließ es sich nicht nehmen, Brigitte und den Doktor heimzubegleiten. Die Wiesen standen hoch und reif, ihr Duft süßte die herbe Luft, die vom Berg kam, über das dunkle Land zogen die Sterne herauf, sie strahlten groß und ruhig in der klaren Luft und einige schienen in den Felsen droben zu nisten, nur röter und irdischer, heißer und vergänglicher als die andern. Draußen über den niedrigen Vorbergen blieb der nördliche Himmel noch lange hell, als könnte es heute nicht Nacht werden.
Auf dem Heimweg warf sich der Hannes irgendwo ins volle Gras und starrte zu den Feuern hinauf; es war ihm, als loderten sie aus seiner Brust hervor, die von Glück und Stummheit versperrt war, und sprächen deutlich zu ihr hinunter, von allem, was er doch nie zu sagen vermochte.
*
Brigitte ging für zwei Monate auf die Alm. Sie war schon im letzten Sommer, Juli und August, beim Thoma droben gewesen und hätte sich in der teuersten Sommerfrische nicht wohler gefühlt. Der Alte war ein stummer Gastfreund und hatte sie in seiner Art aufs beste betreut.
Nicht weit von den Sennhütten und Viehställen stand ein kleines, hübsches Jägerhaus, das sich der Pächter der Gemeindejagd vor Jahren gebaut hatte. Als der Pachtvertrag abgelaufen und nicht erneuert worden war, kaufte die Gemeinde die Blockhütte, um sie dem jeweiligen Jagdpächter vermieten zu können. Nun war die Jagd schon das dritte Jahr nicht an den Mann zu bringen, und die einfache, aber nett eingerichtete Hütte überließ man gegen eine kleine Vergütung gern den Doktorsleuten.
Vierzehn Tage blieben die Eltern bei Brigitte; heuer wollten sie sie wieder mit hinabnehmen, aber sie war in ihrem Zustand eigenwilliger und eher härter geworden. So setzte sie es durch, bis Ende August droben zu bleiben. Sie erwartete die Niederkunft für die erste Septemberwoche, und da ihr Vater sie einige Male untersucht und alles in schönster Ordnung gefunden hatte, stand ihrem Wunsch kein ärztlicher Einwand entgegen; die Bergluft konnte ihr nur gut tun. Der Vater würde sie jede Woche einmal besuchen und sie schon rechtzeitig hinabbringen. Die Mutter begriff das Ganze nicht und ärgerte sich über den Eigensinn Brigittes; sie verstand nicht, daß ihr Mann nachgegeben hatte, und kehrte in schlechtester Laune nach Hause zurück.
Brigitte war nirgends so glücklich wie da droben. Seit sie das Kind in ihrem Leib sich regen spürte, war sie noch inniger in den Kreis des natürlichen Lebens einbezogen. Sie fühlte die Änderungen des Wetters voraus, erlebte es ganz anders, daß Abend und Morgen wurde, versank in der Mittagstunde in eine schlafähnliche Reglosigkeit, sah den Tieren beim Grasen lange zu, lag gern in den harten, heißen Stauden der Almrosen und wünschte sich keine andere Gesellschaft als den schweigsamen Thoma, der wie ein grauer Waldschrat sein Reich beherrschte, mit weitausholenden Schritten dem Vieh nachging und es mit seltsamen Schreien heimlockte. Sie wußte keinen Menschen, bei dem sie sich geborgener gefühlt hätte, wenn ihr der Alte auch nie ganz geheuer war. Aber selbst das noch gehörte zu seiner behütenden Kraft.
Sie kochte sich selbst oder ließ sich von ihm zum Essen laden, wenn er seine unnachahmlichen Sennergerichte bereitete. Es war eine Lust, ihm zuzuschauen, welche Verschwendung er mit Rahm und Schmalz trieb. Da stand er in der abenddunklen, rußschwarzen Küche vor dem offenen Herd, das Feuer zuckte ihm goldrot übers Gesicht, und er schwang die Pfanne mit den schwimmenden Nocken, sagte keine Silbe, und wenn sie ihn fragte, woraus das nun alles bestünde, brummte er Unverständliches in den Bart. Nach dem Essen ließ er sich gern etwas vorlesen – Gespräche über Dorfsachen liebte er nicht – und wenn es zum Schlafengehen Zeit war, führte er Brigitte ins Jagdhaus hinüber, wartete, bis sie das Licht löschte, horchte nach allen Seiten und ging in seine Hütte schlafen.
Dann lag Brigitte meist noch eine Weile wach, von den Wiesen kam der starke Atem des Berges durchs offene Fenster, hie und da tönte eine Kuhschelle herein, droben glühten die Sommersterne, und sie legte beide Hände auf den nackten Leib, als wollte sie das kleine Gesicht umfangen, das unvorstellbar da drinnen lag und mit blinden Augen, tauben Ohren ins Leben wuchs.
Sie dachte manchmal an Christian, ohne Bitterkeit und ohne Leidenschaft. Es paßte so gut zu ihm, daß er seiner Wege gegangen war. Wünschte sie sich ihn zurück? Sie wußte es selbst nicht. Vielleicht, wenn dann das Kind da ist.
Zweimal kam der Hannes zu Besuch, einmal mit ihrem Vater, das andere Mal allein. Er berichtete über den Fortschritt des Baus; mit Herbstanfang wollte er einziehn.
Dann brauchst eine Bäurin, Hannes.
Er sah ihr errötend ins Gesicht und lächelte nur. Schließlich wagte er sich doch vor:
Es muß nicht um jeden Preis eine Bäurin sein.
Ja, willst eine Prinzessin heiraten, fragte sie lachend dagegen, und sie redeten von was anderem. Deutlicher konnte er nicht mehr werden, kam ihm vor.
Das zweite Mal, als er allein da war, saßen sie lange auf einem grünen Kopf, von dem man auf Straßpoint hinabsah. Es war deutlich auszunehmen, daß das Dach schon gedeckt und die Wände gekalkt waren.
Was ist aus der Kammer geworden, in der Christian gewohnt hat?
Die ist jetzt die große Schlafstube für – Er brach ab.
Du wirst sie wohl bald so brauchen, Hannes, wenn sie dir auch jetzt noch zu groß ist.
Sie hatte es nachdenklich und frauenhaft gut vor sich hingesagt, aber was meinte sie wohl damit? Er wußte nichts Gescheiteres zu antworten als:
Hoffen wir's!
Später sagte sie:
Darf ich mich ein bißchen halten? und langte nach seiner Schulter. Er spürte, während sie sich auf ihn stützte und aufstand, den linden Druck bis in die feinste Faser hinein.
Es kamen zwei regnerische Wochen, und der Vater wollte nun Brigitte doch mit hinabnehmen, aber sie war dazu nicht zu bewegen. Sie sei drunten nicht halb so gesund, sagte sie, und als er trotzdem darauf bestand, fing sie zu bitten an. Da gab er nach – sie hatte ihn von klein auf allzu selten um etwas gebeten.
*
Um Barthlmä spürt man die Tage deutlich kürzer werden. Der Herbst schaut über die Höh', sagen sie drunten im Tal. Es hatte sich ausgeregnet. Die Nächte wurden kühl, aber tagsüber lag ein wunderbarer Glanz über den Bergen. Sie verloren an Schwere, rückten weiter fort und wurden zu fernen, hellblauen Wänden, die den Raum des Landes eher öffneten als begrenzten. Die Almwiesen bräunten sich, und ehe die Sonne hinabging, schimmerten sie wie durch goldigroten Rauch.
Da das schöne Wetter über eine Woche anhielt, wurde es in diesen letzten Augusttagen noch einmal hochsommerlich heiß.
Brigitte ist den ganzen Tag draußen, sie macht kleine Spaziergänge hinauf und hinab, allzuweit will es nicht mehr recht gut gehen. Am frühen Nachmittag ist sie im Schatten einer Zirbe eingeschlafen. Nicht tief, sie hört immer wieder das Geläut der Rinder, aber doch so, daß sie dazu träumt.
Es war schon am Morgen fast schwül. Und jetzt zieht von Westen her eine dunkle Wand auf; an ihrem oberen Rand häuft es sich noch in blendendem Weiß, aber von unten her steigen die blauschwarzen Schatten wie eine schnelle Flut, bis alles Helle in ihr ertrinkt. In unheimlicher Hast zieht sich dieses späte Gewitter zusammen; es ist, als ob der Sommer sich in wütender Eile aus dem Land machte.
Schon fährt der erste Windstoß die dunklen Bergwiesen herab, daß sie aufleuchten wie unter dem stahlhellen Schwung einer Sense. Die Zirbe rauscht und weckt die Schlafende. Sie findet sich nicht gleich zurecht – die Alm unter ihr liegt im Schatten des Wetters, nur die Stallmauern geistern weiß herauf.
Jetzt aber schnell, denkt sie und will sich auf den Weg machen.
Da flammt es in metallischem Lila vor ihr nieder, sie fährt geblendet zurück, ein furchtbares Gekrach zerreißt die Luft, und der Schreck, der ihr bis ins Mark schießt, reißt die erste Wehe los.
Der neue, noch nie gespürte Schmerz krümmt sie auf den Boden zurück. Zweimal gelingt es ihr, ein Stück weit zu laufen, aber es ist, als risse man sie im Kreuz langsam auseinander. Sie ist totenblaß bis in die Lippen.
Zwei, drei schwache Blitze sind noch niedergegangen, ein paar große Tropfen sind gefallen. Es ist keine Kraft in dem Wetter, das Gewölk zerfließt gleichmäßig grau über den ganzen Himmel hin, Nebel raucht über die Höhen herab und dann setzt ein herbstlich trüber Landregen ein.
Brigitte hat die letzte, nicht mehr hohe Stufe, unter der die Alm sich hinbreitet, erreicht. Da muß sie sich noch einmal hinsetzen und es über sich ergehen lassen. Aber wie sie wieder die Augen auftut und weiter will, sieht sie den Thoma auf sich zukommen. Mit langen, hastigen Schritten – sie hat ihn noch nie in solcher Eile gesehen – steigt er den nassen Grashang herauf. Der Mantel fällt ihm in zwei Überwürfen von den Schultern, einem langen und einem kürzeren darüber; es ist ein uraltes Stück und gehört zum Thoma wie der krautige Bart rund ums Gesicht und das halb weggebissene Ohr.
Sie lächelt trotz der Schmerzen und nickt ihm zu, ja, Thoma, nun ist es soweit, vierzehn Tage zu früh, und wie werden wir es etwa zuwege bringen, wir zwei allein? Das alles liest er ihr vom Gesicht ab, sie braucht ihm nichts zu sagen. Ja, denkt er selber, wie werden wir's machen, Brigitte – Dickschädel, verfluchter! Aber dann hebt er sie sacht vom Boden auf, nicht anders als ein Schaf, das sich verstiegen hat. Sie deckt sich mit dem kurzen Überstück des Mantels zu und hält sich mit beiden Armen an seinen Schultern fest. Es ist wunderbar, wie sicher er sie über das schlüpfrige Berggras hinabträgt. An seinem Leib ist es warm, es riecht nach Holzrauch, Kuhmilch und Tabak. Ihre Arme sind Kinderarme um den klobigen Nacken, sie sitzt wie in der Astgabel eines Baums – als wäre die Zirbe, unter der sie geschlafen hat, aus dem Boden gestiegen und trüge sie auf ihren dunklen Ästen heim.
Er bettet sie in ihre Kammer, bringt ihr heiße Milch, stellt einen Kessel voll Wasser aufs Feuer, sucht in allen Schubladen nach reinem Leinen, Watte und Verbandzeug, und sie sieht seinem Gesicht die Mühe und Gewissenhaftigkeit an, mit der er nachdenkt, was man für alle Fälle brauchen könnte. Das rührt sie so, daß ihr die körperliche Scheu vor dem Alten immer mehr dahinschwindet, aber es reicht nicht hin, die Angst aufzuhalten, die mit jedem Gedanken an das Bevorstehende wächst. Nun, da sie im Bett liegt, fühlt sie sich ausgesetzt in der Einsamkeit, preisgegeben in ihrer schweren Stunde, ohne kundige Hilfe, und die Gefährlichkeit ihrer Lage kommt ihr immer bedrohlicher zum Bewußtsein. Oft ist sie drauf und dran, den Alten um den Vater zu schicken, aber die Furcht vor dem Alleinsein läßt es nicht zu. Die Wehen bleiben lange aus, und sie fliegt alle Möglichkeiten der Kindsnot durch, sie beginnt an allen Gliedern zu zittern, Todesangst treibt ihr den kalten Schweiß aus der Haut, sie sieht sich um Kind und Leben gebracht und ist selber Schuld daran, Tränen rinnen ihr übers Gesicht, sie ist so hilflos und in ihr Elend verloren, daß ihr die zitternden Lippen nicht mehr gehorchen und sie nur stumm vor sich hinweint, wenn der Thoma fragt, wie es ihr geht.
Dann setzen die Wehen wieder ein, heftiger als zuvor. Sie langt nach seinem Arm und krampft sich an ihm fest, als drohte der Schmerz, der in Wellen kommt und ansteigt, sie fortzuschwemmen. Der Thoma blickt in dieses Gesicht, das ihm so lange schon vertraut ist, wie in ein völlig fremdes. Es ist nicht mehr Brigittes Gesicht, es ist nichts als der leibhaftige Schmerz der Kreatur, kein Menschenantlitz mehr, nur noch feuchtes Haar, schweißbedeckte Blässe, von einem harten, arbeitenden Willen beherrscht, für jeden verschlossen und jenseits aller Teilnahme. Ihr Leib biegt sich weit zurück, Stöhnen kommt aus der Brust, im Weiß des Auges verschwimmt das runde Grau in ein irres Fortsein, und strömt der Schmerz endlich ab, dann ist es, als kehrte sie aus einem Bereich zurück, zu dem es für den Mann keinen Zutritt gibt. Der Alte hat noch keine gebären sehen, aber etwas in Brigittes Gesicht erinnert ihn an den Augenblick der Wollust. Es ist die gleiche Hingenommenheit, das gleiche verzückte Fortsein, nur in den Schmerz verkehrt und wie eine Anklage gegen den Mann, der es verschuldet hat und nun abseits bleibt.
Einmal ruft sie ihm zu, da der Schmerz keiner Steigerung mehr fähig scheint und dennoch wächst und immer noch wächst:
Ich muß sterben!
Aber da sind Schmerz und Todesangst nichts als Helfer, deren sich das Leben bedient, um neues Leben aus sich heraufzuholen, mit unerbittlicher Gewalt, aus unerschöpflichem Vorrat. Da bleiben dem Menschen nur ein paar Handgriffe zu tun, ureinfache, selbstverständliche, und der Schrei, mit dem die Mutter nach langen Stunden der Marter das Kind ausstößt, ist gleicherweise ein Schrei des Schmerzes wie der Lust, und er tönt durch den Raum, als hätte das stumme Leben selber sich plötzlich der Sprache bemächtigt und schriee seinen Sieg aus.
Der Alte besorgte das Nötige. Aber dann schrickt er zusammen – das Kind lebt nicht. Seine Haut ist leichenhaft fahl und kein Atemzug geht durch das reglose Körperchen.
Da wird in dem alten Heiden das viel ältere Gebot laut, er nimmt das Neugeborne und trägt es hinüber in die Küche, schöpft mit der hohlen Hand das kalte Bergwasser aus dem Trinkeimer, und während er es über die kleine, faltige Stirn schüttet, murmelt er, als redete er aus dem Traum auf:
Im Namen des Vaters, des Sohnes, des Heiligen Geistes, Amen.
Er glaubt ein Wunder zu sehen – der Kleine atmet und zappelt, wird über und über rot vor Anstrengung, ins Leben zu finden, reißt den Mund auf und kräht zum erstenmal.
Da lacht der Thoma, daß es bis in die Schlafkammer hinüber schallt, trägt den Schreihals zur Mutter zurück, bereitet das warme Bad und richtet das Linnen her, in das er gewickelt werden soll.
Er heißt Christian, sagt er zu Brigitte, er hat's ohne geschwinde Tauf nicht glauben mögen, daß er dahergehört. Nichts Besseres als das eiskalte Wasser für solcherlei Heidenleut.
Sie nickt bloß, sie meint zu ersticken vor Glück und Tränen.
So ist es denn wieder Herbst geworden, und Brigitte sitzt im Anger hinter dem Haus, das Kind hat sie neben sich im Korb, es spielt mit seinen zehn Fingern wie mit einem fremden Ding.
Talauswärts verblaut das Land nach der Ferne zu, und die Berge, die gegen das Licht stehen, scheinen vor Leichtheit zu schweben. Die Apfelbäume hängen voll Frucht. Sie ist in diesen Tagen rund und süß geworden. Die stete Kraft, die sie geschwellt hat, hält eine Weile ausschwingend inne. Davon ist es rings so still.
Auf der andern Talseite drüben pflügt ein Bauer mit zwei Rössern einen Steilhang. Sein Bub führt die Tiere, sie hauen, schwer nach vorne hängend, die Hufe in den braunen Boden. Es ist eine mühselige Arbeit, den Pflug gradaus zu führen und am Ende der Furche herumzuwerfen. Zeile für Zeile ziehen sie so den Hang herab – ein stummes Schreiten und Wenden, aber eine deutliche Auskunft:
Bauer sein heißt im Kreise gehn, von Herbst zu Herbst, einen in sich geschlossenen Weg, das ganze lange Leben treulich den gleichen; erst so langsam, daß man ihn gar nicht übersieht und gradaus zu gehen meint; dann immer schneller und der Runde bewußt, die einen abschließt von draußen und heimatlich birgt; dann laufen die Kinder voraus, und man selbst bleibt immer müder stehen und sieht zu, wie es an einem vorbeidreht: Frühling, Sommer, Herbst und Winter; Aussaat, Reife, Ernte, Rast; Schulzeit, Liebe, Geburten und Tod.
Gerade ist der Hannes bei Brigitte gewesen. Er war der Meinung, es habe keinen Sinn, länger zu warten. Morgen wolle er den Neubau beziehen, mit Knecht und Dirn, Vieh und Geflügel, nur die Herrin fehle. Ohne Umschweife: er sei da, um zu fragen, ob sie nicht Lust hätte, mitzukommen, nicht als Bäurin, das könne kein Mensch von ihr verlangen, so viel verstehe er wohl, aber als seine Frau, als Gebieterin auf Straßpoint. Sie kenne ja den Hof, er war immer schön und ist noch schöner, seit er vom Keller bis unters Dach hinauf nagelneu ist, dreißig, vierzig Stück Vieh ließen sich leicht durch den Winter füttern.
Sie sieht ihn groß an. Dann wird sie übers ganze Gesicht rot. Sie versteht ihn nicht, merkt er, sie sitzt vor ihm, eine einzige, sprachlose Frage.
Sie steht auf und schüttelt langsam den Kopf. Sie faßt nach seinem Arm und lächelt, nun selber befangen und ein wenig beschämt.
Nein, Hannes, das würde nicht gut tun. Ich hab wirklich nicht gewußt, daß es so um dich steht, ich hätte es dir gern erspart.
Sie fährt einmal, zweimal den schweren Bauernarm entlang, der nun wie an einem Schulbuben herabhängt – eine fast kindliche Liebkosung und zugleich eine mütterliche, aber der Hannes weiß, es ist das Ende. Nichts als hilflose Verlegenheit zuckt ihm um den Mund, als er sich verabschiedet und geht. Sie sieht ihm nach, bis er im Hohlweg gegen das Dorf hinauf verschwindet.
Dann öffnet sie das Kleid, und läßt dem Kleinen die Brust. Nach einem kurzen, ziehenden Schmerz durchströmt sie unendliche Zärtlichkeit. Liebe steigt in ihr auf, aus einer Brunnentiefe, die das Bewußtsein nicht mehr erlotet. Alles wird Kind in ihrem Arm. Alles trinkt von ihr und sie meint zu vergehen vor mütterlicher Lust. Sie fühlt sich hinschwinden und hinüberfließen in ein Außer sich, schlackenloser als damals, jenes einzige Mal, da sie dem Geliebten zu Willen war; es ist, als wäre jene zu früh gepflückte Stunde erst heute reif geworden.
*
Hinter dem Anger steigen die Wiesen zuerst langsam, dann steiler und steiniger den Hang hinauf, und darüber setzt der Wald an. Von seinem Rand aus sieht man an der Dorfgrenze die Villa des Arztes stehn. Auf einem niedrigen Fichtenstrunk sitzt ein Mann, die Beine übereinandergeschlagen, den einen Arm aufs Knie gestützt, das Kinn in der Hand. Er blickt schon lange unverwandt in den kleinen Anger hinab, unter dessen Bäumen der Korb mit dem Kind steht.
Er sieht wie ein Wanderer aus, der von weither auf dem Weg ist und hier eine Weile rastet. Sein Gesicht ist schmal und knochig, unter den Jochbogen fallen die Wangen in tiefe Gruben, und auch die Augen sind von der Stirnwölbung dunkel verschattet. Er erweckt auf den ersten Blick den Eindruck schwermütiger Gefaßtheit und eines Ernstes, der sein ganzes Wesen wie mit festigenden Fasern durchzieht. Erst bei schärferem Hinsehen würde ein Talbewohner erkennen, daß es Christian, der verschollene Lehrer ist.
Er hat schwere Wochen hinter sich. Der Schuß in den Rücken ist wohl ausgeheilt, aber es hat mehr als zwei Monate gedauert, bis man ihn aus dem Bett ließ. Tagelang war es ein besinnungsloses Hin und Her, für Stunden schien es, als wäre er schon hinüber.
Dann gab es Schwierigkeiten wegen des Passes, und wenn nicht der Alte von der Landstraße, der von seinem Mißgeschick gehört hatte, zu ihm ins Spital gekommen wäre, um ihm beizustehen, weiß Gott, wo er sich heute noch herumtriebe. Der hatte ihm auch etwas Geld verschafft, sich nach Ljuba erkundigt und erfahren, daß sie an eine russische Hochschule gezogen sei, lange, bevor Christian über die Grenze kam.
Nun sitzt er da, wohin er gehört. Und das Land zieht ihn noch inniger an sich als im letzten Herbst. Nur, daß er ihm nicht mehr so willig nachgibt wie damals. Er ist um einen vollen Jahresring gewachsen, um einen, der mehr Welt umschließt als der vorige, der die junge Rinde gesprengt hat, daß sie nun borkig vernarbt. Aber ein Baum ist nichts Weltläufiges, und seine Unruhe geht einzig nach oben und in die Tiefe. Wieder ist es Herbst, und das Wiedersehen mit ihm geht fast tiefer als die erste Begegnung, aber diesmal bleibt vor aller seiner Schönheit die Besinnung wach, daß es nicht Sache des Menschen ist, sich ganz an sie zu verlieren.
Da drüben liegt Straßpoint. Auf dem Weg herein ist er in einem Wirtshaus zugekehrt – es ist nicht leicht, den letzten Schritt zu tun, ohne sich zuvor noch einmal klarzumachen, wie lang er ist und wohin er führt; man tut ihn nur einmal. Er hat langsam sein Bier getrunken und lange überlegt, ob er auch das Rechte vorhat. Der Wirt, den er nicht kennt – er ist damals nie im äußersten Tal draußen zugekehrt – hat sich zu ihm gesetzt und ihn gefragt, woher und wohin. Vorsichtig und mit einer seltsamen Angst vor jeder Antwort hat sich dann Christian nach dem und jenem erkundigt, als kenne er die Gegend von einer Sommerfrische her, die er vor Jahren im Tal drinnen verbrachte.
Straßpoint? Ja, das habe der Taxer Hannes neu aufgebaut, es sei im Frühjahr bis auf die Grundmauern niedergebrannt.
Angezündet?
Freilich; aber man wisse bis heut nicht, von wem.
Und dann kommt die Geschichte des Jörg und seiner Frau, die Sache mit dem Gasper und das traurige Ende. Das Letzte, was man von den beiden gehört habe, sei dies:
Der Jörg kaufte ein Wirtshaus nach dem andern; immer armseliger wurden die Keuschen, die er gegen die früheren erhandelte. Das Geld zerrann ihm auf gespenstische Weise. Der Rest reichte gerade noch als Sicherheitsleistung für die Pacht einer Vorstadtspelunke im flachen Land draußen. Als die Burgl sah, daß nun Schluß ist, ging sie ihm mit einem Geschäftsreisenden durch.
Und der Jörg? fragte Christian.
Der andere zuckt die Achseln. Man habe nichts mehr über ihn erfahren. Christian schwieg. Ja, das ist das Ende; es hat wohl nicht anders kommen können.
Er zerquält sich, wie er es anstellen sollte, nur ein Wort wenigstens über Brigitte zu hören. Da kommt ihm der Wirt zuvor. Der Straßpointer Jörg muß ihn geradewegs auf den landflüchtigen Lehrer gebracht haben.
Christian wird aschgrau im Gesicht, als er seine eigene Geschichte vernimmt.
Da läßt ihn der Wirt allein, er bekommt keine Antwort mehr von dem wunderlichen Gast.
Eine Stunde oder zwei saß er so vor seinem Glas Bier. Er spürte – und es gab keinen Einwand dagegen –: die eine Hälfte seines Lebens ging hier und heute zu Ende. Begann damit nicht zugleich die andere? Es war einer von den wenigen Tagen, an denen es auf einen freien Entschluß ankam, wohin es nun ginge. Er versank in eine betäubende Stummheit, die alles um ihn, ja sein eigenes Dasitzen und selbst sein Grübeln immer unwirklicher machte, als seien er und das Land ringsum zu einer gläsernen Scheinwelt erstarrt. Nur die paar wesentlichen Entschlüsse seines bisherigen Lebens traten deutlich vor ihn hin, und je länger er sie betrachtete, desto planvoller schienen sie zueinander zu gehören, und er erschrak vor dem Gedanken, er könnte nach einem Gesetz gehandelt haben, das ihm bis heute verborgen geblieben war. War dazu aus der blindesten Stunde ein Kind hervorgegangen, um dieses Gesetz endlich sichtbar zu machen? Sein Kind, ein Stück von ihm, vielleicht noch einmal er selber! Wie unheimlich! Da lebte ein Geschöpf, von dem er nichts wußte, und lebte dennoch gleichsam aus seinem Leben hervor, genau so unwissend wie er. War es dieses Neugeborne gewesen, das ihn nach seiner Genesung mit unverstandener Gewalt aus der großen Stadt, wo er Fuß zu fassen versucht hatte, immer zwingender fortzog? Er hatte sich da und dort um Arbeit umgesehen und hätte sein sicheres Brot gefunden, wenn nicht die täglich wachsende Unruhe über ihn gekommen wäre, die ihn schließlich hieher trieb. Er war schon einmal zu dieser Heimkehr entschlossen gewesen, als er unter den Toten des Krieges wie ein einzig Übriggebliebener saß und in sich hineinhorchte, bis die Toten zu reden anhoben. Aber dann war er wieder andern Sinnes geworden – während vieler schlafloser Nächte im Spital. Und doch hatte er keinen der Briefe, in denen er von Brigitte für immer Abschied nahm, an sie abgeschickt. Warum nicht?
Er verstand es auch heute nicht, aber nun sah er, wie richtig es gewesen war. Damals stand ihm beim Schreiben zum Greifen deutlich die schmale Gestalt vor Augen – und sie war zur gleichen Zeit mühselig und verfemt herumgegangen, schweren Leibes und voll bitterer Erinnerung. Die zarte Mitte zur Mißform verunstaltet, weil sie ihm willig gewesen war, der wahrhaft süße Mädchenleib zu früh verbraucht, Schmerzen ausgeliefert, denen er nicht gewachsen sein konnte, und die mit seiner zweifelhaften Liebe schlecht bezahlt waren.
Nun stand alles – Ljuba, seine Verlobung, seine Flucht ohne Abschied – in einem andern Licht da, in einem verurteilenden, seit er wußte, daß sie schon damals ein Kind erwartete. Der Wirt hatte sich kein Blatt vor den Mund genommen und für den durchgebrannten Lehrer, den er nicht kannte, die richtigen Bezeichnungen gefunden; Christian war es dabei zumute gewesen, als schlüge ihm der andere mitten ins Gesicht. Er hatte es stumm hingenommen und zu denken angefangen, bis ihm jeder Gedanke weher tat als ein Faustschlag. Der Schweiß brach ihm aus; noch einmal stand das andere Ich in ihm auf, jenes, das einzig sich selber will: Laß alles sein, wie es ist, trink aus und geh! Aber dann war ihr Gesicht wieder da, auf einmal blaß, wie er es nie gesehen hatte; er sah, wie sie sich vor Schmerzen krümmte, und spürte fast leibhaftig, daß er es war, der sie ihr antat. Da schlug er das alte Ich zu Boden. Nicht aus Mitleid mit ihr, nicht aus Rührung über die junge Mutter, nicht einmal aus einer Verpflichtung, die er sich auferlegte, sondern weil er mit einemmal fühlte, wie jede Wehe, mit der sie sich sein Kind abrang, ihn selber zu ihr hinzog, bis er ganz in ihr festwuchs.
Er zahlte und ging. Ein volles Jahr war es her, daß er zum erstenmal die schmale Bergstraße taleinwärts gestiegen war. Die Feldfrucht war eingetan, in der jungen Wintersaat weidete das Vieh. Das Land leuchtete, als ginge die Sonne durch eine Wabe voll Honig. Hier und dort stieg Rauch von den Äckern auf und blaute die Hänge hinan, in den Gewürzgärten der Bäuerinnen blühte farbenschwer der Herbst, die Obstbäume hingen voll Frucht. Christian sah es und sah es wieder nicht, es ergriff ihn, aber es machte ihn nicht trunken. Damals, vor einem Jahr, war er zur Erde heimgekehrt und wußte in innigster Gewißheit: tiefer konnte man nicht mehr heimkehren; heut ging es um mehr: heut kehrte er zum Menschen heim, der du zu ihm sagte, und weil er es in Liebe tat, wurde der so Angeredete wahrhaft erst ein Ich. Er kehrte zu sich selber heim, da er auf dem Weg zu ihr und dem Kind war.
Vor dem Gekreuzigten an der Stadelwand blieb er eine Weile stehn. Herbstblumen staken zwischen den übereinander genagelten Füßen. Er sah ihm lange ins Gesicht. Dann zog er den Hut und ging; er glaubte ihn besser zu verstehn als vor einem Jahr.
Der Weg bog nach links. Hier sah man zum erstenmal den Kirchturm des Dorfes weiß und rot gegen den dunkelwaldigen Hang stehn. Christian schlug das Herz schneller, sein Pochen schmerzte, und er mußte stehenbleiben, um Atem zu bekommen. Er war bleich geworden und zitterte. Es war doch hundertmal schwerer, als er erwartet hatte. Aber zugleich war es überwältigend, einen Menschen so zu lieben, wie er in diesem Augenblick Brigitte liebte. Nun erst wußte er, wie es ist, zu lieben. Daß Liebe ein unnennbares Verlangen nach dem andern und zugleich eine zarte Scheu vor ihm ist; eine brennende Sucht nach ihm und zugleich ein schonendes Ansichhalten, um das Geliebte mit keinem Hauch zu trüben, keinem Blick zu stören. Wie fern der Tag, an dem er sie um die Hüfte genommen und in die Höhe geworfen hatte! Mein Gott, wie leicht Sie sind! Und wie schwer sie jetzt war, schwer von ihm und ihrer Mutterschaft, am ganzen Leib geliebt und dennoch unberührbar.
Er stieg den Hang hinter dem Dorf hinauf und als er einen Platz gefunden hatte, von dem aus er das Haus ihrer Eltern sehen konnte, setzte er sich auf einen Baumstrunk. Sein Blick fand sie unter den Bäumen des Angers; der Korb mit dem Kind stand neben ihr im Gras. In der klaren Herbstluft war alles fast überdeutlich sichtbar und dennoch von einem goldfarbenen Licht wie verklärt. Da ertrug er es nicht länger und schaute nach Straßpoint hinüber, bis die Augen wieder trockneten.
Nun ist sie meine Frau. Alles ist gekommen, ohne daß ich es wußte oder wollte. Wer springt ein, wenn der Mensch in die Irre geht, und tut an seiner Statt das Rechte?
Nun rückt der Bergschatten immer weiter hinab, bald wird er das Licht im Garten ausgelöscht haben. Die junge Mutter spürt wohl den kühlen Hauch, der ihm vorausgeht, denn sie beugt sich über den Korb und macht sich um das Kind zu schaffen – mehr kann Christian von hier aus nicht sehen. Wie schön, wenn sie sich so über ihr Geschöpf beugt! Eine holde Welt, ganz rund, ein voller Einklang. Darf er ihn stören? Die Frage kommt zu spät.
Er steht auf und verharrt eine Weile, mit allen Gedanken, in den Anblick der beiden versenkt. Um ihn ragen die Bäume reglos und mit fast schwarzen Wipfeln gegen den hellen Himmel. Jeder Zweig, jede Nadel ist mit klarstem Umriß in das Licht gestellt. Die Stille ist so groß, als hielte alles Leben inne, um für einen Abend lang nichts anderes zu sein als ein fehlerloser Spiegel, aus dem das Jenseitige widerscheint. Und da steht nun ein Mensch und weiß endlich, er ist nichts, wenn ihm das Auge für diesen Abglanz oder das Ohr für die Stille fehlte, aus der das Jenseitige redet. Er ist ganz nur er selber in dieser bildnisstillen Stunde und dennoch nicht einsam; er ist wahrhaft allein, aber anders allein als vor einem Jahr. Es ist nicht mehr so, daß hier sein Ich steht und dort die Welt ist, nach der er in Haß und Liebe verlangt; heut weiß er: er ist in sie eingepflanzt wie einer dieser Bäume und sie steigt in ihm hoch, dehnt ihn, treibt ihn hinauf und auch hinab, verzweigt ihn, umlaubt ihn, blüht und wird Frucht in ihm. In der Tiefe haftend, nach oben geöffnet, wird er teilhaft der Kraft des Bodens, in dem das Gewordene verwest, um ihn zu speisen, gleicherweise teilhaft der künftigen Sterne, die über ihn heraufziehn, aber auch teilhaft alles lebendigen Lebens um ihn, mit dem zusammen er nichts ist als ein Gleichnis jenseitiger Ordnung.
Vom Tal herauf tönt der Dengelschlag eines Bauern, der uralte bedeutungsreiche Ton, der den einen Arbeitstag beendet und den nächsten verkündet; er ruft ihn hinab in die Gemeinschaft aller, die ihr Werk tun, wie es ihnen aufgetragen ist.
Als Christian das Gatter zufallen ließ, sah Brigitte auf. Er ging langsam, als fürchtete er zu schwanken, durch den Garten auf sie zu. Sie stand neben dem Korb und vermochte sich nicht mehr zu rühren. Einen tiefen Atemzug lang schloß sie die Augen. Er blieb einige Schritte vor ihr stehn und schwieg. Da sah sie ihn lange an. Über ihr Gesicht liefen unaufhörlich die Tränen. Dann nickte sie, und wie hinter einem wasserhellen Schleier schimmerte ihr Lächeln. Er hob das Kind aus dem Korb und folgte ihr ins Haus.
Gedruckt in der Offizin Poeschel & Trepte
in Leipzig