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Die Burgl war in diesen Wochen voller Unruhe. Sie spürte es in allen zehn Fingerspitzen, daß der Jörg den Plan nicht aufgab, den Hof zu verkaufen; sein Schlitten flog öfter als früher das Tal hinaus und herein. Jedesmal kehrte er bei ihr zu, zwinkerte ihr ins erregte Gesicht, sprach halbe Worte und lachte – sie wurde nicht klug aus ihm. War der Gasper nicht da, dann hetzte er sie hinauf in ihre Kammer, am hellichten Tag, sperrte mit lautlosem Griff die Tür ab und sie fielen übereinander her, stumm, in fliegender Eile, mit blind losbrechender Leidenschaft.
Aber es war ihr nicht wohl dabei. Er weihte sie nicht ein in das, was er trieb.
Sie wollten heimlich das gleiche. Aber da gab es Hindernisse, über die sie beide nicht hinwegkamen. Gasper war auf der Hut und sie wußte, er scheute vor nichts zurück, er wollte das Seine ganz. Hundertmal hatte er, seit sie bei ihm im Haus war, aufs Heiraten hingedrängt, hundertmal war sie ihm mit immer neuen Ausflüchten entschlüpft.
Der Gasper war ganz anders als der Jörg. Beide wollten sie die Burgl zur Frau; aber jener war mit zäher Entschlossenheit bei der Sache, es war nun einmal die Aufgabe, an die er alle seine Umsicht, Schlauheit, Ausdauer wandte, er mußte sie bekommen, es lag ihm Tag und Nacht nichts anderes im Sinn. Die Liebschaft genügte ihm nicht, es gab in ihm bei allem Leichtsinn einen Zug zur Ordnung und Festigung, der sogar sein Treiben außerhalb der Gesetze beherrschte. Der Jörg dagegen ließ es gehn, wie es ging, es würde mit der Zeit schon richtig werden. Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, daß ihm etwas nicht gelingen sollte. Und so bangte der Gasper, bei dem die Burgl wohnte und arbeitete, mehr um sie als der Jörg, dem sie davongelaufen war.
Sie selbst wälzte aber Pläne in ihrem Kopf, die sie auch dem Jörg gegenüber verschwieg, und um so lieber verschwieg, als er sie ganz im unklaren ließ, ob er sie wirklich als Bäurin nach Straßpoint heimholen wollte oder nicht. Die Art dieser Pläne würfe freilich einen tiefen Schatten auf das Mädchen, bedächte man nicht, daß sie am Ende ihrer Geduld war, als sie sich nach solchen Auswegen umsah. Außerdem gehörte sie zu den Menschen, die das Leben in der erstem Stunde schon in die Mitte seines Strombettes gerissen hat, wo die Strömung höher und heftiger geht als an den Ufern. So trug es sie rascher dahin als andere, ihr Wille, sich oben zu halten, war stärker, und die Mittel, deren sie sich hiezu bediente, wirkten gewaltsamer. Es ist leichter, im Seichten die Ufer entlang zu treiben, in stillen Buchten zu rasten, nach mäßiger Reise ganz am Lande zu bleiben und vom Trocknen aus dem dröhnenden Geflute zuzusehn. Wer aber wie die Burgl in der Strommitte zu schwimmen hat – wir können uns den Platz nicht aussuchen –, dessen Bewegungen haben ein anderes Maß, seine Seele weiß, daß unter jeder Welle des Lebens der Tod ist, nicht der sichere Grund, und daß es unaufhaltsam der Mündung zu geht.
Sie wagte nicht, den Gasper einfach zu verlassen, wußte nicht, ob man sie auf Straßpoint empfinge, hatte am Jörg keine Hilfe, und so kam sie auf den Gedanken, sich des Gaspers zu entledigen. Als sie den Entschluß gefaßt hatte, stellte sich ihr der Zufall dienstfertig zur Verfügung.
*
Christian war nach dem Nachmittagsunterricht die Felder hinter Straßpoint hinaufgestiegen und auf gut ausgefahrenen Wegen in den Wald gekommen. Es war trüb und sah nach Schneefall oder Tauwetter aus.
Er hatte einen bösen Tag: er machte Bilanz. Es tat not, von Zeit zu Zeit mit äußerster Nüchternheit festzustellen, wieviel Kredit man sich selber noch zugestand. An solchen Tagen, da der Himmel reglos einer Änderung entgegenharrte, ging es am leichtesten, man teilte die trübsinnige Unbewegtheit mit ihm und ersehnte auch für sein Inneres Wetterumschlag.
Alles in allem hatte das neue Leben vielversprechend begonnen. Die Brücken waren gründlich abgebrochen, nichts mehr verband einen mit der Welt draußen. Hatte er das Dorf nicht doch ein wenig überschätzt? Nach drei Monaten Bekanntschaft durfte er das zugeben. Was schwärmerische Verehrer der bäuerlichen Welt in gemüterhebenden Bildern vom Leben auf dem Lande verkündeten, hatte er zwar nie ernst genommen, aber er war doch überrascht von der seelischen Ärmlichkeit der meisten Bauern. Die Halbwüchsigen fielen auf jede städtische Lockung hinein, die Alten erstickten im ewigen Gleichmaß ihrer schweren Arbeit, manche lebten so stumpfen Sinnes dahin wie ihr Vieh. Was man in Volkskunstsammlungen der Ursprünglichkeit und des sicheren Geschmacks wegen bewundert hatte, davon fand man im Dorf nichts vor oder nur in Überbleibseln, die der Bauer verständnislos oder gar verachtungsvoll beiseiteschob. Das Fabrikat beherrschte auch den Bauern und die Bäuerin. Der billige Massenanzug verdrängte den letzten Rest der Männertracht, die Frauen trugen wohl ihre kleinen Hüte mit den langen Bändern, aber wie lange noch? Das Grammophon ersetzte den besten Harfenschläger, der Hausrat, früher auf dem Hofe hergestellt und in seinen Formen klar, einfach, gediegen, kam nun aus der Stadt, war schmuckhafter Schund und verdarb den Geschmack. Viele junge Bauern drängten fort zur Eisenbahn, in Hotels, in Fabriken; das Überangebot an brauchbaren Städtern verhinderte eine stärkere Abwanderung des Nachwuchses. Die sogenannte Verwurzelung des Bauern mit der Scholle verlor bei schärferem Hinsehen ebenso an mythischem Gehalt wie das, was man Brauch und Vätersitte nannte.
Bei allen diesen Abzügen blieb noch viel, wozu man ja sagen konnte; unversehrt vor allem das Land selbst: Berg, Wald, Wiese, Herbst und Winter, die alten Höfe, das Kreuz an der Straße, der Friedhof um die Kirche. Darüber zu schweigen tat wohl – der Bauer schwieg und auch Christian lernte es. Und je mehr man darüber schwieg, desto mächtiger lebte es in einem. Es war der größte Posten in der Rechnung und wog eigentlich alles auf, was auf der Gegenseite stand.
Die Arbeit in der Schule: du bist vielleicht gar zu feuereifrig ins Zeug gegangen, du hast dir nichts Höheres denken können als die Kinder und ihr Wachstum, und daß du nun daran teilhättest. Aber taugst du eigentlich dazu? Manches spricht dafür, vieles dagegen. So viel steht fest: ein ganzes Menschenalter hältst du es nicht durch, vielleicht nicht einmal ein halbes, vielleicht nicht zwei Schuljahre lang. Was dann? Aber es kommt noch schlimmer.
Sehr schön, aus der Welt in die Bergeinöde zu flüchten, sehr verdienstvoll, sechzig Bauernkindern Rechnen, Schreiben und Lesen beizubringen, aber die Welt, aus der du geflohen bist, rollt weiter und du spürst es mit allen Fasern: sie rollt wieder auf dich zu, geradenwegs, immer schneller, und da gibt es kein Ausweichen. Sie ist die größere Masse als du selbst – mit achtundzwanzig Jahren wiegt man weniger als ein Nichts vor ihr – und die größere Masse zieht an.
Ach, was für Gedanken! Hundertmal hatte er sie fortgejagt und tausendmal kamen sie wieder: Du verkommst hier im Abseits, du versäumst, dich zu bewähren, dich zu beweisen, die Zeit braucht Männer, die ihr ins Gesicht schlagen, versteck dich nicht, verträum dich nicht im gar zu holden Idyll! Man antwortete: Überall braucht man uns, auch in der Dorfschule; aber es klang recht dünn und erbärmlich. Ja, hätte man es vermocht, diese Antwort laut und überzeugt zu geben, man wäre im Recht geblieben.
Und Brigitte? Christian war gestern abend bei ihr gewesen. Der Vater war nicht daheim, der stieg zu irgendeiner Bergbäurin hinauf, die in Kindsnöten lag. Er saß bei den zwei Frauen; sie hielten zwei Stunden lang ihre Köpfe über ein Stück Leinen gesenkt, an dem sie nähten. Es war immer unerträglicher geworden, mit Menschen zu sprechen, die ihr Gesicht nicht aufhoben; man sprach über ihre Köpfe weg Leeres ins Leere. Unten im Hausflur aber, im Halbdunkel, im Geflüster, im engen Aneinander, da war es wieder da, da strahlte es wieder auf und klang in Stimmen auf und nieder; die festen, trockenen Lippen, der reine Hauch, die kleine warme Hand.
Ein Schuß klatschte durch die Stille. Christian erschrak – er war ganz in der Nähe gefallen. Dann hörte er Geraschel und als er in der Richtung schaute, aus der es kam, sah er den Bock aus dem Unterholz brechen, daß ihn der Schnee in Brocken umflog; er tat noch einen Sprung in die Höhe, als wollte er fort von der Erde, die ihn schon rief, und stürzte zusammen.
Da lag er; ein guter Bock. Noch einmal stieß er die Läufe von sich, immer noch auf der Flucht, die länger dauerte als das Leben. Dann war er ruhig.
Der Gasper trat vorsichtig auf die Lichtung. Er nickte Christian zu und gab dem Tier den Fang. Dann reichte er Christian den schweißwarmen Bruch, an dem noch festgefrorener Schnee hing.
Weidmanns Heil, Gasper, Wilddieb, verdammter.
Weidmanns Dank, Lehrer! Die Böck sein für alle da. Und dem Alten ist es gleich, wer ihn kriegt; nur gut muß der Schuß sein, keiner mag lang leiden.
Er schleifte den Bock unter dichtes Gestrüpp.
Ich hol ihn in der Nacht. Gehn wir!
Er sah Christian von der Seite an, einige Male. Hält der den Mund? Aber er wagte nicht, darum zu bitten.
Auf dem Heimweg bekam er Gewißheit.
Ich hab's nicht gesehn, Gasper.
Das war die Hand, die der Zufall der Burgl reichte. Der Bock lag im Keller; sechs Tage lang sollte er in der Beize liegen, vom Freitag bis zum Mittwoch. Am Sonntag aber war das Jungfrauenfest. Und da begann der Bock zu stinken, daß es dem Gasper den Atem verhob. Da schlug die Burgl an – und der Gasper brach ins Gestrüpp und stürzte hin.
Das Jungfrauenfest hatte zwei Teile, einen kirchlichen und einen weltlichen. Der kirchliche bestand in einem feierlichen Hochamt, zu dem der Pfarrer den Kooperator der Nachbargemeinde, einen jungen, fröhlichen Geistlichen, als Assistenten zu laden pflegte. In den vordersten Bänken der Kirche, die rotsamtene Decken erhielten, kniete der Jungfrauenbund, an seiner Spitze die Präfektin. Seit Jahren hatte die Valterer Marie die Ehrenstelle inne. Man sah ihr den vierten Monat nicht an, sie mochte unbehindert weiter präsidieren. Jörgs Schwester trug die neue Fahne – der Straßpointer hatte den zweitgrößten Beitrag gestiftet; es war eine weiße Seidenstandarte, die auf der einen Seite das Bildnis der Unbefleckten, auf der andern den Namen des Vereins zeigte, beides von Liliengirlanden und goldenen Zierlinien umrahmt. Die Fahne hatte viel Geld gekostet und sollte heute geweiht werden. Als sie gestern mit der Post ins Pfarrhaus kam, war die Marie beim Auspacken zugegen, desgleichen ihr Vater als Bürgermeister und ausgiebigster Spender. Die Pfarrhäuserin hatte das Tuch entrollt und war in einen Taumel des Entzückens geraten. Der Pfarrer, aus dessen Kopf der Grundgedanke des Entwurfs entsprungen war, lächelte, was er selten tat, und tastete, so zärtlich er konnte, über die schwere Stickerei hin. Gegen die zweihundert Jahre alten Prozessionsfahnen gehalten war diese Standarte freilich ein pompöser Schund im Stil der Heiligenstatuetten aus rosarotem Glas. Es sollte sich zeigen, daß das ganze Dorf sich nichts Schöneres denken konnte; man sprach noch lange von der schimmernden Pracht.
Während der Messe zog sie aller Augen auf sich. Die Festpredigt handelte von dem Glück jungfräulicher Unberührtheit, der Pfarrer mußte sie einem Vademekum für Jungfrauen entnommen haben, Eigenbau war das nicht. Die Blumenfülle seiner Sätze, die himmelblauen Worte paßten nicht zu seiner geraden Art, zu schimpfen oder zu schweigen.
Christian zählte vom Chor aus die mutmaßlichen Jungfrauen ab; er ließ bei weitherziger Zählung ein Drittel der Vereinsmitglieder gelten. Was dachten sich wohl die andern unter ihren weiß wächsernen Myrtenkränzen bei dem Lobgesang auf die Keuschheit? Sicher waren sie erbaut und in diesem Augenblick so unschuldig wie die Regina. Es gab auch für Bauerndirnen verschiedene Ebenen des Seins; heute hatten sie ihr Fest und alles war in schönstem Einklang. Die Nächte, da sie die Kammerfenster auftaten, wenn es klopfte, waren weit fort, gehörten nicht hierher. Heute war es weiß und golden im Kirchenschiff und man glitt unter makellosen Segeln ins Himmelblaue. Man durfte nur nichts durcheinanderbringen.
Nachmittag fand die weltliche Feier statt. Die große Stube beim Wirt war bis in den letzten Winkel voller Festgäste. Schon vor Beginn der Feierlichkeit deckte eine Wolke von Tabakrauch die Versammlung zu. Der Raum war überheizt, Christian meinte zu ersticken, als er eintrat. Die Festordnung sah eine Rede des geladenen Kooperators vor, darauf sollten Lieder folgen, die ein gemischtes Quartett der Kirchensänger vorzutragen hatte, dann kam die Verlosung eines Glückstopfes an die Reihe und zuletzt, wenn sich die Alten verzogen hätten, mochte getanzt werden.
Die Jungfrauen saßen zusammen an einem langen Tisch, sie taten wichtig – waren sie doch die Gefeierten –, kicherten und schnatterten, nippten an ihren Gläsern und konnten nicht stillhalten auf ihren Stühlen.
Die Festrede bezog sich auf die Anschaffung der Fahne, enthielt den Dank der Vereinsleitung an alle Spender von Beiträgen und einen Hymnus auf die Jungfräulichkeit.
Die Burschen rückten auf den Bänken ungeduldig hin und her; es war ihnen heiß und sie hielten nicht viel von der poetischen Verklärung ihrer Liebsten, die sie besser zu kennen glaubten als der Festredner. Der Wast ließ sich sogar hinreißen, dem Gasper halblaut zuzuflüstern, der Straßpointer Burgl wäre ein richtiges Leintuch lieber als der bestickte Seidenfetzen; man lachte, prustete, stieß sich mit den Ellenbogen, und der Redner, der befürchtete, die Unruhe könnte um sich greifen, eilte dem Ende zu.
Man klatschte, daß es die Rauchschwaden in Fetzen riß. –
Christian saß neben Brigitte und ihrer Mutter. Die Familie hatte eine gedruckte Einladung erhalten. Er war bester Laune und steckte auch Brigitte an. Die Mutter aber schien zu verschmachten in dem dicken heißen Qualm, die Augen brannten ihr, und das Geschwätz der Försterin, die mit ihr ins Dorf heraufgekommen war, vermochte sie nicht zu trösten.
Nach einer reichlichen Pause, in der die Burgl mit leeren und überschäumenden Biergläsern aus und ein ging, die Unterhaltung der Leute zum Lärm anschwoll und der Gasper verzweifelt nach den Noten suchte, gruppierte sich das Quartett auf einem niedrigen Podium. Nach einem mißglückten Versuch mit des Schäfers Sonntagslied gingen die vier zu volkstümlicheren Weisen über und kamen mit bestem Erfolg zu Ende.
Der Glückstopf bot die Möglichkeit, aus der Stube zu gehn. Es begann ein fröhliches Hinaus und Herein, schon traten die älteren Bauern mit ihren Weibern den Heimweg an, man machte die Fenster auf und ließ frische Luft herein, der Gasper stimmte die Harfe und der Taxer Hannes langte die Ziehharmonika vom Kasten herab.
Aber nicht in der Stube sollte getanzt werden, sondern im geräumigen Hausflur droben im ersten Stock. Die beiden begaben sich mit ihren Instrumenten hinauf und bald folgten die ersten Paare. Das Auf- und Abgehn erfüllte nun das ganze Haus mit dem Trubel des Festes. Die Stubentür blieb offen, die Tänzer kamen mit glühenden Gesichtern die Stiege herab und setzten sich für eine kurze Pause zum Wein.
Christian bat Brigitte, mit ihm zu tanzen. Die beiden Frauen neben ihnen waren nun doch ins Gespräch gekommen, man konnte sie ruhig sich selbst überlassen.
Droben ging es hoch her. Nun erst feierten die Jungfrauen wahrhaft ihr Fest. Sie flogen in die Arme ihrer Liebsten, lagen mit geschlossenen Augen an ihrer Brust und drehten sich in feierlichem Ernst nach der Musik, die ihnen vertrauter war als des Schäfers Sonntagslied. Die Burschen stampften und johlten, sobald sie die zwei Takte des Ländlers allein waren; hielten sie aber die Tänzerin im Arm, dann waren auch ihre Gesichter voll eines anmutigen Ernstes und sie schlossen die Augen, daß es aussah, als glitten Traumwandelnde aneinander vorbei. Das gab dem Tanz eine fast kultische Feierlichkeit und ließ ihn zur lustigen Musik doppelt anmutig wirken.
Brigitte tanzte leichter, aber wacher als die Bauerntöchter; auch Christian vermochte nicht, sich zu verlieren, und er neidete im stillen den Burschen ihre traumnahe Entrücktheit. Eine Ahnung davon durchfuhr ihn, als er mit der Marie den ersten Walzer drehte. Hatte er sie nicht vor drei Tagen geküßt? Oder war es doch Brigitte gewesen, nur in anderer Gestalt? Sie gab wie damals dem Druck seines Armes nach, er dachte an ihren Mund, der sich unter dem seinen geöffnet hatte, es war betäubend schön gewesen.
Er tanzte noch öfter mit ihr, wenn Brigitte vom Straßpointer oder von einem der beiden Schmiedbuben aufgefordert wurde. Der Wein begann ihn zu erhitzen, er vergaß, wenn er tanzte, daß er eine Braut da habe; jede, die er in die Arme nahm, war ein Weib. Ja, es war jedesmal das Weib, nur einmal dunkel, einmal hell, einmal schwer, einmal leicht, die Gesichter flossen ineinander zu einem einzigen Antlitz, das mit geschlossenen Lidern und einem willigen Mund vor seinen Blicken schwamm, ein Wesen, seinem eigenen Blut entsproßt, von der Musik getragen, lockender als Marie oder Brigitte oder sonst eine, denn es war betörend jede zugleich.
Er hatte noch nie so getanzt. Immer weiter entglitt er sich selbst in einen Bereich des Lebens, den er nicht kannte, dorthin, wo die Schalen der Vereinzelung zerbrachen und eins ins andere hinüberströmte, gesichtlos, magischen Befehlen gehorsam, nur mehr willig, nichts mehr wollend. Er sah, daß Brigitte außerhalb des feurigen Kreises stand, der die Söhne und Töchter der Sippen zu einer Gemeinschaft zusammenschmolz, zu der es auch für ihn keinen Zutritt gab. Sie schaute ihm verwundert zu, wie er so tanzte, und wenn er sie im Arm hatte, sträubte sich etwas in ihr gegen die Art, wie er sie hielt, gegen sein zerlöstes Gesicht, seinen verschwimmenden Blick.
Auf einem leeren Bierfaß saß der Hannes und spielte auf. Er tanzte nicht gern. Und da war eine, die sah so aus, daß er hätte aufstehn und sie hinaustragen mögen; er mit seinen starken, schweren Armen hätte sie spielend gehoben, sie wäre ein Kind geworden an seiner mächtigen Brust. Er ließ kein Auge von ihr, er spielte nur für sie. Nein, sie gehörte nicht hierher, es schmerzte ihn, sie unter dem Zugriff trunkner Burschen ganz fein erzittern zu sehn, er verstand, ohne nachzudenken, den Blick, mit dem sie Christian nachsah, wenn er an ihr vorbeidrehte. Er spielte wie im Halbschlaf; ihre Zartheit zu behüten, den feinen Leib hinauszutragen und mit Brigitte übers verschneite Land zu gehn, das in blauer Dämmerung lag, sie an der Hand zu führen, wenn der Weg zum Taxerhof eisig wird, und ihr alles zu zeigen, was er liebte: das große Haus mit dem braunen Söller, das schöne Vieh im Stall, die beiden Pferde, von denen eines ihm gehörte, die stille, feierlich stille Stube, in die der Berg hereinsah, ganz weiß im Dunkel – oh, wenn sie mitkommen wollte, sonst brauchte er nichts mehr, solang er lebte.
Brigitte saß in der Stube drunten; die Mutter wollte heim, sie warteten auf Christian. Sie hatte ihn im Tanzsaal nicht mehr gesehn und wußte nicht, wo er umging. Es war dunkel geworden, das Licht brannte, die meisten waren aufgebrochen. Der Förster saß beim jungen Geistlichen, der die Rede gehalten hatte, der alte Taxer leistete ihnen Gesellschaft. Er wartete auf den Hannes, der immer noch spielte; man hörte die Musik herab und das Gestampf der Tänzer.
Brigitte war müde. Warum kam er nicht endlich, hatte er noch immer nicht genug? Sie schaute unverwandt nach der offenen Tür, draußen im Flur gingen die Paare auf und ab, er war nicht zu sehn. Zweimal sah sie droben nach, sie fand ihn nicht. Die Mutter drängte, aber Brigitte wollte nicht fort, ohne ihm gute Nacht zu sagen, sie hoffte auch, er würde mitkommen. Sie hörte kaum zu, wenn die Försterin mit ihr sprach. Wo war er? Er hatte mehr mit der Marie getanzt als mit sonst einer; wie war das? Nein, das war Unsinn. Es stieg ihr heiß in die Augen.
Sie warteten. Brigitte glaubte zu vergehn vor Ungeduld und niedergehaltener Erregung. Aber nun wollte sie nicht nachgeben. Sie schickte den Schmied nach Straßpoint, vielleicht war er nach Hause, ja, er solle kommen, man warte hier auf ihn.
Aber er war nicht daheim. Da brachen sie auf.
Im Hausgang begegnete ihnen der Gendarm. Er war aus der Küche gekommen; im Türspalt verschwand das Gesicht der Burgl. Der Gendarm ging die Stiege hinauf; alles sah ihm nach. Dann verstummte droben die Musik, man hörte die Paare stehnbleiben. Bald darauf kam der Gasper herab, ein verzerrtes Lächeln im blassen Gesicht, hinter ihm der Gendarm, nachdrängend alle, die noch droben gewesen waren.
Der Gasper bat, man möge ihm den Hut aus der Stube holen. Der Hausgang war jetzt voller Leute; sie bildeten eine Gasse. Der Gendarm führte den Wilddieb ab.
Draußen im Stall stand der feine Renner des Straßpointers, im Hof der leichte Schlitten. Als niemand mehr da war, ging die Burgl auf ihre Kammer, packte ihren Rucksack, setzte das goldglitzernde Hütchen auf, nahm den städtischen Schirm aus dem Kasten und lief hinab in den Hof. Da spannte der Jörg eben ein. Er hob sie auf den kleinen Sitz hinauf, stellte sich selbst breitgrätschend hinter sie auf die Kufen, schnalzte und fuhr heim.
*
Brigitte nähte. Sie schlang ihren Namen in ein Taschentuch. Die Mutter war schlafen gegangen. Der Vater saß an der andern Ecke des Tisches und las.
Von Zeit zu Zeit mußte sie innehalten in der Arbeit – auf einmal standen ihr die Augen voll Wasser, dann sah sie gradaus vor sich hin, die Tränen traten wieder zurück, sie beugte sich über die Nadel und zog Stich um Stich. Zwei-, dreimal starrte sie so durch den glasklaren Schleier ins Licht, aber dann tranken die Augen das heiße Wasser nicht mehr, sie gingen über von ihm, sie schütteten es heraus, erst tropfenweis, dann immer heftiger, es rann ihr über die Wangen und auf einmal war sie ihm nicht mehr gewachsen, sie warf sich über den Tisch in ihre Arme und schluchzte; haltlos wie ein Kind, die Schultern zuckten ihr, sie ließ es geschehn, es tat wohl.
Der Vater sah auf. Er hatte sie seit Jahren nicht mehr weinen gesehn. Da vergrub sie nun ihren Kopf in die Arme und schluchzte; wie ein Schulmädchen sah sie aus, im Nacken noch soviel Kindliches, im Übergang zu den Schultern soviel Zartheit. Er liebte sie und konnte es ihr nie sagen. Aber er war gewiß, sie wußte es; sonst hätte sie wohl vor ihm nicht so geweint. Er stand auf und ging zu ihr; immer wieder strich er ihr das Haar von der Stirn zum Scheitel zurück und sagte kein Wort dazu.
Sie wurde ruhiger.
Da läutete es. Es war Christian. Der Vater führte ihn herauf. Er trat auf Brigitte zu, die aufgestanden war:
Du hast geweint, Brigitte?
Er küßte ihre Augen, oftmals, behutsam; sie waren noch naß, er spürte es warm und salzig auf den Lippen.
Sie machte sich los und lächelte verwirrt.
Er entschuldigte sich, daß er sie beim Wirt so lange hatte warten lassen, er fragte nach der Mutter; dann versuchte er zu erklären, warum sie ihn nicht finden konnte. Er erzählte weitschweifig und mehr überredend als überzeugend. Man mußte fühlen, es lag ihm daran, daß man ihm Wort für Wort glaubte, er setzte sich so ungemein dafür ein. Schließlich merkte er selbst, daß er gar zu eifrig erklärte, und schwieg.
Als der Vater für eine Weile aus dem Zimmer ging und Christian am Fenster stand und hinaussah – es lag dicke, schwarze Nacht fast greifbar um das Haus –, war plötzlich Brigitte hinter ihm und zog ihn mit beiden Armen heftig an sich. Es war das erstemal, daß sie so nach seinem Mund verlangte, sie sah nicht auf, sie drängte ihr Gesicht an das seine und dann küßte sie ihn, schweratmend und wie von Sinnen.
Sie saßen mit dem Vater noch eine Stunde beisammen. Aber es kam kein Gespräch zustande; wenn sie sich anschauten, sahen sie, daß sie allein und nackt waren. Sie fühlten, nun trugen zwei Ströme sie einander zu, das dunkle Ziehen und langsame Dahintreiben war stärker als sie, und der Raum, der sie noch trennte, schwand mählich hinweg; es scholl von dumpfen Schlägen in ihnen. Sie hörten den Vater wohl sprechen, aber seine Stimme verging hinter einem Schleier von Gebrause; sie sahen ihn seine Zigarre rauchen, aber ihre Blicke kehrten immer schneller und für länger ineinander zurück, sie tauchten ganz ineinander ein, und es war den beiden, als hielten sie sich auf dem Grund der Augen schon umklammert, mit Organen, die ihnen vorausgeeilt waren, während sie reglos voreinander saßen.
Christian bat, daß er noch ein wenig bleiben dürfe; der Vater gab ihm zum Abschied die Hand und sah ihn so an, daß ihm Christian mit dem Blicke auswich; er fühlte, da mahnte einer, der ein Recht dazu hatte; aber es war zu spät.
Sie hörten den Vater in sein Schlafzimmer hinaufgehn.
Sie wollten sprechen, aber ihre Stimmen erschraken vor sich selbst, sie bebten. Ihr Atem ging laut und erstickte in Küssen. Ihre Hände waren sehend geworden und erkannten plötzlich den andern; die Ströme, die sie trugen, mündeten; es hob sie in einer einzigen Welle empor. Dann gingen sie unter.
Die Einwallermutter hatte die kranke Hanni aus der unheizbaren Kammer in die warme Stube herunter gebettet und der Bauer steckte jedesmal, bevor er eintrat, die Pfeife in die Rocktasche, damit nicht der Rauch das Kind zum Husten reize. Erst in der zweiten Woche holte er den Arzt; bis dahin hatte die Bäurin selbst gedoktert. Es war eine Lungenentzündung, die mühsam, aber dann um so heftiger hervorgebrochen war.
Das Kind fieberte hoch, die Krise mußte da sein, eine schwere Nacht stand bevor. Die Geschwister saßen plappernd um den großen Tisch herum, von Zeit zu Zeit von der Bäurin angehalten, leiser zu sein; dann flüsterten sie eine Weile, aber lange hielten sie es nicht durch. In ihre Gespräche, die sich um Dinge des nüchternsten Alltags drehten, tönten bisweilen die Fieberworte der Kranken, und das war, als legte sich ein Traumnetz über die handfeste Wirklichkeit und ließe ihre Umrisse schleierig verschwimmen. Der Vater saß auf der Ofenbank und blickte mit reglosem Gesicht zur Kranken hinüber.
Sie war die Jüngste. Sie durfte auf seinen Schultern reiten, wenn er aufs Feld ging, sie durfte ihn an den Ohren ziehn und wist und hott zu ihm sagen und machte sie brrr, dann stand er, langte mit den schweren Händen nach der winzigen Reiterin, warf sie in die Höhe und fing sie lachend auf; die straffen Zöpfe flogen ihr dabei ums Gesicht und sie kreischte vor Entzücken.
Die Mutter saß neben ihr und strickte. Immer wieder hielt sie inne, ließ die Hände in den Schoß fallen und sah dem Kind ins glühende Gesicht. Es hatte ihr nie Sorgen gemacht; eine halbe Stunde nach dem Einsetzen der ersten Wehe war es ihr aus dem Schoß geschlüpft, rosig, sauber, wie frisch gewaschen. Nach drei Tagen schon hatte sie aufstehn können. Sie nahm mit einem tiefen Seufzer das Strickzeug wieder auf und trocknete mit dem Schürzenzipfel ihre Augen.
Sie hatte vor einer halben Stunde nach dem Pfarrer geschickt; er mußte jeden Augenblick kommen. Auf einem kleinen, weiß gedeckten Tisch standen zwei Kerzen und ein schwarzsilbernes Kreuz.
Plötzlich richtete sich das Kind auf, faltete die heißen Händchen, tat die Augen beschwörend auf und flüsterte:
Lieber, heiliger Nikolaus, komm doch auch in unser Haus – schütt uns Nüss' und Äpfel aus! –
Die Geschwister kamen zum Bett herüber und hoben neugierig die Köpfe, sie kannten den alten Vers. Die Mutter beugte sich über die Kleine, die lautlos die Lippen bewegte; der Vater blieb sitzen und schloß seine schweren Hände zitternd zu Fäusten. Es würgte ihm den Hals zu.
Die Hanni blickte über die Kinder hinweg, als sähe sie ihn kommen. Sie hob die gefalteten Hände bis an die Lippen. Ja, nun kam er. Seine weiße Mütze strahlte unter der Stubendecke, sein heiliges Kleid floß ihm golden von den Schultern; in der linken Hand trug er den gebogenen Stab, die rechte hielt er segnend erhoben. Er schwebte einen Schuh hoch über dem Boden. Jetzt war er ganz nah. Ihre Augen wurden rund vor heiligem Staunen; ihre Wangen flammten dunkelrot. Er beugte sein Gesicht zu ihr, sein Bart leuchtete schneeweiß; nun flüsterte sie wieder, daß es alle hören konnten:
Vater unser – der du bist – in dem Himmel – also auch auf Erden – geheiliget werde dein Name – zukomme uns dein Reich – gib uns heute –
Der weiße Bart wird größer und größer, es ist eine weiße Wolke, in die sie taucht, ja, nun hebt sich das Bett und schwebt hinauf, immer höher, immer schneller, ringsum ist blendendes Weiß, dann wird es dunkler und dunkler, sie fährt wie im Sturm dahin, in saugenden Kreisen dreht es sie aufwärts und wieder turmtief hinab, es braust um sie und plötzlich wird alles ganz schwarz, sie fällt und fällt … sausend fällt sie ins Finstre.
Der Kopf sank aufs Kissen zurück und die ältere Schwester, die gesehn hatte, wie sich das Weiße in den Augen der Kleinen nach oben drehte, schrie auf. Die Mutter riß das Kind aus dem Bett, da fiel ihm der Kopf hintenüber wie einer zerbrochenen Puppe.
Als der Pfarrer kam, lag es friedlich da, ganz weiß im Gesicht, lieblich anzusehn, aber um Stirn und Augen den großen Ernst der Toten. Die Kerzen brannten, die Kinder knieten mit Vater und Mutter um das Bett und beteten laut den schmerzensreichen Rosenkranz. Der Vater betete vor. Seine Stimme trug die jungen Stimmen wie auf einem breiten Rücken; die Mutter schluchzte, die Schwester weinte wimmernd vor sich hin; die Buben hielten mit dem Vater durch.
Zwei Tage später, es war noch gar nicht recht hell, trugen sie den kleinen Sarg zur Kirche hinauf. Da war ein tiefes schwarzes Loch im überschneiten Friedhof und zwei Bretter lagen quer darüber. Die Schulkinder waren schon da, und in einem schwarzen Mantel der Lehrer – er sah ganz fremd aus. Der Eder Georg trug das Kreuz. Der Pfarrer betete lateinisch und zuletzt las er aus einem Buch den Abschied heraus, deutsch, als sollte ihn die kleine Hanni auch ordentlich verstehn.
Christian stand vor den Schulbänken und sprach von der Toten. Er erinnerte die Kinder an Aussprüche, die sie getan hatte und die oft so drollig gewesen waren, daß die ganze Klasse gelacht hatte. Er stellte noch einmal ihr liebliches Bildnis in ihre Mitte, mit so deutlichen Worten, daß sie es alle sehen konnten. Die größeren fingen zu weinen an, und um sie zu trösten, sagte er, sie sollten zur Erinnerung an die Einwaller Hanni heute schulfrei haben.
Als er, ehe er sie entließ, noch einmal die Bankreihen hinuntersah, geschah ihm etwas Seltsames. Die Gesichter vor ihm verwandelten sich und wurden in raschen Übergängen zwanzig-, vierzig-, siebzigjährig; sie verlängerten sich, trieben das Knochengerüst heraus, furchten und runzelten sich; die Nasen wurden lang und ernsthaft, die Stirnen hart und leidend; Gesichter von Müttern, auf denen Geburten und Todesstunden vermerkt waren, Gesichter von Holzknechten, Ackerbauern, Viehhütern, in die sich Winter und Sommer mit Frost und Glut hineingebrannt hatten, Gesichter wie aus Erde und braunem Fels; dann verblich das Haar, die Wangen sanken ein, die Schläfen wurden schmal und – Christian fühlte es kommen, er wehrte sich dagegen und schloß für einen Moment die Augen, aber nun sah er es hinter den Lidern nur noch deutlicher – sie hielten nicht inne im Verfall, die Augen, das Schönste, was es gab auf dieser Welt, fielen in ihre Gruben zurück, die Wangen wurden hohl und schwanden endlich ganz, die Münder klafften und zeigten grausig lachend die gelben Zähne, Totenkopf reihte sich an Totenkopf, eine ganze Schulstube voll.
Sie polterten die Stiege hinab; er blieb allein zurück. Da übermannte es ihn mit einemmal, er ließ sich aufs Pult fallen, barg das Gesicht in den Armen und weinte.
Da lag nun die leere Schulstube in einem trüben Licht, das zögernd durch die viel zu kleinen Fenster kam, noch klang das Geklapper und Getrippel der Kleinen herauf, aber immer schwächer und ferner, bis auch der letzte Schritt in der winterlichen Stille ertrank – und hinter einem einfachen Holzgestell saß ein junger Mensch, verbarg sich vor sich selbst und weinte.
Draußen, unendlich weit draußen, ging das Leben geschäftig seinen Gang, unerbittlich wie ein Uhrwerk.
Hier saß einer und weinte. Nicht allein, weil man ein Kind begraben hatte, nicht bloß, weil er, als es krank war, nicht zu ihm gegangen war, obwohl es ihn darum gebeten hatte – er hatte getanzt, und droben in der Kammer lag es und dachte, jetzt und jetzt wird er kommen; nicht bloß, weil in einer zarten Tiefe des Gewissens ein Einspruch gegen sein letztes Zusammensein mit dem geliebten Mädchen, der jungfräulichen Braut aufstand; sondern über alles dies zusammen und über sich selbst und darüber hinaus noch über das Leben und Sterben weinte er. Darüber, daß das Leben verging und dennoch immer da war, so wie die Welle eines Flusses an einem vorbeirinnt – auf Niemehrwiedersehn –, aber der Fluß ist immer da, seit tausend Jahren und noch tausend Jahre dazu.
Mit achtundzwanzig Jahren kann einer wohl weinen über diese Welt, ohne sich zu schämen; er ist noch kein Mann und ist kein Kind mehr, er ist im schmerzhaften Übergang vom einen zum andern. Noch meint er, alles geschehe nur einmal und die Angst übermannt ihn, er könnte es versäumen; er steht nicht im Leben und so fließt es an ihm vorbei; er hat noch keine Kinder gezeugt und kein Werk getan.
Als Christian Schritte hörte, riß er sich zusammen und wollte gehn; da stand in der Tür der Pfarrer. Er kam zur Religionsstunde.
Ich habe die Kinder nach dem Begräbnis heimgehen lassen.
Sie hatten beide einen schlechten Tag: der Pfarrer war verärgert, weil er dem Taxer auf eine heimliche Korrespondenz mit dem Bischof gekommen war; Christian fand aus dem Abseits seiner Trauer in den Bereich seiner Pflichten nicht mehr zurück. Er hörte kaum hin, als ihm nun der Pfarrer die Eigenmächtigkeit verwies, mit der er den Tag schulfrei gegeben hatte. War es überhaupt der Mühe wert, darauf zu erwidern? Er sah an dem Mann vorbei auf den Dorfplatz hinab. Wie von ungefähr warf er hie und da ein Wort in das lehrhafte Geschimpfe, das nicht aufhören wollte; dann sagte er brüsk:
Ich bin der Leiter der Schule, nicht Sie!
Damit ging er. Noch immer war die unfaßbare Trauer in ihm und zugleich ein krampfhafter Wille, etwas zu tun. Aber etwas, das den ganzen Weltplan mit einem Schlag umwürfe, etwas Ungeheures, Entscheidendes. Doch sein Inneres war leer, so leer wie eine Kammer, aus der man ein Totes heraustrug.
Der Pfarrer sah ihn über den Dorfplatz gehn und sagte halblaut vor sich hin: Na, wart, Bürschl!
*
Auf dem Weg nach Straßpoint traf Christian den alten Thoma und – alles andere hätte er erwartet – Brigitte. Die zwei schienen sich gut zu kennen, Brigitte ging plaudernd und lachend neben dem Alten her. Als Christian sie von weitem grüßte, errötete sie. Sie hatte ihn seit jenem Abend nicht wiedergesehn; er hatte sich gestern entschuldigen lassen – und ihr war es lieb gewesen, daß er nicht kam.
Ach, jener Abend! Wie lange war das her? Vier Tage erst; ihr schienen vier Wochen vergangen zu sein. Wenn sie daran dachte, wie alles der Reihe nach gekommen war, begriff sie sich selbst nicht. Zuerst das Tanzen: immer fremder war ihr der Mensch geworden, der sie an sich zog, immer unbegreiflicher der Blick, mit dem er sie ansah, schamlos nahe und dennoch der Blick eines völlig Unbekannten; daheim dann war es so über sie gekommen, daß sie nicht mehr anders konnte und hemmungslos weinte. Sie tat sich noch immer leid, weil sie umsonst gewartet hatte, und durch die Tränen hindurch sah sie ihn mit der Marie tanzen, ganz so hingerissen, als tanzte er mit ihr, vielleicht noch um eine Hemmung gelockerter. Als er dann am Fenster stand und in die Nacht hinausstarrte, als suchte er draußen die andere, da jagte es sie zu ihm hin, sie wußte nicht, was, sie wollte es gar nicht, aber es kam sie plötzlich herzzerreißend die Lust an, ihn allen andern fortzunehmen. Da war ihr Stolz zerbrochen und sie duldete es, daß er sie nahm. Dann hatte sie sich ins Bett verkrochen wie ein gezüchtigtes Kind, erschreckt von der glücklosen Heimlichkeit ihres Tuns, unbefriedigt in der Ratlosigkeit ihres jungfräulichen Körpers und tief beschämt von dem Gefühl, daß auch Selbsterbarmen dabeigewesen war.
Sie waren beide befangen, als sie sich nun grüßten, sie sahen sich mit Augen an, die den verfrühten Abend fortzuleugnen versuchten; sie wußten beide, daß sie einander noch viel zu wenig vertraut waren, um sich ganz haben zu dürfen. Sie hatten das körperliche Einssein vorweggenommen, ehe die Seelen dazu bereit waren. Und dann – hatten sie es nicht so heimlich getan wie Halbwüchsige auf dem Heustock?
Christian erzählte, daß sie ein Schulkind begraben hätten. Der Thoma stand dabei, als wäre er taub, aber sein Blick wog die beiden mit uralt geeichtem Gewicht; sie waren für ihn ein Stück Leben aus der schweren Fülle seines eigenen, er kannte jede Strecke des Weges, den Liebende gehn. So durfte er, als er mit Brigitte wieder allein war, zu ihr sagen:
Gib Obacht, Brigitte, der ist nicht ganz der Rechte für dich.
Und in diesem Augenblick wußte sie, daß es so war. Aber als sie sich umwandte und Christian in das Haus des Einwallers verschwinden sah, flog ihm ihr Herz wieder nach – um seine Schultern, seinen Schritt war eine solche Einsamkeit, daß sie ihm hätte nachlaufen mögen, um ganz bei ihm zu bleiben.
*
Christian hatte die kurze Begegnung dazu benutzt, Brigitte zu einer Skitour am nächsten schulfreien Donnerstag aufzufordern, und sie hatte zugesagt. Sie sollten zum erstenmal einen ganzen Tag zusammen allein sein. Er freute sich in fiebriger Ungeduld darauf und sah hundertmal nach dem Wetter. Lange konnte die wolkenlose Herrlichkeit nicht mehr dauern, es hatten sich an den letzten Abenden hohe silberne Streifen im Westen gezeigt. Auch am Mittwoch standen sie draußen, aber nachdem sie gegen Abend ergraut waren, vergingen sie, und es blieb klar und kalt.
Nach dem Abendessen holte Christian die Skier in die Stube herab, um sie zu wachsen. Die Straßpointer Leute standen lachend um ihn herum, während er das Wachs auftrug und mit dem Handballen glättete. Es freute ihn, in Hemdärmeln unter ihnen zu sein und eine Arbeit zu tun, von der sie nichts verstanden. Er liebte den Geruch des Wachses, seine Schmiegsamkeit, die Glätte des Holzes, den Geruch der Riemen, das leise Klirren der Bindung. Er fuhr die leicht und schön geschweiften Bretter entlang und fühlte plötzlich eine heiße Zärtlichkeit für Brigitte. Da war alles schön, weil es zweckvoll war, das schnelle, ungehemmte Dahingleiten war Form geworden, es gab nichts Einfacheres und zugleich Vollkommeneres als diese beiden Bretter. Er geriet in Eifer, als er den Leuten den Sinn jeder Einzelheit erklärte: Die Rinne, die Führung gab; den durchs Holz gezogenen Riemen, der den Fuß zugleich nach vorne und nach unten zog, den Strammer, der festigte, ohne zu fesseln, und in der Gefahr des Sturzes aufsprang, um den Knöchel zu entlasten – da herrschte ein klares Zusammenspiel aller Teile, und wie der Sinn dieses Dinges verkörpert war, das gab einen überzeugenden Begriff von Schönheit. Wieder spürte er Zärtlichkeit für Brigitte, als er das gewachste Paar nun mit schmalen glänzenden Laufflächen und leicht zurückgebogenen Spitzen am Ofen lehnen sah. Dann legte er die Bretter für eine Weile in den Schnee hinaus, damit das Wachs sich härte. Und da überkam ihn wieder – wie so oft – das Gefühl eigener Unzulänglichkeit, das schmerzliche Bewußtsein seines geistigen und leiblichen Durcheinanders.
Die Sterne rauchten vor Frost und die Kälte drang ihm klirrend ins Gebein; ein Schwall von Gefühl durchströmte ihn: die Stille der Winternacht im Gebirge, Zärtlichkeit, die keinen Ausweg wußte, Einsamkeit, die zu nichts taugte; was sollte er mit dem Übermaß an Empfindungen, wenn aus ihnen kein Entschluß, keine Tat, kein Werk aufwuchs; wenn er niemandem, ja, wenn er nicht einmal sich selber sagen konnte, was ihn so mächtig bewegte? Wozu gab es ihn, wenn er nichts anderes war als eine bebende Membran, die nur zitterte und nicht klang? Er lehnte an der Haustür und sah ins Gebirge hinüber, das mit weichen Scheinen im Dunkel leuchtete. Morgen würde er mit der Geliebten dort drüben ansteigen und gegen Abend die waldlosen Hänge herabfahren – das Herz klopfte ihm vor Erwartung, er dankte dem Leben, daß es ihm diesen Tag schenken würde, und ging in der gleichen Unruhe schlafen, die ihn als Knaben erfüllt hatte, wenn eine Reise bevorstand.
Der Taxer hatte dem Bischof geschrieben und auch Antwort erhalten. Sein heimlicher Krieg mit dem Pfarrer stand vor der Entscheidung. Es war in den letzten Wochen deutlich geworden, daß der Pfarrer immer rascher an Boden verlor. Dann geschahen Dinge, die für das gebräuchliche Verhalten von Bauern dem geistlichen Hirten gegenüber unerhört waren; sie bewiesen, daß nun ein einheitlicher Wille das Dorf beherrschte: der Pfarrer muß weg.
Es war richtig, er hatte in der Erfüllung seiner Pflichten nachgelassen, die Andachten am Sonntagnachmittag mußte mitunter der Mesner halten; doch hätte man ihm das nicht übelgenommen, er war ein alter Mann. Wenn auch seine Wilderei verstimmte – die er übrigens viel bescheidener betrieb als vor Jahren – auch sie hätte noch nichts gemacht. Der völlige Umschwung gegen ihn kam dorther, woher er am wenigsten zu erwarten war.
Man hatte den Arzt in ihm immer höher geschätzt als den Seelsorger, hatte es ihm nie übel angekreidet, wenn ihm ein Fall mißlang, und nun war es gerade seine Kurpfuscherei, die ihm das Genick zu brechen drohte.
Angefangen hatte es damit, daß übermütige Burschen herumerzählten, sie hätten vom Söller des Pfarrhauses aus, auf dem sie sich versteckt hätten, dem Pfarrer beim Ordinieren zugeschaut und Dinge gesehn, die seine Art, Frauensleute zu untersuchen, in ein zweideutiges Licht rückten. Es läßt sich nicht entscheiden, wieweit dieses Gerede wahre Tatbestände enthielt, sicher ist nur, daß man es in fast allen Häusern grinsend oder entrüstet glaubte. Einige Zeit darauf feierte der Pfarrer seinen Namenstag; und da zeigte es sich zum erstenmal, wie sehr er sich allen Respekt verscherzt hatte.
Die Häuserin hatte am Abend zuvor einen Kranz aus Tannenzweigen um den Bogen der Haustür gezogen und papierene Rosen, die sie selber zu drehen verstand, zwischen die Nadeln gesteckt. Als der Pfarrer am nächsten Tag das Haus verließ, schlug ihm greulicher Gestank entgegen. Der Taxkranz war in der Nacht herabgenommen, in einen Kübel voll Jauche getunkt und sorgfältig wieder befestigt worden. Es konnte nicht lange her sein, der Kranz troff noch, obwohl es kalt war, scheußliche Streifen waren auf beiden Seiten der Tür an der weißen Wand bis zum Boden gerieselt, die Rosen hingen in Fetzen herab und stanken erbärmlich. Der Pfarrer starrte eine Weile auf die Bescherung, dann kehrte er tobend um, schaffte der Häuserin an, Ordnung zu machen, schimpfte mit ihr, als hätte sie die Schweinerei auf dem Gewissen, nahm Mantel, Stock und Hut und schlug die Tür hinter sich zu. Er hatte gleich gemerkt, daß tropfenweis Spuren zum Pfarrhaus führten; denen stapfte er nach. Sie zogen sich durchs ganze Dorf und auf die andere Talseite hinüber. Manchmal verloren sie sich auf ein kurzes Stück oder wechselten die Seite des Wegs; jedesmal, wenn sie der Pfarrer wieder fand, freute er sich, und es war fast die Freude des Jägers, zu der sich seine Wut allmählich wandelte. Sie führten das letzte Stück schnurgerade zum Valterer.
Der Wast! schoß es dem Pfarrer durch den Kopf und er lächelte beinahe glücklich in sich hinein; nun hatte er ihn, und das war den weiten Weg in aller Frühe wohl wert. Er kehrte um und ging ins Nachbardorf zum Gendarmerieposten.
Als er nach dem Gottesdienst und dem festlichen Frühstück, an dem auch der Wachtmeister als seltsamer Festgast teilgenommen hatte, mit ihm wieder taleinwärts stapfte, ließ er vorsichtig ein Wort nach dem andern fallen: Die Regina – ja, es sei wohl ein Kreuz mit dem Geschöpf – seit sie krank war, sei sie noch sonderbarer geworden – nein, aus dem Thoma bringe man nichts heraus – man erzähle sich im Dorf, er hätte den Valterer Wast neulich zwischen die Fäuste bekommen und arg zugerichtet – o ja, zutrauen könne man dem Wast alles mögliche, sein Appetit auf das andere Geschlecht sei wahllos und unverwüstlich – man munkle –
Dem Wachtmeister machte das alles keinen Spaß. Das gab nur Schreibereien und mühsame Einvernahmen, endlose Protokolle und Dienstgänge zum Tatort, noch dazu im Winter, lauter Mehrbeschäftigung ohne die geringste Entschädigung. Er machte daher den Pfarrer auf Schwierigkeiten aufmerksam, die solchen Fällen eigentümlich seien, und wies auf die ungesunde Sensation hin, die eine Verhaftung des Wast und eine Vorladung der sonderbaren Frauensperson vor Gericht in der ganzen Gegend hervorrufen würde.
Wir beide, Hochwürden, sind doch eher dazu da, dem Dorf die Ruhe zu bewahren, vorausgesetzt natürlich, daß es sich mit der Stimme unseres Gewissens und der beeideten Dienstpflicht vereinbaren läßt.
Der Pfarrer merkte an dem aufgeblasenen Amtsdeutsch, daß der Postenführer nicht anbeißen wollte; aber er wagte nicht, heftiger in ihn zu dringen, er brauchte ihn heute für sein eigenes Anliegen.
Sie trafen den Wast daheim. Er stand vor dem Stall und war gerade dabei, einem falben Haflinger eine Wunde an der Kruppe mit Lysol zu waschen – er verstand ein wenig von der Viehdoktorei. Er war in Hemdärmeln und hatte auch die noch über die Ellbogen zurückgekrempelt; seine nassen Hände rauchten in der Kälte. Seine Arme, noch braun vom Sommer her, waren wie aus Muskeln geflochten, und wenn er sie regte, spielte unter ihrer Haut das nackte Leben. Der Wachtmeister sah schon von weitem, wie schön und geölt es über diese Arme lief; ihm gefiel der Wast, und er sah auch sein Gesicht gerne, dieses blutreiche, knallgesunde Gesicht mit den langgezogenen Augen, deren sinnlich üppiger Schnitt sich in den Lippen wiederholte; er konnte verstehn, daß die Weiber dem Burschen auf den ersten Anhieb verfielen. Was hätte es für einen Sinn, das Dunkle und Schwüle, das er trieb, vor einem Gerichtshof auseinanderzukramen?
Der Wast grüßte laut und freundlich. Völlig unbefangen, schien dem Wachtmeister. War der Wast der Täter, dann spielte er den Unbeteiligten meisterhaft. Den Pfarrer jedoch brachte solches Unschuldigtun außer sich. Er fuhr auf den Burschen los: Ob ihm denn jedes Gefühl für Scham und Anstand verlorengegangen sei. Und jetzt noch so zu tun, als wäre man diesen Augenblick vom Himmel gefallen, flaumweiß an Leib und Seele! Wo doch die Spuren deutlich genug zur Quelle aller dreckigen Gemeinheit führten, mit der man heutigentags einen Geistlichen traktiere.
Aber, weiß der Teufel, war es der Wast wirklich nicht gewesen oder wollte er seiner Schandtat erst dadurch die Krone aufsetzen, daß er sie sich vom Leidtragenden höchstpersönlich wiedergeben ließ – in den Farben der Wut, in denen sie sich noch wirkungsvoller ausnahm, in den drastischen Konturen des pfarrerlichen Geschimpfes, in denen sie zum zweitenmal handgreiflich und mit derber Deutlichkeit ruchbar wurde – er fragte nach jeder Einzelheit, tat entrüstet und übertrieb doch die Entrüstung mit keiner Silbe, er unterdrückte sein Gelächter nicht allzu krampfhaft, ließ es aber auch nicht mit der vollen Schadenfreude aus sich herausfahren, mit der er zuinnerst dieses Namenstagsfest des Herrn Pfarrers genoß.
Dieser aber, durch die Haltung des Valterer schon ein wenig verwirrt, war mit einem Schlag mundtot gemacht, als der Wast ihn mit dem ungläubigsten Staunen im Gesicht fragte, ob es denn Hochwürden für möglich halte, daß einer, der solchen Unfug vorhätte, sich der eigenen Jauchengrube und des eigenen Geschirrs bediente, die ihn doch verraten müßten. Liege es da nicht näher, einen Unbeteiligten in Verdacht zu bringen und die beschmierten Hände in Unschuld zu waschen? So verräterische Dinge hole man gescheiter beim Nachbarn oder von noch weiter her, und er, der Wast, halte die Spuren, die zu seinem Hof führten, geradezu für den schlagendsten Beweis seiner Unschuld.
Der reinste Advokat, stellte der Wachtmeister im stillen fest. Der ist imstand und beweist mir, daß ihn die Regina vergewaltigt hat, und er nahm sich vor, die Hände von ihm zu lassen. Der Pfarrer war sprachlos. Er verstand nicht einmal gleich, worum es eigentlich ging, so unerwartet war ihm die Rede gekommen, die der Wast im freundlichsten Tonfall der Welt gehalten hatte. Freilich, der Schlaue sah schließlich die Beweisführung des Schlaueren ein, aber dann verfinsterte der Zorn darüber, daß er der Geprellte war, sein Gesicht. Der Triumph des spurenklugen Jägers war verfrüht gewesen; er stieß den Stock ein paarmal auf den Boden, daß kleine Eisbrocken aufspritzten, und schrie mit hoher Stimme, die sich vor Erregung überschlug:
Ich komm schon noch drauf, Wast, wer die Sau gewesen ist. Aber das sag ich dir, dein hohles Gerede nützt dir ein zweites Mal nichts, wenn es um gewichtigere Sachen geht.
Er sah, der Wast hatte ihn verstanden – eine kurze rote Flamme war ihm vom Nacken her übers Gesicht geflogen. Er wandte sich dem Gaul zu und die beiden andern gingen.
*
Die Geschichte fand im Dorf und auch talauswärts viele Lacher, wenn auch nicht verschwiegen werden darf, daß auf manchen Höfen die Ehrfurcht vor der geweihten Person des Priesters noch groß genug war, um Spott und Schadenfreude zurückzudrängen. Aber auch in diesen Häusern schwenkte man vom Seelsorger ab, als sich der Tod des Christoph Koidl herumsprach, und die Umstände, unter denen er eingetreten war.
Der Koidl war ein Bruder der Einwallerin und hatte eine Zimmermannswerkstatt im Dorf. Er war vom Krieg her ein kranker Mann und sah mit seinen vierzig Jahren aus wie fünfzig. Er wollte es nicht wahrhaben, daß ihn Krieg und Gefangenschaft verkrüppelt und zerbrochen hatten, er wollte volle Arbeit tun wie früher und sich nicht anmerken lassen, wie schwer er sie tat. Solche Männer gab es landauf, landab in jedem Tal mehr als genug. Sie hatten schon an der Front unter dem Gefühl gelitten, ihre Arbeit und damit ihre eigentlichste Pflicht zu versäumen; als sie zurückkamen, gehörten sie zu jenen, die vom Kriege schwiegen; sie machten sich über ihre Arbeit her, als wollten sie die vier Jahre einholen, und waren doch kaum imstande, auch nur Schritt zu halten mit den Jungen. Aber sie ließen die Einsprüche ihres herzschwachen und gliedersüchtigen, verwundeten oder gasvergifteten Körpers nicht gelten, sondern schufteten schweigsam und verbissen vor sich hin.
Der Koidl war ein allseits geachteter Mann; die Leute begegneten ihm mit jenem freundlichen Ernst, den sie an ihm selbst liebten und über den sie sogleich verfügten, wenn sie bei dem Manne stehenblieben. Seit zwei, drei Jahren litt er an einer Magenerkrankung, die ihn rasch herunterbrachte; er sah blaß und eingefallen aus, ging vornüber gebeugt und konnte seiner Arbeit nur nachkommen, indem er auf sich nicht die kleinste Rücksicht mehr nahm. Sicher war auch diese Erkrankung ein Andenken an den Krieg. Und ihr wäre beizukommen gewesen – wenigstens behauptete das der Vater Brigittes, und er gab es später auch zu Protokoll –, wenn der Koidl sich nicht mit Haut und Haar dem Pfuschertum des Pfarrers ausgeliefert hätte. Das war der Fall, den der Taxer gebraucht hatte, um die Entscheidung herauszufordern.
Der Koidl starb drei Wochen vor Weihnachten, an einem sonnenhellen, schneeblanken Vormittag. Das war von Bedeutung; denn wenn er seinen Tod während der Nacht oder bei stürmischem Wetter erlitten hätte, wäre er wahrscheinlich unbemerkt geblieben. So aber drang das Geschrei des sterbenden Mannes, der mit einem bis zum Ende zunehmenden Eigensinn es seiner Frau verwehrte, den Arzt zu holen, durch die geschlossenen Fenster auf die Dorfstraße heraus und zwang jeden, der vorbeiging, stehenzubleiben, so grauenvoll fuhr es einem ins Mark. Drinnen lag der Koidl, krümmte sich bald über das Feuer, das in seinem Innern wütete, streckte sich bald mit einem Schrei ins Kissen zurück, wo ihn die Hände der Theres erwarteten, um sich ihm auf die schweißkalte Stirn zu legen.
Es waren keine Kinder gekommen und so hatten die beiden nur einander und hatten sich inniger, seit der Krieg den Christoph wieder freigegeben hatte. Mit der Gefangenschaft waren es fünfeinhalb Jahre geworden, für eine kinderlose Ehe eine lange Prüfungszeit; die Theres hatte sie gut bestanden. Und als er dann endlich wiederkam und sie ihm ansah, wieviel Manneskraft er draußengelassen hatte, ging alles Muttertum, das in den Jahren des Wartens sich mächtig und fast schmerzhaft in ihr gestaut hatte, in stillen warmen Strömen über ihn nieder. So hatten sie ein paar Jahre miteinander gehabt, und die waren voller Sorgen gewesen; aber sie hätten Gott gedankt, wenn es so geblieben wäre. Nun betrog sie der Tod noch um das Vier- und Fünffache der Zeit, um die sie der Krieg betrogen hatte.
Der Pfarrer war nicht mehr schuld an dem Unglück als der Koidl selber. Freilich, er als der Gesunde von den beiden hätte müssen den kühleren Kopf behalten und hätte vorübergehenden Besserungen nicht trauen dürfen; denn so viel verstand er doch, daß die immer wiederkehrenden Anfälle jedesmal ärger wurden. Der Koidl wollte um keinen Preis zum Arzt – eine richtige Ahnung sagte ihm, daß es ohne Messer nicht abginge; – er scheute sich ängstlich, wie fast alle Bauern, vor dem Werkzeug des Chirurgen und stützte seine Weigerung, sich auch nur untersuchen zu lassen, auf angeblich böse Erfahrungen, die er im Krieg mit Ärzten gemacht habe.
Auf einmal war es zu spät. Der Pfarrer hatte in den letzten Wochen seine gewöhnliche Medizin, die auch einem Sterbenden nicht geschadet hätte, mit einem andern Mittel vertauscht, einem Pulver, das er selbst nur auf ärztliche Verschreibung hin bekommen konnte; damit hatte er sich auf gefährliches Gebiet begeben. Reste dieses Pulvers waren noch da, als der Arzt zum Toten kam, und es war ein unglückseliger Zufall, daß Brigittes Vater vor dem Pfarrer erschienen war, den man gleichfalls aus dem Nachbardorf erst holen mußte.
Der Taxer, in dessen Hand sich alles, was den Pfarrer anging, zum Netz verknüpfte, das ihn fangen sollte, hatte augenblicklich um den Arzt geschickt, und so starrten die Leute, die nach den Schreien des Sterbenden lauschten, zugleich erwartungsvoll zum Hohlweg hinunter, aus dem der Pfarrer und der Arzt kommen mußten. Als dann – einige Minuten später als der Doktor – der Pfarrer auftauchte, begannen die meisten, sich nach der andern Seite hin zu entfernen; das war Schonung und Kränkung in einem. Bald nachdem der Pfarrer im Sterbehaus verschwunden war, erfuhr man vom Tod des Koidl. Man erzählte später, Brigittes Vater habe den Pfarrer noch am Totenbett scharf angefaßt und ihm mit der Anzeige bei Gericht gedroht. Man erzählte aber auch, der Arzt habe über das Pulver, das ihm die Theres übergab, nur gelächelt und dem Pfarrer höflich Platz gemacht, damit er über den Toten die üblichen Sterbegebete sprechen konnte.
Die Leute aber machten wenig Umstände, sie fragten nicht mehr nach der Wahrheit. Ihnen verband sich in der Vorstellung mit dem dokternden Pfarrer das ungewöhnliche Schreien eines erwachsenen Mannes, das so nackt und wund aus dem Schmerz aufgefahren war und selber weh tat, und als sie dann gar von dem Wort des Arztes erfuhren, der erklärt hatte, der Koidl wäre zu retten gewesen, da gab es nur mehr die eine Meinung talaus, talein: der Pfarrer hat den Zimmermann mit einem weißen Pulver umgebracht.
Als es so weit war, griff der Taxer zu. Er schrieb an die fürsterzbischöfliche Kanzlei und erhielt vor einigen Tagen Bescheid, man werde die Sache untersuchen. Wenn er verstanden hätte, was eine solche Antwort in der Kanzleisprache bedeutet, hätte er sich damit nicht zufrieden gegeben.
Christian saß in der Straßpointer Stube beim Frühstück. Er sah es draußen langsam Tag werden. Der Bodennebel, der noch vor einer Viertelstunde tiefgrau und dicht im Astwerk des Angers gehangen war, geriet in fließende Bewegung, zerlöste sich steigend wie silberner Rauch, und in dem Maße, als er verging, leuchtete über dem Talgrund, den die Kälte blaugrau füllte, in zartem Rosa der Berg auf. An der Spitze begann er zu erglühen, aber dann war es, als sei das rote Licht imstande, seine verschneiten Wände wie Glas zu durchdringen: ein riesiger Kristall, der sich von oben bis unten langsam mit dem wunderbaren Schein füllte. Aus dem Rosa wurde, je weiter es herabglühte, ein immer helleres, kälteres Gold. Christian wußte, in einer halben Stunde würde es sich bis in das bläuliche Weiß ernüchtert haben, die wahre Farbe des großen Wintertags.
Die Lederschlaufe eines Skistocks flog einige Male ans Fenster, und als Christian mit dem Finger Antwort klopfte, rief Brigitte guten Morgen herauf.
Die Burgl sah ihnen nach. Es war ihr unbegreiflich, daß man bei solcher Kälte aus freien Stücken einen ganzen Tag im Berg herumsteigen sollte, wo es so fein war, in Hausschuhen aus der geheizten Küche in die geheizte Stube zu schlürfen. Um die Schönheiten der Welt zu sehn, dazu waren doch die Fenster da.
Da das Dorf weder im Sommer noch im Winter Gäste aus der Stadt zu sehn bekam, war auch das Skilaufen nahezu unbekannt, obwohl es sonst im ganzen Lande längst auch von den Bauernburschen betrieben wurde. Die meisten hier hätten so gedacht wie die Burgl, wenn sie die beiden mit Rucksäcken, Skiern und Stöcken rasch durch den Wald hinansteigen hätten sehen können; sie hätten von dem, was in den beiden vorging, nichts begriffen. Über Christian und Brigitte war gleich, als sie die zusammengeschnallten Bretter über die Schulter warfen, der Rausch gekommen und er verließ sie nicht mehr, bis sie beim Dunkelwerden festgefrorne Schneeklumpen von den Eisenteilen der Bindung schlugen.
Alles an diesem Tag war einmalig und unvergeßlich. Und wenn sie auch Liebende waren, das unnennbar reine Glück dieses Tages, der schwerer wog als manche Woche, mancher Monat, kam ganz aus der Natur.
Als sie aus der verschatteten Bergfalte, in die von links und rechts der Wald hereinschlug, zum erstenmal ins Freie und damit in die volle Sonne traten, warf Christian Skier und Stöcke in den Schnee, nahm Brigitte in die Arme und küßte sie wie ein Verrückter, so überwältigend hatte ihn der Anprall des Lichtes getroffen. Ihre Haut war kalt und dennoch atmend vor Lebendigkeit, es war rauschhaft, den Durst an dieser Haut zu löschen, aus deren winterklarer Kühle ein rötlicher Hauch von Gesundheit kam. Die Skitracht machte Brigitte noch schlanker und wandte ihr herbes Mädchentum ins Knabenhafte; so daß sie Christian wie ein jüngerer, zarterer Bergkamerad im Arm lehnte; er war entzückt davon, daß sie ihn auf diese Weise vergessen machte, wie hemmungslos er sie einmal entblößt und – ihm fiel kein anderes Wort ein – ausgeraubt hatte. Ja, wie sie so in der lautersten Sonne mit bubenhaft gespreizten Beinen vor ihm stand und das leicht gebräunte Gesicht mit seinem schmalen, fast männlich bestimmten Profil gegen das strahlende Blau hielt, hatte er die Empfindung, sie sei wieder unberührt wie im Herbst, und da liebte er sie wieder so, wie er sie im Herbst geliebt hatte: hoch stand sie über ihm und war das Reine, Lichte, Schneeige, das seine oft verschatteten Sinne brauchten.
Sie setzten sich auf die Bretter und schälten Orangen. Als Christian fertig war, sagte er:
Ich weiß nicht, Brigitte, wieweit du mich eigentlich kennst; aber nun will ich dir dabei vorwärtshelfen, sieh her!
Und er steckte die ganze geschälte Frucht in den Mund, schloß die Lippen und biß mit allen Zähnen zugleich in das saftspritzende Fleisch. Brigitte lachte und begriff nicht, wie die faustgroße Frucht in einem Menschenmunde Platz haben konnte, aber sie hätte es auch nie so gemacht, wenn es ihr möglich gewesen wäre. Er hatte die Augen geschlossen, um es mit aller Andacht zu genießen, wie der kalte, sauersüße Saft beim ersten Biß an alle Wände der Mundhöhle schoß und wie mit einem einzigen Schwall den Durst stillte. Als er fertig war, spuckte er ein paar Kerne vor sich hin und sagte voll Dankbarkeit:
So möchte ich eigentlich in alles hineinbeißen, am liebsten in die ganze Erdkugel, damit alles zugleich einen Augenblick lang zu schmecken wäre, durstlöschend für immer, und wenn man daran erstickte. Wir naschen alle viel zu zögernd an der wunderbaren Frucht, deshalb schmeckt und bekommt sie uns nicht. Wir zerstückeln unseren Durst und weil das gegen die Natur des Durstes geht, wird uns nie das erlösende Gefühl, uns wirklich satt getrunken zu haben.
Brigitte wußte wohl, daß vom Leben oder der Welt, also höchst allgemeinen Dingen die Rede war; um so mehr reizte es sie, dort zu widersprechen, wo sich aus tatsächlicher Erfahrung widersprechen ließ: ihr schmecke die Orange am besten, wenn sie sie in Spalten teile, aus denen sie ja auch zusammengesetzt sei, und die schön der Reihe nach esse. Der Genuß möge kleiner sein, aber sie habe ihn dafür öfter und in bequemerer Form. Das Ganze dauere jedenfalls länger, wie er sehe. Damit steckte sie eine schöne Spalte in den Mund – noch lange nicht die letzte – biß ein Stück ab und ließ den größeren Teil ihm. Er verstand, ein wenig beschämt. Doch war er glücklich, daß sie so anders war als er.
Dann schnallten sie die Skier an, nachdem sie die Felle aufgezogen hatten. Christian spurte. Er dachte an nichts als an den Schnee und seine Spur, ringsum war blendendes Weiß, seine Blicke ertranken darin. Arme und Beine bewegten sich im Takt, das Gleichmaß berauschte ihn. Die Stunde, die jetzt war, hatte keine Hintergründe mehr, das Gewesene und das Künftige waren in sie hineingestürzt, es gab nur mehr das Jetzt und das war erfüllt von Licht, Stille und Bewegung – Christian fühlte, es war ganz erfüllt von ihm, er war dieses Jetzt.
Brigitte folgte in immer gleichem Abstand. Sie führte bei sich das Gespräch fort: mit einem einzigen Biß will er genug haben, es schmeckt ihm nur so. Sie versuchte sich vorzustellen, mit Christian verheiratet zu sein, fünf Jahre, zehn Jahre, vielleicht vierzig Jahre – nein, es gelang ihr nicht, es gelang nicht einmal für ein Jahr. Sie sah ihn neben sich, in einer hübschen Wohnung – er hatte davon gesprochen, jedenfalls in die Stadt zurückzukehren –, aber plötzlich war er fort, als wäre er unter ihrem Blick zergangen. Nun sehnte sie sich nach ihm, und nach tränenvollem Warten sah sie ihn wiederkommen, aber auch diesmal blieb er nicht lange. Sie konnte zu keinem Ende kommen mit ihm. Solche Bilder gingen, eins nach dem andern, durch sie hindurch, keines blieb. Sie spürte einen seltsamen Reiz dabei, so wach von ihm zu träumen, während er nicht mehr als sieben Schritte vor ihr ging. Sie träumte durchweg Trauriges und lächelte doch dazu: sie konnte nicht glauben, daß es überhaupt zur Ehe mit ihm kommen sollte. Wie liebte sie ihn eigentlich? Als er vorhin bei der Rast so sprach, gefiel er ihr sehr, sie mochte ihn gern, wenn er redete – sie liebte die Worte, die er verwendete, die Bilder, die er gebrauchte, die Empfindungen, die er so deutlich zu machen verstand – aber ihn selbst, ihn sozusagen als Gegenstand, den man sich aneignet, als Leib und Summe von Gewohnheiten, empfand sie fremdartig und sah trotz der Vertraulichkeiten, die sie manchmal duldete, keinen Weg, ihm vertrauter zu werden.
Mittags standen sie droben – Gipfel konnte man den breiten Rücken nicht nennen. Nach Süden zog eine flache, windstille Mulde hinab, sie brauchten nur zehn Schritt zu gehn und waren in regloser, sonndurchwärmter Luft. Es blieb trotzdem winterlich kalt; vor Weihnachten gab es die betäubende Bergsonne nicht. Auch der Farbe nach war es frühwinterlich: der lockere Pulverschnee strahlte das Licht flaumigweich zurück, die Schatten leuchteten hellblau und überaus zart, auch der Himmel hatte noch nicht das trunkne Dunkelblau der Sonnentage im März, er schimmerte heller, feuchter, man war geneigt zu sagen, jungfräulicher.
Ein Stück weit sahen sie die Spuren, die sie in flachen Kehren heraufgezogen hatten, zwei tiefe Geleise, eng beisammen und wie zu einer Naht gesteppt von den regelmäßigen Löchern der Schneeteller ihrer Stöcke. Aus diesen Löchern blühte das Licht in den schwebendsten Farben. Der Sonne zu standen fern die Eisgipfel, im Licht des Mittags zu zwei Tönen, Weiß und Milchblau, entkörperlicht, das höchste Bogenstück des Horizonts, der die beiden mit Zacken und Kämmen umkreiste, daß sie zum Mittelpunkt der Landschaft wurden. Wenn sie sprachen, war es der einzige Laut, der in dem riesigen Umkreis erklang; die kleinen Silberwolken ihrer Atemzüge waren das einzige, was sich vor ihren Blicken regte. Die Welt war in lautlose Starre gebunden, verschneit und vereist, soweit man sah, und dennoch in keinem Stücke tot, das Licht lebte über ihr.
Er habe den Winter am liebsten, begann nun Christian, er sei die beste Zeit des Jahres. Das Land bis in den letzten Winkel aufgehellt und geklärt, Reinheit herrsche in jedem Sinne, Sauberkeit, Heiterkeit. Das Licht sei doppelt so hell als das übrige Jahr, und doppelt so rein. Ein Tag wie heute: da drehe sich das Herz in der Brust wie ein Kristall, der weiße Glanz schieße in sieben Flammen aus allen seinen Flächen, es drehe sich langsam vor Entzücken und sei auf eine heilig nüchterne Art trunken von Licht. Die Schläfen badeten in eiskalter Sonne und würden davon wach wie sonst nie; er könne sich nichts Besseres denken als die äußerste Klarheit des Bewußtseins über einem Herzen, das sich vor Entzücken um sich selber dreht.
Er schlang ihr den Arm um die Schulter und wollte sie küssen. Da bat sie:
Sprich weiter!
Ich liebe dich, Brigitte. Heute kann ich es dir zum erstenmal sagen, heute kann ich alles sagen, was ich will. Mir ist zumute, als müßte man durch mich hindurchsehen können. Es ist kein Winkel mehr in mir, in dem es nicht so hell ist wie da draußen. Ein freudiges Licht geht durch alle meine Zellen. Daß du da bist, Liebe, das leuchtet in allen meinen Zellen. Du gleichst ganz einem solchen Wintertag – das wollte ich dir längst schon sagen. Und deswegen liebe ich dich am meisten. Ich weiß, daß ich dir fremd bin.
Sie saßen nebeneinander. Christian redete in einen ungeheuren Raum hinein, er spürte, Höhe und Weite hoben und dehnten ihn, der Raum der Landschaft, den er von oben übersah, war zugleich Raum in ihm.
Er sprach von ihr. Was er sagte, hob sie heraus aus der Kleinheit ihres bürgerlichen Daheims, er verglich sie in vielen Vergleichen diesem weißen Tag, er machte sie zu einem Element gleich dem Licht, dem Schnee, dem Blau des Winters. Es war, als sähe er sie draußen stehn – in gleicher Höhe mit dem Gipfel –, aber draußen im bodenlosen Glanz des Raums.
Es war nicht mehr das Mädchen, das neben ihm saß. Sie fühlte, er liebte eine andere als sie, eine Brigitte, die sie nicht mehr war. Und eine Weile liebte auch sie die Erscheinung, die aus seinen Worten entstand, und war eine Weile bereit, sich in sie zu verwandeln. Aber dann kam ein Augenblick, in dem er zurück mußte zu der Braut neben sich, in dem ihm die Verschmelzung der beiden hätte gelingen sollen. Er schwieg und sah Brigitte an. Ihre Augen waren klar wie Wasser des Berges, durchsichtig wie Eis. Von ihrem Gesicht kam wieder der warme Hauch des Lebens, ihr Haar duftete, ihre kleine Brust pulste in seiner Hand. Er tat die Augen zu und spürte das Fließen des Blutes, aus dem Herzen durch den Arm in alle fünf Finger, hinüber in ihre Brust, und doppelt süß kam es zurück in die gewölbte Hand – ein ununterbrochenes Strömen von ihm zu ihr, von ihr zu ihm. Sie lächelten beide. Eine Minute lang hielt der Tod inne und das Leben war schwer von sich selbst, und selig von solcher Schwere.
Danach war es unendlich schwierig, in die Welt der Worte zurückzufinden, die zugleich die Welt der beiden diesseits der Verzauberung war. Denn weder ihm noch ihr gelang es, den unirdischen Zustand des Glückes so auszusprechen, daß er dadurch irdisch, menschlich, gleichsam bewohnbar wurde. Christian litt unter dem Mangel an Kraft, sein Empfinden ganz zu verdeutlichen. Er fürchtete, Brigitte könnte das Glück, das er in diesem Augenblick erlebte, für kleiner ansehen, als es war, sie könnte vielleicht nicht spüren, wie ihn Sonne, Schnee und ihre eigene zärtliche Gegenwart zu ersticken drohten, aber als er zum ersten Wort ansetzte, erwies sich das Unfaßbare als wahrhaftig nicht faßbar, und die Zärtlichkeiten, in die sich sein verstummter Mund flüchtete, erschienen ihm wie eine Irreführung, da er doch ganz anderes mitteilen wollte als seinen Durst nach der Geliebten. Er war auch darin noch kein Mann; ihn riß das Entzücken so über sich selbst hinaus, daß ihn der Boden, auf den er zurückkehren mußte, wie ein Abgrund an Schwermut empfing; er hielt dem Glück nicht stand, wie er keiner Stunde standhielt, die sich ihm stellte – er war stets in eiliger Bewegung auf seine wahre Mitte zu, ohne jemals anzukommen. Erst der Mann lebt von seiner Mitte her.
Brigitte war begeistert. Sie liebte dieses Wort, das in ihrem Mund etwas überschwenglich Jungenhaftes annahm; es erinnerte an die letzten Schuljahre, in denen man von allerlei »rasend begeistert« war. Seit jenem Abend, an dem sie sich vergessen hatte, ohne die Lust bis in den innersten Kern zu kosten, war sie scheuer geworden und verwehrte ihm allzu kühne Liebkosungen. Sie hatte die letzten Riegel der Scham nicht zurückgeschoben, sie saßen eher fester, seit sie sich hingegeben hatte. Denn sie konnte jenen Abend nicht gutheißen – und ihre Natur, die alles Heimliche ablehnte, begann auch in diesen Dingen immer heftiger nach jener Klarheit zu verlangen, die ihr an Leib und Seele zu eigen war. Es gab für sie keinen Zugang zu wirklicher Trunkenheit, und wenn sie dieser schneeweiße Tag auch berauschte, der Rausch war ein anderer als der Christians: kindliche Freude an der Schönheit der Welt und an der freien Bewegung des Körpers, in nichts verwandt mit Christians Überschwang, auf dessen Grund das Wissen um den Tod saß.
So war es zu verstehn, daß sie nun über Praktisches zu reden anfing. Scham verwehrte ihr zu sagen, was sie empfand, und so verfiel sie auf diesen Ausweg, der ihr von Haus aus nahelag. Zehn Jahre älter, hätte Christian auch das verstanden, aber in diesem Augenblick ernüchterte es ihn auf eine peinvolle Weise. Er verstummte und packte den Rucksack. Auch Brigitte schwieg wieder, als sie sein Gehaben begriff. Christian war zumute, als wäre plötzlich die ganze Bergwelt in das Speisezimmer seiner künftigen Schwiegereltern hineingestellt, er glaubte den Geruch von kaltem Braten und Zigarren wahrzunehmen, und einen Augenblick lang wurde ihm unter der lächerlichen Vorstellung fast übel. Brigitte war errötet, und als er sie so vor sich stehn sah, tat sie ihm leid – es war das erstemal, daß er sich ihr überlegen fühlte; er tätschelte ihr die Wange, was er noch nie getan hatte, und sagte:
Fahren wir!
Dann ging die Trübung wieder unter im Glanz der weißen Welt, durch die sie flogen. Brigitte fuhr voraus. Sie fuhr gut. Ihre Schwünge waren voll Anmut und Leichtheit, ihre Gestalt schien wie geschaffen für den Skilauf. Im Widerstreit von wachsendem Entzücken und Bedauern darüber, daß sie innerlich nicht freier war, glitt er ihr nach, voll Angst, sie für immer zu verlieren, voll Mißtrauen, sie je ganz zu gewinnen, dabei berauscht von der Fahrt durch das silbrig stäubende Pulver, lustvoll gebadet von der blauen Kälte – verliebt und unglücklich, betäubt und voll hellsten Bewußtseins zugleich.
Als der steile Hang in eine sanft auslaufende Wiese überging, nahm Christian beide Stöcke in eine Hand, holte die Geliebte ein, umfaßte sie mit dem freien Arm und so trug es beide dahin, als schwebten sie; als sie stehenblieben, küßte er sie so beschwörend, daß sie erschrak. Alles, was er empfand, und das war ein überwältigendes Durcheinander von Gefühlen, hatte sich in die stummen Lippen gedrängt und ging so deutlich auf sie über, als redete er.
Er begleitete sie heim. Auf dem Rückweg dämmerte es bereits. Im Westen, wo der Tag in ein beinernes Gelb verstarb, standen lange graue Wolkenstreifen über die ganze Breite des Tals. Christian war es zumute, als müßte er unter einer Flut innerer Tränen ertrinken, ungewiß, ob es Tränen des Glückes oder der Schwermut waren.
In der letzten Woche vor Weihnachten trat Tauwetter ein; der Donnerstag, an dem Christian und Brigitte ihren Ausflug gemacht hatten, war der letzte kalte Tag gewesen. Es begann zu regnen, die weißen Wälder wurden kohlschwarz, der Berg bekam dunkle Flecken, lauer Wind floß die Hänge herab, die Wege versanken unter einem Gemisch aus Wasser und Schnee, es tropfte von Bäumen und Dächern, auch während der Nacht.
Christian mußte für zwei Tage ins Bett. Ein fiebriger Katarrh, der auch die Bronchien ergriff, machte seinen Kopf dumpf; der letzte Wintertag stand unendlich fern, eine unglaubhafte Erscheinung, von den Apfelbäumen vor dem Fenster fielen die nassen Schneebrocken, in ihren verkrüppelten Kronen dampfte die Nässe. Die Schwester Jörgs brachte ihm eine Schale voll heißem Schnaps; Butter und Honig waren darin aufgekocht, man bekam einen brennenden Rausch davon und glaubte vor Hitze zu verdunsten.
Auf Straßpoint ging alles seinen winterlich langsamen Gang. Das Holz war verliefert, man hatte nichts mehr zu tun. Jörg war, solange der Schlittenweg gut war, viel durchs Tal hinauskutschiert, er hatte sich nicht gescheut, einige Male seiner Schwester zum Trotz die Burgl mitzunehmen, und jedesmal war sie mit irgendeinem schönen Stück Gewand zurückgekommen, um in kindlich plumper Unverfrorenheit vor der Bäurin damit zu paradieren.
Diese hatte es aufgegeben, sich zwischen die beiden zu stellen. Sie schämte sich für ihren Bruder, der seine Braut überhaupt nicht mehr besuchte, fraß ihren Ärger über die dreiste Person tapfer in sich hinein, tat, als gäbe es auf Straßpoint die Burgl gar nicht, und war viel bei den Taxerischen, zu denen sie ihrer Art nach gehörte.
Von den Zementleuten waren zweimal Briefe gekommen; dem Jörg war das Gebotene zu wenig, er lehnte ab, von der Burgl dazu gedrängt. So sehr sich die beiden in vielem verstanden – sobald es sich um Straßpoint handelte, gingen ihre Wünsche völlig auseinander. Sie stammte weiß Gott woher, vielleicht geradewegs von der Landstraße, und drängte nach Festigung. Straßpointer Bäurin – mehr brauchte sie nicht, mehr gab es für sie auf der ganzen Welt nicht. Und er, der Erbgesessene, wollte fort. Das blieb ein heimlicher Krieg zwischen den beiden bis in das Frühjahr hinaus.
Seit den Einwallerleuten die Hanni tot war, ließen sie die Regina nicht mehr fort. Sie waren eine bestimmte Anzahl von Köpfen um die Schüssel gewohnt und mochten die Lücke, die so grausam entstanden war, nicht wahrhaben. Freilich war die Regina kein Ersatz für das fröhliche Kind, aber ihr heiter stilles Gehaben tröstete die Bäurin und hielt sie noch lange in einer sanften Trauer gefangen, in der die Wunde unmerklich heilte. Dann war mit der Zeit auch das verschmerzt, das Leben selbst war über das kleine Grab gewachsen, die Kühe kalbten, das Holz wurde geschlagen, die Wolle gekämmt, der Lein gesponnen, die Milch entrahmt und gebuttert – man hatte nicht sehr viel Zeit, an sein trauerndes Ich zu denken.
Einmal war der Gendarm gekommen, hatte sich zur Regina in die Stube gesetzt und die andern gebeten, sie für eine halbe Stunde allein zu lassen. Der Pfarrer hatte die Anzeige gemacht; er konnte es nicht verwinden, den Weg zum Valterer umsonst getan zu haben. So war vom Gericht an den Gendarmerieposten der Auftrag ergangen, »Erhebungen zu pflegen«.
Dem Wachtmeister war es zuwider, mit der verschrobenen Jungfer über Dinge zu verhandeln, für die er sich ein saftigeres Weibsbild gewünscht hätte. Die war ja ärger als ein Kind! Er nahm sich vor, kurzen Prozeß zu machen und ohne zimperliche Umschweife auf den Inhalt der Anklage loszufahren; er hoffte, sie damit in solche Beschämtheit zu stürzen, daß er durch scharf gestellte Fragen rasch zu Ende kommen würde.
Regina aber ließ sich mit keinem Wort überrumpeln. Sie saß auf der Bank und sah dem Wachtmeister höflich wartend zu, wie er auf dem großen Stubentisch seine Papiere ausbreitete, sich eine Zigarre zurechtschnitt und sie martialisch paffend in Brand setzte; als er über die verziehenden Rauchwolken hin in ihr Gesicht sah, begann er sich ein wenig unsicher zu fühlen, er übertrieb die Überlegenheit seiner Amtsmiene, machte mit dröhnender Stimme dennoch zimperliche Umschweife und war schließlich froh, daß die Regina ihm mit sachlichen Fragen auf den Gegenstand verhalf, um dessentwillen er da war. Das Martialische war gar nicht seine Natur. In Zivil war er ein behäbiger Fünfziger, gutmütig, bequem und seiner Frau in keiner Beziehung gewachsen; so lebte er eine Doppelrolle, die er mit der Uniform aus- und anzog; wenn er »im Dienst« war, beherrschte ihn eine volkstümliche Vorstellung von der Macht und Würde des Amtes, das er versah; sein verstaubtes Mannstum brauchte Mütze und Säbel, Rapport und »Erhebungen«, das kriegerische Kostüm gezähmter Männer.
Sie meinen wohl, Herr Wachtmeister, daß Sie den Wast meinetwegen einsperren müssen. Das müssen Sie beileibe nicht. Er ist eh eingesperrt genug.
Der Wast?
Ja, er hat's nicht leicht bei sich selber, Herr Wachtmeister. Er ist ein armer Mensch.
Der Wachtmeister wurde grob aus Hilflosigkeit:
Dann hat's dir etwa gar gepaßt, wie er es mit dir getrieben hat, Regina?
Sie schaute ihn mit Augen an, in denen kein Rest von jener Stunde zurückgeblieben war, sie lächelte, ohne zu erröten.
Ich weiß nicht, was der Herr Wachtmeister meint. Auch die Seligen im Himmel haben oft und schwer gesündigt. Es ist alles verziehen, ich weiß es.
Nachdem der Gendarm sie darauf aufmerksam gemacht hatte, daß es zu keiner Klage kommen könne, wenn sie erkläre, sie sei dem Wast ohne Widerstand willig gewesen, sagte sie:
Ich bin nicht mehr bei mir gewesen im Stadel; unser Herr hat die Sünden der ganzen Welt sich aufgeladen, auch die vom Wast, auch meine, Herr Wachtmeister, und die deinigen.
Auf einmal hatte sie ihm du gesagt, als schickte sich das Sie in diesem Falle nicht. Sie sah ihm zu, wie er nun schrieb, sie folgte aufmerksam seiner umständlichen Hand und bat ihn leise, als er einmal nachdenkend innehielt:
Lassen Sie ihn nicht einsperren, Herr Wachtmeister; das Einsperren tut dem Wast nicht gut, er wird nicht besser davon.
Der Gendarm war schließlich mit dem Protokoll zu Ende gekommen, hatte auch seinen Namen samt Titel und Schnörkel daruntergesetzt und wollte es nun der Regina vorlesen, damit sie auch wisse, was sie unterschreibe.
Sie wehrte ab:
Es wird schon richtig sein.
Sie sah ihn fragend an, während er ihr die Feder reichte.
Der Wachtmeister lachte laut heraus:
So kann ihm nichts mehr passieren, Regina, aber der Pfarrer wird sich was Sauberes denken von dir, wenn er davon Wind bekommt.
Das schien ohne jede Bedeutung für sie zu sein, denn als er ihr nun das Schriftstück hinschob, setzte sie sich genau und ein wenig geziert davor hin; der Gendarm mußte an die Schulstube denken, wo die fleißigeren Mädchen auch immer so vor den Heften saßen. Etwas wie Rührung überkam ihn, doch sah er sich vor, es merken zu lassen, räusperte sich und wies ihr bärbeißig die Stelle, an der sie zu schreiben hätte. Sie schrieb mit dünner, altmodischer Kinderschrift, in der jeder Zug ins Zartsaubere ausgewogen war, ihren Namen hin, gab dem Wachtmeister die Hand und lächelte ihm nach, bis er kopfschüttelnd die Stube verließ.
*
Der Dezemberregen ging bald wieder in Schnee über; der Winter wetzte die Scharte aus und schüttete zum zweitenmal Schneemassen ins Land, als wollte er es ersticken. In großen nassen Flocken fiel der grauweiße Himmel herab; dabei blieb es unangenehm warm, das Schneien gab nicht aus, der Schnee sackte zusammen und die Wege blieben grundlos.
Der Valterer stieg mit dem Wast durch den dampfenden Wald an. Zwischen den Stämmen hob sich der Dunst vom nassen Boden, die Wipfel verschwammen im grauen Nebel, aus dem es flockte und tropfte. Sie waren seit anderthalb Stunden auf dem Weg, aber es hatte sich beiderseits noch kein Bedürfnis geregt, den Mund aufzutun. Nach und nach wurde es auch immer schwieriger, miteinander ins Reden zu kommen, da der Bauer, dem die Pfeife immer wieder ausging, mit dem Anzünden so viel Zeit verlor, daß er gegen den Jüngeren zurückblieb. Daß die Pfeife so oft erlosch, kam von der Säumigkeit, mit der er an ihr sog; und daran waren wieder die vielen Gedanken schuld, die ihn in Anspruch nahmen. Sie kreisten um den Wast.
Auch dem Vater war es schließlich zu Ohren gekommen, was der Sohn sich gegen die Regina hatte zuschulden kommen lassen, und er fürchtete, diesmal könnte es schlimm ausgehn. Der Pfarrer hätte die Anzeige gemacht, hieß es, der Gendarm habe die Regina bereits verhört, die Verhaftung stünde vor der Tür.
Der Wast war der älteste auf Valtern und sollte es einmal übernehmen. Konnte er das, wenn es so um ihn stand? Ledige Bälge durchs ganze Tal hinaus – das mochte noch hingehn, aber das mit der Regina? Wenn ihm nur beizukommen wäre! Aber dem ging es zum einen Ohr hinein und zum andern wieder heraus, als wäre alles Schimpfen, Bitten und Betteln nichts als lustig blasender Wind. Wird denn der nie gescheiter, nie älter, nie gesetzter? Schuld war die Alte. Die hatte ihn vom ersten Tag an verwöhnt. Freilich war er zeitlebens ein Prachtkerl gewesen, rund und gesund und keine Stunde krank, wenn er auch dreimal so viel und so laut schrie als die übrigen vier zusammen. Daß er von der Schule so unbeschwert fortging wie er eingetreten war – mein Gott, das bedeutete nicht allzuviel für einen Bauern mit dreißig Stück Vieh, der besten Alm weitum und viel schlagreifem Wald; er selbst war ja auch kein Gelehrter geworden, dazu war der Taxer da, es war genug, daß man seinen Namen malen konnte, mehr brauchte man nicht auf Valtern. Schlimm waren nur die ewigen Weibersachen und daß sich der Wast so eng an den Gasper anschloß, der nichts taugte.
Die Zeiten waren seit dem Krieg wieder schlechter geworden, das Holz nicht an den Mann zu bringen, das Vieh kaum die Plage wert, die man damit hatte. Der Bauer, der im Kriege deutlich gespürt hatte, wieviel von ihm abhing, war wieder entbehrlich geworden, fremdes Vieh, fremdes Korn kamen ins Land, billiger als das seine; das alte Leben war wieder da, mit Selberarbeiten, Sparen, magerer Kost, wenig Gewand, schlechtem Tabak. Aber die Jungen wollten es nicht schlucken, sie waren in der guten Zeit groß geworden, die Mädchen mußten gekaufte Strümpfe haben, sonntags das »Kostüm« nach städtischem Schnitt – und wenn es auch zwanzig Jahre her war, daß man so etwas in der Stadt trug –, jedes Jahr einen kleineren Hut, zartbesohlte Schuhe, die man nach einem Sommer wegwerfen mußte; die Burschen brauchten jeden Herbst ein neues Gewand, das besorgte man in der Stadt, der alte Gilbert schneiderte nicht nach der Mode, statt Pfeife und Kautabak mußten Zigaretten her, das ging alles merklich ins Geld und trug nichts ein, außer neue Bedürfnisse, teurere Gelüste. So wird Straßpoint zerrinnen, soll auf Valtern der gleiche Teufel hausen?
Der Valterer war ein schwerfälliger Mann. Er wußte nicht Rat, wenn so Fremdartiges über ihn hereinbrach. Er war mit dem Taxer nicht gleicher Meinung darüber, was den Pfarrer betraf. Man sollte an solche Sachen nicht rühren, wenn auch nicht alles zu unterschreiben war, was der Hochwürdige tat. Aber es war nun einmal der Pfarrer; in seine Hand war es gelegt, Feld und Vieh zu segnen, ihm sagte man, was einen drückte, und es war sein Amt, zu binden und zu lösen. Er taufte die Kinder und weihte die Erde, in die man sich legte, wenn endlich Feierabend war. Die Jungen hatten keinen Respekt mehr vor alledem, was zu Hilfe kam, wenn einem der Herr so schwer auflud, daß man gern in die Knie ging. Sie dachten politisch. Noch gab es das wüste Geschrei nicht, mit dem man sich in der Stadt um diese Dinge raufte, aber es gab auch heraußen schon Wahlkämpfe, die die Köpfe erhitzten, und es wird wohl nicht mehr lange dauern, und wir haben das Gestritt der Parteien, das Gekeif der Allesversprecher und Nichtstuer auch bei uns da. Nein, es war keine schöne Zeit, der man entgegenging, man war ihr nicht gewachsen, und die Jungen, die sie an den Haaren herbeizogen – sie erwarteten es ja kaum, Bauern in Stadtstiefeln, Städter hinter der Mistfuhre zu sein –, auch sie werden ihr nicht gewachsen sein, sie wird den Bauern umbringen, sonst nichts.
So viel Muße, das alles zu bedenken, hatte der Valterer noch nie gefunden; oder war er nur noch nie so fügsam dem gewesen, was in ihm zur Ordnung drängte? Es war ihm fast etwas sonderbar zumute, als er Vergangenes und Künftiges mit seinen gegenwärtigen Gedanken verknüpfte, eine Helle war in seinen Kopf gefahren und breitete sich darin aus, eine Helle wie nie vorher. Es schmerzte, das Drohende so deutlich drohen zu sehen, aber zugleich war es schön; es schreckte einen nicht mehr so arg. Wohl immer und ewig hatte es Zeiten gegeben, in denen es bergab ging, aber dann ging es auch wieder bergauf; der Bauer blieb bestehen.
Solange er wahrhaft Bauer blieb. Er war zeitlebens einer gewesen, mit allem Ja und Nein, das sich gegen den Bauer sagen ließ. Starrköpfig und am Ende recht behaltend, rauhen Herzens, oft grob mit Mensch und Vieh und doch dem Leben treuer dienend als die Vielfältigen, einfältig und doch nicht ohne weiteres auflösbar, ein schweres, träges, geduldiges Stück Erde.
Als die beiden droben waren und die zwei Schlitten voll Heu, die schon seit Tagen bereitstanden, aus der kleinen Bergscheune gezogen hatten, schien es dem Wast, als sei der Vater aufgeräumter und zugänglicher als die ganze Woche her. Das gefiel ihm; sein Herz war weich und er konnte die stumme Schwere des Alten nicht gut ertragen. Auch der Vater sah, daß jetzt mit dem Jungen zu reden wäre, aber es verlangte ihn gar nicht mehr danach; es lag hinter ihm, es war vorbei.
So redeten sie bloß vom Wetter und wie sie wohl hinunterkommen würden. Der Vater klopfte die Pfeife aus, steckte sie fürsorglich in die innere Rocktasche, zog die Fäustlinge an, probierte noch einmal die Bremseisen, ob sie wohl rasch und tief griffen, und mahnte den Wast, langsam und vernünftig zu fahren.
Keine Angst, Vater, wir tun's ja nicht das erstemal!
Er juchzte kurz auf und ließ den Schlitten rutschen. Nach zwei, drei Minuten folgte der Alte.
*
So viel Altschnee war übriggeblieben, daß der Schlitten ging. Der Wast stand breitbeinig auf den Kufen, weit zurückgelehnt, um Gewalt über die Bremsen zu haben, die links und rechts den Weg aufrissen. Es sah niemand zu, wie er so den Berg herabteufelte, aber es hätte jedem gefallen. Sein gesundes Gesicht glühte von dem Gegenwind, der ihm die Wangen entlang fegte, seine Gestalt war ein elastischer Pfeiler aus Kraft, der sich gegen die ziehende Tiefe stemmte.
Er dachte an den Vater. Das geschah ihm selten; aber es hatte ihm plötzlich wie mit Fingern ans Herz gerührt, als er ihn droben so heiter fand. Er war von den Mädchen her geübt, das Reden der Augen zu verstehn – und die Augen des Alten hatten ihn warm angeredet, soviel stand fest. Hatte er ihm verziehn? Die Geschichte mit der Regina? Dann war es um die Hälfte leichter. Nicht, daß er geradezu darunter gelitten hätte, den Vater gekränkt zu wissen, aber es war besser, freundliche Gesichter um sich zu haben, die Umgebung halbwegs zufrieden, die gewohnte Ordnung ungestört zu sehn, wenn es in einem selbst nicht nach bester Ordnung aussah. Bliebe der Vater so, wie er heute war, dann käme man öfter ins Gespräch mit ihm; vielleicht ließe er einem mit der Zeit freiere Hand, in der Wirtschaft, beim Vieh, beim Holz.
Ganz verloren war der Wast ja nicht; ihn freute die Aufzucht von Pferd und Rind, er verstand etwas davon und hatte mitunter einen guten Griff, einen glücklichen Einfall; aber der Alte war unbeweglich, altväterisch, starr. Der Wast stand im besten Saft, und wenn man ihn mehr beschäftigt hätte, vielleicht wären die Weiber vor ihm sicherer gewesen. Er nahm sich vor, mit dem Vater zu reden, die Gelegenheit war günstig. Er wird abends daheim bleiben und mit seinem Anliegen herausrücken; schließlich müßte der Alte als Bürgermeister auch in der Sache Regina etwas richten können.
Ein leises Donnern schüttert durch die Luft, nur zwei, drei Atemzüge lang, dann schneit es wieder lautlos weiter, in großen nassen Flocken, die im Nu zu Wasser zergehn.
Der Wast wartete am Waldrand knapp über dem Dorf auf seinen Vater, zuerst noch ganz in die guten Gedanken versunken, die ihn mit dem Alten verbanden; dann unruhig werdend und von Vorstellungen bedrängt, die ihm das lange Ausbleiben des Vaters erklären sollten; plötzlich aber wie unter einem niederflammenden Blitz auffahrend – das dumpfe Donnern, das Tauwetter, die Masse Schnee, die es herwirft!
Die Lawine! Eine entsetzliche Angst langte dem Burschen nach dem Hals, sein glühendes Gesicht wurde weiß bis in die Lippen. Der Vater! Was war zu tun? Nochmals hinauf oder ins Dorf, um Leute, um Stangen, um den Pfarrer? Er hatte Glück: der Lehrer ging auf Straßpoint zu, die Schule mußte aus sein, er schrie durch die hohlen Hände, er schrie mit seiner ganzen Kraft, da blieb der Lehrer stehn und sah zum Wald herauf, er schien den Ruf nicht verstanden zu haben und ging weiter, noch einmal setzte der Wast zum Schreien an, sein Ruf hallte kläglich übers Dorf hin, da kehrte der Lehrer um, der Wast winkte mit beiden Armen und schrie wieder, er lief Christian entgegen, bis ihn der verstehen konnte:
Es sollen Leute kommen, eine Lahn ist über den Weg nieder, es muß den Vater erwischt haben; sie sollen Stangen und Schaufeln mitnehmen und den Pfarrer verständigen. Ich bin droben.
Christian schickte den Straßpointer Kleinknecht von Hof zu Hof, die Burgl zum Pfarrer, er selbst machte sich mit Jörg auf den Weg. Als er vom Waldrand aufs Dorf zurückschaute, sah er die Männer schon heraufkommen, in Gruppen zu drei und vier, auch einzeln; aus dem Widum trat der Pfarrer.
Der Wast hatte wie ein Rasender geschuftet. Mit den bloßen Händen in der dichtgepackten Masse geschaufelt, große Löcher ausgehoben, den Schlitten gefunden; ein paar Meter tiefer von neuem gekratzt und sich blutig gescheuert, geschnauft und geschwitzt, als müßte er sich selber aus dem Tod herausgraben. Als die Leute dann an Ort und Stelle waren und unter Leitung des Pfarrers planmäßig zu suchen anfingen – keiner noch hatte den Seelsorger so in seinem Element gesehn wie heute –, saß der Wast auf dem umgestürzten Schlitten, der zur Hälfte noch in der Lawine stak, und niemand hatte Zeit, wahrzunehmen, was in dem Burschen vorging. Es wäre auch keinen was angegangen, außer den Toten, der es heimlich, von seiner eisigen Gruft her, bewirkte. Ihn hätte es gefreut, zu sehn, wie sein warmes Leben unerstickbar durch den zusammengepreßten Haufen tödlicher Kälte drang und zu dem einsam sitzenden Buben fand, den er trotz allem am meisten geliebt hatte – und wie es nun, Hauch um Hauch, in ihn hinüberging, ohne daß der es merkte.
Sie suchten bis in die Nacht hinein, holten Fackeln und Laternen, sie fanden ihn nicht. Auch am nächsten Tag kam er nicht zum Vorschein; da ließen sie es sein. Der Pfarrer sprach die Begräbnisgebete, laut scholl es durch die niederschneiende Stille: Und das ewige Licht leuchte ihm!
Christian hatte sich auf die ersten Weihnachten im Dorf gefreut. Von Kind auf lebte ihm der Traum: das verschneite Land, der frühabendliche Rauch über den Dächern, hin und wieder ein Mensch auf dem Heimweg, der nahe Wald, aus dem ein Tier tritt, das Schweigen des Berges, die blaue Nacht. Würde das nun alles noch einmal wahr werden – und diesmal für das volle Bewußtsein?
Seit er mit Brigitte einen Tag lang draußen gewesen war, ging er ungern zu ihren Leuten; sie war doch anders, wenn er sie allein hatte. Oft überfiel ihn eine große, unerklärliche Schwermut, ein Bedürfnis, sich zu verstecken, noch tiefer ins Gebirge zu gehn, allein zu sein, um den Abstand zu allem zu vergrößern, was ihn mit Fragen bedrängte, denen er nicht gewachsen war. Oder mit Brigitte über den Wald hinaufzulaufen und trunken zu sein wie damals. Aber sie habe vor Weihnachten nicht mehr Zeit, beteuerte sie, und nun war auch Tauwetter eingebrochen und das Unglück auf Valtern geschehn. Das ganze Dorf spürte den Schlag. Nicht, daß der Bürgermeister unersetzbar gewesen wäre, aber daß es jeden von heut auf morgen treffen konnte, das schlug den Leuten ins Genick, das brachte stillere Weihnachten als sonst.
Das Anklopfspiel, das an den letzten zwei Sonntagen des Advent von Hof zu Hof gespielt worden war, mußte unterbleiben. Denn wenn es auch die Herbergssuche Josefs und Marias darstellte – der brutale Wirt, der ihnen die Tür weist, war die dritte Hauptfigur des Spiels –, zum Schluß ging es doch immer in einen kleinen Tanz über, und jedesmal war es drei Uhr früh geworden, bis die verlarvte Gesellschaft von den entlegenen Höfen heimkam. Mit Brigittes Mutter hatte es Streit gegeben, weil Christian die Spieler mit seiner Geige begleitete; sie fand es nicht schicklich für den Lehrer. Er versuchte wenigstens Brigitte zu schildern, wie ihn das Herumziehen von Hof zu Hof – die Geige unterm Arm, die dünne Holzmaske vor dem Gesicht, im Kostüm einer fremden Zeit, mit spiellustigen Burschen – aus der Enge seiner täglichen Arbeit heraushebe und ihm ein Gefühl von Freiheit und Selbstverschwendung schenke, das ihn trunkner mache als der Schnaps, den sie überall kredenzt bekämen; aber er merkte bald, daß die Tochter in diesem Falle zur Mutter hielt; die Larve, in der sie ihn gesehen hatte – ein hölzern starres, irr verzücktes Lächeln – hatte sie erschreckt, ihre klar geordnete Welt war versperrt gegen das Dunkel, aus dem es den Menschen triebhaft drängt, sich zu verwandeln, zu zerfließen, sich aufs Spiel zu setzen.
Christian war verstimmt. In ihm gab es Zugänge zu diesem Dunkel, Musik konnte ihn überrumpeln, und dann ließ er sich hineinziehen, bis er sich verlor. Er wußte in geordneten Stunden, daß da eine Gefahr für ihn lauere, aber wenn sie lockte, hatte sie das hinreißende Antlitz der Freiheit.
Er fuhr am Donnerstag vor dem Heiligen Abend in die Stadt, um Weihnachtsbesorgungen zu machen. Zum erstenmal, seit er gekommen war, verließ er das Dorf. Der Streit mit Brigittes Mutter, die Verstimmung mit Brigitte selbst, hatten ihn in eine Laune versetzt, in der er sich nach dem völlig andern geradezu sehnte.
Vier Stunden brauchte er zur Bahn, dann waren es noch zwei Stunden mit dem Schnellzug. Zu Mittag aß er im Speisewagen. Er staunte, wie rasch sich die Atmosphäre des Dorfes verflüchtigte; er war Städter, sobald er den Raum in weißem Lack und Gold betrat, der ihn immer an etwas Zirkushaftes erinnert hatte. Der Gegensatz zur Stube auf Straßpoint war so groß, daß sie wie auf einen Schlag aus dem Bewußtsein verschwand – es gab sie nicht mehr. Während Christian durch das Nichtraucherabteil des Wagens ging, fühlte er, wie sich seine Haltung, die äußere und innere, änderte. Er war unter Bauern gewohnt, sich seiner jeweiligen Stimmung gemäß zu geben, nicht anders, als wäre er allein im Berg. Er hatte es weit darin gebracht, in ihrer Gesellschaft ein Stück Dorf zu sein, teilhabend an dem langsamen Atem, mit dem ein Dorf atmet. Hier spürte er, wie die Menschen, die an den Tischen saßen, über die Speisekarte gebeugt oder zum Fenster hinaussehend, ihn plötzlich vereinzelten, und eine versachlichende Luftschicht stand zwischen ihnen und ihm. Jedes Paar, jeder einzelne schien darauf aus zu sein, einen unbetretbaren Raum um sich zu wahren, es gab nichts Einheitliches, das sie lebendig verband, wenn man von der Gleichartigkeit absah, mit der sie ihr Ich verbargen; denn sie machten es alle ähnlich: jeder und jede gab sich den Anschein größter Selbstsicherheit, überlegener Beherrschtheit und es wirkte nahezu belustigend, wieviel Respekt jeder vor sich haben mußte, da er ihn von der Umgebung so eisig beanspruchte. Als sich Christian bei ähnlichen Faxen ertappte, lachte er und war befreit. Das Essen war zu teuer; wahrscheinlich bezahlte man das kleine Schauspiel gleich mit, das sich der homo urbanus in der rollenden Manege gab.
Als der Zug in das breitere Haupttal einfuhr, hörte es auf zu schneien. Da waren die Felder braun und die Wälder tintenblau, der Rauch, der aus den Kaminen flog, zerflatterte im Wind; der deutlichen Sicht nach mußte es Föhn sein.
Es war behaglich, in dem leise schaukelnden Wagen zu sitzen und sich durch das geliebte Land tragen zu lassen. Das dumpfe Dröhnen der Räder zog einen Vorhang vor die Stimmen der Reisenden und war zugleich ein rhythmisches Vorwärts, dem die Gedanken gern gehorchten. Christian dachte über sich selber nach; er sah sich im Dorf droben wichtigtun und lächelte über den jungen Mann, der sich zumutete, mit Bauern ein Bauer, bei Brigitte ein schwärmender Liebhaber, vor den Kindern ein kleiner Pestalozzi zu sein. Wie alt war er hier im Eisenbahnwagen gegen jenen, der heißhungrig nach dem Leben suchte, dem ungewürzten, das den Hunger stillt, und der es nicht fand! Oder gehörte auch dies noch zum Leben, daß man den eigenen Hunger darnach belächelt? Eines war tröstlich: mochten alle da an den Tischen so tun, als gehörte ihnen die Welt, von der man in Büchern und Zeitungen las – selber hatte man doch auch eine und vielleicht war sie die wirklichere, da man von ihr schwieg.
Christian sah sich die Gesichter der Reihe nach an: seltsam! Jeder schien sich das seine nach unbegreiflicher Laune zurechtgeformt zu haben – sie hatten fast nichts Gemeinsames mehr – und dennoch bildeten sie zusammen das Gesicht der städtischen Masse, wie er es aus vollen Sälen, von Straßenaufzügen her kannte. Der Taxer sah dem Einwaller seit unmeßbaren Zeiten ähnlich, und doch gab es das Taxergesicht nur einmal auf der Welt; es war personhaft und versippt zugleich; aber der Geschäftsreisende dort am vorletzten Fenster – dieses runde, völlig lebensleere Gesicht war in tausendfacher Auflage verbreitet und dennoch ohne Gebundenheit an eine Sippe im gleichen Raum. Es war weder personhaft noch blutsverwandt, es war bloß individuell.
Aber da gab es auch drei junge Leute, zwei Studenten und eine Studentin vermutlich, die ihm anders zu sein schienen. Sie sprachen miteinander in einer schönen, natürlichen Unbefangenheit, ihre Stirnen waren wie von einer neuartigen Freiheit umleuchtet, ihre Augen wach und gläubig zugleich. Was wuchs da heran? Christian hatte nie mit Leuten verkehrt, die jünger waren als er; schon an der Front hatte er sich den Dreißig- und Vierzigjährigen angeschlossen. Man hielt ihn damals mit seinen zwanzig Jahren für viel älter; warum eigentlich, das wußte keiner recht zu sagen. Er schien aus diesen Jahren des Übergangs flüchten zu wollen, ungeduldig darauf aus, ein Mann zu werden. Gespräche mit Jüngeren begannen ihn jedesmal bald zu langweilen; wer einen schwierigen Wanderweg vor sich hat, geht ungern zurück, um ein gleiches Stück noch einmal zu machen. So hatte er keine rechte Vorstellung davon, was die neue Jugend dachte, wollte, empfand. Sie war im Krieg noch auf der Schulbank gesessen, hatte die Not des Hinterlandes, die Angst der Mütter um die Väter und älteren Brüder erlebt; aber wie der gesunde Baum nichts mehr davon verrät, daß gestern der Sturm über ihn weggegangen, so war in den Gesichtern der drei jungen Leute kein Zeichen des Krieges zu lesen. Werden sie es vermögen, die zerfallenden Formen der Gesellschaft so zu erneuern, wie es das Vermächtnis der Toten verlangte? Niemand noch hatte ihr Testament verkündet, aber viele von denen, die draußen gewesen waren und sie sterben gesehen hatten, fühlten, daß auf den verstummten Gesichtern ein letzter Wille vermerkt stand, schwer zu deuten und doch eine unerbittlich verpflichtende Forderung. Es kann nicht wahr sein, daß der Mensch so tausendfachen Tod über sich hingehn läßt wie das Kornfeld ein Gewitter; dazu ist der Mensch doch Mensch, daß er allem einen Namen und damit einen Sinn gibt. Wissen die drei dort in ihrer glücklichen Gesundheit etwas vom Sinn, der im Hinfegen der Stahlgeschosse, im Gehämmer des Maschinengewehrs, im lautlos würgenden Gequalm des Giftgases, im Ausbluten, Zerfetztwerden und Erblinden schweigender Männer – auch wenn das alles völlig sinnlos erscheint – doch auffindbar sein muß? Weiß ich selber etwas davon, der ich es mit eigenen Augen gesehn habe? Ist die Freiheit, die denen dort um die Stirnen glänzt, etwa nur das kindliche Nichtswissen, der glückliche Mangel an Lebens- und Sterbenserfahrung? Sie treiben Sport, ihre Leiber sind wohlgeformt, hell und geschmeidig, ihre Blicke lachen sich an, sie gehn dahin, als hüpfte ihnen die Erde entgegen, ein kugelrunder Sommertag. Ihre Liebe zueinander ist fröhlich, keine Last auf dem Herzen, gleichgeartete Nerven verständigen sich freundlich, die Sterne stürzen nicht mehr herab am hellichten Tag.
So ungefähr führte ihn das eine zum andern, sein Denken verdiente diesen gewichtigen Namen nicht; er dachte mit Aug, Ohr und Nase. Was sich nicht mit den Sinnen oder von der hauchdünnen Membran der Empfindung her fassen ließ, das blieb nicht in seinem Kopf. Er hatte sich mit Abstraktem wohl abgemüht, aber er sah keine Möglichkeit, es sich einzuverleiben. Was sich aber nicht einverleiben ließ, dem war auch sein Verstand nicht auf die Dauer gewachsen. Über die fünf, sechs Sinne hinaus mußte es einen zweiten, inneren Leib geben, denn oft glaubte er das äußere Verhalten der andern so nachzutasten, daß er die Beweggründe dieses Verhaltens mitzuerleben vermochte; so las er von Gesichtern, Bewegungen, Händen, der Art, zu gehn, mehr ab, als vielleicht erlaubt war. Aber wer fragt in den Jahren der Jugend, wie weit die Besitznahme der Welt, die um einen ist, gehn darf, und welches Mittel hiezu recht ist? Die Begierde nach Welt ist so maßlos, daß man seine Hände auch in das Künftige ausstreckt und die nächsten paar hundert Jahre für nicht länger hält als das eigene kommende Jahrzehnt. Da sagen einem Propheten und Utopisten zu, die Geschichte liest man als Spiegelbild der Zukunft, das eigene Herz ist trächtig von Neuem, schwer von Geahntem. Noch hat man sein Silvaplana nicht gefunden, die Weisheit, daß alles wiederkehrt, lag einem noch nicht im Weg – wie jener Felsblock »unweit Surlei, 6000 Fuß jenseits von Mensch und Zeit«. Noch gibt es das Jenseits nicht, nur ein bedrängendes, nebelwogendes Vor-einem, durch das in schmalen Lichtstreifen Glaubensbereitschaft bricht und das traumbilderschaffende Feuer der Leidenschaft. Noch hast du nichts in der Hand, Achtundzwanzigjähriger, als das unsägliche Gelüst, nach allem zu langen.
Hörner tönen dir im Herzen, goldner Jagden frohe Kunde,
herrlich jagen Traum und Wille, deine ungeduldigen Hunde,
aber nicht das Wild des Mannes, nicht die flüchtige Sekunde.
Höll und Himmel deine Beute, Götter jagst du von den Sitzen,
greifst aus deinen finstern Nächten nach den Sternen und den Blitzen;
lächelnd liegt die Welt zu Füßen – morgen wirst du sie besitzen.
Noch ist er keiner Spiellaune des Lebens gewachsen und was den Mann festigt, wirft ihn um.
Da gerät er am ersten Abend, den er seit Monaten in der Stadt verbringt, in ein Konzert. Hinter einer ganzen Welt von Schnee und Stille liegt Straßpoint, und während er, an die Wand des Balkons gelehnt, zusieht, wie sich unten der Saal füllt, ist es ihm, als hätte er einmal von Straßpoint geträumt, der verschneiten Zuflucht seines unruhigen Herzens. Und von Brigitte, dem stillen Geschöpf, das er küßte, als es über das Stadeldach her zu flocken begann; von Regina, der zarten Heiligen, die ihm die beschämte Hand küßte; von Gasper, den sie von der Harfe weg ins Gefängnis führten. Ach, ist das alles fern und tief zugeschneit! Die Lampen strahlen, er ist das laute Licht nicht mehr gewöhnt; die Frauen tragen den Pelz im nackten Arm, es erregt ihn; das Orchester stimmt nach dem A der Oboe, er zittert vor Freude, das Gewirr suchender Stimmen wieder zu hören, und nach ihm die gesammelte Stille, aus der die höchste Ordnung aufsteigen wird, die er sich denken kann.
Nach einem der Brandenburgischen Konzerte war das Violinkonzert in D gespielt worden; Christian will schon gehn, er kann sich nichts denken, was diesen vier leisen Paukenschlägen ans Tor der Unsterblichkeit folgen dürfte.
Der Geiger wird vier-, fünfmal herausgeklatscht, dann verläßt das Orchester die Pulte, man begibt sich aus dem Saal, um Erfrischungen zu nehmen und zu rauchen. Auf der Treppe wurde Christian angerufen. Er blieb stehen, erfreut darüber, daß man ihn in der Stadt nicht ganz vergessen hatte. Mit breitem Lachen im Gesicht kam Herbert auf ihn zu, mit dem er anderthalb Jahre bei der gleichen Kompanie gewesen war; sie schüttelten sich die Hände und fielen augenblicklich in die Tonart ihrer Soldatenzeit zurück, in das derbe, schonungslose Gepolter, hinter dem sich etwas unzerstörbar Kameradschaftliches verbirgt. Herbert war Rechtsanwalt geworden und schien seine Sache zu verstehn; ein bißchen von oben herab ließ er vernehmen, daß die Kanzlei vorzüglich gehe, man sah es ihm auch an, er glänzte vor Wohlbefinden und Erfolg. Sein Gesicht ist gewöhnlich geworden, stellte Christian bei sich fest, sein frisches Bubengesicht von damals ist nichts mehr als satte Selbstzufriedenheit, Geld und Weiber.
Warum nicht? dachte er weiter; recht hat er. Und während sie am Schanktisch ihr Glas Bier tranken und Herbert erzählte, was aus all den Kerlen geworden war, mit denen sie in der Mittelschule gesessen und im gleichen Marschbataillon ins Feld abgezogen waren, kam sich Christian wie ein armseliger Pfuscher vor, verloren und vertan, ein richtiger Blindgänger in der brutalen Schlacht, die man Leben heißt. Er schämte sich, von seinem Dorf zu erzählen, und log, daß er auf der Suche nach einer Stellung sei, irgendeiner kaufmännischen; vielleicht beende er nun auch sein Hochschulstudium und bleibe bei der Wissenschaft, er halte zwar nichts von der Karriere zum Universitätsprofessor, Dekan oder Hofrat, aber es sei kein schlechtes Geschäft. Je länger er redete, desto ärger grauste ihm vor allem, was er sagte. Er wußte, er redete der Zeit genau nach dem Maule, dieser Zeit, die alles kaufte und verkaufte und selbst Gedanken, Schmerzen und Begeisterungen für käuflich und verkäuflich hielt. Er trug wohl an einer anderen Welt, einer schwereren und unveräußerlichen, aber neben diesem siegreichen Herbert schrumpfte sie ihm zu einem Knabentraum zusammen, dessen er sich schämen müßte, wenn er an den Tag käme. So konnte es ihm ergehen; vor zehn Minuten noch über alles hinausgehoben, was einen dick und klebrig nach unten zieht, von der Musik Beethovens bis an die Sterne gerissen, die zu klingen anhoben, als wären sie von ihrer ersten Stunde an so und nicht anders aufeinander abgestimmt – und jetzt: ein einziger Verrat an der Höhe, ein feiges Jasagen zu allem Gewöhnlichen, Bequemen, Schlammigen, ein Schritt weiter auf der Flucht vor sich selber, aber kein guter Schritt.
Herbert entschuldigte sich für einen Augenblick; dann kam er strahlend zurück.
Erlaubt, daß ich bekannt mache: mein Freund Christian – meine Freundin, Fräulein Ljuba.
Christian errötete. Freund? Er war mit diesem Wort immer sparsam umgegangen, es lag eine Kraft darin, sich des anderen zu bemächtigen, und er hatte keine Lust, sich von Leuten wie Herbert Gewalt antun zu lassen. Mein Kriegskamerad – hätte er sagen dürfen, und es wäre nicht wenig gewesen, aber mein Freund?
Er reichte dem Fräulein die Hand und verbeugte sich. Er merkte nicht, daß sie ihm auf eigentümlich verhangene Art von der Seite her ins Gesicht sah, als er wieder mit Herbert zu sprechen anfing.
Dann läutete es, man ging in den Saal zurück, aus dem schon das Stimmen der Instrumente zu hören war, Herbert lud Christian ein, nach dem Konzert mit in die Tanzbar zu kommen, es sei mit Arthur und einem gleichaltrigen Architekten vereinbart, sich dort zu treffen, auch zwei hübsche Dinger seien mit von der Partie. Christian dankte, er müsse gleich nach dem Konzert wieder wegfahren.
Dann ging er an seinen Platz. Nicht weit von ihm, schräg über die Ecke des Saales, hatten Herbert und Ljuba ihre Sitze.
Christian lehnte an der Wand und er brauchte nicht einmal den Kopf zu drehen, um die beiden in seinem Blick zu haben. Er war durch das Zusammentreffen mit dem Kameraden von damals verstimmt und wütend über sein eigenes Geschwätz. Hatten ihm das Dorf, die Landschaft, die Stille, das Alleinsein und Brigitte nicht einmal so viel festen Halt verliehen, daß er so zu reden vermochte, wie ihm ums Herz war? Dann war es wohl umsonst gewesen, ins Dorf zu gehn, und er konnte es aufgeben, sich weiter um eine Traumwelt zu bemühen, die beim ersten Anspruch auf Bewährung so wenig Bestand bewies.
Die Symphonie, die nun folgte, rauschte an seinen Ohren vorbei, er hatte zuviel mit seinen Gedanken zu tun, die ihn quälten und nicht erlösten. Er wußte wohl noch nicht sicher genug, daß immer das Laute über das Stille den Triumph hat, das greifbar Erfolgreiche über das langsam Heranwachsende, das äußerlich Glanzvolle über die nüchternen Wahrheiten eines innerlichen Lebens. Er rechnete es sich als feiges Versagen an, daß er in das grobe Auftrumpfen der Geldverdienerei eingestimmt hatte, und verstand nicht, daß es die scheue Besorgtheit um seine heimliche Welt war, die ihn zu so widerspruchsvollem Tun zwang.
Eine Freundin hat er auch, dachte er, er versteht es wohl prächtig, von allem den Rahm abzuschöpfen. Es ist bestimmt anders als zwischen mir und Brigitte, unverbindlicher, ohne den Aufwand an Seele, von der man hört, daß es sie gar nicht gibt. Wie sieht sie denn eigentlich aus, diese Freundin? Und er schaute nach den beiden hinüber.
Sie drehte ihr Gesicht langsam von ihm weg, als er sie ansah; er hatte das Gefühl, gründlich gemustert worden zu sein.
Ein blasses Gesicht, das unter den Schläfen breit ansetzte; Augen, die weit voneinander abstanden; die Nase kurz und flach, der Mund groß und heftiger Leidenschaften fähig. Auf den ersten Blick schien dieses Gesicht nur aus Mund und Augen gemacht zu sein, aber da war eine Stirn, die sich nach den Schläfen zu in breiten Bogen wölbte, und die schöne Rundung des Kopfes, von dem das dunkle Haar glatt herabfiel. Es reichte gerade nur bis zum Halsansatz und gab Ljuba etwas kindlich Mädchenhaftes, das zu ihrem reifen und wissenden Mund in erregendem Gegensatz stand.
Herbert nickte ihm einmal kurz zu. Christian wandte sich ab und verbarg sein Ertapptsein hinter einem ungeschickten Lächeln. Warum fühlte er sich ertappt? Durfte er sich die Leute in diesem Saal nicht ansehen? Es mußte ein Blick gewesen sein, den er vor Herbert lieber verleugnet hätte. Aber er kam bald in Übung, Ljuba im Auge zu behalten und sich Herberts Kontrolle zu entziehen. Er rechnete nicht nach, wieviel Gebanntheit und wieviel Spiel bei alledem war. Die Musik, die, strömend und ungebändigt, wie aus den Armen eines Weibes kam, enthob ihn des Denkens. Das Gesicht, mit dem er zu tun hatte, schien ihm auf magische Weise zu dieser Musik zu gehören, der Pathetischen Symphonie Tschaikowskys. Er glaubte deutlich zu sehen, wie die Leidenschaft der Klänge immer gewaltsamer über Stirn, Augen und Mund des Mädchens hinging, das alles willenlos mit sich geschehen ließ. Als im letzten Satz die Geigen in einem bettelnden Anlauf nach oben drängten, sah sie ihn an. Und nun wußte er, es war nur noch Bann und nicht mehr Spiel, daß er sich nicht abzuwenden vermochte.
Nun war es gleichgültig, ob Herbert danebensaß und kontrollierte; er tauchte unter in dieses Dunkel der Augen, hinter dem ein gedämpftes Rot zu glühen schien, und das Weiße rings um die Iris hatte einen feuchten bläulichen Glanz.
Es geschah ihm zum erstenmal, daß sich ein fremdes Gesicht aus hundert anderen so vorbehaltlos darbot, als wäre es allein mit ihm. Er hatte wohl Frauen gekannt, die mit Blicken zu reden, zu fragen und zu fordern verstanden, aber keine hatte ihn mit so willenloser Bereitschaft, mit so verlockender Erwartung angeblickt.
Es mochte wohl an der Musik, dem Föhn, der draußen wehte, und dem Gegensatz dieser städtischen Welt zu seiner dörflichen liegen, daß ihm nun zumute war, als schwände ihm der Boden unter den Füßen allmählich dahin. Die Augenblicke nüchternen Bewußtseins, in denen er an seine Heimfahrt nach Straßpoint dachte, wurden immer seltener. Aber als das Konzert zu Ende war, riß er sich noch einmal zusammen, grüßte unbefangen zu den beiden hinüber und eilte die Treppe hinab, um einer nochmaligen Aufforderung zum Mitkommen zu entwischen.
Es blieb ihm eine Stunde bis zur Abfahrt des Zuges. In der Stadt war Föhn, eine Märznacht im Dezember, zwei Tage vor Weihnachten. Er schlenderte durch die Straßen der Altstadt, hinaus an den Fluß, den Kai hinab, unter sausenden Bäumen, über die Brücke, von der er eine Weile ins Wasser hinabsah, das schwarz um die Pfeiler stand; weiter droben legten die Lampen feuerrote Streifen hinein, dort war es in zitternder Bewegung. Am Himmel trieb Gewölk dahin, durch das die weiße Mondkugel rollte, bald schwache, bald heftige Scheine flogen die Wolkenränder entlang. In Christian bebte die Musik nach und der Aufruhr, in den ihn das fremde Gesicht gebracht hatte. Er fühlte, das lockte jenseits der Liebe, wie er sie verstand. Es war ein Gesicht, das sich weder der bürgerlichen Welt noch jener des Abenteuers einordnen ließ, es schien keiner Familie zu entstammen, keiner Sippe anzugehören, nicht einmal einem bestimmten Volke. Es glich vielmehr dem Feuer, der Wolke, der Nacht und dem Wasser. Es würde keinen Sinn haben, in dieses Gesicht hineinzusprechen und auf Antwort zu warten, aber es war eine mächtige Lockung, sich seiner Gewalt hinzugeben.
Zum erstenmal sah er Brigitte ohne den hellen Umriß, den nur die Liebe sieht. Vor diesem fremden Gesicht verlor ihr vertrautes an Reiz, und da Christian in seinem Alter dazu neigte, jede kleinste innere Wahrnehmung ins gleichnishaft Bedeutsame zu übertreiben, fand er an dem Bild, das er von ihr hatte und das er nun mit kalten Augen durchforschte, Züge von kleinbürgerlicher Enge, trockner Vernünftigkeit, zu sehr aufs Praktische gerichteten Fleißes. Er ging noch weiter, gab ihr zehn, zwanzig Jahre dazu und sah sie mit kleinlichem Eifer das Haus besorgen, seine eigene Unordentlichkeit hassen, sein Lachen krumm nehmen, mit dem er die Dinge auf den Kopf stellte, wenn ihm ihr Anspruch, ernst genommen zu werden, nicht in den Kram paßte. So ordnete er sie einem Menschenschlag zu, für den er ein hochmütiges Lächeln hatte; er spürte die Grausamkeit, mit der er es tat, aber sie war ein neuer, lustvoller Kitzel, und in dieser Nacht, da ein märzwarmer Wind über ihn hinwehte und er ins schwarze Wasser hinabsah, in dem nicht das kleinste Eisstück mehr trieb, schien auch in ihm alles Feste zu schmelzen und in dem dunklen Fluß dahinzutreiben, mit dem gestaltlosen Wind zu verwehn.
Er ging in die Stadt zurück, voll Verlangen nach dem Zufall, der ihn in die Trunkenheit hinabrisse, in der alles, was Form und Begrenzung hat, sich in ein Zittern der Nerven zerlöst. Er ließ keinen Einspruch gelten, mit dem ihm die eigene Erfahrung zu bedenken gab, daß solchen Nächten immer die grauenvollste Ernüchterung gefolgt war, daß sie beinahe jedesmal ins Nichts geführt hatten, aus dem zurückzufinden eine qualvolle Übung der Reue war.
Er strich eine Weile durch die Straßen der Stadt, unschlüssig, wohin er sich treiben lassen solle. Es gab Weinstuben, wo die alten Bürger hinter eichenen Tischen hockten, den gleichen roten Tropfen vor sich, wie ihn schon ihre Urgroßväter zwischen Gaumen und Zunge kennerisch zerdrückt hatten, und sie saßen wie in einer Dunstwolke längst vergangener Zeiten. Daneben die amerikanisch weltstädtische Tanzbar, zwei Jahrhunderte jünger, aber, obwohl sie erst voriges Jahr erbaut worden war, doch schon von einem Hauch des Verfalls und der Gestrigkeit gestreift. Dann gab es noch den Bierkeller mit verlogener Heimatkunst, für das reisende Publikum zurechtgemacht; Zitherklänge, Gejodel, kniefreie Lederhosen, in denen statt des griffesten Hirschhornmessers der Kamm für die geölte Frisur stak.
Christian betrat den Garderoberaum der Tanzbar. Hier herrschte ein weiches, süßliches Halbdunkel, erfüllt vom Duft gepflegter Pelzmäntel und gepuderter Frauen. Eine Wendeltreppe führte in den Tanzraum hinauf.
Die ganze Anlage mit Stiegen, Nischen, Galerien und Nebenräumen erschien wie eine Kreuzung aus Kloster und Bordell. Die Wände waren in einem kühlen Olivgrün gehalten, Bilder fehlten, nur da und dort stand ein in die Länge gezogener, um die Achse geschraubter Akt aus rauhem Kunststein. Alles war von einem fast zynischen Geschmack beherrscht und paßte ebenso zu den grünen und blauen Schnäpsen, die am Bartisch gemischt wurden, wie zu dem gedämpften Stöhnen, Jammern und Winseln der Musik. Die Kellner servierten in roten Westen unter dem Frack, und in ihren Gesichtern stand ein solches Schauspielerwissen um das Kavalierhafte und den Stil dieser künstlichen Nachtwelt verzeichnet, daß das Publikum gegen ihre maskenhafte Haltung albern und mühselig wirkte.
Christian blieb eine Weile an den Rahmen der Tür gelehnt stehen und spürte, daß in alledem ein starker Wille zur Verneinung und eine Kraft steckte, den Tod zum Blühen und zum Duften zu bringen, ein künstlerisches Wissen um den Reiz des Morbiden. Es entzündete sich gerade dort zum scheinhaft Schönen, wo sich der nackte Verstand und das nervöse Verlangen nach Gift und Betäubung berührten.
Christian bewunderte die Ausdrucksgewalt dieser neuen Musik. Der sentimentalste Melos verband sich mit dem unerbittlich getrommelten Zweivierteltakt zum Pathos der Preisgabe und Verhöhnung seiner selbst; aus dem Saxophon wimmerte der Jammer einer ganzen Epoche mit tierisch-menschlicher Stimme, das Schlagzeug kreiste das Stöhnen wie mit dem Rattern einer zu Krieg und Vernichtung andringenden Maschinenwelt ein.
Licht, Klang, Geruch – sie mischten sich zu einer wohlabgewogenen Dosis süßen Giftes. Unter den Abendkleidern der Frauen die langsam fließende Bewegung der Beine und Gesäße, von ihren entblößten Rücken her der Duft der gepuderten Haut. Er dachte an Straßpoint, das zur gleichen Stunde unter den weißen Wintersternen lag; über dem schneestillen Land stand kristallen der Orion.
Herbert hatte Christian von seinem Tisch aus gesehen und winkte ihn heran. Er saß mit Arthur, der gleichfalls ein Regimentskamerad und nun Arzt an der Klinik war, mit einem jungen Architekten, Ljuba und zwei anderen Mädchen zusammen. Die hübschen Dinger konnten ebenso gut Studentinnen wie junge Schauspielerinnen sein; vielleicht waren sie nichts als gut bürgerliche Töchter von Beamten oder Tischlermeistern – Puder, Lippenrot und Abendkleid legitimierten sie für diese sachliche und zugleich unwirkliche Welt des Nachtlebens, von der es keinen Zugang zur Welt der Arbeit und des wirklichen Tages zu geben schien.
Man trank und lachte, frischte gemeinsame Erinnerungen auf, begann sich mit Worten abzutasten, mit halben Andeutungen zu entkleiden – diese Musik griff einem mit weichlicher Brutalität zwischen die Schenkel –, dann stand man zum Tanzen auf. Die Paare drängten sich auf dem kleinen, eirunden Parkett; in dem abgeblendeten Licht erschien das langsame Auf und Nieder der Schultern, das Vor und Zurück der Hüften wie das schwere Atmen eines einzigen Wesens oder – bei rascherer Musik – wie das Zucken eines einzigen, von Entspannungen geschüttelten Leibes. Aber wenn man eines der Paare im Auge behielt, sah man, daß es ganz für sich einen schmalsten Raum körperlicher Vertraulichkeit durchmaß, mit langsamen, einsgewordenen Schritten.
Christian und Ljuba waren sitzengeblieben. Sie erkannten an den ersten paar Sätzen, die sie miteinander sprachen, daß sie keiner Umwege bedurften, sie stießen mit einer Unmittelbarkeit aufeinander, von der sie betroffen waren. Unter der Andersgeartetheit der Herkunft, der Lebensform, des Geschlechtes mußte zwischen ihnen eine sinnliche Verwandtschaft bestehn, die sie in das gleiche magnetische Kraftfeld hineinzog, aus dem es kein Entrinnen mehr gab, sobald sie einander in die Augen blickten. Aber was sie sich sagten, hatte weder Gehalt noch Gewicht, es war nichts als eine unzulängliche Art, sich zu berühren.
Sie war das Kind einer ruthenischen Bauerntochter und eines österreichischen Offiziers, dessen Regiment vor dem Krieg an der äußersten Ostgrenze in Garnison gelegen war. Sie hatte ihn als Kind nur selten gesehn; er kam mit dem Zug, brachte Spielsachen und Süßigkeiten mit, blieb bis zum Abend und fuhr wieder fort. Schon in den ersten Tagen des Krieges fiel er. Die Mutter heiratete nach seinem Tod einen polnischen Gutsverwalter. Seit drei Jahren war Ljuba auf deutschen und französischen Universitäten, studierte Medizin und Musik, schien aber nicht ernsthaft bei der Sache zu sein; der Abschluß ihrer Studien lag noch in weiter Ferne.
Sie sprachen sehr wenig miteinander, sie fühlten, kein Wort konnte stärker und aufschlußreicher sein als ihr stummes Beieinander. Sie sahen sich an und das Schweigen stieg in ihnen wie eine Flut; sie strömten über von diesem Schweigen – lustvoll, weil sie beide das gleiche schwiegen; – schwermütig, weil es von dem Leid erfüllt war, an dem die Zeit litt.
Sie wußten, sie waren beide gleich einsam, und wußten auch, daß alle Menschen dieser Zeit einsam waren. Sie drängten sich wohl in Versammlungssälen aneinander und ließen sich von der Stimme eines Redners zusammenschmelzen; aber wenn die Versammlung zu Ende war, fielen sie wieder in Einzelne auseinander, sie hatten nichts gemeinsam als die Not, den Hunger, die Verzweiflung. Die reichten gerade dazu aus, die Massen rebellisch zu machen, ihnen den einstimmigen Schrei nach Brot und Vergeltung zu entreißen, aber sie waren nicht imstande, aus ihnen lebendige Gemeinschaften zu bilden, wie sie aus dem Geiste früherer Zeiten gewachsen waren. Es blieb die schmerzlichste Erfahrung dieser Jahre nach dem Krieg: daß die Masse nichts als die Summe unzähliger Einsamer war und kein Gebilde des Lebens, eher ein Instrument des Todes.
Da schwiegen nun zwei junge Menschen dieses Zeitalters und wußten, ihre Sinne stimmten wunderbar überein, sie könnten sich zusammen in ein Bett verstecken und aneinander Freude haben – es müßte nicht ihr Bett sein, auch das Zimmer brauchte ihnen nicht zu gehören, sie wären verborgener in irgendeinem Mietkabinett der Stadt. Um die vier Wände das Dröhnen dämonischer Maschinen, das erstickte Geschrei ihrer Sklaven, weiter draußen das langsam sterbende Land der Bauern, noch weiter draußen Meer und Wüste, Wolken und Sterne, dahinter das Nichts – und ganz im Kern dieses Bereiches ihres Bewußtseins sie beide in stummer Umarmung, für eine einzige Stunde dem Dunkel des Geschlechts anheimgefallen, der strengen Zeit entronnen, dem Wissen entschlüpft, das wie ein feines Stahlnetz über dem Leben dieser Epoche lag. Aber wenn sie sich aus den Armen ließen, wären sie einsamer als zuvor; auch das wußten sie.
Es war Eros, der in ihnen herrschte, und es gibt in unserer Sprache kein Wort dafür. Denn anders herrscht Eros, der Sohn des Überflusses und der Not, grausamer und wollüstiger als die Liebe.
Sie hatten getrunken und die Musik mitgesummt, nun standen sie auf und tanzten.
Herbert sah ihnen nach und in sein Gesicht trat der harte Zug des Mannes, der die Frau zu seinem Besitztum rechnet und weiß, ohne Gewalt läßt sie sich nicht besitzen. Sie hatte ihm schon während des Konzertes zu verstehen gegeben, daß ihr Christian gefalle. Das Bäurische, das sie gemeinsam hatten, und das sich unterhalb städtisch-gesellschaftlicher Schichtungen gleichsam auf dem nackten Boden der Erde fand, fehlte dem Rechtsanwalt, und er fühlte die Bedrohung, die ihm daraus erwuchs.
Erst viele Wochen später, als Christian den beiden Frauen gleich nah und gleich fern stand, begann die Art, wie sie tanzten, zu ihm zu sprechen. Das leichte, Abstand bewahrende Schweben Brigittes bedeutete Maß, Zucht und Selbstbehauptung auch dann, wenn er sie eng an sich zog; Ljuba aber hing ihm vom ersten Schritt an schwer und süß im Arm, sie hielt ihm ihr Gesicht mit geschlossenen Augen hin, den Mund ein wenig geöffnet, und ihr ganzer Leib erwiderte blindlings auf den seinen, mit solcher Zustimmung, daß er meinte, er schmölze in ihn herüber. Ihr Tanz ließ ihn vergessen, daß sie unter Menschen waren, er schuf einen geheimen Raum um sie; und mit jedem kleinsten Zeichen, das sie sich gaben, dehnte sich dieser Raum und drängte alles immer weiter fort, was außerhalb ihrer Berührung lag. Es war ihnen schließlich nicht anders zumute, als tanzten sie völlig allein und im Bodenlosen, von einer dämonischen Melodie so lange getragen, als sie tönte, und fallen gelassen, wenn sie verstummte. Dann fielen sie in die Welt zurück, der sie im Tanz entronnen waren, und es wurde ihnen immer schmerzlicher, sich voneinander zu lösen. Mit den beiden andern Mädchen zu tanzen, war eine solche Ernüchterung, daß Christian lieber sitzen blieb, wenn Ljuba mit einem ihrer Freunde aufstand. Dann sah er ihr nach und fühlte, es bedurfte nur des Zugriffs eines Mannes, um ihr alle Süße zu entlocken, die er selbst an ihr verkostet hatte. Sie hing auch dem neuen Partner im Arm und verging; sie hielt auch ihm das blasse Gesicht hin, mit geschlossenen Augen und dem großen nackten Mund. Christian trank den Wein, und er schmeckte ihm bitter; er sprach mit seinem Kameraden der Front, und es blieb schales Geschwätz; er dachte an Straßpoint und Brigitte, aber es war ein blasses, unwirkliches Bild. Wie bitter schmeckte das Weib! Zum Ersticken schön was sich unter den Kleidern abzeichnete, unversieglich in seiner Kraft, Lust zu nehmen und zu geben; aber voll Bitterkeit in der Welt des Mannes, fremd wie das Tier, stark und unzerteilt wie das schöne Tier, mit hundertfach belohnten Sinnen dem Eros hörig, dem der Mann in Verlangen und Verzicht eine Welt abringt, die er, sich tröstend, des Geistes nennt. Der rote Wein schmeckt ihm bitter, da er das Weib vor sich tanzen sieht, diese Lockung des Todes in der rosigen Gestalt der Freude. Denn er weiß, es ist wahrhaftig sein Tod, in den er zu verlöschen begehrt, wenn ihn die Schönheit alles Weiblichen anspricht. Es ist sein abgeschlagener Kopf in der Schüssel, um den sie tanzt, siebenmal und immer herrlicher in ihrer Nacktheit.
Dann will Herbert plötzlich nach Hause; es ist zwei Uhr nachts. In der Garderobe hilft Christian Ljuba in den Mantel; da fällt ihr das Handtäschchen zu Boden und springt auf. Er bückt sich danach und während er es ihr reicht, sieht er sie lange fragend an; zwischen Taschentuch, Kamm und Wohnungsschlüsseln hat er das glatte Metall eines kleinen Brownings funkeln sehn; da bekommen ihre Augen etwas Verschlingendes, sie saugen ihn ein, und stünden nicht Leute um sie herum, er weiß, er könnte nicht genug bekommen von diesem großen, weichen Mund, der zu keiner Rechenschaft bereit, aber jeder Stunde gefügig ist.
Die Gesellschaft war nicht aufgelegt, schlafen zu gehn. Man nahm ein Mietauto und ließ sich in die Wohnung Herberts bringen. Man hatte sich mit Getränk versorgt und beschlagnahmte, nun ganz unter sich, in ausgelassener Stimmung alles, worauf man liegen, sich strecken und sich räkeln konnte. Die Wohnung bestand aus zwei Räumen, die eine breite Türöffnung verband. Es waren große, in neuzeitlichem Stil eingerichtete Zimmer. Eine anspruchsvolle Kahlheit herrschte die hellen Wände entlang, und auch aus den Formen der Möbel sprach – oder besser gesagt, schwieg eine strenge, rücksichtslose Leere. Die Lampen waren Würfel und Zylinder aus pergamentartigem Papier und schienen ein völlig neutrales, schattenloses Licht zu verbreiten. Die übertriebene Nüchternheit allseits stimmte sonderbar zu dieser Gesellschaft von Leuten, denen es um Lockerungen mancher Art zu tun war. Eines der Mädchen lag auf dem Teppich und wirkte doppelt warm zwischen den geometrisch kühlen Figuren, die ein Maschineningenieur am Reißbrett entworfen haben mußte. Ljuba lag auf einem übermäßig breiten Diwan, sie verlor sich gleichsam auf ihm; ihr zu Häupten saß Herbert, und es sah seltsam aus, wenn sie sich von Zeit zu Zeit mit verkehrten Gesichtern küßten.
Christian stand in der Tür und schwieg. Er hörte Arthur von chirurgischen Eingriffen erzählen; dem jungen Arzt lag offensichtlich daran, seine Arbeit ins Grausige zu übertreiben und dieses durch eine möglichst wegwerfende Darstellung noch zu steigern. Die Mädchen, denen er es vortrug, kreischten auf, wenn er so tat, als wühlte er bis zu den Ellbogen nur so in Lebendigem. Der Architekt schenkte nach, ehe noch ausgetrunken war, er schien nichts anderes im Sinne zu haben, als die ganze Gesellschaft in Schnäpsen zu ersäufen. Auch das Grammophon bediente er und summte die leisen, schwermütig frechen Songs mit.
Wohin soll das alles führen, dachte Christian. Es war schal und ließ einen doch nicht fort.
Herbert redete auf seine Freundin ein, man verstand hin und wieder ein Wort davon, und Christian ging mit der Vermutung nicht fehl, daß er von ihm sprach. Mitunter unterbrach ihn Ljuba mit einem kurzen Lachen, das so viel bedeuten mochte wie: Kümmere dich nicht zu sehr um mich, mein Lieber, ich bin weder deine Tochter noch deine Frau.
Christian hatte schon in der Bar versucht, die beiden Kriegskameraden über das zum Reden zu bringen, was ihn selber bewegte: wie sie über die Zeit und ihre quälendsten Fragen dächten, ob sie nicht gleich ihm darunter litten, daß von ihren Träumen an der Front nichts übriggeblieben war als müder Zweifel an dem Sinn allen Geschehens. Aber sie waren mit ihrer Antwort, wie ihm schien, an seinen Fragen vorbeigegangen, ja er fürchtete, daß sie ihn gar nicht verstanden hätten.
Herbert war einem Verein ehemaliger Regimentskameraden beigetreten und forderte auch Christian auf, sich zu melden. Man komme wöchentlich einmal da oder dort zusammen – er nannte zwei alte vielbesuchte Weinhäuser –, es werde jedesmal spät, sei meist sehr lustig, und wenn man historisch bedeutsame Tage des Krieges feiere, erscheine man in festlicher Uniform und mit allen Auszeichnungen an der Brust. Man pflege die Traditionen des Regiments, bleibe politisch neutral, und Christian sah, daß das Ganze über eine vielleicht unterhaltsame Vereinsmeierei nicht hinausging.
Das ist alles Spießerromantik, hatte Arthur in der Bar erklärt und den Radikalen gespielt. Er scheute nicht davor zurück, die Ausrottung aller Andersdenkenden zu fordern, knüpfte ganze Regierungen an die Bäume, kehrte das Unterste zuoberst und wirtschaftete überhaupt wie ein rebellisch gewordener Chirurg in den Eingeweiden des Volkskörpers. Als Christian einwandte, daß er auch dies für Romantik halte, und zwar für Räuberromantik, bekam er einen Lobgesang auf die Männlichkeit der nun anbrechenden Epoche zu hören. Nichts konnte auf Christian weibischer wirken, als diese Verherrlichung der brutalen Gewalt.
Lies den »Willen zur Macht!« erwiderte Arthur, und du wirst verstehn lernen, daß die Herde nach der Peitsche verlangt wie das Weib.
Wenn Sie zu mir kommen, warf Ljuba ein, dann lassen Sie bitte das Instrument zu Hause, auch wenn es ein halber Pole war, der es Ihnen empfiehlt.
Wann darf ich kommen? fragte Arthur mit unverschämter Schlagfertigkeit und ließ die Augen halb zufallen, was ihm den Ausdruck des eiskalt lüsternen Beutemachers geben sollte, und worüber Ljuba belustigt auflachte.
Bleiben Sie so, sagte sie, Sie sehen aus wie im Film! Sie sollten die Chirurgie an den Nagel hängen und in die Dschungel gehn, um Tiger zu erwürgen und Engländerinnen zu heiraten.
Ich bau dir eine Staffage aus Glas und Schlangenhaut, schlug der Architekt vor, die Wände laß ich dir mit rauchendem Stierblut streichen.
Arthur behalf sich mit einem neuen Glas Sherry.
Eines der Mädchen fragte Christian, wie er sich den männlichen Mann nun eigentlich vorstelle.
Das darf wohl eine Männerfrage an Männer bleiben, erwiderte er, Frauen haben im allgemeinen vom Antwortgeber mehr als von der Antwort.
Er kneift, rief Herbert herüber.
Ja, ich kneife, gab Christian zu, und überdies ins Scheußlichste, was ich mir denken kann: in die Ödnis geistreicher Sätze. Aber ich kann nicht ein Gebilde zerreden, das sich mir selbst erst in zartestem Umriß zeigt, gleichsam von lauter Verneinungen herkömmlicher Typen ausgespart; etwas noch Ungewisses, Schonungsbedürftiges, dem das Schweigen besser dient als das Reden. Aber ich spüre, daß es wird. Abseits aller bewußten Zuchtversuche wächst der neue Mann heran und wird einmal Maß und Bild des europäischen, nein, des weißen Menschen überhaupt sein. Vieles wird an seiner Formung teilhaben: die Lust am gesunden, durchsonnten Leib, die Freude an der spielend beherrschten Maschine, der Sinn für Einfachheit, das Mißtrauen gegen jede Art Aufputz, Ersatz und Zierat, ein neues Gefühl für das Geheimnis. –
Welches Geheimnis? warf Arthur ein. Du wirst doch nicht sagen wollen, daß wir noch einmal in das seelische Verhalten der Wilden zurück müßten, wo uns die Naturwissenschaften glücklich der Mühe enthoben haben, an einen oder mehrere Götter zu glauben, sie zu fürchten und durch Opfer zu versöhnen? Wir wissen heute, daß die gesamte sogenannte Schöpfung nichts ist als eine chemische Fabrik, wenn du willst, ein physikalisches Laboratorium; wir verfügen über Werkzeuge, die uns jede Art von Glauben ersparen –
Außer den, daß es wirklich so ist, wie du sagst, erwiderte Christian. Ob du an deine chemische Fabrik glaubst, deren Arbeitsergebnis du nicht kennst, oder daran, daß das Leben ein Geheimnis bleibt, hinter dem sich Jenseitiges verbirgt, kommt, bei Licht besehen, auf das gleiche hinaus. Dem neuen Menschen wird es keine Mühe sein, an das Jenseitige zu glauben, sondern eine wahre Freude des Verstandes wie des Gemüts, und sollte er es auch in das eigene Innere hineinverlegen. Er wird nicht die Hände in die Taschen stecken und warten, bis ihn die Boten des Himmels ins Paradies einliefern, er wird die Erde ernst nehmen und alles tun, um sie immer wohnlicher und liebenswerter zu machen. Ich denke mir das kommende Menschenpaar heiter und furchtlos, sein geschärftester Sinn wird der für die Wirklichkeit sein, und dennoch wird er dem Kindlichen wieder näherkommen, seinem Spieltrieb und seiner Gläubigkeit, aber nicht durch Zurückbleiben, sondern auf dem gewaltigen Umweg des Wissens, der Selbstzucht und der Demut vor dem, was du als »sogenannte« Schöpfung bezeichnest. Der neue Mensch wird viel lernen, sein Verstand wird so gut funktionieren wie die Maschinen, deren er sich bedient, aber er wird wissen, daß dies erst ein Siebentel seines Wesens ausmacht, noch lange nicht das Ganze. Er wird hart und zart zugleich sein, voll Ordnungswillen und doch voll Respekt vor allem, was er sich zu ordnen anschickt. Er wird weniger essen, weniger lärmen, sich leichter und vernünftiger kleiden. Er wird eine klare, vielleicht kühle Musik schreiben, voll Erinnerung an das Gesetz, nach dem die Gestirne ihre Bahnen gehn, die Elektronen den Atomkern umkreisen, aber auch voll Zärtlichkeit für die wehenden Wiesen der Juninacht, voll Dankbarkeit für das erste Wort der Geliebten. Die Farben, mit denen er malt, werden hell und wenig vermischt sein, sie werden mehr erfreuen als berauschen, mehr verbergen als preisgeben; auch seine Bücher werden ernüchtern und mit Klarheit erfrischen, statt zu berücken und zu überwältigen. Er wird überhaupt gegen Überwältigung gefeiter sein als bisher und dennoch tief ins Gefühl tauchen, aber mit offenen Augen. Wie wir schon heute mit Stahlgondeln bis zu tausend Metern in die ewige Finsternis hinabdringen und ihr die Bilder eines märchenhaften Lebens entreißen, so wird der künftige Mensch die Tiefsee seiner Gefühle mit hellstem Bewußtsein durchfahren und dennoch nicht aufhören zu staunen, ängstlich und ehrfürchtig vor der dunklen Tiefe ihrer Herkunft. Die Apparate, mit denen wir schon heute Wetterumschlag und Erdbeben wahrzunehmen vermögen, ehe unsere Sinne Kenntnis davon erhalten, wird er vielleicht allmählich entbehren können, weil er selbst seine Feinfühligkeit übt und steigert. Was heute in okkulten Zirkeln eine lächerliche Bemühung bleibt, Unbegreifliches greifbar zu machen, darüber wird er im hellen Licht des Tages als über einen siebenten und achten Sinn verfügen wie über Aug und Ohr.
Christian sprach in einer sonderbaren Erregung. Als er nun innehielt, schwiegen alle. Nach einer langen Pause, in der jeder mit sich selbst beschäftigt schien, sagte Ljuba mit halber Stimme:
Weiter!
Christian lächelte. Er zündete sich eine Zigarette an und schenkte sich das Glas wieder voll, das er auf einen Zug leertrank. Eines der Mädchen rief ihm zu:
Sagen Sie was Hübsches über die Frauen, wie werden die Frauen sein?
Der Architekt antwortete:
Wie immer, natürlich.
Das andere Mädchen fragte:
Ist das ein Kompliment oder eine Beleidigung?
Da sagte Ljuba:
Eine Weisheit.
Unbegründet heftig fuhr Christian sie an:
Oder eine Flachheit, ganz, wie man will.
Er war rot geworden und fühlte, daß sie ihn in diesem Augenblick haßte. Man plauderte so fort, trank und rauchte, ließ das Grammophon spielen und eines der Mädchen tanzte dazu, nicht ungeschickt, aber ein wenig schamlos.
Christian ging vieles durch den Kopf; er hätte noch hinzufügen mögen, wie anders sich die Menschen einmal zum Geld, zur Macht, zueinander verhalten werden, er sah so viel Helligkeit, Sauberkeit und Lächeln über der neuen Welt, daß er am liebsten die ganze Nacht davon geredet hätte. Aber zugleich ödete ihn die Gesellschaft, in der er sich befand, maßlos an, und so sagte er in eine Pause hinein, die durch das Einlegen einer neuen Grammophonplatte entstand:
In Wahrheit wird alles beim alten bleiben, und wenn der liebe Gott seine Menagerie nicht durch Neuanschaffungen auffrischt, wird unter den übrigen Säugern der Mensch seinen Platz behalten, ein Spiegelbild sämtlicher Gruppen und darüber hinaus eine Kreuzung aus Teufel und Cherub.
Amen! schloß Arthur mit predigerhaftem Augenaufschlag die Unterhaltung.
Was war in Ljuba gefahren? Sie hatte viel getrunken; ihre Augen glänzten aus dem blassen Gesicht, sie fanden Christian im großen Spiegel an der Wand gegenüber, er stand allein in der gläsernen Fläche, ein wenig vornübergebeugt, und nun wollte sie seine Scheingestalt zwingen, sich ihr zuzuwenden, sie versammelte alle Kräfte in ihren Blick, und da es ihr nicht gelang, ihn aufschauen zu machen, sagte sie gegen den Spiegel hin:
Sie sind ein Clown.
Er sah sie halbaufgerichtet auf dem Diwan liegen und folgte ihren Blicken; da traf er in dem magischen Raum der Glaswand auf sie und erschrak.
Was willst du von mir, fragten seine Augen die ihren; Herbert ist mein Kamerad, tödliche Stunden waren uns gemeinsam, drängst du dich da ein? Aber dann schwand sein Widerstand vor der passiven Gewalt dieses Mädchens, er sah ihr gebannt zu, wie sie ihr Handtäschchen öffnete, den kleinen Browning herausnahm, er hörte sie fragen:
Schenkst du mir diesen Spiegel, Herbert?
Welchen? fragte Herbert zurück.
Da hob sie langsam die Hand, wie um zu zeigen, was sie sich wünschte, Christian sah, vielleicht als einziger, das glatte Metall zwischen ihren Fingern – er sah es im Spiegel – er wendete sich ab und tat einen Schritt auf den Diwan zu, da drückte sie los.
Die Mädchen schrieen markdurchdringend auf, Herbert stürzte sich auf Ljuba und riß ihr die Waffe aus der Hand, er war bleich bis in die Lippen, Arthur war in einem Sprung bei ihr, er glaubte, sie habe Hand an sich gelegt, der Architekt polterte los, ob man denn verrückt geworden sei. Christian ging zum Spiegel, der ein kleines Loch zeigte, rund und sauber herausgeschmolzen, etwas tiefer als seine Schulterhöhe; er ging an seinen Platz zurück, und als er den Schritt wiederholte, den er vorhin getan hatte, sah er, daß der Schuß in das Spiegelbild seines Rückens gegangen war.
Dann stellte er befriedigt fest, daß niemand von ihm Notiz genommen hatte, und bemerkte so ruhig als möglich:
Fräulein Ljuba hat in den Spiegel gefeuert; ich weiß nicht, hast du ihn ihr geschenkt, Herbert, oder gehört er noch dir?
*
Vor dem Haustor zu Ljubas Wohnung verabschiedeten sich die Mädchen, Arthur und der Architekt. Man war wieder bester Laune, Ljuba hatte schon öfters mit Überraschungen aufgewartet, man nahm es ihr nicht weiter übel. Als sich auch Christian empfehlen wollte, bat sie ihn, noch einen Augenblick zu warten, sie habe ihn etwas zu fragen. Er stand mit ihr vor dem offenen Tor, bis die andern um die Ecke verschwanden.
Eine Lampe, quer über die Straße gehängt, schaukelte im Wind; mit schwarzen Flügelschlägen kreiste der Schatten über die beiden hin. Sie sahen sich an und lächelten. Dann ging Ljuba ins Haus und Christian schlug hinter sich das Tor zu.
Ljubas Zimmer war ein schmaler, ungemütlich nüchterner Raum mit einem Fenster an der Schmalseite gegenüber der Tür, einer hohen Decke und der Einrichtung gewöhnlicher Mietkabinette. Sie schien es kaum zu bewohnen, sie hatte nichts unternommen, es behaglicher zu machen. An der einen Längswand stand das Bett, an der andern der Waschtisch und ein Kasten, vor dem Fenster eine Art Schreibtisch, auf dem sie neben Büchern und Photographien Strümpfe und eine Schlupfhose liegen hatte. Christian saß im Mantel auf diesem Tisch – es war nicht geheizt – Ljuba auf dem Bettrand. Auf dem Nachtkästchen zwischen ihnen stand eine halbe Flasche Wein; sie tranken aus dem Glas, in welchem die Zahnbürste gestanden war. Das Licht kam von der Decke und war außerordentlich grell.
Solche Zimmer hatte Christian bewohnt, bevor er ins Dorf ging; Räume der Trostlosigkeit, möblierte Einöden. Er schwieg wie gelähmt und dachte vieles zugleich.
Auch Ljuba schwieg; sie wartete wohl darauf, daß er zu sprechen beginne. Aber wo sollte er anfangen? Alles an diesem Abend, von dem Augenblick an, da er den Konzertsaal betrat, bis zum Zufallen der Haustür, hatte ihn immer rascher und gewaltsamer hierher in dieses Zimmer gezerrt. Er wußte, hier war das glühende Dunkel, in das er sich gesehnt hatte – fort aus der taghellen Welt Brigittes, aus der Schulstube und dem ganzen Dorf. Aber es gehörte in sein Alter, daß er mehr wußte, als er zu leben imstande war; er dachte wie ein Mann, aber er war noch keiner.
So grübelte er, wie er des Lebens habhaft werden sollte, das sich ihm darbot, und konnte sich nicht verstehn. Was sollte er diesem Mädchen sagen, das ihm ins Fleisch gefahren war wie brennender Stahl? Er saß da und trank, es war ihm zum Heulen elend.
Ljuba sah ihn an und schwieg. Niemand hätte in ihrem Gesicht zu lesen vermocht; ein lauerndes Lächeln war darüber gebreitet und deckte alles zu, was in ihr vorging.
Als Christian ausgetrunken hatte, fing er an, im Zimmer auf und nieder zu gehn; er wollte sich zu einer Erklärung sammeln, die ihm notwendig erschien, aber sobald er zum Sprechen ansetzte, fiel ihm ein, daß er noch weiter ausholen müßte, immer noch weiter, er verzweifelte schon, überhaupt einen Anfang zu finden; mußte er nicht doch Brigitte hereinziehen, von der er ihr noch kein Wort gesagt hatte?
Du brauchst es nicht zu tun, kam es vom Bett her.
Er blieb stehn, vermochte kaum zu sprechen.
Was?
Nichts, gute Nacht!
Er war viel zu verwirrt, er sah, sie hatte sich zurückgelehnt und die Arme unter dem Kopf gekreuzt. Sie lächelte; unter den halbgeschlossenen Wimpern kam der dunkle Blick auf ihn zu. Er begann heftig zu zittern. Endlich trat er ans Bett; aber als er die Hände nach ihr ausstreckte und sich über sie beugte, um sie zu küssen, sagte sie in einem Tone, der ihn vernichtete:
Geh!
Nie wird Christian diese Nacht vergessen, in der er zwei drei Stunden lang durch die Stadt lief, bis ihn der erste Frühzug ins weiße Land hinaus rettete.
Wehe, mich tötet die Nacht, die seligste, die ich versäume! Dieser Vers, den er vor Jahren gelesen und sich gemerkt hatte, weil er damals voll Neugier gewesen war, ob ihm dergleichen einmal widerfahren würde, begleitete ihn heim, und er wußte bis ins Herz hinein, daß es diesen Tod gab.
Er hatte den Vormittagsunterricht versäumt und mußte zum Pfarrer, sich zu entschuldigen. Die Kinder waren nach der Messe ins Schulhaus hinüber und hatten auf den Lehrer gewartet. Nach einer halben Stunde war es drunter und drüber gegangen wie in einem brennenden Negerdorf, der Pfarrer hatte das Geschrei bis in seine Wohnung gehört und war gekommen, um Ordnung zu machen. Er erzählte es nun Christian mit einer unheimlichen Sachlichkeit, so daß der spüren mußte, wie gar nicht unwillkommen es dem andern war, von Dienstversäumnissen des Schulleiters Kenntnis zu haben.
Nachmittags blieben die meisten Kinder aus. Christian war es unmöglich, in seiner Verfassung zu unterrichten; er schickte die wenigen, die gekommen waren, nach einer Stunde wieder heim. Er ging ins Wirtshaus.
Ein Bruder Gaspers, der sonst den größten Teil des Jahres beim Oberbau der Eisenbahn arbeitete, führte die Wirtschaft; ein kaum schulentwachsenes Mädchen schenkte ein.
Christian saß allein in der Stube und trank Schnaps, drei Gläser, fünf, sieben, acht – bis er wußte: jetzt kann ich schlafen, jetzt ist es begraben, wenigstens für heute.
*
Brigitte schmückte den Christbaum. Er stand im Erker des Wohnzimmers im schönsten Licht des Nachmittags. Die Sonne war beim Untergehen und spielte schräg ins Astwerk herein, daß die Nadeln aufglänzten wie im Sommer; der Schmuck funkelte in buntem Stanniol, exotische Früchte, Käfer und Vögel; ein tropischer Frühling, während im Ofen das Holz krachte und draußen auf den verschneiten Flächen die Schatten des Gebirges blauten. Dann hingen Goldfäden in den Zweigen, liegengebliebene Strahlen der Sonne, die untergegangen war.
Brigitte war in einem stillen Taumel; sie freute sich auf Christian, den sie über eine Woche lang nicht mehr gesehn hatte. Aber sie freute sich nicht stürmischer, als man sich über gutes Wetter freut; sie ging langsam um den Baum herum, mit Goldketten in den Händen, und summte ein Lied, sie hatte ihr liebstes Hauskleid an, darin sie sich jedesmal wie am ganzen Körper liebkost fühlte; sie lächelte und fürchtete nichts – selbst wenn ihr Christian heute für immer Lebewohl sagte, würde sie lächeln. Ja, sie war wieder das glückliche Kind, mit allem in Eintracht, auch mit sich selber. Es war schön, zu atmen, zu gehn, zu lächeln und zu summen, es war schön, in der Stille und im Tannenduft allein zu sein – und im Grunde war es auch genug. Alles darüber hinaus brachte nur Unruhe, machte bang und zitternd; am besten wäre es, heute abend zum letztenmal eine Puppe zu bekommen und sich mit ihr in irgendeinen Winkel zu kauern, sie im Schoß zu halten und die Augen zu schließen. Aber das war wohl längst vorbei.
Nach dem Abendessen kleidete sich Christian um. Er vergewisserte sich einige Male, ob keines der Geschenke fehle, die er für Brigitte und ihre Eltern besorgt hatte. Dabei überkam ihn plötzlich eine Art Weihnachtsfreude. Da lagen die Sachen, in festlich buntes Papier gewickelt – mit Goldbändern verschnürt – die Kaufleute verstanden es, Geschäft und Gemüt in Einklang zu bringen; Jörg hatte ihm ein paar Tannenzweige gebracht, die steckte er dazu. Er war in eigenartiger Verfassung: er ging umher, als fehlte ihm das Gewicht, als wäre der Zusammenhang mit dem Boden, der in der Schwere beruht, zerrissen. Keines Dinges, mit dem er umging, war er sich ganz bewußt, was er tat, schien ihm ohne ihn zu geschehn. Aber es war nicht Leichtheit, die ihn trug; er fühlte sich wie verstorben. So mußte einem zumute sein, der eine Tat hinter sich hatte und nun auf die Folgen wartete, die er nicht vorausberechnet hatte. Was wird geschehen, wie werde ich mich verhalten, was wird über mich hereinbrechen? Er dachte eigentlich an nichts, manchmal lächelte er vor Müdigkeit, er lebte seit drei Tagen vor sich hin, ohne Willen, ohne Reue, aber auch ohne Lust. Eine verzehrende, rein körperliche Sehnsucht nach Ljuba überfiel ihn, wenn er nicht schlafen konnte. Die kleine Regung von Weihnachtsfreude tat ihm wohl; er war dankbar dafür.
Wie würde er heute bestehn? Er nahm sich vor, viel zu schweigen; gegen elf Uhr mußte er ohnedies aufbrechen, wenn er zur Christmette nicht zu spät kommen wollte. Und das durfte er keinesfalls, man brauchte ihn an der Orgel heute nötiger als je.
Er ging den Weg über die Felder ins Nachbardorf hinab. Der führte am Taxer vorbei. Es war schon längst Nacht; das einzige Licht kam vom Schnee selbst, der es vielleicht von den Sternen empfing, wenn er nicht noch immer von der vielen Sonne leuchtete, die er heute in sich getrunken hatte. Der große Hof lag dunkel und völlig stumm auf dem Hang; knapp neben dem Taxerzaun schnitt die Straße den Hügel an und wurde zum Hohlweg. Christian wollte gerade in ihn einbiegen, als auf dem Hof die Haustür ging. Er blieb stehn und verhielt sich still.
Aus dem Haus trat der Taxer, hinter ihm Hannes, beide barhaupt, obwohl es kalt geworden war. Der Bauer hatte eine kleine Pfanne in der Hand, in der rot glühende Holzkohle rauchte, Hannes trug einen zusammengebundenen Buschen Fichtenzweige. Der Alte blieb nach ein paar Schritten stehn, Christian hörte ihn sagen:
Hannes, den Weihrauch!
Der zog eine Schachtel aus der Tasche und hantierte über der Pfanne. Christian hörte die Glut aufzischen und sah große, helle Rauchwolken steigen. Dann trat Hannes wieder hinter den Vater. Sie gingen in den Anger, wo die Obstbäume standen.
Christian wußte, daß heute die erste Rauchnacht war. Er sah sich hinter dem eigenen Vater die Kellerstiege hinabgehn, er roch den heiligen Rauch, der aus der Kohlenpfanne aufstieg und wie duftender Nebel über sein Gesicht zog. Aber er hatte nie gehört, daß man auch in den Baumgarten ging, um zu räuchern; auf Straßpoint hatten sie jedenfalls davon abgesehn.
Der Taxer blieb vor dem schönsten Baum stehn, einer gewaltigen, hochästigen Kirsche. Er gab dem Hannes die Pfanne. Dann klopfte er mit gekrümmtem Finger an die Rinde, dabei neigte er den Kopf zur Seite, als horchte er. Christian hörte das Pochen deutlich herüberklingen und dann feierlich die Worte:
Baum, wach auf und trag,
morgen ist der Heilige Tag!
Dann gingen sie zur Zauntür, die beinahe ein stattliches Tor war, und Hannes befestigte seinen Buschen über dem Eingang.
Christian überkam eine andächtige Freude, und er rief den beiden gute Feiertage zu.
Gleichviel, Lehrer! kam es doppelt zurück; dann ging er weiter.
Wie nichtig war sein bißchen Leben gegen den Strom von Leben, der durch das alte Bauernland ging! An seinen Ufern standen die Höfe, verbunden durch sein Rauschen Tag und Nacht, gespeist von seiner Kraft; wer nicht taugte, den verschlang es, erbarmungslos, den Jörg, den Gasper, die Marie und ihn selber, Christian, den ein bißchen Musik schon aus den Angeln hob.
*
Brigitte war so anders als sonst, voll ruhiger Heiterkeit, voll sicherer Freude. Er hatte ihr ein Buch gekauft: Totenmasken. Sie hatten einmal davon gesprochen und Christian hatte gemeint, gerade der letzte Herzschlag müsse es sein, der die innerste Form ganz heraustreibe. Sie hatte eingewendet, daß Krankheit das Gesicht verändere, ja zerstöre; auch das gehöre noch dazu, hatte er erwidert, nichts sei entbehrlich, wenn das letzte, das endgültige Gesicht entstehen soll, schon gar nicht Krankheit, Verzweiflung und das Sterben selbst. Jede Sekunde sei nötig zur allerletzten Prägung. Krankheit? Ja, sie zerstöre das Gesicht, aber was da zugrunde gehe, sei nur die Gesundheit, nur Fleisch und Schein, nicht das Wesen. Das träte nun nackt hervor und lege Zeugnis ab für den Gestorbenen; der Tote rechtfertige erst den Lebenden. Der Ernst, mit dem das geschehe, rühre uns jedesmal erschütternd an, nie sei unsere Ehrfurcht vor dem Menschengesicht größer als in dem Augenblick, da die letzte Möglichkeit, uns zu täuschen, der steinernen Wahrheit gewichen sei.
Die beiden standen unter dem brennenden Baum und blätterten in dem Buch. Christian bemerkte hie und da etwas zu einem Bild, ohne dadurch das feierliche Schweigen zu stören, das von dieser Parade des Todes ausging. Zum Schluß sagte Christian – und er vermied es, Brigitte dabei anzusehn –:
Wie wird einmal das meine sein?
Sei still!
Aber er fuhr fort:
Warum, Brigitte? Es muß noch an vielem zuschanden werden, ehe es zu sich selber kommt. Noch lügt es.
Brigitte strich ihm über das Haar.
Komm zu Tisch!
Nach dem Essen dankte Christian allen für die Geschenke, die er bekommen hatte. Der Wein machte ihn schwindlig, er trank ihn zu schnell; er rauchte auch zu hastig. Man sprach von Alltäglichem. Brigittes Mutter hatte knapp vor Weihnachten das Dienstmädchen wechseln müssen; das war noch immer ein Aufruhr in ihrem Gemüt. Man erörterte breit diese ewige Sorge der Hausfrauen. Hatte sich Christian nicht vorgenommen, viel zu schweigen? Nun redete er, als hätte er jahrelang darüber nachgedacht und darauf gewartet, seine Weisheit an den Mann zu bringen. Er redete nicht lebhaft wie sonst, wenn er viel sprach. Er blieb sehr ruhig dabei, ja, er setzte seine Worte langsamer und leiser, als man es an ihm gewohnt war. Aber was er sagte, schien alles aus reinster Bosheit zu kommen. Natürlich hielt er zu den Dienstmädchen und griff wieder die bürgerliche Gesellschaft an, die es nicht anders verdiene, als daß sie betrogen, bestohlen und in jedem Sinne begaunert werde. Sie glaube, man könne sich Freundlichkeit, Treue, Zuverlässigkeit und was sie sonst noch vom Hausgehilfen verlange, mit Geld erkaufen, mit dem sie obendrein noch knausere. Der Bauer wisse mit dem Gesinde umzugehn, er habe einiges Herrentum in sich; aber der Bürger sei gar kein Herr, er habe allzulange seine Bücklinge gemacht, und was er jetzt als Überlegenheit ausgebe, sei nichts als die Anmaßung eines zu Geld gekommenen Bedienten.
Brigittes Mutter ärgerte sich maßlos, und als dann Christian dazu überging, das Bild der bürgerlichen Welt mit noch frecheren Farben zu malen, als er begann, den Beamten, den Professor, den Kaufmann mit höhnischen Strichen zu karikieren, riß auch dem Vater die Geduld. Das gehe denn doch zu weit; man feiere nicht Feste, um sich Anzüglichkeiten sagen zu lassen. Er rechne sich selbst zu jener Gesellschaft, die da auf eine billige und plumpe Weise verunglimpft werde; woher nehme ein Achtundzwanzigjähriger eigentlich das Recht, über die Welt herzufallen, in die er kaum die Nase gesteckt habe? Brigitte war unglücklich. Wozu das alles? Was war in Christian gefahren, daß er von Bosheit nur so spritzte? Er blickte kaum einmal zu ihr hin, saß weit zurückgelehnt da, spielte mit dem Obstmesser und sah sich dabei zu. Sein Gesicht war außerordentlich blaß, besonders die Stirn erschien krankhaft bleich, sein Mund aufgeworfen von Spott, die Nasenflügel zitternd geweitet von Lust am Wehtun. Soweit kannte sie ihn freilich, daß sie begriff: er litt. Sie hätte ihn gern allein gehabt, um ihn endlich zu fragen, wie es seit einer Woche um ihn stünde; aber zugleich wußte sie, daß sie kein Wort über die Lippen brächte. Was hatte er damit sagen wollen, daß sein Gesicht lüge?
Auf den Ausbruch des Vaters war Schweigen eingetreten, die peinliche Stille in einer Gesellschaft von Leuten, die dazu verurteilt sind, aneinander vorbeizureden.
Plötzlich stand Christian auf, hob das Weinglas vom Tisch und hielt es in der Hand, solange er sprach; es zitterte ein wenig. Er war noch blasser geworden. Brigitte, die sich erheben wollte, bat er, sitzenzubleiben und ihn einige Minuten sprechen zu lassen. Die drei schwiegen betreten und sahen auf das Tischtuch nieder, als verliehe das Halt in dieser ungewöhnlichen Lage.
Meine Lieben! begann Christian, und er war selbst verwundert, daß er aufgestanden war, um eine Rede zu halten; aber nun war es einmal in ihn gefahren, aufzustehen und zu reden, das Glas zitterte in seiner Hand, er blickte mit aufgerissenen Augen vor sich hin, etwas wälzte sich in seiner Brust und wollte heraus, er lächelte, aber es war ein gequältes, verzerrtes, hilfloses Lächeln. Meine Lieben! sagte er noch einmal und stockte schon wieder; niemand kam ihm zu Hilfe, sie saßen da und starrten vor sich auf das Tischtuch.
Und plötzlich wußte er, wie lächerlich es ist, vor drei Menschen, Vater, Mutter und Tochter, so dazustehn und sie mit dem Glas in der Hand anzusprechen, und als hätte es nur dieser Einsicht bedurft, um ihn in Schuß kommen zu lassen, fuhr es aus ihm heraus – ganz anders, als er gehofft hatte, noch höhnischer als zuvor, ja beleidigend höhnisch:
Lassen wir die bürgerliche Welt leben, trinken wir eins auf die Dienstmädchenfrage! Wir haben vier Jahre lang in verlausten Baracken gelegen und fremde Leute totgeschossen, damit es das alles auch weiterhin gebe. Die Welt ist in Rauch aufgegangen, aber das, was der Beamte einen Akt nennt, ist übriggeblieben, unversehrt, unverletzlich, sakrosankt. Die Primaner haben Maschinengewehrnester gestürmt und Tanks mit Handgranaten zerschmissen, damit die Möglichkeit fortbestehe, daß sie wegen eines vergessenen Aorists für unreif erklärt werden – von erwachsenen Leuten, deren Leben nichts als ein Schulbuch voll überflüssiger Fragen ist. Ein Haus ist zusammengestürzt – wir müssen im Grenzenlosen nächtigen, aber den Zimmerschmuck haben wir gerettet, Gott sei Dank!
Aber das war es nicht, was ich sagen wollte, das gehört gar nicht hieher unter den Baum des Friedens, auf das frisch gewaschene Tischtuch. Ich wollte nur bitten, daß sich niemand darum bekümmere, was ein Dorfschullehrer redet. Denn woher kommt er und wie treibt er's? Der Tod hat ihn verschont, tausendmal; ist ihm damit nicht ein Auftrag erteilt, das zu tun, was seine Freunde nicht mehr tun können, weil sie längst zu Staub zerfallen sind? Wie aber stellt er sich zu diesem Auftrag? Er versucht dies und das und hat kein Ziel in sich, hat keine Geduld und keine Treue, er flieht die Kampfstätten, auf denen um das große Vermächtnis gekämpft wird, und flieht in den ländlichen Herbst, um zu schwelgen, in das tiefverschneite Bauernland, um sich zu verstecken. Er redet sich heimlich ein, daß er hier seinen Mann stelle, er macht Ansätze, nimmt Anläufe, Woche für Woche, ein richtiger Lehrer zu sein, aber auch da ist seine Geduld zu kurz, sein Eifer zu lahm, seine Selbstsucht zu brennend; er will nicht dienen, er will ein unbekümmertes Ich sein und sich das Leben im Mund zergehn lassen wie ein Stück Pfirsich. Und weiß doch zugleich, daß er damit das Leben verrät, daß er an Schwere verliert und sich in Genüsse, Schmerzen, Grübelei und Launen auflöst. Er liebt, ja, er liebt dich wahrhaftig, Brigitte, auch euch, Vater und Mutter, aber darf er sich zutrauen, einen Hausstand zu gründen? Ein Musikstück macht ihn schwanken bis zum Grund, noch immer ist er erst am Anfang, nichts ist ihm so weit geraten, daß er es Kindern vererben dürfte, seine Hände sind leer, ganz leer, darf er so leere Hände nach einem andern ausstrecken, um ihn hereinzuziehen in sein nichtiges, nichtiges Leben? Brigitte, nun will ich dir alles sagen …
Der Arzt hatte Christian beobachtet, seit er von sich sprach; nun sah er ihn schwanken, seine Stirn war voll kleiner Tropfen. Brigitte sprang zugleich mit dem Vater auf und sie kamen gerade zurecht, ihn aufzufangen, der Wein rann zu Boden, das Glas entfiel seiner Hand und zerbrach, die Mutter schrie auf. Christian wurde es schwarz vor den Augen, eine ungemeine Schwäche rann ihm vom Kopf in die Glieder, er sank zusammen und spürte nichts mehr von sich, eine kreisend saugende Finsternis hatte ihn verschluckt.
*
Auf den Almböden, mitten im Schnee, brennen die Sonnwendfeuer. Die Burschen schwingen an langen Stangen lodernde Taxkränze und schleudern die kreisenden gegen das Tal hinab, sobald sie zu geschlossenen Flammenringen entfacht sind. Von den Hügeln um das Dorf schlagen dumpf die Böller, vor den Haustüren stehn die Buben und schießen die Flinten ab. Darüberhin läuten durchs ganze Tal hinaus die Glocken. Von den Einödhöfen kommen kleine Lichterreihen auf das Dorf zu, Fackeln, Kienspäne, Laternen. Mit ihnen wandert eine zarte Röte über den Schnee, ein kleiner warmer Hauch des Lebens in der eisigen Dunkelheit. Um Mitternacht sind die Burschen von den Almen da, Glocken und Flinten verstummen, wieder reicht die Stille bis zu den Sternen. Die Fenster der Kirche sind hell, drinnen knieen die Leute dicht gedrängt in den Stühlen, ganz vorne die Kinder und vor ihnen ist die heilige Landschaft entfaltet: rotbraune Hügelzüge unter fremdem Himmel, die seltsame Stadt mit Bogentoren und flachen Dächern, vor ihren Mauern aber das wunderlichste Bauwerk der Welt, ein großer offener Stall, eine verwitterte Grotte voller Licht, und mittendrin auf einer winzigen Handvoll Stroh das Kind mit ausgebreiteten Armen, lächelnd wie die Freude selbst; die erlauchten Eltern kniend darüber gebeugt, und über dem Dach der Hütte ein feuergeschwänzter Stern, herrlich über die Maßen; Hirten in eilender Bewegung von allen Seiten her, ihre Herden füllen weißwollig das ganze Land; weit draußen, auf dem schönsten Hügel, steht der Engel mit gespreiteten Flügeln aus Gold und die alten Viehhüter schatten mit fürchtigen Händen die Augen ab vor seinem gewaltig verkündenden Antlitz.
Aber die Orgel bleibt stumm, man hört auf dem Chor ein unruhiges Hin und Her, ein erregtes Getuschel; der Pfarrer, starr vor Brokat, dreht sich ein paarmal um und schüttelt den Kopf. Er muß die Christmette still lesen, nur die Responsorien singt er, und der Chor antwortet mit unsicherem Einsatz.
Auf den Höhen sinken die Feuerstöße zusammen, die Glocken läuten zur Wandlung, ein Kind ist uns geboren, die Sonne kehrt wieder.
Die Bauern hielten keine Tageszeitung. Jeden Samstag kam der »Landbote« mit politischer Wochenschau, mit Berichten aus jedem Tal, meist von Pfarrern oder Schullehrern geliefert, mit der Fortsetzung eines Romans, mit der Spalte »Aus aller Welt«, mit dem Gerichtssaalbericht und den Todesanzeigen. Er war im Laden abzuholen und die Kramerin Sefa war die erste, die ihn zu lesen bekam.
Sie stand über den Ladentisch gebeugt, auf beide Ellbogen gestützt, mit der einen, gichtverzogenen Hand hielt sie ein einzelnes Brillenglas ohne Fassung vor das rechte Auge – das linke kniff sie zu – und mit dem Zeigefinger der andern Hand fuhr sie die Zeilen entlang, wozu sie den Text hastig vor sich hin wisperte. Sie mußte mit dem Wichtigsten fertig sein, bevor der erste Abnehmer kam. Es war ihr allwöchentlich das gleich starke Bedürfnis, jedem die Neuigkeiten vorauszuhaben, ja, jeden um sie zu prellen, indem sie ihn damit überfiel, als wollte sie ihren funkelnagelneuen Glanz für sich behalten und die Sache selbst wie Trödelware weiterverschleudern.
Sie fing bei den Todesanzeigen an, die auf der letzten Seite standen, ging zum Roman über, durchflog etwas oberflächlich Stadt und Land und machte sich mit gesteigerter Spannung über den Gerichtssaalbericht her.
Sie hielt inne: Kaspar Rotter, Wirt in … Plötzlich hatte die Zeitung ein neues Gesicht: die Wirklichkeit brach aus den Zeilen hervor, der Wirtsgasper stand da, schwarz auf weiß gedruckt: Kaspar Rotter. Wie seltsam! Nie hätte die Sefa gedacht, daß man so mit Haut und Haar in der Zeitung stehn könnte; sie glaubte wohl, was im Landboten stand, sie schwor auf jeden Buchstaben, den sie verschlang, aber es war doch immer eine Welt für sich gewesen, weit fort, unwirklich, eine Welt aus Papier und kurzen, engen Zeilen. Auf einmal lebte sie vor einem, nah und handfest wie der eigene Boden oder das Wirtshaus, das dem Gasper gehörte.
Sie mußte den Artikel dreimal in der Hälfte abbrechen und wieder von vorne anfangen, weil sie vor leidenschaftlicher Anteilnahme auf einmal den Text nicht mehr verstand. Sie seufzte, überladen von Neugier, nahm das Blatt zu sich und verschwand in der Kammer, wo unter Kisten und Ballen von Vorräten ihre Bettstatt stand. Sie mußte sich setzen, anders brachte sie den Bericht nicht vom Fleck.
Da schellte die Ladenglocke. Sie schoß hinaus. Es war der Pfarrer, er holte die Zeitung.
Es stünde diesmal nicht viel drinnen, meinte sie vorbeugend. Aber der Pfarrer begann gleich zu lesen – das Politische; für eine Weile war er versorgt. Wieder ging die Tür: die Valterer Marie; sie möchte ein Viertelkilo Kaffee, vom besseren, und die Zeitung. Während die Kramerin hastig den Kaffee wog, öffnete die Marie den Landboten. Da ging wieder die Tür, es war rein wie verhext. Der Taxer und gleich hinter ihm die Straßpointerbäurin. Der Pfarrer faltete das Blatt zusammen und ging; er hatte die Schwester Jörgs kurz gegrüßt, den Taxer übersehn. Beide nahmen sich ihre Zeitung vom Stoß, der Taxer steckte sie ein, verlangte eine Rolle Tabak – der geschnittene war ihm zu strohern – und tat zur lesenden Marie die Frage:
Was gibt's Neues, Jungfrau?
Die Marie steckte schon tief im Roman. Vielleicht schlang sich da gerade ein neuer Knoten; denn sie sah nicht einmal auf, während sie, wegen der Jungfrau errötend, zurückgab, der Taxer lese die Geschichte ja eh nicht.
Ob sie schön sei, die Geschichte? fragte er weiter. Er war heut zum Reden aufgelegt und ließ sich so leicht nicht abspeisen. Ja, er setzte sich sogar halb auf den Ladentisch und fing an, die Pfeife zu stopfen. Als auch die Straßpointerin Anstalten traf, die fettesten Brocken schon im Laden da aus dem Landboten zu klauben, hielt es die Sefa nicht mehr aus; wahrhaftig, niemand konnte verlangen, daß sie noch länger auf Nadeln sitze, die Marie kam mit dem Roman zu Ende, gleich würde sie sich auf den Gerichtssaal stürzen, es war die letzte Minute.
Die Sefa riß einen Landboten vom Stapel, zettelte ihn fahrig auseinander, holte das Einglas aus der Kittelfalte, verschaffte sich Ruhe und las mit einer Stimme, in der sich Exaltation und Triumph atemlos mischten:
Heute stand der fünfundzwanzigjährige Kasper Rotter, Wirt in … vor dem Schöffengericht und hatte sich wegen Wilddiebstahls zu verantworten. Seiner Aussage, daß es sich bei dem in seinem Keller gefundenen und beschlagnahmten Fleisch um Stücke eines gebeizten Schöpsen handle, stand der Gendarmeriebericht gegenüber, der auf einer zwar anonymen, aber völlig glaubwürdigen Anzeige eines Hausgenossen des Angeklagten fußt. Die Vernehmung des wortgewandten Burschen gestaltete sich schwierig, da er den Vorsitzenden durch Nichtdazugehöriges, durch Späße und vor allem durch die immer wieder gestellte Frage aus dem Geleise zu bringen versuchte, wer der ungenannte Angeber sei. Die Verteidigung konnte den Senat nicht von der Notwendigkeit überzeugen, den Namen preiszugeben. Bei der Bemessung der Strafe wurden die Rückfälligkeit und das unbotmäßige Benehmen des Angeklagten während der Verhandlung als erschwerend angenommen. Der Senat erkannte auf drei Monate Gefängnis; die Untersuchungshaft wurde eingerechnet.
Nun war es heraus. Und wie zur Bekräftigung, daß es doch sie zuerst gewußt habe, schloß die Sefa, wieder ganz im seelischen Gleichgewicht:
Drei Monate Gefängnis!
Kann nur die Burgl gewesen sein, sagte die Straßpointerbäurin. Die Marie war genau der gleichen Meinung. Der Taxer schmunzelte, das sollte wohl heißen: ein gerissenes Luder.
Man diskutierte noch eine Weile den Fall, dann ging das Gespräch andere Wege. Seit Weihnachten gefalle ihr der Lehrer nicht, meinte Jörgs Schwester. Er sehe schlecht aus, hocke den ganzen Tag in seiner Kammer, lasse sich das Essen hinauftragen und rede mit den Hausleuten beinahe kein Wort mehr. Die Feiertage sei er beim Doktor krank gelegen. Es müsse in der Stadt etwas gegeben haben, er sei damals ganz zerklaubt zurückgekommen.
Man hatte sich auf sein Orgelspiel in der Christnacht gefreut und war enttäuscht, als es ausblieb.
Der Pfarrer rede nicht am feinsten vom Lehrer, sagte die Sefa.
Vielleicht war es nicht klug, vor den drei Paar Weiberohren so aufzutrumpfen, wie es der Taxer tat, als ihm das Wort entschlüpfte:
Wenn einer von den beiden gehn muß, ist es der Pfarrer. Und vielleicht dauerts nimmer lang.
Da trat die Regina in den Laden, eine Petroleumkanne in der Hand. Der Taxer war heute redselig, er konnte sich's nicht verhalten, auf eine Sache anzuspielen, um die nur er und sie wußten; und er fragte mit einem Blinzeln, ob es bei der letzten Beichte eine große Buße abgesetzt hätte.
Sie verstand nicht, wo hinaus er damit wollte und versicherte, es sei nicht mehr und nicht weniger gewesen als sonst.
Dann habe sie nicht alles gesagt. Ob er es dem Pfarrer schriftlich geben solle?
Nun fiel ihr das Protokoll ein, sie lachte und wurde rot dabei; das habe sie mit Unserm Herrn selber ausgemacht, und dann verlangte sie drei Liter Petroleum und die Zeitung.
Solche Tage hatte der Taxer selten. Es tat gut, einmal alle fünfe grad sein zu lassen, im warmen Laden bei der Sefa zu sitzen und mit dem einen Fuß zu schlenkern, als gebe es keine Steuerzettel, keinen verstopften Holzmarkt, keinen Briefwechsel mit der bischöflichen Kanzlei. Es war in der Gegend so Brauch, einander ein wenig aufzuziehen, und der Taxer durfte es sich erlauben; außer der Sefa hatte er alle, die im Laden waren, als Schulmädchen in den Bänken sitzen sehen, wenn er zur Schlußprüfung als Schulaufseher neben Lehrer und Pfarrer stand. Sie könnten alle drei seine Töchter sein. Ja, sie wachsen heran, immer neue, schnell wie der Wald, und je älter man selber wird, desto schneller. Aber da ist es noch eine Weile hin, bis sie dem Taxer über den Kopf wachsen, noch reicht keiner herauf zu ihm, noch kann er über alle hinschauen, alte und junge, und das Niederholz sieht er gar nicht mehr, so hoch ist er ihm voraufgewachsen. Freilich muß es einmal einen geben, der ihn ablöst, wenn er selber schlagreif wird; aber das soll der Hannes sein, einen andern kann er sich gar nicht denken.
Und dann ging er gemächlich heimzu. Aber wenn er auch manchmal so rastete wie heut auf dem Ladentisch, lange dauerten seine Rasten nie. Als er beim Einwaller vorbei war, hörte er seinen Namen rufen. Der Valterer Wast. Mit dem Burschen waren große Dinge vor sich gegangen. Er hatte nicht Ruh gegeben, war nach den Feiertagen stundenlang droben über dem Wald gesteckt, hatte geschaufelt und gegraben bis er nicht mehr konnte.
Der Taxer blieb stehn und wartete, er hatte den Burschen öfter in Schutz genommen, wenn man über ihn herfiel. Warum sollte er sich nicht nehmen, welche ihm gerade gefiel, wenn sie doch alle darauf brannten, ihn zwischen den Knien zu haben? Gewiß, der Rechte war er nicht, faul, ohne Sinn für das Geld, das jeder Bauer so blutnötig hatte, aber daß er seine Rösser gut hielt, daß er im Grunde weich und gemütvoll war, das verriet einen brauchbaren Kern in ihm. Und nun stand er da, in sein Gesicht war ein härterer Zug gekommen, in den Augen hauste ein Ernst, den es früher in diesem Blick nicht gegeben hatte. Er atmete schnell, über die Wangen liefen ihm nasse Streifen bis zum Halsansatz hinab; er mußte einen weiten Weg gerannt sein.
Ich hab' ihn gefunden, Taxer. Er schaut kein bissl anders aus als sonst. Als könnt er reden, wenn er möcht.
Dann trat ihm das Wasser in die Augen.
Der Taxer fühlte, nun kam es aufs richtige Wort an; so warm wird das Eisen nie mehr – her mit dem Hammer!
Wast, jetzt wird's Zeit. Er möcht schon reden, wenn er könnt, magst mir's glauben! Und statt seiner redete nun der Taxer, es wurde eine gesalzene Predigt. Noch immer ist der Alte einen halben Kopf größer als der Junge; tut es weh, Bürschl, daß einer durchsieht bis auf die Nieren? Aufmucken? Still sein!
Das Graben und Wühlen im Schnee war wohl gut gewesen. Tagelang allein, halb außer sich vor Müdigkeit und verbissenem Eifer: da ist langsam die Kraft gewachsen, mit der man dem Taxer standhalten kann. Kein Wort jetzt dagegen! Aber Valtern ist ein großer Hof, darf sich der Bauer herstellen lassen wie ein Schulbub? Er darf, er muß. Dem Wast schoß die Röte ins Gesicht, aber er sagte kein Wort, er schluckte die Pille, so bitter sie war. Der Taxer ging scharf ins Zeug, alles kam zur Sprache, nicht immer ganz deutlich, aber der Wast verstand es gut genug. Ja, das satte Blut ist rogel geworden da droben und nun läuft es anders durch den Leib, läuft durch Herz und Hirn, heller und flüssiger; kein einziges Mal hatten die Weiber gelockt, seit er den Toten suchte. Und langsam fing es an, wohlzutun, dem Taxer volles Gehör zu leihen, Vertrauen flocht im stillen ein Band, hinüber, herüber; der Boden wurde fester, auf dem man stand.
Was in dem Burschen sich mühte und allmählich die Oberhand gewann, mußte der Taxer mit seinem langen Blick erfragt haben; mit einer stillen Gewalt, die nur ihm zu Gebote stand, fuhr er fort:
Wir holen ihn miteinander, Wast, und lassen ihn morgen begraben. Und wenn das Loch zu ist, dann bist du der Bauer auf Valtern. Du verstehst wohl, was das heißt. Der Hof ist groß, das Zeug in gutem Stand, die Leut wollen leben. Schau dir um eine, die mehr ist als grad' fürs Bett; Wirtschaft muß sein, Kinder müssen sein.
Nach einer Pause:
Der Gasper hat drei Monat kriegt, heut steht's in der Zeitung. Es nutzt nichts, einmal muß jeder gescheiter werden, ob er will oder nicht.
Noch längere Pause.
Kannst von mir einen Schlitten haben, gleich jetzt.
Der Taxer lächelte; es freute ihn, daß er so genau wußte, was er zu reden hatte und wie er es der Reihe nach daherbringen mußte, damit es dem Burschen einging, ohne ihn scheu zu machen. Er nahm ihn gleich mit nach Haus; nachdem sie eine Weile ohne ein Wort nebeneinander hergegangen waren, legte er ihm die Hand auf die Schulter.
Wenn's der Regina einmal schlecht geht, auf Valtern muß Platz für sie sein. Die Sach ist in Ordnung, sie hat es gelten lassen, daß du ihr recht gewesen bist. Ein anderes Mal tut sie's nicht, so dumm sind nicht einmal die Heiligen. – Das bleibt unter uns.
Gab es das? Keine Anzeige? Kein Prozeß? Jetzt sollte der Vater aufwachen, für einen Augenblick nur, er würde sich ruhiger wieder hinlegen. Verstand der Wast dieses Mädchen? Er verstand es wohl noch nicht. Aber ein Schwall von Dankbarkeit und Freude war es, als er zum Taxer sagte:
Heut lieber als morgen kann sie auf Valtern einstehn. Sie soll's haben wie die Marie, sie soll …
Langsam, Bauer! – und es war das erstemal, daß ihn einer so anredete – sie wird so geschwind nicht kommen mögen und es wär auch nicht das Richtige; da muß noch ziemlich was verheilen, bis sie so weit ist und dem Wast über den Weg traut.
Den Taxer freute es, als er den Jungen zum zweitenmal feuerrot werden sah. Ja, so mußte es sein, geschenkt bekommt keiner was.
Dann gingen sie den Vater holen.
Auf Straßpoint gab es Verdruß. Die Bäurin wehrte sich mit Händen und Füßen dagegen, daß die Burgl den Jörg auf die Reise begleiten sollte. Sie redete sich in einen Zorn hinein, aus dem es kein Zurück mehr gab, auch wenn sie immer deutlicher spürte, wie gleichgültig es ihr im Grunde war, ob die Großdirn mitfuhr oder nicht. Aber was half es, das zu wissen? So oft der Jörg das Gespräch auf seine Liebste brachte, begann in der Bäurin der Wurm zu nagen. Ach ja, soll sie doch fahren, ist eh ein Glück, wenn die Person für eine Weile aus dem Haus ist! Aber mit dem Bruder stritt sie jeden Tag, zäh, heftig, gelb vor Wut um das Gegenteil. Sie wußte zugleich, daß es aussichtslos war, ihren Willen durchzusetzen; der Jörg würde lächelnd nachgeben und in der letzten Minute seinen Schatz doch in den Schlitten heben, fröhlich schnalzen und durchs Tal hinaus traben. Aber sie konnte nicht aufhören, sie schritt aufgerichtet durchs Haus, hinter den geschlossenen Lippen sammelten sich immer neue Anwürfe und spannten die Mundwinkel bebend nach innen.
Eine sonderbare Reise. Der Taxer hatte die Liste der Männer, die er mitnehmen wollte, sorgfältig erwogen, es war keiner zu wenig und um keinen zu viel: der Straßpointer, der Einwaller, der Bichlacher und der Schmied. Er hatte lange geschwankt, ob er den Wast auffordern sollte oder nicht; schließlich strich er ihn. Der brauchte jetzt Ruh; auch war einer von den Jungen genug. Als er von der Straßpointerin erfuhr, daß der Jörg sein Frauenzimmer mithaben wollte, kam er selbst auf den Hof.
Die bleibt da!
So? Mir ist bekannt, daß sie mitgeht.
Der Jörg lachte und hielt die Sache für erledigt. Er griff schon nach der Klinke und wollte hinaus. Da stand der Taxer mit einem solchen Ruck auf, daß der andere erschrocken stehn blieb. Der Taxer kam langsam auf ihn zu. Der Jörg lachte noch einmal, heller als das erstemal, übertrieben leichtsinnig und arg verlegen.
Bübl, hob nun der Taxer an, nicht donnernd, wie der Jörg es erwartet hatte, sondern viel drohender: er setzte ganz leise Wort für Wort, mit einer Betonung, gegen die man sich nicht rühren konnte.
Ich will dir was sagen, horch gut her! Entweder das Mensch bleibt da oder ich laß dich unter Kuratel tun. Es ist keine Kunst für mich, magst mir's glauben. Du hast den Hof heruntergeludert, daß sich bei Gericht wohl ein Wörtl reden läßt. Noch ist deine Schwester nicht hinausgezahlt. Mir ist bekannt – hier hob sich seine Stimme und quittierte den Hohn mit der gleichen Wortmünze – daß der Wald nichts mehr hergibt; du lebst zu teuer, Bürschl, du hast zu noble Passionen und ein zu kostbares Mensch im Bett.
Unter Kuratel? der Jörg lachte aus vollem Hals. Aber zugleich riß er die Tür auf, und, schon halb auf der Flucht, gab er sein Geheimnis preis, von dem er nie geglaubt hätte, daß es der Taxer als erster erführe; aber es war sein letzter und bester Trumpf:
Straßpoint ist nimmer mein, und im März magst mit dem Neuen verhandeln, da bin ich dahin.
Er ging. Die Tür flog nicht zu, sie wurde behutsam ins Schloß gedrückt, der Jörg hatte Manieren, auch wenn es Aug um Aug ging. Der Taxer hörte ihn draußen pfeifen. Er stand eine Weile am gleichen Fleck, betäubt und angenagelt von der Neuigkeit. Straßpoint verkauft. Hinter seinem Rücken, in aller erdenklichen Heimlichkeit. Nichtsnutz! Dörcher! Haderlump!
*
Statt des Jörg kam nun doch der Wast mit auf die Reise zum Bischof.
Ihrer fünf stiegen sie die marmorne Treppe hinauf, ihre schweren Tritte blieben stumm auf dem dicken roten Läufer. Sie waren gewohnt, sich poltern zu hören, und wurden scheu. Der Taxer ging in schweigsamem Trotz voraus, die andern vier wären am liebsten umgekehrt.
Wenn sie vor die Türen ihrer Häuser traten, daheim, im engen, bergumschlossenen Hochtal, waren sie groß und breitschultrig. Sie schafften an, was den Tag über zu tun sei, und machten Feierabend zur rechten Zeit; ihre Stimme scholl durch Tenne und Stall, ihr Tritt klang durch die Räume und forderte Gehorsam von Knecht, Weib und Kind, vom Ackerboden selbst und vom stummen Tier. Hier aber schrumpften sie ein, in den weitläufigen Gängen des Palastes waren sie nichts mehr, fünf kleine, bedeutungslose Bergbauern, der Sprache kaum mächtig, und der Tritt ihrer groben Schuhe erstarb auf dem Teppich. Sie wußten nichts mehr mit sich anzufangen und sahen ratlos vor sich nieder, als sie vor Seiner bischöflichen Gnaden standen.
War der im Purpur nicht auch einmal um den hölzernen Söller gelaufen, vor fünfzig, sechzig Jahren, ein frischer, strohfarbner Bauernbub ihres Schlags? Das war lange her, allzulange. Seine Hand, weiß geblieben über den heiligen Schriften, weich, ein wenig gepolstert, trug den Ring, den der Taxer küßte. Sie hörten den Alten reden, er trug ihr Anliegen vor: der Pfarrer müsse weg. Er stockte ein paarmal, es nahm sich hier so seltsam aus, was er sagte, unglaubhaft und lästerlich. Sie fühlten: sie standen allein, der Pfarrer aber – ja, ihn schützte bis in den innersten Talwinkel hinein dieser hohe Raum, diese kleine, weiche Hand mit dem Ring.
Der Taxer brach ohne eigentlichen Schluß ab; sie waren froh, daß er zu Ende war. Wird ein Wetter losbrechen? Weit gefehlt. Eine sanfte, eindringliche Mahnung zur Geduld, Kanzelworte, Sätze wie im Beichtstuhl, vertraut und gewohnt, das, was der Bauer von geistlichen Herren zu hören verlangt.
Sie schämten sich sehr, sie nickten mit den Köpfen zu den Worten des Bischofs und verstanden plötzlich nicht mehr, was sie gegen den Pfarrer hatten. Daß er ein sündiger Mensch sei, wie sie und alle – der Bischof selber nahm sich nicht aus – das war mehr, als sie erwartet hatten, und sie stimmten zu, wenn es da hieß, das Recht, zu richten, sei allein bei Gott dem Herrn. Das geistliche Gewand verpflichte wohl zu außergewöhnlichem Wandel, aber sie möchten bedenken, daß der Mann vielleicht nichts als ein Sonderling sei, kein Bösewicht – hier lächelte der Bischof und auch über ihre zerpflügten Gesichter spielte ein einverständliches Lächeln der Nachsicht, des Verzeihens.
Nur der Taxer, der noch immer einen Schritt oder zwei vor den andern stand, lächelte nicht. Sein Gesicht war ganz zu, vollkommen versperrt von der Gewalt seines Willens. Mag alles sein, dachte er vielleicht, aber er muß weg. Er hörte nicht einmal richtig zu, es staute sich etwas hinter seinem Gesicht, er wußte, es würde im letzten Augenblick hervorbrechen, und da mühte er sich schon jetzt, ihm ein Bett zu graben, damit es sich nicht ins Uferlose ergoß.
Der Bischof entließ sie mit einem freundlichen Nicken. Sie murmelten Dank und Gruß und gewannen aufatmend die Tür, sie sahen nicht, daß der Taxer stehnblieb. Aber die Tür stand offen, der Diener wartete, bis der Alte ging. Da mußte der Bischof ein zweites Mal nicken, und die Hand, die er dem Taxer bot, verlieh dem Nicken Nachdruck.
Aber der nahm sie nicht; er setzte vielmehr noch einmal zum Reden an:
Wir werden …
Da unterbrach ihn der Bischof mit formensicherer Freundlichkeit, so, als wollte er ihn auf eine Tatsache aufmerksam machen, die der andere ohne Schuld übersehen hatte, die aber nicht mehr erlaube, mit »wir« zu beginnen:
Deine Leute sind schon gegangen, Taxer.
Der Bauer wandte sich mit einem Ruck um: die sperrangelweit offene Doppeltür, der wartende Diener, draußen der breite Gang mit dem dicken roten Läufer, der die Bauernstiefel verschluckte. Was hatte er hier noch zu suchen? Hinter ihm war es leer geworden, eine Leere war da, die ihn ansog. Und nun bekam der Bischof die schwere Hand doch zu fassen, die Audienz war zu Ende. Eine klägliche Heimfahrt. So oft einer auch die Rede auf das mißglückte Unternehmen brachte – in der Absicht, sein Verhalten zu erklären und zu entschuldigen – der Taxer schwieg. So alt war er, daß er die Menschen beiläufig kannte; unter hundert Männern gab es, wenn es hoch kam, ganze fünf, die man halbwegs guten Gewissens so heißen durfte; der Rest – fürwahr ein überwältigender Rest – war keinen Schuß Pulver wert. Das wußte er längst und er sparte den Atem, den ihn seine Vorwürfe gekostet hätten, für das nächste heiße Mus; aber daß er selber unterlegen war, das verzieh er sich bis zur letzten Stunde nicht.
Auf einer größeren Station hielt der Zug eine Weile. Der Wast und der Taxer waren im Abteil geblieben, die andern drei standen am Bierausschank und versuchten, wieder langsam auf gleich zu kommen. Man brachte keinen Erfolg heim, aber war es nicht schon viel, daß man dem Pfarrer gezeigt hatte, wozu man imstande war, wenn es einem nicht mehr paßte? Es könne nicht viele Gemeinden im Lande geben, die ihre Leute bis vor den Bischof brächten; das werde wohl zu denken geben. Und so war es doch eine Art Erfolg, und je mehr sie dem Bier zusprachen, um so einleuchtender wurde die Niederlage, die sie dem Pfarrer bereitet hatten.
Der Taxer hatte gewartet, bis er mit dem Wast ohne Zuhörer zu reden käme. Der war ihm doch auf eine Weise verpflichtet – und dann: er gehörte zu den Jungen. Die Jungen waren anders als die Alten, sie gingen schärfer ins Zeug, wenn man sie einmal im Zaum hatte. Freilich, ob auf den Burschen da auch nur der kleinste Verlaß war, blieb unsicher; aber es war kein anderer bei der Hand. Wenn gehandelt werden sollte, mußte es schnell geschehen.
Der Taxer entwickelte seinen Plan. Man dürfe sich mit dem beschwichtigenden Gerede des Bischofs nicht abfinden lassen; wenn ihrer fünf von den größten Höfen die Entfernung des Pfarrers für so notwendig gehalten hätten, daß sie eigens deshalb zum Bischof gereist seien, dann müßten sie auch jetzt, trotz der verpfuschten Audienz, noch der gleichen Meinung sein. Denn was habe sich geändert? Bei Licht besehen, nichts. Er werde also in den nächsten Tagen mit einem Schreiben herumgehn, das jeder unterfertigen möge, der auf seiner Seite stünde. Darin sollte das gesagt werden, was vor dem Bischof zu sagen gewesen wäre und was er, der Taxer, auch gesagt hätte, wenn man ihn nicht in letzter Minute noch im Stich gelassen hätte. Das Schreiben werde also die Erklärung enthalten, daß sich die Unterzeichneten entschlossen hätten, so lange nicht mehr in die Kirche zu gehn, bis der Pfarrer aus der Gemeinde verschwunden sei. Wenn die Schafe bockten, werde man wohl oder übel den Hirten wechseln müssen, von leeren Kirchen habe auch der gescheiteste Bischof nichts.
Wirst du unterschreiben?
Welche Macht ging von dem Manne aus! Er war nicht zu vergleichen mit den andern vier, nein, mit keinem im ganzen Tal. Er stand nicht vor dem Bierausschank, um den Ärger hinunterzuschwenzen, er war nicht umzustimmen, auch von keinem Bisehof nicht, und wie ihn der Wast so fragen hörte, mit einer zwingenden Stimme, die der Antwort von Haus aus sicher zu sein schien, ging ihm eine Schulerinnerung durch den Kopf: So mußten die Männer beschaffen gewesen sein, die vor Zeiten im Land zu reden hatten; und wenn er alt genug gewesen wäre, hätte er hinzugefügt: sie haben heute nicht mehr zu reden, sie sind von weicheren verdrängt, von Leuten ohne Gesicht, von verhandlungsbereiten, klugen, beeinflußbaren.
Freilich unterschreib ich, sagte er und sah eine kleine Weile länger, als nötig war, in die steingrauen Augen vor ihm; immer ging eine tragende Kraft von ihnen aus, die alles möglich und gewiß machte. Dann stand er auf und ließ das vereiste Fenster herunter. Auf dem andern Geleise stand der Schnellzug, und der Wast traute seinen Augen nicht: aus einem der Wagen lehnte sich der Jörg und lachte ihm zu; und neben ihm lag die Burgl auf ihren verschränkten Armen und lachte gleichfalls. Beiden steckte ein wächsernes Sträußchen weißer Myrten auf dem dunklen Kleid; das bedeutete Hochzeit. Die Burgl hatte ihr Hütchen auf – der Kranz lag wohl im Koffer.
Sie grüßten sich laut, hinüber und herüber, der Wast fragte, ob sie es noch vor oder schon hinter sich hätten, der Jörg schrie zurück, ob man ihnen das nicht ansehe, dann fing der Schnellzug zu rollen an, man verstand sich nicht mehr in dem Lärm, der Wast winkte und sah die beiden zurückwinken.
Auch das schlug den Taxer nicht nieder. Seit Straßpoint verkauft war, mochte der Jörg seinetwegen eine hiesige Kuh heiraten, es ging ihn nichts mehr an. Habt euch von mir aus, ihr werdet schon noch darauf kommen, was ihr Rares aneinander habt! Bis März bleibt ohnedies alles beim alten, man wird ja sehn, was dann kommt.
Aber von diesem Augenblick an setzte es sich im Taxer fest: Straßpoint muß wieder her! Und das ließ sich auf keine Weise mehr ausrotten, das wurzelte und wuchs in ihm, trieb Pläne gleich Ästen aus sich hervor, wurde ein schweres dunkel schattendes Gewächs, wurde stärker als der Mann selbst und lag schließlich auf ihm wie ein hartholzenes Kreuz.
*
Der Pfarrer war ganz zufrieden mit dieser Reise der fünf Querulanten, Dickköpfe, Querschädel, wie er sie bei sich schimpfte. Die neue Mode, von unten her zu regieren, hatte nicht eingeschlagen, der Bischof wußte Bescheid in Fragen der Autorität. Aber ganz auf die leichte Achsel zu nehmen war es doch nicht. Er sah richtig: er hatte zweierlei Feinde, ein paar junge Burschen, die sich einen politisch orientierten Seelsorger wünschten, einen Vereinsgründer, Theaterdirektor, Chormeister, einen lustigen Gesellschafter und zündenden Wahlredner – in vielen Nachbardörfern gab es solche Tausendkünstler und sie genossen die vollkommene Verachtung des hiesigen Pfarrers; der andere Feind war der Taxer. Aus völlig anderen Gründen, und auch da sah der Pfarrer richtig: dem Alten ging es um das alleinige Regiment. Es gab mancherlei Gemeindefragen, solche des Schulwesens, des Verkehrs, der Geldverwaltung und andere, in denen der Pfarrer seit je mitzureden gewohnt war. Man hat oft versucht, mir das Maul zu verbinden, hatte er dem Bischof berichtet, aber da gehören zwei dazu.
Mit dem Taxer war es ein persönlicher Krieg, mit der Jugend ein Sichstemmen gegen die neue Zeit. Was war da im Gange? Bis in die innersten Täler hinein eine krankhafte Sucht nach Vereinsgründung, ein immer unverhohlenerer Fischzug unter der Jugend. Und die Kirche tat mit, sie konnte sich die Leute nicht vor der Nase wegangeln lassen. Es galt, die Halbwüchsigen zu beschäftigen, wenn sie Pflug und Melkkübel fortstellten, sie zu unterhalten, Verstand und Gemüt zu beschlagnahmen, damit sie bei der Stange blieben. Es war etwas heraufgekommen – wieder einmal –, das unaufhaltbar durch die Welt ging und dabei an Kraft der Einrede, an Heftigkeit und Ausbreitung wuchs: eine neue Bereitschaft zu glauben, ein leidenschaftliches Verlangen, fügsamer Teil eines Ganzen zu sein, ein Wille und Jasagen zur Masse. Die alten Formen der Gemeinschaft waren im Zerbrechen oder hatten doch an Lockkraft verloren. Es war freilich schon früher so gewesen, daß sich in den Köpfen der Jungen die Welt anders abzeichnete als im Oberhaupt der Familie, aber die Widersprüche hatten seit langem nicht mehr so tief ins Fleisch gerissen. In den Städten gab es bereits Familien, in denen sich die Zerfahrenheit der Gesellschaft, ihre Zersplitterung in ein Dutzend Parteien haargenau wiederholte, und sie tat um so weher, als sich ihre zerstörende Mißkraft auf engem Raum austobte. Aber nun griff sie auch auf das Bauernland über, Wahlkämpfe, immer rascher einer nach dem anderen, lärmten bis in die hintersten Täler herein, und der Pfarrer, dem dies alles ein Greuel war, fühlte, wie man dabei über ihn hinwegschritt. So verwickelt es in seinem Kopf auch zugehen mochte, wenn es galt, seine Herrschaft über das Dorf in bestimmten Fällen durchzusetzen und zu sichern, seine allgemein politischen Ansichten waren von einer überwältigenden Einfachheit. Es gab den Staat, gut. Er bestand aus Steuerämtern, Bezirkshauptmannschaften, Ministern und Polizisten; daß alledem der Kaiser fehlte, war ein Frevel, eine Wurzel vielfältiger Übel und späterer Strafe. Es gab viele solcher Staaten, aber nur eine Kirche; da lag es wohl auf der Hand, daß sie mehr wert war als sämtliche Staaten zusammen. Hier kam es nicht vor, daß man das Haupt abschlug und fortwarf, der Stuhl Petri war kein Kaiserthron in dieser Beziehung, vielmehr ein Fels, der es mit den Pforten der Hölle aufnahm.
Dieser Macht nun gehörte man selber an; fuchsig und grobschlächtig, gehaßt und ein heimlicher Wilddieb – mag alles sein; aber die Stola, die man umnahm, wenn man sich in den Beichtstuhl setzte oder auf die Kanzel stieg, verlieh Gewalt von jener Gewalt, die zweitausend Jahre kaum beschädigt überstanden hatte. Was brauchten die Lackel da noch Parteien? Für den Leib war der Staat da mit all seinem Drum und Dran, für die Seele die Kirche. Er konnte nicht begreifen, daß die Parteien darauf aus waren, den Staat nach ihren Träumen zu formen und ihn genau so zu verewigen, wie es den Bischöfen von Rom mit der Kirche gelungen war; er sah nur, daß sie sich gegen den Staat und gegeneinander feindselig verhielten. Weg damit! Er merkte aber auch, daß einige von diesen Gruppen sich ein Urteil über Dinge der Glaubens- und Sittenlehre anmaßten, daß sie die Lebendigkeit des heutigen Christentums zu bezweifeln wagten, ja mehr noch, daß sie offen und ohne Umschweife Christum bekämpften. Sie beklopften das alte Mauerwerk mit neugierig verwegenem Finger. Was gab es da zu klopfen? Was von Gott selber gebaut war, davon hatten sie die Hände zu lassen. Weg damit, weg damit!
Aber da gab es auch Überheilige, junge Kooperatoren – Süßholzraspler nannte er sie verächtlich –, die ihm vorrechnen wollten, er selber lasse nichts verspüren vom Geist des Christentums. Hatten sie diesen Geist gepachtet? Sie schüttelten den Kopf über ihn und hielten ihn wohl für ein brandiges Glied am Leib der Kirche, die wieder der Leib Christi war. Es kostete ihn einen Lacher. Seine Beine staken in hohen Stiefeln, seine Hände waren klobig gespreizte Fäuste, sein Gesicht ein Bauerngesicht mit Gläsern auf der Nase. Aber wenn die Lawine einen Menschen mit sich riß, war er der kräftigste Wühler im Schnee, der beste Anfeuerer und das wahre Beispiel eines Retters. Ging die Mur über die Äcker, war er Tag und Nacht zur Stelle, stand bis zu den Knien im Wasser, riß Bäume mit einem Zapinhieb aus dem Dreckstrom, schaffte an und schimpfte, lobte, fluchte und kommandierte, aber was er anschaffte, war das Richtige, und alle taten, was er sie hieß. Das war sein Christentum, er machte sich nicht weiter Gedanken darüber, er lebte so, weil er von Natur aus so mußte. Gott – ja, Gott war ein strenger Richter, der das Gute belohnt und das Böse bestraft, und das war ganz in der Ordnung, er hätte es genau so gemacht. Liebe? Mitunter gab es auch die Liebe. Im verborgensten Winkel seiner Seele, tief hinter Dorn und Schutt, liebte er zum Beispiel die Regina. Er wußte nicht recht, warum, er ärgerte sich viel über sie – daß sie ihm den Wast hatte entschlüpfen lassen, war fast nicht zu verzeihen – aber er liebte sie trotzdem und versteckte es so gut, daß es keiner merkte, am wenigsten die Regina selbst. Sogar den Thoma liebte er heimlich, aber auf ganz andere Art. Wenn er an den Sonntag vor vierzig Jahren zurückdachte, an dem der Heruntergekanzelte aus der Kirche ging, um nie wiederzukommen, mußte er zugeben, daß er es selber nicht anders gemacht hätte. Er liebte auch die Vögel in seinen zahllosen Steigen, den Waldboden, nach dem er immer ein wenig roch, und mancherlei anderes auch, Schrulliges, Hagestolzhaftes, Alteinsames.
Aber Christian liebte er nicht. Wäre dieser ein junger Pfarrer in der Nachbarschaft gewesen, dann hätte er wahrscheinlich an ihm Gefallen gefunden. Aber als Lehrer im eigenen Dorf gefiel er ihm nicht. Er wußte es nicht anders, als daß es landauf, landab der Brauch war und zu Recht bestand, dem Lehrer anzuschaffen, was er zu tun habe. Christian war keiner, der sich gern befehlen ließ. War er guter Laune, dann hörte er sich's an, sagte freundlich ja dazu und ließ es damit gut sein; übelgelaunt, widersprach er heftig, schimpfte und ging; in jedem Falle aber tat er, was er wollte. Er war daher kein Lehrer nach des Pfarrers Geschmack. Da lebte noch immer das überlieferte Bild: der Lehrer hatte die Orgel zu schlagen, die Glocken zu läuten, Bienen zu züchten, zwölf Kinder zu zeugen und ein demütig heiterer Hungerleider zu sein; seine Vorbildung konnte nicht genügen, um ihn mit einem lateingebildeten Geistlichen auf die gleiche Stufe zu stellen. Und das gehörte sich so. Christian zeigte keine Neigung, ein kinderreicher Imker zu werden, er spielte wohl die Orgel, aber es war zu viel Musik und zu wenig Demut, zuviel gute Laune, die Pfeifen schallen zu lassen, und zu wenig dienstlicher Pflichteifer. Auch Schule hielt er nach seinem Kopf, und das Gefühl, der junge Mensch stehe in Verbindung mit einer Welt, gegen die er sich selber dogmatisch verschloß, schuf in ihm ein Gemisch von Mißtrauen und frostigem Respekt.
So stand er zwar vom Stuhl auf, als Christian auf sein scharfes Herein die Türe öffnete und ins Zimmer trat, aber er rührte sich nicht vom Fleck und gab dem Lehrer auch nicht die Hand, als dieser grüßte. Er nickte nur, wies ihm Platz an und setzte sich wieder an seinen Schreibtisch.
Christian war nicht zum erstenmal hier, aber diesmal war er nicht von selbst gekommen, der Pfarrer hatte ihn herbestellt.
Was will er etwa wohl, fragte sich Christian, den die Einladung überrascht hatte. Es gab zwischen ihnen nichts, schien ihm, was sie nicht auch in den zehn Minuten vor der Religionsstunde hätten erledigen können. Wozu diese formelle Bestellung durch die Häuserin? Der Pfarrer mußte ziemlich viel auf dem Herzen haben, sonst hätte er sich nicht den schulfreien Nachmittag ausgesucht.
Eine gewisse Schwierigkeit für das Gespräch bestand darin, daß der Pfarrer gewohnt war, zum Lehrer Du zu sagen, worauf Christian mit Sie zu antworten hatte.
Sie schwiegen beide noch immer; der Pfarrer wartete wohl auf die Frage nach seinen Wünschen, aber Christian fragte nicht. Erst nachdem jener zwei Buchenscheiter in den Ofen gesteckt hatte – er blieb nun gleich dort stehen, an die warmen Kacheln gelehnt, die Arme hinter sich gekreuzt –, fing er an:
Bleib nur sitzen, Lehrer!
Aber Christian war zugleich mit ihm aufgestanden und trat nun hinter den Stuhl, auf dem er gesessen war.
Als keine Antwort erfolgte, räusperte sich der Pfarrer und fuhr fort:
Daß der Taxer mit vier Dummköpfen zum Bischof gefahren ist, weißt du. Daß er dort abgeblitzt ist, hat er dir vielleicht nicht verraten, aber ich hab's schwarz auf weiß. Was sagt der Lehrer zu solchen Extratouren?
Christian hob die Achseln und schwieg.
Du meinst, Lehrer, es geht dich nichts an? Von mir aus, auch recht. Aber das sag ich dir: wenn ich dir dahinterkomm, daß du ins gleiche Loch pfeifst wie der Taxer, dann fliegst. Er hat dich nicht ungern, der Fuchs, und er will, daß du auch das kommende Jahr bleibst. Er möcht' dich überhaupt dahaben; die Stelle ist jetzt ausgeschrieben, reichst ein?
Ah, da hinaus ging es! Christian hatte sich nicht darum gekümmert, was im Herbst mit ihm zu geschehen habe. Wenn er sich selber befragte, antwortete ihm ein deutliches Gefühl, daß sich vieles völlig ändern werde und die nächstliegenden Berechnungen, die er hätte anstellen können, nicht in die große Rechnung passen dürften, die ein anderer als er aufgestellt hat und zu Ende führen wird.
Ist noch Zeit, das Gesuch einzubringen? fragte er jetzt, ich habe die Frist vergessen.
Es ist noch Zeit, Lehrer, aber höchste. Und bevor du dich zum Gesuchschreiben hinhockst und viel Stempelgeld vertust, möcht' ich dich verschiedenes fragen; dazu hab' ich dich herbestellt.
Ja, und?
Christian spürte, wie sich etwas in ihm versteifte. Schon dieses Ja, und? war ihm von gestraffter Sehne geschnellt. Was gab es da zu fragen? Er hatte das uneingeschränkte und durch keine Bedingung gehemmte Recht, sich um den Posten zu bewerben, sobald er zur dauernden Besetzung ausgeschrieben wurde.
Der Pfarrer ließ ihn eine Weile warten. Er vertrug den Ton dieses Lehrers nicht, aber man konnte nicht jetzt schon schreiend auseinander gehn. Er begann mit allgemeinen Betrachtungen über die Art Lehrer, die er sich für das Dorf wünschte. Christian merkte, daß er diesen Wünschen wenig entsprach. Dann klagte er über das Verhalten der Halbwüchsigen, zu denen er auch den Straßpointer und den Gasper, den Wast und seine Schwester zählte. Er spielte auf die Geschichte an seinem Namenstag an und sah Christian lauernd ins Gesicht, ob darin ein Ja, ein Nein oder ein verräterisches Lächeln zu entdecken sei, aber der Lehrer erklärte unumwunden, er verurteile gemeine Schweinereien in jedem Falle; doch zeige die grobe Unart leider, daß die Stimmung gegen den Seelsorger bedenklich feindselig geworden sei.
Was wollen die Lackel eigentlich? fuhr nun der Pfarrer los. Sie werden damit die Ordnung nicht umdrehn, die älter ist als das ganze Dorf. Wer soll denn anschaffen, wenn nicht der Mensch, der etwas studiert hat und dem vom Herrgott die Seelen anvertraut sind? Denen ihr die Sünden nachlasset, denen sind sie nachgelassen, und denen ihr sie vorbehaltet, denen sind sie vorbehalten. So steht's in der Schrift, Lehrer, und was in der Schrift steht, das gilt – oder?
Christian schwieg.
Mir scheint, du bist nicht recht einverstanden mit dem, was in der Schrift steht, ha? Es steht auch für die Herren Lehrer drin.
In der Schrift steht viel, sagte Christian.
Du redest wie ein Lutherischer, ereiferte sich der Pfarrer.
Christian blieb ruhig; er lächelte ein wenig.
Es gibt allerhand Arten, ein Christ zu sein. Die Lehre ist einfach und für jeden verständlich, es gibt darüber nicht viel zu reden.
Aber darüber ist zu reden, daß du keine katholische Zeitung hältst, daß du bei der Kapuzinermission im Herbst nicht zu sehen warst, daß du mit dem Fuchs von einem Taxer es abgekartet hast, zum Bischof zu gehn –
Das stimmt nicht, Herr Pfarrer, unterbrach ihn Christian. Und wenn Sie noch lauter schreien, wird's darum nicht wahrer. Aber ich kann Ihnen sagen, warum ich keine katholische Zeitung halte, wenn Sie das wundert. Ich halte überhaupt keine. Wir sind uns doch einig darüber, daß die nichtkatholische Presse vom Teufel redigiert wird. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen, steht in der Schrift, und ich kann mir nicht helfen, sie schmecken alle gleich, die Früchte, ob sie drüben wachsen oder herüben. Es sind alles Äpfel, die uns die Schlange serviert, und überall sitzt der Wurm im Kernhaus. Jesus Christus als Zeitungsredakteur – oder der heilige Franziskus? Können Sie sich das vorstellen? Ich nicht.
Christus ist Gott – oder glaubst du auch das nicht?
Der Pfarrer war in größter Erregung. Er hatte seinen Platz am Ofen verlassen und war mit zwei mächtigen Schritten vor Christian hingetreten. Sein Gesicht zitterte, als er die Frage tat. Auch Christian war erregt; er merkte plötzlich, um der Antwort willen, die er nun geben würde, war er herbestellt worden. Er hielt noch immer die Stuhllehne in den Händen, seine Finger schlossen sich fester um sie, als er nun dem Pfarrer in das derbe Bauerngesicht sah, aus dem in diesem Augenblick die Gewaltsamkeit des Eiferers brach. Er antwortete nicht gleich, aber in dieser Pause zwischen Frage und Antwort lebte Bild um Bild vor seinen inneren Augen auf, und eines verdrängte in raschem Wechsel das andere. Er sah sich als Kind in der Kirche knieen, drei Schritt vor dem Altar, im langen roten Ministrantenkittel und dem steifen weißen Chorhemd darüber, das silberne Schifflein in der Hand, aus dem der Priester mit einem kleinen Löffel ein paar Weihrauchkörner nahm, um sie auf die Kohlenglut zu legen, die der rauchfaßschwingende Mesner zu bläulichen Flämmchen angefacht hatte. Dann quollen bald links, bald rechts die grauen Duftwolken aus dem pendelnden Rauchfaß, stiegen um den Priester empor und hingen – ein Schleier, der immer dichter hinwallte – vor der goldnen Monstranz. In ihrer Mitte trug eine schmale Mondsichel die schneeweiße Hostie – hier war das Allerheiligste zugegen als wahrer Gott und Mensch. Dann sah er sich, fünfzehnjährig, aus dem Beichtstuhl treten, es war in der kleinen, farblos nüchternen Zelle eines jungen Jesuitenpaters, und die Welt schien vor ihrer Tür abgestorben zu sein, die Tränen rannen ihm übers Gesicht, er hatte sein Innerstes herausgenommen und vor dem fremden Manne auseinandergebreitet, bis es ihn wie eine Wunde schmerzte. Dann war ein Tag – schon nach dem Krieg – da saß er über dem Markusevangelium und jubelte. Er glaubte zu begreifen: mit einer wunderbaren Gewalt war hier die Freiheit des Menschen verkündet; daß er Gottes Kind sei und das Himmelreich in sich trage wie ein Senfkorn, das aufgeht, blüht und fruchtet. Hier war der Mensch der Weltangst entrissen, den Dämonen, dem Zauber, und zwischen die Schöpfung und ihren Erschaffer gestellt als sein Sohn und Erbe. Der Morgenglanz, der von solcher Art Freiheit ausging, machte die goldnen Meßgewänder verblassen, und der Beichtstuhl in der Zelle des Jesuiten versank vor dem heiteren Glück, wenigstens nach oben hin – oder nach innen, es ist dasselbe – unmittelbar frei zu sein.
Das und noch Ähnliches ging – nicht so abgrenzbar und deutlich geformt – während der kurzen Pause zwischen Frage und Antwort durch Christians Kopf. Zugleich hörte er einen Zeisig singen und zwischen den Trillern von einem Sprissel zum andern hüpfen. Es war ihm, als redete der kleine gelbe Vogel an seiner Statt, und die Antwort, die Christian nun gab, schien ihm selbst viel unzulänglicher als der kurze Jubel, der aus der Steige kam.
Ich will darauf nicht antworten, Herr Pfarrer, und Sie scheinen mir kein Recht zu haben, solche Fragen an mich zu stellen. Sie können daraus nun schließen, was Sie wollen, es wird in keinem Falle ganz das Richtige sein. Denn sehen Sie: wenn uns auch nicht mehr viel übriggeblieben ist und der Krieg unter unseren Illusionen jeder Art gründlich aufgeräumt hat, etwas haben wir doch mit nach Hause gebracht, es war sein einziges Geschenk, mit dem etwas anzufangen ist: Wir haben erfahren, nicht aus Büchern, nicht von anderen, sondern mit jeder Faser unserer Leiber und bis in den innersten Winkel unserer Seelen hinein, daß es auf Fragen wie die Ihre längst nicht mehr ankommt. Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen! das ist unser Wort geworden, und wenn wir nicht gerade fluchten, auch jenes: Herr, verzeihe ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Wir haben erfahren, daß der Mensch allein ist und sich selber tödlich ausgesetzt. Was bleibt da noch zu fragen übrig, Herr Pfarrer? Und was zu antworten? Sie werden mein Gesuch vor dem Ortsschulrat nicht vertreten, das weiß ich; aber wir haben die Erde anders ansehen gelernt, auch den Menschen und die Aufgabe, die er auf ihr hat; ein abgeschlagenes Stellengesuch kann uns nicht mehr aus dem Geleise werfen.
Damit ging er. Nun war er plötzlich bester Laune, und der Pfarrer, der sich ohne zu antworten wieder an den Ofen gestellt hatte, hörte ihn drunten vor der Haustür pfeifen, als versuchte er, das kurze Lied des Zeisigs nachzutrillern, der sich in ihr Gespräch gemischt hatte. Der Pfarrer sah eine Weile vor sich hin, immer wieder den Kopf schüttelnd, es war ihm eine neue Welt, in die er geblickt hatte, er konnte nicht entscheiden, war sie besser oder schlechter als die seine, sie zeigte sich ihm nicht einmal feindselig, nur ganz fremd und anders. Einen Augenblick lang lockte es ihn, sie deutlicher zu sehen, er wiederholte sich das eine und andre Wort Christians, aber dann räusperte er sich brummend, ging mit hingepolterten Schritten zurück zum Schreibtisch, rückte den Stuhl mit zwei derben Griffen zurecht und sagte laut vor sich hin, während er sich setzte:
Es geht nicht; ich kann dich nicht brauchen.