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Der Licenciat Vidriera.


Zwei studierende Edelleute giengen an den Ufern des Tormes spazieren und fanden daselbst unter einem Baume einen Jungen schlafend, welcher ungefähr elf Jahre alt sein mochte und wie ein Bauer gekleidet war. Sie schickten einen Diener hin, um ihn aufzuwecken. Er erwachte und sie fragten ihn, woher er sei, und warum er in dieser Einöde hinliege und schlafe. Der Knabe entgegnete, den Namen seiner Heimat habe er vergessen, er gehe aber nach der Stadt Salamanca, um einen Herrn zu suchen, bei dem er in Dienste treten könnte, er wolle nichts dafür als den Unterricht. Sie fragten ihn, ob er lesen könne, Er antwortete, ja, und auch schreiben.

Unter diesen Umständen, sagte einer der Ritter, ist wohl nicht dein schlechtes Gedächtniß schuld, daß du den Namen deiner Vaterstadt vergessen hast?

Sei es was es wolle, antwortete der Junge, aber es soll weder von meiner Heimat noch von meinen Eltern jemand den Namen erfahren, bis ich diesen und jener Ehre machen kann.

Auf welche Weise gedenkst du ihnen denn Ehre zu machen? fragte der andere Ritter.

Durch meine Studien, antwortete der Knabe, indem ich durch dieselben berühmt werde, denn ich habe sagen hören: Aus Menschen werden Bischöfe.

Diese Antwort bewog die zwei Ritter, ihn mit weg und nach Hause zu nehmen, was sie auch thaten, und sie schickten ihn in die Schule auf die Art, wie man es auf dieser Universität mit Dienstleuten zu machen pflegt. Der Knabe sagte, er heiße Tomas Rodaja, und seine Herren schloßen sofort theils aus seinem Namen, theils aus seiner Kleidung, daß er der Sohn eines armen Landmanns sein müße. Wenige Tage darauf gaben sie ihm schwarze Kleidung und einige Wochen später legte Tomas Beweise ab, daß er einen seltenen Verstand besaß, wobei er seinen Herren mit solcher Treue, Pünktlichkeit und Eifer diente, daß er, ohne im Geringsten seine Studien zu vernachläßigen, doch nur allein mit ihrem Dienste sich zu beschäftigen schien.

Und da der treue Dienst des Dieners den Herrn bereitwillig macht, ihn gut zu behandeln, so war Tomas bald nicht mehr der Aufwärter seiner Herren, sondern ihr Gesellschafter. Kurz während der acht Jahre, die er bei ihnen zubrachte, machte er sich so berühmt auf der Universität durch seinen großen Verstand und seine merkwürdige Geschicklichkeit, daß er von jeder Art von Leuten geschätzt und geliebt wurde.

Sein vorzügliches Studium war das der Rechte; worin er sich indeß am meisten auszeichnete, das waren die schönen Wissenschaften. Er hatte ein so glückliches Gedächtniß, daß es zum Erstaunen war, und er stellte es durch seine gesunde Beurtheilungskraft in so glänzendes Licht, daß er durch diese wie durch jenes gleich berühmt war.

Als nun die Zeit kam, wo seine Herren ihre Studien vollendet hatten, und sie sich nach ihrer Heimat zurückbegaben, welches eine der schönsten Städte von Andalucien war, nahmen sie Tomas mit sich und er blieb einige Tage bei ihnen; da ihn aber das Verlangen nicht in Ruhe ließ, zu seinen Studien und nach Salamanca zurückzukehren, welche Stadt einen jeden, der die Annehmlichkeit des dortigen Lebens verschmeckt hat, so bezaubert, daß er sich stets dahin zurücksehnt, bat er seine Herren um Urlaub, um dahin zurückzukehren. Sie waren höflich und großmüthig genug, ihm denselben zu verwilligen, und statteten ihn so aus, daß er mit dem, was sie ihm gaben, sich drei Jahre erhalten konnte.

Er nahm unter Bezeugungen seiner Dankbarkeit von ihnen Abschied und verließ Malaga, denn dieß war die Vaterstadt seiner Gebieter. Wie er nun die Höhe von la Zambra auf dem Wege von Antequera hinabwandelte, traf er einen Edelmann zu Pferde in schönen Reisekleidern und mit zwei Dienern, die ebenfalls beritten waren. Er näherte sich ihm und erfuhr, daß er denselben Weg mache. Sie schloßen Bekanntschaft und plauderten über verschiedene Dinge, und bald zeigte Tomas seinen seltenen Verstand und der Ritter sein vornehmes und feines Wesen.

Er sagte, er sei Hauptmann bei der Infanterie Seiner Majestät und sein Fähndrich befinde sich in der Gegend von Salamanca, um die Compannie vollzählig zu machen. Er lobte das Soldatenleben, schilderte mit lebhaften Farben die Schönheit der Stadt Neapel, die Vergnügungen in Palermo, den Ueberfluß in Mailand, die Feste in der Lombardei, die glänzenden Mahlzeiten in den Gasthöfen. Er malte ihm recht süß und treulich vor, wie schön es dort laute: Acconcia, patrone! Hierher, manigoldo! Venga la macarela, li pollastri e li macarroni!

Er erhob das freie Leben des Soldaten und die Freiheit Italiens mit seinen Lobpreisungen bis an den Himmel; sagte ihm aber nichts von dem Froste der Schildwachen, von der Gefahr der Ueberfälle, dem Schrecken der Schlachten, dem Hunger bei Belagerungen, der Verwüstung der Minen, nebst andern Dingen dieser Art, welche zwar einige nur für Anhängsel an das Gewicht des Soldatenlebens nehmen, die aber in der That die Hauptaufgabe desselben sind. Kurz er sagte ihm so viele und so schöne Dinge, daß der Verstand unseres Tomas Rodaja zu wanken und seine Neigung sich für jenes Leben zu erklären begann, welches dem Tod so nahe ist.

Der Hauptmann, welcher Don Diego von Valdivia hieß, fand so viel Gefallen an der Artigkeit, dem Verstande und dem Witze des Tomas, daß er ihn bat, mit ihm nach Italien zu gehen, wäre es auch nur aus Neugier, um das Land zu sehen. Er bot ihm seinen Tisch an und auch, wenn es nöthig wäre, seine Fahne, da sein Fähndrich dieselbe in Kurzem verlassen werde.

Es gehörte nicht viel dazu, um Tomas zur Annahme der Einladung zu bewegen. Er stellte in aller Schnelligkeit bei sich eine kurze Ueberlegung an, daß es doch gut wäre, Italien, Flandern, und andere Länder und Gegenden zu sehen, da weite Reisen die Menschen klug machen; er könne dazu aufs allerhöchste drei oder vier Jahre brauchen; diese auch hinzugerechnet zu den wenigen, welche sein Leben bis jetzt zählte, war er nachher nicht verhindert, wieder zu seinen Studien zurückzukehren; und, als müßte alles nach seinen Wünschen ausfallen, sagte er zu dem Hauptmann, er sei zufrieden, mit ihm nach Italien zu gehen; es geschehe jedoch nur unter der Bedingung, daß er sich nicht unter die Fahne zu stellen habe, noch in die Soldatenliste eingeschrieben werde, um nicht verpflichtet zu sein, der Fahne zu folgen.

Der Hauptmann sagte ihm zwar, es mache gar nichts aus, wenn man auf der Liste stehe; er würde aber alsdann die Unterstützungen und Zahlungen mitgenießen, welche der Compannie verabreicht werden; er wolle ihm, so oft er wünsche, Urlaub geben.

Das wäre, sagte jedoch Tomas, ganz meinem Gewissen zuwider und, ebenso dem des Herrn Hauptmanns. Deshalb will ich lieber freiwillig als gezwungen hingehen.

Ein so zartes Gewissen, sagte Don Diego, paßt eher für einen Geistlichen als für einen Soldaten. Euer Wille soll indessen geschehen, und wir sind nun Cameraden.

Sie kamen denselben Abend nach Antequera und nach wenigen aber großen Tagreisen erreichten sie den Ort, wo die Compannie stand, welche schon vollzählig war. Sie brach nun nach Cartagena auf und quartierte sich, mit noch vier andern Compannien, an den Orten ein, die gerade am besten zur Hand lagen.

Tomas bemerkte hierbei das Ansehen, das sich die Commissäre gaben, die Beschwerlichkeit einiger Hauptleute, die Betriebsamkeit der Quartiermeister, die schlauen Rechnungen der Zahlmeister, die Klagen der Dörfer, das Auslösen von Billeten, die Unverschämtheit der Neugeworbenen, die Händel der Wirthe, die Forderungen überflüssiger Transportmittel und endlich die fast unumgängliche Nothwendigkeit, daß alles dieß, was er bemerkte, so geschehe, so übel es ihm auch gefiel.

Tomas hatte sich bunt, wie ein Papagai, angezogen und die Studentenkleider abgelegt; und so glaubte er, wie man zu sagen pflegt, ein ganzer Mann zu sein. Seine vielen Bücher gab er alle weg bis auf die Gebete an die heilige Jungfrau und einen Garcilaso Garcilaso de la Vega (ca. 1498/1503-1536), spanischer Renaissance-Dichter, der die Lyrik seines Landes so nachhaltig prägte, dass er bisweilen als der Begründer der neuzeitlichen Dichtung in Spanien oder als »Dichterfürst spanischer Sprache« angesehen wird. ( Anm.d.Hrsg.) ohne Commentar, die er in seine beiden Taschen steckte.

Sie kamen schneller, als ihnen lieb war, nach Cartagena, denn das Leben in den Quartieren ist frei und abwechselnd und jeden Tag findet man dabei neue angenehme Sachen. Dort schifften sie sich nun auf vier neapolitanischen Galeeren ein und Tomas Rodaja lernte daselbst auch das seltsame Leben auf diesen Meerhäusern kennen, wo man den größten Theil der Zeit von Wanzen geplagt, von Sträflingen bestohlen, von den Seeleuten mit Grobheiten überhäuft, von den Ratten angefressen und von dem Anschwellen der See belästigt wird. Die großen Stürme und Ungewitter setzten ihn in Furcht, vorzüglich im Meerbusen von Leon, wo sie zwei ausstanden, deren einer sie nach Corsica warf und der andere sie wieder nach Toulon in Frankreich verschlug.

Endlich kamen sie übernächtig, durchnäßt und mit blauen Ringen um die Augen nach der schönen äußerst reizenden Stadt Genua, schifften sich aus in ihren sichern Hafen, und nachdem sie eine Kirche besucht hatten, begab sich der Hauptmann mit allen seinen Kameraden in ein Wirthshaus, wo sie alle vergangenen Stürme aus dem Gedächtniß verwischten durch die Gelage der Gegenwart. Hier lernten sie die Süßigkeit des Trevianers kennen, die Stärke des Montefiascone, das Feuer des Asperino, den edlen Saft der beiden griechischen Weine von Candia und Soma, die Vortrefflichkeit des Sohns der fünf Weinberge, das Süße und Liebliche der Frau Guarnacha, den herben Trank von Chentala, ohne daß unter all diesen vornehmen Herren der gemeine römische es hätte wagen dürfen, sich blicken zu lassen.

Nachdem sie so der Wirth die vielen verschiedenen Weine hatte durchmustern lassen, erbot er sich noch überdieß, ohne ins Blaue hinein zu versprechen, und nicht nur auf der Karte verzeichnet, sondern in der That und Wahrheit den Madrigal, Coca, Alaejos aufzutischen, ja den aus der Königsstadt, die besser Kaiserstadt heißen sollte, denn es ist die wahre Vorrathskammer des Gottes des Gelächters; ferner bot er ihnen Esquivias an, Alanis, Cazalla, Guadalcanal und Nembrilla, Ribadavia und Descargamaria nicht zu vergessen. Kurz der Wirth nannte ihnen mehr Weine und gab ihnen mehr, als Bacchus selber auf seinen Lagern haben konnte.

Nicht weniger setzten den guten Tomas die rothen Haare der Genueserinnen in Verwunderung und die Artigkeit und das rüstige Wesen der Männer, die bewundernswürdige Schönheit der Stadt, welche ihre Häuser in jene Felsen gefaßt zu haben scheint, wie Diamanten in Gold.

Am folgenden Tag schifften sich alle Compannieen aus, welche nach Piemont bestimmt waren. Tomas wollte aber diese Reise nicht mitmachen, sondern von dort zu Lande nach Rom und Neapel gehen, was er auch that, sodann zurückkehren über das große Venedig und über Loretto nach Mailand und Piemont, wo Don Diego von Valdivia sagte, daß er ihn finden werde, wenn er nicht, wie schon gesagt wurde, früher nach Flandern zu gehen veranlaßt würde.

Zwei Tage darauf nahm Tomas Abschied von dem Hauptmann und kam in fünf Tagen nach Florenz, nachdem er vorher Lucca gesehen hatte, eine kleine aber sehr gut gebaute Stadt, wo die Spanier lieber gesehen und besser aufgenommen sind, als irgend sonst in Italien. Florenz gefiel ihm außerordentlich, sowohl wegen seiner angenehmen Lage, als auch wegen seiner Reinlichkeit, seiner prächtigen Gebäude, seines frischen Stromes und seiner heitern Straßen.

Er blieb vier Tage daselbst und reiste dann sogleich nach Rom ab, der Königin der Städte und Herrin der Welt. Er besuchte ihre Tempel, verehrte ihre Reliquien und bewunderte ihre Größe, und so wie man an den Klauen des Löwen seine Größe und Wildheit erkennt, so schloß er auch auf die Größe Roms aus seinen Marmortrümmern, halben und ganzen Standbildern, aus seinen zerbrochenen Bögen und eingeworfenen Thürmen, aus seinen prächtigen Säulengängen und großen Amphitheatern, aus seinem berühmten heiligen Flusse, der sich immer bis an die Ränder mit Wasser füllt und der seine Ufer beseligt durch die unzähligen Reliquien von Märtyrerkörpern, welche darin ihr Grab gefunden; aus seinen Brücken, die einander anzuschauen scheinen, und aus seinen Straßen, die schon durch ihre Namen allein Ansehen gewinnen über alle der andern Städte der Welt, Via Appia, Flaminia, Julia und andere dergleichen.

Ferner war er ebenso verwundert über die Eintheilung der Berge innerhalb der Stadt selbst, den Cölius, den Quirinal und den Vatican, nebst den vier andern, aus deren Namen die Größe und Majestät Roms hervorleuchtet. Er bemerkte auch die Erhabenheit des Collegiums der Cardinäle, die Majestät des heiligen Vaters, den Zusammenfluß und die Manchfaltigkeit verschiedener Völker und Nazionen.

Dieß alles sah, bemerkte und würdigte er gehörig. Nachdem er nach den sieben Kirchen gewallfahrtet war, einem Pönitenziar gebeichtet und seiner Heiligkeit den Fuß geküßt hatte, beschloß er, beladen mit vielen Agnusdei und Rosenkränzen, nach Neapel zu gehen. Da aber eben der Witterungswechsel eingetreten war, welcher sehr schlimm und verderblich ist für alle, welche wahrend desselben nach Rom kommen oder es verlassen, wenn sie nämlich zu Land reisen, so gieng er zur See nach Neapel, wo er dann zu der Bewunderung, welche der Anblick von Rom in ihm erregt hatte, noch die hinzufügte, welche der Anblick von Neapel verursachte, welche Stadt nach seiner Ansicht und der Ansicht aller, welche sie gesehen haben, die schönste von Europa ist, ja von der ganzen Welt.

Von dort gieng er nach Sicilien und sah Palermo, und weiter nach Messina. Von Palermo gefiel ihm die Lage und die Schönheit, von Messina der Hafen, von der ganzen Insel aber der Ueberfluß, weshalb sie ganz eigentlich und mit Recht die Kornkammer von Italien genannt wird.

Er kehrte nach Neapel und Rom zurück und gieng von da nach unserer lieben Frauen von Loretto, in deren heiligem Tempel er weder Wände noch Mauern erblickte, denn sie waren alle bedeckt mit Krücken, Leichentüchern, Ketten, Fußschellen, Handfesseln, Haarflechten, halberhabenen Wachsbüsten, Gemälden und Schildereien, welche hinlänglich Zeugniß ablegten von den unzähligen Gnadenwirkungen, die so viele von der Hand Gottes durch die Vermittlung seiner göttlichen Mutter erfahren, welche jenes ihr hochheiliges Bild erheben und verherrlichen wollte durch eine Masse von Wundern zum Lohn für die Verehrung, welche ihr diejenigen zollen, die mit dergleichen Tapeten die Mauern ihres Hauses geschmückt haben. Er sah das nämliche Gemach und Zimmer, wo die erhabenste und wichtigste Botschaft überbracht worden, welche alle Himmel und alle Engel und alle Bewohner der ewigen Räume jemals gesehen und nicht verstanden haben.

Weiter schiffte er sich in Ancona ein und gieng nach Venedig, einer Stadt, welche, wenn Colombo nicht wäre in die Welt geboren worden, auf dieser nicht ihres gleichen hätte. Dank sei es dem Himmel und dem großen Hernando Cortes, der das große Mexico eroberte, damit das große Venedig nur auf irgend eine Weise etwas fände, was ihm entgegen gestellt werden kann! Diese zwei berühmten Städte gleichen sich in den Straßen, welche ganz von Wasser sind; die europäische ist die Bewunderung der alten Welt, die americanische das Staunen der neuen. Ihr Reichthum schien ihm unendlich, die Regierung klug, die Lage unüberwindlich, der Ueberfluß groß, die Umgebungen heiter, kurz die Stadt im Ganzen und in ihren Theilen des Ruhmes würdig, der sich von ihrer Vortrefflichkeit über alle Theile des Erdkreises erstreckt.

Noch mehr bestätigte ihn in dieser richtigen Meinung die ungeheure Masse des berühmten Arsenals, welches der Ort ist, wo die Galeeren und andere Fahrzeuge ohne Zahl gebaut werden. Nur gering erschienen die Vergnügungen und Unterhaltungen der Kalypso gegen die, welche unser neugieriger Reisender in Venedig fand, denn sie machten ihn fast seinen ersten Vorsatz vergessen.

Als er indeß einen Monat lang dort gewesen war, gieng er über Ferrara, Parma und Piacenza zurück nach Mailand, der Werkstätte des Vulcan, dem Dorn im Auge Frankreichs, kurz jener Stadt, von welcher man sagt, daß sie sprechen und handeln kann, da sie durch ihre eigene Größe, und die ihres Tempels und ihren wundervollen Ueberfluß an allen für das menschliche Leben nothwendigen Dingen wahrhaft herrlich ist.

Von da gieng er nach Aste und kam gerade zur rechten Zeit, denn am folgenden Tage marschierte das Regiment nach Flandern ab. Er wurde sehr gut empfangen von seinem Freunde dem Hauptmann, gieng in seiner Gesellschaft und als sein Kamerad nach Flandern und kam nach Antwerpen, einer Stadt, welche ihn ebenso in Erstaunen setzte, als die Städte, welche er in Italien gesehen hatte. Er besuchte Gent und Brüssel, und sah, daß das ganze Land sich vorbereitete, die Waffen zu ergreifen, um im folgenden Sommer den Feldzug zu eröffnen.

Wie nun sein Wunsch erfüllt war, und er alles gesehen hatte, was er hatte sehen wollen, beschloß er, nach Spanien und nach Salamanca zurückzukehren, um seine Studien zu vollenden. Er führte diesen Gedanken sogleich aus zum größten Leidwesen seines Kameraden, der ihn beim Abschiednehmen bat, ihm von seinem Befinden, seiner Ankunft und seinem Ergehen Nachricht zu geben. Er versprach ihm, seine Bitte genau zu erfüllen, und kehrte durch Frankreich nach Spanien zurück, ohne jedoch Paris gesehen zu haben, weil dort alles unter den Waffen stand.

Endlich kam er nach Salamanca, wo er von seinen Freunden sehr gut aufgenommen wurde, und mittelst der Unterstützung, die sie ihm zukommen ließen, seine Studien so weit fortsetzte, bis er als Licenciat der Rechte graduirt wurde.

 

Nun traf es sich, daß gerade um jene Zeit eine Dame nach Salamanca kam, die sich auf alle Künste und Schliche verstand. Ihrer Lockung und ihrem Rufe flatterten sogleich alle Vögel des Orts nach, so daß auch nicht einer eine Mappe trug, der sie nicht besuchte. Sie sagten Tomas, jene Dame behaupte, in Italien und Flandern gewesen zu sein, und um zu sehen, ob er sie vielleicht schon kenne, besuchte er sie. Durch diesen Besuch und seinen Anblick verliebte sie sich in Tomas; er aber achtete nicht darauf und wollte auch nicht mehr in ihr Haus gehen, wenn er nicht etwa mit Gewalt von andern mitgenommen wurde.

Endlich entdeckte sie ihm ihre Neigung und bot ihm ihr Vermögen an. Da er sich aber mehr um seine Bücher kümmerte, als um andern Zeitvertreib, so erwiederte er auf keine Weise die Neigung der Frau, welche nun, als sie sich verachtet, ja, wie sie meinte, verabscheut sah, und erkannte, daß durch gewöhnliche gemeine Mittel der felsenfeste Wille des Tomas nicht zu bezwingen sei, beschloß, andere und wie sie meinte wirksamere Mittel zu suchen, welche stark genug wären, sie zum Ziele ihrer Wünsche zu führen.

Sie gab daher auf den Rath einer Moriskin Tomas in einer toledischen Quitte ein sogenanntes Zaubermittel, in der Meinung, ihm etwas zu geben, was seinen Willen zwinge sie zu lieben, als wenn es in der Welt Kräuter, Hexenkünste und Worte gäbe, welche im Stande wären, den freien Entschluß zu zwingen. Daher nennt man auch diejenigen, welche solche Liebestränke oder Liebesspeisen reichen, Giftmischer, denn das, was sie machen, ist nichts anderes, als daß sie dem Gift reichen, der dieselben nimmt, wie dieß die Erfahrung bei vielen verschiedenen Gelegenheiten bewährt hat.

Tomas verzehrte zu seinem großen Unheil die Quitte, denn gleich darauf begann er mit Händen und Füßen um sich zu schlagen, als wenn er die fallende Sucht hätte, und er kam mehrere Stunden lang nicht wieder zu sich. Nach Verlauf derselben kam er wieder zur Besinnung, aber als Verrückter, und sagte mit zitternder stammelnder Zunge, eine Quitte, welche er gegessen, habe ihn umgebracht, und setzte auch auseinander, wer ihm dieselbe gegeben habe. Die Obrigkeit, welche von dem Vorfalle benachrichtigt wurde, ließ die Verbrecherin suchen; diese hatte sich aber, da sie den schlimmen Erfolg gesehen, bereits in Sicherheit gesetzt und ließ sich nie wieder sehen.

Tomas hütete sechs Monate lang das Bett, zehrte in dieser Zeit völlig ab und wurde, wie man zu sagen pflegt, zu Haut und Knochen; auch sah man, daß alle seine Sinne sich verwirrt hatten. Ob man nun gleich alle möglichen Mittel anwandte, so konnte man doch nur die Krankheit seines Leibes, nicht aber die seines Geistes heben, denn er war zwar gesund, blieb aber von der seltsamsten, bis dahin noch nie gesehenen Narrheit befangen. Der Unglückliche bildete sich nämlich ein, er sei ganz aus Glas gemacht, und dieser Einbildung zufolge schrie er, wenn jemand sich ihm näherte, fürchterlich, und bat und flehte in zusammenhängenden Worten und Sätzen, man möchte ihm nicht zu nahe kommen, man möchte ihn sonst zerbrechen, denn er sei in der That und Wahrheit nicht beschaffen wie andere Leute, sondern aus Glas von Kopf bis zu Fuß.

Um ihn aus diesem seltsamen Wahne zu reißen, stießen viele, ohne auf sein Geschrei und Flehen zu achten, an ihn an und umarmten ihn, wobei sie ihm sagten, er möchte doch merken und sich überzeugen, daß er nicht zerbreche. Man gewann aber dadurch nichts weiter, als daß der Arme sich zu Boden warf, furchtbar schrie und dann plötzlich in eine Ohnmacht fiel, aus der er erst in vier Stunden wieder erwachte, und wenn er wieder zu sich kam, erneuerte er sein Bitten und Flehen, man möchte ihm ein andermal nicht zu nahe kommen. Er sagte, sie möchten von weitem mit ihm reden und ihn fragen, was sie wollen, denn er wolle ihnen auf alles mit um so größerer Einsicht antworten, als er ein Mensch von Glas und nicht von Fleisch sei, denn durch das Glas, als einem zarten feinen Stoff, wirke die Seele mit mehr Gewandtheit und Kraft, als durch den schweren irdischen Stoff des Körpers.

Einige wollten den Versuch machen, ob es wahr sei was er sage. Sie fragten ihn also viele schwierige Dinge, auf welche er ohne viel Bedenkens mit größtem Scharfsinn antwortete, ein Umstand, welcher die gelehrtesten Männer der Universität und die Professoren der Medicin und Philosophie in Verwunderung setzte, da sie sahen, daß ein Mensch, in dem eine so seltsame Narrheit Platz gegriffen hatte, wie die, zu glauben, er sei von Glas, zugleich einen so großen Verstand besitze, daß er auf jede Frage passend, ja witzig antwortete.

Tomas bat, sie möchten ihm irgend ein Futteral geben, in welches er das zerbrechliche Gefäß seines Körpers stecken könne, um es nicht zu zerbrechen, wenn er etwa ein enges Kleid anlege. Sie gaben ihm also einen grauen Mantel und ein sehr weites Hemd, was er mit großer Vorsicht anzog und mit einer baumwollenen Schnur als Gürtel befestigte. Schuhe wollte er durchaus nicht anziehen, und damit er sich konnte zu essen geben lassen, ohne daß ihm die Leute zu nahe kamen, beobachtete er folgendes Verfahren: er befestigte an die Spitze eines Stabs den Korb zu einem Pißglase! und in diesen legte man ihm irgend etwas Obst, wie es gerade die Jahrszeit darbot; Fleisch und Früchte liebte er nicht.

Er trank nicht anders als aus der Quelle oder dem Fluß, und zwar mit den Händen. Wenn er durch die Straßen wandelte, gieng er immer in der Mitte derselben und sah ängstlich nach den Dächern, ob nicht ein Ziegel herab fallen und ihn zerbrechen möchte. Im Sommer schlief er im Felde unter freiem Himmel; im Winter begab er sich in irgend ein Wirthshaus und verkroch sich in das Stroh bis an die Kehle, denn er behauptete, dieß sei das geeignetste und sicherste Nachtlager, welches Menschen von Glas haben können. Wenn es donnerte, zitterte er wie Quecksilber, lief auf das Feld und kam nicht eher wieder in die Stadt zurück, als wenn das Gewitter vorüber war.

Seine Freunde hielten ihn lange Zeit eingesperrt. Da sie aber sahen, daß sein unglücklicher Zustand dadurch nur schlimmer wurde, beschloßen sie, ihm seinen Willen zu thun und ihn frei umhergehen zu lassen. Sie gaben ihm die Freiheit und so gieng er in der Stadt umher und erregte bei allen, die ihn kannten, Verwunderung und Mitleid.

Die Straßenjungen umringten ihn sogleich, er hielt sie aber mit seinem Stocke zurück und bat sie, aus der Ferne mit ihm zu reden, damit er nicht zerbreche, dieweil er als ein gläserner Mensch sehr zärtlich und zerbrechlich sei. Allein die Jungen, das überlästigste Geschlecht auf der Welt, begannen seinem Bitten und Schreien zum Trotz, mit alten Lappen, ja mit Steinen nach ihm zu werfen, um zu sehen, ob er wirklich von Glas sei, wie er sage. Er schrie jedoch so laut und gebärdete sich so unsinnig, daß er die Leute bewog, die Jungen zu zanken und zu züchtigen, bis sie ihn nicht mehr verfolgten.

Eines Tags aber, als sie ihn gar sehr belästigten, wandte er sich gegen sie und sagte: Was wollt ihr von mir, ihr Buben, die ihr so zudringlich seid wie Fliegen, so unsauber wie Wanzen und keck wie die Flöhe? Bin ich etwa der Scherbenberg in Rom, daß ihr so viel Scherben und Ziegel auf mich werfet?

Um ihn schelten und allen antworten zu hören, folgten ihm immer viele nach und die Knaben hielten es auch für hübscher, ihn reden zu hören, als auf ihn zu werfen.

Als er nun einmal über den Trödelmarkt in Salamanca gieng, sagte eine Trödelfrau zu ihm: Bei meiner Seele, Herr Licenciat, euer Unglück dauert mich; aber was hilfts! Ich kann unmöglich darüber weinen.

Da wandte er sich zu ihr um und sagte in sehr gemessenem Tone: Filiae Hierusalem, plorate super vos et super filios vestros. Ihr Töchter Jerusalems, weinet über euch und eure Kinder. Lukas 23, 28. ( Anm.d.Hrsg.)

Der Mann der Trödlerin verstand die Bosheit dieser Rede und sagte zu ihm: Mein lieber Licenciat Vidriera (das ist Glasmann; denn so behauptete er zu heißen), ihr seid mir eher ein Schalk, als ein Narr.

Das kümmert mich keinen Deut, antwortete er, wenn ich nur kein Dummkopf bin.

Als er eines Tags bei dem Lusthause und der öffentlichen Schenke vorübergieng, sah er vor der Thüre mehrere Bewohnerinnen derselben und sagte, es seien Packpferde vom Heere des Satans, welche im Gasthof zur Hölle einquartiert seien.

Es fragte ihn einer, welchen Rath oder Trost er wohl einem seiner Freunde geben solle, der sehr traurig darüber sei, daß ihm seine Frau mit einem andern davon gelaufen.

Er antwortete ihm: Sage ihm, er solle Gott danken, der es zugelassen, daß ihm der Feind sei aus dem Hause entführt worden.

Ich soll sie also nicht aufsuchen? sagte der andere.

Kein Gedanke, versetzte Vidriera, denn wenn man sie fände, so hieße das ja nur einen beständigen und wahrhaften Zeugen seiner Schande finden.

Nun, das mag sein, sagte der nämliche. Was soll aber ich thun, um mit meiner Frau im Frieden zu leben?

Er antwortete ihm: Gib ihr, was sie braucht! Laß sie allen Leuten in deinem Hause befehlen, leide aber nicht, daß sie dir befiehlt!

Ein Knabe sagte zu ihm: Herr Licenciat Vidriera, ich will meinem Vater entlaufen, weil er mich so oft schlägt.

Er antwortete ihm: Bedenke, mein Kind, daß die Schläge, welche die Väter den Kindern ertheilen, zu Ehren bringen, die des Henkers aber zu Schanden.

Als er an der Thür einer Kirche stand, sah er einen von den Bauern hineingehen, die sich immer damit brüsten, alte Christen zu sein, und hinter demselben her kam einer, der nicht in eben dem guten Rufe stand, wie der erste. Da rief der Licenciat dem Bauern laut zu: Warte, Domingo (das ist: Sonntag), bis der Sonnabend vorbei ist!

Von den Schulmeistern sagte er, sie seien glücklich, da sie immer mit glückseligen Engeln zu thun haben; wenn nur die Engelein keine Rotznasen hätten.

Ein anderer fragte ihn, was er von den Kupplerinnen halte. Er antwortete, die fernen seien keine, sondern die nahen.

 

Die Kunde von seiner Narrheit, von seinen Antworten und Aussprüchen verbreitete sich durch ganz Castilien, und als ein Fürst oder vornehmer Herr am Hofe davon Nachricht erhielt, wollte er ihn holen lassen. Er gab es einem Ritter in Salamanca, der mit ihm befreundet war, auf, ihm ihn zu schicken, und als ihn der Ritter eines Tages traf, sagte er zu ihm:

Hört, Herr Licenciat Vidriera, ein vornehmer Mann vom Hofe läßt euch rufen.

Er antwortete ihm: Entschuldigt mich gefälligst bei diesem Herrn! Ich passe nicht für Palläste; ich bin verlegen und verstehe mich nicht auf das Schmeicheln.

Demungeachtet schickte ihn der Ritter an den Hof, und um ihn fortzubringen wandten sie folgende List an: man steckte ihn in einen Strohkorb, wie die sind, in welchen man Glaswerk transportirt, und beschwerte die andere Seite mit einer gleichen Last von Steinen und einigen in Stroh gepackten Gläsern, so daß es aussah, als behandelte man ihn wie ein Glasgefäß.

Er kam nach Valladolid; bei Nacht gieng man in die Stadt hinein und packte ihn in dem Hause des Herrn aus, welcher nach ihm geschickt hatte, ihn sehr wohl empfieng und zu ihm sagte: Seid mir willkommen, Herr Licenciat Vidriera! Wie ist es euch auf dem Wege ergangen? Wie steht es um eure Gesundheit?

Darauf antwortete er: Es gibt keinen schlimmen Weg, wenn er nur ein Ende nimmt, ausgenommen den, der zum Galgen führt. Mit meiner Gesundheit steht es weder gut noch schlecht, denn mein Puls steht im rechten Verhältniß zu meinem Gehirn.

Ein andermal, als er auf den Falkenstangen viele Edelfallen und andere zur Reiherbeize gehörige Vögel sah, sagte er, die Jagd mit Falken sei für Fürsten und große Herren ziemlich; sie sollen aber bedenken, daß hier das Vergnügen von dem Nutzen Zinsen von mehr als zweitausend für eins erhebe. Die Hasenjagd, sagte er, sei noch vergnüglicher, zumal wenn man mit geliehenen Hunden jage.

Der Richter fand Vergnügen an seiner Verrücktheit und ließ ihn in der Stadt umhergehen unter dem Schutze und der Hut eines Mannes, welcher darauf Acht haben mußte, daß die Jungen ihm kein Leids zufügten, denn sie und der ganze Hof kannten ihn nach sechs Tagen, und bei jedem Schritt, in jeder Straße und in jedem Winkel antwortete er auf alle Fragen, die man an ihn that.

Unter andern fragte ihn ein Student, ob er ein Dichter sei, denn es scheine ihm, er habe Anlage zu allem.

Darauf antwortete er: Bis jetzt bin ich weder so thöricht noch so glücklich gewesen.

Ich verstehe nicht, sagte der Student, was ihr mit dem thöricht und glücklich meint.

Vidriera antwortete: Ich bin nicht so töricht gewesen ein schlechter Dichter zu sein, aber auch nicht so glücklich, daß ich verdiente für einen guten zu gelten.

Ein anderer Student fragte ihn, welche Achtung er vor den Dichtern habe.

Er antwortete, vor der Kunst große, vor den Dichtern aber keine.

Man entgegnete ihm, warum er dieß sage.

Er antwortete, von der Unzahl von Dichtern, welche es gebe, seien nur so gar wenige gut, daß sie fast gar nicht zählen, und er habe also so wenig Achtung vor den Dichtern, als ob es gar keine gebe; dagegen bewundere und verehre er die Kunst der Poesie, da sie alle andern Künste in sich begreife.

Denn, sagte er, sie bedient sich aller, schmückt und ziert sich mit allen, und bringt so ihre wunderbaren Werke hervor, durch welche sie die Welt mit Nutzen, Vergnügen und Verwunderung erfüllt. Ich weiß aber recht gut, fuhr er fort, wie hoch man einen guten Dichter achten muß, denn ich erinnere mich wohl jener Verse des Ovid, wo er sagt:

Cura ducum fuerant olim regumque poetae;
 Praemiaque antiqui magna tulere chori;
Sanctaque majestas et erat venerabile nomen
 Vatibus, et largae saepe dabantur opes.
Fürsten und Könige sorgten in alten Zeiten für Dichter / Und es erntete sonst herrlichen Preis der Gesang. / Hochgeehret und heilig geachtet waren die Seher; / Und ein reiches Geschenk war ihnen öfters gereicht. – Ars amatoria III, 405-408. ( Anm.d.Hrsg.)

Noch weniger habe ich die hohe Würde der Dichter vergessen, da sie Platon die Dolmetscher der Götter nennt und Ovid von ihnen sagt:

Est deus in nobis; agitante calescimus illo. Es erfüllet ein Gott uns, und zündet uns heilige Glut an. – Fasti VI, 5. ( Anm.d.Hrsg.)

Und weiter sagt er:

At sacri vates et divm cura vocamur. Wir Lieblinge der Götter und heilige Seher genennet. – Amores III, 9, 17. ( Anm.d.Hrsg.)

Hier sind aber nur die guten Poeten gemeint, denn von den schlechten, den Afterdichtern läßt sich weiter nichts sagen, als daß sie die Unwissenheit und die Hoffahrt der Welt darstellen. Ist es nicht zum toll werden, fuhr er fort, wenn man einen solchen Dichter sieht, von der Schaar derer, welche jede Gelegenheit beim Schopfe packen, der mehreren, die um ihn her stehen, ein Sonnett vorleiern will; die Entschuldigungen, die er vorausschickt, wie er sagt: Habt die Güte, meine Herren, ein Sonnetchen anzuhören, das ich gestern Abend bei einer gewissen Gelegenheit verfertigte, und welches, wie mir scheint, ob es gleich nichts werth ist, doch so ein gewisses Etwas von Bedeutung hat.

Dabei spitzt er die Lippen, zieht die Augbrauen empor, durchstöbert seine Tasche, und unter tausend andern schmierigen und halb zerrissenen Papieren, auf denen noch tausend andere Sonnette stehen, sucht er nun dasjenige hervor, welches er mittheilen will, und liest es endlich mit weicher honigsüßer Stimme. Wenn nun etwa seine Zuhörer boshaft oder unwissend genug sind, es nicht zu loben, so sagt er: Entweder, meine Herren, habt ihr das Sonnett nicht verstanden, oder habe ich es nicht recht vorzutragen gewußt; es wird daher gut sein, wenn ich es noch einmal hersage, und ihr aufmerksam zuhört, denn wahrlich wahrlich, das Sonnett verdient es.

Und nun liest er es noch einmal vor mit neuen Gebärden und neuen Pausen. Noch schöner ist es mit anzusehen, wenn sie einander vollends selbst beurtheilen. Was soll ich davon sagen, wie die modernen jungen Kläffer alte gesetzte Haushunde anbellen? Was von solchen, die über hochberühmte treffliche Männer murren, von denen das wahre Licht der Dichtung widerstrahlte, welche sie zur Erholung und Erheiterung bei ihren vielen ernsten Beschäftigungen erwählen und damit die Göttlichkeit ihres Geistes und die Erhabenheit ihrer Gedanken bewähren zum Trotz und Verdruß der überklugen Dummköpfe, welche über Dinge urtheilen, die sie nicht verstehen, und das verabscheuen, was sie nicht fassen können, zum Verdruß derer, welche wünschen, daß die Thorheit, die sich unter Thronhimmeln verbirgt, und die Unwissenheit, die sich an Fürstenstühle lehnt, angehört und werthgehalten werde.

Ein andermal fragte man ihn, warum die meisten Dichter arm seien. Er antwortete, weil sie es so wollen; denn es stehe ganz in ihrer Gewalt, reich zu sein, wenn sie nur die Gelegenheit zu benützen verstehen, die ihnen jeden Augenblick unter die Hände komme, bei den Schätzen ihrer Damen nämlich, welche alle außerordentlich reich seien, denn sie haben goldene Haare, eine Stirn von geglättetem Silber, statt der Augen grüne Smaragde, Zähne von Elfenbein, Lippen von Korallen, die Kehle von durchsichtigem Krystall, und das, was sie weinen, seien flüssige Perlen; außerdem, was ihr Fuß berühre, und wäre es auch der härteste und unfruchtbarste Boden, das bringe sogleich Jasmin und Rosen hervor; in ihrem Athem dufte reine Ambra, Bisam und Weihrauch; alle diese Dinge aber seien Zeichen und Beweise eines großen Reichthums.

Diese und andere Dinge sagte er von den schlechten Dichtern; denn von den guten redete er immer nur Gutes und erhob sie bis auf das Horn des Mondes.

Eines Tages sah er an dem St. Franzstiege einige von schlechter Hand gemahlte Figuren, und sagte, die guten Maler ahmen die Natur nach, die schlechten dagegen speien sie aus.

Eines Tags lehnte er sich mit großer Vorsicht, um nicht zerbrochen zu werden, an den Laden eines Buchhändlers und sagte zu ihm: dieses Gewerbe würde mir sehr gefallen, wenn es nicht einen Mangel hatte.

Der Buchhändler bat ihn, ihm denselben zu nennen, und er antwortete ihm: Daß ihr euch so sehr ziert, wenn ihr das Verlagsrecht eines Buches erkauft, und die Betrügerei, die ihr an dem Verfasser begeht, wenn er etwa das Buch auf seine Kosten drucken läßt; denn statt fünfzehnhundert druckt ihr drei tausend Exemplare, und während der Verfasser meint, sein Buch werde verkauft, setzt ihr eure Abdrücke ab.

An demselben Tage geschah es, daß sechs Gestäupte Das Stäupen war im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit eine Körperstrafe, bei welcher der Verurteilte am Pranger geschlagen wurde, der daher auch den Namen Staupsäule trägt. Das Stäupen wurde als unehrenhafte Strafe betrachtet. ( Anm.d.Hrsg.) über den Platz kamen, wobei der Ausrufer schrie: Den ersten wegen Diebstahls.

Da rief der Licenciat denen, die vor ihm standen, laut zu: Entfernt euch, Brüder, daß man diese Rechnung nicht mit einem von euch beginnt.

Der Büttel fuhr fort und sagte: Den hintern …

Da fiel Vidriera ein: Das ist wohl der, der für die Schuljungen gutstehen muß.

Ein Knabe sagte zu ihm: Bruder Vidriera, morgen wird eine Kupplerin gestäupt.

Er antwortete ihm: Hättest du gesagt, es werde ein Kuppler gestäupt, so hätte ich gemeint, man stäupe eine Kutsche.

Es war eben ein Sänftenträger gegenwärtig, welcher zu ihm sagte: Ueber uns, Licenciat, habt ihr nichts zu sagen?

Nein, antwortete Vidriera, weiter nichts, als daß ein jeder von euch mehr Sünden weiß, als ein Beichtvater, aber mit dem Unterschied, daß der Beichtvater sie erfährt, um sie geheim zu halten, ihr aber, um sie in den Schenken bekannt zu machen.

Dieß hörte ein Maulthierbursche, denn es hörten ihm beständig Leute aus allen Ständen zu, und sagte zu ihm: Ueber uns, Herr Glasflasche, gibt es wenig oder gar nichts zu sagen, denn wir sind ehrliche Leute und dem gemeinen Wesen nothwendig.

Darauf entgegnete Vidriera: Die Ehre des Herrn bekundet die des Dieners; daher bedenke, wem du dienst, und du wirst sehen, wie sehr du geehrt bist. Ihr Maulthierbursche aber seid das niederträchtigste Gesindel, das die Erde ernährt. Einmal, als ich noch nicht von Glas war, machte ich eine Reise auf einer gemietheten Mauleselin, und zählte an derselben wohl hunderteinundzwanzig Fehler und zwar lauter wesentliche, die zum Verderben der Menschheit ausschlagen. Alle Maulthiertreiber haben so etwas an sich von Kupplern, etwas von Spitzbuben und etwas von Gauklern. Wenn ihre Herren, (denn so nennen sie diejenigen, welche sich ihrer Maulthiere bedienen) weichmäulig sind, so spielen sie ihnen mehr schlimme Streiche, als alle Hexen in dieser Stadt in den letzten Jahren angerichtet haben. Sind es Fremde, so werden sie bestohlen; sind es Studenten, so werden sie verflucht; sind es Geistliche, so werden sie verwünscht; sind es Soldaten, so zittern sie vor ihnen. Diese, die Matrosen, die Fuhrleute und die Maulthiertreiber haben eine ganz außerordentliche Lebens weise, die blos für sie paßt. Der Fuhrmann bringt den größten Theil seines Lebens in dem Raum von anderthalb Ellen zu, denn viel weiter ist es wohl nicht von dem Joche der Maulthiere bis zum Vordertheile des Wagens. Die Hälfte seiner Zeit singt er, die andere Hälfte flucht er und schreit: Geht zurück! Weicht aus!

Und wenn sie etwa ein Rad aus dem Kothe herauszuarbeiten haben, so helfen sie lieber mit zwei Flüchen, als mit drei Mauleselinnen. Die Seeleute sind ein thätiges aber unhöfliches Volk, das keine andere Sprache kennt, als die auf den Schiffen gebräuchlich ist. Bei günstigem Wetter sind sie fleißig, beim Unwetter faul; im Sturme befehlen viele und wenige gehorchen. Ihr Gott ist ihr Kasten und ihre Hängematte, und ihr Zeitvertreib ist, die Reisenden seekrank zu sehen. Die Maulthiertreiber sind Leute, die sich von den Betttüchern geschieden und mit den Saumsätteln verheirathet haben; sie sind so thätig und eilig, daß sie ihre Seele preisgeben, um eine Tagereise nicht einzubüßen. Ihre Musik ist die des Mörsers, ihre Kraftbrühe der Hunger, ihre Frühmetten das Aufstehen um Futter aufzuschütten, und ihre Messen das, daß sie keine hören.

Als er dieß sagte, stand er eben an der Thüre eines Apothekers; er wandte sich zu dem Herrn um und sagte zu ihm: Euer Wohlgeboren treibt ein heilsames Handwerk; wenn ihr nur euern Lampen nicht so feind wäret.

Auf welche Art bin ich denn meinen Lampen feind? fragte der Apotheker.

Ich sage es darum, antwortete Vidriera, weil, wenn es euch einmal an Oel fehlt, ihr dem Mangel aus der ersten besten Lampe abhelft, die ihr hier zur Hand habt. Und noch etwas hat euer Gewerbe an sich, was hinreichend ist, den besten Arzt von der Welt um seinen Ruf zu bringen.

Als man ihn fragte, wie so, antwortete er, es gebe Apotheker, die nicht wagen noch so keck seien, zu sagen, daß dasjenige in ihrer Apotheke fehle, was der Arzt vorgeschrieben, und die dann statt der fehlenden Sachen andere nehmen, die ihrer Meinung nach dieselbe Kraft und Eigenschaft besitzen, während es doch nicht so sei, und darum habe denn die schlecht zusammengesetzte Arznei gerade die entgegengesetzte Wirkung von dem, was die richtig verschriebene hätte bewirken sollen.

Darauf fragte man ihn, was er denn von den Aerzten denke. Er antwortete darauf folgendes: Honora medicum propter necessitatem; etenim creavit eum altissimus; a deo enim est omnis medela, et a rege accipiet donationem; disciplina medici exaltavit caput illius et in conspectu magnatum coollaudabitur. Altissimus de terra creavit medicinam et vir prudens non abhorrebit illam. Ehre den Arzt mit gebührender Achtung, daß du ihn habest in der Not. Denn der Herr hat ihn geschaffen, und die Arznei kommt von dem Höchsten. Könige ehren ihn. Die Kunst des Arztes macht ihn groß bei Fürsten und Herren. Der Herr lässt die Arznei aus der Erde wachsen, und einer Vernünftiger verachtet sie nicht. ( Anm.d.Hrsg.)

So spricht, sagte er, der Ecclesiasticus Das Buch »Ecclesiasticus« bzw. »Jesus Sirach« gehört zu den sog. Spätschriften des Alten Testaments. Es ist nach seinem Autor benannt, der um 190/180 v.u.Z. in Jerusalem die hebräische Urfassung niederschrieb. ( Anm.d.Hrsg.) von der Medicin und von den guten Aerzten; von den schlechten aber könnte man gerade das Gegentheil sagen, denn es gibt keine für den Staat schädlicheren Menschen, als sie. Der Richter kann uns das Recht verdrehen oder verzögern, der Rechtsgelehrte kann aus Eigennutz unsere ungerechten Forderungen unterstützen, der Kaufmann kann uns um unser Vermögen betrügen, kurz alle Menschen, mit welchen wir umzugehen gezwungen sind, können uns irgendwie Schaden zufügen; aber uns das Leben nehmen; ohne der Furcht der Strafe ausgesetzt zu sein, das kann keiner; nur die Aerzte können uns umbringen und bringen uns um ohne Furcht und mit ruhigem Fuß, ohne ein anderes Schwert zu zücken, als das eines Recepts, und ihre Verbrechen kommen nicht einmal an den Tag, denn sie legen sie im Augenblick unter die Erde. Ich erinnere mich, daß zu der Zeit, wie ich noch ein Mensch von Fleisch war, und nicht von Glas, wie jetzt, ein Kranker einen solchen Arzt von der zweiten Classe verabschiedete, um sich von einem andern heilen zu lassen. Der erste gieng vier Tage darauf zufälliger Weise an der Apotheke vorbei, in welcher der zweite seine Recepte machen ließ, und fragte den Apotheker, wie es mit dem Kranken gehe, den er aufgegeben, und ob ihm der andere Arzt ein Abführungsmittel verschrieben habe. Der Apotheker antwortete, er habe hier das Recept zu einem Abführungsmittel liegen, welches der Kranke den andern Tag nehmen solle. Er bat ihn, es ihm zu zeigen, und las am Ende die Worte: Sumat diluculo. Man nehme es des Morgens. ( Anm.d.Hrsg.)

Worauf er sagte: Das Abführungsmittel hier gefällt mir im Ganzen recht wohl, nur das diluculo nicht, denn es ist schon über Gebühr wässerig.

Wegen dieser und anderer Dinge, die er über alle Stände sagte, giengen ihm immer die Leute nach, zwar ohne ihm etwas zu Leid zu thun, aber auch ohne ihn in Ruhe zu lassen. Bei alle dem würde er sich aber doch nicht gegen die Straßenjungen haben vertheidigen können, wenn sein Wächter ihn nicht geschützt hätte.

Es fragte ihn jemand, wie er es anfangen solle, um niemand zu beneiden. Er antwortete ihm: Schlafe, denn so lange du schläfst, bist du dem gleich, den du beneidest.

Ein anderer fragte ihn, welches Mittel er ergreifen solle, um ein Amt zu erlangen, nach welchem er schon zwei Jahre strebe. Er sagte zu diesem: Setze dich zu Pferd und verliere den, der das Amt bekommt, nicht aus den Augen, sondern wenn du ihn aus der Stadt gehen siehst, so setze ihm gleich nach, und so wirst du sicher das Amt erlangen.

Es gieng einmal zufällig an ihm ein Richter vorbei, der gerade irgendwo hineilte, wegen eines peinlichen Falls, und eine Menge Menschen und auch zwei Gerichtsdiener bei sich hatte. Er fragte ihn, wer er sei, und als man es ihm gesagt hatte, sagte er:

Ich will darauf wetten, dieser Richter hat Schlangen im Busen, Terzerole im Tintenfasse und Blitzstrahlen in den Händen, um alles zu zertrümmern, was er bei seiner Amtsführung erreichen kann. Ich besinne mich, daß ich einst einen Freund hatte, der in einer peinlichen Sache, die er führte, ein so übertriebenes Urtheil fällte, daß es zu der Schuld der Verbrecher in gar keinem Verhältnisse stand. Ich fragte ihn, warum er denn ein so grausames Urtheil gesprochen und eine so offenbare Ungerechtigkeit begangen habe. Er antwortete mir, er wolle die Appellation gewähren und lasse dadurch den Herren des Raths freien Spielraum, um ihre Barmherzigkeit zu üben, indem sie diesen seinen harten Spruch mildern und in das rechte Maaß und Verhältniß zurückbringen. Ich antwortete ihm, es wäre doch besser gewesen, den Spruch so zu fassen, daß er jene der Mühe überhoben hätte, denn auf diese Art würden sie ihn für einen gerechten und geschickten Richter erkennen.

Unter der Schaar von Leuten, die, wie schon gesagt wurde, ihm beständig zuhörten, befand sich ein Bekannter von ihm in der Kleidung eines Rechtsgelehrten, welchen ein anderer Herr Licenciat anredete. Da nun Vidriera wußte, daß derjenige, welchen man Licenciat nannte, nicht einmal den Titel Baccalaureus hatte, so sagte er zu ihm:

Hütet euch, Kamerad, daß die Brüder von der Redemtion der Gefangenen eurem Titel nicht begegnen, sie möchten euch ihn sonst als herrenloses Gut an sich nehmen.

Darauf versetzte der Freund: Wir wollen uns mit einander vertragen, Herr Vidriera! Ihr wißt ja wohl, daß ich hohe und tiefe Wissenschaften verstehe.

Vidriera antwortete ihm: Ich weiß es wohl, daß ihr ein Tantalus in denselben seid, denn sie sind so hoch, daß ihr sie nicht erreichen, und so tief, daß ihr sie nicht ergründen könnt.

Als er sich einst an die Bude eines Schneiders lehnte, sah er, daß dieser die Hände in den Schooß legte und sagte zu ihm: Gewiß, Herr Meister, seid ihr auf dem Wege des Heils.

Woran seht ihr das? fragte der Schneider.

Woran ich es sehe? erwiederte Vidriera. Ich sehe es daran, daß ihr nichts zu thun habt, denn damit habt ihr auch keine Gelegenheit zu lügen. Unglücklich, fügte er hinzu, ist der Schneider, der nicht lügt und an den Festtagen näht! Es ist wirklich zu verwundern, daß man unter allen Leuten dieses Berufs kaum einen findet, der ein Kleid recht machen kann, während es doch so viele gibt, die Kleider unrecht machen.

Von den Schustern sagte er, sie machen ihrer Meinung nach niemals einen schlechten Schuh; denn wenn er dem, für den sie arbeiten, zu eng sei und zu fest anliege, so sagen sie, es müsse so sein, weil galante Leute knappe Schuhe tragen, und wenn man sie zwei Stunden lang am Fuß habe, so werden sie weiter als Handschuhe. Seien sie aber weit, so sagen sie, es müsse so sein von wegen der Fußgicht.

Ein gescheidter Junge, welcher Schreiber bei einem Provinzialgericht war, quälte ihn oft mit Bitten und Fragen, und brachte ihm Nachricht von dem, was in der Stadt vorfiel, weil er über alles seine Bemerkungen machte, und auf alles antwortete. Dieser sagte nun einst zu ihm: Vidriera, diese Nacht ist im Gefängniß eine Bank, d. h. ein Galeerensclave gestorben, welcher verurtheilt war, gehängt zu werden.

Er antwortete ihm: Er hat wohl gethan, daß er schnell gestorben ist, ehe sich der Henker auf ihn gesetzt hat.

Auf dem St. Franzstiege stand ein Trupp Genueser. Als er dort vorbei gieng, rief ihm einer derselben und sagte zu ihm: Kommt, Herr Vidriera, und erzählt uns ein Geschichtchen!

Er antwortete: Ich mag nicht; ihr möchtet es mir sonst nach Genua nehmen.

Er traf einmal eine Krämerin, vor welcher ihre häßliche, aber mit Flitterstaat, Tressen und Perlen reich beladene Tochter hergieng. Da sagte er zu der Mutter: Ihr habt sehr wohl gethan sie zu pflastern; dann kann man doch hinüberkommen.

Bon den Pastetenbäckern sagte er, sie spielen seit langen Jahren das Verdoppelspiel, ohne die Strafe dafür zu bezahlen, denn sie haben aus der Pastete für zwei Maravedis eine für vier gemacht, aus der für vier eine für acht, und aus der für acht eine für einen halben Real, und das alles nach ihrer eigenen Willkühr und Belieben.

Ueber die Puppenspieler sagte er tausend schlimme Dinge. Er sagte, es sei landstreicherisches Gesindel, welches göttliche Dinge auf unverschämte Art behandle; denn mit den Figuren, die sie in ihren Vorstellungen gebrauchen, machen sie die Frömmigkeit zum Gelächter, und es könne ihnen begegnen, daß sie alle oder doch die meisten Figuren des alten und neuen Testaments in einen Sack zusammenstecken, und sich dann darauf setzen, um in Schenken und Kneipen zu essen und zu trinken. Kurz, er sagte, er verwundere sich, daß Leute, die es thun könnten, ihnen nicht beständiges Stillschweigen mit ihren Darstellungen auferlegen oder sie aus dem Königreiche verbannen.

Einst gieng ein Schauspieler an ihm vorbei, der wie ein Fürst angezogen war. Als er ihn erblickte, sagte er: Ich besinne mich, diesen Menschen auf dem Theater gesehen zu haben, wie er das Gesicht mit Mehl gepudert und einen Schaafpelz verkehrt an hatte. Demungeachtet aber schwört er bei jedem Tritt und Schritt außer der Bühne auf Edelmannsehre.

Er kann ja wohl ein Edelmann sein; antwortete einer, denn es gibt viele Schauspieler, die von hoher Geburt und Edelleute sind.

Das ist wohl wahr, versetzte Vidriera; was aber das Possenspiel am wenigsten bedarf, das sind Leute von hoher Geburt; man braucht dazu artige, anständige Menschen mit gewandten Zungen. Ich kann auch wohl von ihnen sagen, daß sie ihr Brod im Schweiße ihres Antlitzes und mit unsäglicher Mühe verdienen; denn sie müssen unaufhörlich auswendig lernen, beständig wie Zigeuner von Ort zu Ort, von Gasthof zu Schenke wandern und Nächte durchwachen, um andere zu belustigen, denn ihr eigener Vortheil besteht in dem Vergnügen anderer. Uebrigens haben sie noch das Gute, daß sie mit ihrem Gewerbe niemand betrügen, denn sie legen hin und wieder ihre Waare auf offenem Markte aus, so daß alle Welt sie beurtheilen und sehen kann. Die Arbeit der Schauspieldichter ist unglaublich, ihre Sorgen sind außerordentlich, und sie müssen viel verdienen, wenn sie nicht am Schluß des Jahres so verschuldet sein wollen, daß sie mit ihren Gläubigern Streit anzufangen genöthigt sind. Demungeachtet sind sie dem Staate so nothwendig, als Wälder, Lusthaine, schöne Aussichten und alle Dinge, welche ein anständiges Vergnügen gewähren.

Er sagte ferner, einer seiner Freunde sei der Ansicht gewesen, daß derjenige, der einer Schauspielerin den Hof mache, in ihr allein viele Damen zugleich bediene, z. B. eine Königin, eine Nymphe, eine Göttin, eine Küchenmagd, eine Schäferin; und manchmal falle ihm auch das Loos, daß er in ihr einem Edelknaben oder Lakaien den Hof mache, denn alle diese und noch andere Rollen pflege eine Schauspielerin zu übernehmen.

Es fragte ihn einer, wer der glücklichste Mensch auf der Welt gewesen sei. Er antwortete: Nemo, denn Nemo novit patrem, Nemo sine crimine vivit, Nemo sua sorte contentus, Nemo ascendit in coelum. Niemand; denn niemand kennt den Vater, niemand lebt ohne Verbrechen, niemand ist mit seinem Los zufrieden, niemand fährt zum Himmel. ( Anm.d.Hrsg.)

Von den Fechtern sagte er einmal, sie seien Meister einer Wissenschaft oder Kunst, welche sie nicht verstehen, wenn sie derselben bedürfen, und sie streifen etwas an das Anmaßende, indem sie die zornigen Bewegungen und Gedanken ihrer Gegner auf untrügliche mathematische Schlüsse zurückführen wollen.

Auf diejenigen, welche sich den Bart färbten, warf er besondere Feindschaft. Einst stritten sich vor ihm zwei Männer, deren einer ein Portugiese war. Dieser sagte zu dem Spanier, indem er seinen stark gefärbten Bart faßte: Bei diesem Bart, den ich in meinem Gesicht habe.

Da fiel alsbald Vidriera ein: Holla, Freund, sagt nicht: Den ich habe, sondern: Den ich färbe. Im spanischen Original Wortspiel mit » tenho« und » tingo«. ( Anm.d.Hrsg.)

Ein anderer hatte einen scheckigen, vielfarbigen Bart, weil er schlecht gefärbt war. Zu diesem sagte Vidriera, sein Bart sehe aus wie ein fahler Misthaufen. Zu einem andern, dessen Bart halb weiß halb schwarz war, weil er ihn vernachläßigt hatte, und dem das untere Haar nachwuchs, sagte er, er solle auf seiner Hut sein, mit niemand zu streiten oder zu zanken, denn er wäre ganz in der Lage, daß man ihm sagen könnte, er lüge in seinen halben Bart hinein.

Einmal erzählte er: Ein kluges, vernünftiges Mädchen gab, um dem Willen ihrer Eltern nachzukommen, ihr Jawort, daß sie einen alten Graubart heirathen wolle, welcher am Abend vor dem Hochzeittage zwar nicht an den Jordan gieng, wie die alten Weiber sagen, aber zu einem Fläschchen mit scharfem Wasser und Silber seine Zuflucht nahm, wodurch er seinen Bart dermaßen erneute, daß er sich mit schneeweißen Haaren niedergelegt hatte und mit pechschwarzen aufstand. Es kam die Stunde, wo sie sich die Hände geben sollten; das Mädchen aber, welche das Gesicht aus jenen Zeichen und an der Farbe erkannte, sagte zu ihren Eltern, sie möchten ihr denselben Gatten geben, den sie ihr gezeigt haben; einen andern wolle sie nicht. Sie sagten ihr, der vor ihr stehende sei derselbe, den sie ihr als ihren Bräutigam gezeigt haben. Sie versetzte aber, dieß sei nicht der Fall, und brachte Zeugen bei, daß derjenige, welchen ihre Eltern ihr beschieden haben, ein ehrwürdiger Mann mit grauen Haaren sei; da nun der gegenwärtige keine solchen habe, so sei er es auch nicht, und gebe sich nur trügerischer Weise dafür aus. Daran hielt sie auch fest, der Gefärbte wurde böse, und die Heirath zerschlug sich.

Gegen die Kammerfrauen hegte er denselben Groll, wie gegen eingesalzene Fische. Er erzählte Wunderdinge von ihrem permafoy, Der Ausruf » par ma foi!« (bei meinem Glauben!). ( Anm.d.Hrsg.) von den Leichentüchern, die sie als Schleier gebrauchen, ihren vielen Zierereien und ihren Bedenklichkeiten und ihrer grenzenlosen Erbärmlichkeit. Er ärgerte sich über ihre Magenschwächen, ihre Schwindelanfälle und über ihre Art zu reden, die steifer ist, als die Säume ihrer Schleier, und endlich über ihre Nutzlosigkeit und ihre Büchschen.

Jemand sagte zu ihm: Wie kommt das, Herr Licenciat, daß ich euch von so vielen Gewerben habe Schlimmes sagen hören, niemals aber habt ihr etwas von den Gerichtsschreibern gesagt, über welche doch so viel zu sagen ist?

Er antwortete darauf: Wenn ich auch von Glas bin, so bin ich doch nicht so gebrechlich, daß ich mit dem Strome des Pöbels mich fortreißen ließe, der meistens getäuscht wird. Mir scheint es, die Gerichtsschreiber sind die Grammatik der Lästerungen und das la la la der Sänger; denn so wie man nur durch die Thüre der Grammatik zu andern Wissenschaften eingehen kann, und so wie der Musiker erst die Töne einlernt, ehe er singt, so fangen auch die Verleumder, um die Bosheit ihrer Zungen zu zeigen, damit an, daß sie von den Gerichtsschreibern und Polizeiwächtern und andern Dienern der Gerechtigkeit Böses reden, obgleich der Gerichtsschreiber ein Amt bekleidet, ohne welches die Wahrheit in der Finsterniß der Häuser beschämt und mißhandelt durch die Welt schleichen müßte. Darum sagt der Ecclesiasticus: In manu dei potestas hominis est, et super faciem scribae imponet honorem. Menschliche Macht ist in Gottes Hand, und auf das Gesicht des Schreibers legt er Ehre. ( Anm.d.Hrsg.)

Der Gerichtsschreiber ist eine öffentliche Person und ohne ihn kann der Richter sein Amt nicht mit Bequemlichkeit führen. Die Gerichtsschreiber müßen freie Menschen sein und keine Sclaven, noch Söhne von Sclaven, eheliche Kinder und keine Bastarde, noch dürfen sie von irgend unreinem Geblüt abstammen. Sie schwören Verschwiegenheit und Treue, und daß sie mit ihrer Schreiberei keinen Wucher treiben wollen, daß weder Freundschaft noch Feindschaft, weder Vortheil noch Schaden sie bewegen soll, ihr Amt nicht zur Befriedigung ihres guten christlichen Gewissens zu verwalten. Wenn nun dieser Beruf so viele gute Eigenschaften verlangt, wie soll man da denken, daß unter mehr als zwanzig tausend Schreibern, die in Spanien sind, der Teufel besonders Ernte halte, als wären es Ranken seines Weinstocks? Das will ich nicht glauben, und es ist auch nicht gut, daß es irgend jemand glaube; denn kurz und gut, sie sind in jedem wohlgeordneten Staate die nothwendigsten Leute.

Und wenn sie übermäßige Rechte haben, so thun sie auch übermäßiges Unrecht, und aus diesen zwei Extremen könne ein Mittelweg hervorgehen, der sie vorsichtig machen könne.

Von den Gerichtsdienern sagte er, es sei kein Wunder, daß sie manche Feinde haben, da es ihr Amt mit sich bringe, die Leute festzunehmen oder ihnen ihr Eigenthum aus dem Hause zu tragen, sie in den ihrigen zu bewachen, oder auf deren Kosten zu zehren.

Er tadelte die Nachläßigkeit und Unwissenheit der Procuratoren und Sachwalter, und verglich sie mit den Aerzten, welche, der Kranke möge genesen oder nicht, doch ihre Bezahlung nehmen; ebenso machen es auch die Procuratoren und Sachwalter, der Proceß, den sie führen helfen, möge gewonnen werden oder nicht.

Es fragte ihn einer, was das beste Land sei. Er antwortete: Das frühe und dankbare.

Der andere versetzte: Das frage ich nicht, sondern welches der beste Ort ist, Valladolid oder Madrid.

Er antwortete: Von Madrid das äußere, von Valladolid das mittlere.

Das verstehe ich nicht, wiederholte der Fragende.

Worauf er erläuterte: Von Madrid Himmel und Boden, von Valladolid die Zwischenstockwerke.

Vidriera hörte, daß jemand zu einem andern sagte, so wie er nach Valladolid gekommen, sei seine Frau sehr krank geworden, sobald sie nur diesen Boden gekostet habe. Darauf sagte Vidriera: Es wäre besser gewesen, er hätte sie gekostet und verschlungen, wenn sie etwa eifersüchtig ist.

Von den Musikern und Fußboten sagte er, ihre Hoffnungen und ihr Glück sei sehr beschränkt; denn die Hoffnung dieser erfülle sich damit, daß sie reitende Boten werden, jener, daß sie den Titel als königliche Musiker erlangen.

Von den Damen, welche man Curtisanen nennt, sagte er, ihnen die Cur zu machen gienge wohl an, wenn man nur nicht hernach bald die Tisanen Frz. »tisane«: Kräutertee. ( Anm.d.Hrsg.) nöthig hätte.

Eines Tags war er in einer Kirche und sah, wie sie einen alten Mann zur Bestattung, ein kleines Kind zur Taufe, und ein Weib zur Trauung hereinbrachten, und dieß alles zu gleicher Zeit. Da sagte er, die Kirchen seien Schlachtfelder, wo die alten Leute umkommen, die Kinder siegen und die Weiber triumphiren.

Einst stach ihn eine Wespe in den Hals und er wagte nicht, sie abzuschütteln, um sich nicht zu zerbrechen, klagte aber dennoch über den Schmerz. Da fragte ihn jemand, wie er denn die Wespen fühlen könne, wenn doch sein Körper von Glas sei. Er antwortete, diese Wespe müsse eine Verläumderin sein, denn die Zungen und Stiche der Verläumder seien stark genug, um eherne, geschweige gläserne Körper zu durchdringen.

Einst gieng ein wohlbeleibter Ordensgeistlicher bei ihm vorbei und einer von seinen Zuhörern sagte: Der Pater hat die Auszehrung, daß er sich nicht bewegen kann.

Da wurde Vidriera unwillig und sagte: Niemand vergesse es, was der heilige Geist spricht: Nolite tangere christos meos. Tastet meine Gesalbten nicht an. – Psalm 105, 15. ( Anm.d.Hrsg.) Ja er wurde noch zorniger und fuhr fort, sie sollen darauf Acht geben, so werden sie sehen, daß unter den vielen Heiligen, welche die Kirche seit einigen Jahren kanonisirt und unter die Zahl der Beglückten versetzt habe, keiner sei, der Don N. N. heiße, noch der Geheimschreiber Don so und so des Don so und so, noch Graf, Markgraf oder Herzog von da und da, sondern Bruder Diego, Bruder Jacinto, Bruder Raimundo, lauter Brüder und Ordensgeistliche.

Denn die Klöster, fuhr er fort, sind die Aranjuesse Von König Philipp II. war Schloss Aranjuez 1560 zur königlichen Sommerresidenz erklärt worden. ( Anm.d.Hrsg.) Himmels, deren Früchte gewöhnlich auf Gottes Tisch gesetzt werden.

Er sagte, die Zungen der Verläumder seien wie die Federn des Adlers, welche alle Federn anderer Vögel, die ihnen zu nahe kommen, zerreißen und vernichten.

Von den Spielhausbesitzern und falschen Spielern sagte er Wunderdinge. Er sagte, die Spielhauswirthe seien öffentliche Betrüger, denn da sie Gewinn ziehen von dem, welcher Bank lege, so wünschen sie, daß er verliere und die Karte weiter gehe, damit der Gegner Bank lege und er seine Sporteln erhalte. Er lobte sehr die Geduld des Spielers, der die ganze Nacht hindurch spiele und verliere, und wenn er auch zorniger aufbrausender Natur sei, doch den Mund nicht öffne, und lieber die Leiden eines Barrabas erdulde, damit nur sein Gegner nicht vom Spiele aufstehe.

So lobte er auch die Gewissenhaftigkeit einiger ehrsamen Spielwirthe, welche durchaus nicht zugeben, daß man in ihrem Hause etwas anders spiele als Lhomber und Picket, und haben so mit langsamem Feuer ohne Furcht und ohne als Zankstifter gebrandmarkt zu werden, am Ende des Monats mehr Gewinn ausgesogen, als die, welche die größten Glücksspiele erlauben, wie den Degenstoß, und andere.

 

Kurz er sagte solche Dinge, daß, ohne sein lautes Schreien, wenn man ihn anrührte oder sich an ihn anlehnte, ohne die Kleidung, die er trug, ohne seine knappen Mahlzeiten, ohne die Art und Weise, womit er trank, und ohne die Seltsamkeit, daß er, wie gesagt, im Sommer nur unter freiem Himmel, und im Winter im Stroh schlafen wollte, wodurch er klares Zeugniß von seiner Thorheit ablegte, daß, sage ich, niemand anders gedacht hätte, als er sei einer der gescheidtesten Leute von der Welt.

Zwei Jahre, oder etwas darüber dauerte diese Krankheit; da übernahm ein Mönch vom Orden des heiligen Hieronymus, welcher die besondere Gabe und Wissenschaft besaß, zu machen, daß die Stummen hörten und einigermaaßen sprachen, und die Verrückten zu heilen, aus Mitleid das Geschäft, auch Vidriera zu heilen.

Er heilte ihn auch und machte ihn gesund und brachte ihn zu seinem früheren Verstande, Urtheil und Klugheit zurück. Und so wie er ihn gesund sah, kleidete er ihn als Rechtsgelehrten, und schickte ihn nach dem Hofe zurück, wo er eben so viele Zeugnisse seiner Klugheit ablegen könne, als er früher von seiner Verrücktheit gegeben hatte, und darum seinen Beruf zu versehen und sich dadurch berühmt zu machen im Stande sei.

Er that dieß, nannte sich Licenciat Rueda d. i. nicht mehr Rodaja oder Rädchen, und kehrte an den Hof zurück, wo er kaum angekommen war, als er auch schon von den Straßenjungen erkannt wurde. Da sie ihn aber so ganz anders als gewöhnlich gekleidet sahen, so wagten sie es nicht, ihm zu rufen oder Fragen vorzulegen. Sie folgten ihm indeß und sagten zu einander:

Ist das nicht der närrische Vidriera? Ja wahrlich er ist es. Er ist wieder gescheidt geworden. Aber er kann ja wohl auch in ordentlicher Kleidung ein eben solcher Narr sein, als in schlechter. Wir wollen ihn doch etwas fragen; dann werden wir bald aus der Ungewißheit herauskommen.

Dieß alles hörte der Licenciat und schwieg; gieng aber, verwirrter und verlegener einher, als zu der Zeit, wo er seinen Verstand verloren hatte. Nachdem er von den Jungen war erkannt worden, erkannten ihn auch die Männer, und ehe der Licenciat den Gerichtshof erreicht hatte, folgten ihm schon mehr als zweihundert Menschen aus allen Ständen. Unter dieser Begleitung, welche zahlreicher war, als die eines Professors, kam er im Gerichtshofe an, wo ihn vollends alle dort Anwesenden umringten.

Wie er sich von einer solchen Schaar umgeben sah, erhob er die Stimme und sagte: Meine Herren, ich bin der Licenciat Vidriera, aber nicht der, welcher ich sonst zu sein pflegte; ich heiße jetzt Licenciat Rueda. Begegnisse und Unglücksfälle, die sich auf Zulassen des Himmels in der Welt wohl ereignen, haben mich der Vernunft beraubt, aber Gottes Barmherzigkeit hat mir dieselbe wieder gegeben. Aus den Reden, die ich als Verrückter geführt haben soll, könnt ihr auf das schließen, was ich als vernünftiger Mensch sagen werde. Ich bin in der Rechtswissenschaft von Salamanca graduirt worden, wo ich als ein armer Mensch meine Studien machte, und als zweiter die Licenciatenwürde erhielt, woraus abzunehmen ist, daß mehr mein Verdienst als Gunst mir zu dem Grade verholfen hat, den ich besitze. Ich bin hierher gekommen in das große Meer der Hofstadt, um als Rechtsanwalt meinen Lebensunterhalt zu gewinnen; wenn ihr mich aber nicht loslaßt, so bin ich hierhergekommen, um ohne Aufenthalt das ewige Leben zu gewinnen. Ich bitte euch um Gottes willen, macht nicht aus eurem Nachfolgen ein Verfolgen, und macht nicht, daß ich als vernünftiger Mensch dasjenige verliere, was ich als Verrückter erlangt habe, nämlich meinen Unterhalt. Was ihr mich sonst an öffentlichen Plätzen zu fragen pflegtet, das fragt mich jetzt in meiner Wohnung, und ihr werdet sehen, daß derjenige, der euch aus dem Stegreife und ohne Vorbedacht gut geantwortet hat, euch noch besser antworten wird mit voller Ueberlegung.

Alle hörten ihm zu und einige verließen ihn. Er kehrte darauf mit kaum geringerem Erfolge, als er gekommen war, nach seiner Wohnung zurück. Am andern Tage, als er ausgieng, geschah dasselbe; er hielt wieder eine Anrede, die zu nichts diente, gab viel aus und verdiente nichts, und da er nun sah, daß er hier würde Hungers sterben müssen, so beschloß er, die Hauptstadt zu verlassen und nach Flandern zurückzukehren, wo er die Kraft seines Armes zu benützen gedachte, da er die seines Geistes nicht benützen konnte. Er führte es auch aus und sagte, als er den Hof verließ:

O Hof, der du die Hoffnungen kühner Bewerber erweiterst und die bescheidener Klugen vernichtest! Du sättigst mit Ueberfluß schamlose Gaukler und lässest vernünftige Leute, die Scham und Scheu fühlen, Hungers sterben!

So sprach er und gieng nach Flandern, wo er das Leben, das er durch die Wissenschaften berühmt zu machen angefangen hatte, in der Gesellschaft seines treuen Freundes, des Hauptmanns Valdivia, rühmlich unter den Waffen beschloß und bei seinem Tode den Ruf eines klugen und sehr tapfern Soldaten hinterließ.



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