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So ist es denn wieder Herbst geworden, und Brigitte sitzt im Anger hinter dem Haus, das Kind hat sie neben sich im Korb, es spielt mit seinen zehn Fingern wie mit einem fremden Ding.
Talauswärts verblaut das Land nach der Ferne zu, und die Berge, die gegen das Licht stehen, scheinen vor Leichtheit zu schweben. Die Apfelbäume hängen voll Frucht; sie ist in diesen Tagen rund und süß geworden. Die stete Kraft, die sie geschwellt hat, hält eine Weile ausschwingend inne. Davon ist es rings oktoberlich still.
Auf der andern Talseite drüben pflügt ein Bauer mit zwei Rössern einen Steilhang. Sein Bub führt die Tiere; sie hauen, schwer nach vorn hängend, die Hufe in den braunen Boden. Es ist eine harte Arbeit, den Pflug gradaus zu führen und ihn am Ende der Furche jedesmal herumzuwerfen. Dennoch geht auch von dieser Mühsal keine Störung des Friedens aus, der über der herbstlichen Welt liegt.
Gegen das Nachbardorf hinauf steigt der Hannes – sein Hof liegt eine Stunde taleinwärts gegen den Berg zu – und Brigitte sieht ihm nach, bis ihn der Hohlweg aufnimmt. Er ist vor einer halben Stunde bei ihr gewesen – mit einem Anliegen, über das sie sich noch immer wundert.
Was für eine Kraft geht von jedem Schritt dieses Burschen aus, der noch nicht ganz fünfundzwanzig ist! Eine Kraft, an der sie selber teilzuhaben meint, solange er in der Nähe ist. Wie anders war es, Christian nachzublicken!
Schon lange nicht mehr hat sie so vergegenwärtigend an den Verschollenen gedacht wie heute. Er war kein Bauer; er war wohl ein Wanderer, und solange er ihr stilles Wandeln kreuzte, liebte sie ihn und liebt ihn anders und inniger, seit er fort ist. Wohin hat es ihn getrieben? Sah sie ihn manchmal von der Seite an, dann hielten seine Blicke nicht in der Nähe, sie flogen über die Dinge, die handgreiflich waren, hinweg und verloren sich in einer Ferne, in die die ihren nicht reichten. Und rief sie ihn daraus zurück, dann sah er sie an, als fände er sich nicht gleich zurecht. Sie hatte ihn nie ausschreiten sehen wie Hannes; das eine Mal schlich er die Dorfstraße hinab, wie ein Schatten schleicht, wenn die Sonne trüb hinzögert; dann wieder wehte es ihn über die Wiesen, oder er sprang vom Berg herab, lebendig wie Wind und Wasser. Er war nicht schwer genug fürs Dorf. Seine Schultern, nicht schmäler als die des Hannes, schienen doch nicht gewachsen, Künftiges zu tragen, eher bargen sie gefaltete Flügel, die nur auf die rechte Stunde warteten, um ihn für immer fortzunehmen. Und sie trugen ihn fort, gerade in dem Augenblick, da ihn Brigitte festzuhalten vermeinte, da sein Weg in den ihren einzubiegen und mit ihm eins zu werden versprach.
Dies ist nun gerade ein halbes Jahr her. Er hatte ihr Leben nicht zu zerstören vermocht, wenn sie damals auch meinte, es müsse zerbrechen, als er ging; er hatte es vielmehr gesteigert und ihr alles, was er ihr an Sicherheit genommen, an bewußtem Leben zurückgegeben. Ihr Innerstes, das zu war, hatte er aufgebrochen, ihre dichte Seele gelockert, ihre schlafenden Sinne geweckt. Sie hatte sich selbst erst wahrgenommen in ihm; er war das Du gewesen, dessen es bedarf, um ein Ich ins Leben zu rufen.
Er hatte Unruhe gebracht, da er selbst unruhig war; nie vorher war im Dorf so viel geschehen wie in dem halben Jahr. Als hätten Spannungen nur auf sein Kommen gewartet, um sich zu lösen, brach Zerbrechendes vollends zusammen, schritt Feindseliges zur Tat, fand Suchendes sein Ziel. Er mischte sich kaum hinein, es geschah meist ohne oder gegen ihn, aber es geschah. Man mochte ihn gut leiden, ja, man hätte ihn am liebsten nie mehr fortgelassen, man teilte sich ihm mit – er hatte eine gute Art, einen reden zu machen –, aber was das Dorf in seinem eigensten Kern anging, davon blieb er bis zum letzten Tage ausgeschlossen, als wäre er nichts als ein Sommergast aus der Stadt.
Die Kinder hingen an ihm wie an keinem Lehrer vorher; sie hatte selbst zugesehen, wie sie einmal im Winter mit einem Hornschlitten auf das alte Straßpoint hinaufzogen, wo er wohnte, um ihn mit Hallo und Gejauchze zur Schule zu fahren. Er hatte ihr lachend zugewinkt, selber ein Kind in dem fröhlich lärmenden Haufen, und es war heiß in ihr aufgestiegen, als sie ihn still bei sich ihren lieben Buben nannte. War sie bei ihm, dann verschloß ihr ein unverstandener Widerspruch von Zärtlichkeit und Abwehr den Mund, und nie hatte sie es über sich vermocht, ihm Namen zu geben, die sie ihm zuflüsterte, wenn er nicht da war. Weiß Gott, ob er überhaupt jemals gespürt hat, wie sehr sie ihn liebte. Oft war sie daran, es ihm zu schreiben, aber solange er im Dorf droben war, fürchtete sie sein Lachen, mit dem er wahrscheinlich geantwortet hätte; und als er dann fort war, hatte er alle Spuren hinter sich so getilgt, daß kein Brief ihn finden konnte.
Brigitte öffnet das Kleid und läßt dem Kleinen die Brust. Nach einem kurzen ziehenden Schmerz durchströmt sie unendliche Zärtlichkeit. Liebe steigt in ihr auf, aus einer Brunnentiefe, die das Bewußtsein nicht mehr erlotet. Nun ist es nicht nur das Kind, es ist zugleich Christian und einen Augenblick lang Hannes, der reife Garten, der stille Oktobertag, die ganze Welt. Alles wird Kind in ihrem Arm und trinkt von ihr; und sie meint zu vergehen vor mütterlicher Lust. Sie fühlt sich hinschwinden und hinüberfließen in ein Außersich; aber es ist kein Erschwachen und Absterben, es ist die Höhe und die Fülle des Lebens, und sie könnte Tote damit lebendig machen, so mächtig strömt es in ihr.
Ja, Tote – und sie denkt wieder an Christian; lebt er noch?
Und da ist seit langem wieder einmal – völlig ungerufen, wie ihr scheint – der Abend da, an dem sie ihn zum erstenmal sah.
Sie steigt noch einmal die knappe Stunde ins Dorf hinauf. Novemberföhn lag über den Bergen. Ein Hügel voll Lärchen brannte in dumpfem Feuer vor dem föhnschwarzen Fichtenwald, der Berg schnitt nah und tiefblau mit metallhartem Rand in den Himmel. Sie war erregt von den fremden Farben des vertrauten Landes, von den lauen Schwällen des Windes, der wie Brodem einer verborgenen Glut über sie hinwehte. Sie litt; die Glieder waren ihr schwer, das Haar eine Last, das Kleid zu eng; sie verstand nicht, woher das kam. Sie war von daheim fort, weil sie es nicht mehr ertrug, und wußte doch nicht einmal, was sie nicht ertrug. Sie ging und ging, als müßte sie noch heute aus sich selber herausgehen.
Da begegnete ihr zum erstenmal Christian. Sie hatte das letzte steile Wegstück hinter sich, und mit zweihundert Schritten hätte sie das Dorf erreicht, das unter einer einzigen rosigen Wolke dalag, als träumte sie es. Sie sah ihn von weitem kommen, aufrecht hergeweht vom Wind, dunkel gegen den farbigen Abend. Der Weg war bis hierher in einem Einschnitt zwischen zwei Hügelrücken angestiegen; nun, da er ebener wurde, führte er zugleich ins Freie. Es geschah um diese Jahreszeit selten, daß man einem dorffremden Menschen begegnete. Im November ist die Gegend wie ausgestorben.
Alles ringsum war völlig anders als sonst, unheimlich, gewalttätig; das gewöhnliche vernünftige Leben galt nicht mehr. Brigitte ging durch ein fremdes, beklemmendes Land, durch ein schweres, farbiges Flackern. Die Abendwolke schien wider von ihrem Gesicht. Ihr Herz klopfte, als sie merkte, daß der Mann sie unverwandt ansah und seine Schritte verzögerte, je näher er kam. Sie wagte nicht umzukehren; wenn er sie stellte?
Nun blieb er stehen und grüßte.
Sie wollte vorbei; einen Augenblick lang überlegte sie, ob sie nicht doch umkehren sollte. Sie fühlte, wie der Fremde in die Betrachtung ihres Gesichtes vertieft war, sie sah ihn lächeln. Es war ihr unerträglich, so ohne jede Scheu begafft zu werden. Sie wandte ihr Gesicht zur Seite, dankte stumm und errötend für den Gruß und schritt rascher aus.
Da stellte er sich ihr in den Weg.
Guten Abend!
Sie blieb stehen und sah ihn an. Ihre Augen waren groß und hell, ihr Blick erstaunt, verletzt und abwehrbereit wie der eines gekränkten Kindes.
Christian nannte seinen Namen und Beruf. Das schien ihre Gespanntheit zu lockern und ihr die Unbefangenheit wiederzugeben. Sie sagte, wer sie sei.
Ihren Vater kenne er vom Sehen her; er habe auch gehört, daß man ihn als Arzt gern habe. Das Dorf da gehöre wohl zu seinem Sprengel?
Ja, er hat viel zu tun.
Das Dorf ist schön; es liegt ganz aus der Welt, ich brauche vier Stunden zur Bahn. Seit ich da bin, kam ein einziger Tourist durch, er trank ein Glas Bier und ging wieder. Die Kinder sind wunderbar; ihre Augen … Ich geh ein Stück mit Ihnen, Brigitte.
Sie errötete und wurde wieder befangen. Warum ließ er das »Fräulein« so rasch beiseite? Hatte sie ihm ein Recht dazu gegeben? Sie war aus bürgerlicher Familie und stellte sich solche Fragen.
Oh, ich kann gut allein … Sie stockte; die Redensart, die sie vielleicht schon einige Male mit Erfolg verwendet hatte, paßte zu gar nichts, weder zu dem, was in ihr vorging, noch zu dem Manne da. Sogar der Wind schien zu lachen; er johlte über sie hin, dann setzte er wieder aus, daß man vor der plötzlichen Stille erschrak. Sie schämte sich, und zugleich stieg ein feiner Zorn in ihr auf.
Christian lachte. Nach einer kleinen Pause sagte er:
Natürlich können Sie auch gut allein wieder nach Hause finden, aber wenn ich Sie bitte, mich ein Stück weit mitzunehmen? – Ich hause nun zwei Monate da heroben und bin Ihnen noch nie begegnet; wie kommt das?
Das weiß ich nicht, Herr Lehrer.
Das »Herr Lehrer« hätte sie gern verschluckt; sie hatte es halb wie ein Schulmädchen und halb wie in leichtem Spott gesagt, nach dem ihr gar nicht zumute war. Er schien beides zu überhören.
Nein, das können Sie nicht wissen, antwortete er. Aber es war kein Zufall, Ihnen gerade heute zu begegnen.
Sie sah ihn fragend an.
Aber er schwieg. Sie gingen eine Weile so, ohne ein Wort zu sprechen, nebeneinander her, sahen sich nicht an, und doch hatten beide das seltsame Gefühl, gar nicht stumm zu sein, und das noch seltsamere, von diesem Gefühl im andern zu wissen.
Christian fand auch später keine Erklärung dafür, was nach diesem schweigsamen Nebeneinandergehen plötzlich über ihn gekommen sein mußte. Es war wohl so, daß er den Bann, unter dem sie dahingingen – so hold er war –, nicht länger ertrug. Er blieb stehen. Brigitte wandte sich nach ihm um und erschrak: sein Gesicht sah auf einmal ganz anders aus, ein ungutes Lächeln machte seine Augen klein und schillernd. Der Abend ringsum war von beklemmender Fremdheit. Die Berge glühten rot und blau wie Metalle, die im Feuer anlaufen. Der Wind schwang über ihnen dahin, und sooft er den Wald hinanfuhr, schien das Rostgelb der Lärchen aufzulodern und das Gewölk von unten her feurig zu bräunen. Sie vermochte kein Wort zu sagen, sie stand in schmerzhafter Verwirrtheit vor ihm. Er lächelte noch immer, aber nun war auf einmal Übermut in seinen Augen, und in einer lustigen Unbekümmertheit griff er mit beiden Händen nach ihr, faßte sie um die Mitte und hob sie mit einem einzigen Schwung in die Höhe, als würfe er sie in die Luft, damit sie fortfliege.
Mein Gott, wie leicht Sie sind! rief er lachend und ließ sie los, bevor sie noch den Boden berührte. Aber sein fester Griff brannte weiter an ihrem Leib, aus dessen Tiefe sich ein blinder Widerstand erhob, und nicht wissend, was sie tat, stieß sie mit beiden Armen abwehrend gegen seine Schultern, brennend rot im Gesicht, drehte ihm blitzschnell den Rücken und lief weg. Er sah ihr nach; nun ging sie mit bebenden Schritten den Weg ins Dorf hinab, in dem sie zu Hause war. Er rief ihr nicht nach; sie war herrlich in ihrem Zorn, er fühlte sie noch in den Händen: ihre zarte und dabei gestraffte Mitte, ihre linde Wärme durch das Kleid hindurch, er hätte ihr nachstürzen mögen, um sie noch ärger zu packen und mit nach Hause zu tragen.
Sie wandte sich kein einziges Mal um, aber ihr Zorn mußte erschlafft sein, ihre Schritte wurden langsamer, sie ließ den Kopf ein wenig sinken, vielleicht weinte sie. Da überkam ihn Scham und Reue, er rief: Fräulein Brigitte! aber sie war wohl schon zu weit entfernt, um ihn zu hören.
So hatte ihre Geschichte vor einem Jahr begonnen. Und auch Christians Geschichte.
Als er damals nach Straßpoint heimging, stand man dort gerade vom Abendessen auf. Die riesige Stube lag gegen den Berg zu, von dem der Wind in heulenden Stößen herabfuhr; er brach sich an dem mächtigen Hof, der auf einer flachen Anhöhe über dem Dorf stand, vom nächsten Nachbarn sechs- bis siebenhundert Schritte entfernt, den Berg neben sich, herbe Weide, kargen Acker um sich, den strengen Himmel des Gebirgslandes über sich.
Straßpoint war gut ein halbes Jahrtausend alt; seit zweihundertdreißig Jahren saßen die gleichen Leute darauf; jetzt war der Jörg der Herr.
Der Vater war früh gestorben und hatte zwei Söhne und eine Tochter hinterlassen. Der ältere Bub fiel in Galizien, gleich in den ersten Wochen des Krieges; sein Bruder saß damals noch auf der Schulbank. Die Kriegsjahre hindurch kümmerte sich der Taxer, der Bruder der Straßpointermutter, um den Hof; mit achtzehn Jahren übernahm ihn der Jörg. Der Taxer hatte bei der Übergabe wenig Worte gemacht. Manchmal schüttelte er den Kopf, wenn der Junge den Mund gar zu voll nahm. Das Haus sollte aufgestockt, die Tenne bis zur halben Höhe gemauert, der Stall betoniert werden; ein neuer Brunnen müsse her; die Jauchengrube sei eine Schande für Straßpoint. Der Taxer sah sich den Jörg eine stumme Weile an; was für ein Kerl war der gefallene Bruder gegen den schmalen Burschen da gewesen! Der Jörg hatte ja Hände wie eine Hebamme. Das hübsche, noble Gesicht war nach dem Vater geraten, auch dem Jungen stand der Kopf voll kurzer, hellblonder, lustiger Locken, der kleine Mund war ein wenig nach oben gebogen und gab ihm ein unaufhörliches Lächeln, in den hellen Augen war eine leichtfertige Freude, auf der Welt zu sein.
Mach's, wie du willst, Jörg, aber mach's!
Damit war der Taxer gegangen. Ihm gefiel die Hälfte nicht; schon der Vater hatte ihm nicht gefallen; er war auch zu früh gestorben – ein richtiger Bauer wird alt.
Seitdem waren sechs Jahre verstrichen; das Haus war um keinen Balken höher geworden, die Tenne noch immer bis auf den Boden aus Holz, nur statt des alten Brunnens, der einen gehöhlten Baumstamm als Trog hatte, stand nun eine graue Betonkiste da, und ein verzinktes Rohr hatte die lärchene Rinne verdrängt, von der das Wasser in breitem Guß herabgefallen war. Zum ewigen Gedächtnis dieser Neuerung stand die Jahrzahl 1924 in den Trog geritzt.
Seit dem Tode der Straßpointerin führte Jörgs Schwester die Wirtschaft; sie war um zwei, drei Jahre älter als er, mager und wortkarg, genau, ehrgeizig und voll ewiger Nörgelei; im übrigen sah sie dem Bruder in jedem Zuge ähnlich.
Sie verstanden sich schlecht; und als man sich jetzt vom Eßtisch erhob, die Löffel abwischte und der Reihe nach hinter den Lederriemen an der Wand steckte, ging das Gehäkel wieder los. Die Knechte ließen sich Zeit; die feine Bosheit gefiel ihnen, mit der der Jörg seiner Schwester zusetzte; und Burgl, der Großdirn auf Straßpoint, konnte man keinen größeren Gefallen tun, als wenn man sich so mit halben Worten und versteckter Bissigkeit stritt. Sie war als einzige sitzengeblieben und schlug nun behaglich die Beine übereinander; das Licht der Lampe fiel voll auf ihr schönes Gesicht und ihre nackten, verschränkten Arme. Sie lächelte ins Dunkel der Stube, durch die der junge Bauer hin und her ging; er kam von Zeit zu Zeit in den Schein der Lampe herein, und dann sah sie ihn jedesmal herlächeln; sie wußte, was es bedeutete. Ihr Blick flog an ihm hinauf, eine rasche, lockende Flamme, und leuchtete ihm übers Gesicht. Sie genossen beide die heimliche Lust, sich übers Gespräch hin mit den Augen zu verstehen.
Die Burgl war von einer auffallenden, aber leicht faßlichen, sinnlich lockenden Schönheit. Aus den Schultern stieg der runde Hals schneeweiß in den schweren Kranz aus dunklen Zöpfen, in die rötlichen Wangen auf, zwischen denen das Gesicht im Munde aufgebrochen, ja gleichsam zerplatzt war von der großen Spannung seiner Reife. Ihre Hüften waren unversehrt geblieben von der schweren Arbeit, die sonst den Bauernweibern den Leib mit harten Griffen formt; sie waren rund geschwungen und sagten ein leichteres, unbekümmertes Leben aus, vielleicht die Anmut eines helleren Landes. So brauchte sie nur auf eine gewisse Art durch die Kirche zu gehen – die breiten Samtbänder des Hütchens, die bis zu den Schuhabsätzen niederfielen, zeichneten die Figur unvergeßlich nach –, und die Burschen starrten sich die Augen aus den roten Köpfen, auf alles vergessend, was da an frommen Zeremonien vor sich ging; eine glühendere Andacht erfaßte sie, und sie zogen die Luft schneller und heftiger durch die offenen Mäuler.
Da mochte es sein, daß die eine und die andere von den Bäuerinnen Anstoß nahm und das Vaterunser unterbrach, um der Nachbarin zuzuzischen: Da ziere sich nun das schamlose Mensch, als wäre sie das Um und Auf des ganzen Tals.
Aber die kleinen Schulmädchen schauten ihr bewundernd nach; keine setzte die Füße so fein wie sie, und ihr Hütchen war das kleinste und saß in einem unnachahmlichen Hochmut auf dem schwersten Haar, das es gab.
Der Streit zwischen den Geschwistern ging um die Abendschule, die Christian für die erwachsenen Analphabeten eingerichtet hatte. Gleich in der ersten Woche, die er im Dorfe war, hatten ihm junge Bauern geklagt, sie könnten kaum ihren Namen schreiben, und mehr auszurechnen, als sie von Natur aus und an den Fingern abzählen konnten, verstünden sie trotz des achtjährigen Schulbesuchs nicht.
Das Dorf war seit Jahrzehnten ein Strafposten für Lehrer gewesen, die sich anderswo nicht bewährten; da steckte man sie in das abgelegene Bergnest und überließ sie sich selbst; meist ertränkten sie ihren Trübsinn im Schnaps und wurden weniger wert als die versoffensten Holzknechte; sie verluderten oder verfielen auf Sonderlichkeiten und ließen Generationen von Analphabeten zurück.
Christian hatte sich bereit erklärt, zweimal die Woche abends Unterricht für die Erwachsenen zu erteilen. Einer der lautesten war der Straßpointer Jörg gewesen; als er aber sah, daß er unter Knechte und Mägde zu sitzen kam, und mancher da war, der ihn im Multiplizieren der Dezimalzahlen überflügelte, blieb er das eine und andere Mal weg. Christian hatte eine Art, die bäuerliche Rangordnung von Herr und Knecht, Tochter und Dirn zu vernachlässigen, die dem reichen Straßpointer wider den Strich ging. Die Ermunterungen des Lehrers waren nicht ohne Spott, wenn sich in dem hübschen blonden Kopf die Ordnung der Zahlen greulich verwirrte. Christian wohnte zwar auf Straßpoint und hatte daher seinen Hausherrn vor sich sitzen, aber das schien ihn nicht zu stören. Der Anblick der Gesellschaft, der er das Einmaleins eintrichterte, war ohnedies seltsam genug: Burschen, die mit einem einzigen Zapinhieb einen ausgewachsenen Lärchstamm von der Stelle zerrten, Dirnen, denen noch der Geruch des Stalles in den Haaren hing, zwängten sich in die schmalen Kinderbänke und folgten mit Gesichtern, die vor Mühe glühten, seiner Kabbalistik mit Nullen, die ihren Wert geheimnisvoll veränderten, wenn man ihnen einen Punkt an die Seite setzte. Neben jedem Heft stand eine brennende Kerze, und die Reihen der rötlichgelben Lichtlein erinnerten Christian an ferne Lagerfeuer neben den Zelten sinnierender Soldaten.
Der Unterricht begann um acht Uhr und dauerte bis zehn. Die meisten kamen rasch vorwärts, bei einigen war es hoffnungslos. Am liebsten sah Christian den Taxer-Hannes; er hockte in der hintersten Bank, anderswo hätte er seine Gliedmaßen nicht untergebracht. Er hatte das beste Bauerngesicht, das die Gegend herzugeben vermochte: unter den strohblonden Brauen die hellen Augen der Taxerischen, in der Farbe hart wie die seines Vaters, im Ausdruck aber von der guten Stille der Mutter her gemildert, und wenn er sie voller Eifer zu Christian aufhob, so kindhaft, als wäre er nicht älter als zwölf. Um die Nasenwurzel lag ihm ein Ernst, der Christian manchmal zu Lächeln rührte, aber keinen Spott aufkommen ließ. Er versäumte keinen Abend, sein Eifer erlahmte nicht.
Jörg beendete die Vorwürfe der Schwester, die sich auf seine Laxheit bezogen, mit der Erklärung, er komme nach, es sei noch dies und das zu tun; er hätte auch mit dem Wirtsgasper zu reden, jedenfalls treffe man ihn nach zehn Uhr beim Wirt.
Da trat Christian in die Stube. Ein Windschwall fegte durchs Haus und schlug die Tür hinter ihm zu. Noch lag über seinem Gesicht das Glück der Begegnung, ein Lächeln ins Abwesende, als wollte es eben Entschwindendes zwingen, dazubleiben. Föhn war um ihn, der warme, farbige Wind, Weite und Fremdheit. Das Gespräch verstummte, als er so in der Stube stand, als wäre er von weither übers Gebirge geflogen gekommen.
Es waren nur ein paar Sekunden, in denen sich jeder in der Stube völlig still verhielt, aber mitunter genügen Sekunden, um sich und die Welt, in der man steht, mit einem einzigen Blick hellster Geistesgegenwart zu durchdringen. Dann ist es, als ginge einem plötzlich ein Licht auf, in welchem alles den harten Umriß der Wahrheit und das rechte Maß hat.
Er sah sich in der alten Stube auf Straßpoint stehen; das Getäfel der Wände sank in ein Dunkel zurück, das zugleich das Dunkel der Vergangenheit war; aus ihm waren die Geschlechter hervor- und ans Licht getreten, hatten sich eine Zeitlang verweilt und waren wieder heimgekehrt ins Dunkel. Er aber war von draußen gekommen, wie von einem leidenschaftlichen Windstoß hereingeweht in dieses vom Dunkel behütete Leben. Er hatte sich nach der Hut, nach dem Schoß und Ursprung gesehnt. In diesem Augenblick wußte er: Der Schoß war ihm verschlossen, das Dunkel nahm ihn nicht auf. Da saß die Burgl, das schöne Weib, er könnte sie haben, sobald er nur wollte, aber es wollte nicht in ihm; er läge bei ihr und wäre doch nicht da. Und was war Jörgs Schwester anderes als die dumpfe Enge, die Gier, zu besitzen und festzuhalten, der hennenhafte Eifer, zu scharren und zu schlucken? Jörg – nein, er war kein Bauer, es ging ein feiner Sprung durch diesen Jörg, von oben bis unten, und schlug man daran, dann klang es nicht mehr ganz rein. Es klirrte und schepperte, wie eben Zersprungenes scheppert und klirrt. Man konnte es auch so sehen: Der Boden, auf dem das Leben des Dorfes gedeiht, ist vielfach geschichtet; der Jörg aber reichte mit seinen Wurzeln nicht mehr hinab in die unterste, trächtige Schicht, ja, es war zu fürchten, daß ihm die Fasern, mit denen er Halt suchte, der Reihe nach verkümmern und absterben würden und daß er zuletzt mit dem Sand verwehte, in dem sich niemand verklammern kann. Es war etwas Verwandtes zwischen ihm und Christian, aber dieser war dazu geschaffen, fortzufliegen, jenen hatte es losgerissen, und schon begann er zu treiben. – Die Knechte füllten die Stube mit dem Dunst ihrer schweren Leiber.
Christian bat, man möge ihm das Essen auf die Kammer bringen, und ging. Er warf sich, wie er war, aufs Bett. An das Fenster schlug der Wind in weichen, dunklen Stößen, als ginge die Nacht gleich einer Flut über den Hof hin.
In ihm, dem Achtundzwanzigjährigen, war die Zeit brennend geworden. Er war einer von jenen, deren sich die Epoche bemächtigt, um in ihnen leibhaftig zu werden. Sie verlangt nach einem Sinnbild ihrer selbst, sie lechzt nach der lebendigen Menschenform. Sie sucht sich hiezu nicht die Klügsten, nicht die Mutigsten, nicht die Härtesten, nicht einmal die Gesündesten aus, sie bedarf der Lust- und Leidfähigsten. In ihnen hofft sie Raum für sich zu finden, ihrer Breite und Tiefe gemäß. Es sind nicht die großen Handelnden einer Zeit, es sind ihre tiefen Erleider.
Christians Vorfahren gehörten der breiten Masse des Volkes an, sie ragten in keiner Weise, weder durch Abstammung noch durch Reichtum oder Abenteuerlichkeit ihres Lebens über die anderen Menschen empor; ging man nur zwei, drei Geschlechter zurück, so stieß man auf Bauern und Handwerker. Die Mutter Christians war die Tochter eines Dorfschullehrers und eines Bauernmädchens gewesen, sein Vater kleiner Beamter bei der Eisenbahn, Sohn eines bäuerlichen Kupferschmieds. Beide starben früh nach einem mühevollen, ziemlich armseligen Leben. Christian kam mit zwölf Jahren zu fremden Leuten, bei denen er es gut hatte und die gleichfalls kleinbürgerlichen Kreisen angehörten. Er lernte leicht und verließ das Gymnasium, als der Krieg ausbrach. Drei Tage nach der Reifeprüfung war er in Uniform, einige Monate später ging er ins Feld ab und stand bis zum Ende des Krieges an der Front. Als er zurückkam, war ihm zumute, als hätte ihn erst jetzt ein blutender Schoß ausgeworfen und zur Welt gebracht. Er war allein, zwang sich einige Semester Hochschule ab, versuchte sich in Ämtern, bei der Zeitung, als Musiker, sogar in der Politik. Er lernte viele Menschen und damit die meisten Formen des städtischen Lebens kennen und entschloß sich eines Tages, mit allem Bisherigen Schluß zu machen und Dorfschullehrer zu werden. Als er die nötigen Prüfungen hinter sich hatte, meldete er sich in das abgelegenste Bergdorf; man war froh, für die vernachlässigte Schule einen jungen, arbeitswilligen Lehrer gewonnen zu haben.
Bis dahin glich sein Leben dem vieler Heimkehrer aus dem Krieg. Es gab allerdings Kameraden, die besser wußten, was sie wollten, die sich schon im Feld zurechtgelegt hatten, nach welcher Richtung sie gehen würden. Andere wieder versuchten gleich Christian bald das, bald jenes, in ihrem ganzen Wesen unruhig gemacht vom Krieg und noch unruhiger durch die ihm folgende, richtungslose Zeit. Die meisten fanden sich schließlich zurecht, verschwanden in Amtsstuben, Rechtsanwaltskanzleien, Banken, Fabriken und Schulen, heirateten und zeugten Kinder, begannen ihren Vätern zu gleichen, setzten kleine Bäuche an und halfen redlich mit, das alte Leben wieder in Schwung zu bringen, als ob nichts geschehen wäre. Sie unterschieden sich darin in keiner Weise von der großen Masse der Bauern, die den Schützengraben mit der Ackerfurche, das Gewehr mit dem Pflug vertauschten, sobald der Krieg aus war.
Dieser hatte Christian bis auf den Grund seines Wesens umgepflügt. Er hatte ihn alles eher als denkend erlebt. Als er viel später einmal eine Sammlung von Briefen gefallener Studenten las, wunderte er sich, mit wieviel Verstand sich diese Gleichaltrigen etwas auseinandergesetzt hatten, das ihn wie eine dämonische Erscheinung überkommen hatte. Er fand viele seiner Empfindungen richtig wiedergegeben, aber das Unsagbare, das hinter allen Worten schweigt, hob sein graues Antlitz nicht aus den Zeilen der jungen Toten.
Aber aus allen Erinnerungen Christians an den Krieg stieg es auf: es war das Gesicht des Offiziers, der die letzten Anordnungen für den Sturm traf, es war das Gesicht des Soldaten, der im stärksten Feuer dalag und durch den Rauch der Explosionen auf die scharfe Linie des feindlichen Gegenübers starrte, es war das Gesicht der Mutter am Bahnhof, eine Minute vor der Abfahrt des Transportes, das Gesicht des Massengrabs, des Kaverneinganges, des Mörsers und des Maschinengewehrs, des feindlichen Flugzeugs, ja das Gesicht sogar des schmalen Streifen Landes, auf dem der Krieg geschah. In dieses steinern stumme Antlitz war das Unsagbare der vier Jahre zusammengefaßt; es war furchtbar und schön zugleich, voll des Schreckens und der Heiligkeit des Todes. Dann wurde es wieder von den Gesichtern der Menschen verdrängt, eß- und trinklustigen, geldgierigen, weibhungrigen, traumbeladenen Gesichtern; nur da und dort erinnerte ein harter Mund, eine unerbittliche Stirn, ein todnaher Blick an das Antlitz des Krieges.
Alles war wieder klein und erbärmlich wie vorher. In den Ämtern pedantisch organisierte Zeitverschwendung, im Geschäftsleben der alten Gemeinheit neue Kniffe aufgepfropft, in der Politik, in den Schulen, in den Fabriken, überall ging es weiter wie früher, nein, ärger: hemmungslos, um eine ganze Stufe des Menschentums tiefer.
Christian gehörte nicht zu jenen, die gern vom Kriege sprachen. Er fand jedesmal, man erzählte nicht richtig von ihm, es klang wie aus der Vorstellung jener heraus, die daheimgeblieben und auf Zeitungsberichte und Heldengesänge angewiesen waren. Man konnte es nicht sagen, nein, das Wirkliche konnte man nicht sagen; es ließ sich wahrhaftig nur schweigen. Er hatte den Krieg nicht bejaht, aber er war Soldat gewesen. Und daß er es so gewesen war, wie es Sache des Soldaten ist, Soldat zu sein, dazu sagte er ja. Äußerungen der Krieger unmittelbar vor oder nach den Schlachten waren ihm unantastbare Zeichen des Lebens.
Über all das grübelte er nach und ließ es dann auf sich beruhen. Aber es lebte in ihm und lenkte unmerkbar sein Handeln. Auch Tage der Kindheit standen deutlich auf in ihm und lockten ihn fort. Er begann die Stadt, ihr Gewese und Getue, ihre Blendung und ihr Geschrei schmerzlich zu hassen; er sah, man liquidierte den Krieg noch brutaler, als man ihn geführt hatte; manche wurden fett davon, die Besten gingen zugrunde.
Er suchte nach dem Bereich des Lebens, in welchem wieder die strengste Notwendigkeit herrschte wie an der Front. Was der Tod mit den Menschen zusammengebracht hatte: daß sie einfach, schweigsam, tapfer und hilfsbereit wurden, das mußte irgendwo auch das Leben zustande bringen. Wieder erhoben sich Stunden der Kindheit mitten im Wirrsal: blaue Sommertage auf Almböden, über die der Wind silbrig hinläuft, ziehender Nebel über nassem Wald, Duft des Heus in halbdunklen Scheunen und das schwere Schnaufen des Viehs im Stall. Es wurde Zeit, zu fliehen. Er hatte kaum Abschied zu nehmen; was ihn umgab, wurde bedeutungslos, sobald er den Entschluß, ins Dorf zu gehen, gefaßt hatte. Er wußte, es nützte nichts, sich anderer zu bedienen, um mit sich fertig zu werden, er mißtraute allem Gerede von Gemeinschaft, solange nicht wieder Gelegenheit war, sie zu bewähren. Seinen Weg konnte er nur allein gehen, ungestört von dem Lärm der Enttäuschten, in großem Bogen um die Köder herum, unter denen sich die Angelhaken der Menschenfischer verbargen. Er wußte, es gab in jedem Leben eine Wegkreuzung, wo man sich von den anderen zu verabschieden und als einzelner weiterzugehen hatte, wollte man wahrhaft zu sich selber kommen; da war nur der Tod ein Begleiter und – oft ärger als ein Teufel – der eigene Schatten.
Das Dorf hatte ihn an einem regenbraunen Herbstabend stumm und finster empfangen. Niemand war ihm begegnet, als er das schmale Bergtal hinaufzog. Auf den Höhen kroch der Nebel talaus; die Bauern saßen auf ihren Höfen und ließen es über sich zuherbsten; sie waren müd. Längst hatten sie zum letztenmal gemäht, und auch die magere Feldfrucht war eingetan.
Ein grober Regen ging nieder, der Christian wohltat. Er wusch ihm viel von dem herunter, was er als Dreck und Aussatz der letzten Jahre empfand; und hinter ihm fiel er in hohen grauen Vorhängen nieder, die immer dichter wurden, je weiter Christian vorstieß. Im Tal standen bald links, bald rechts gewaltige Einzelhöfe; dahinter stiegen die Höhen mit hügeliger Weide und steilem Wald an, bis sie sich im Grau des Nebels verloren.
Ein Heustadel mit weit vorspringendem Dach trug an der straßenseitigen Wand einen riesigen Gekreuzigten; er reichte vom Giebel fast bis zum Boden herab. Daumendicke Adern schwollen ihm an den Beinen, Blutstropfen wie Kirschen waren ihm an den Wundmalen erstarrt. Sein Gesicht sagte furchterregenden Schmerz aus; die Dornenkrone, aus wirklichem Reisig geflochten, drückte tief in die Stirn herein und trieb das Blut in vielen gleichlaufenden Rinnsalen aus der totengelben Haut. Er hatte die Augen geschlossen, aber im halben Licht des Regentages schien er sie für Sekunden wieder aufzutun, und er blickte Christian an, daß dieser, von einer ihm eingeborenen, aber seit Jahren verlernten Gebärde gezwungen, befangen den Hut zog.
Er war sogar ein wenig errötet, obwohl ihm niemand zugesehen hatte; er schritt rascher aus, von Unbehagen vorwärtsgetrieben. Und da geschah ihm etwas Seltsames. Nie mehr, weder im Feld noch in den Jahren nach dem Kriege, hatte er ernstlich an seinen Vater gedacht. Jetzt, da er den Gekreuzigten gegrüßt hatte wie in den Tagen seiner Kindheit, war es ihm mit einem Male, als gesellte sich der Verstorbene aus dem unendlichen Regen zu ihm und stiege unhörbar und gleichen Trittes, einen halben Schritt hinter dem Sohn, ins zudunkelnde Hochtal hinein. So deutlich war das Gefühl, den Toten hinter sich zu haben, daß Christian, ohne sich umzublicken, seinen schweren, wiegenden Gang sehen konnte, das bäurisch grobe Gewand und den geschorenen Kopf – denn immer ging der Vater barhaupt, als schritte er durch sein Leben wie durch eine Kirche.
Er war kein Bauer gewesen – und doch ein Bauer bis in jede Faser seiner Art. Wenn er in den Heiligen Nächten mit der Weihrauchpfanne durchs Haus ging, durch alle Zimmer, auf den Estrich, in den Keller, und an jede Tür C†M†B† und die Zahl des neuen Jahres schrieb, war er ein Bauer; oder wenn an den Samstagen schon um fünf Uhr morgens der Pfarrgeistliche mit seinem Ministranten durch die schlafenden Straßen ging, um die Kranken seines Sprengels mit der letzten Wegzehrung zu versehen, dann schritt hinter ihm – und es mochte kälteste Winternacht sein – der Vater, barhaupt, mit schweren bäurischen Schritten, den Rosenkranz in der Hand, und wartete mit der Geduld eines Bauern unten an den Haustoren, bis der Priester wiederkam. Nichts war gefrömmelt oder gar geheuchelt, nichts getan für die Augen der andern; was er tat, wuchs ihm aus echten, gesunden Bedürfnissen hervor, einfach und schön wie Ackerfrucht, es schmeckte nach Frische und Klarheit des Empfindens und war immer betaut und getränkt von der köstlichen Feuchte des Humors. Er arbeitete in einem Amt, dessen Zwecke ihm fremd waren, aber seine Frömmigkeit war nicht ein sonntäglicher Aufputz des Lebens, sondern durchdrang es entscheidend jede Stunde, auch jede Bürostunde; so arbeitete er ordentlich, ohne die Akten übermäßig wichtig zu nehmen, und erledigte vieles, was man ihm von andern Schreibtischen her zuschob. In größter Heiterkeit und wahrhaft überlegen nahm er alles auf sich, was ihm sein armes Leben auflud, und da er die Pläne Gottes immer für die besten, ja die einzig brauchbaren hielt, brachte ihn das Mißlingen seiner eigenen nicht aus der Fassung.
Dann wurde er krank – Christian war zehn Jahre alt –, und im März mußte er sterben. In der Nacht war der Knabe erschreckt aufgefahren, von einem nie gehörten Geräusch geweckt; er kam, zitternd am ganzen Leib, aus seiner Kammer, und da lag im trüben Licht der Petroleumlampe der Vater, die bleiche Stirn war naß, und vor ihm standen die Mutter und der Arzt. Sie wandten sich nicht um, als die Tür aufging und der Bub in ihrer Öffnung stehenblieb. Das Geräusch, das ihn geweckt hatte, kam aus der Brust des Kranken, keuchende Stöße, die ihm Mark und Bein durchfuhren. Dann sah er den Vater die Hände falten und sie dem Doktor bettelnd entgegenheben.
Es war herzzerreißend, einen bärtigen Mann so bitten zu sehen; er konnte nicht mehr sprechen, und da sollten die gefalteten Hände – er preßte sie aneinander, wie es Kinder machen, wenn sie beten – für ihn zum Doktor reden, und da sie stumm blieben, streckte er sie immer höher und inständiger zu ihm hinauf. Was lag doch alles in diesem jammervollen Hinstrecken der Hände! Sein Herz war zu stark zum Sterben, da hauste eine bäurische Kraft, dazubleiben, sich der Erde und des Sternhimmels zu freuen, den er nach der Musik am meisten liebte, die Frau und das Kind nicht allein zu lassen auf der schwierigen Welt. Aber er mußte zugleich fühlen, daß es hoffnungslos war: er ließ die Arme auf die Decke zurückfallen, und als schämte er sich seines Bettelns, strich er befangen über das Tuch hin, und die Mutter mußte ihm Schweiß und Tränen von den Wangen wischen. Das alles sah Christian genau, es brannte sich ihm unauslöschlich ein. Dann griff der Vater nach der Hand des Knaben, sah ihm lange und wie beschwörend ins verweinte Gesicht und hielt ihn so fest, bis er den letzten Atemzug tat. Er hatte kein Wort zu sagen vermocht, aber Christian begriff, daß er ihn mit brechenden Augen anrief, das Gute in ihm anrief, daß es wachsen und sich ausbreiten möge; er fühlte, daß ihn der Vater verpflichtete, sein Beispiel nachzuleben, und vielleicht hielt er die kleine, warme Hand in seiner erkaltenden, damit das letzte Leben in das Kind hinüberpulse, dem er nichts vererben konnte als sich selbst.
Christian spürte fast leibhaft diese Hand in der seinen, und eine brennende Liebe zum Verstorbenen überrann sein Herz. Er war ins Land seines Vaters heimgekehrt, und am Eingang in dieses Land hatte ihn der Tote begrüßt. Es war das Land, an dessen Straßen das Kreuz aufgerichtet stand, einem seltsamen Baume gleich, der sich in blutende Arme verzweigte und als rote Frucht den Herzstich trug. Er fühlte, der ist der Herr hier. Unser Herr, sagten die Bauern und hatte der Vater gesagt. Und wenn er auch sein Herr nicht mehr war, wie er zu wissen glaubte, Christian hatte das Gebiet seiner Herrschaft betreten.
Dann holte er einen alten Hirten ein, der ein Schüppel Schafe vor sich hertrieb. Er hob von Zeit zu Zeit beide Arme, daß ihm der Überwurf des Wettermantels in hölzern steifen Falten herabfiel, und trieb mit einem Schrei, wie ihn Christian noch nie gehört hatte, die Tiere vorwärts. Es klang, als schrie der Berg selbst oder der Nebel oder ein blökender Gott der Flur. Wie er so mit scheuchenden und gewalthabenden Gebärden seine Schafe heimzu trieb, war er der erste und ewige Mensch, der Adam, der sein Pflugholz schon in den nackten Boden stieß, als sich noch weit und breit kein Kreuz erhob. Seine raumgreifenden Schritte waren bedroht und beschützt von den Dämonen der Fruchtbarkeit und der Dürre, den Göttern des Feuers und des Windes, den Geistern der Toten und den Kobolden der Nacht.
Auch der ist der Herr. Und sie teilen sich noch immer in die Herrschaft, und wenn sie einander begegnen, zieht der eine den Hut und murmelt einen Gruß; der andere aber blickt ihm lange nach, mit erloschenen Augen.
Schon drang durch den Nebel das Licht der Stuben, kleine trübe Feuerchen im zunachtenden Grau. Sie bedeuteten Heimatliches in der sich verschließenden Welt. Immer ist ein helles Fenster zu Abend ein freundlicher Zuruf, auch in der fremdesten Fremde. Und so trat Christian guten Muts in das Dorf ein. Er wußte, Straßpoint, der große Hof, in dem er wohnen sollte, lag abseits auf einem Hügel, und dem strebte er zu. Die Straße führte am Wirt, der schneeweiß getünchten Kirche vorbei und durch die dorfnächsten Felder hinauf. Er sah Straßpoint droben stehen: in seiner gedrungenen Breite selbst ein Stück Hügel, ein niedriger weißer Steinquader, auf dem der dunkelbraune Holzbau ruhte, Wohnhaus, Stall und Scheune von einem einzigen flachgiebligen Dach urmütterlich beschirmt. Backofen und Waschstube standen wie Kinder des Haupthauses im Anger, der es mit wenigen, etwas krüppelhaften Obstbäumen umgab. Aus einem Schuppen, dessen Eingang eine aufgestellte Wagendeichsel versperrte, schollen gleichmäßige Schläge, der erste Laut, mit dem das schweigsame Dorf den Fremdling empfing.
Als er an dem Schuppen vorbei wollte, verstummten die taktfesten Hiebe mit einemmal, und unter Gekreisch, Gelächter und übermütigem Gejohle stürzten vier oder fünf Mädchen ins Freie, fielen über Christian her, und ehe er recht zur Besinnung kam, fühlte er seinen Hals von einer kratzenden Schlinge gewürgt, er versuchte sich loszureißen, aber da preßten sich ihm zwei Arme um den Nacken, und seine Augen starrten wunderlich erschreckt und belustigt zugleich in ein Gesicht, von dem er in der Dunkelheit nichts als das weiße Lachen der Zähne und das Gefunkel der Augen sah.
Du mußt dich loskaufen! schrieen die Mädchen durcheinander und zerrten an ihm. Noch nie war er in einen so allseitigen Andrang weiblicher Kraft und Hitze geraten, und da er jede gewaltsame Abwehr auch Bauernmädchen gegenüber als unritterlich empfand, fuhr er bei dem Gedanken ein wenig zusammen, sie könnten ihn vergewaltigen. Es war schaurig und lächerlich zugleich, sich vorzustellen, daß sie ihn nun in den Schuppen hineinzögen und sich über ihn hermachten.
Ja, wie denn loskaufen? fragte er, keuchend von dem Aufwand an Kraft, den ihn die Abwehr der Hexen kostete, und prustend vor Lachen, das sie ihm überall hervorkitzelten.
Einen Schnaps mußt halt zahlen! riefen sie und die Burgl, die noch immer den Flachssträhn um Christians Hals geschlungen hielt, platzte heraus: Und ich krieg einen Kuß!
Damit zog sie sein Gesicht an das ihre und küßte ihn. Nun erst gaben ihn die Mädchen frei, er zahlte lachend und atemlos sein Lösegeld und sah ihnen nach, bis sie im Dunkel der Brechelstube verschwunden waren. Bald tönten wieder die Schläge der Hölzer heraus, mit denen sie den Flachs schlugen, um das Haar aus den Hülsen zu lösen. Dazu sangen sie ein Lied, dessen Worte er nicht verstand, das ihn aber seltsam erregte; es schwang sich ein Ton immer wieder zur Sext hinauf, um über die Quart herab sich selber lachend in die Arme zu springen. Ein Schmachten und wieder ein Leichtsinn war in der kurzen Melodie, daß es ihn entzückte. Seine Lippen waren noch feucht vom Kuß der Dirn, um den Hals hing ihm ein Bündel Flachs; es zog ihn – und fast körperlich spürte er das – in den dunklen Raum, den Mädchen nach; aber da lachte er laut vor sich hin, daß aller Spuk zerriß, und ging auf das Haustor zu, aus dem durch einen schmalen Türspalt warm das Licht fiel.
Das war vor zwei Monaten sein Einzug ins Dorf gewesen. Am nächsten Tag erst erfuhr er, daß es uralter Brauch sei, Burschen, die an Brechelstuben vorbeizögen, auf überfallartige Weise Zoll aufzuerlegen. –
Er hatte kein Licht gemacht, in der Kammer war vollkommene Nacht. Da brachte ihm die Burgl das Essen. Er blieb auf dem Bett liegen und bat, sie möge die Petroleumlampe anzünden.
Eben habe ich an dich gedacht, Burgl.
Sie zierte sich, er konnte das Gespreize an ihr nicht leiden; aber sie war aufreizend schön.
Du hast mir einmal, es ist schon acht Wochen her, ungefragt einen Kuß gegeben. Ich kann ihn nicht brauchen, willst ihn nicht wieder zurück?
Als sie lachend zur Tür hinaus wollte, erwischte er sie an den Rockfalten. Er bog sie zu sich übers Bett her. Sie wehrte sich kichernd, als er sie küßte.
Teufel, du kannst es!
Aber sie war schon fort. Dann ging er zur Schule, zu den Multiplikationen. Das Essen ließ er stehn.
Der Wirtsgasper besuchte die Abendschule nicht. Erstens hatte er es nicht nötig, da er rechnen und schreiben konnte, so viel er brauchte, und dann wäre es ihm zu dumm gewesen, sich noch einmal in die verhaßte Schulbank zu zwängen; er meisterte das Leben auch ohne Dezimalpunkt.
Er saß allein in der Wirtsstube und zog der kleinen Bauernharfe neue Saiten auf. Eine beschauliche Arbeit, bei der sich die Gedanken wie von selber spannten und stimmten. Er tat ein paar Griffe ins Instrument und wechselte damit die Tonart seines Sinnierens. Es ging ihm vielerlei durch den Kopf. Und er handhabte ihn genau so geschickt wie seine Harfe; er hatte sich ganz in der Hand.
Trotz seiner schmächtigen Unscheinbarkeit war der Gasper der verwegenste Wildschütz und der kaltblütigste Schmuggler des ganzen Tals. Und wie er es verstand, Förster, Aufsichtsjäger, Gendarmen und Grenzwächter an der Nase herumzuziehen, das flog in zahllosen Geschichten durch die Gegend, von Haus zu Haus, und hob den nichtsnutzigen Wilddieb ins Legendenhafte; wenn ihn dann einer traf, der ihn nur vom Hörensagen kannte, war er enttäuscht, als Volkshelden einen schmalschultrigen, feingliedrigen Burschen vorzufinden, dem die Zunge flink ging und dem aus den Augen eher der Spott des Zuschauers als die Entschlossenheit des Handelnden blitzte.
Die Gefahr, ertappt zu werden, in der er sich ständig befand, erhielt ihn zäh und geschmeidig, seine Sinne lebten in einer lauernden Wachheit, die auch dann nicht erschlaffte, wenn er der vollen Wirtsstube zum Tanz aufspielte oder der Straßpointer Burgl ins Fenster stieg.
Nun hielt er sich das zweite Jahr zu ihr, es war schon einige Male vom Heiraten die Rede gewesen, aber er brachte den Verdacht nicht los, daß sie ihn betrüge. Er hatte Augen, auf die er sich verlassen konnte, und fing an, die lächelnde Larve des Straßpointers zu hassen. Und wie er jetzt die Harfe zwischen den Knien hielt, leicht gegen seine Brust geneigt, kehrte ihm jener Sonntagvormittag zurück, an dem er zum erstenmal Gewißheit zu haben glaubte.
Der neue Lehrer war nach dem Gottesdienst ins Wirtshaus mitgekommen, die Geige unter dem Arm. Die Stube war voller Leute; man hatte seit Jahren wieder die Orgel gehen hören, wie man sich's wünschte; mit einem Marsch hatte Christian das Hochamt geschlossen. Durch die Kirche ging ein Strom von Sonne und Fröhlichkeit.
Dann saß man beim Wirt. Die Mädchen hatten ihre kleinen goldverzierten Hütchen aufbehalten, schluckten von Zeit zu Zeit an ihrem Glas gezuckerten Rotweins und reichten Christian die Hand, wobei sie zuerst lächelnd die Augen zu ihm aufschlugen, um sie gleich wieder wegzudrehen und für einen Moment schämig geziert zu schließen.
Gerade als er bei der blonden Valterer Marie stand, hatte man zu tanzen begonnen. Die Marie war mit dem Straßpointer Bauern versprochen, das wußte man weit und breit. Und doch erhob sich jetzt die Burgl, als der Jörg zum Tanzen aufstand. Der Gasper hatte trotz seiner Harfe den Blick nicht übersehen, mit dem die Marie das Paar bedachte. Als sich die beiden ein paarmal an ihr vorbeigedreht hatten, als gäbe es sie nicht, rief sie nach der Kellnerin, zahlte und ging, kerzengerade und ohne auch nur ein einziges Mal umzublicken. Wer sehen hätte können, wie sie in übertriebener Aufgerichtetheit und mit willensharten, gleichmäßig beherrschten Schritten über den Dorfplatz ging und im Haus ihres Vaters verschwand, der hätte sich gewundert, daß bei so viel Festigkeit und Unerbittlichkeit der Haltung dem schönen und stolzen Mädchen Tränen die Augen füllten, freilich ohne zu fließen; und da die Tochter des großen Hofes es unter ihrer Würde fand, sie wegzuwischen, sah sie ihr Bild im Spiegel in einem heißen, glashellen Gezitter und warf den Hut in den Kasten, daß er nur so flog, und zog die Masche an der schillernden Seidenschürze so wütend auf, daß das Band riß.
Die weiß Bescheid, hatte damals der Gasper gedacht. Dann stand Christian neben ihm und riß nach einer winzigen Pause, in der er sich auf eine nur Musikanten geläufige Art mit ihm verständigte, den Bogen über die Saiten, der Gasper fiel in derselben Sekunde ein und nun erst flogen die Paare durch die Stube, umschlangen sich fester, ließen sich schwebend los und umfaßten sich nach zwei Takten wieder, lösten sich aufs neue und fanden sich, schön in der Anmut der kleinen Abschiede und des lächelnden Sichwiederhabens. Die Burschen, zwei Schritte lang allein, drehten sich mit verzückt erhobenen Armen und schnalzten mit den Fingern im Takt oder fielen krachend ins Knie und schlugen mit der flachen Hand auf den Boden, daß der Staub aufflog. Dann fügten sie sich dem ziehenden Geigenton, seinem aufsteigenden Drängen, gaben nach, wenn er sich breit hindehnte, ließen sich noch einmal vorwärtsjagen und schlossen den ersten Bayrischen in so ausgelassenem Tempo, daß der junge Straßpointer seine Partnerin um sich herumschwenken konnte, ohne daß sie während der letzten acht Takte den Boden berührte. Ihre Röcke flogen auf und schwangen erst wieder zurück, als die schöne Dirn mitten in der Stube hochatmend stehenblieb. Sie waren das einzige Paar gewesen, das auch die raschen Schlußtakte getanzt hatte, und der Jörg stand vor ihr, gleichfalls atemholend, das erhitzte Gesicht ihr lächelnd zugewandt, den Hut verwegen ins Genick geschoben, blondes Gelock auf der Stirn wie ein junger Stier. Ihr ging die Brust unter der geblümten Seide schneller auf und ab, da sie seinen umflorten Blick sah, sie lächelte ihm einverstanden entgegen, und um ihren Mund lag schon ein wenig von der Süße der vereinbarten Nacht. Sie spielten mit ihren Augen, den hellen und dunklen, als wollten sie sie vertauschen.
Spiel auf, Gasper!
Und schon langte der Jörg, der es dem Wirtssohn über die Schulter hin leicht und herrenhaft zugerufen hatte, nach seiner Tänzerin.
Die erbleichte. Ihr Lächeln wurde steif; sie sah gebannt dem Gasper zu. An den Tischen wurde es augenblicks still, die Burschen hatten sich halb erhoben und warteten vorgebeugt; die Mädchen rührten sich nicht mehr.
Der Gasper stellte die Harfe beiseite. Bei keiner seiner katzenhaften Bewegungen ließ er den Jörg aus den Augen, der ihn mit einem Lächeln beobachtete, das von innerster Gespanntheit verzerrt war. Dann ging er unheimlich ruhig auf ihn zu. Keinen Schritt wich der junge Straßpointer zurück. Er ließ den Eifersüchtigen herankommen, soweit es nur ging, hob auch nicht abwehrend die Arme, dazu war immer noch Zeit. So standen sie, fast Brust an Brust, der Schmächtige mußte zum Gegner aufschauen und er forschte in seinen Augen, als suchte er auf ihrem Grund ein Bild – das Bild, das ihn seit Wochen peinigend verfolgte: ein nachtschwarzes Fenster und die weißen Arme seiner Geliebten, die sich um einen schlingen, der sich eben aufs Fensterbrett schwang. Er kannte die Weiber und hielt nichts von ihrer Treue; aber daß ihm der Jörg das antun sollte, der reiche, schöne Kerl, der doch haben konnte, so viele er wollte, der mit der Valterer Tochter so gut wie versprochen war, das wollte nicht in seinen Kopf und saß doch längst schon drin.
Die beiden hatten sich lange genug bestarrt – der Jörg übrigens, ohne sein Lächeln zurückzunehmen –, als anfangs zögernd, dann immer flotter ein Walzer durch die Stille schwang, ein neuer, noch nie gehörter. Die Burgl, augenblicks im klaren darüber, daß sie damit gerettet sei, nahm den verdutzten Gasper um die Schulter und wußte sich so zu drehen, daß sie mit einem deutlich ablehnenden und zugleich heimlich versöhnenden Stoß ihres Ellbogens den Jörg beiseiteschob, der in einer lustigen Aufwallung von Dankbarkeit und mit erlöstem Lachen Christian zurief:
Bravo, Lehrer!
Das alles war für den Gasper so überraschend gekommen und fand so sehr die laute Zustimmung der ganzen Wirtsstube, daß er sich mit zusammengebissenen Zähnen darein schickte. Aber sein Gesicht, noch immer blaß vor Wut, ging durch die Runde wie eine stumme Drohung, ganz in sich gekehrt und an bösen Bildern schaffend. Der Jörg verschwand und niemand hatte Lust, den Walzer mitzutanzen, so daß Christian, lachend vor Verlegenheit, das Spiel plötzlich und mit einem deutlich verfrühten Schlußakkord abbrach.
Nein, der Gasper täuschte sich nicht, er verstand in Gesichtern zu lesen. Es war endlich Zeit, sich zu rühren. Er hätte dem Jörg damals am liebsten die hübsche Larve zerschlagen, in der die kommende Nacht so frech geschrieben stand. Der Lehrer war ihm mit der verdammten Geige dazwischengekommen.
Die Harfe war gestimmt und wie aus Trotz spielte er den neuen Walzer, mit dem ihm Christian damals einen so erbärmlichen Rückzug aufgezwungen hatte. Ein Fensterbalken schlug im Wind auf und zu; es störte ihn nicht, es war gerade die richtige Nacht. Seine Finger hieben von beiden Seiten in die schwirrende Fläche, rissen an den Därmen, daß es schepperte, eine Kraft war ihm in die Fäuste gefahren, die herauswollte wie der Blitz aus der Wolke.
Da ging die Haustür. Die Harfe tat mit einemmal gesitteter und der Gasper summte unbefangen vor sich hin:
Zwischen Berg und Tal
da ist a Wasserfall –
Harmloser konnte es auf der Welt nicht zugehen. Der Valterer trat in die Stube; er war der Bruder der Marie, genau der rechte für den Gasper. Der Valterer rückte den Hut ins Genick und sang zu Ende:
Singt a schianer Vogl
oder ist's a Nachtigall?
Die beiden verstanden sich. Auch der Valtererbub war landauf, landab bekannt wie das schlechte Geld. Die ganze Gegend war voll lediger Kinder von ihm, vom Zahlen drückte er sich, so gut er konnte, kein Stier, nicht einmal ein Bock, ein nicht zu sättigender Saubär. Er hatte sich gekrümmt vor maßlosem Gelächter, als er davon hörte, daß Burschen und Mädchen abends zur Schule gingen, nein, das war nichts für ihn. Aber er kam an den Abenden zum Wirt, um sich eine Unterhaltung für den Heimweg zu sichern.
Nach ein paar Gläsern Schnaps rückte der Gasper mit seinem Anliegen heraus. Es war ein richtiger Kriegsplan. Sie begossen ihn blinzelnd und feixend und waren verschwunden, als Christian mit den Leuten in die Stube kam; am großen Ecktisch saß mutterseelenallein der Jörg.
*
Christian ging mit ihm gegen Mitternacht heim.
Nun erst war der Wind zu seiner vollen Gewalt herangewachsen. Er fiel von den Bergen herab, in immer neuen, bald warmen, bald kalten Lawinen, heulend, rauschend, erstickend. Er riß den beiden das Gespräch in Fetzen vom Munde und trug es davon, ungehört, unerwidert. Als sie auf die Straßpointer Felder hinaufkamen, war es Christian, als müsse er ertrinken in soviel Wind. In breiten Schwällen prallte er gegen sie an, sie mußten sich umdrehen, um zu verschnaufen. Droben jagten die Wolken finster dahin, an den Rändern von einem unbestimmten Schein erhellt. Man sah keinen Mond. Es leuchtete im Gewölk von weit draußen, als suchte ein Scheinwerfer aus dem Weltraum die kleine, nachtschwarze Kugel, die im Föhn dahintrieb, und auf ihr das von Bergen umzwängte Hochtal, das schlafend kauernde Dorf, die zwei Männer auf dem dunkel brausenden Feld, den Bauern, der sich von seinem Boden losreißen wollte, und den andern, der nach Halt in diesem Boden suchte.
Davon ging ihre Rede.
Du bist ein Rindvieh, Jörg, wenn du verkaufst. Siehst du denn nicht, wie das Geld immer weniger wert wird und zuletzt sind es Papierfetzen, mit denen du dir den Hintern wischen kannst.
Er mußte jeden halben Satz mit einem neuen Schrei ansetzen, damit ihn der andere verstand.
Ich mag halt nicht, schrie der Jörg zurück; er mochte nicht Bauer sein, hieß das. Er war zu faul dazu, faul bis in die Wurzeln. Dabei war es der schönste Hof weitum, den er preisgeben wollte. Christian war es zumute, als entrisse man ihm selbst, der doch nichts besaß, etwas Unwiederbringliches; so liebte er Straßpoint. So liebte er die Dauer und das Gleichmaß des Lebens, wenn er auch selber schweifte und nirgends Wurzeln schlug. Hätte er den Hof gekauft, wenn er Geld gehabt hätte? Er verstand nichts vom Vieh, nichts von Aussaat und Schnitt, nichts von den Bienen, nichts vom Holz. Und doch brannte jetzt die Gier in ihm, Straßpoint zu haben. Schlugen die Großväter durch? Rief wieder die Kindheit, mit dem uralten Dengelschlag, mit dem betäubenden Duft des Heus? Hatte es nicht Regentage gegeben, in der Tenne verhockt, auf dem Estrich verspielt – ein Astloch war da, vor dem das Wasser in glitzernden Schraffen niederstrich; Augustabende auf den kühl gewordenen Steinstufen des Hauses, ganz fein zieht Tabakrauch von der Bank her, auf der die Großen Feierabend halten, und über dem Eisgipfel geht ein glasgrüner Stern auf; Sonntagvormittage, da die Hemden schneeweiß schimmerten und im Gärtchen, wo man Suppenlauch schnitt, die Pfingstrosen in weinroten Büschen aufblühten, herrlich schwang das Geläut aller Glocken über den Dächern; donnerndes Einfahren der Heufuder, Wetterwind ums Haus, daß die Baumkronen silberten und das Gras im Anger hellodernd fortlief?
War es wieder da, das erstickend Unsagbare? Und stieg nicht die Zeit wie eine Sintflut um einen? Die schmutzigen Wasser kreisten gurgelnd und stiegen, das Gesindel plätscherte vergnügt, die Haifische schnappten, die Seelenfischer warfen ihre Köder aus, die Schriftgelehrten suchten den Grund zu ertauchen, es verschlang sie; das sauste und gurgelte, stank und stieg, ein einziger Ekel. War da nicht Straßpoint die Insel in der Flut, der feste, trockene Boden, die saubere Luft, die herbstlich klare Stille?
Du hast schon zu viel Wald verkauft, Jörg, es ist ein Jammer mit dir!
Die verkehrte Welt, Lehrer: Du meinst, so ein Bauer ist weiß Gott was Großartiges und bist doch selber keiner; und ich sag dir, er ist nichts als ein Knecht von Boden, Wetter und Vieh – und ich muß einer sein!
Da stand der mächtige Hof vor ihnen, von den schwarzen Lüften umheult, ruhig und schwer, mit seiner ganzen Schwere auf sich selbst gestellt. Dem Berg, der drohend emporstieg, urverwandt, dem neidischen Himmel, den feindseligen Wettern gewachsen, stumm und ruhevoll stand er da. Von hier aus ging es über Märkte und Kleinstädte hügelig hinab in die trübe Ebene, in der die Metropolen lagen, eine Rußwolke über sich, Flugsand unter sich, verwüstetes Land um sich. Dort waren die Menschen völlig anonym geworden, eine ungestalte, entwurzelte, schwankende Masse, die sich rattenhaft fortpflanzte und dahinstarb, ohne das wahre Leben zu vererben. Auf Straßpoint gab es Menschen mit Namen, durchs ganze Tal hinaus standen Höfe mit erbberechtigten Söhnen, kindergebärenden Töchtern, alten, mythischen Bräuchen und lebendiger Menschensprache.
Hier war die Nacht noch Nacht, der Tag noch Tag; es gab Abend und Morgen und alles hatte seine Zeit. Der Herbst war der Herbst und man sah Tag für Tag, wie das Jahr verfiel. Nach langen Spätsommerregen hatte es begonnen: Mit wunderbar klaren, zartbereiften Tagen in Blau und stillem Goldbraun. Sie hatten sich bis in den späten Oktober hinein gehalten. Eine solche Stille lag über dem Tal, daß sie einen betäubte. Christian kannte sein Land zu jeder Jahreszeit, aber so still war es nie gewesen. Über den Zäunen kreisten die Sonnenblumen, ein letzter gelber Flammenkranz um die erloschne, samendunkle Scheibe, in den Gärten häufte es sich vom kühlsten Blau ins feurigste Rot: Astern, Dahlien, Georginen; über den Bergen, durch die die Ferne durchzuleuchten schien, stand der Himmel der nahen Ebene, und sie warf das Licht in ihn zurück, daß er an seinen Rändern blaßblau strahlte.
Da zog die Erde Christian zum erstenmal ganz an sich. Mit einer innigen Gewalt, der er nicht gewachsen war. So ist es, wenn sie es wahrhaft ernst meint. Es tat weh, es war ärger als je eine menschliche Gewalt. Er verstummte, es nahm ihm den Atem. Ein erstickendes Ansichziehen, langsame, mütterliche Arme, der dunkle, abgründige Schoß.
Er tat seinen Dienst, aber versunken, selig benommen wie ein Verliebter, ein Verzauberter, ein widerstandslos Vergehender. Das Draußen drang ihm durch alle Poren in den Leib, in die Seele; um ihn standen die farbigen Bilder des Herbstes, und es trug ihn von einem zum andern, er glaubte tagelang zu schweben, in einer süßen Schwermut wurde er mit allem müd, was im Herbste müd wird, mit allem satt, was sich im Herbste sättigt. Die Morgen waren kalt und herrlich zu trinken, jeder Atemzug ein Schluck nüchternen Wassers, in der Stille des Mittags war es, als löste sich alles Feste verzitternd in blaues Licht. Er sah minutenlang – und die Zeit hörte ganz auf zu fließen – einer Grille zu, die ruckweise über den Weg lief und plötzlich innehielt, eine milde Schwäche in den Gliedern und mit Augen, in denen kein Selbst mehr war, in denen ein Drittes, Fremdes, Künftiges hauste.
So streifte er, sobald er die Schulstunden hinter sich hatte, durch das Land, mit jedem Schritt am Ziel, nichts mehr wollend, nichts planend, einverstanden mit der Gewalt, die ihm angetan wurde. Er lag auf kleinen Waldblößen, die nach versengten Nadeln und reifenden Brombeeren rochen; aus Haseln und Buchen fiel hie und da ein Blatt, er fühlte, wie es sich löste, ein weher und zugleich wohler Stich drang ihm bis in die Wurzeln; ein Häher schrie, dann schloß sich wieder die Stille und wurde schwerer als zuvor. Die Verzauberung wich nicht, wenn er Leuten begegnete. Auch sie schienen nur hinzuschweben, dunkel gekleidete Wesen, und wirkten wie ferne Figuren auf alten Bildern. Es wurde früh dämmerig und das Rosa an den Mauern erlosch zu kalkigem Weiß. Christian stieg den Wald herab, die Zeiten waren vertauscht, und er war ein Jäger, ein Mönch, ein Einsiedler verschollener Jahrhunderte, vollkommen einsam, ein herbstlicher Mensch auf der herbstlichen Erde. Es gab die großen Städte nicht mehr, keine Zeitung, keine Konferenzen, kein Geschwätz und Geschacher. Die Heimkehr war vollendet, tiefer konnte man nicht mehr heimkehren.
Es waren die besten Wochen seines Lebens und blieben es. Damals liebte er die Kinder in der Schule, vom dümmsten Einwallerbuben bis zum klügsten Mesnermädel, die sauberen und die dreckigen, die hübschen und die häßlichen, die lammfrommen und die aufbockenden, alle mit der gleichen Liebe von weither, mit der richtigen, die das Leben gelten läßt, was es von sich aus gilt.
Er hatte in jenen Tagen, die nun ferne waren wie hinter einem halben Leben, die meisten Dorfleute kennengelernt, und das war ein Glück für ihn und sie. So blieben sie ihm noch lange ferne Figuren auf dem uralten Bild des Herbstes.
Er hatte von dem jahrelangen Kampf des Pfarrers mit dem alten Taxer gehört, sie rauften hinter vielerlei Masken um die Herrschaft über das Dorf. Aber es ging ihn nichts an, es war nur ein Menschenspiel vor seinen tiefer trunkenen Augen.
Freilich, der Taxer, der war gleich beim ersten Zusammensein mehr als eine Figur. Es lag ganz in seiner Art, daß er seit einem Vierteljahrhundert die Gemeinde nach seinem Kopf regierte, ohne je nach außen hin die erste Stelle zu beanspruchen. Er blieb im Hintergrund und verstand es, bei jeder Vorsteherwahl den Mann durchzusetzen, der ihm bequem war; er bevorzugte hiebei gutgestellte Bauern, und es war ihm erwünscht, wenn sie weder schreiben noch lesen konnten; dazu war er da. Er saß jeden Sonntag nach dem Gottesdienst in der Gemeindestube, auf der hakigen Nase die Brille, über die hinweg er jeden lange ansah, bevor er Rede und Antwort stand. Sein Gesicht war glatt rasiert wie die Bauerngesichter vor anderthalb hundert Jahren, seine Stirne schmal und hoch, sein Mund eine einzige Falte unbeugsamen Willens. Mit größter Zurückhaltung hatte er damals Christian willkommen geheißen und ihn rasch in ein äußerst sachliches Gespräch über Dinge der Schule und des Kirchendienstes gezogen. Christian war nicht ganz wohl dabei, er fühlte vor dem Manne plötzlich, wie jung er war und daß sich diese Jugend vor dem Taxer nicht schon von selbst empfahl, sondern eher eines entschuldigenden und vertröstenden Wortes bedurfte. Nein, der war keine Figur, der war, was er war, nicht mehr und nicht weniger. Nicht das Leben bediente sich seiner, er selbst war das Leben. Und da es ein langes, erfahrungsschweres und ganz nach eigenem Gesetz gewachsenes Leben war, fühlte sich Christian vor den wissenden Augen des Taxerbauern unwissend, vor der Willensfalte seines großen und schmalen Mundes willenslahm, vor den breiten, etwas gebeugten Schultern arm und siebzehnjährig.
Dann war noch der Pfarrer, ein sonderbarer Kauz. Ohne Brille und das geistliche Gewand hätte man ihn für einen Bauernknecht halten können. Die hagere Gestalt hatte derb ausholende Bewegungen, die rötlich behaarten Hände waren nichts als geöffnete Fäuste, zu groß und zu grob für den Umgang mit heiligen Geräten und blumengestickten Gewändern, aber geschickt, den Füchsen und Mardern Fallen zu stellen, im Fuchsluder zu wühlen und die Bälge zu spannen. Trotz seiner fünfundsechzig Jahre war der Pfarrer sommers und winters viel im Wald, richtete die Fallen an abseitigsten Plätzen auf, kannte die Raubwildwechsel wie keiner und wich den Aufsichtsjägern geschickt aus. Da er zumeist ohne Gewehr ging, verschlug es auch nichts, einem zu begegnen; er bückte sich nach heilsamen Kräutern, räuberte in einem Ameisenbau nach Puppen für seine Singvögel daheim und ächzte und stöhnte so beschwerlich, wie es einem geplagten Manne seines Alters zustand.
Seine Leidenschaft aber war die Medizin. Und sowenig man ihn sonst auch leiden mochte, seine Doktorei war weit berühmt. Er war grob, wortkarg, höhnisch; aber vielleicht zog gerade dies mit unbegreiflicher Gewalt die Kranken an, besonders die Weiber. Und war dann eine, oft von weither, mit ihrem Uteruskrebs zu ihm gekommen, die Urinflasche in sorgfältigster Verwahrung, ein Stück Speck und zwei dicke Wachskerzen als Vergeltsgott im Beutel, dann zitterte sie ein wenig und schickte einen Stoßseufzer zum Himmel, ehe sie an die Stubentür klopfte. Der Alte wußte, was er sich schuldig war: er ließ sie ein bißchen heftiger zittern und ein zweites Mal klopfen. Dann schrie er sein Herein mit einer heiserig hohen Stimme, die sich beim Sprechen leicht überschlug. Da stand nun das kranke Weib und nestelte den Speck und die Kerzen umständlich hervor – fast vergaß sie dabei auf ihr Kranksein, so sehr beschäftigte sie die hausfrauliche Pflicht, es tat auch wohl, im Krankenbericht ein wenig aufgehalten zu sein; aber der Pfarrer ließ sich auf den Speck nicht ein, tat, als sähe er ihn gar nicht, und schrie nur:
Den Urin!
Erst jetzt, da sie ihm die Flasche reichte, sah sie sein seltsames Gesicht: die Augen waren hinter dicken Gläsern ein wenig entzündet und so klein, daß der Blick nicht Raum hatte, sich zu öffnen und zu wölben, er stach vielmehr schmal und flitzend aus ihnen hervor. Das Haar, noch ungebleicht, stand in einem fuchsig gelben Strupp um den Kopf; aus dem magern Gesicht hing eine große, fleischige Nase.
Er hielt die Flasche gegen das Licht und schüttelte sie; dann schob er die Brille auf die Stirn zurück und prüfte eine Weile das Verhalten der weissagenden Flüssigkeit.
Dalassen!
Damit stellte er das Gefäß zu anderen gleichen Inhaltes auf ein Wandbrett, holte aus dem Kasten in der Ecke eine Flasche voll brauner Medizin, und während er sie schüttelte, fragte er, ohne sich umzudrehen, die Bäuerin:
Wo hast denn Weh? Im Bauch?
Er hatte es erraten. Dann händigte er ihr die Flasche aus.
Wenn fertig bist damit, kommst wieder!
Sie war entlassen.
Die Leute starben nicht viel anders, als sie seit je gestorben waren, manche wurden gesund, wie sie sich seit Jahrhunderten nach kurzen oder langen Krankheiten erholt hatten. Der Pfarrer konnte einen Zahn ziehen, daß es krachte, einen Arm einrenken und wildes Wundfleisch mit Staubzucker behandeln, vom Uteruskrebs verstand er nichts. Seine Heilkunst war auf Flaschen abgefüllt, gesüßter Absud von Heilkräutern und Fenchelsamen.
Dieser Mann, der von der Kanzel herab langweilig brummte oder aufscheuchend wetterte, und der Taxer, der den Bauern die mühseligen Schreibereien an die Ämter abnahm und sie dabei unmerklich regierte – sie waren zusammen das ganze Dorf. Sie waren einander gewachsen, der eine mit seinem Kopf und der Härte seines Willens, der andere mit seinem nahezu unantastbaren geistlichen Amt.
Was ging es Christian an? Das waren alte Geschichten; nun war er im Dorf, und die Kinder wuchsen vor seinen Augen heran, die Söhne und die Töchter saßen vor ihm in den Bänken und machten die Ohren auf. Er hatte sich gleich anfangs versprochen, ein Lehrer gegen die Schule zu sein, den Moder, der aus Büchern, Vorschriften und Amtsstuben stäubt, nicht aufkommen zu lassen, sich mit keiner krampfig vorgefaßten oder gar behördlich gestempelten Menschenform den Kindern aufzudrängen, sondern von ihnen zu lernen, wie man sie lehrt, die kleinen Köpfe nüchtern zu erhalten, die Kraft des Urteilens, Unterscheidens und Abwägens zu stärken, allzu willige Glaubensbereitschaft zu beschränken, keinerlei Vernebelung durch große und undeutliche Worte, durch rauschhafte Gefühle zu dulden, kurz, sie zu feien, bevor sie die erste Zeitung in die Hand bekämen oder dem Geschwätz des ersten Wahlredners erlägen.
O ja, es war das Leben, nicht ein Beruf wie jeder beliebige, nicht ein Zwang ums tägliche Brot – eine große Freiheit vielmehr und ein Einsatz des Ganzen, beinahe eine Rückkehr ins feldgraue Gewand.
Dann waren die Tage merklich kürzer geworden, die Morgen neblig und kalt, die Gärten fielen in sich zusammen, nach einer eiskalten Reifnacht ging das Laub in silbernen Schwärmen zu Boden, und vor zwei, drei Tagen setzte der Föhn ein, das Ende.
Christian hatte sein Kommen gespürt; plötzlich war Verzweiflung über ihn hereingebrochen. Diesem Wind gingen Veränderungen in den Lüften voraus, die eine geheimnisvolle Macht über Leib und Seele hatten: mit grundloser Niedergeschlagenheit begann es, sie konnte sich bis zum Lebensüberdruß steigern, während sich um den Kopf ein eiserner Ring zusammenzog, der schmerzte und ihn zwang, nur Verneinendes zu denken, mit allem, was einem in die Quere kam, die Verzweiflung zu füttern, die aus den Nerven aufstieg und das Gemüt zu einer Wüste kahlfraß. Da waren die Kinder nichts mehr als lästiges Geziefer, die Bauern stumpfes Viehzeug, die Stube auf Straßpoint ein stinkendes Gefängnis, das ganze Tal eine Strafkolonie, und er war einsam, las nichts mehr, wollte kaum noch essen, ließ die Bartstoppeln stehn; er hatte nicht einmal mehr sich selbst, er lief sich schimpfend und haßerfüllt nach und wollte sich aus der Welt haben.
Wenn der Wind aber losbrach, kam der große Rausch über ihn. Da wurde die Welt wahrhaftig zur Kugel, er sah sie dahinfliegen, lustvoll sich drehend, er hatte sie ganz in seinem Besitz, eine wehende Lärche – und er sah Inseln der Südsee, ein Stück grüner Himmel – und alles ward ihm zugleich bewußt: Vergangenes und das lockend Künftige. Was immer er aufschrieb, klang wie ein Vers, Musik dröhnte tagaus, tagein durchs Herz, die Mädchen wurden schön, unerträglich schön; verwegen und böse, zärtlich bis zum Erzittern vor einer geschweiften Hüfte, einem geschlossenen Mund, hätte er Pferde gestohlen und zugleich das letzte Hemd verschenkt, sich an alles hingeworfen, was nach ihm verlangte, und wäre dabei so allein geblieben wie ein heimlicher Kaiser des Weltalls.
So war er Brigitte begegnet. Am letzten Föhntag dieses Herbstes, am letzten Herbsttag des Jahrs. Als ihm Jörg nun gute Nacht zuschrie und so tat, als hätte er im Ausgeding zu tun – er schwang sich über den Zaun, und eine stockdunkle Windwoge verschluckte ihn –, da ward Christian zum erstenmal seiner Begegnung mit Brigitte inne. Es war noch keinen halben Tag her, aber da hatte es soviel gegeben, was ihm erst jetzt um Mitternacht den Weg zu ihr freigab. Er ließ sich vom Wind durch das Haustor tragen und stieg im Dunkeln die Stiege hinauf; er lächelte, und als er es sich bewußt machte, war es eine Lust, im Finstern zu lächeln; er spürte es über sein Gesicht gehen wie etwas leibhaftig Zweites und lächelte seinem Lächeln zu wie einem Freund. Dann saß er an seinem Tisch, den Kopf in beide Hände gestützt, und ließ die Lampe unentzündet; sie hätte ihn mit ihrem runden Schein nur ausgeschieden aus dem tiefen, gesichtereichen Dunkel der herbstlichen Nacht.
Und da war es mitunter, als höbe ein Windschwall den ganzen Hof in die Höhe, und darunter rollte die Erde fort, Christian aber saß in seiner Kammer, atmend und horchend, er war allein über der Welt und berauscht von diesem Alleinsein.
Auch Einsamkeit macht trunken, trunkner vielleicht als mancherlei Gemeinschaft; ich sehe dich, Brigitte, du steigst den Weg ins Dorf herauf, und dein Gesicht leuchtet wider von der Glut des Himmels, dem Farbenfeuer der Welt. Du bist scheu und stolz, zartgliedrig, und doch ist deine Mitte ein gestrafftes Bündel von Sehnen, ein jungfräulich strenges Gebilde. Woran liegt es wohl, daß ich dich Bäumen und Blumen verwandter weiß als den Tieren? Wie alt magst du sein? Du hast noch die Augen des Kindes, die nichts verbergen, die ganze Seele liegt auf ihrer aufgetanen Fläche wie der Sommertag auf dem See. Ich bin dir begegnet, als es auf der Welt nichts mehr gab als mich selbst. Schon war es ein böser Traum, in dieses Dorf geflüchtet zu sein, ein Überdruß und ein dumpfes Dahinstapfen, vielleicht auf einem Holzweg. Wären nicht die Kinder, nichts brächte mich dazu, zu bleiben; Straßpoint verludert, und der Herbst geht zu Ende; er hat mir die Stille gegeben und wieder genommen; wie könnte ich den Winter ertragen ohne dich?
*
Wenn die Burgl lachte, geschah es tief drunten in der Kehle und war ein blutrotes Gegurre. Als der Jörg aus ihrem Bett stieg, lief ihm dieses Lachen nach und holte ihn wieder zurück zu ihr; da ließ er sich noch tiefer in sie fallen als zuvor. Es ist ein Sturz in feuerfarbnes Dunkel, ein Versinken ins Bodenlose. Er möchte sie zermalmen vor Lust und wieder erwürgen, wenn er daran denkt, daß es morgen der Gasper sein wird, der bei ihr liegt.
Dann hat er plötzlich genug. Er richtet sich zusammen und steigt durchs Fenster. Der Wind hat fast aufgehört, nur hin und wieder tut er einen stöhnenden Atemzug, als wäre er müde wie der lustsatte Bursch. Er kann den Spalierbaum benutzen, der mit dicken Ästen bis übers Fenster reicht. Er weiß, es tut dem Krüppel nicht gut, da und dort bricht ein Zweig Fruchtholz, schürft ein grober Tritt die Rinde los; aber es ist gleich. Alles ist gleich, wenn er von dem Weib kommt wie aus einem riesigen Rausch, oder wenn er zu ihr hinaufsteigt, bis in die Kehle von Verlangen gesteckt voll. Morgen wird er zu keiner Arbeit taugen; er wird die Geliebte dies und jenes tun heißen, nur um die weißen Arme zu sehen; es kommt nichts vom Fleck, die Knechte grinsen hinter seinem Rücken und legen sich auf die faule Haut, der Hof geht zugrunde – was soll er dagegen tun, solange sie da ist?
Christian fuhr aus dem Schlaf auf und sprang ans Fenster; ein heller Angstschrei hatte ihn geweckt. Es war zu dunkel, um zu sehen, was drunten vorging, aber er hörte das Geschnaufe von Männern herauf und das Ächzen eines, auf den man mit dumpfen Schlägen einhieb. Nun schien man ihn gegen den Zaun zu drängen, Bretter krachten, und schwere Schuhe polterten gegen das Holz. Dazwischen stieß einer kurze Schreie, keuchende Flüche aus.
Christian fuhr in die Kleider, nahm die Taschenlampe zu sich und lief in den Socken die Stiege hinab. Als das Haustor wieder zufiel und der Schein der Lampe ins Dunkel stach, lösten sich zwei Männer aus dem Geraufe, schwangen sich über den Zaun und verschwanden gegen das Dorf hinab.
Jörg lag zerdroschen hinter dem Zaun. Er fluchte, stoßweise verschnaufend, vor sich hin. Die Stirn blutete ihm, und sooft er sich erheben wollte, stöhnte er vor Schmerz. Christian half ihm auf die Beine und führte ihn in seine Kammer. Dort wurde ihm übel, daß er sich erbrach. Dann legte ihn Christian ins Bett. Der Jörg konnte nicht mit Sicherheit sagen, wer ihn überfallen habe; er vermutete, daß einer von den beiden der Wirtsgasper gewesen sei. Seine Wut ließ nach, als ihm zum Bewußtsein kam, daß die beiden gesehen haben müßten, aus welchem Fenster er stieg. Über das bleiche blutige Gesicht flog ein Lächeln des Trotzes, ein heimlich triumphierendes Lachen. Christian riet ihm, morgen den Arzt aufzusuchen; wahrscheinlich seien ein paar Rippen zerbrochen. Dann sagte er gute Nacht und ging.
Niemand hatte das Gesicht im Fenster gesehn. Aber bevor die Burgl zu Bett ging, zündete sie die Kerze an und kämmte vor dem Spiegel ihr schweres, ein wenig feuchtes Haar. Ihr Mund stand halb offen und atmete ruhig, so ruhig wie der Mund eines Kindes oder eines aus eigener Kraft gesicherten Tiers.
Eine halbe Stunde später klopfte es an ihr Kammerfenster. Sie war kaum zu erwecken; aber dann hörte sie den Gasper in ihren Schlaf hinein betteln und tat ihm auf. Sein Gesicht war noch immer rußgeschwärzt, als käme er schmuggelnd über die Grenze oder vom Wildern; sie war es gewohnt so und nahm ihn zu sich, wie er war. Sie ließ sich noch einmal alles haarklein erzählen, was sie mit eigenen Augen gesehen hatte, und lachte dazu ihr kehliges Lachen. Nie war eine Nacht herrlicher gewesen als diese.
Brigitte war lächelnd erwacht. Sie lag warm und gesund da, auf dem Rücken und mit völlig gelösten Gliedern; sogar die Arme hatte sie ausgestreckt neben sich liegen, und da sie sich lange Zeit nicht rührte, gab es Augenblicke, in denen sie zu schweben glaubte. Dann war es neuerdings eine Lust, den schlafsatten Körper zu spüren, kaum merklich zu atmen und immer wacher zu werden.
Es schneite. Gab es eine schönere Überraschung nach den letzten Tagen voll Wind? Die Kammer lag in neuartiger Helle, in einem weißen, wunderbar sauberen Licht, und das dichte Fallen der Flocken draußen wob an der Stille. Die Unrast, die schwere, unbegreifliche Müdigkeit der letzten Tage war fort, es herrschte wieder klare Ordnung bis zu den Zehen hinab. Solche Ordnung tat wohl, weil sie der angeborne Zustand war; jede Zelle war wieder im Gleichgewicht und damit das Ganze ausgewogen und maßgerecht wie ein Kristall. Und nun fiel der Winter über das Land, über der Enge wird es hell, das Tal wird weit werden, bald lehnen sich die Berge zurück, schwer von Sonne, Schnee und Schweigen.
Sie war ein Kind des Winters, im hellsten Januar zur Welt gekommen, und seinem reinlichen Wesen in jedem Zuge verwandt. Seine Keuschheit war zugleich ihre, und Christian hatte richtig gesehen, als er ihr einmal beschrieb, wie er sich ihr Aufstehen vorstelle.
Du schlägst die Decke zurück und drehst beide Beine zugleich aus dem Bette, und dann stehst du einen Augenblick mit noch immer geschlossenen Schenkeln da …
Sie war rot geworden, hatte gelacht und umsonst versucht, sich auch nur eine ihrer Bewegungen zu vergegenwärtigen. Aber er hatte recht, es ging wirklich so vor sich.
Noch eine kleine Weile lag sie im Bett und schaute dem Schneien zu. Sie hatte gestern lange nicht einschlafen können und fühlte sich heute dennoch tief erquickt. Sie war dem Lehrer von da droben begegnet. War der nicht ein Narr? Wie kam er dazu, sie plötzlich um die Mitte zu nehmen und so mir nichts, dir nichts in die Höhe zu werfen? Aber wenn es auch heute in der einfachen Helle des ersten Wintertages sehr sonderbar und sogar ein wenig lächerlich anmutete, gestern war es durchaus glaubhaft, es war nicht verrückter als das Farbenwirrsal ringsum. Sie wäre gern noch eine Weile bei ihm geblieben, sie hatte sich über ihre heftige Abwehr geärgert, aber die Regung des Widerstandes war so plötzlich über sie gekommen, daß zu keiner Überlegung mehr Zeit war.
Aber nun tat es doch wieder wohl, den letzten Abend des Herbstes so gehabt zu haben; fremdes Wesen war in das Gewohnte eingebrochen. Brigitte strich mit den Händen die Hüften entlang; als sie der Zärtlichkeit, mit der sie es tat, bewußt wurde, sprang sie rasch aus dem Bette.
Sie war das einzige Kind einer Ehe geblieben, die trotz ihres ländlich stillen Verlaufs von Anfang an voll innerer Schwierigkeiten war. Schon als Schulmädchen hatte sie nervöse Anfälle der Mutter und das tagelange Schweigen des Vaters erlebt, und da sie keine Geschwister hatte und sich ihr Zusammensein mit den Dorfkindern fast nur auf die Schulstunden beschränkte, lernte sie frühzeitig, für sich zu sein und stumm zu bleiben. Die zwei Jahre, die sie in einem Internat verbrachte, hatten sie wenig verändert; sie schloß keine wirklichen Freundschaften, obwohl man sie ihrer natürlichen Art wegen gern leiden mochte. Die ersten Verliebtheiten ihrer Mitschülerinnen ließen sie unberührt, ihr Körper schlief. Als sie mit sechzehn Jahren wieder heimkam, war die Villa gerade fertig geworden, die der Vater noch vor Kriegsende zu bauen begonnen hatte. Er war zu kurzsichtig, um zum Soldaten zu taugen, und da er weitum der einzige Arzt war, gewann er sich damals seinen großen Arbeitskreis, der ihm den hübschen Neubau erlaubte. Brigitte erhielt ihr eigenes Zimmer und kam sich mit einemmal erwachsen vor.
Im Sommer war sie viel auf den Almen. Sie wußte nichts Besseres als das knappe Gras dieser Wiesen, den Duft der Brunelle, das starke Gelb der Arnika und darüber den leeren, sausenden Himmel, den sie mit ihren Träumen füllte. Es waren nicht klar umrissene Bilder, denen sie nachhing, es war nur ein träumerisches Sichversinnen in eine Schönheit des Lebens, die der Schönheit des Gebirges glich. Wenn sie aber auf ihre achtzehn Jahre zurückblickte, schien es ihr, als hätte sie noch gar nicht gelebt.
Nun soll man erst anfangen damit und spürt ungeduldig, daß sich nichts rührt. Wann beginnt es? Wann greift das Leben zum erstenmal nach einem? Denn daß es großartig und wie mit einem Schlage beginnen wird, gilt für ausgemacht. Das Wunder zu erwarten, macht unruhig. Und wenn dann daheim alles seinen Trott geht wie immer, wenn die Mutter öfter seufzt als sonst und der Vater noch stiller wird, dann will man fort, draußen weht der Föhn, dieser Wind ohne Maß und Ziel, das Haar wird einem zu schwer, das Kleid zu eng, man möchte laufen und immer nur laufen, aus sich herauslaufen am liebsten. Dann langt plötzlich etwas Fremdes nach einem, aber es ist nicht das Geträume, es ist noch viel zu wenig wunderbar.
*
Die Kinder waren außer sich vor Freude über das erste Schneien. Mitunter hörte das Gekratze auf den Schiefertafeln ganz auf, und wenn dann Christian schwieg, weil ihn die Stille störte, dann senkte sich wahrhaftig der Winter selbst über die Bänke, die Köpfe waren nach den Fenstern gedreht, und vor den weit offenen Augen gingen die Flocken nieder und behexten die Blicke der Kleinen mit ihrem still webenden Tanz. Es war das große Ereignis in jedem Jahr, es gab nichts Schöneres auf der Welt.
Christian versuchte noch einmal mit Beispielen für den Unterschied von »das« und »daß« zu kommen, aber es gab keine Unterschiede mehr, sie verschwanden allmählich unter dem weißen Flaum, der in großen Flocken herabsank und alles gleichmäßig zudeckte, den Fensterbalken wie die kahle Lindenkrone, die Eisenkreuze im Friedhof, den Misthaufen beim Wirt gegenüber, das Dach des Pfarrhauses genau so wie jedes »Das« und »Daß«. Ja, knapp hinter dem Stadel des Einwallerbauern war schon alles in ein helles Grau verwischt, und dort wurde das Gewirk der Flocken so dicht, daß die paar Pflaumenbäume am Rande des Dorfes schattenhaft ins Unsichtige schwanden. Welch ein Entzücken, zu sehn, wie der Schnee auf den Zaunlatten zu flaumigen Hauben wuchs und sich der schwarze Boden des Dorfplatzes zu einer hellen, reinlichen Fläche wandelte! Christian spürte, daß ein Stärkerer als er zu den Kindern gekommen war. Es wurde ihm selbst immer schwerer, bei der Sache zu bleiben; er hatte nichts vergessen, es war noch immer der allererste Schnee, der niederschwebte wie damals, als er noch ein Kind war. Unvergeßlicher als alles, was man in Schulen lernt, aufs neue das Herz überraschend, war diese Ankunft des Winters an einem unverhofften Morgen.
Er ließ die Kinder ans Fenster treten und sah mit ihnen hinaus. Immer dichter flockte es; das Tal, der Berg, der Wald waren fort, und nur die paar Häuser des Dorfes hockten noch da, allseits eingeschlossen von dem lautlos geschäftigen Treiben. Es war eine neue Stille, die da um das Dorf wuchs, anders als die Stille der blauen Herbsttage, ohne den feinen summenden Ton des goldbraunen Lichts; eine atemlose Stille, ein allgemeines, endgültiges Ertauben.
Dann stürmten sie alle zusammen die Stiege hinunter und lieferten Christian auf dem Dorfplatz eine Schneeballschlacht, aus der er schweißgebadet die Flucht ergriff.
*
Einige Tage später war der Schlittenweg schon benutzbar, und der Jörg ließ einspannen, um zum Doktor zu fahren. Er nahm nicht den zuständigen Sprengelarzt, er fuhr zur Bahn. In dem nächsten größeren Marktflecken gab es ein Krankenhaus mit einem Primararzt, den er kannte.
Während er fort war – er blieb drei Wochen aus und ließ während dieser Zeit keine Silbe von sich hören –, krachte es auf Straßpoint.
Eine lächerliche Kleinigkeit hatte genügt; nach zwei, drei Unverschämtheiten, die sich die Burgl entschlüpfen ließ, schlug es ein.
Ich schmeiß dich hinaus, dich miserabliges Mensch, schrie die Schwester Jörgs, blaß vor Wut und riß die Überzüge von den Polstern; sie glänzten vor Dreck. Die Burgl hatte sich geweigert, sie außerhalb der großen Wäsche dranzunehmen und die Bäurin gab ihr keine neuen. Es sei eine wahre Schande, in solchem Dreck zu schlafen, aber man brauchte sich nicht zu wundern, es gäbe eben zu viele Mannsbilder im Dorf, die Ursache hätten, das Gesicht mit Ruß zu beschmieren, man kenne sich aus, und wenn eine Menscherkammer weiter offenstünde als ein Taubenschlag, müßte man dreimal in der Woche Waschtag halten. Aber nun habe man es satt, und es sei am besten, man ginge lieber heut als morgen auseinander; es sei wahrhaftig kein Vergnügen, eine solche Drecksau im Hause zu haben, die zudem noch zu faul sei, sich's sauberer zu richten.
Die Burgl stand während dieses Ausbruches lächelnd vor dem Spiegel und ordnete ihr Haar; sie hörte aus jedem Wort mit feinem Ohr den Unterton des Männerneides heraus und hätte am liebsten geträllert vor Vergnügen.
Du magst dein Fenster sperrangelweit aufspreizen, es steigt keiner herein.
Das hatte noch gefehlt. Ein Spülicht von Schimpfworten spritzte hin und zurück, in beiden war die letzte Scham dahin und sie geiferten sich die wahre Meinung übereinander nackt ins Gesicht. Als sich die Burgl zu der Bemerkung hinreißen ließ, dem jungen Straßpointer sei es bei ihr nie zu dreckig gewesen, sah die Bäurin ein, daß sie die Verspielte war. Aber sie nützte die Abwesenheit ihres Bruders und warf die Dirn hinaus. Augenblicklich solle sie ihren Kram packen und verschwinden. Und sie möge sich nie mehr blicken lassen auf Straßpoint. Das ist nicht so sicher, Bäurin – rief ihr die Burgl durch die zuknallende Tür nach, stopfte ihre Siebensachen in einen zerflickten Rucksack, setzte ihr goldverziertes Hütchen auf und ging.
Jörgs Schwester saß in der Küche, völlig ausgepumpt von der wüsten Keiferei. Die Burgl hatte feine Stadtschuhe an, die ihr bis zu den halben Waden reichten und so hohe Stöckel hatten, daß sie sich noch stärker in den Hüften wiegen mußte als sonst. Der Bäurin wurde fast übel von dem nichtsnutzigen Feintun, es ekelte ihr vor dem Getänzel, aber sie sagte kein Wort mehr. Als die Dirn noch den Lohn für den halben November verlangte, warf sie ihr die paar Groschen hin, als hätte sie eine bettelnde Landstreicherin vor sich.
Sie sah ihr durch das Fenster nach. Da steigt sie nun dahin und schwenkt ihre frechen Hüften, wirft ihre unbekümmerten Schultern bei jedem ihrer kurzen Schritte hoch und spannt einen städtischen Schirm auf, weil zwei, drei Flocken vom Himmel tanzen. Und seit wann ist es denn Brauch, an Werktagen solche Hüte aufzusetzen und nun schon gar, wenn eines aus dem Dienst fliegt?
Solange die Bäurin sich weiden konnte an dem Zigeunertum dieser Burgl, war ihr wohl und sie freute sich unsäglich, daß es ihr geglückt war, sie endlich davonzujagen; als die Verhaßte aber hinter den ersten Häusern des Dorfes verschwunden war, blieb sie in einer bösen Leere zurück; sie sah mit einemmal ihr graues Leben herankriechen und spürte, wie es sie fortzog, nicht ins Helle, immer stummer und ärmer in ein schwarzes Nichts.
Sie war geübt, mit derlei Anwandlungen fertig zu werden; in ihr Gesicht, das eben erst vor Hilflosigkeit und Selbsterbarmen aus den Zügen geraten war, traten die Zeichen des Willens, und die unerbittliche Strenge der Herrin festigte es. Sie ging schmal und aufrecht zu den Knechten hinaus und schaffte ihnen mit knappen Sätzen die Arbeit an.
*
Christian spürte mit jedem Tag deutlicher, wie es ihn zu Brigitte zog, und dennoch vermied er jede Gelegenheit, sie wiederzusehn. Er war früher die Woche zwei-, dreimal ins Nachbardorf gegangen, um dies und jenes zu kaufen, um unter mehr und andern Leuten zu sitzen, um Briefe abzuholen, denn droben amtete die Post nur jeden dritten Tag; seit der Begegnung mit Brigitte war er nicht wieder hinabgekommen – und es war nun schon über eine Woche her.
Es hatte geschneit, gefroren und wieder geschneit, der Winter war ernsthaft hereingebrochen. Die Bauern blieben viel daheim; wenn die Schule aus war und die Kinder auf ihren kleinen Schlitten talaus und talein verschwunden waren, wurde es so still im Dorf, als schliefen die Leute Tag und Nacht. Dann war es doppelt schön, gegen Abend ein Stück weit über die Felder zu gehn; die blauen Schatten legten sich über das reine Weiß, daß es mild verdämmerte, und die rötlichen Lichter in den Stuben holten Christian aus dem zunehmenden Dunkel heim. Die Luft war ein einziges wundervolles Bad und alle Schwermut und Verzweiflung der Föhntage war wie fortgeatmet von klaren, kalten Atemzügen.
Auf solchen Spaziergängen wuchs eine sonderbare Liebe heran. Vielleicht war es nicht die Liebe selbst, nur etwas ihr nahe Verwandtes. Christian hatte das Mädchen ein einziges Mal gesehn; sie hatte nahezu nichts gesprochen, sie war erschreckt geflohen – aber all das zusammen: ihre Stummheit, ihre Scheu, ihr Flüchten, ihr Blick aus großen grauen Augen, ihre zarte und dabei feste Gestalt vereinigten sich ihm zu einem berückenden Bildnis. Es begleitete ihn durch die verschwiegene Landschaft und fügte sich schöner in die winterliche Welt, als es in den farbigen Sturm des letzten Herbsttages gepaßt hatte. Denn von ihm ging die gleiche Klarheit aus wie von den weißen Wiesen, den blau verschneiten Bergen, der makellosen Luft. Eine Gesundheit, wie sie Christian an sich nie erlebt, aber immer schmerzlichst begehrt hatte, schien in Brigitte verkörpert; die unzerstörbare Eintracht des Kindes mit den Dingen ringsum war ihr zuteil. Sein zwie- und mehrfältiges Wesen, das ihn aus Herzensarmut und kaltem Hohn in Überschwang und tränenheiße Empfindsamkeit jagte, wurde stumm und fromm vor Entzücken über das achtzehnjährige Kind. In dem Mädchen – so schien es ihm – war die Seele Leib und der Leib Seele geworden, die Elemente hatten sich schlackenlos vermischt zu einem wohlgeratenen Gebilde des Lebens.
Diese Tage waren wie die Stunden vor Sonnenaufgang: Über Land und Seele liegt noch halber Traum, aber durchdrungen von einer nüchternen Helle, die in wachsenden Schauern über das Herz fliegt, der Sonne voraus, Anbruch und Verkündigung.
Nun bereute er es immer mehr, Brigitte mit einer Berührung erschreckt zu haben, in die sich der Hunger nach dem Weib gedrängt hatte.
Aber der Hunger war stärker als der Traum von ihrem Bildnis: auf einmal wollte er sie wiedersehn um jeden Preis. Nachdem er zwei Nachmittage im Dorf drunten umsonst gewartet hatte, daß sie ihm der Zufall in die Quere treibe, entschloß er sich, ihren Vater in der Sprechstunde aufzusuchen; er hoffte, ihr im Haus zu begegnen.
Der Vater Brigittes war ein Mann von fünfzig Jahren. Die bäuerliche Herkunft – vier Stunden talaus stand der väterliche Hof – war dem schmalen Gesicht mit der Brille kaum noch anzumerken, die Züge hatten sich ins Persönliche verfeinert, auch die Hände waren zu zart für einen Bauernsohn, nur der Gang, der trotz der schmächtigen, schon ein wenig vertrocknenden Gestalt eine gewisse Unbeholfenheit bewahrt hatte, verriet die bäuerliche Art.
Er empfing Christian freundlich und untersuchte ihn auf seine Angabe hin, mitunter an unerklärlicher Müdigkeit zu leiden, gründlich.
Christian war nicht bei der Sache; er horchte das ganze Haus aus, nach Schritten, einem Ruf, einem Lachen. Es blieb still, nur im Ofen krachten die Scheiter. Der Arzt fragte ihn, wieviel er rauche. Er gab mehr als die gewohnte Menge an und hörte die Mahnung, vorsichtiger zu sein, mit steigender Ungeduld; auf alles, was der Arzt ihm sagte, antwortete es in ihm: Ich muß sie heute sehn, koste es, was es will.
Sie sind nervös, Herr Lehrer. Lesen Sie auch viel?
Vier bis fünf Stunden täglich.
Er las gerade damals fast gar nichts. Im nächsten Augenblick hatte er vergessen, wovon die Rede war, er schämte sich seiner gelogenen Antworten und log doch immer dreister, um die Untersuchung, die ihm maßlos peinlich war, in die Länge zu ziehen; es war qualvoll, zwischen Frage und Antwort mit aller Kraft und Sammlung nach einem Zeichen von Brigitte zu horchen; ein Sechzehnjähriger, stand er bebend da und glaubte vor Erwartung zu vergehen. Während der Arzt das Rezept schrieb, kleidete er sich an. Die Tür ging nicht auf, sie trat nicht ins Zimmer, nichts geschah – und die Zeit lief ab.
Als er seines Zustandes inneward, durchfuhr ihn zornige Scham, er verhöhnte sich und lauschte nur noch gespannter. Er verlachte sich, verfluchte seinen Einfall, hierherzukommen und sich abklopfen zu lassen, schimpfte sich knabenhaft romantisch und lächerlich und bebte zugleich nach einem Laut, der ihm das Mädchen meldete. Schließlich verließ er den Arzt in so verdrießlicher Stimmung, daß er Brigitte, die ihm die Stiege herauf entgegenkam, nicht grüßte, weil er sie im rechten Augenblick gar nicht erkannte. Kaum aber hatte er das Haus verlassen, wußte er, daß er an ihr vorbeigesprungen war, und die Wut darüber trieb ihn heim, als grinste ihm das ganze Dorf hämisch nach.
Brigitte war zusammengefahren und spürte ihr Herz klopfen, als sie vor dem Sprechzimmer ihres Vaters stand. Die erste Regung, einzutreten und ihn zu fragen, was der Lehrer von ihm gewollt habe, bezwang sie; der Vater würde schon von selbst damit herausrücken. Sie ging auf ihr Zimmer, von wo aus man den Weg ins Dorf hinauf ein gutes Stück übersehen konnte.
Ein Abend von vollkommener Klarheit leuchtete über dem Land. Die Sonne war schon drunten, vom Himmel kam ein blasser, metallisch kalter Glanz.
Christian ging rasch und blickte sich kein einziges Mal um. Brigitte sah, daß ihn ein Unmut vorwärtstrieb, der hart mit ihm verfuhr. Er hieb die Beine gegen den Boden und hielt die Hände in den Manteltaschen krampfhaft vergraben. Er zuckte die Schultern hoch, als schüttelte er Unerträgliches ab. Brigitte kam nicht los von dem Gang eines Menschen, der mitten in der gefrorenen Unbewegtheit der Landschaft das einzige heftige Leben war. Sie begann die Sprache dieses Forteilens zu verstehen und fühlte zitternd, daß der Mann nicht einfach heimging, sondern sich von ihr entfernte, und sie ihm nach müsse. Sie stand am Fenster und es war ihr, als träte sie aus sich heraus; sie war geteilt in ein Eilendes und ein Verharrendes, und so blieb ihre Liebe, so lange sie dauerte: sie ließ ihm das Herz nachfliegen, wenn er ging, und nahm es wieder in sich hinein, wenn er bei ihr war; so kam es nie völlig in seinen Besitz. Wie oft sah sie ihn die folgenden Monate von diesem Fenster aus nach und mit jedem Schritt, den er weiter von ihr fort tat, wuchs die Leidenschaftlichkeit ihres Nacheilens; sah sie ihn kommen, dann fühlte sie fast körperhaft, wie etwas Unerklärliches sie zuschloß und gegen sein Näherkommen versperrte. Vom erstenmal an liebte sie es daher, ihm nachzuschauen, bis ihn der Hohlweg ihren Blicken entzog. Sie litt unter dem Zwiespalt ihres Empfindens; noch war sie zu jung, um zu verstehen, daß wir zumeist nichts Besseres voneinander haben als das Nachsehen.
Auf dem Heimweg traf Christian den alten Thoma. Er erkannte ihn von weitem wieder: Hut und Mantel schienen mit seiner Gestalt ein einziges Stück zu bilden. Unvergessen war ihm auch der Schrei geblieben, mit dem der Alte an jenem regenschweren Herbstabend die Schafe heimtrieb. Christian blieb stehn und wünschte ihm guten Abend.
Der Thoma war im Spätherbst noch einmal auf die Alm hinauf und hatte erst vor einer Woche droben zugesperrt. Jedes Jahr ließ er sich ein paar Tage später vom Winter ins Dorf herabjagen.
Ah, der neue Lehrer sei er und auf Straßpoint habe er sein Quartier? Mit Straßpoint gehe es wohl bergab? Was, der Bauer im Spital? Es sei nicht das erstemal, daß man ihm eins aufgespielt habe, ja, das gehöre halt dazu, es sei zu seiner Zeit nicht anders gewesen. Die Weiber kosteten hie und da ein blaues Aug; doch sei das seinerseits lange her, so lange, daß es gar nicht mehr wahr sei.
Dem Thoma fehlte ein halbes Ohr. Christian konnte das nicht merken, weil dem Alten das Haar in grauen Büscheln unter dem Hut hervorhing und die Ohren verdeckte. Der Thoma maß den Lehrer eine Weile und stapfte ohne Gruß davon.
Vor einem halben Jahrhundert gab es in der ganzen Gegend keinen ärgeren Raufer als den Thoma; da flogen ihm die Mädchen zu, daß er sich kaum erwehrte. Schon damals gingen ihm Geschichten nach, von Hof zu Hof dunkler und blutiger. Bei einer Rauferei im Nachbardorf hatte ihm einer, der den Anspruch seiner Dorfgenossen auf die Mädchenkammern dem Eindringling gegenüber erhärten wollte, dabei aber fürchterlich unter dessen Fäuste geriet, ins Ohr gebissen, daß der obere Lappen blutend herabhing. Seit er die entstellende Narbe trug, fürchtete man ihn ärger, sie wirkte herausfordernd.
Damals war der Pfarrer als junger Provisor ins Dorf gekommen und hatte es für nötig gehalten, dem Thoma von der Kanzel herab die Leviten zu lesen. Er hatte ihn nicht geradezu beim Namen genannt, aber war deutlich genug geworden, um von der ganzen Gemeinde verstanden zu werden. Das Sichräuspern und das Flüstern auf dem Chore hörten auf, als sich aus dem allgemeinen Moralgerede die Figur des Thoma erhob, für jeden kenntlich an den Sünden, mit denen sie der Prediger ausstaffierte. Ein angenehmes Gruseln überrann die ledigen Weiber, als sie merkten, daß sich der Pfarrer einen aufs Korn genommen, der drüben auf der Männerseite saß und sich nicht wehren konnte. Die eine und die andere wagte den Kopf ein wenig hinüberzudrehen, zitternd vor Neugier, wie weit der Pfarrer in der Entblößung des gefürchteten und begehrten Burschen wohl gehen werde.
Der Thoma starrte mit zorndunklem Gesicht zur Kanzel hinauf; seine Fäuste, die den Hut umkrampften, wurden weiß vor Spannung. Das war keine Kunst, da droben zu stehen und zu wettern, man konnte ja nicht hinauf. Er fühlte sich von hundert Blicken gefangen und spürte die Stille würgend um sich. Sein halbes Ohr, von dem der Herr Pfarrer nicht schwieg, fing zu brennen an. Es stimmte alles, was man Übles über sein Haupt ausgoß, aber seine Natur sträubte sich dagegen, daß es hier und so geschah. Und als dann von ihm nicht mehr die Rede war, erhob sich der Thoma krachend und stampfte langsam und für immer zur Kirche hinaus.
Die Alten schüttelten die Köpfe, die Burschen schmunzelten, die Mädchen glühten ihm nach. Er hatte kein Kreuz geschlagen, die Knie nicht gebeugt und den Weihbrunnkessel nicht beachtet. Er hatte sich von einer Sache getrennt, die seiner Natur nicht paßte, und war nie mehr zu ihr zurückgekehrt. Er lebte von nun an als Heide unter den Gläubigen und nahm es seelenruhig auf sich, von dem und jenem gemieden zu werden.
Er begann mit sich selber zu reden, schaffte sich zur Arbeit, lobte sich laut, wenn er etwas vom Fleck gebracht, schimpfte mit sich, wenn ihm nichts von der Hand ging; auch sonst hatte er sich mancherlei zu sagen, bog das Krumme grad und zertrat das weibisch Flennende in sich, wenn er sich gar zu einschichtig vorkam, und wurde, mit sich selber redend, immer mehr zum Mann. Bis er auch dieser Zwiesprache entraten konnte und völlig verstummte. Diese Verstummung durchdrang ihn bis in die feinsten Organe seines Wesens und machte ihn fest und dicht wie langsam gewachsenes Holz. Damit hörte er zu altern auf und blieb jahrzehntelang unverändert; erst in den letzten Jahren waren Bart und Haare grau geworden.
Im Dorf lebte ein Mädchen, das man ihm zuschrieb, die Regina. Auch ihr Alter ließ sich nicht feststellen, das vertrocknete Gesicht war von innerster Jugend durchleuchtet, die guten Augen blickten groß und klar und machten die Regina zu einem alterlosen Kind, das auf der Welt nicht daheim ist.
Sie hatte in Wahrheit keinen Ort, wo sie hätte wohnen können; sie lebte auf den Höfen, bald da, bald dort, half den Bäurinnen bei der Wäsche, beim Brecheln des Flachses, beim Spinnen, und wanderte weiter, sobald man ihrer nicht mehr bedurfte. Wo immer sie aber unter Leuten saß, von den Burschen ihrer Jungfräulichkeit wegen oft derb gehänselt, von den Bäurinnen ihrer zarten Heiterkeit wegen oft hart angepackt, immer schien sich ihr Wesen vor dem Zugriff der Menschen zu verflüchtigen und blieb unantastbar; sie lächelte zu den Späßen, sie begegnete der müden und mürrischen Art geplagter Weiber mit einer steten Sanftheit, die jeden entwaffnete. Schließlich war man stillschweigend übereingekommen, daß es in ihrem Kopf nicht richtig sei.
Zu den heiligen Zeiten verließ sie den Dienst und genoß ihr Vorrecht, die Kirche zu reinigen, die metallenen Altarblumen zu putzen, die heiligen Tücher zu waschen. Sie tat es fröhlich und ohne den kleinsten betschwesterlichen Zug. Da steigerte sich ihr gewohnter Verkehr mit Engeln und Heiligen zu seligen Tagen wechselseitigen Besuchs und zu nahezu verwandtschaftlichem Beisammensein. Sie kannte ihre Freunde im Himmel genau und bewegte sich unter ihnen natürlich und unbefangen, sah ihnen ihre Fehler nach – denn auch die Geläuterten im Himmel sind nicht völlig schlackenfrei –, beanspruchte ihre Hilfe nur in jenen Anliegen, für die sie nach uraltem Gewohnheitsrecht zuständig waren, schmückte ihre Bildnisse nach dem Range ihrer Erhöhung, kurz, wahrte die himmlische Ordnung mit der gleichen heitern Sauberkeit wie die irdische ihres kleinen, unbemerkbaren Lebens.
Um diese Zeit zog sie gerade auf Straßpoint ein und die Bäurin war froh, Ersatz für die Burgl gefunden zu haben. Christian begegnete ihr erst, als sie schon einige Tage im Dienst war. Sie kannte keine Scheu, auch vor neuen Menschen nicht, und kam bald dahinter, daß sie mit dem Lehrer auf eine Art reden konnte, die ihrem Bedürfnis entsprach; bei den Dorfleuten stieß sie zumeist auf taube Ohren. Christian hörte ihr lächelnd zu, wenn sie von dem Leben der Seligen erzählte, und es war ihm, als blätterte er dabei in einem Bilderbuch voll himmlischer Farben. Sie wieder lauschte andächtig und verzückt, während sie das Geschirr spülte, der Geige, die von seinem Zimmer herabklang. Es begann ihr etwas zu fehlen, wenn er tagelang nicht spielte.
Und die Pausen wurden immer länger, sein mißglückter Versuch, Brigitte wiederzusehen, trieb ihn öfter als früher ins Freie; mitunter kehrte er erst spätabends mit den Skiern zurück, hundemüd und bis ins Innerste hinein verstummt.
In der Schule arbeitete er mit verbissenem Eifer. Er sah von Woche zu Woche, daß es nicht ganz umsonst war. Der Eder Georg zum Beispiel schrieb Aufsätze, die man, wie sie waren, hätte drucken können. Christian wußte, sein Verdienst lag einzig darin, dem Buben die Zunge gelöst und ihm alles bloß Angelesene unterdrückt zu haben; die Mädchen zeichneten die Stickmuster wieder selbst – auch hier brauchte er sie im wesentlichen nur gewähren zu lassen, noch war die bildnerische Kraft früherer Geschlechter nicht ganz versiegt, und er sah im Überschwang der Freude an den schönen Gebilden schon die Zeit heraufkommen, da in den Dörfern mit vorgedruckten Hollandweibchen unter Windmühlen kein Geschäft mehr zu machen sein würde. Die Kinder sangen wieder die alten Lieder, in denen sich Schwermut und Übermut herzzerreißend mischen; sie verstanden, wie es zugeht, daß aus der Blüte die Frucht wird – ihm hatte das Herz geklopft, als er ihnen das Geheimnis sagte; sie begannen die Landkarte zu lesen und wußten auch ein wenig Bescheid in Kriegszeiten und Pestzeiten und Hungerzeiten der Menschenwelt.
Aber wenn er die Schulhaustür hinter sich zugeschlagen hatte, versank alles und er war mit sich schmerzhaft allein. Er sehnte sich nach dem Mädchen, das er nicht kannte, nach ihrem Gesicht, ihrer Gestalt, nach allem, was ihr sein Verlangen zuschrieb. Er dehnte seine Wanderungen auf den Skiern täglich weiter und in unwegsameres Gebiet aus, kam erst lange nach dem Dunkelwerden heim und blieb auf Straßpoint ein stummer Gast.
Christian war in dem Alter, da der Mann noch kein Mann ist, da er die Welt erst für sich zu ordnen beginnt. Und er beginnt sie in großen Zügen zu ordnen, in riesigen Bildern, in die er das einzelne vergewaltigend einbezieht. Da neigt er dazu, alles ringsum von sich aus zu deuten, es auf sich zu beziehen, als läse er schon jetzt in seiner Lebensgeschichte. Was er denkt und fühlt, jubelt und leidet, scheint ihm ein einzigartiges Denken, Fühlen, Jubeln und Leiden zu sein, jede Begegnung mit Menschen hält er für eine Fügung des Schicksals, ihm zuliebe gefügt, damit er wachse und erstarke oder verzage und verzweifle. Aber gleich wie er alles, was ihn betrifft, vergrößert, um selber groß zu sein, läßt er das übrige außer acht; immer auf der Suche nach einer überwältigenden Wahrheit, nach dem großen, einmaligen Leben, läuft er an den hundert kleinen Wirklichkeiten vorbei, aus denen die Wahrheit und das Leben bestehn.
So steigerte er sein Gefühl für Brigitte zu einem Einzelfall empor, sah sich mit ihr auf einem Gipfel einsamster Art stehn, und litt dabei, da sich der tägliche Christian nicht immer nach solchem Übermaß strecken wollte. Dieser tägliche Christian saß mit den Bauernburschen im Wirtshaus und trank Schnaps, spielte Karten und half ihnen, Zoten über die Weiber zu reißen. War er aber allein, dann begann ihm das hübsche Mädchen, das er zweimal gesehn – und das zweitemal so flüchtig, daß er es gar nicht wiederkannte – zu einer höheren Gewalt zu werden, zu einem Sinnbild aller lichten Mächte, nach denen sein Herz hungerte. Er wies ihr diese Rolle zu und glaubte schon jetzt zu fühlen, wie sie ihn verwandelte: Als hätte er Herz und Hirn in eisklarem Wasser gebadet, dachte er leicht und durchsichtig, flogen seine Empfindungen in sternhelle Höhen.
Aber als er ihr in den ersten Dezembertagen zufällig begegnete, war alles ganz anders, als er es bei seinen geträumten Zusammenkünften mit ihr erlebt hatte.
Sie kam aus dem hintersten Winkel des Tals und trug ein großes Glas Honig mit sich, den sie jedes Jahr bei einem Bergbauern holte. Der Bauer war halbseitig gelähmt und hatte Brigittes Vater oft in Anspruch genommen; er trug seine Dankschuld in Honig ab. Seine Bienen kamen mit der würzigsten Tracht heim, sie hatten die Almwiesen in nächster Nähe.
Christian, in seinen Gedanken so beredt, wußte nun, da sie vor ihm stand, nichts zu sagen. Sie war ihm zu vertraut geworden, er hatte sich ihrer im Geiste ganz bemächtigt – und jetzt, da sein Traum Fleisch und Blut gewann, war sie ihm fremd und unwirklich. Er sah nichts von alledem, was ein Mann auf den ersten Blick gesehen hätte: sah nicht, wie gut ihr der kleine Pelzkragen zu Gesicht stand; nicht, wie sie sich freute, ihn wiederzusehen, und verargte ihr die Munterkeit, mit der sie sprach; nicht einmal auf den Gedanken, ihr das schwere Honigglas abzunehmen, kam er. Er ging sehr schweigsam und unglücklich neben ihr her, und als sie ihn fragte, warum er damals grußlos an ihr vorbei die Stiege hinabgesprungen sei, gab er nicht zu, sie im letzten Augenblick doch erkannt zu haben.
Ob er denn krank sei, daß er zu ihrem Vater in die Sprechstunde habe kommen müssen?
Er hörte den Ton wirklicher Teilnahme nicht heraus aus der Frage, die er für herkömmliches Gerede mit einem Schuß Neugier hielt. Von Satz zu Satz drängte es ihn unerträglicher, herauszuschreien: Weil ich dich liebe! Aber je heftiger er danach verlangte, die Türen seines Innern aufzureißen, um so dichter verschloß er sie, als stemmte er sich von der falschen Seite dagegen. Seine Gequältheit ging allmählich wie eine feine Lähmung auf das Mädchen über, und sie geriet wieder in jenen krankhaft erhöhten Zustand, in welchem sie im November neben ihm hergegangen war. Wieder wurde ihr das vertraute Land ringsum fremd; der Himmel, diesmal von eintönigem Weiß überzogen, sah aus, als bereite er Unerwartetes vor, die Landschaft wurde anders, von einer fühlbaren, aber unzugänglichen Bedeutung – und das alles erst, seit dieser Mann neben ihr ging. Unentwirrbar war das Durcheinander ihrer Empfindungen, unlösbar der Widerspruch zwischen dem Gefühl einer schweren Bedrängnis und dem Wunsch, dennoch immer so neben ihm zu gehn. Sie hatte sich so leichten Herzens gefreut, ihm allein und im Freien zu begegnen; und nun war das Herz schwerer in sie zurückgekehrt.
Da fing er doch endlich zu reden an. Nicht von sich, nicht von ihr; von den Vorgängen in der Welt. Mein Gott, was verstand sie davon? Aber wie er es tat, war aufs höchste erregend. Sie ahnte nicht, daß es der Haß gegen sich selbst war, den er nun gegen alle Welt austobte; auch Christian ahnte es nicht. Sie verstand nicht einmal, daß er unter dem, was draußen vorging, so maßlos leiden konnte; sie hätte ihn unterbrechen mögen: Was geht es uns an? Aber sie fühlte, wie sehr es ihn anging. Er sprach davon, daß die Männer, denen es zustünde, die Welt in Ordnung zu halten, auf den Leichenfeldern Frankreichs, Polens und Tirols verfaulten; daß ein unbeschreibliches Gesindel von Kriegsverdienern, Schiebern und Marodeuren aller Art den Augenblick des Todes wahrgenommen habe, um alles, Politik und Geschäft und was in der Form sogenannter kultureller Leistungen den beiden dient, in die Hand zu bekommen und nach seinen Instinkten zu verwalten; als dann die Männer heimgekehrt seien, hätten sie mit Schaudern gesehn, daß die Verwesung alles Lebendigen, die ja zum Kriege geführt hätte, nicht nur fortbestände, sondern sich den Anschein eines erneuerten Lebens gäbe, farbig glühend, üppig schillernd, wie es nur der Verwesung möglich sei.
Wir waren sprachlos, Brigitte, wie gut sie es verstanden hatten, sich an den Krieg zu gewöhnen, ihm die besten Seiten abzugewinnen, uns an der Front das Lobgehudel der Zeitungen, sich selbst aber den Profit aus immer ekelhafteren Geschäften zuzuteilen, fett zu werden im ungeheuren Verbrauch von Menschen, Waren und Maschinen. Als wir dann heimkamen, unsäglich müde von allem, was wir erlebt hatten, aufgebraucht bis in die äußersten Nervenenden, erbittert über die Vergeblichkeit unserer Anstrengungen, empfingen sie uns, als kämen wir aus einer längst verblichenen Epoche, als stiegen wir aus Gräbern, über denen längst Gras gewachsen ist. Der Krieg – eine verschollene Sage für sie! Sie hatten vier Jahre lang mit ihm gerechnet – uns war er das Unberechenbarste gewesen, das wir uns denken konnten; sie hatten ihn, schon während er geführt wurde, als Episode empfunden –, uns war er ewige Gegenwart gewesen, und keiner von uns konnte sich vorstellen, wie und wann er aufhören sollte; sie kannten ihn aus den Zeitungen, die sein Wesen verfälschten, die ihn mit Romantik umgaben – wir hatten sein Gesicht gesehn, unwissend, was es bedeute, aber dessen gewiß, daß er uns für alle Zeit verwandelt habe. Brigitte, ist es nicht grauenhaft zu sehen, daß wir heute leben, als wäre nie Krieg gewesen; man schüttelt ihn ab wie einen bösen Traum, man schweigt ihn tot, aber ich sage Ihnen, die Toten werden nicht schweigen, sie werden statt der Schwätzenden reden, wenn es Zeit ist. Oh, wie ich diese Welt hasse, die sich an allem, was not tut, vorbeilügt, die zehn Millionen Tote so leicht verschmerzt! Nichts spricht dafür, daß man bis ins Herz getroffen wurde. Unser ganzes Leben scheint aus Sinnen und Seele geflüchtet zu sein und sich in einem riesigen, rechnenden, Geschäfte drehenden und seiner selbst spottenden Kopf angesiedelt zu haben. Er maßt sich an, auch die Bezirke des Gefühls, des Traums und des Geschlechts zu verwalten, mit seelenauflösendem Verstand, der nicht einmal dazu taugt, die in der Welt erzeugten Güter, die Ernten und die Waren so zu verteilen, daß keiner hungert. Wir sehen den Bankrott kommen und sind stolz darauf, so hellsichtig zu sein, statt daß wir uns rührten, ihn aufzuhalten. Aber heimlich wissen wir nur zu gut, daß er schon da ist. Zum Teufel mit uns!
Christian schrie den Fluch in die stille Landschaft hinein. Dann schwieg er. Er fühlte, es war noch nicht einmal der Anfang dessen, was er sagen wollte; der Schmerz des Erkennens war so rasend geworden wie ein Brand im dürren Wald – und er war dabei, ihn zu löschen, indem er in das Feuer spuckte. Es tobte in ihm so, daß die Muskeln sich krampften und wieder schmerzhaft erschlafften; er hätte am liebsten geheult vor Wut. Er setzte sich auf einen Stoß Fichtenbäume, stemmte die Ellbogen gegen die Knie und ließ den Kopf in die Hände fallen. Brigitte blieb ratlos vor ihm stehn. Sie fühlte, daß seine Worte anders klangen als das sonstige Gekrittel der Männer; das war ein Ausbruch, der Schrei eines leidenden Menschen.
Wie sie so vor ihm stand, unfähig, etwas zu sagen, unfähig auch, den Schmerz mitzufühlen, den er litt, kam er ihr mit einemmal viel jünger vor, als sie selbst war. Sie sah auf ihn hinab und lächelte. Nie waren ihr ähnliche Gedanken gekommen, und sie spürte wohl, ohne dessen bewußt zu werden, ein mütterliches Bedürfnis, zu beschwichtigen und zu trösten. Aber zugleich saß da ein Mann vor ihr, der sie schon einmal in Händen gehalten hatte und der sie hinriß, wenn er so seltsam sprach. Und so zitterte ihre Hand ein wenig, als sie ihm über das Haar strich; in die Regung, zu beruhigen, floß ihr glühend die Lust, mit allen zehn Fingern in dieses fremde Haar zu fassen, sie schloß die Augen und rief leise seinen Namen.
Christian sah nicht auf. Ströme von Zärtlichkeit gingen ihm über die Schultern, sie gingen von ihren Händen aus, die Schläfen entlang, ein feinstes Netz elektrischen Fließens. Die Welt war fort – zwei Hände waren geblieben und ringsum in lebendiger Stille das weiße Land. Langsam, aber hintreibend auf einem Überschwall von Glücksempfinden, griff er nach ihrer Mitte und zog die Leichte neben sich auf den Holzstoß. Ihr Kuß war der Kuß eines Kindes.
Sie saßen eine Weile nebeneinander und schwiegen. Das Dach der Stadelwand, vor der die gefällten Stämme lagen, ragte weit vor; sie sahen seinen dunklen Rand, wenn sie nur ein wenig den Kopf hoben. Dann kletterten sie den ganzen Holzstoß hinauf und setzten sich so, daß sie sich an die trockene Scheunenwand lehnen konnten. Sie begannen zugleich davon zu sprechen, daß sie als Kinder oft auf solchen Holzstößen gesessen seien, und lachten, weil sie dieselben Worte gebrauchten. Die Stämme konnten nicht alt sein, es stieg noch immer ein feiner Duft von ihnen auf. Christian lehnte den Kopf an das Bündel Maiskolben, das zu Füßen des Gekreuzigten hing. Es war an dem riesigen Nagel festgemacht, der beide Füße der übermenschlich großen Figur ans Holz heftete. Für einen Moment schloß Christian die Augen und sah das ganze Bild deutlich hinter den Lidern: die dunkelbraune Stadelwand mit dem gut drei Meter hohen Kreuz, Brigitte und sich selbst klein wie Kinder zu den Füßen des Sterbenden, der die Arme ausspannte, als trüge er mit letzter Kraft den mächtigen Scheunengiebel.
Es begann langsam zu schneien. Die ersten Flocken, winzige Sternchen, kamen einzeln und ohne jeden Ernst herab, wie zur Probe nur oder aus Langeweile. Dann schien sich der weiße Himmel immer tiefer zu senken, die Flocken wurden größer und kamen dichter, und das alles geschah ohne den geringsten Laut, ja es war, als nähme die Stille zu, je stärker es schneite. Nun sah man schon nicht mehr bis zum nächsten Hof, aber je unsichtiger es wurde, um so wohnlicher mutete die beiden der Winkel an, in dem sie saßen. Alles, was Christian auf dem Weg hierher gesagt hatte, war ein kleines, gereiztes Menschengetue vor dem großen stillen Geschehen; er fühlte seine zornige Spannung sich in den sanften Flockenfall lösen, Brigitte hatte sich von ihm küssen lassen, die Welt schien ausgestorben, und nur sie beide waren noch übrig. Noch einmal und noch einmal bog er ihr Gesicht an das seine und küßte es: die Augen, die Schläfen, den Mund. Sie hielt stille mit geschlossenen Lidern, aber an jeder Stelle: unter den langen Wimpern, in den feinen Haaren über dem Ohr, um den geschlossenen Mund, lebte ein inniges Lächeln, das einem heimlichen, tränenlosen, entzückten Weinen glich.
Erst jetzt, Anfang Dezember, wurde es so Winter, wie es die Bauern dieser Gegend gewohnt waren. Da das Land gegen Norden zu nur durch niedrige Berge abgeschlossen war, suchten es heftige Schneefälle heim. Christian mußte die Schule für eine halbe Woche schließen; Tag und Nacht brauste Schneesturm ums Dorf, wehte die Wege knietief zu und erfüllte das Tal mit undurchdringlich wirbelndem Gewölk. Außer dem Mesner, der dreimal des Tags den Englischen Gruß zu läuten hatte, verließ niemand die Stube; die Post blieb auch in den größeren Ortschaften liegen.
Christian saß in seiner Kammer, schrieb Briefe, las, spielte wieder öfter auf der Geige, besuchte für eine Stunde die Frauensleute in der Küche, führte mit der Regina sonderbare Gespräche oder drosch mit den Knechten die Spielkarten auf den Tisch, daß die Schnapsgläser hüpften. Er war wunderbar beschwingt, sang und pfiff und lachte und liebte Brigitte mit der ganzen Herzenskraft seiner achtundzwanzig Jahre. Manchmal sah er den halben Vormittag durchs Fenster hinaus in das weiße Wehen. Breite Fahnen stäubenden Schnees riß der Wind von den Dächern und trug sie über das Dorf hin, das seine paar Häuser zusammenzurücken schien zu einem graubraunen Schattenfleck im weißen Gestöber. Den Rauch blies es von den Kaminen, als wollte der Wind jedes Herdfeuer löschen. Zuerst war es eine Freude, zu sehen, wie der gewaltige Winter das Dorf, das Tal, ja das ganze Land abschloß gegen draußen, wie er es noch einmal in wahres Bauernland, in die Urlandschaft verwandelte; als die Schneefälle aber kein Ende nehmen wollten, wurde es unheimlich. Schon um halb vier Uhr begann es zu dunkeln, und wenn dann Christian die Petroleumlampe anzündete, war seine Kammer eine winzige Zelle Leben mitten im sausenden Tod. In schwarzen Flocken warf es den Schnee ans Fenster, umheulte den Hof, fuhr an den Mauern empor, als wollte es das Dach forttragen, kein Licht drang mehr vom Dorf herauf, ringsum war Eis und Ewigkeit. Aber Christian fühlte gerade in diesen Stunden, wie gut es tat, um Brigitte das gleiche Brausen zu wissen.
Sie hatte ihn gebeten, ihre Eltern zu besuchen, da es ihr nicht möglich sei, hinter ihrem Rücken öfter mit ihm zusammen zu sein. Er hatte ihr erstes Wort nach dem ersten Kuß nicht vergessen: Was ist nun, Christian? Ja, er hätte es beinahe übelgenommen, wenn er nicht so besinnungslos glücklich gewesen wäre; so schrieb er ihre Frage der Erregung zu, aus der sie ja auch wirklich stammen mochte. Ihm schien es zuerst eine Frage an die Zukunft zu sein, vielleicht aber sollte sie nur die Last der Gegenwart ein wenig leichter machen. Er grübelte nicht länger darüber nach; mit den beiden aber stand es so:
Sie meinte allerdings: Was soll nun werden? Es war eine Frage, tief aus ihrer zuchtvollen Natur hervor, die sich nie in solchem Maße preisgab wie die seine. Sie fühlte, mit dieser Minute beginnt ein Neues in mir. Und wie die Erde Keime zu bewahren und zu entfalten versteht, wie sie es ohne Wissen und ohne Absicht, aber aus einem Müssen und einer Kraft heraus tut, die nicht anders kann, so gab es auch in Brigitte diese irdische Kraft, zu bewahren, zu hegen und das Künftige zu bereiten. Sie wußte nichts davon, so wenig wie sich der Ackerboden seiner Sorgfalt bewußt ist; aber ihre Frage: Was ist nun, Christian? entsprang dem Gefühl für die Zukunft, um derentwillen das Weibliche da ist.
Christian hätte damals den tiefen Sinn dieser Frage nicht verstanden; er wäre eher geneigt gewesen, sie für eine Äußerung engherziger Bürgerlichkeit zu halten, als müßte jedem Kuß auch schon Verlobung, Hochzeit und Kindstaufe folgen. Er war noch zu leidenschaftlich auf sich selber aus und verlangte für sich eine Art Liebe, die weder herkömmliche Vorbilder haben noch auf Künftiges zuwachsen sollte; sie mußte völlig zwecklos sein, ganz in sich beruhend wie gute Musik. Auch das war ein Vorbeiwollen an der Wirklichkeit, eine Vergewaltigung des Lebens. Wenn ihn jemand gefragt hätte, wie er denn nun mit Brigitte leben möchte, hätte er alle praktischen Seiten des Zusammenseins außer acht gelassen und nur davon geredet, wie sie aneinander verbrennen würden, zwei Sterne, ineinandergestürzt, um zu einer neuen Sonne aufzuflammen. Er liebte solche Bilder; keines war ihm zu maßlos, um seine Träume zu verdeutlichen. Niemals wäre es ihm in jenen Tagen des höchsten Taumels in den Sinn gekommen, sich als etwas wie einen Bräutigam zu betrachten; er wollte nichts als der Liebende sein, kein Schwiegersohn, kein Gatte – wie haßte er dieses Wort! –, er wollte kein Nest haben, keinen Stall, keine Brutwärme, keine Verwandtschaft.
Er genoß diese Tage, in denen der Schneesturm ihn von aller Welt trennte; selbst daß er Brigitte nicht sah, war schön: nun steht sie am Fenster wie ich und denkt herauf zu mir, wie ich zu ihr hinunterdenke; wir haben uns geküßt, und nichts auf der Welt kann es ungeschehen machen, es ist unser alleiniges Eigentum für alle Zeit. Daß sie lebt, ist mir schon das ganze Glück, und Tränen würgten ihn, wenn er plötzlich den Umriß ihrer Gestalt vor sich entstehen sah, die schmalen Schultern, die zarte Mitte, die feinen Gelenke, den Haarknoten im Nacken, alles in einem Augenblick vagen Sichvergessens, und wie sie wieder in Nichts zerging, wenn der Wille sie festhalten wollte; dann blieben allein noch die Augen zurück, die er auch bei klarstem Bewußtsein vor sich sah, überall, wohin er ging und wo er blieb.
Brigitte hatte sich dem Vater anvertraut; ihre Art war mehr die seine als die der Mutter. Er saß in seinem Sprechzimmer und zählte irgendwelche Zahlen zusammen. Sie wartete, hinter seinem Sessel stehend, bis er fertig war. Dann faßte sie nach seinen Schultern, beugte das Gesicht zu seinem herab und erzählte. Sie sahen beide auf die Zahlenreihen nieder, und dieses gemeinsame Dritte, an das sie sich hielten, gab ihr die Unbefangenheit, alles so zu erzählen, wie es war. Er unterbrach sie kein einziges Mal. Mit glühendem Gesicht kam sie zu Ende und barg es an dem seinen.
Der Vater machte sich los, schon vor dieser zahmsten Familienszene scheute er.
Sag es du der Mutter, Brigitte, ich bin in diesen Dingen sehr dumm. Und schreib ihm, er soll Sonntag zum Essen kommen, das ist das einfachste. Raucht er noch immer so viel? Nein, das kannst du wirklich noch nicht wissen.
Er lachte. Draußen ging die Tür zum Wartezimmer.
Da muß es grob fehlen, wenn einer bei dem Wetter zum Doktor findet.
Brigitte wußte, der Vater würde sich keine Minute mehr aufhalten lassen. Bevor sie die Tür hinter sich schloß, hörte sie ihn sagen:
Und alles Gute, Brigitte!
So machte er es immer. Zwischen Tür und Angel kam noch rasch das, was er sonst nicht herausbrachte.
*
Christian war ein Stück weit gegen den Wald hinter Straßpoint hinaufgestapft, als es zu schneien aufgehört hatte. Es war eine mühsame Sache. Der Schnee war tief und weich und blieb in großen feuchten Ballen an den Wollstrümpfen hängen; man versank bis zu den Knien. Aber er hatte es nicht mehr ausgehalten in seiner Kammer. Nach dem großen Rausch war eine quälende Ernüchterung gekommen.
Es war etwa drei Uhr nachmittags. Die Landschaft lag mit einem Ausdruck da, den er an ihr noch nie gesehen hatte. Der Wind war völlig verstummt, der Himmel noch voll grauen Gewölks, aber doch so hoch, daß die Berge bis zu den Graten frei waren. Alles Dunkle war schwarz, rußschwarz in der schneeweißen Helle. Das war das eine: jede Farbe war fort, tot und begraben unter den weißen Massen. Das andere aber: die Stille nach dem tage- und nächtelangen Geheul war der Ausdruck einer ungeheuren Erschöpfung. Das gab der Landschaft ein tief menschliches Gesicht. Als sagte sie, weiß bis in die Lippen, mit schwarzen Schatten des Schreckens in den Augen: Was habe ich getan? Er stand lange am Waldrand droben und sah übers Dorf auf die weißen Hänge der anderen Talseite hinüber.
Um wieviel größer und erschütternder war doch alles, was ohne den Menschen vor sich ging! Er dachte an die grenzenlosen Gefühle, die ihn während des Schneesturms überwältigt hatten. Er war in seine Kammer gesperrt gewesen und hatte oft gemeint, er müsse sie allein mit seinem Herzschlag sprengen können. Er hatte jeden seiner Gedanken so wichtig genommen, jedes Wort, das er, stammelnd vor Zärtlichkeit, zu Brigitte auf dem Holzstoß gesagt hatte, war ihm wie etwas Unwiederbringliches im Gedächtnis geblieben. Nun lag das Land vor ihm, unendlich ergreifender als alle seine Gefühle und dabei gewaltig stumm. Er spürte sich klein und unwichtig werden vor dem verschneiten Gebirge, vor dem langsamen Zunachten über den Höfen des Tals.
So müßte meine Liebe sein, dachte er – und es war fast ein Gebet –, so sprachlos, so einfach, so groß. So müßte unser aller Leben sein! Es war nicht gut, bloß ein Mensch zu sein vor dem geduldigen Antlitz dieser Natur. Ja, in den Städten, die wir uns selber gebaut haben, in unsern Kammern, in denen wir selber das Licht entzünden und uns ein Ofen die Sonne entbehrlich macht, bei unsern Büchern, unsern Apparaten, da fühlen wir uns gesichert und großartig; da sind wir wer. Aber was kann der Mensch noch gelten vor irgendeinem Baum, der den Gesetzen des Lebens ohne Empörung gehorcht, der mit keiner Regung das Maß verletzt, nach dem er gewachsen ist, der kein Ärgernis in die Welt bringt, der im Frühling blüht und im Herbst die Früchte von sich schüttelt, jahraus, jahrein, bis ins hohe Alter. Gibt es ein reineres Bild des Lebens als diesen Baum, ein tieferes Sinnbild, ein höheres Vorbild?
Christian ging heimzu. So ihr nicht werdet wie die Bäume … sollte es lieber heißen. Der Baum aber, der keine Früchte trägt oder faule Früchte trägt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen. O Gott, was soll ich tun, was will man von mir, wozu, ja wozu bin ich zur Welt gekommen?
Viele fragten das gleiche in dieser Zeit heilloser Verwirrung. Da gab es freilich eine Reihe von Antworten: tu deine Berufspflicht, vollende deine Studien, kämpfe für dein Volk, kämpfe für den Fortschritt, für die Menschheit, für das Christentum, für die Arbeiter, für die chemischen Versuchsreihen, für die Zeitungen, gegen die Zeitungen, für die Banken, gegen die Banken, für den Turnverein, für den Jachtklub, für deinen Freund, für deine Geliebte – aber die jungen Männer hatten Knabenherzen, unersättliche, und zugleich hatten sie den Verstand der Greise, sie glaubten an all das nicht, was ihnen die Welt da vorschlug, ja nicht einmal an das, wovon ihre Herzen träumten. Sie ahnten vielleicht: Hinter alledem ist Leere, ist das Nichts, sind keine Götter mehr.
Er war stehngeblieben, als hätte sich ein Abgrund vor ihm aufgetan. Und plötzlich sprach er es laut vor sich hin, daß er vor der eigenen Stimme zu zittern anhob:
Ich hätte in Rußland fallen müssen.
Er wußte nicht, wie er zu diesem Gedanken gekommen war, es war auf einmal laut und deutlich aus ihm hervorgebrochen wie bei einem, der aus dem Schlaf aufredet.
Er ging rasch nach Hause. Der Schnee zog an, in der Nacht würde Frost kommen. Der Himmel war leichter geworden, er hatte sich so hoch gehoben, daß er sich in der Mitte lockerte, dann lautlos auseinanderriß und der finstere Weltraum mit zwei, drei Sternen hereinsah.
Durchs Tal herein flog ein Schlitten. Nicht einer, wie ihn die Bauern um diese Zeit aus dem hintersten Winkel des Schuppens zogen, mit hohen bemalten Brettern zu beiden Seiten und schön verzierten Hörnern, nicht ein solcher altmodischer Kasten, der sowohl einer Truhe als auch einer Wiege glich, aber wunderbar zu den seidenen Schürzen der Bäuerinnen und ihren kleinen goldglitzernden Hüten paßte; sondern ein nagelneues, federleichtes Gefährt mit breit nach außen grätschenden Kufen, einem winzigen Fleck zum Sitzen, und alles aus schlank gebogenem, hellbraun lackiertem Gestänge. Das Pferd, helle Gamaschen über den Fesseln, trabte flott dahin, mit funkelndem Zaumzeug und kokett geschorener Mähne.
So fuhr der Straßpointer Jörg beim Wirt vor. Er nahm die neue Decke vom Sitz und warf sie mit einem großartigen Schwung über das schöne Tier, ließ es zwei Zuckerstücke naschen, schob den neuen schwarzen Samtvelourhut ins Genick und begab sich in die Wirtsstube.
Es war eine herrliche Fahrt gewesen, der Schlittenweg beinhart gefroren, das Wetter strahlend in Weiß und Blau, das neue Gespann genau nach Wunsch. Die Wirtsstube war leer, und er mußte eine Weile warten, bis jemand erschien.
Vom Bessern? fragte dann der Gasper und meinte damit den Enzianschnaps.
Vom Besten, Gasper, lachte der Jörg und zog seinen neuen Hut wieder in die Stirn schief übers rechte Ohr.
Der Gasper war die Freundlichkeit selber. Wie ihm das Spital gefallen habe? Ob es grob gefehlt hätte? Man wisse nichts Rechtes im Dorf, der Jörg sei doch gar zu lautlos verschwunden.
Es war nicht so arg, Gasper. Und so ein neumodisches Spital sei eine feine Sache. Man werde bedient und gehalten wie eine Kindsmutter im Wochenbett.
Dann fragte der Jörg, was es Neues gäbe im Land.
Der Gasper berichtete, daß dem Einwaller das schönste Roß umgestanden sei –
Der Fuchs?
Ja, der Fuchs; daß ihm der Pfarrer einen Bock sozusagen vor der Nase weggewildert habe, er sei gerade einen Tag zu spät dran gewesen, schön habe er aufgehabt, der beste Bock in dem Winter; die Burgl sei von Straßpoint davon und bei ihm eingestanden, dafür wurstle nun die Regina auf Straßpoint; und so hätte der Gasper noch eine Zeitlang fortfahren können, ohne die Miene zu verziehen, mit einem Unschuldsgesicht, wie nur er es zuwege brachte.
Aber er täuschte sich. Der Jörg fiel ihm nicht herein. So und Ha? und was du nicht sagst, das war alles, was er dazu äußerte. Es regte ihn nicht im geringsten auf, er war viel zu guter Dinge. Im Gegenteil: es freue ihn, daß endlich eine ordentliche Kellnerin da sei, und der Gasper möge sich doch gleich das neue Zeug anschauen: ein Renner, der letzten Winter den ersten Preis gemacht habe, und ein Schlitten, zu dem man Sie sagen müsse. Sie gingen hinaus und der Gasper besah sich sachkundig Pferd und Schlitten. Er lobte beides aufrichtig, und der Jörg freute sich wie ein Schulbub.
Dann setzten sie sich noch einmal in die Wirtsstube. Der Schnaps war wirklich vom Besten, was man haben konnte, und die Unterhaltung der beiden flog immer beschwingter dahin. Der Gasper war es, der sich zuerst auf Glatteis begab:
Und du hast keine Ahnung, wer dir die Rippen eingetreten hat?
Keine Ahnung, Gasper. Der eine war ein schmaler Verrecker, nicht viel größer als du. Aber gelt, dunkel war's, daß man die Hand vor den Augen nicht gesehn hat und in der Nacht sind alle Ochsen schwarz; an der Stimm' hab ich ihn nicht kennen können, weil er zu nobel war, das Maul aufzutun.
Vielleicht war's ein ganz Stummer, Jörg.
Ist leicht möglich.
So strichen sie umeinander herum und sahen sich dabei lächelnd ins Gesicht, tranken sich einen Schluck nach dem andern zu und waren im tiefsten einig darüber, wie gut jeder seine Sache mache. Die Mundart kam ihnen dabei zu Hilfe. Man sprach in der Gegend das schnellste und flüssigste Deutsch, das man sich denken kann. Die Worte glitten dahin wie geölt, sie zerschmolzen fast auf der Zunge, gingen mit kugelrunden Vokalen ineinander über wie Quecksilbertröpfen, wenn sie einander berühren. Und dann gab es so viele uralte Wendungen, mit denen man um die Dinge herum konnte, so viel ererbten Spott in der liebenswürdigsten Form, daß schon die Sprache dazu verlockte, das eine zu sagen und das andere zu meinen.
Nicht mit jedem hätte es der Gasper so treiben dürfen. Aber dem Jörg gefiel es so. Er hatte sich ein Rennpferd und einen noblen Schlitten gekauft, war schon seit vierzehn Tagen aus dem Spital, hatte weiß Gott welche Abenteuer hinter sich und war nun einmal aufgeräumt und guter Dinge. Zugleich wußte er, der Gasper kommt ihm nicht aus, aber es hat Zeit.
Da trat die Burgl in die Stube. Der Jörg hob ihr das Glas entgegen und sie nippte zum Gruß. Auch sie tat, als wäre sie seit ewigen Zeiten Kellnerin beim Gasper. So spielten sie zu dritt die Komödie weiter. Jörg deutete an, daß bald eine Bäurin auf Straßpoint einziehen werde; er ließ die beiden raten und lachte dazu. Nein, die Valterer Marie sei es nicht, die sei ihm zu obenaus. Es könnte wohl sein, daß man Maul und Augen aufreißen werde, aber er sei noch nicht ganz einig mit der Zukünftigen. Schön sei sie wohl, schwarzhaarig wie die Burgl, sie schaue ihr überhaupt ähnlich, auch in der Statur und so. Er rückte nicht weiter heraus mit seinem neuen Geheimnis. Einen Augenblick lang war es feuerrot über das Gesicht der Burgl geflogen und sie blitzte ihm in die Augen, als wollte sie ihm bis auf den Grund schauen; aber er hatte die Fensterbalken zu, und aus seinem Blinzeln wurde sie nicht klug.
Dann sah sie ihm vom Fenster aus nach, wie er sich leicht und vergnügt auf den Schlitten schwang und gegen Straßpoint hinauf verschwand, als entschwebte er.
Der Gasper ließ kein Auge von ihrem Gesicht. Die Masken konnten fallen.
Daß du mir nicht noch einmal anhebst damit, das nächstemal geht's übel aus, das kann ich dir schriftlich geben.
Die Burgl drehte sich mit einem Ruck nach ihm um, sah ihn einen Augenblick lang an, lachte kurz und rätselhaft auf und ging zur Stube hinaus. Er wußte nicht recht, was für eine Antwort das war. Aber wie sie die Schultern warf und die Hüften schwenkte, das ging immer wieder brennend bis ins Mark. Er hatte ihren Blick nicht verstanden, der sagen wollte: Du willst mich kommandieren, du Kleiner, Schmaler, Nichtsnutziger du? Aber er nahm sich vor, auf der Hut zu sein.
Auch daheim schlug der Jörg nicht auf den Tisch. Er ließ sich von der Schwester vorlamentieren, daß es mit dem Saumensch nicht länger gegangen sei, und zeigte eine Geduld, die schon unheimlich war. Er schien tatsächlich nichts als sein neues Gespann im Kopf zuhaben.
Der Taxer sei zweimal auf Straßpoint gewesen, begann die Schwester von neuem. Er habe im Stall nachgesehn und dies und jenes auszusetzen gehabt. Dann sei er auch in den Wald hinauf und habe geflucht; man habe heuer viel zuviel geschlagen, wohin mit dem vielen Holz, wo der Absatz auf allen Märkten stocke? Es seien auch Stämme darunter, die nicht schlagreif gewesen seien.
Das gehe den Taxer nichts an, meinte der Jörg obenhin, und das Holz sei längst verkauft; man müsse sich halt rühren, und wenn sie auch alle meinten, er schere sich den Teufel um den Hof, er habe in den drei Wochen einen gewaltigen Batzen Geld gemacht. Mit dem Holz, fügte er hinzu, als er merkte, wie die Schwester erschrak.
Sie litt an einer größeren Sorge. Es waren schon einmal drei Herren dagewesen, die dem Jörg erklärten, Straßpoint, ja, das ganze Dorf stünde auf vorzüglichem Mergelkalk, aus dem man Zement gewinne. Sie waren die Abgesandten einer derartigen Fabrik. Noch sei freilich an einen Abbau der wertvollen Lager nicht zu denken, aber dem Unternehmen liege daran, die Gründe zu besitzen, um mit der Ausbeutung beginnen zu können, wann es wolle.
Dieser Besuch hatte zwei Jahre, nachdem Jörg den Hof übernommen hatte, stattgefunden. Seitdem ließen die Herren nichts mehr von sich hören. Schon damals hatte es dem jungen Bauern in den Fingern gejuckt, aber da die Schwester den Taxer zu den Verhandlungen beigezogen hatte, war man nicht einmal über die ersten Anfänge einer Vereinbarung hinausgekommen.
Straßpoint verkaufen? hatte der Alte die Fremden angeschrien. Dann hatte er schallend gelacht, den Stock genommen und war, ohne sich noch einmal umzusehen, gegangen. Der Jörg aber hatte die Lust und den Mut verloren, noch weiter zu verhandeln; die Herren hatten sich, höflich die Achsel zuckend und verbindlich lächelnd, verzogen.
Die Schwester Jörgs lebte ständig in der Sorge, der Bruder könnte eines Tages von sich aus die Besprechungen wieder aufnehmen. Aber er schien bis jetzt nichts unternommen zu haben. Er räuberte den Wald aus, kaufte Dinge, die ihm Spaß machten und sonst zu nichts taugten, aber von der Zementfabrik sagte er kein Wort. Trotzdem war ihm sofort klar, woran die Schwester dachte, als er von dem Batzen Geld bramarbasierte.
Freilich hatte er einen der drei Herren getroffen und sogar einen lustigen Abend mit ihm gehabt. Sie hatten einander traktiert, zuerst mit Rotwein, dann mit Weißem und zuletzt gar mit Champagner. Die Freundin dieses Herrn war auch dabeigewesen und hatte dem Jörg mancherlei erlaubt, was er sich bei einer Stadtdame nicht erhofft hätte. Darüber wären die beiden Männer beinahe zu raufen gekommen. Nun, das Ganze war eine besoffene Geschichte und hatte mit einer ernüchternden Autofahrt geendet; das einzige, was sie vereinbart hatten, war ein Besuch der drei Herren auf Straßpoint noch in diesem Winter. Davon ließ jedoch der Jörg kein Wort verlauten. Er hoffte die Sache so einzufädeln, daß man sowohl die Schwester als auch den Taxer vor die Tatsache des abgeschlossenen Kaufvertrags stellen könnte.
Er war die nächsten Tage – immer bei klarstem, sonnigstem Winterwetter – viel unterwegs, der Renner müsse Bewegung machen, er vertrage es nicht, tagelang im Stall zu stehn.
Die Knechte waren vollauf beschäftigt, ja es hatte sich als nötig erwiesen, mehr Leute in Dienst zu nehmen; das Holz mußte weg. Christian begegnete jedesmal, wenn er zur Schule ging oder von ihr nach Hause kam, den schweren Fuhren. Die Stämme lagen vorne auf einem niedrigen Halbschlitten auf, waren mit Eisenketten zusammengebunden und schleiften das andere Ende auf der Straße nach, tiefe Furchen in den Weg grabend; im Stamm, der zuoberst lag, stak der Zapin. Die Rösser dampften in der Kälte, die Fuhrknechte kehrten talauswärts in jedem Wirtshaus zu und nahmen ein Maulvoll Schnaps, es war ein starkes, fröhliches Leben in der verschneiten Einöde.
Christian beneidete sie um ihre schwere Männerarbeit im Freien, um ihre weiten Märsche, um den Umgang mit Rössern und Ketten und kam sich armselig und wie ein verzärtelter Faulenzer vor, wenn er die Schulstiege hinaufging, um kleinen Buben und Mädchen überflüssige Dinge beizubringen. Stand er dann vor ihnen, dann freute es ihn wieder, und er griff voll Eifer zu. Aber es war doch ein zweites, gebrochenes und allzu zimperliches Leben, besonders, wenn er sich vor Augen hielt, daß das Schulhalten ohne große Liebe ein vergebliches Sichmühen sei. Und die Liebe ließ sich nicht immer herbeipfeifen.
Da wuchsen vor ihm die künftigen Holzknechte und Stalldirnen heran, die herrenhaften Bauern und stolzen Bäurinnen, und er war ein studierter Städter mit Sorgen um die ganze Menschheit. Das stimmte nicht zusammen, er blieb außerhalb dieser schweratmenden und arbeitswarmen Wirklichkeit. Er stand auch ganz anders zu der Natur, die ihn und die Bauern umgab. Ihn entzückte die rosige Klarheit, mit der die Morgen anhoben, das Kristallblau über den sonnengelben Berghängen, der bläuliche Mond über den erloschenen Schneefeldern. Davon schien außer ihm niemand Notiz zu nehmen. Er trank die Landschaft zu jeder Stunde in sich hinein, die Bauern aber gehörten selbst zu ihr, er merkte es an ihren Gesichtern, die wie das Holz sonnverbrannter Scheunen gegen den blauen Schnee leuchteten, an ihren Bewegungen, an der Tracht der Weiber am Sonntag.
Er selber wirkte nicht dazugehörig, auch in seinem lodenen Skigewand nicht. Er war von draußen gekommen und fand nicht ganz hinein; der innerste Bezirk des Bauernlandes blieb ihm verschlossen.
Deshalb hatte es auch gut zu ihm gepaßt, als er am Abend vor dem Nikolaustag, in einen uralten Bischof verkleidet, von Hof zu Hof ging, mit einem Sack voller Äpfel und Nüsse für die Kinder; so fern war er oft den Leuten, als käme er aus einer andern Welt.
Die Burgl hatte die Sache in die Hand genommen. Sie klebte ihm einen schneeweißen Wattebart ums Gesicht und unter die Nase und lachte sich krank dabei, weil er ihn dreimal fortniesen mußte, bevor er sein Kitzeln ertrug. Sie bekleidete ihn mit einem besonders schönen, musterreichen Tischtuch, an dessen Saum sie Goldpapier heftete; darunter hatte er einen ihrer gestärkten Unterröcke an, der an ihm wie der Chorrock eines Pfarrers wirkte; zum Schluß setzte sie ihm eine mit Goldflitter beklebte Bischofsmütze aus Papier auf, aus der gebleichte Flachssträhnen hingen, die weißen Locken des Heiligen vorzutäuschen. Er bekam einen silbernen Krummstab in die Hand und brach in ein ganz und gar würdeloses Gelächter aus, als er sich eine heilige Greisenstimme anprobierte.
Schon begann er zu jammern und wüst zu fluchen, weil er unter dem Wattebart wie im Hochsommer schwitzte, als der hergefluchte Teufel die Tür aufriß und eine endslange Wagenkette über den Stubenboden warf, daß es höllenmäßig krachte und klirrte. Die Burgl stieß einen Schrei aus, obwohl sie doch sehen mußte, daß es der Gasper war. Sein Gesicht glänzte rußschwarz, auf der Stirn hatte er sich ein Paar Gamskrickeln befestigt und aus der Hose hing ihm ein langer, fuchsiggelber Kuhschwanz. Er sah scheußlich aus. Um seine Fürchterlichkeit aber noch zu steigern, trug er auf dem Rücken einen Korb, aus dem ein Paar ausgestopfter Bubenstrümpfe ragte.
Christian war nicht recht einverstanden mit dieser drastischen Maskerade, aber da man ihm versprach, der Teufel werde sich höchstens von ferne zeigen, ließ er ihn mitkommen.
Die Burgl aber, vom Kulissenzauber nun vollends verhext, setzte es durch, daß auch sie noch eine Rolle bekam, und welche hätte ihr besser auf den Leib gepaßt als die des Engels? Sie löste ihr Haar, lief fort und blieb für eine halbe Stunde unauffindbar. Der heilige Nikolaus war gezwungen, mit dem Teufel einige Partien Sechsundsechzig zu spielen, damit die Zeit verging. Er zahlte bereits das siebte Glas Schnaps, da schwebte die Burgl zur Tür herein, als käme sie schnurstracks vom Himmel. Auf dem Estrich hatte sie ein Paar ehemals weißer, jetzt ziemlich verrußter Flügel aufgestöbert – der Rest aus einem alten bäuerlichen Theaterfundus –, im übrigen war sie ganz aus Weiß und Gold und das schöne dunkle Haar fiel in knitterigen Brennscherlocken über die Schultern.
Es war schon dunkel, als sich die drei auf den Weg machten. Kaum hatten sie das Dorf verlassen, das sie sich bis zuletzt aufsparen wollten, kaum waren sie auf dem Weg zum ersten Hof im Tal und hatten die verschneiten Felder um sich, als sich die Stimmung Christians wie unter einem Zauber änderte. Im eisigen Himmel standen die Sternfeuer so dicht gedrängt, daß der tiefviolette Schnee silbern funkelte. Der Teufel ging mit dem Cherub voraus, in ein äußerst irdisches Gespräch vertieft, von dem der bischöfliche Heilige nur hin und wieder ein Wort verstand.
Christian blieb ein paar Schritte zurück; er dachte an die Kinder, die nun hinter den Tischen ängstlich warteten, eigene Kindheit überkam ihn, weihnachtlich, wie von den Sternen her.
Und nun sah er es auf einmal deutlich vor sich, worüber er oft und oft gegrübelt hatte: warum war es so schwer, den Augen der Kinder standzuhalten? Es mußte das strenge Licht, das Sternenlicht sein, das aus ihren Augen kommt. Es macht uns zaghaft, wir sind in diesen Räumen des Ursprungs nicht mehr daheim. Auch aus unseren Augen kommt Licht, aber gebrochenes, durch das Geschlecht gebrochen wie durch ein Prisma, in alle sieben Farben des Lebens, und sie leuchten siebenfach schöner auf über dem dunklen Grund des Todes. Aus den Augen der Kinder aber kommt es ganz und unzerteilt, weiß, hart, sternhell. Mütter mißverstehen es leicht und nehmen es für den Strahl der Liebe. Damit aber hat es nichts zu tun, denn jeder, der Augen hat zu sehen, fühlt etwas wie Schuld in sich, als hätte er sich einmal versündigt und das reine Licht verscherzt.
Da und dort stand reglos ein großer Baum und langte mit verzückten Armen nach den Sternen; und trat man ganz nahe an ihn heran, dann sah man sie groß und farbig im kahlen Gezweige nisten. Der Himmel begann schon im Astwerk, so hoch hatte sich das nächtige Land ihm entgegengehoben – und doch war es heimatlich wie nie zuvor. Aus den Höfen schimmerte rötlich das Licht der Stuben, aus dem Hausflur schlug ein Schwall warmen Atems, duftend nach Milch und Heu.
Hinter dem Tisch saßen die vier Buben und die zwei Mädchen der Einwallerleute. Der Älteste schwankte, ob er schmunzeln sollte, aber es gelang nicht recht, die andern aber hatten die Händchen gefaltet und blickten nun groß und unverwandt zum heiligen Nikolaus auf, das ganze Gesicht so voller ehrfürchtigem Staunen, daß Christian ganz befangen wurde. Nein, sie erkannten ihn nicht, sie hielten ihn wahrhaftig für einen Besuch aus dem Himmel. Er ließ die Kleinste, die Hanni, das Vaterunser beten. Sie war die reizendste von allen sechs. Ihr Haar war glattgestrichen und schimmerte vor Nässe; sie mußte abends noch einmal, ihm zu Ehren, gekämmt worden sein. Sie staunte ihn mit weit offenen Augen an, in denen sich Angst und Zutrauen andächtig vereinten. Christian konnte es nicht fassen, daß sie ihn nicht am Blick erkennen sollte, wo sie ihn doch jeden Tag von der ersten Schulbank aus sah. Sie tat ihm fast leid, daß sie einer plumpen Täuschung so vollkommen erlag; er hätte am liebsten den Wattebart fortgetan und ihr gesagt: Hanni, kennst den Lehrer nicht mehr? aber er wagte nicht zu entscheiden, ob er der Dummheit seiner Maskerade mit der Enthüllung nicht eine noch größere hinzufüge.
Er befahl dem Engel, aus seinem Sack Äpfel und Nüsse in die bereitgestellten Teller zu schütten. Dann zogen sie weiter.
Beim Taxer, der ein Ziehkind versorgte, stand im Hausgang ein Paar Schuhe, mit Stroh und Hafer gefüllt.
Das ist für deinen Esel, sagte der Engel zum Heiligen, aber Christian wußte, das war zugleich für das Roß des wilden Jägers. Beim Taxer lebte noch alles, wie es gewachsen war, Heidnisches und Christliches, der wilde Baum und das ihm aufgepfropfte Reis.
Christian räumte die Schuhe aus und füllte sie mit Nüssen. Da kam Hannes aus dem Stall, grüßte und führte ihn in die Stube, freundlich, ehrfürchtig; er war mit zwanzig Jahren noch ein Kind, aber innen war der Mann schon fertig, zurückgehalten und behütet von sich selbst. Christian, der nur in der Abendschule mit ihm zusammenkam, hatte oft ein schlechtes Gewissen, weil er sich nicht enger an die Taxerischen hielt – sie waren alle durch und durch gesund; aber es zog ihn stärker zu Jörg und Gasper, den unsicheren, zweideutigen, haltverlierenden Burschen.
Dann war er froh, die Komödie hinter sich zu haben; die Besuche bei den Dorfbauern waren immer kürzer ausgefallen. Als er heimkam, fand er den Brief Brigittes, mit dem sie ihn für Sonntagmittag einlud. Er war müde und verstimmt. Sie hatte freundlich geschrieben, aber sich so knapp als möglich gefaßt. Ihre Schrift war klar, kühl, stellenweise schülerhaft, der seinen ganz und gar unähnlich; er hatte sie sich ganz anders vorgestellt.
Die Regina hatte den Dienstplatz gewechselt. Der Jörg ertrug sie nicht und fand, jetzt im Winter genügten zwei Dirnen für Stall und Küche. Die Schwester hatte nachgegeben und der Regina zugesagt, sie im Herbst wieder zu nehmen.
Sie stand beim Valterer ein. Die Marie war seit Wochen kränklich. Ihre Verlobung mit dem jungen Straßpointer war nicht gelöst, aber der Bräutigam war selten zu sehn. Sie wußte gut genug, wie er es trieb, aber sie hatte sich ihn nun einmal in den Kopf gesetzt. Daß der Jörg nicht ernsthaft Schluß machte, entsprach ganz seiner Art. Einmal war die Marie die Tochter eines der reichsten und angesehensten Bauern im ganzen Tal, sie gehörte wie er selber zu den paar Herrensippen, die, seit Generationen miteinander verschwägert, auf den ältesten Höfen saßen; dann hatte er sie von Zeit zu Zeit wirklich wieder gern, ihr kaltes, hochmütiges Gesicht, der verschwiegene Stolz, mit dem sie seinen Leichtsinn hinnahm, die spröde Hitze, mit der sie ihn fast erschreckte, wenn er bei ihr war, das alles ließ ihn zu keinem Ende kommen mit ihr.
Sie kränkelte, ja, aber sie wußte es besser: es wuchs ihr ein Kind im Leib. Kein Mensch durfte davon wissen. Die Mutter, härter und auch gescheiter als der Vater, hatte längst Verdacht geschöpft, aber die Marie dachte an alles, sogar mit der monatlichen Frauenwäsche machte sie es stimmen.
Der Valterer Hof lag, von Straßpoint aus gesehn, auf der andern Seite des Dorfes, über dem Bach drüben, auf dem sanft ansteigenden Hang; von Straßpoint ging man gut dreiviertel Stunden, vom Dorfplatz eine knappe halbe. Er lag ziemlich allein da und hatte die Felder in schöner Ordnung um sich; der Bauer fütterte im Winter dreißig Stück Vieh. Der Valterer war das zweite Jahr Bürgermeister und stand völlig unter dem Einfluß des Taxers. Er hatte zwei erwachsene Söhne und drei Töchter, die Marie war die älteste, der Wast das Sorgenkind. Die Mutter hatte den Buben, seit er auf der Welt war, verhätschelt und sah auch durch die Finger, wenn er Sachen trieb, die den Vater wochenlang kopfhängerisch machten. Prügeleien wie jene, da er zusammen mit dem Wirtsgasper über den Straßpointer hergefallen war, zählten noch zum Harmlosesten. Er lungerte viel herum, kam tagelang nicht heim und kroch der Mutter unter die Schürze, wenn es ihm an den Kragen ging. Wegen Schmuggels und Gewalttätigkeit war er zweimal kurze Zeit gesessen. Und der sollte einmal Herr auf Valtern werden!
Es war knapp nach dem Mittagessen, der Bauer hieß ihn einspannen. Eine halbe Stunde gegen den Berg zu stand ein Stadel mit Winterheu; der Wast sollte zwei Schlitten voll auf den Hof führen. Der Bursch, der auf der Ofenbank gelegen war und die Regina gehänselt hatte, spannte ein und nahm sie mit, sie sollte ihm aufladen helfen.
Es war ein schöner Tag. Vom Hausdach tropfte es, die Eiszapfen schmolzen in der Mittagssonne, der Schnee auf dem Hofplatz zeigte dunkle Flecken, aber sobald man sich von der Hauswand entfernte, spürte man, daß strenger Winter war. Weithin waren die weißen Flächen unberührt und strahlten unter dem schönen Blau. Der Sommerweg war nicht mehr erkennbar, und wenn das Roß von ihm abkam, brach es im tiefen Schnee ein. Da nahm es die Regina am Halfter und führte es; der Wast war nicht zu bewegen, vom Schlitten zu steigen. Es war gut, so in der Sonne gefahren zu werden. Das Roß ließ seinen starken Geruch zurück, eine stallwarme Wolke Dunst in der klaren Luft des Wintertags. Ein guter Geruch, ein kräftiger Geruch. Da war in einem etwas, das auf ihn antwortete, tief drinnen ein Stück vom Roß. Und das Blut, das so schwer durch den satten Leib rann, heut fühlte man es rinnen, es strich wohlig die Venen entlang, es überrann einen in warmen Bächlein, es machte einen besoffen. Und so von hinten gesehn, war die Regina gar nicht so übel, nichts Betäubendes freilich, aber um die Mitte doch ein Weib, und wie sie so dahinstapfte, das Roß am Zügel, glich sie der Stute wie jedes Weib, und der Wast, der durch die Sonne und das flimmernde Schneeweiß blinzelte, sah ihre Schenkel auf und nieder gehen, und je länger er hinschaute, um so deutlicher spürte er jeden Schritt im eigenen Leib drinnen, ja, das war wunderlich, daß man sich den andern mit den Augen so einverleiben konnte, und während man hindöste in der guten Wärme, wurde man immer betrunkener davon.
Dann standen sie auf dem Heustock und luden den Schlitten voll. Weiß Gott, was den Burschen plötzlich überkam: kein Mann im Dorf hatte jemals daran gedacht, des seltsamen Geschöpfs habhaft zu werden; war es überhaupt ein Weib? Es war doch nichts an ihm, was einen hätte verlocken können, es hinterrücks ins Heu zu werfen. Aber den Wast hatte es plötzlich überkommen, alles, der Heuduft, der Schweißgeruch des Rosses, das warme Dunkel nach dem blendend hellen Licht; er drückte den Arm um ihre Mitte, als wollte er sie zerbrechen, und bog sie langsam, mit lustvoller Gewalt ins Heu hinab. Sie riß die Augen vor Schreck weit auf und blickte ihm voll tödlicher Angst ins Gesicht.
Dann schlägt er die Scheunentür zu und wirft sich über die Zitternde. Sie stößt einen kurzen, leisen Schrei aus, aber da wird es schon dunkel um sie, sie spürt Heu im Gesicht, es wird immer schwerer zu atmen, sie will mit den Armen um sich schlagen, aber da dehnt sich eine krampfhafte Starre über den Leib, der ihr zum erstenmal im Leben im Weg ist, eine Hand löst ihr die straff gegürtete Mitte, sie denkt noch: Heilige Mutter Gottes! dann weiß sie nichts mehr von sich.
Der Wast bekam es mit der Angst zu tun, als er sie nicht zum Aufwachen brachte. Er lief vor die Scheune um eine Handvoll Schnee; da sah er einen Mann auf den Stadel zukommen. Er springt in die Scheune, zieht der Ohnmächtigen die Röcke zurecht, legt ihr den Schnee auf die Stirn und denkt fieberhaft nach, was gescheiter sei, davonzulaufen oder dazubleiben. Er rennt zwischen dem Mädchen und der Tür hin und her; sie wacht nicht auf, vielleicht ist es besser, ja bestimmt ist es besser, sie wacht nicht auf. Das ist ja der Thoma, Himmelherrgottsakrament, den kann er am wenigsten brauchen, der will zu ihr – und dumm, wie er ist, springt er im letzten Augenblick, in einem Moment völliger Kopflosigkeit ins Freie, läßt Roß und Schlitten stehn und läuft gegen den Wald hinauf.
Er bereute es schon in den nächsten paar Minuten, als er hinter einem dicken Lärchbaum verschnaufte und den Alten in den Stadel treten sah. Dümmer hätte er es nicht anstellen können. Er fluchte und schlug sich mit der Faust gegen die Stirn: das gibt ja nette Geschichten! Gar nichts wäre geschehn, wenn er dort geblieben wäre; schlecht ist ihr halt geworden, umgefallen ist sie, weil sie die starke Arbeit nicht gewöhnt ist; gar nichts wäre geschehn, alles hätten sie ihm geglaubt – und die Regina hätte den Mund nicht aufgetan, die ist nicht so. Er meinte zu bersten vor Wut über sich selber.
Der Thoma fand das Mädchen wach. Er trug es aus der Scheune und legte es auf den Schlitten. Dann machte er die Tür zu, nahm das Roß am Zaum und fuhr auf den Hof. Er redete nichts, er fragte nichts, er reimte es sich selber richtig zusammen. Zum Valterer sagte er:
Dem Mädel ist nicht gut, bring mir ihre Sachen aus der Kammer; wir gehn.
Wo ist der Wast?
Der Thoma zuckte die Achseln. Der Bauer wollte mehr wissen, er verstand nicht, warum die Dirn nicht dableiben solle, sie habe ihr gutes Bett, man werde sie bald wieder gesund haben, es könne nicht so weit fehlen; sie sehe schon wieder ganz munter her, fügte er hinzu, als das Mädchen vom Schlitten stieg und, wie aus einem Traum erwachend, die beiden Männer ansah. Aber der Thoma ließ sich auf keine Verhandlungen ein:
Bring die Sachen, Bauer; wir gehn.
Der Valterer schüttelte den Kopf und tat, wie ihm geheißen.
Erst abends, lange nach dem Essen, kam der Wast heim. Er war guter Dinge und roch weithin nach Schnaps. Man ließ ihn für heute in Ruhe; es wäre doch nichts aus ihm herauszubringen gewesen.
Der Valterer aber machte die ganze Nacht kein Auge zu.
*
Der Thoma besaß im Dorf eine winzige Hütte, in der er überwinterte. Er hatte sie in den letzten Jahren von der Gemeinde gekauft. Niemand wußte, wie es darin aussah.
Er bewohnte nur die Küche. Den Sparherd, der nicht gezogen hatte, riß er heraus und mauerte sich einen offenen, mit dem drehbaren Gestäng darüber, an das man den Kochkessel hängt. Auch das große Kaminloch, das nun schwarz in den düsteren Raum äugte, hatte er selbst ausgebrochen. Auf der breiten Bank rechter Hand vom Eingang schlief er. Auf dem Kasten, der sein Hab und Gut barg, lagen ein paar alte Bauernkalender und die Geschichte des Abfalls der Niederlande von Friedrich Schiller. Er las oft in dem Buch, von dem er nicht wußte, woher es stammte, und haßte die Spanier so, daß er den Valterer Wast still bei sich einen spanischen Hund nannte.
In der Stube, die jahrelang unbenutzt geblieben war, lag nun im einzigen Bett, das es im ganzen Haus gab, die Regina.
Sie war wohl damals auf dem Valterer Hof ohne Hilfe vom Schlitten gestiegen, aber als sie der Thoma daheim hatte, brach sie im Hausgang wieder zusammen. Er legte sie ins Bett, und sie begann zu fiebern. Der Alte kochte einen Hafen voll Hollertee, auch Lindenblüten und Baldrian. Die Regina trank gehorsam, was ihr der Alte aus der Küche hereinbrachte, schwitzte und schlief, fieberte, schwitzte und schlief.
Das ging eine Woche so fort. Wenn der Tee zu wirken begann, lag sie mit rosigem Gesicht da – es war über und über mit winzigen Schweißtropfen bedeckt –, die Augen glänzten mit einem starken Schein, sie lächelte vor sich hin, und manchmal sprach sie auch leise mit sich selber. Der Gewalttat, die ihr angetan worden war, schien sie sich nicht zu entsinnen, und den Zufall, daß der Alte gerade zurechtgekommen war, erkannte sie als eine Fügung des Himmels, für die sie ihrem Schutzengel in kindlichen Ansprachen dankte. Als aber der Thoma einmal vom Wast zu reden und sie nach allem Drum und Dran auszufragen begann, unterbrach sie ihn mit einer sanft abwehrenden Handbewegung und flüsterte ihm ins Ohr:
Der Thoma hatte lange hin und her überlegt, wie er der Sache auf den Grund kommen könnte, er fürchtete, daß es ihr schlimm ergangen war, und erwog, ob er den Burschen dem Gericht überliefern sollte oder nicht. Zum Teil verstand er – von seinen jungen Jahren her – solche maßlose Gier nach dem Weib; aber der Regina gegenüber begriff er sie doch wieder nicht, und es erbitterte ihn, wenn er sich vorstellte, daß der Kerl gemein über die Besinnungslose hergefallen sein mochte. Die Menschen standen schon zu weit fort von ihm, er konnte sich nicht entschließen, Ärzte und Richter in seine Angelegenheiten zu ziehen.
Immer wieder sprach die Kranke von einer Geige, die sie in ihren Halbschlaf tönen höre. Ihre Berichte über das, was sie in Fieberträumen sah, wurden immer wunderlicher. Der Alte stand vor ihrem Bett und sagte kein Wort dazu, nicht einmal den Kopf schüttelte er. Er sah ihr nur aufmerksam ins Gesicht; die Natur selbst hätte nicht stummer zuhören können. Keine zärtliche Regung verriet, ob er litt, ob er sie liebte; er kochte und las, stand für eine Viertelstunde am Krankenbett und ging wieder, schwer von sich selber, unaufschließbar, wortlos. Und doch strömte von seinem bärtigen Gesicht eine lautere Kraft aus. Er war nun hoch in den Sechzigern und ganz ein Baum geworden, immer fester im Holz, das in Ringen wächst, immer dicker die Rinde, ein Zirmbaum mit schwerer, schweigender Krone. Und mittendrin im nachtdunklen Geäst ein verzückt trällernder Vogel, der nicht fliegen kann, die Regina.
*
Christian ging nach der Messe heim. Er hatte noch zwei Stunden Zeit; sie aßen um halb eins zu Mittag, stand in Brigittes kurzem Brief. Er machte sich über einen Stoß Schulhefte her, die seit zwei Wochen schon unkorrigiert auf seinem Tisch lagen. Er seufzte, als er das erste aufschlug und mit der Arbeit begann. Es war ein Aufsatz: Wie ich mir einmal sehr weh getan habe. Es gab Kinder, die schrieben so etwas gern, andere wieder hätten es lieber auf sich beruhen lassen. Einige schrieben so, als erzählten sie von einem Dritten, andere schienen es beim Schreiben noch einmal zu erleben. Christian staunte, wie viel gefährlichen Zufällen sie schon in ihrem Alter ausgesetzt waren, wie oft sie der Tod gestreift und verschont hatte. Der war in die Sense gefallen und mußte im Spital genäht werden, ein anderer wäre beinahe verbrannt, ein Mädchen war mit der linken Hand in die Häckselmaschine geraten, es hatte sie drei Finger gekostet, und so ging das fort: junges Leben, von Anbeginn allseits bedroht, und Wunder auf Wunder, daß es dennoch so fröhlich ins Kraut schoß.
Es klopfte. Der Thoma trat in die Kammer.
Du hast eine Geige, Lehrer?
Er hatte die Regina lange nicht verstanden. Auf einmal war ihm der Lehrer eingefallen; man konnte ja einmal fragen. Er tat sich schwer, sein Anliegen verständlich zu machen, Christian mußte die Hälfte erraten. Dann zog er sich an, nahm den Geigenkasten und ging mit dem Alten zur kranken Regina.
Es war der zweite Adventsonntag. Der Himmel war überzogen, es war nicht kalt, das Land lag tot in der winterlich eintönigen Helle. Über den nördlichen Bergen stand ein Streifen Himmel, giftgrün wie Vitriol. Darüber graues Gewölk, lang hingezogen, in dunkleren und helleren Balken übereinandergeschichtet, reglos, schwer, trächtig von sich selbst. Der Schnee auf den Dächern, auf den Feldern, an den Berghängen war ohne Farbe, ohne Glanz, auf den Wegen, wo er angetreten war, fleckig braun.
Ja, nun ging das Jahr zu Ende, von Tag zu Tag schleppte es sich mühseliger fort; in zwei Wochen wird es ganz drunten im Dunkel sein.
Sie standen vor dem Krankenbett, die Regina schlief.
Spiel ihr eins, Lehrer, die hört's auch im Schlaf.
Christian stimmte die Geige; aber als die paar leeren Quinten verklungen waren, legte er das Instrument wieder in den Kasten. Er vermochte nicht zu spielen und wußte, es nützte auch nichts, sich dazu zu zwingen. Er trat ans kleine Fenster und sah hinaus.
Der grüne Himmelsstreif wurde schmäler, das dunkle Himmelsgebälk sank wie das Dach einer alten Hütte, die es nicht mehr zu tragen imstande ist. Dann zerging es in niederwolkendes Grau, wischte neblig über die Berge herein, wurde weiß, kam immer tiefer herab, löste sich auf und flockte still über das Dorf nieder.
Der Thoma stand vor dem Bett, die Regina war erwacht. Die paar Geigenstriche lagen ihr im Ohr, als hätte ihr Christian die längste Weile vorgespielt, und nie in ihrem ganzen Leben war sie so glücklich gewesen. Sie sah am Fenster die dunkle Gestalt, und wenn sie die Augen schloß, sah sie den weiß behaarten Bogen auf und nieder gehen und hörte wieder den fiebrig geträumten Ton.
Sie konnte nicht glauben, daß es wirklich so war; sie nahm sich an den Händen und faltete sie, sie griff nach ihrem Haar und spürte die feuchte Strähne zwischen den Fingern. Ja, sie war wach, und alles hatte sich erfüllt. Über ihr Gesicht rannen die Tränen. Wie aus dichtem Moos sickerte es hervor, langsam und unaufhörlich.
Christian wandte sich um und sah ihr ins Gesicht; als der Thoma merkte, daß er sich anschickte, sich zu entschuldigen, weil er nicht spielte, bedeutete er ihm mit einem Kopfschütteln, zu schweigen. Christian gab der Kranken die Hand und sagte:
Werd' bald wieder gesund, Regina!
Er wollte gehn; er konnte es nicht ertragen, daß sie weinte.
So narrte ihn das Leben: eine Weile war es ganz in ihm, und er war bereit zu tun, was es ihn zu tun hieß; dann verließ es ihn, und er sah es als Szene, ernüchtert, kalten Blicks, zu höhnischem Lachen gereizt. Er sah sich am Fenster stehn, die Geige unterm Kinn, und da lag ein krankes Mädchen und weinte vor Glück. War es nicht widerlich, alles zusammen, war es nicht eines hämischen Gelächters wert? Oder wenigstens eines guten, gesunden Lachens? Wann wird es so weit mit ihm sein, daß jede Minute bis zum Rand voll Leben bleibt? Während er auf die Kranke niedersah und dies bedachte, begann ihm auch sein Dastehn und Grübeln szenenhaft bewußt zu werden, es war ihm, als träte immer wieder ein neuer Christian aus ihm heraus, um zuzusehn, was der eben verlassene triebe. Er kannte ähnliche Zustände aus seiner Kindheit; sie führten bis an die Grenze völliger Verwirrung und zu einem quälenden Gefühl von Ohnmacht. Er wußte, man konnte das gefährliche Spiel fortsetzen, konnte in fünf, sechs, sieben Figuren hintereinander aus sich heraustreten, bis der Boden unter einem hinwegsank, das Bewußtsein der Zeit verflackerte und zu verlöschen begann.
Da küßte ihm die Regina die Hand. Er entzog sie ihr erschreckt, sah geradezu, wie er errötete, und verließ hastig die Stube.
Erst, als er wieder allein war und nach Straßpoint hinaufstieg, als er die dicht fallenden Flocken im Gesicht und auf den Händen spürte, verging der Spuk.
Brigittes Mutter war ein unglücklicher Mensch. Sie stammte aus einer Offiziersfamilie und hatte vom Vater das Bedürfnis zu kommandieren, von der Mutter die nervöse Hilflosigkeit jeder unerwarteten Situation gegenüber geerbt. Sie hatte ihren Mann Hals über Kopf geheiratet, ohne ihn auch nur im geringsten wirklich zu kennen. Als er sich entschloß, die Klinik zu verlassen und Landarzt zu werden, stimmte sie ihm überschwenglich zu. Sie hatte vom Land die Vorstellung der Sommerfrischler: Berge, Wiesen, Häuser, Kühe, gute Luft, dicke Milch, alles schön und bekömmlich, die Bauern aparte Figuren, etwas ungepflegt, aber treuherzig, schlicht und bieder, der würdige Pfarrer, die jodelnden Mädchen, darüber blauer Himmel mit hellen Sommerwolken, voller Lerchen und würzigem Duft. Nach dem ersten Jahr haßte sie bereits das Land. Da gab es lange Regenwochen und mancherlei Mißhelligkeiten mit den Leuten, die Wege wurden zu schuhtiefem Dreck, die Bauern zu groben oder hinterhältig schlauen Lümmeln, die ihr Leben an ihr vorbeilebten, ein Leben, das sie nicht begriff und in das es für sie keinen Einblick gab.
Und nun mutete Brigitte ihr auch noch diesen Lehrer zu. Sie war vor einer Woche, als ihr die Tochter von ihm erzählte, fassungslos aufgefahren und mit dem einzigen Satz: Daraus wird nichts! aus dem Zimmer gegangen. Am nächsten Tag mußte sie sich öfters hinlegen. Brigitte bekam Vorwürfe, Klagen und Seufzer zu hören, daß ihr selber ganz weinerlich zumute wurde. Doch lebte in ihr die zähe Geduld des Vaters, das klare Wissen um das, was sie wollte. Und so war es ihr auch gelungen, die Einladung durchzusetzen.
Das Essen war gekocht, der Tisch gedeckt, die Mutter umgekleidet, Brigitte stand am Fenster, es war in zwei Minuten eins – Christian kam nicht. Die Mutter sah nach der Uhr, schoß in die Küche hinaus, um neue Anweisungen zu geben, kehrte mit hochrotem Gesicht zurück, sah wieder nach der Uhr, sprach von pöbelhaftem Mangel an Erziehung, beklagte sich, daß der junge Mann es nicht der Mühe wert gefunden habe, ihr einige Tage vorher einen kurzen Besuch zu machen, wie es sich gehört hätte, drohte, kein Wort mit ihm zu reden, und erklärte, er sei zum ersten- und letztenmal zu Tisch geladen worden.
Der Vater schlug vor, mit dem Essen zu beginnen, es werde dem Lehrer nicht allzuviel ausmachen, wenn er nach ihnen speise. Auch Brigitte hielt das für das beste, aber sie drangen nicht durch; man sollte ihr, erwiderte die Mutter, nicht nachsagen dürfen, daß sie nicht wisse, was sich schickt. Und mit ähnlichen Erwägungen über Dinge einer verstaubten Formenwelt halfen sie sich über das langweilige und ärgerliche Warten hinweg, von Minute zu Minute ungeduldiger und reizbarer. Brigitte schämte sich für Christian, der Vater hatte Hunger und wollte nicht länger mehr warten, die Mutter versuchte aus so krasser Unpünktlichkeit auf den Charakter des jungen Mannes zu schließen und schonte Brigitte dabei nicht im geringsten – kurz, es spielte sich das ab, was sich – bei gleicher Situation – in den meisten Familien dieser Art abgespielt hätte. Man kam nicht auf den Gedanken, Christian könnte durch Unaufschiebbares abgehalten worden sein, pünktlich zu kommen, man dachte nur an sich und fühlte sich gekränkt.
Mit vierzig Minuten Verspätung kam er dann doch. Brigitte hatte ihn als erste gesehn. Er war in großen Sprüngen den Hohlweg herabgeeilt und ging nun etwas langsamer auf das Haus zu. Sie hatte ihn trotz des dichten Flockenfalls, der seine Gestalt zu einem grauen Schatten verwischte, an seinem Gang gleich erkannt, und aller Unmut über das lange Warten war in diesem Augenblick fort, sie hatte wieder das wundersam deutliche Gefühl, daß sie aus sich heraushüpfe und ihm entgegenfliege. Der Vater mußte ihr an einer Bewegung abgelesen haben, daß er nun doch komme, denn ehe sie es noch mit Worten mitteilen konnte, war er ans Fenster getreten und hatte zur Mutter gesagt:
Mir scheint, der ist's. Du kannst die Suppe auftragen lassen.
Brigitte blieb am Fenster stehn, bis Christian durch den Garten auf das Haus zutrat. Er grüßte herauf und beutelte lachend den Schnee von seinem Hut. Dann hörte sie ihn im Flur drunten die Schuhe abstreifen und ging ihm entgegen.
Die Begrüßung war besser abgelaufen, als sie erwartet hatte; Christian war so guter Dinge, daß die beabsichtigte Steifheit der Mutter nicht voll zur Geltung kam. Er hatte sich lachend entschuldigt, er habe eine Kranke trösten müssen, und das sei doch dringender als Gesunde zu füttern; damit schien für ihn die Sache erledigt; bei Tisch wandte er sich Brigitte zu und ließ sich von dem, was er ihr zu erzählen hatte, nur ablenken, wenn es nicht gut anders ging.
Die Mutter versuchte vergebens, das Gespräch auf die weitere Entwicklung seiner Bekanntschaft mit Brigitte zu bringen, und faßte schließlich sein Ausweichen in dieser Frage in dem Sinne auf, daß er vorläufig nicht daran denke, zu heiraten. Darüber war sie gleicherweise erzürnt wie getröstet, und dieser Zwiespalt machte sie so mißvergnügt, daß sie sich an der Unterhaltung so wenig als möglich beteiligte. Sie hatte voll Ungeduld erwartet, daß es sich heute schon entscheiden sollte, ob und wann geheiratet werde – und nun schien dies für den jungen Mann eine Sache zweiten und dritten Ranges zu sein. Solche Sorglosigkeit war ihr fremd und neu. Die jungen Leute redeten miteinander, als kennten sie sich schon sehr lange, taten gar nicht wie Verliebte, zeigten keine Scheu voreinander, kurz, benahmen sich so anders, als es die Mutter erwartet hatte, daß sie sich im Verlauf der Unterhaltung überhaupt nicht mehr zurechtfand. Nannte man das heutzutage die Liebe? Sie hatte es anders erlebt und anders gelesen; kein scheues Lächeln, kein Erröten auf dem Gesicht Brigittes, keine ritterliche Schmeichelei aus dem Munde Christians, kein verstohlenes Sichsuchen mit den Blicken, wie sie es halb gewünscht und halb gefürchtet hatte. Die beiden unterhielten sich vielmehr wie gleichaltrige Kinder und doch viel erwachsener als Liebesleute nach ihrem Begriff. Ein fremder, leichterer, ja im Grunde harmloserer Ton war ins Haus gekommen, wiewohl man über Dinge sprach, die auch ihr gewichtiger erschienen als das, was man bei ähnlichen Gelegenheiten sonstwo zu hören bekam. Christian erzählte von der Schule – den Kindern und seiner Arbeit –, daß man fühlte, er nahm es so ernst, als wenn einer über die Eigenschaften Gottes und die Unsterblichkeit der Seele redete, es war sogar nicht immer leicht, ihm zu folgen; und dennoch klang alles eher lustig als schwierig. Oder er erzählte von der Regina und dem alten Thoma, von Jörg und dem Taxer – und was er sagte, war so, als wäre damit nicht bloß von diesen Leuten erzählt, sondern vom Leben selbst Tröstendes und Erschütterndes ausgesagt. Dem Vater schien diese Art des Erzählens, in der man über das Persönliche hinaus ins Allgemeine griff, sehr zu behagen, denn er nahm immer lebhafter daran teil, und als die Männer nach dem Essen zu rauchen anfingen, wurde aus dem Zwiegespräch der jungen Leute eines zwischen Christian und dem Vater. Brigitte hörte gerne zu; zuzuhören war ihre beste Rolle. Sie hatte diese Kunst, die den Frauen immer mehr abhanden kommt, Christian gegenüber schon zweimal bewährt. Es gefiel ihr, daß der Jüngere dem Alten in der Einsicht nur wenig nachstand und ihn in der Lebhaftigkeit um vieles übertraf. Sie liebte Christian, wenn er sprach, wenn er auf das Haus zukam oder gegen das Dorf hinauf verschwand; ja, dann liebte sie ihn mehr, als wenn er sie küßte oder Zärtliches stammelte.
Ganz anders hörte die Mutter zu. Für sie trat die Sache, von der man sprach, gegen Mienenspiel, Gebärde und Tonfall zurück, die das Erzählen begleiteten. Sie fand Christian am angenehmsten, wenn er dem Vater zustimmte; wenn er aber Widerpart hielt, schien er ihr zu heftig und zu rechthaberisch; gar nicht konnte sie sein Lachen vertragen. Das klang ja, als gäbe es überhaupt nichts Festes in der Welt, als ließe sich alles Bestehende zu immer neuen, immer anderen Bildern zusammenwürfeln, als wäre alles nur ein Spaß. Und vielleicht trieb sie schließlich nichts anderes als dieses leichtfertige Lachen dazu, das heraufzubeschwören, was Brigitte gefürchtet hatte und – da das Beisammensein bisher so glücklich verlaufen war – schon vermieden glaubte.
Und wie denken Sie sich nun eigentlich Ihre Zukunft, Herr Lehrer? fragte sie mitten in eine der schönsten Pausen hinein, zu denen das Gespräch der Männer von Zeit zu Zeit gelangte.
Meine Zukunft? Darüber denke ich selten nach; man kann doch nicht viel weiter sehn als bis zum nächsten Sonntag.
Das war, wörtlich genommen, nicht das, was er sagen wollte, und doch, auf einer höheren Ebene wieder, war es genau das, was er meinte. Da er aber zweifelte, verständlicher zu werden, fügte er dem nichts mehr hinzu.
Das ist nicht sehr weit, Herr Lehrer, antwortete die Mutter; und nach einem deutlichen Blick auf Brigitte setzte sie fort: Für eine Mutter ist es sogar viel zu wenig weit.
Er verstand.
Ich habe mit Brigitte nie darüber gesprochen. Aber wenn sie will, können wir morgen heiraten.
Er lachte. Und wieder rückte dieses Lachen die Dinge von ihrem gewohnten Ort, hob sie auf, wirbelte sie durcheinander, das oberste zuunterst, das unterste zuoberst. Aber wenn es auch spaßhaft geklungen hatte, es war doch sein ganzer Ernst: er hätte morgen geheiratet. Warum nicht? Er liebte Brigitte, er sehnte sich nach ihrem zarten und festen Leib, er fand sein Auskommen auch zu zweit, wenn sie bescheiden war.
Aber dann verstummte er und sah von einem zum andern. Sie schwiegen alle drei, und ihr einträchtiges Schweigen war eine laute Antwort. Mehr noch: es war eine Abfuhr. Brigitte blickte krampfhaft auf den Vater, der sich mit einer neuen Zigarre zu helfen versuchte; nur die Mutter sah Christian sprachlos an, und er hatte nicht den Eindruck, daß sie noch viel zu sprechen wünsche. Der Vater schnitt an seiner Zigarre herum, Brigitte sah einmal kurz nach Christian hin, aber er nahm es nicht wahr, da er langsam einen Schluck Wein nach dem andern schlürfte, um Zeit zu gewinnen. Niemand sprang ihm bei, er mußte allein aus der Klemme finden.
In diesen wenigen Augenblicken, in denen er ins Glas schaute und den roten Wein auf seinen Mund zurinnen sah – so langsam neigte er das Glas –, in diesen zwei, drei Sekunden überkam es ihn wie damals in der Straßpointer Stube, nachdem er Brigitte zum erstenmal begegnet war. Damals hatte er wie mit einem einzigen Blick den Jörg und dessen Schwester, die Vorfahren beider bis weit hinauf in frühere Geschlechter, die Knechte und Mägde, die Burgl und das Verderben, das von ihr ausging, und mitten unter allen sich selbst gesehn und erkannt, er werde auf Straßpoint immer ein Fremdling bleiben. Beinahe schmerzen konnte solche Klarheit des Bewußtseins, in der dem Raume und der Zeit nach Getrenntes in ein einziges Hier und Jetzt zusammenschoß. Es war das Hier und Jetzt ein Punkt nur, aber von ihm aus sah man vieles und das viele zugleich:
Da war das Speisezimmer des Sprengelarztes; auf den Möbeln lagen gestickte, durchbrochene und ausgeschlungene Deckchen, darauf standen Gläser, Vasen, Photographien, ein symbolischer Adler aus künstlich patiniertem Erz, ein Salz- und Pfefferfaß in der Form eines doppelbeckigen Brunnens, an den Wänden hingen farbige Drucke, sie stellten historische Ereignisse dar und wirkten wie die lebenden Bilder auf Liebhaberbühnen; es roch nach kaltem Braten, Wein und Zigarren, nach Sattheit und warmem Behagen; auf dem Sofa saß die Frau Doktor und quälte sich ah, oh man zu ihm als Schwiegersohn ja oder nein sagen sollte; im Lehnstuhl saß der Sprengelarzt und wußte sich nicht zu helfen, sein Einfluß reichte offenbar nicht sehr weit in solchen Fragen, vielleicht war er auch des jahrelangen Kampfes müde, vielleicht wollte er nur völlig ungeschoren bleiben, komme da nun, was wolle; und dem Vater gegenüber saß das Mädchen, auf einmal zu den beiden gehörig, fortgerückt von dem, der sie liebte, fortgerückt vielleicht auch von ihrer eigenen Liebe, nicht für immer, aber gerade in diesem entscheidend klaren, schmerzlich klaren Augenblick. Und da saß man nun selbst und wußte, man gehört auch hierher nicht, man bleibt auch unter diesen Menschen und Möbeln, in diesem Dunst der Sättigung, in dieser Wärme des Behagens, vor diesem künstlich patinierten Raubvogel, vor diesem unverwendbaren Salzfaß ein Fremdling für alle Zeit.
Davon hätte Christian sprechen mögen, und er hätte es für wertvoll gehalten, daß man ihm zuhöre – aber er sprach keine Silbe darüber. Er fand vielmehr ins Geleise zurück, nachdem er eine Weile die Strecke von oben überblickt hatte. Man möge ihm seine leichtsinnige Antwort verzeihen, er wisse, daß es ihm nicht zustünde, in so wichtigen Fragen Witze zu reißen. Auch das müsse wie Spott klingen, kam ihm plötzlich zum Bewußtsein, aber er hatte es ernsthaft gemeint; daß es jedoch von nun an schwierig sein werde, Zweideutigkeiten zu vermeiden, machte ihn unsicher und mißmutig. Er versuchte so etwas wie einen Plan ins Künftige darzulegen, er mußte ihn erst erfinden, es war nichts Ähnliches in seinem Kopfe vorrätig; er zeigte sich nicht einmal ungeschickt in solchen Entwürfen, und wenn nicht die Stimmung von Grund aus zerstört gewesen wäre, vielleicht hätte das Ganze zu einer Art feierlicher Verlobung geführt. So weit gedieh nun sein Pläneschmieden, das ihm nicht das geringste Vergnügen machte, freilich nicht; aber wenigstens in Umrissen trat eine bürgerlich vernünftige Berechnung künftiger Dinge hervor. Christian spürte, wie sein Gefühl für Brigitte an Schwung und Höhe verlor, sobald man es von den praktischen Folgen her zu betrachten begann. Und das schmerzte ihn, lähmte seinen Kopf, ja, was das schlimmste war, es fing an, ihn unsäglich zu langweilen.
Brigitte, der die Wendung, die das Gespräch nun nahm, auch nicht gefiel, hoffte im stillen, mit der Mutter allein, mit Christian allein alles wieder einzurenken; sie war der paar Sekunden, in denen Christian Wein getrunken und einen vollen Blick aufs Ganze getan hatte, nicht teilhaft gewesen.
Christian verabschiedete sich früher, als man erwartet hatte, und da er vorgab, den Lehrer der Gemeinde aufzusuchen, begleitete sie ihn nur bis zur Haustür. Sie kehrte enttäuscht und mit einem bittern Gefühl zu den Eltern zurück. Der Vater ging in sein Sprechzimmer und die Mutter legte sich zur Ruhe. Brigitte war auf einmal grenzenlos allein.
Die Herren von der Zementfabrik kamen früher, als Jörg sie erwartet hatte. Sie nahmen Zimmer beim Wirt und ließen den Straßpointer Bauer holen, aber erst abends, gegen zehn Uhr, sollte er kommen; damit hofften sie den Taxer diesmal auszuschalten.
Gekommen waren der kaufmännische Direktor, ein junger Chemiker und der technische Leiter der Fabrik. Dieser sah noch am ehesten danach aus, als ob er mit Bauern zu reden verstünde. Der Herr, mit dem der Jörg vor vierzehn Tagen Wein getrunken hatte, war nicht dabei. Der kaufmännische Direktor mußte aus dem deutschen Norden stammen; er sprach in einer forschen Tonart, seine Stimme war trunken von der Überzeugung, daß das Leben höchst einfach zu handhaben sei, wenn man es nur richtig anfaßte. Und daß er das verstand, darüber ließ sein rot gesundes, schattenloses Gesicht keinen Zweifel aufkommen. Er war der Mann, der in der Angelegenheit des Höfekaufs die weitesten Vollmachten zu haben schien. Der technische Leiter war mitgekommen, weil er gern seinen Bürosessel verließ und für ein, zwei Tage ins Freie kam. Er trug ein graues Lodengewand mit grünen Aufschlägen wie ein Förster. Der dritte, ein junger Mann mit Brille, verhielt sich sehr still, er schien nur mitgenommen worden zu sein, damit er erfahre, wie man solche Unternehmungen angehe.
Sie saßen den ganzen Nachmittag in der Wirtsstube, einen riesigen Plan vor sich, auf dem die Ergebnisse früherer Bodenuntersuchungen eingetragen waren. Daneben lag die Katastralmappe. Und nun erwogen sie, wieviel man zu Straßpoint dazukaufen müsse, um für den Anfang genug zu haben; denn mit Straßpoint allein könnte man nicht beginnen, die Lager abzubauen, das zahlte sich wohl nicht aus.
Der Gasper kam immer wieder in die Stube, drückte sich am Gläserkasten herum, hantierte an der Harfe, fragte die Herren freundlich, ob sie nichts wünschten, er stünde ihnen jederzeit zur Verfügung. Und schließlich war er aus der Sache doch klug geworden; nur wußte er nicht, sollte er es dem Jörg gönnen oder nicht, war es für ihn, den Gasper, und seine Liebschaft besser, wenn Straßpoint verkauft würde, oder war es schlechter. Er ließ daher in der Backstube, in der die Burgl mit Teigwecken wirtschaftete, ganz vorsichtig ein paar Worte durchschlüpfen. Sie tat, als ginge sie das alles längst nichts mehr an. Was kümmerte sie Straßpoint und sein junger, dummer Bauer? Aber in ihrem Kopf arbeitete es rasch und ohne Umschweife. Sie wußte von der Sache; Jörgs Schwester hatte ihre Sorge nicht ganz verheimlichen können. Und die Burgl sah klar und wußte, was zu tun war. Nein, Straßpoint durfte nicht verkauft werden, jedenfalls so lange nicht, bis sie dort Bäurin war.
Gegen Abend – das Brot war gebacken und in den Kasten getan – war sie beim Taxer. Es gab nichts Schöneres, als eine Sache ganz ohne Aufhebens, von weither einzufädeln, das Garn zu spinnen, ohne daß der andere das Rad schnurren hört; um so schöner, wenn man wußte, daß man nicht sehr willkommen war, aber daß es diesmal auf einen ankam.
Ja, drei Stadtherren. Und ein großes Papier liege vor ihnen, auf dem die Höfe des ganzen Tals aufgezeichnet seien. Und von Straßpoint sei hauptsächlich die Rede gewesen, mit Straßpoint müsse man anfangen. Wie es der Taxermutter gehe, man sei einmal nachsehn gekommen.
Fort war sie. Daraus wird nichts, wußte sie auf dem Heimweg, als sie an das Gesicht des Bauern dachte, das bei ihrem Bericht rot angelaufen war.
Abends, gegen zehn, kam der Taxer. Die Burgl ließ ihn gar nicht erst in die Wirtsstube; sie seien droben in ihrem Zimmer, flüsterte sie, gleich das erste Zimmer linker Hand. Auch der Jörg sei droben. Der Bauer stampfte den Schnee von den Schuhen und stieg die Treppe hinauf. Er klopfte mit dem Stockgriff an die Tür und trat zugleich ein.
Mit Verlaub, die Herren! Und dann: Guten Abend allseits!
Der Forsche wollte Geschichten machen:
Warten Sie gefälligst ab, bis man Herein sagt!
Der Taxer ließ das so gelten, legte den Hut auf das Bett, nahm die Schachtel mit der Brille aus der Tasche und setzte die Gläser auf.
Wenn ein Mensch auf das, was ein anderer vorbringt, nichts erwidert, sondern sich umständlich und bis ins Innerste taub mit sich selbst beschäftigt, was kann man da anderes tun, als ihm zusehn, bis er fertig ist? Dieses Brillenaufsetzen war stärker als jede Antwort und die vier warteten, teils mißmutig, teils neugierig – der Graulodene sogar ein wenig belustigt – bis der Taxer so weit war und zu ihnen an den Tisch trat, auf dem die Pläne und Berechnungen lagen. Der Forsche hatte sich erhoben und riß sich zusammen, sein leeres Gesicht füllte sich mit Zorn:
Was wollen Sie denn eigentlich, Mann? Sie wurden nicht gebeten, hierherzukommen, Sie haben hier nichts zu tun!
Und als der Taxer, ohne darauf zu hören, auf den Jörg zuging und ihn – er ließ es merken: ihn ganz allein – fragte, ob der Hof schon verkauft sei, schrie der Direktor, und der Zwicker auf seiner Nase zitterte:
Sie haben nichts zu fragen, Sie sind nicht der Besitzer, Sie sind nicht der Bauer auf Straßpoint.
Die Erinnerung an den üblen Ausgang jener Verhandlung vor Jahren steigerte seine Wut, er spürte, nun hing alles davon ab, den Mann aus der Kammer zu bringen; und da er nicht verstand, mit derlei Männern umzugehn, tat er das Dümmste, was er tun konnte: er schrie und ereiferte sich, seine Stimme schlug über vor Empörung und Kommandoton. Aber er hatte keinen Angestellten, keinen Bankmenschen, keinen Konkurrenten vor sich, sondern etwas ganz anderes, etwas unheimlich Ruhiges, Altes, Kluges, den Taxer.
Der Jörg, dem das Geschrei Eindruck machte, kam gar nicht dazu, auf die Frage des Onkels zu antworten. Der Ingenieur im grauen Loden griff beschwichtigend ein: Es ist noch gar nichts abgeschlossen, er wußte, mit nichts als Energie kam man nicht ans Ziel. Dem Taxer aber schien vom ganzen Wortschwall, der ihn hätte zur Tür hinausfegen sollen, nichts im Ohr geblieben zu sein, als dies: Sie sind nicht der Bauer auf Straßpoint; denn als nun der donnernde Herr innehielt, um zu verschnaufen, fragte er – und seine Stimme schuf einen Raum um sich, der keine zweite hereinließ:
Das war so gefragt, daß es nichts anderes hieß als: Ich bin der Bauer, und sonst ist keiner da. Es war keine Theaterfrage, der Taxer spielte nichts vor, und mit der gleichen Sicherheit, die aus seiner Natur kam, fuhr er fort:
Und so lang ich da bin, wird nichts daraus, meine Herren. Er stieß den Stock auf den Boden. Das tät Ihnen so passen, mit dem Buben da fein stad zu verhandeln, der nicht versteht, was er tut. – Jörg! Er deutete ihm mit einem Ruck des Kopfes über die Achsel hin, daß man aufbrechen könne, die Verhandlung sei aus. Der Jörg zwirbelte an seinem winzigen Schnurrbart, der so blond war, daß man ihn kaum sah, und lächelte verlegen und zugleich schadenfroh. Ihm gefiel jede Szene und der Stolz des Bauern zuckte auch in ihm hoch, wenn er den Taxer mit den Stadtherren so umspringen sah. Er wird es halt anderswie deichseln. Der Taxer war schon beim Gehn; in der offenen Tür sagte er: Gute Nacht allseits! und sah sich nicht einmal um, so sicher wußte er, daß ihm der Jörg folgen werde. Dann fiel hinter beiden die Tür ins Schloß.
Der junge Chemiker hatte sich wieder über die Pläne gebeugt, was ging es ihn an? Der Graulodene aber gab von Zeit zu Zeit ein grinsendes Hm! von sich, wenn er den Forschen betrachtete, der im Zimmer hin und her schoß. Er blieb auch bei seinem Hm!, das dem andern an den Nerven riß, als dieser anfing, die Schuld an der Niederlage von sich abzuschieben:
Sie hätten auch öfter den Mund auftun können, Sie sitzen da und machen Hm! Das kann jeder. Es scheint Ihnen höchst gleichgültig zu sein, ob wir die Keusche kriegen oder nicht. Na ja, Sie reden doch sonst so gern mit den Lümmels, was hat Ihnen denn so ganz und gar die Rede verschlagen?
Wir müssen rein warten, bis der Alte stirbt oder der Junge aufhaust; der Taxer ist nicht herumzukriegen.
Aufhaust? Der Hof ist schuldenfrei und einer der schönsten, soviel ich sehe.
Der Junge ist nichts wert. Er wird ihn nicht lange mehr halten.
Damit gingen sie schlafen.
*
Erst ein paar Tage nach dem sonntäglichen Mittagessen in Brigittes Familie kam es Christian zum Bewußtsein, daß er nun so gut wie verlobt war. Man hatte ihn mit der Aufforderung entlassen, zweimal die Woche den Abend im Kreise der Familie zu verbringen, und er hatte zugesagt. Einerseits freute er sich, nun regelmäßig für ein paar Stunden mit Brigitte zusammenzusein, anderseits fürchtete er, es könnte noch öfters zu ähnlich peinlichen Szenen kommen wie an jenem Sonntag. Warum er aus den überaus klaren Einsichten, die ihm von Zeit zu Zeit blitzartig zuteil wurden, nicht die Folgerungen zog, sondern so weiterlebte, als hätte er sie gar nicht gehabt, wußte er selbst nicht. Und das war wohl der gefährlichste Mißstand in seinem inneren Haushalt. Er lebte nicht nach seinem Kopf; er ließ sich treiben, sprang nach einer Weile aus dem Strom, sah, wohin es ihn getragen hatte, und warf sich wieder in das blinde Element, daß es ihn fortnähme, ihn seinen eigenen nachstarrenden Blicken entführte. Für die meisten, mit denen er zu tun hatte, schien er wie aus lauter Widersprüchen zusammengesetzt. Fast alle spürten beim ersten Zusammentreffen mit ihm, daß etwas ihnen Fremdes in ihm hauste, vielleicht eine eigentümliche Freiheit von vielem, was sie selbst in bewährte Formen zwang, vielleicht ein übermäßiges Vertrauen in eine unsichtbare Hand, die ihn hielt; man konnte nicht recht dahinterkommen, was an ihm so fremd und anders war. Kam man öfter mit ihm zusammen, dann begann man ihn gern zu haben. Nicht zu lieben, aber gern zu haben. Man hatte das Gefühl, er lasse sich gar nicht lieben. Dieser passiven Hingabe war er nicht fähig; (er selbst sagte einmal zu Brigitte, es bedürfe der größeren Hingebung, sich lieben zu lassen, als zu lieben). Ein Winkel in ihm blieb undurchforschbar und doch ging gerade von diesem Winkel seine eigentliche Wirkung aus. Aber es war leicht, ihn gern zu haben: er hatte Einfälle im Gespräch, lachte viel, war vergeßlich für das Unangenehme, das man ihm zufügte, war lebhaft und nicht ungefällig, wenn man seine Dienste beanspruchte. Doch bekam man bald heraus, daß damit nicht viel mehr als die Oberfläche ertastet war. Brigitte hatte ihn wahrscheinlich am besten gekannt, Liebe macht sehend.
Im Dorf wurde es bald ruchbar, daß der Lehrer kein Wetter scheue, den Gang in die Nachbargemeinde zu tun, und man wußte auch bald, daß die Doktorstochter das Ziel war. Man fand die Verlobung völlig in der Ordnung, ja man freute sich darüber. Der Arzt war beliebt, der Lehrer auch, es würde eine fröhliche Hochzeit geben.
Beim Einwaller – es war nach dem Abendessen – saßen einige Frauensleute in der großen Stube beisammen. Man hatte in den meisten Häusern während des Krieges wieder angefangen, selbst das Leinen zu spinnen; auf einigen Höfen hatte man es dann wieder aufgegeben, beim Einwaller blieb man bei dem Brauch. Bäurinnen und Bauerntöchter kamen, wenn nichts anderes zu tun war, am Abend gern noch zur Einwallerin, die Spinnräder tanzten, die Worte flogen von den Lippen und spannen sich zu Geschichten, wie das Haar vom Rocken in die Finger floß und sich zu Garn drehte.
Valterers Marie war da, die Taxerin, die älteste Mesnerstochter, eine Bichlacher Dirn und die Schmiedlena. Die Spinnräder standen im Kreis mitten in der Stube; dem Ofen zunächst saß die Regina. Sie hatte sich so weit erholt, daß sie der Thoma gehn lassen konnte. Sie war beim Einwaller eingestanden; die Bäurin galt als besonders gute Seele und schonte die Genesende, so daß sie bald wieder zu Kräften kam.
Man sprach von den regelmäßigen Besuchen Christians im Doktorhaus und erwog Zukünftiges in Einzelheiten, die den Brautleuten selbst noch nie in den Sinn gekommen waren. Wo sie wohnen würden, wie hoch dem Doktor die Aussteuer zu stehen komme, an der schon fleißig genäht werde, ob die Trauung im Dorf oder auswärts stattfinde, und an jede Erwägung knüpfte sich ein rasches Hin und Her von Vorschlägen, jede Schwätzerin gab sich den Anschein, besser unterrichtet zu sein als alle übrigen, mit einem Wort, es war der fetteste Braten, den man Weibern am Spinnrad auftischen konnte.
Sie ist ein sauberes Mensch, sagte die Taxerin, und die Mesnerstochter fügte hinzu:
Er ist auch nicht übel.
Dann standen die Räder und die Mäuler wie auf einen Schlag still; Christian war in die Stube getreten.
Seit einigen Tagen war die Einwaller Hanni nicht mehr zur Schule gekommen. Sie liege krank, erzählten die Geschwister, und wenn ihr der Kopf heiß werde, rede sie immer wieder vom heiligen Nikolaus. Christian hatte am Tage nach seinem Rundgang als heiliger Bischof einem Ansturm von Berichten standzuhalten gehabt; die Kinder waren ihm schon vor Schulanfang entgegengelaufen, hatten ihn umdrängt und ihm von dem Besuch des Heiligen erzählt. Die kleine Einwaller Hanni war dabei am weitesten über die Wirklichkeit hinausgeraten, hatte gesehn, daß er gar nicht auf dem Stubenboden stand, sondern einen Schuh hoch darüber schwebte, und sie erzählte dies mit dem gleichen ehrfürchtigen Staunen in den Augen, mit dem sie ihm am Abend zuvor das Vaterunser vorgestammelt hatte. Und nun lag sie krank im Bett und sah noch immer den weißen Bart vor sich, von dem sie nicht wußte, daß er aus Watte war. Christian war gekommen, um die Kleine zu besuchen.
Als er in die Stube trat – sein Klopfen war überhört worden – und die Räder plötzlich und wie erschrocken stehenbleiben sah, mußte er merken, von wem die Rede ging, wenn man es auch vermieden hatte, Namen zu nennen. So sagte er – und er tat, als beziehe er den Ausspruch: Er ist auch nicht übel, nur in spaßhafter Eitelkeit auf sich:
Der Lehrer, gelt, Kathei? Und die Brigitte ist ein sauberes Mensch, das ist wahr, Taxerin, und guten Abend allseits, ich komme wegen der Hanni.
Die Einwallerin holte ein Glas und die Schnapsflasche aus dem Kasten und hieß ihn willkommen. Die Räder liefen wieder und da Christian gut gelaunt war, kam die Unterhaltung bald in Fluß. Nun hatte man den Gegenstand der Neugier vor der Nase und versuchte, durch spöttisches Gestichel das Neueste zu erfahren. Christian erzählte Dinge, die alle Erwartung übertrafen: Er setzte den Tag der Hochzeit fest, nannte die Zeugen, beschrieb das Brautkleid bis in die Familienverhältnisse der Firma, die es lieferte, erfand einen Prälaten, der eigens zur Trauung ins Dorf käme und log so lange und so unverschämt, bis die ganze Stube voll Weiber schimpfend und lachend über ihn herfiel.
Dann kamen zwei drei Burschen, wie es Brauch war, einer hatte eine Ziehharmonika mit, die Spinnräder wurden an die Wand gerückt und man tanzte.
Das war das Leben. Die Stube war heiß vom großen Ofen in der Ecke, von den gesunden Leibern unter den Röcken, die sich schwer und in großen Kreisen hoben, das Haar der Mädchen roch stark, das alte Getäfel strömte den Dunst vieler Geschlechter aus, die in seinem Geviert geatmet, gelacht, geschrien und geseufzt hatten. Droben, in der Kammer, lag ein fieberndes Kind – später, später! Bei ihren Eltern saß Brigitte und nähte – später, ein anderes Mal! Jetzt ist jetzt, hier ist nicht dort, so dreht man sich nur einmal im Leben um ein schönes Weib. Die hochmütig feine Marie tanzt so gut, auch ihre Mitte ist Weibes Mitte. Am Ofen die Regina, sie starrt dem Paar nach, ihre Augen glänzen, sie hört eine Geige, in ihrem Kopf ist nichts als Himmel und Jenseits; die beiden aber sind hier, sie stampfen den uralten Ländler, daß die Bodenbretter krachen, sie drehen sich um sich herum und jeder wieder um sich selber. Der letzte Takt hatte Christian und Marie in die Mitte der Stube getragen, und dort nahm er sie noch fester um die Mitte, daß sie einen kleinen leisen Schrei ausstieß, ließ ihre Hand los, bog ihr den freien Arm um die Schultern – der Kopf fiel ihr ein wenig zurück – und küßte sie vor allen Leuten auf den Mund; und ihr Mund tat sich unter dem seinen auf, langsam und widerstandslos, als wollte er vergehen.