Joseph und seine Brüder. Band I. Die Geschichten Jaakobs
MeistgelesenVerlag: Fischer Taschenbuch Verlag GmbH | Jahr: 1990
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Fünftes Hauptstück In Labans Diensten.
Wie lange Jaakob bei Laban blieb
So begann Jaakobs Aufenthalt in Labans Reich und im Lande Aram Naharaim, das er sinnigerweise bei sich selbst das Land Kurungia nannte: erstens, weil es überhaupt und von vornherein Unterweltsland für ihn war, wohin er flüchtig hatte wandern müssen, dann aber, weil sich mit den Jahren herausstellte, daß dieses stromumschlossene Land seinen Mann festhielt und offenbar nie wieder herausgab, daß es sich wirklich und wörtlich als das Nimmerwiederkehr-Land erwies. Denn was heißt das: »Nie und nimmer«? Es heißt: so lange nicht, als das Ich, wenigstens annähernd, noch seinen Zustand und seine Form bewahrt hat und noch es selber ist. Eine Wiederkehr, die nach fünfundzwanzig Jahren geschieht, betrifft nicht mehr das Ich, das, als es auszog, in einem halben oder, wenn's hoch käme, in dreien wiederzukehren erwartete und nach dem Zwischenfall sein Leben dort wieder anknüpfen zu können gedachte, wo es unterbrochen worden war, – sie ist für dies Ich eine Nimmerwiederkehr. Fünfundzwanzig Jahre sind kein Zwischenfall, sie sind das Leben selbst, sie sind, wenn sie in männlichem Jünglingsalter einsetzen, des Lebens Kernstück und Grundstock, und wenn Jaakob auch nach seiner Wiederkehr noch lange lebte und das Schwerste und das Hehrste erfuhr – denn er zählte, unserer genauen Berechnung nach, hundertundsechs Jahre, als er, wiederum in unterweltlichem Lande, feierlich verschied –, so träumte er den Traum seines Lebens doch, man kann es sagen, bei Laban im Lande Aram. Dort liebte er, heiratete er, dort wurden ihm von vier Frauen all seine Kinder bis auf den Kleinsten, zwölf an der Zahl, beschert, dort wurde er schwer von Habe und würdig von Lebensanwuchs, und nie kehrte der Jüngling wieder, sondern ein ergreisender Mann tat es, ein Fünfundfünfzigjähriger, ein Wanderscheich von Osten an der Spitze sehr großer Herden, der ins Westland einzog, gleichwie in ein fremdes Land, und zog gen Schekem.
Daß Jaakob fünfundzwanzig Jahre bei Laban verblieb, ist erweislich wahr und das sicherste Ergebnis jeder klarsinnigen Untersuchung. Lied und Überlieferung zeigen in diesem Punkte ein Denken, dessen Ungenauigkeit wir uns weniger leicht verzeihen würden als ihnen. Sie wollen, Jaakob habe alles in allem zwanzig Jahre bei Laban zugebracht: vierzehn und sechs. Mit dieser Einteilung eben halten sie fest, daß er schon eine Reihe von Jahren, bevor er die staubigen Riegel brach und floh, bei Laban seine Entlassung verlangte, sie jedoch nicht erhielt, sondern unter neuen Bedingungen sich zu weiterem Bleiben verpflichtete. Der Zeitpunkt, als er dies tat, wird durch die Aussage bezeichnet, es sei geschehen, »da Rahel den Joseph geboren hatte«. Wann aber war das? Wären damals nur vierzehn Jahre verflossen gewesen, so hätten in diesen vierzehn, richtiger: in den letzten sieben davon, alle zwölf Kinder, einschließlich Dina's und Josephs und nur ausschließlich Benjamins, ihm müssen geschenkt worden sein, was, da vier Frauen in Tätigkeit waren, an und für sich nicht unmöglich gewesen wäre, nach der von Gott veranstalteten Gebärordnung aber sich nicht so verhalten hat. Dieser zufolge ist schon der leckermäulige Ascher, fünf Jahre älter als Joseph, nach Ablauf der zweimal sieben Jahre geboren, nämlich im achten Ehejahr, und wie sich im einzelnen zeigen wird, ist es nicht möglich, daß Joseph der Rahel früher als zwei Jahre nach des meerliebenden Sebulun Auftreten, nämlich im dreizehnten Ehejahr oder im zwanzigsten Charranjahr, beschert wurde. Wie könnte es anders sein? Er war ein Alterskind Jaakobs, und fünfzigjährig also muß dieser gewesen sein, als ihm der Liebling erschien, mußte folglich zwanzig Jahre damals schon bei Laban verbracht haben. Da aber von den zwanzig nur zweimal sieben, das sind vierzehn, eigentliche Dienstjahre waren, so erübrigen zwischen diesen und dem Zeitpunkt der Kündigung und neuen Kontraktschließung weitere sechs Jahre, die einen vertraglosen Zustand, ein stillschweigendes Weiterlaufen von Jaakobs Leben bei Laban darstellen, die man aber unter dem Gesichtspunkt seines schließlichen Reichtums mit den letzten fünf, wieder unter einem Kontrakte stehenden Aufenthaltsjahren zusammenzählen muß. Denn mögen auch diese fünf das Beste und Wichtigste beitragen, um zu erklären, wie der Mann so über die Maßen reich wurde, so hätten sie schlechterdings nicht genügt, ein Vermögen zu zeitigen, das in Lied und Lehre allezeit mit den üppigsten Kennzeichnungen gefeiert wurde. Zugegeben, daß hierbei starke Übertreibungen untergelaufen sind und daß etwa die Angabe, Jaakob habe zweihunderttausend Schafe besessen, als unhaltbar in die Augen springt. Aber viele Tausende waren es, von seinem Besitzstande an anderen Viehsorten, Metallwerten und Sklaven ganz zu schweigen, und Labans Worte, als er den Schwiegersohn auf der Flucht einholte: er möge ihm zurückgeben, was er ihm ›gestohlen‹ bei Tage und ›gestohlen‹ bei Nacht, hätten nicht einmal einen Schein von Berechtigung für sich gehabt und wären überhaupt ohne Sinn gewesen, wenn Jaakob sich nur auf Grund des neuen Vertrages bereichert, wenn er nicht schon vorher – eben in jener Zwischenzeit – ziemlich weitgehend auf eigene Rechnung gewirtschaftet und so die Grundlage seines späteren Vermögens gelegt hätte.
Fünfundzwanzig Jahre – und sie vergingen dem Jaakob wie ein Traum, wie das Leben vergeht dem Lebenden in Verlangen und Erreichen, in Erwartung, Enttäuschung, Erfüllung und sich aus Tagen zusammensetzt, die er nicht zählt und von denen ein jeder das Seine bringt; die in Warten und Streben, in Geduld und Ungeduld einzeln zurückgelegt werden und zu größeren Einheiten verschmelzen, zu Monaten, Jahren und Jahresgruppen, von denen am Ende eine jede ist wie ein Tag. Es ist strittig, was die Zeit besser und rascher vertreibt: Einförmigkeit oder gliedernde Abwechslung; auf Zeitvertreib, jedenfalls, läuft es hinaus; das Lebende strebt vorwärts, es strebt nach Zurücklegung der Zeit, es strebt im Grunde nach dem Tode, während es nach Zielen und Wendepunkten des Lebens zu streben meint; und sei seine Zeit auch gegliedert und in Epochen geteilt, so ist sie doch auch wieder einförmig eben als seine Zeit, verstreichend unter den immer gleichen Voraussetzungen seines Ichs, so daß beim Zeit- und Lebensvertreib stets beide ihm förderliche Kräfte auf einmal am Werke sind, Einförmigkeit und Gliederung.
Zuletzt steht es recht willkürlich ums Einteilen der Zeit und nicht viel anders, als zöge man Linien im Wasser. Man kann sie so ziehen und auch wieder so, und während man zieht, läuft schon wieder alles zur weiten Einheit zusammen. Wir haben Jaakobs fünf mal fünf Charranjahre bereits verschieden gegliedert in zwanzig und fünf und in vierzehn und sechs und fünf; er mochte sie aber auch einteilen in die ersten sieben bis zu seiner Eheschließung, dazu in die dreizehn, während welcher die Kinder kamen, und dann in die fünf ergänzenden, welche, gleich wie die fünf Schalttage des Sonnenjahres, noch über die zwölf mal dreißig hinausgingen. Auch so also oder noch anders mochte er rechnen. Auf jeden Fall waren es fünfundzwanzig im ganzen, einförmig nicht nur, weil es lauter Jaakobsjahre waren, sondern auch, weil nach allen äußeren Umständen eines dem anderen bis zur Einerleiheit ähnlich und der Wechsel der Gesichtspunkte, unter denen sie hingebracht wurden, nicht vermögend war, ihre verfließende Einförmigkeit zu mindern.
Jaakob und Laban befestigen ihren Vertrag
Ein Abschnitt, eine Art von Epoche stellte sich für Jaakobs Erleben gleich dadurch her, daß der Vertrag, den er am ersten Tage nach seiner Ankunft mit Laban geschlossen, schon nach einem Monat wieder umgestoßen und durch einen neuen ganz anders gearteten und ihn viel fester bindenden ersetzt wurde. Wirklich schritt Laban schon am Morgen nach Jaakobs Ankunft dazu, das Verhältnis des Neffen zu seinem Hause den Entscheidungen gemäß, die er beim Biere in erdgebundener Sachlichkeit darüber getroffen, gesetzlich festzulegen. Man brach früh auf und begab sich zu Esel nach Charran, der Stadt: Laban, Jaakob und der Sklave Abdcheba, der vor dem Schreiber und Rechtsbeamten als Zeuge dienen mußte. Dieser Richter hatte seinen Stuhl in einem Hofe aufgeschlagen, wo viel Volks sich drängte, denn eine Menge Abmachungen über Käufe und Verkäufe, Pachtungen, Mieten, Tauschgeschäfte, Eheschließungen und Scheidungen galt es urkundlich zu befestigen oder einzuklagen, und der Richter vom Stuhl hatte nebst zwei Kleinschreibern oder Gehilfen, die zu seinen Seiten hockten, alle Hände voll zu tun, den Ansprüchen des städtischen und ländlichen Publikums zu genügen, so daß die Labansleute lange warten mußten, bis ihre übrigens unbedeutende und rasch zu erledigende Sache an die Reihe kam. Laban hatte zuvor noch für einiges Entgelt, etwas Korn und Öl, irgendeinen Mann, der nur in Erwartung solchen Bedarfsfalles hier herumstand, als zweiten Zeugen gewinnen müssen, und dieser denn also bürgte zusammen mit Abdcheba für den Vertrag, und beide siegelten ihn, indem sie die Nägel ihrer Daumen in den Ton der hinten gewölbten Tafel drückten. Laban besaß eine Siegelrolle, und Jaakob, der die seine eingebüßt hatte, siegelte mit seinem Rocksaum. So war der einfache Text beglaubigt, den einer der Kleinschreiber nach dem mechanischen Diktat des Richters hingeritzt hatte: Laban, der Schafzüchter, nahm den und den Mann aus Amurruland, der obdachlos war, Sohn des und des Mannes, bis auf weiteres als Mietssklaven bei sich auf, und alle Kräfte seines Körpers und Geistes hatte dieser in den Dienst von Labans Haus und Betrieb zu stellen gegen keinen anderen Lohn als seines Leibes Notdurft. Ungültigmachung, Prozeß, Klage gab es nicht. Wer es auch sein werde, der, indem er sich ungesetzlich benähme, in Zukunft gegen diesen Vertrag aufstehen werde und ihn anzufechten versuche, dessen Prozeß solle ein Nichtprozeß sein, und er solle mit fünf Minen Silber gebüßt werden. Damit Punktum. Laban hatte für die Kosten der Verbriefung aufzukommen, und er tat es mit ein paar Kupferplättchen, die er unter Schelten auf die Waage warf. Im stillen aber war Jaakobs Verpflichtung unter so wohlfeilen Bedingungen ihm diese kleinen Ausgaben sehr wohl wert, denn er legte dem Segen Jizchaks viel mehr Gewicht bei, als er sich im Gespräch mit seinem Neffen den Anschein gegeben, und es hieße seinen geschäftlichen Verstand unterschätzen, wenn jemand dächte, er sei sich nicht gleich und von vornherein bewußt gewesen, mit der Einstellung Jaakobs in sein Hauswesen einen guten Fang zu tun. Er war ein düsterer Mann, den Göttern nicht wohlgefällig, ohne Zutrauen zu seinem Glück und darum auch wenig erfolgreich bisher in seinen Unternehmungen. Er verkannte keinen Augenblick, daß er einen Gesegneten zum Mitarbeiter vortrefflich brauchen konnte.
Darum war er auch nach geschlossenem Vertrage verhältnismäßig bei Laune, tätigte in den Gassen noch einige Einkäufe an Stoffen, Eßwaren und kleinen Gerätschaften und forderte seinen Begleiter zu Äußerungen des Erstaunens über die Stadt und ihr lärmendes Getriebe auf – über die Dicke ihrer Mauern und Bastionen; die Lieblichkeit der reich bewässerten Gärten, die sie umringten und in denen Weingirlanden sich zwischen den Dattelpalmen hinschlangen; die heilige Pracht E-chulchuls, des umwallten Tempels, und seiner Höfe mit silberbeschlagenen und von bronzenen Stieren bewachten Toren; die Erhabenheit des Turmes, der auf ungeheurer Aufschüttung sich, von Rampen umlaufen, emporstufte, ein siebenfarbiges Ungetüm aus Kacheln, azurblau in der Höhe, so daß das dortige Heiligtum und Absteigequartier des Gottes, wo ihm ein Hochzeitsbett errichtet war, mit dem Blau der oberen Lüfte gleißend zusammenzufließen schien. Aber Jaakob hatte nur einzelne »Hm« und »Ei« für diese Sehenswürdigkeiten. Er war ohne Sinn fürs Städtische und liebte weder Geschrei und Getümmel noch die Prahlerei übertriebener Baulichkeiten, die sich die Miene des Ewigen gaben, aber, mochte der Ziegelberg immer noch so klug mit Erdpech und Schilfmatten gesichert und noch so kundig entwässert sein, seiner Einsicht nach doch zum Verfall bestimmt waren, und zwar binnen einer Frist, die zum mindesten vor Gott sehr geringfügig war. Er hatte Heimweh nach den Weiden von Beerscheba; aber die Anmaßungen der Stadt, die seinen Hirtensinn bedrückten, ließen ihn jetzt beinahe schon Labans Hof als Heimat empfinden, wo er übrigens ein Paar schwarzer Augen zurückgelassen, die ihm in eigentümlichster Bereitschaft entgegengeblickt hatten und mit denen es, wie ihm schien, höchst Wichtiges auszumachen gab. An diese dachte er, während er zerstreut die hinfälligen Anmaßungen betrachtete, an sie und an den Gott, der verheißen hatte, seine Füße zu bewachen in der Fremde und ihn reich heimzuführen, den Gott Abrams, für den er Eifersucht empfand beim Anblick von Bel-Charrans Haus und Hof, dieser von Wildstieren und Schlangengreifen bewachten Festung des Götzenglaubens, in deren innerster, von Steinen funkelnder Zelle aus vergoldetem Zederngebälk die bärtige Statue des Abgottes auf silbernem Sockel stand und sich räuchern und schmeicheln ließ nach königlich ausgebildetem Ritual, – während Jaakobs Gott, den er größer glaubte als alle, größer bis zur Einzigkeit, überhaupt kein Haus auf Erden besaß, sondern unter Bäumen und auf Anhöhen einfältig verehrt wurde. Zweifellos wollte er es nicht anders, und Jaakob war stolz darauf, daß er den städtisch-irdischen Staatsprunk verschmähte und verpönte, weil keiner ihm hätte genugtun können. Aber in diesen Stolz mischte sich der Verdacht, mit dem zusammen er eben die Eifersucht ergab: daß nämlich Gott im Grunde auch recht gern in einem Haus aus Emaille, vergoldeten Zedern und Karfunkelstein, das freilich noch siebenmal schöner hätte sein müssen als des Mondgötzen Haus, hätte wohnen mögen und es nur darum verpönte, weil er es noch nicht haben konnte, weil die Seinen noch nicht zahlreich und stark genug waren, es ihm zu bauen. ›Wartet nur‹, dachte Jaakob, ›und prahlt unterdessen mit der Pracht eures hohen Herrn Bel! Mich hat mein Gott zu Beth-el reich zu machen versprochen, und es steht bei ihm, alle schwerreich zu machen, die ihn glauben, und wenn wir es sind, so werden wir ihm ein Haus bauen, das soll sein eitel Gold, Saphir, Jaspis und Bergkristall außen und innen, so daß davor verbleichen all eurer Herren und Herrinnen Häuser. Schauerlich ist die Vergangenheit und die Gegenwart mächtig, denn sie springt in die Augen. Aber das Größte und Heiligste ist ohne Zweifel die Zukunft, und sie tröstet das bedrückte Herz dessen, dem sie verheißen ist.‹
Von Jaakobs Anwartschaft
So spät es war, als Oheim und Neffe aus der Stadt nach Hause zurückkehrten, so hielt doch Laban darauf, noch diese Nacht die Kontrakttafel in dem Kellerraum seines Hauses niederzulegen, der als Aufbewahrungsort für solche Urkunden diente; und Jaakob begleitete ihn, auch er eine brennende Lampe in der Hand. Das Gelaß lag unter dem Fußboden des Erdgeschoßzimmers der linken Hausseite, gegenüber der Galerie, wo man gestern zu Abend gegessen, und stellte etwas vor wie ein Archiv, eine Kapelle und eine Begräbnisstätte zugleich; denn Bethuels Gebeine ruhten hier in irdener Truhe, die, umgeben von Schalen und Nahrungsopfern und von Dreifüßen mit Räucherpfannen, inmitten des Raumes stand, und hier irgendwo, noch tiefer unter dem Boden oder in der Seitenwand, mußte sich auch die Tonkruke mit den Resten von Labans dargebrachtem Söhnchen befinden. Es war eine Nische im Hintergrunde des Kellers mit einem Altar in Form eines Backsteinblockes davor, und an den Seiten liefen niedrige und schmale Bänkchen hin, auf deren einem, dem zur Rechten, allerlei Schrifttafeln lagen, Quittungen, Rechnungen und Verträge, die hier in Sicherheit gebracht waren. Auf dem anderen dieser Podeste aber waren kleine Götzlein aufgereiht, wohl zehn oder zwölf, wunderlich zu sehen, mit hohen Mützen teils und bärtigen Kindergesichtern, teils kahlköpfig und bartlos, in Schuppenröcken und mit bloßem Oberfigürchen zum Teil, auf dem sie, hoch unterm Kinn, gar friedlich die Händchen zusammenfügten, und anderen Teiles in nicht von feinster Hand modellierten Faltenkleidern, unter deren Saum ihre plumpen kleinen Zehen zum Vorschein kamen. Das waren Labans Hausgeister und Wahrsagemännlein, seine Teraphim, an denen er innig hing und mit denen der finstere Mann sich in jeder wichtigeren Angelegenheit hier unten beredete. Sie schützten das Haus, wie er dem Jaakob erklärte, zeigten ziemlich zuverlässig das Wetter an, berieten ihn in Fragen des Kaufes und Verkaufes, vermochten Hinweise zu geben, welche Richtung ein verlaufenes Schaf eingeschlagen, und so fort.
Dem Jaakob war keineswegs wohl bei den Gebeinen, den Quittungen und den Götzlein, und er war froh, als man über die Leiter, die hinabführte, und durch das Loch der kleinen Falltür aus dieser Unterwelt in die obere zurückkehrte, um sich schlafen zu legen. Laban hatte sowohl vor Bethuels Truhe Andacht verrichtet, indem er dort frisches Wasser zur Labung des Verstorbenen niedergestellt, ihm ›Wasser gespendet‹ hatte, wie auch die Teraphim durch Verbeugungen geehrt, und es hatte nur gefehlt, daß er auch die geschäftlichen Dokumente angebetet hätte. Jaakob, der weder irgendwelche Todesdevotion noch den Figurendienst billigte, war betrübt über die religiöse Unklarheit und Unsicherheit, die offenbar in diesem Hause herrschte, während man doch bei Laban, dem Großneffen Abrahams und Bruder Rebekka's einen entschieden aufgehellteren Gottessinn hätte sollen voraussetzen dürfen. In Wirklichkeit besaß Laban zwar Nachricht von der Glaubensüberlieferung der westlichen Verwandten, aber es mischte sich in sein Wissen davon so viel Landesübliches, daß umgekehrt dieses als der Hauptbestandteil seiner Überzeugungen und das Abrahamitische als Beimischung anzusprechen war. Obgleich am Quell und Ausgangspunkte der geistlichen Geschichte sitzend, oder eben weil er dort sitzen geblieben war, fühlte er sich ganz als Untertan Babels und seines Staatsglaubens und sprach von Ja-Elohim zu Jaakob nur als von dem ›Gott deines Vaters‹, indem er ihn auch noch mit dem Obergotte Sinears, Mardug, ganz töricht zusammenwarf. Das enttäuschte den Jaakob, denn er hatte sich die Bildung des Hauses fortgeschrittener gedacht, wie offenbar auch die Eltern daheim das getan hatten, und namentlich um Rahels willen bekümmerte es ihn, in deren hübschem und schönem Kopf es natürlich nicht besser aussah als in dem der Ihren und die im Sinne des Wahren und Rechten zu beeinflussen er vom ersten Tage jede Gelegenheit wahrnahm. Denn vom ersten Tage an, eigentlich seit er sie zuerst am Brunnen erblickt, betrachtete er sie als seine Braut, und es ist nicht zuviel gesagt, daß auch Rahel schon bei jenem kleinen Aufschrei, der ihr entschlüpft war, als er sich als ihr Vetter zu erkennen gegeben, den Freier und Bräutigam in ihm erblickt hatte.
Allgemein und aus guten Gründen war damals die Verwandtenehe, die Heirat unter Geschlechtsangehörigen, gang und gäbe; sie galt als das einzig Ehrbare, Vernünftige und Zuverlässige, und wir wissen wohl, wie sehr der arme Esau mit seinen exzentrischen Heiraten seiner Stellung geschadet hatte. Es war keine persönliche Schrulle gewesen, wenn Abraham darauf bestanden hatte, daß Jizchak, der wahrhafte Sohn, nur ein Weib nehme aus seinem Geschlecht und seines Vaters Hause, nämlich aus dem Nachors von Charran, auf daß man wisse, was man bekäme; und da nun Jaakob in dieses Haus kam, das Töchter barg, wandelte er in Isaaks, genauer in Eliezers, des Freiwerbers, Fußstapfen, und der Gedanke der Freiung war für ihn, wie für Isaak und Rebekka, selbstverständlich mit seinem Besuche verbunden, ja wäre das sofort auch für Laban gewesen, wenn der wirtschaftlich verhärtete Mann es gleich über sich gewonnen hätte, in dem Flüchtling und Bettelarmen den Eidam zu erkennen. Es wäre dem Laban, wie jedem anderen Vater, höchst widerwärtig und gefährlich erschienen, seine Töchter in ein ganz unverwandtes und unbekanntes Geschlecht übergehen zu lassen, sie, wie er gesagt haben würde, ›in die Fremde zu verkaufen‹. Weit sicherer und würdiger war es, sie blieben auch als Ehefrauen im Schoß der Sippe, und da ein Vetter von seiner, des Vaters Seite vorhanden war, so war dieser, Jaakob also, geradezu der vorbestimmte und natürliche Gatte für sie – das heißt: nicht nur für eine von ihnen, sondern für beide auf einmal: Dies war in Labans Haus die stillschweigend-allgemeine Auffassung, als Jaakob kam: es war im Grunde auch die des Hausherrn, und namentlich war es die Rahels, welche zwar dem Ankömmling zuerst begegnet war und ihre Rolle auf Erden gut genug kannte, um zu wissen, daß sie hübsch und schön war, Lea dagegen blödgesichtig, – aber bei ihrem bereitschaftsvoll prüfenden Schauen am Brunnen, das für Jaakob so ergreifend gewesen war, keineswegs nur an sich gedacht hatte. Das Leben wollte, daß sie im Augenblick von des Vetters Ankunft zu der Schwester und Gespielin in ein Verhältnis weiblichen Wettbewerbes trat, aber nicht in bezug auf die Entscheidungsfrage, wen er wählen werde (wobei es allenfalls ihre Sache sein mochte, zunächst einmal die größere Anziehung für sie beide auszuüben); sondern dies Verhältnis galt ihr erst eigentlich für später und betraf die Frage, wer von ihnen dem Vetter-Gatten die bessere, tüchtigere, fruchtbarere und geliebtere Frau sein werde, eine Frage also, in der sie nichts voraus hatte und die mit etwas mehr oder weniger augenblicklicher Anziehungskraft durchaus nicht beantwortet war.
So also sah man im Hause Labans die Dinge an, und nur Jaakob selbst – dies eben war die Quelle manches Mißverständnisses – sah sie nicht so an. Denn erstens wußte er zwar, daß man außer der Rechten Kebsfrauen und sklavische Beischläferinnen haben könne, die einem halbechte Kinder gebären, aber es war ihm nicht bekannt, und er erfuhr es lange nicht, daß hierzulande, namentlich aber gerade in Charran und Umgegend, die Ehe mit zwei gleichberechtigten Hauptfrauen sehr häufig, ja unter guten Vermögensumständen geradezu üblich war; und ferner waren ihm Herz und Sinn von Rahels Lieblichkeit viel zu erfüllt, als daß er an die etwas ältere, stattlichere und häßliche Schwester auch nur hätte denken mögen – er dachte nicht einmal an sie, wenn er aus Höflichkeit mit ihr sprach, und sie merkte es wohl und senkte bitteren Mundes, in würdigem Kummer die Lider über ihr Schielen, – wie auch Laban es merkte und Eifersucht empfand für seine Ältere, obgleich er den Vetter-Freier kontraktlich zum Mietssklaven herabgesetzt hatte, worüber er sich um der vernachlässigten Lea willen freute.
Jaakob tut einen Fund
So oft wie möglich also sprach Jaakob mit Rahel, aber selten genug konnte es geschehen, denn beiden lag tagsüber viel Arbeit auf, und Jaakob besonders war in der Lage des Mannes, den ein großes Gefühl erfüllt, welches er gern zu seiner einzigen Angelegenheit machen würde, der sich aber außerdem zu strenger Tätigkeit angehalten sieht, und zwar gerade um seiner Liebe willen – welcher doch auch wieder durch die Arbeit Abbruch geschieht, da er sie in ihr vergessen muß. Für einen Mann von Gefühl, wie Jaakob es war, ist das hart, denn im Gefühle möchte er ruhen und ganz diesem leben, darf aber nicht, sondern muß seinen Mann stehen eben dem Gefühle zu Ehren, denn welche Ehre bliebe wohl diesem, täte er's nicht? Wirklich war das ein und dieselbe Angelegenheit, sein Gefühl für Rahel und seine Arbeit in Labans Wirtschaft; denn wie sollte er mit jenem bestehen, falls es ihm in dieser nicht glückte? Laban mußte sich vom Vollgehalte des Wertes, auf den der Neffe sich stützte, durchaus überzeugen, und sehr erwünscht mußte es ihm werden, ihn an sich zu fesseln. Es durfte, mit einem Wort, der Segen Isaaks nicht zuschanden werden, denn das ist Mannes Sache: Hand anzulegen, damit der Segen, den er ererbt, nicht zuschanden werde, sondern zu Ehren bringe das Gefühl seines Herzens.
Damals, zu Anfang von Jaakobs Aufenthalt, war der Weideplatz, zu dem er morgens, einigen Mundvorrat in seiner Hirtentasche, eine Schleuder am Gürtel und die lange Stabwaffe in der Hand, Labans Kleinvieh trieb, um es tagsüber dort mit dem Hunde Marduka zu hüten, nicht weit von seines Oheims Anwesen, nur etwa eine Stunde von ihm entfernt gelegen, und das hatte den Vorteil, daß Jaakob nachts nicht draußen zu bleiben brauchte, sondern bei Sonnenuntergang heimtreiben und auf dem Hofe in Rat und Tat sein Licht leuchten lassen konnte. Das war ihm lieb, denn sein Hirtenamt bot ihm vorderhand wenig Gelegenheit, dem Onkel den Eindruck zu erwecken, daß Segen mit ihm, dem Flüchtling, in die Wirtschaft eingezogen sei. Es fehlte zwar kein Lamm, wenn er abends bei der Einpferchung vor Labans Augen die Herde zählend unter seinem Stocke durchgehen ließ, und nicht nur erzog er den Sommerwurf schnellstens zum Fressen, so daß Laban viel Milch und Dickmilch gewann, sondern heilte auch einen der beiden Böcke, einen wertvollen Springer, mit Liebe und Kunst von den Pocken. Aber Laban nahm dies und anderes als unauffällige Leistungen eines brauchbaren Hirten ohne Dankesbezeigung hin, und auch daß Jaakob gleich nach seinem Dienstantritt die unteren Fensterluken des Hauses mit hübschen Holzgittern ausstattete, ließ er nur eben geschehen. Die Kosten für den Lehm- und Kalkverputz der äußeren Ziegelwände verweigerte er aus Geiz, und so mußte Jaakob darauf verzichten, eine so augenfällige Verschönerung des Besitztums mit seinem Einzuge zu verbinden. Er war recht ratlos in betreff der Segensbewährung; aber eben die innere Spannung dieses Suchens und dringlichen Wünschens mochte ihn wohl zur Offenbarung bereitet und ihn zum Mann des weittragenden Ereignisses gemacht haben, dessen er sich sein Leben lang mit Freuden erinnerte.
Er fand Wasser in der Nähe von Labans Kornfeld, lebendiges Wasser, eine unterirdische Quelle, fand sie, wie er wohl wußte, mit Hilfe des Herrn, seines Gottes, obgleich sich Erscheinungen einmischten, die diesem eigentlich hätten zuwider sein müssen und sich wie ein Zugeständnis seines reinen Wesens an den Ortsgeist, die landläufigen Vorstellungen ausnahmen. Jaakob hatte soeben vorm Hause unter vier Augen mit der lieben Rahel gesprochen, und zwar so galant wie offenherzig. Er hatte ihr gesagt, sie sei reizend wie Hathor von Ägypterland, wie Eset, schön wie eine junge Kuh. Sie leuchte in weiblichem Lichte, hatte er poetisch gesagt, sie erscheine ihm wie eine mit feuchtem Feuer die guten Samen nährende Mutter, und sie zum Weibe zu haben und Söhne mit ihr zu zeugen, sei sein allerinnigster Gedanke. Sie hatte das sehr lieblich aufgenommen, keusch und ehrlich. Der Vetter und Gemahl war gekommen, sie hatte ihn mit den Augen geprüft und liebte ihn aus der Lebensbereitschaft ihrer Jugend. Als er sie jetzt, ihren Kopf zwischen seinen Händen, gefragt hatte, ob es auch sie wohl freuen würde, ihm Kinder zu schenken, hatte sie genickt, wobei die holden schwarzen Augen ihr von Tränen übergegangen waren, und er hatte ihr diese Tränen von den Augen geküßt – seine Lippen waren noch naß davon. Im Zwielicht, da Mond- und Tagesschein sich stritten, erging er sich auf dem Felde, als plötzlich sein Fuß ziehend angehalten wurde und ein eigentümlich brennendes Zucken, als treffe ihn der Blitz, ihm von der Schulter bis zur Zehenspitze lief. Die Augen aufreißend, gewahrte er dicht vor sich eine sehr seltsame Gestalt. Sie hatte einen Fischleib, der silbrig-schlüpfrig im Mond und Tage schimmerte, und auch den Kopf eines Fisches. Darunter aber, bedeckt davon wie von einer Mütze, war ein Menschenkopf mit geringeltem Bart, und auch Menschenfüße hatte das Wesen, die kurz aus dem Fischschwanz hervorwuchsen, und ein Paar kurzer Ärmchen. Es stand gebückt und schien mit einem Eimer, den es mit beiden Händen hielt, etwas vom Boden zu schöpfen und auszugießen – schöpfte und goß, noch einmal und wieder. Dann tat es auf seinen kurzen Füßen ein paar trippelnde Schritte seitwärts und glitt in die Erde, war jedenfalls nicht mehr zu sehen.
Jaakob begriff augenblicklich, daß dies Ea-Oannes gewesen war, der Gott der Wassertiefe, der Herr der mittleren Erde und des Ozeans über der untersten, dieser Gott, dem die Leute des Landes fast alles Wissenswerte ursprünglich zu verdanken behaupteten und den sie für sehr groß erachteten, für ebenso groß wie Ellil, Sin, Schamasch und Nabu. Jaakob seinerseits wußte, daß er gar so groß eben nicht sei im Vergleich mit dem Höchsten, den Abram erkannt, schon darum nicht, weil er eine Gestalt hatte, und zwar eine halb lächerliche. Er wußte, daß, wenn Ea hier in Erscheinung getreten war und ihm etwas gewiesen hatte, dies nur auf Veranstaltung Ja's, des Einzigen, des Gottes Isaaks, geschehen sein könne, der mit ihm war. Was aber der mindere Gott ihm gewiesen hatte mit seinem Benehmen, war ihm ebenfalls ohne weiteres deutlich: nicht nur an und für sich, sondern in allen seinen Folgen und Zusammenhängen, und er nahm sich auf und lief nach dem Hof, um Schürfgerät zu holen, brachte auch Abdcheba, den Zwanzig-Schekel-Mann, auf die Beine, ihm zu helfen, und grub die halbe Nacht, schlief dann nur eine Stunde und fuhr vor Tag wieder fort zu graben, bis er zu seiner Qual die Schafe austreiben und für den ganzen Tag sein Werk im Stich lassen mußte, – er konnte nicht stehen, noch liegen, noch sitzen, während er dieses Tages Labans Schafe weidete.
Es fehlte noch viel, daß die Winterregen begonnen hätten und man mit der Landbestellung wieder hätte den Anfang machen können. Alles lag verbrannt, Laban kümmerte sich nicht um sein Feld, er war auf dem Hof beschäftigt und kam nicht dorthin, wo Jaakob grub, so daß er nichts merkte und ahnte von der Geschäftigkeit, die dieser am Abend wieder aufnahm und beim Scheine des reisenden Mondes fortsetzte, bis Ischtar erschien. An verschiedenen Stellen in kleinem Umkreise setzte er an und mußte tief dringen im Schweiße seines Angesichts durch Lehm und Stein. Als aber im Osten der Himmel erwachte, bevor noch der oberste Rand der Sonne sich über den Gesichtskreis erhoben, siehe, da sprang das Wasser, es sprudelte der Quell, er hatte große Kraft, er sprang drei Spannen hoch in der Höhle empor, begann die hastig und formlos ausgehobene Grube zu füllen, benetzte das Land umher, und sein Wasser schmeckte nach den Schätzen der Unterwelt.
Da betete Jaakob an, und während er noch anbetete, rannte er schon, um Laban zu finden. Als er ihn aber von ferne sah, ging er langsam, trat grüßend vor ihn hin und sprach mit bezwungenem Atem:
»Ich habe Wasser gefunden.«
»Was heißt das?« entgegnete Laban lahm hängenden Mundes.
»Eine Quelle von unten«, war Jaakobs Antwort, »die ich ergrub zwischen Hof und Feld. Sie springt eine Elle hoch.«
»Du bist besessen.«
»Nein. Der Herr, mein Gott, ließ mich finden, laut meines Vaters Segen. Mein Oheim komme und sehe.«
Laban lief, wie er gelaufen war, als ihm Eliezer, der reiche Sendbote, gemeldet worden. Er war lange vor Jaakob, der ihm gemächlich folgte, an der sprudelnden Grube, stand und schaute.
»Das ist Lebenswasser«, sprach er erschüttert.
»Du sagst es«, bestätigte Jaakob.
»Wie hast du das gemacht?«
»Ich glaubte und grub.«
»Dies Wasser«, sagte Laban, ohne den Blick aus der Grube zu heben, »kann ich in offener Rinne auf mein Feld leiten und es tränken.«
»Dazu wird es sehr gut sein«, erwiderte Jaakob.
»Ich kann«, fuhr Laban fort, »Ischullanu's Söhnen zu Charran den Vertrag kündigen, denn ich brauche ihr Wasser nicht mehr.«
»Durch den Sinn«, sagte Jaakob, »ging auch mir wohl dergleichen schon. Übrigens kannst du einen Teich mauern, wenn du willst, und einen Garten pflanzen mit Dattelpalmen und allerlei Obstbäumen, wie etwa Feigen-, Granatapfel- und Maulbeerbäumen. Wenn es dir einfällt und du durchaus willst, so kannst du darin auch Pistazien, Birnen- und Mandelbäume sowie vielleicht ein paar Erdbeerbäume setzen und hast von den Datteln das Fleisch, den Saft und die Kerne, hast auch Palmmark davon als Zukost, die Blätter zu Flechtwerk, die Rippen zu allerlei Hausrat, den Bast zu Seilen und Webwerk und das Holz zum Bauen.«
Laban schwieg. Er umarmte den Gesegneten nicht, er fiel nicht vor ihm nieder. Er sagte nichts, stand, wandte sich und ging. Auch Jaakob enteilte und fand Rahel, die saß im Stalle am Euter und molk. Der sagte er alles an und sprach in dem Sinn, daß sie nun wahrscheinlich Kinder miteinander würden zeugen können. Da nahmen sie sich bei den Händen und tanzten etwas zusammen und sangen »Hallelu-Ja!«.
Jaakob freit um Rahel
Als Jaakob einen Monat bei Laban war, trat er abermals vor ihn hin und sagte: Da Esau's Zorn unterdessen wohl zum bedrohlichsten Teil schon verraucht sei, so habe er, Jaakob, mit dem Baas zu reden.
»Ehe du redest«, antwortete Laban, »höre du mich an, denn ich war im Begriffe, mich meinerseits mit einem Vorschlage an dich zu wenden. Du bist nun schon einen Umlauf des Mondes lang bei mir, und wir haben auf dem Dache geopfert bei Neulicht, bei Halblicht, bei voller Schönheit und am Tage des Verschwindens. In dieser Zeit habe ich außer dir noch drei Mietssklaven aufgenommen auf eine Weile, die ich bezahle, wie es Recht ist. Denn es ist Wasser gefunden worden nicht ohne dein Zutun, und wir haben angefangen, die Quellstätte zu mauern und die Rinne der Leitung aus Ziegeln zu bauen. Wir haben auch abgesteckt die Maße des Teiches, den wir ausheben wollen, und wenn daran gedacht werden soll, einen Garten zu pflanzen, so wird es viel Arbeit geben, zu welcher ich Armeskräfte brauche, so deine wie derer, die ich noch aufnahm und die ich beköstige und kleide und belohne sie mit acht Sila Getreide täglich. Du hast mir gedient ohne Lohn bis jetzt, aus Verwandtenliebe nach unserm Vertrage. Aber siehe, wir wollen einen neuen machen, denn es ist nicht länger recht vor Göttern und Leuten, daß werden die fremden Knechte belohnt, nicht aber der Neffe. Darum sage, was du verlangst. Denn ich will dir geben, was ich den anderen gebe, und noch etwas mehr, wenn du besiegelst, so viel Jahre bei mir zu bleiben, als die Woche Tage hat und wie man zählt, bis der Acker brachliegen bleibt und die Scholle ruht, daß der Mensch weder säet noch erntet. Also sollst du mir sieben Jahre dienen um den Lohn, den du forderst.«
Dies Labans Rede und Gedankengang, eine rechtliche Rede als Kleid rechtlicher Gedanken. Aber schon die Gedanken – und nicht erst die Rede – des Erdenmenschen sind nur ein Kleid und eine Beschönigung seiner Strebungen und Interessen, die er in rechtliche Form bringt, indem er denkt, so daß er meist lügt, bevor er spricht, und seine Worte so redlich kommen, weil nicht sie erst gelogen sind, sondern bereits die Gedanken. Laban war lebhaft erschrocken, als es schien, daß Jaakob fortwollte, denn seit die Quelle sprang, wußte er, daß Jaakob wirklich ein Segensträger war und ein Mann der gesegneten Hand, und alles war ihm daran gelegen, ihn an sich zu fesseln, damit auch fernerhin seine Geschäfte Nutzen zögen aus dem Segen, den jener trug, wohin er kam. Der Wasserfund war ein gewaltiger Segen, so folgenreich, daß es nur seiner Folgen erste, aber die größte nicht war, wenn Laban dadurch seiner schweren Abgabe an Ischullanu's Söhne ledig geworden war. Denn diese hatten wohl Finten vorgeschützt und erklärt, ohne das Wasser ihres Kanals hätte der Mann sein Feld überhaupt nicht anbauen können, darum, ob er jenes noch brauche oder nicht, sei er gehalten, ihnen das Öl, das Korn und die Wolle zu entrichten ewiglich. Aber der Richter vom Stuhl hatte die Götter gefürchtet und für Laban entschieden, was dieser ebenfalls für eine Einwirkung von Jaakobs Gott zu halten geneigt war. Nun war vieles unterwegs und im Gange, vieles in Angriff genommen, zu dessen Vollendung und Gedeihen Jaakobs segensreiche Gegenwart vonnöten erschien. Das wirtschaftliche Machtverhältnis zwischen den beiden hatte sich zugunsten des Neffen verschoben: Laban glaubte seiner zu bedürfen, und Jaakob, der dies wohl wußte, besaß in der Möglichkeit, mit seinem Weggang zu drohen, ein Druckmittel, dem Labans Erdensinn sofort Rechnung zu tragen bereit war. Darum hatte sich dieser, schon vorbeugend, schon bevor Jaakob Miene machte, sein Druckmittel spielen zu lassen, in seiner Seele beeilt, die Bedingungen, unter denen Rebekka's Sohn für ihn arbeitete, unwürdig zu finden, und war ihm mit rechtlichen Vorschlägen wegen ihrer Verbesserung ins Wort gefallen. Jaakob, der in Wirklichkeit nicht daran denken konnte, schon jetzt nach Hause zurückzukehren, da niemand besser wußte als er, daß die Umstände noch keineswegs reif dafür waren, freute sich dessen, daß der Ohm sich über die Machtlage täuschte, und fühlte sich ihm herzlich verbunden für sein Entgegenkommen, obgleich er einsah, daß dieses weder der Rechtlichkeit noch der Liebe zu ihm persönlich, sondern allein dem Interesse entsprang. Verbunden also fühlte er sich ihm eigentlich für das Interesse, das jenen an ihn, den Gesegneten, band; denn so ist der Mensch, daß die Freundlichkeit, in die solches Interesse sich kleidet, unwillkürlich von ihm auf den anderen als Liebe zurückstrahlt. Außerdem liebte Jaakob den Laban um dessentwillen, was dieser zu vergeben hatte und was er von ihm zu fordern gedachte; denn das war größer als Sila und Sekel. Er sprach:
»Mein Vater und Bruder, wenn du willst, daß ich bleibe und kehre noch nicht zurück zu Esau, dem Versöhnten, und diene dir, so gib mir Rahel, dein Kind, zum Weibe, sie sei mein Lohn. Denn sie gleicht, was die Schönheit betrifft, ganz einer jungen Kuh, und auch mich sieht sie ihrerseits freundlich an, und wir sind im Gespräch übereingekommen, daß wir Kinder mitsammen zeugen möchten nach unserem Bilde. Darum, so gib sie mir, und ich bin der Deine.«
Laban war keineswegs überrascht. Der Freiungsgedanke, wir sagten das schon, war mit dem Eintreffen des Vetters und Neffen von vornherein nahe verbunden gewesen und nur vermöge der Mißlage Jaakobs in Labans Denken zurückgetreten. Daß Jaakob ihn jetzt, da die Machtverhältnisse eine Änderung zu seinen Gunsten erfahren hatten, zur Sprache brachte, war begreiflich, und dazu war es erfreulich für Laban, den Erdenkloß, der auf der Stelle erkannte, daß jener sich damit seines Vorteils über ihn recht weitgehend wieder begab. Denn durch sein Eingeständnis, daß Rahel ihm lieb sei, gab er sich aufs neue ebensosehr in Labans Hände, wie dieser in den seinen war, und schwächte das Druckmittel seiner Weggangsdrohung. Was aber den Vater ärgerte, war, daß Jaakob von Rahel sprach, nur von ihr, und Lea ganz überging. Er antwortete:
»Rahel soll ich dir geben?«
»Ja, sie. Selbst möchte sie es auch.«
»Nicht Lea, mein größeres Kind?«
»Nein, diese ist mir nicht ganz so lieb.«
»Sie ist die ältere und die nächste, zu freien.«
»Allerdings, sie ist etwas älter. Sie ist auch stattlich und stolz trotz kleiner Mängel ihres Äußeren oder gerade ihretwegen, und wäre wohl tüchtig, mir Kinder zu gebären, wie ich sie wünsche. Aber es ist nun so, daß ich mein Herz gehängt habe an Rahel, dein kleiner Kind, denn sie scheint mir wie Hathor und Eset, sie leuchtet förmlich für mich in weiblichem Lichte, der Ischtar gleich, und ihre lieben Augen gehen mir nach, wo ich wandle. Siehe, es war eine Stunde, da waren meine Lippen naß von Tränen, die sie für mich geweint. Darum gib sie mir, und ich will dir fronen.«
»Es ist selbstverständlich besser, ich gebe sie dir, als daß ich sie einem Fremden gäbe«, sagte Laban. »Aber soll ich etwa Lea, mein älter Kind, einem Fremden geben, oder soll sie vielleicht verdorren ohne Mann? Nimm zuerst Lea, nimm beide!«
»Du bist sehr gütig«, sagte Jaakob, »aber so unbegreiflich es klingen mag, Lea entfacht meine männlichen Wünsche gar nicht, sondern im Gegenteil, und einzig um Rahel ist es deinem Knechte zu tun.«
Da sah Laban ihn eine Weile an mit seinem lahm zugezogenen Auge und sprach dann barsch:
»Wie du willst. Also besiegle mir, daß du willst sieben Jahre bei mir bleiben und mir dienen um diesen Lohn.«
»Sieben mal sieben!« rief Jaakob. »Ein Halljahr Gottes! Wann soll die Hochzeit sein?«
»Nach sieben Jahren«, antwortete Laban.
Man stelle sich Jaakobs Schrecken vor!
»Wie«, sagte er, »ich soll dir dienen um Rahel sieben Jahre, ehe du sie mir gibst?«
»Wie denn sonst?« erwiderte Laban und tat erstaunt aufs äußerste. »Daß ich ein Narr wäre in der Welt und gäbe sie dir gleich, damit du auf und davon gingest mit ihr, wann es dir beliebte, und ich hätte das Nachsehen. Oder wo ist der Kaufpreis und Mahlschatz nebst angemessenen Geschenken, die du mir überliefern willst, daß ich sie der Braut an den Gürtel binde, und die mir bleiben nach der Schrift des Gesetzgebers, wenn du vom Verlöbnis zurücktrittst? Hast du sie bei dir, die Mine Silbers und was es sonst sei, oder wo etwa hast du sie? Du bist ja arm wie die Maus auf dem Felde und ärmer noch. Darum werde es verbrieft und besiegelt vor dem Richter, daß ich dir die Dirne verkaufe um sieben Jahre, die du mir dienen sollst, und wird dir nachgezahlt am Ende der Lohn. Und soll beigesetzt werden die Tafel im Hausheiligtum unter Tag und anbefohlen sein dem Schutze der Teraphim.«
»Einen harten Oheim«, sprach Jaakob, »hat Gott mir beschert!«
»Redensarten!« gab Laban zur Antwort. »Ich bin so hart, wie die Sachlage mir erlaubt zu sein, und wenn sie's fordert, so bin ich weich. Du aber willst die Dirne zum Weib – so zieh ohne sie, oder diene erst!«
»Ich diene«, sprach Jaakob.
Von langer Wartezeit
Also hatte die erste, kurze und vorläufige Epoche von Jaakobs großem Aufenthalt bei Laban sich abgezeichnet, das Vorspiel, das nur einen Monat umfaßte und an dessen Ende der neue, befristete, und zwar langbefristete Rechtsvertrag stand. Es war ein Ehevertrag und dann auch wieder ein Dienstvertrag, eine Mischung aus beidem, wie sie dem Maschkimbeamten oder Richter vom Stuhl wohl noch nicht häufig, aber ähnlich wohl doch das ein oder andere Mal schon mochte vorgekommen sein und die er jedenfalls als rechtsfähig und, kraft des Willens beider Parteien, als rechtsgültig anerkannte. Das Schriftstück, doppelt ausgefertigt, wurde, um den Fall recht klarzustellen, gesprächsmäßig abgefaßt; Jaakobs und Labans Rede und Gegenrede wurde unmittelbar aufgeführt und so das Zustandekommen ihrer gütlichen Abmachung sinnfällig gemacht. Dieser Mann hatte zu dem und dem Manne gesagt: Gib mir deine Tochter zum Weibe, worauf der und der Mann gefragt hatte: Was gibst du mir für sie? Da hatte jener Mann nichts gehabt. Darauf hatte obbesagter Mann gesprochen: Da es dir am Mahlschatz gebricht sowie sogar an jedem Vermögen zur Anzahlung darauf, die ich der Braut könnte an den Gürtel hängen zum Verlöbnis, sollst du mir dienen für sie so viel Jahre, wie die Woche Tage hat. Das soll der Kaufpreis sein, den du mir zahlst, und soll die Braut dein sein zum Beilager nach Ablauf der Frist nebst einer Mine Silbers und einer Magd, die ich der Dirne geben will als Mitgift, und zwar so, daß zwei Drittel der Mine Silbers eingerechnet sein sollen in den Wert der Sklavin und nur noch ein Drittel Mine gezahlt werden soll in bar oder in Gaben des Feldes. Da sprach jener: So soll es sein. Im Namen des Königs, so sei es. Je ein Schriftstück haben sie genommen. Wer sich gegen den Vertrag erhöbe, indem er sich ungesetzlich benähme, dem sollte nichts Gutes daraus erwachsen.
Die Abmachung hatte Hand und Fuß, der Richter durfte sie billig finden, und unter dem rein wirtschaftlichen Gesichtspunkt hatte auch Jaakob sich nicht zu beklagen. Schuldete er dem Ohm eine Mine Silbers zu sechzig Sekel, so reichten sieben Jahre Fron nicht einmal aus, diese Verbindlichkeit zu decken; denn der Durchschnittslohn für einen Mietssklaven belief sich im Jahr nur auf sechs Sekel, und derjenige für sieben Jahre kam also der Schuld Jaakobs nicht gleich. Freilich empfand er tief, wie sehr doch der wirtschaftliche Aspekt hier täusche und daß, wenn es eine gerechte Waage, eine Gotteswaage gegeben hätte, die Schale, in der sieben Lebensjahre lagen, die andere mit der Mine Silbers hoch hätte emporschnellen lassen. Schließlich aber waren es Jahre, die er in Rahels Nähe verbringen sollte, und das breitete große Liebesfreude über das Opfer, wozu noch kam, daß vom ersten Tage an der Vertragserfüllung Rahel ihm rechtlich verlobt und verbunden sein würde, so daß kein anderer Mann sich ihr würde nähern dürfen, ohne sich ebenso schuldig zu machen, als verleitete er eine Ehefrau. Ach, sie würden aufeinander warten müssen sieben Jahre lang, die Geschwisterkinder; eine ganz andere Altersstufe als ihre gegenwärtige würden sie beschritten haben, ehe sie Söhne miteinander würden zeugen dürfen, und das war eine bittere Zumutung, welche entweder von Labans Grausamkeit oder seinem Mangel an Einbildungskraft zeugte, kurz, ihn aufs neue und krasseste als Mann ohne Herz und Sympathie kennzeichnete. Ein zweites Ärgernis war der ungemeine Geiz und der Hang zur Übervorteilung des Nächsten, welche aus der die Mitgift betreffenden Aufstellung des Vertrages sprachen, – diese nach sieben Jahren fällige väterliche Morgengabe, die für den armen Jaakob ein grundschlechtes Geschäft bedeutete, zumal schamloserweise dabei eine Magd unbekannter Beschaffenheit geldlich doppelt so hoch bewertet war, wie irgend jemand ein mittleres Stück Sklave hier oder im Westlande sonst bewertete. Aber weder an dieser noch jener Anstößigkeit war etwas zu ändern. Die Zeit besserer Geschäfte, so empfand Jaakob, würde schon noch kommen, – er spürte in seiner Seele die Verheißung guter Geschäfte und eine geheime Kraft dazu, die sicherlich diejenige übertraf, welche in die Brust dieses Unterweltsteufels von Schwiegervater gelegt war, Labans, des Aramäers, dessen Augen lieblich geworden waren in Rahel, seinem Kinde. Und was die sieben Jahre betraf, so waren sie eben in Angriff zu nehmen und abzuleben. Leichter wäre es gewesen, sie zu verschlafen; aber nicht nur, weil das nicht möglich war, ließ Jaakob den Wunsch nicht aufkommen, sondern weil er fand, es sei immerhin besser, sie tätig zu überwachen.
Das tat er, und das sollte auch der Erzähler tun und nicht wähnen, er könne mit dem Sätzchen ›Sieben Jahre vergingen‹ die Zeit verschlafen und überspringen. Es ist wohl Erzählerart, leichthin so auszusagen, und doch sollte keinem der Zauberspruch, wenn er denn schon gesprochen werden muß, anders als schwer von Sinn und zögernd vor Lebensehrfurcht von den Lippen gehen, so daß er auch dem Lauschenden schwer und sinnig wird und er sich wundert, wie sie doch vergehen mochten, die unabsehbaren oder doch nur mit dem Verstande, nicht aber mit der Seele absehbaren sieben Jahre – und zwar als wären's einzelne Tage gewesen. Dies nämlich ist überliefert, daß dem Jaakob die sieben Jahre, vor denen er sich anfangs gefürchtet hatte bis zum Verzagen, wie Tage vergangen seien, und diese Überlieferung ist selbstverständlich zuletzt auf seine eigene Aussage zurückzuführen – sie ist, wie man zu sagen pflegt, authentisch und übrigens vollkommen einleuchtend. Nicht um irgendwelche Siebenschläferei handelte es sich dabei und überhaupt um keinen anderen Zauber als den der Zeit selbst, deren größere Einheiten vergehen, wie die kleinen es tun – weder schnell noch langsam, sondern sie vergehen einfach. Ein Tag hat vierundzwanzig Stunden, und obgleich eine Stunde ein beträchtlicher Block und Zeitraum ist, der viel Leben und Tausende von Herzschlägen umfaßt, so vergehen doch eine so große Anzahl davon, von einem Morgen zum anderen, in Schlafen und Wachen, du weißt nicht wie, und ebensowenig weißt du, wie sieben solcher Lebenstage vergehen, eine Woche also, die Einheit, von der bloße vier genügen, den Mond alle seine Zustände durchlaufen zu lassen. Jaakob hat nicht erzählt, sieben Jahre seien ihm ›so schnell‹ wie Tage vergangen, er wollte das Gewicht eines Lebenstages nicht herabsetzen durch diesen Vergleich. Auch der Tag vergeht nicht ›schnell‹, aber er vergeht mit seinen Tageszeiten, mit Morgen, Mittag, Nachmittag und Abend, einer unter anderen, und das tut, mit seinen Jahreszeiten, von Auferstehung zu Auferstehung, auf die gleiche unqualifizierbare Weise, eines unter anderen, auch das Jahr. – Darum überlieferte Jaakob, die sieben seien ihm vergangen, wie Tage vergehen.
Es ist müßig, zu erinnern, ein Jahr bestehe nicht nur aus seinen Zeiten, nicht nur aus dem Kreislauf von Frühling, Grünweide und Schafschur, über Ernte und Sommersglut, ersten Regen und Neubestellung, Schnee und Nachtfrost bis wieder zur rosigen Tamariskenblüte; das sei nur der Rahmen, ein Jahr, das sei ein gewaltiges Filigran von Leben, an Vorkommnissen überreich, ein Meer zu trinken. Ein solches Filigran aus Denken, Fühlen, Tun und Geschehen bildet auch der Tag, auch die Stunde – in kleinerem Maßstabe, wenn man will; aber die Größenunterschiede zwischen den Zeiteinheiten sind wenig unbedingt, und ihr Maßstab bestimmt zugleich auch uns, unser Empfinden, unsere Einstellung und Anpassung, so daß sieben Tage oder auch Stunden unter Umständen schwerer zu trinken sein und ein kühneres Zeitunternehmen darstellen mögen als sieben Jahre. Was denn auch heißt hier kühn! Ob man heiteren Mutes oder voll Zagens in diese Flut steige: nichts lebt, was sich ihr nicht überlassen müßte, – und weiter ist auch nichts nötig. Sie trägt uns dahin auf eine Art, die reißend ist, ohne daß sie unserer Aufmerksamkeit so schiene, und blicken wir zurück, so ist der Punkt, wo wir einstiegen, ›lange her‹, sieben Jahre zum Beispiel, die vergangen sind, wie auch Tage vergehen. Ja, nicht einmal auszusagen und zu unterscheiden ist, wie der Mensch sich der Zeit überlasse, ob froh oder zag; die Notwendigkeit, es zu tun, überherrscht solche Unterschiede und macht sie zunichte. Niemand behauptet, daß Jaakob die sieben Jahre mit Freuden unternommen und angetreten hätte; denn erst nach ihrem Vergehen sollte er ja Kinder zeugen dürfen mit Rahel. Aber das war ein Gedankenkummer, welcher durch rein vitale Gegenwirkungen, die sein Verhältnis zur Zeit – und das Verhältnis der Zeit zu ihm – bestimmten, weitgehend abgeschwächt und aufgehoben wurde. Denn Jaakob sollte hundertundsechs Jahre alt werden, und das wußte zwar nicht sein Geist, aber sein Leib wußte es und seines Fleisches Seele, und so waren sieben Jahre vor ihm zwar nicht so wenig wie vor Gott, doch längst nicht so viel wie vor einem, der nur fünfzig oder sechzig Jahre alt werden soll, und seine Seele konnte die Wartezeit ruhiger ins Auge fassen. Schließlich aber soll noch zur allgemeinen Beruhigung darauf hingewiesen werden, daß es nicht reine Wartezeit war, die er zu bestehen hatte, denn – dazu war sie zu lang. Reines Warten ist Folterqual, und niemand hielte es aus, sieben Jahre oder auch nur sieben Tage lang dazusitzen oder auf und ab zu gehen und zu warten, wie eine Stunde lang zu tun man wohl in die Lage gerät. In größerem und großem Maßstabe kann das darum nicht vorkommen, weil dabei das Warten dermaßen verlängert und verdünnt, zugleich aber so stark mit Leben versetzt wird, daß es für lange Zeitstrecken überhaupt der Vergessenheit anheimfällt, das heißt, ins Unterste der Seele zurücktritt und nicht mehr gewußt wird. Darum mag eine halbe Stunde reinen und bloßen Wartens gräßlicher sein und eine grausamere Geduldsprobe als ein Wartenmüssen, das in das Leben von sieben Jahren eingehüllt ist. Ein nah Erwartetes übt, eben vermöge seiner Nähe, auf unsere Geduld einen viel schärferen und unmittelbareren Reiz aus als das Ferne, es verwandelt sie in nerven- und muskelzerrende Ungeduld und macht Kranke aus uns, die buchstäblich mit ihren Gliedern nicht wissen, wohin, während ein Warten auf lange Sicht uns in Ruhe läßt und uns nicht nur erlaubt, sondern uns zwingt, auch noch an anderes zu denken und anderes zu tun, denn wir müssen leben. So stellt der wunderliche Satz sich her, daß der Mensch, gleichviel mit welchem Grade von Sehnlichkeit er warte, es nicht desto schwerer, sondern desto leichter tut, je ferner in der Zeit das Erwartete gelegen ist.
Die Wahrheit dieser tröstlichen Erwägungen – eine Wahrheit, die darauf hinausläuft, daß Natur und Seele sich stets zu helfen wissen – erwies und bewährte sich in Jaakobs Fall nun sogar besonders deutlich. Er diente dem Laban vornehmlich als Schafhirt, und ein Hirt, das weiß man ja, hat viel leere Zeit; stundenweise wenigstens, ja halbe Tage lang ist sein Teil eine mußevolle Beschaulichkeit, und falls er auf etwas wartet, so ist sein Warten nicht in viel tätiges Leben eingehüllt. Hier aber zeigte sich die Milde eines Wartens auf lange Sicht; denn es war keineswegs so, daß Jaakob nicht gewußt hätte, ob er sitzen, stehen oder liegen sollte, und auf der Steppe herumgelaufen wäre, den Kopf zwischen den Händen. Sondern sehr ruhig war ihm zumute, wenn auch zugleich etwas traurig, und das Warten bildete nicht die Oberstimme, sondern den Grundbaß seines Lebens. Natürlich dachte er auch an Rahel und an die mit ihr zu zeugenden Kinder, wenn er fern von ihr mit dem Hunde Marduka, den Ellbogen aufgestützt und die Wange in der Hand, oder die Hände im Nacken verschränkt und ein Bein über das aufgestellte andere geschlagen, im Schatten eines Felsens oder Gebüsches lag oder aufrecht in weiter Ebene an seinem Stabe lehnte und um sich die Schafe weiden ließ, – aber doch nicht nur an sie, sondern auch an Gott und an alle Geschichten, die nächsten und fernsten, an seine Flucht und Wanderschaft, an Eliphas und den stolzen Traum zu Beth-el, an das Volksfest von Esau's Verfluchung, an Jizchak den Blinden, an Abram, den Turm, die Flut, Adapa oder Adama im Paradiesesgarten … wobei ihm der Garten einfiel, zu dessen Anpflanzung er Laban, dem Teufel, segensreich verholfen hatte und dessen Erstehen für des Mannes Wirtschaft und Wohlstand einen so großen Fortschritt bedeutete.
Es ist nicht überflüssig zu wissen, daß Jaakob im ersten Kontraktjahr noch nicht, oder nur selten, die Schafe hütete, sondern dies meistens Abdcheba, dem Zwanzig-Schekel-Manne, oder auch den Töchtern Labans überließ und sich für sein Teil, nach des Oheims Wunsch und Befehl, an den Arbeiten beteiligte, die sich aus seinem Segensfunde ergaben: der Herstellung der Wasserleitung und des Teiches, zu der man sich einer natürlichen Bodensenkung bediente, die man mit dem Spaten ausglich, worauf man ihre Wände vermauerte und ihren Boden mit Steinkitt dichtete. Endlich war da der Garten – Laban legte allen Wert darauf, daß auch diese Neuanlage unmittelbar unter des Neffen gesegneten Händen bewerkstelligt werde, denn er war nun überzeugt von der Wirksamkeit des erlisteten Segens und freute sich der Klugheit, mit der er diese Wirksamkeit auf lange hinaus in den Dienst seiner wirtschaftlichen Interessen gestellt hatte. War es denn nicht klar und deutlich, daß Rebekka's Sohn ein Glücksbringer war fast wider seinen Willen und durch seine bloße Gegenwart Zustände belebte, aufregte und in ungeahnten Fluß brachte, denen es scheinbar bestimmt gewesen war, nur immer so weiter zu stocken und sich zu schleppen? Was war das auf einmal für ein Werken und zukunftsreiches Treiben auf Labans Hof und Feld, was für ein Graben, Hämmern, Ackern und Pflanzen! Laban hatte Geld aufgenommen, um der Vergrößerung des Betriebes, den nötigen Einkäufen gewachsen zu sein: Ischullanu's Söhne in Charran hatten ihm welches vorgestreckt, obgleich sie ihren Prozeß gegen ihn verloren hatten. Denn das waren kühle, sachlich denkende und persönlich ganz unempfindliche Leute, welchen die Niederlage in einem Rechtsstreit durchaus nicht als Grund galt, mit dem Manne, der gegen sie Recht behalten, nicht ein neues Geschäft abzuschließen, und zwar gerade auf Grund des wirtschaftlichen Machtmittels, mit dem er sie geschlagen und das ihn nun in ihren Augen zum guten Schuldner machte, so daß sie es unbedenklich beleihen mochten. So geht es zu im Wirtschaftsleben, und Laban wunderte sich nicht darüber. Er brauchte das Bankgeld allein schon zur Bezahlung und Beköstigung von drei neuen Hofleuten, jener Mietssklaven, die das Eigentum eines städtischen Verleihers waren und denen Jaakob die Arbeit anwies, worauf er den Fleiß ihrer Muskeln, selbst Hand anlegend, als Aufseher und Vorsteher überwachte. Denn es versteht sich, daß seine Stellung im Hause, auch ohne irgendwelche Abmachung darüber, keinen Augenblick mit der dieser geschorenen Mietlinge und Markenträger zu vergleichen war, die den Namen ihres Besitzers mit Dauerfarbe in die rechte Hand geschrieben trugen. Da fehlte viel, daß der siebenjährige Kontrakt, der in einer tönernen Kassette unten bei den Teraphim ruhte, ihn zu ihresgleichen gemacht hätte. Er war des Hauses Neffe und Bräutigam, er war außerdem der Quelle Herr und daher Wasserbaumeister und Obergärtner – sogleich gestand Laban ihm diese Eigenschaften zu, und er wußte, warum er es tat.
Er glaubte auch zu wissen, warum er Jaakob mit dem größten Teile der Einkäufe an Gerätschaften, Baustoffen, Sämereien und Schößlingen betraute, die sich mit den Neuerungen ergaben und in denen das Leihgeld angelegt wurde. Er vertraute des Neffen glücklicher Hand, und mit Recht; denn immer noch fuhr er besser dabei und gewann schönere Ware, als wenn er, der Finstere, Segenlose, selbst eingehandelt hätte, obgleich auch Jaakob dabei zu seinem Vorteil kam und schon damals anfing, die freilich noch dünne Grundlage seines späteren Wohlstandes zu legen. Denn er verstand seine Aufgabe beim Handelsverkehr mit städtischen und entfernt hausenden ländlichen Geschäftspartnern nicht allezeit steif und fest in dem Sinne, daß er nur der bevollmächtigte Angestellte und Mittelsmann Labans gewesen wäre, sondern er versah sie im Geiste des Zwischenhändlers und freien Kaufmanns, und zwar eines so guten, gewandten, umgänglichen und wortgewandt einnehmenden, daß er, ob es sich nun um Erwerbungen durch bare Zahlung oder um häufige Tauschgeschäfte handelte, immer einen geringeren oder größeren Gewinn auf eigene Rechnung beiseite brachte, so daß er tatsächlich schon eine kleine Privatherde an Schafen und Ziegen besaß, ehe er recht angefangen hatte, der Herde Labans zu warten. Gott, der König, hatte in die Harfen gerufen, daß Jaakob reich heimkehren solle in Jizdiaks Haus, und das war zugleich eine Verheißung und ein Befehl gewesen – das letztere insofern, als Verheißungen ohne des Menschen Zutun sich natürlich nicht wohl erfüllen können. Sollte er Gott, den König, Lügen strafen und sein Wort freventlich zu Schanden machen aus eitel Fahrenlassen und maßloser Bedenklichkeit gegen einen Oheim, der alle Härten des Wirtschaftslebens finster billigte, ohne es je recht verstanden zu haben, für sich selber Vorteil daraus zu ziehen? Jaakob war nicht einmal versucht, sich eines solchen Fehlers schuldig zu machen. Man soll nicht denken, daß er Laban belogen und betrogen und heimlich übervorteilt hätte. Dieser wußte im allgemeinen, wie Jaakob es hielt, und drückte im einzelnen, wenn dieses Verhalten klar zutage lag, buchstäblich und mit hängendem Mundwinkel ein Auge zu. Denn der Mann sah, daß er fast immer noch günstiger zu dem Seinen kam, als er auf eigene plumpe Faust dazu gekommen wäre, und Grund, sich vor Jaakob zu fürchten und ihm durch die Finger zu sehen, hatte er auch. Denn dieser war leicht beleidigt und wollte zart angefaßt sein, in Schonung seiner gesegneten Art. Er sprach es ganz offen aus und verwarnte den Laban ein für allemal in dieser Beziehung: »Wenn du mit mir schmälen und rechten willst«, sagte er, »mein Herr, um jeder Kleinigkeit willen, die für mich abfällt beim Handel in deinem Dienst, und willst scheel blicken, wenn einmal nicht du allein allen Vorteil hast von deines Knechtes Gewitztheit, dann verstimmst du mir das Herz in der Brust und den Segen im Leibe und machst, daß mir deine Angelegenheiten nicht gedeihen unter den Händen. Zu dem Manne Belanu, von dem ich das Saatkorn für dich kaufte, das du benötigst zur Vergrößerung deines Ackers, sprach der Herr, mein Gott, im Traum: ›Es ist Jaakob, der Gesegnete, mit dem du handelst und dessen Haupt und Füße ich hüte. Darum so hüte du dich nun und rechne ihm die fünf Kur Getreide, die er von dir kaufen will um fünf Sekel, mit zweihundertfünfzig Sila das Kur und nicht mit zweihundertvierzig oder gar -dreißig, wie du allenfalls dem Laban rechnen könntest, sonst sei bedroht von mir! Jaakob wird dir geben neun Sila Öl statt eines Sekels und fünf Minen Wolle statt eines weiteren, dazu einen guten Hammel im Werte von anderthalb Sekel und für den Rest ein Lamm seiner Herde. Das alles wird er dir zahlen für deine fünf Kur Saatkorn anstatt fünf Sekel und überdies viel freundliche Blicke und erheiternde Reden, so daß du einen angenehmen Umgang hast mit deinem Käufer. Willst du ihm aber schlechtere Preise machen, so sieh dich vor! Denn dann werde ich unter dein Vieh fahren und es schlagen mit allerlei Pestilenz und werde schlagen dein Weib mit Unfruchtbarkeit und deine schon vorhandenen Kinder mit Blindheit und Blödsinn und sollst mich kennen lernen.‹ Da fürchtete Belanu den Herrn, meinen Gott, und tat, wie er ihn geheißen, so daß ich billiger zu der Gerste kam, als irgendein Mann dazu gekommen wäre und besonders mein Oheim. Denn er prüfe sich doch selbst und frage sich, ob ihm neun Sila öl durchgegangen wären für einen Sekel und fünf Minen Schafwolle für den zweiten, wo man doch auf dem Markte bekommt zwölf Sila Öl und mehr für diesen Betrag und sechs Minen Wolle, von der Berechnung des Kurs nicht noch einmal zu reden. Und hättest du nicht geben müssen für die übrigen anderthalb Sekel drei Lämmer gut und gern oder ein Schwein und ein Lamm? Darum nahm ich mir zwei Lämmer von deiner Herde und zeichnete sie mit meinem Zeichen und sind nun mein. Was aber ist das zwischen dir und mir? Bin ich nicht deines Kindes Bräutigam, und ist durch sie, was mein ist, nicht auch dein? Wenn du willst, daß mein Segen dir fromme und ich dir diene mit Lust und Verschmitztheit, so muß eine Belohnung mir winken und ein Anreiz mich stacheln, sonst ist meine Seele schlaff und lahm, und mein Segen tritt nicht in deine Dienste.«
»Behalte die Lämmer«, sprach Laban; und so ging es etliche Male zwischen ihnen, bis Laban es vorzog, zu verstummen und Jaakob walten zu lassen. Denn er wollte natürlich nicht, daß dessen Seele schlaff und lahm sei, und mußte ihn hätscheln. Aber froh war er doch, als die Leitung vollendet, der Teich gefüllt, der Garten gepflanzt und das Feld vergrößert war und er Jaakob mit den Schafen hinaus in die Steppe schicken konnte, fort vom Hof, erst näher, dann weiter, so daß er Wochen und Monate lang überhaupt nicht nach Hause kam unter Labans Dach, sondern draußen im Gebreite, in der Nähe einer Zisterne, sich ein eigenes leichtes Dach gegen Sonne und Regen errichtete nebst Hürden aus Lehm und Rohr und einem leichten Turm dabei zu Schutz und Auslug. Da lebte er bei dürftiger Kost mit seinem Hakenstabe und seiner Schleuder, achtete mit Marduka, dem Hunde, der weidend auseinandergezogenen Herde und überließ sich der Zeit, indes er zu Marduka sprach, der sich die Miene gab, ihn zu verstehen, und ihn teilweise auch wirklich verstand, spendete Wasser seinen Tieren und pferchte sie abends ein, litt Hitze und Frost und fand nicht viel Schlaf; denn Wölfe heulten nachts nach den Lämmern, und schlich ein Löwe sich an, so mußte er tun, als sei er zu zwölfen mit Rasseln und Geschrei, um den Räuber von der Hürde zu jagen.
Von Labans Zunahme
Wenn er heimtrieb, wohl eine Tagereise weit oder zwei, um Rechenschaft abzulegen dem Herrn über Vollzahl und Zuwachs und vor ihm die Schafe hindurchgehen zu lassen unter seinem Stabe, so sah er Rahel, die ebenfalls wartete in der Zeit, und sie gingen beiseite Hand in Hand, wo niemand sie sah, und besprachen sich innig über ihr Los, wie sie so lange aufeinander zu warten hätten und noch immer nicht Kinder miteinander zeugen dürften, wobei bald dieser von jenem sich trösten ließ, bald jener von diesem. Doch meistens war es Rahel, die getröstet sein mußte, denn die Zeit war ihr länger und kam ihrer Seele härter an, da sie nicht hundertundsechs Jahre alt werden sollte, sondern nur einundvierzig, so daß sieben Jahre mehr als doppelt so viel waren vor ihrem Leben wie vor seinem. Darum quollen ihr die Tränen recht aus der Tiefe der Seele, wenn die Brautleute heimlich beisammenstanden, und reichlich gingen die lieben schwarzen Augen ihr davon über, wenn sie klagte:
»Ach Jaakob, du Vetter aus der Ferne, der mir versprochen ist, wie tut deiner kleinen Rahel das Herz weh vor Ungeduld! Siehe, die Monde wechseln, und die Zeit vergeht, und das ist gut und traurig zugleich, denn ich gehe schon ins Vierzehnte, und neunzehn muß ich werden, ehe die Pauken und Harfen uns erschallen und wir einziehen ins Bettgemach und ich vor dir bin, wie vor dem Gott die Makellose im obersten Tempel, und du sprichst: ›Gleich der Frucht des Gartens will ich fruchtbar machen diese Frau.‹ Das ist noch so lange hin nach dem Willen des Vaters, der mich dir verkauft hat, daß ich gar nicht mehr sein werde, die ich bin, bis dahin, und wer weiß, ob nicht vorher ein Dämon mich berührt, so daß ich erkranke und sogar die Zungenwurzel davon betroffen wird und menschliche Hilfe vergebens ist? Wenn ich mich aber auch erhole von der Berührung, so geschieht es vielleicht unter Verlust all meines Haares, und die Haut ist mir verdorben, gelb und mit Malen besät, so daß mein Freund mich nicht mehr kennt? Davor fürchte ich mich unsäglich und kann nicht schlafen und werfe die Decke von mir und irre durch Haus und Hof, wenn die Eltern schlummern, und gräme mich wegen der Zeit, daß sie vergeht und nicht vergeht, denn ich fühle so deutlich, daß ich dir fruchtbar sein würde, und bis ich neunzehn bin, könnten wir schon sechs Söhne haben oder auch acht, denn wahrscheinlich würde ich dir zuweilen Zwillinge bringen, und ich weine, weil es so lange anstehen muß.«
Dann nahm Jaakob ihren Kopf zwischen seine Hände und küßte sie unterhalb beider Augen – Labans Augen, die in ihr schön geworden –, küßte ihr da die Tränen fort, so daß seine Lippen naß davon waren, und sprach:
»Ach, meine Kleine, Gute, Kluge, du ungeduldiges Mutterschäfchen, sei nur getrost! Siehe, diese Tränen nehme ich mit mir hinaus ins Feld und in die Einsamkeit als Unterpfand und Gewähr, daß du mein bist und mir vertraut und in Geduld und Ungeduld meiner harrest wie ich deiner. Denn ich liebe dich, und die Nacht deiner Augen ist mir lieb über alles, und die Wärme deines Hauptes, wenn du's an meines lehnst, rührt mich bis ins Innerste. Dein Haar gleicht nach seiner Seidigkeit und Dunkelheit dem Fell der Ziegenherden an den Hängen Gileads, deine Zähne sind wie das Licht so weiß, und aufs lebhafteste erinnern deine Wangen mich an die Zartheit des Pfirsichs. Dein Mund ist wie die jungen Feigen, wenn sie sich am Baume röten, und wenn ich ihn im Kuß verschließe, so hat der Hauch, der aus deinen Nasenlöchern kommt, den Duft von Äpfeln. Du bist überaus hübsch und schön, aber du wirst es noch mehr sein, wenn du neunzehn bist, das glaube du mir, und deine Brüste werden sein wie Trauben der Datteln und wie des Weinstocks Trauben. Denn du bist rein von Geblüt, mein Liebling, und es wird keine Krankheit dich anfechten und kein Dämon dich berühren; der Herr, mein Gott, der mich zu dir geführt und dich mir aufgespart hat, wird es verhüten. Was aber mich betrifft, so ist meine Liebe und Zärtlichkeit für dich unbeugsamer Art und ist eine Flamme, die nicht auslöschen werden die Regen noch so vieler Jahre. Ich denke an dich, wenn ich im Schatten des Felsens oder Gebüsches liege oder an meinem Stabe stehe; wenn ich streife und suche nach dem verlaufenen Schaf, wenn ich das kranke pflege oder trage das müde Lamm; wenn ich mich dem Löwen entgegenstelle oder Wasser schöpfe der Herde. Bei all dem denke ich deiner und töte die Zeit. Denn sie vergeht unaufhörlich bei allem, was ich tue und treibe, und Gott gestattet ihr nicht, auch nur einen Augenblick stille zu stehen, ob ich nun ruhe oder mich rühre. Du und ich, wir warten nicht ins Leere und Ungewisse, sondern wir kennen unsere Stunde, und unsere Stunde kennt uns, und sie kommt auf uns zu. In gewisser Beziehung aber ist es vielleicht nicht schlecht, daß noch einiger Spielraum ist zwischen ihr und uns, denn wenn sie gekommen ist, so wollen wir fortziehen von hier in das Land, wohin Urvater zog, und es wird gut sein, wenn ich bis dahin noch etwas schwerer werde durch gute Geschäfte, damit die Verheißung meines Gottes sich erfülle, er wolle mich reich heimführen in Jizchaks Haus. Denn deine Augen sind mir wie Ischtars, der Göttin der Umarmung, die zu Gilgamesch sprach: ›Deine Ziegen sollen zweifach, deine Schafe Zwillinge werfen.‹ Ja, wenn auch wir einander noch nicht umarmen dürfen und fruchtbar sein, so ist es doch unterdessen das Vieh und hat beim Werfen Gelingen um unserer Liebe willen, so daß ich Geschäfte mache für Laban und mich und schwer werde vor dem Herrn, bevor wir dahinziehen.«
So tröstete er sie und traf mit Feinsinn das Rechte mit dem, was er von den Schafen und ihrer gleichsam stellvertretenden Fruchtbarkeit sagte; denn es war wirklich, als ob die Landesgöttin der Umarmung, im Menschlichen gefesselt durch Labans finstere Härte, sich Luft mache und schadlos halte an der Kreatur, nämlich an der von Jaakob gepflegten, dem Kleinvieh Labans, welches gedieh wie kein anderes, so daß an ihm der Segen Jizchaks sich bewährte wie nie zuvor und Laban dessen immer froher ward, daß er den Neffen zum Knecht gewonnen, denn sein Nutzen war groß, und er staunte schwer ob dieser Blüte, wenn er auf einem Ochsen herausgeritten kam, eine Tagereise weit oder auch zwei, um die Zucht zu mustern, sprach aber nichts, weder im Guten noch im Bösen – auch im Bösen nichts, denn die einfachste Klugheit gebot ihm, einem solchen Züchter und Segensmann durch die Finger zu sehen, sofern auch dieser auf seinen eigenen Nutzen sah und in Handel und Wandel manches persönlich beiseite brachte nach offen verkündetem Grundsatz. Es wäre unweise gewesen, den Grundsatz anzufechten, falls er mit Maßen gehandhabt wurde; denn solch ein Mann wollte zart angefaßt sein, und man durfte ihm nicht den Segen im Leibe verstimmen.
Wirklich war Jaakob als Viehzüchter und Herr des Schafstalls erst recht in seinem Element, weit mehr denn zuvor auf dem Hof als Herr des Wassers und Gartens. Es war ein Hirt von Geblüt und Charaktergepräge, ein Mondmann, kein Sonnen- und Ackersmann; das Weideleben, so viel Plackerei und selbst Gefahren es bot, entsprach den Wünschen seiner Natur, es war würdig und betrachtsam, es ließ ihm Muße, an Gott und Rahel zu denken; und was die Tiere betraf, so liebte er sie mit Herz und Sinn: ja, recht mit seinen sanften und starken Sinnen war er ihnen zugetan, er liebte ihre Wärme, ihr rupfend weit verteiltes und wieder zusammengedrängtes Leben, den idyllischen und vielstimmig abgestuften Chor ihres Geblöks unter der Weite des Himmels, – liebte ihre fromm verschlossenen Physiognomien, die waagerecht abstehenden Ohrlöffel, die weit auseinanderliegenden spiegelnden Augen, zwischen denen die Stirnwolle den oberen Teil der platten Nase bedeckte, das mächtige, heilige Haupt des Widders, das zarter und hübscher gestaltete des Mutterschafs, das unwissende Kindergesicht des Lammes – liebte die zottig gekräuselte, kostbare Ware, die sie friedlich umhertrugen, das immer nachwachsende Vlies, das er ihnen im Frühjahr und Herbst, zusammen mit Laban und den Knechten, auf dem Rücken wusch, um es dann abzuscheren; und Meisterschaft gewann seine Sympathie in der Betreuung und klugen Regelung ihrer Brunst und Fruchtbarkeit, die er mit andächtiger Sorgfalt nach genauer Kenntnis der Schläge und Individuen, der Eigenschaften von Wolle und Körperverhältnissen, in die Bahnen seines Züchterverstandes zu lenken wußte – ohne daß wir behaupten wollen, die wunderbaren Ergebnisse, die er erzielte, seien nur diesem zuzuschreiben gewesen. Denn nicht allein, daß er die Rasse hob und an Woll- wie an Fleischschafen prächtig-wertvollste Stücke gewann, sondern auch die Vermehrung und vielgebärende Fortpflanzungskraft der Herde überstieg alles gewohnte Maß und war außerordentlich unter seinen Händen. Es gab kein unträchtig Muttervieh in seinen Pferchen, sie warfen alle, sie warfen Zwillinge und Drillinge, sie waren fruchtbar mit acht Jahren noch, die Zeit ihrer Brunst währte zwei Monate und die ihrer Trächtigkeit nur vier, ihre Lämmer wurden reif zu Sprung und Empfängnis mit einem Jahre, und fremde Hirten behaupteten, in Jaakobs, des Westländers, Herde bockten bei Vollmond die Schöpse. Das war Scherz und Aberglaube; aber es beweist die augenfällige Außerordentlichkeit von Jaakobs Erfolgen auf diesem Gebiet, die offenbar über den schlichten Fachverstand gingen. Mußte man wirklich das Wirken der Landesgöttin der Umarmung zur Erklärung der neiderregenden Erscheinung heranziehen? Nach unserer Meinung ist statt dessen der Gedanke zu fassen, daß ihre Quelle in dem Herrn des Schafstalles selber lag. Er war ein wartend Liebender; er durfte noch nicht fruchtbar sein mit Rahel; und wie schon oft in der Welt eine solche Hemmung und Stauung der Wünsche und Kräfte ihren Ausweg in großen Geistestaten gefunden hat, so fand sie hier, in ähnlich verblümter Übertragung, ihren Behelf in der Blüte eines der Sympathie und Pflege des Leidenden unterstellten natürlichen Lebens.
Jene Überlieferung, die den gelehrten Kommentar eines Urtextes bildet, der seinerseits die späte schriftstellerische Fassung von Hirten-Wechselgesängen und Schönen Gesprächen darstellt, weiß Übererfreuliches zu melden von Jaakobs glücklichen Handelsgeschäften in Schafen; sie läßt sich um der Verherrlichung willen Übertreibungen zuschulden kommen, von denen aber wir, zur endgültigen Klarstellung der Geschichte, auch wieder nicht allzuviel abziehen dürfen, um nicht die Wahrheit neuerdings zu verrücken. Die Übertreibung liegt tatsächlich großen Teiles nicht erst in den Glossen und Auskünften der Späteren, sondern sie lag in den Originalgeschehnissen selbst oder eigentlich in den Menschen; denn wir wissen ja, wie diese allezeit zur Maßlosigkeit in der Bewertung und Bezahlung von Gütern neigen, die zu bewundern und zu begehren sie einmal modisch übereingekommen sind. So war es mit Jaakobs Zuchterzeugnissen. Das Gerücht ihrer beispiellosen Vortrefflichkeit verbreitete sich mit der Zeit in der näheren und weiteren Umgebung von Charran unter seines- und Labansgleichen, wobei wir ununtersucht lassen müssen, wieweit eine gewisse Verblendung, bewirkt durch die Segensmacht des Mannes, mit im Spiele war. Auf jeden Fall war die Versessenheit, auch nur ein einziges Jaakobsschaf zu gewinnen, allgemein unter den Leuten. Sie machten eine Ehrensache daraus. Sie pilgerten weither, um mit ihm zu handeln, und wenn sie an Ort und Stelle erkannten, daß das Gerücht geprahlt hatte und daß es sich um gewöhnliche und natürliche Schafe handelte, wenn auch um sehr gute, so zwangen sie sich dennoch um der Mode willen, Wundertiere darin zu sehen, und ließen sich sogar wissentlich von ihm betrügen, indem sie ein Schaf, dem offenkundig schon die Schaufelzähne ausfielen und das also mindestens sechsjährig war, auf seine bloße Versicherung hin für einen Jährling oder einen Vollsetzer nahmen. Sie zahlten ihm, was er verlangte. Es heißt, daß er für ein Schaf einen Esel, ja ein Kamel, sogar einen Sklaven oder eine Sklavin erhalten habe, – Übertreibungen, wenn man solche Geschäfte verallgemeinert und als Regel ansetzt; aber Tauschzugeständnisse solchen Charakters kamen vor, und selbst was die Sklaven als Gegenwert betrifft, ist etwas daran. Denn Jaakob brauchte auf die Dauer Hilfskräfte in seinem Betriebe, Unterhirten, die er seinen Handelspartnern abmietete und deren Preis er in den der gelieferten Ware: Wolle, Dickmilch, Felle, Sehnen oder lebende Tiere, einrechnete. Im Laufe der Jahre kam es sogar so, daß er einzelne dieser Unterhirten in Ansehung von Weide, Pflege und Bewachung des Viehs ganz selbständig machte und eine feste Abgabe mit ihnen vereinbarte: jährlich Sechsundsechzig oder siebzig Lämmer für hundert Schafe, ein Sila Dickmilch für dieselbe Zahl oder anderthalb Minen Wolle für das Stück, – Erträgnisse, die natürlich Labans waren, von denen aber, indem sie durch Jaakobs Hände gingen, manches in diesen Händen zurückblieb, schon weil er aufs neue damit zu wuchern verstand.
War das aller Segen, den Laban, der Erdenkloß, erfuhr durch Jaakobs Walten? Nein – vorausgesetzt, daß die glücklichste und unerhoffteste Zunahme, die der Mann zu verzeichnen hatte, mit des Neffen Anwesenheit ursächlich zusammenhing: eine unbedingt und auf jeden Fall gesicherte Annahme, ob man der freudigen Erscheinung nun eine vernunftgemäße oder geheimnisvolle Deutung geben will. Was wir hier zu berichten haben, würde uns, wenn wir Geschichtenerfinder wären und es, im stillen Einvernehmen mit dem Publikum, als unser Geschäft betrachteten, Lügenmärlein für einen unterhaltenden Augenblick wie Wirklichkeit aussehen zu lassen, sicher als Aufschneiderei und unmäßige Zumutung ausgelegt werden, und der Vorwurf bliebe uns nicht erspart, wir nähmen den Mund zu voll von Fabel und Jägerlatein, nur um noch einen Trumpf aufzusetzen und eine Lauschergutgläubigkeit zu verblüffen, die denn doch ihre Grenzen habe. Desto besser also, daß dies unsere Rolle nicht ist; daß wir uns vielmehr auf Tatsachen der Überlieferung stützen, deren Unerschütterlichkeit nicht darunter leidet, daß sie nicht alle allen bekannt sind, sondern daß einige davon einigen wie Neuigkeiten lauten. So sind wir in der Lage, unsere Aussagen mit einer Stimme abzugeben, die, gelassen, wenn auch eindringlich und ihrer Sache sicher, solche sonst zu befürchtenden Einwürfe von vornherein abschneidet.
Mit einem Worte, Laban, Bethuels Sohn, wurde während der ersten sieben Jahre, die Jaakob ihm diente, wieder Vater, und zwar Vater von Söhnen. Ersatz wurde dem zunehmenden Manne beschert für das verfehlte und offenbar verworfene Opfer von einst, für das Söhnchen in der Kruke: nicht einfacher Ersatz, sondern dreifacher. Denn dreimal nacheinander, im dritten, vierten und fünften Jahre von Jaakobs Aufenthalt, kam Adina, Labans Weib, unscheinbar wie sie war, in Umstände, hegte und heckte mit stolzem Ächzen, was sie empfangen, indes sie das Gleichnis ihres Zustandes, einen hohlen Stein, worin ein kleinerer klapperte, um den Hals trug, und kam nieder unter Geheul und Gebeten, in Labans Haus und in seiner Gegenwart, auf je zwei Ziegeln kniend, um Raum zu schaffen für das Kind vor der Pforte ihres Leibes, von hinten mit den Armen umfangen von einer Wehmutter, während die andere zur Bewachung der Pforte neben ihr kauerte. Die Geburten waren glücklich, und trotz Adina's vorgerückten Jahren brachte kein Zwischenfall ihrem Leben Gefahr. Wiederholt hatte man dem roten Nergal Verköstigung dargebracht, ihn mit Bier, Emmerbroten und sogar Schafopfern bestimmt, seine vierzehn krankheittragenden Diener an jeder Einmischung in diese Angelegenheit zu hindern. So kam es, daß in keinem der drei Fälle das Innere der Kreißenden sich umkehrte oder die Hexe Labartu darauf verfiel, ihr den Leib zu verschließen. Es waren drei starke Knaben, die sie zur Welt brachte und deren ungestüme Ansprüche Labans längst so langweiliges Haus nun zu einer rechten Wiege des Lebens machten. Der eine ward Beor, der zweite Alüb und der dritte Muras genannt. Adina's Natur aber litt nicht nur nicht unter den ohne Pause einander folgenden Schwangerschaften und Entbindungen, sondern sogar jünger und weniger unscheinbar war die Frau danach anzusehen und putzte sich eifrig mit Kopfbinden, Gürteln und Halsgehängen, die Laban für sie einhandelte zu Charran in der Stadt.
Labans schwerfälliges Herz war hoch erbaut. Der Mann strahlte, so gut es ihm gegeben war. Das gelähmte Hängen seines Mundwinkels verlor im Ausdruck an Sauerkeit und nahm das Gepräge satten und selbstgefälligen Lächelns an. Hält man die Blüte seiner Wirtschaft, den prachtvollen Gang seiner Geschäfte zusammen mit der glückhaften Fruchtbarkeit seiner Lenden, der gnadenvollen Aufhebung des Fluches, der so lange, als Folge einer falschen geistlichen Spekulation, sein Hauswesen verdüstert hatte, so wird jede Geblähtheit begreiflich, die er an den Tag legte. Er zweifelte nicht, daß, wie all sein Glück, auch das Erscheinen der Söhne in genauem Zusammenhang stand mit Jaakobs Nähe und Hauszugehörigkeit, mit Jizchaks Segen, und er hätte sehr unrecht getan, daran zu zweifeln. Mochte immerhin die schon vorher gehobene Stimmung der beiden Gatten, und namentlich Labans, ob der guten Geschäfte, die dem Neffen dort draußen gelangen, ihre eheliche Tätigkeit dergestalt belebt haben, daß die Schleusen der Fruchtbarkeit sich wieder öffneten: so oder so war dies jedenfalls auf des Jaakob Wirken zurückzuführen. Aber das hinderte Laban nicht an persönlichem Stolz. War ja er es gewesen, der klug-gewandten Sinnes, mit Kunst und Weisheit, den Segensträger ans Haus zu fesseln gewußt hatte – diesen Flüchtling und Bettler, von dem Gedeihen offenbar ausging, wohin er kam, und sogar ob er nun wollte oder nicht. Daß er des Oheims Vaterglück nicht einmal besonders angelegentlich gewollt haben mochte, schloß Laban aus den gemäßigten Bezeigungen von Freude und Bewunderung, die Jaakob ihm bei den Geburten Beors, Alubs und des Muras darzubringen für gut befand.
»Das sage mir, Neffe und Eidam«, sprach Laban wohl bei diesen Gelegenheiten, wenn er hinauskam aufs Feld, die Herden zu besuchen, auf dem Rücken eines Ochsen, oder wenn Jaakob zu Rechnungslegungen auf dem Hofe weilte. »Das sage mir, ob ich zu preisen bin, und ob die Götter dem Laban lächeln oder nicht, da sie mir Söhne erwecken aus meiner Kraft auf meine grauen Tage, und mein Weib Adina bringt sie strotzend zur Welt, ob sie gleich vorher schon unscheinbar anmutete!«
»Freue dich immerhin!« antwortete Jaakob dann. »Aber etwas gar so Besonderes ist das nicht vor unserem Gott. Abram war hundert Jahre alt, als er den Jizchak zeugte, und der Sarai ging es bekanntlich schon gar nicht mehr nach der Weiber Weise, als der Herr ihnen dies Lachen zurichtete.«
»Du hast eine dürre Art«, sagte Laban, »große Dinge herabzusetzen und einem Manne die Freude zu schmälern.«
»Es kommt uns nicht zu«, erwiderte Jaakob kühl, »allzuviel Aufhebens zu machen von Glücksfällen, an denen wir uns ein Verdienst zuschreiben dürfen.«