Joseph und seine Brüder. Band I. Die Geschichten Jaakobs
MeistgelesenVerlag: Fischer Taschenbuch Verlag GmbH | Jahr: 1990
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Viertes Hauptstück Die Flucht.
Urgeblök
Schwere Geschichten! Jaakob, der Vater, war schwer und würdig davon wie von Hab und Gut, – von neuen sowohl und frisch vergangenen wie auch von alten und uralten, von Geschichten und von Geschichte.
Geschichte ist das Geschehene und was fort und fort geschieht in der Zeit. Aber so ist sie auch das Geschichtete und das Geschieht, das unter dem Boden ist, auf dem wir wandeln, und je tiefer die Wurzeln unseres Seins hinabreichen ins unergründliche Geschichte dessen, was außer- und unterhalb liegt der fleischlichen Grenzen unseres Ich, es aber doch bestimmt und ernährt, so daß wir in minder genauen Stunden in der ersten Person davon sprechen mögen und als gehöre es unserem Fleische zu, – desto sinnig-schwerer ist unser Leben und desto würdiger unseres Fleisches Seele.
Da Jaakob wieder nach Hebron kam, auch Vierstadt genannt, da er kam zum Baum der Unterweisung, gepflanzt und geheiligt von Abram – dem Abiram oder einem, unbekannt welchem –, und heimkehrte zu seines Vaters Hütte, nachdem zwischenein noch Schwerstes geschehen, worauf man die Rede bringen wird zu seiner Stunde: nahm Isaak ab und starb, uralt und blind, ein Greis dieses Erbnamens, Jizchak, Abrahams Sohn, und redete in der Weihestunde des Todes vor Jaakob und allen, die da waren, in hohen und schauerlichen Tönen, seherisch und verwirrt, von ›sich‹ als von dem verwehrten Opfer und von dem Blute des Schafsbocks, das als sein, des wahrhaften Sohnes, Blut habe angesehen werden sollen, vergossen zur Sühne für alle. Ja, dicht vor seinem Ende versuchte er mit dem sonderbarsten Erfolge wie ein Widder zu blöken, wobei gleichzeitig sein blutloses Gesicht eine erstaunliche Ähnlichkeit mit der Physiognomie dieses Tieres gewann – oder vielmehr es war so, daß man auf einmal dessen gewahr wurde, daß diese Ähnlichkeit immer bestanden hatte –, dergestalt, daß alle sich entsetzten und nicht schnell genug auf ihr Angesicht fallen konnten, um nicht zu sehen, wie der Sohn zum Widder wurde, während er doch, da er wieder zu sprechen anhob, den Widder Vater nannte und Gott. »Einen Gott soll man schlachten«, lallte er mit uralt-poetischem Wort und lallte weiter, den Kopf im Nacken, mit weit offenen, leeren Augen und gespreizten Fingern, daß alle sollten eine Festmahlzeit halten von des geschlachteten Widders Fleisch und Blut, wie Abraham und er es einst getan, der Vater und der Sohn, für welchen eingetreten war das gottväterliche Tier. »Siehe, es ist geschlachtet worden«, hörte man ihn röcheln, faseln und künden, ohne daß man gewagt hätte, nach ihm zu schauen, »der Vater und das Tier an des Menschen Statt und des Sohnes, und wir haben gegessen. Aber wahrlich, ich sage euch, es wird geschlachtet werden der Mensch und der Sohn statt des Tieres und an Gottes Statt, und aber werdet ihr essen.« Dann blökte er noch einmal naturgetreu und verschied.
Sie blieben noch lange auf ihren Stirnen, nachdem er verstummt war, ungewiß, ob er auch wirklich tot sei und nicht mehr blöken und künden werde. Allen war es, als sei das Eingeweide ihnen umgewandt und das Unterste komme ihnen zuoberst, so daß sie hätten erbrechen mögen; denn in des Sterbenden Wort und Wesen war etwas Ur-Unflätiges, greuelhaft Ältestes und heilig Vorheiliges gewesen, was unter allem Geschieht der Gesittung in den gemiedensten, vergessensten und außerpersönlichsten Tiefen ihrer Seele lag und ihnen heraufgekehrt worden war durch Jizchaks Sterben zu ihrer schwersten Übelkeit: ein Spuk und Unflat versunkener Vorzeit vom Tiere, das Gott war, dem Widder nämlich, des Stammes Gott-Ahn, von dem er stammte und dessen göttliches Stammesblut sie voreinst, in unflätigen Zeiten, vergossen und genossen hatten, um ihre tiergöttliche Stammesverwandtschaft aufzufrischen – bevor Er gekommen war, der Gott aus der Ferne, Elohim, der Gott von draußen und drüben, der Gott der Wüste und des Mondgipfels Gott, der sie erwählt hatte, der die Verbindung abgeschnitten mit ihrer Urnatur, sich ihnen vermählt durch den Ring der Beschneidung und neuen Gottesanfang gegründet hatte in der Zeit. Darum kam es ihnen übel herauf von des sterbenden Jizchaks Widdervisage und seinem Geblök; und auch dem Jaakob war übel. Aber auch schwer gehoben war seine Seele, da er nun, barfuß, bestaubt und geschoren, das Begräbnis zu versehen hatte, die Bräuche und Klagen und Opferschüsseln zur Zehrung für den Toten, zusammen mit Esau, dem Flötenbock, der vom Ziegengebirge gekommen war, mit ihm den Vater zu bestatten in der zwiefachen Höhle und nach seiner kindisch-ungezügelten Art, betränten Bartes, mit den Sängern und Sängerinnen zu heulen: »Hoiadôn!« Gemeinsam nähten sie Jizschak in ein Widderfell mit hochgezogenen Knien und gaben ihn so der Zeit zum Fraße, die ihre Kinder frißt, damit sie sich nicht über sie setzen, aber sie wieder herauswürgen muß, auf daß sie leben in den alten und selben Geschichten als dieselben Kinder. (Denn der Riese merkt's nicht beim Tasten, daß die kluge Mutter ihm nur ein Ding gibt wie einen Stein, in ein Fell gewickelt, und nicht das Kind.) »Weh um den Herrn!« – Das war oft gerufen worden über Jizchak, dem verwehrten Opfer, und aber hatte er gelebt in seinen Geschichten und sie mit Recht in der Ich-Form erzählt, denn es waren die seinen: teils weil sein Ich zurück und hinaus verschwamm ins urbildlich Ehemalige, teils weil das Einst in seinem Fleisch wieder Gegenwart geworden sein und sich der Gründung gemäß wiederholt haben mochte. So hatten Jaakob und alle es gehört und verstanden, als er sich sterbend noch einmal das verwehrte Opfer genannt hatte: es gehört mit doppeltem Ohre gleichsam und doch einfach verstanden, – wie wir ja wirklich mit zwei Ohren eine Rede vernehmen und mit zwei Augen ein Ding sehen, Rede und Ding aber einsinnig erfassen. Dazu war Jizchak ein uralter Greis, der von einem kleinen Knaben sprach, welcher fast wäre geschlachtet worden, und ob dieser einst er selbst, oder ob es ein früherer gewesen war, fiel für das Denken und Wissen schon darum nicht ins Gewicht, weil jedenfalls das fremde Opferkind seinem Greisenalter nicht fremder und nicht in höherem Grade außer ihm hätte sein können als das Kind, das er einst gewesen.
Der Rote
Sinnig und schwer gehoben also war Jaakobs Seele in den Tagen, da er mit dem Bruder den Vater begrub, denn alle Geschichten standen vor ihm auf und wurden Gegenwart in seinem Geist, wie sie einst wieder Gegenwart geworden waren im Fleisch nach geprägtem Urbild, und ihm war, als wandelte er auf durchsichtigem Grunde, der aus unendlich vielen, ins Unergründliche hinabführenden Kristallschichten bestand, durchhellt von Lampen, die zwischen ihnen brannten. Er aber wandelte oben in seines Fleisches Geschichten, Jaakob, der Gegenwärtige, und sah Esau an, den durch List Verfluchten, der gleichfalls wieder mit ihm wandelte nach seinem Gepräge und Edom, der Rote, war.
Hiermit ist seine Persönlichkeit zweifellos fehlerfrei bestimmt – zweifellos in gewissem Sinn, fehlerfrei unter Vorbehalt, denn die Genauigkeit dieser ›Bestimmung‹ ist die Genauigkeit des Mondlichtes, der viel foppende Täuschung innewohnt und in deren Zweideutigkeit mit der Miene einer durch Sinnigkeit leicht vertieften Einfalt zu wandeln uns nicht ebenso zusteht wie den Personen unserer Geschichte. Wir haben erzählt, wie Esau, der Rotpelz, schon in jungen Jahren von Beerscheba aus Beziehungen zum Lande Edom, zu den Leuten der Ziegenberge, des Waldgebirges Seïr aufgenommen und gepflegt hatte, und wie er später mit Kind und Kegel, mit seinen kanaanitischen Weibern Ada, Ahalibama und Basnath und mit deren Söhnen und Töchtern gänzlich zu ihnen und ihrem Gotte Kuzach übergegangen war. Dieses Ziegenvolk also bestand, es bestand, wer weiß wie lange, als Esau, Josephs Oheim, sich zu ihm schlug, und es hat nur magisch-zweideutige Mondgenauigkeit, wenn die Überlieferung, nämlich das spät zur Chronik befestigte, durch die Generationen hingesponnene Schöne Gespräch ihn als ›Vater der Edomiter‹, als ihren Stammvater also, als den Urbock der Ziegenleute bezeichnet. Das war Esau nicht, nicht dieser, nicht er persönlich – mochte auch das Gespräch und bedingungsweise wohl schon er selbst sich dafür nehmen und halten. Das Edomitervolk war viel älter als Josephs Oheim, den wir wiederholt so nennen, weil es bedeutend sicherer ist, seine Identität nach der absteigenden als nach der aufsteigenden Verwandtschaft zu bestimmen, – unabsehbar älter also als er: denn um die Anfänglichkeit jenes Bela, des Sohnes Beors, den die Tabelle als den ersten König in Edom nennt, steht es mit Sicherheit nicht besser als um die Urkönigschaft Meni's von Ägypterland, einer notorischen Zeitenkulisse. Stammvater Edoms also war der gegenwärtige Esau genaugenommen nicht; und wenn es gesangsweise mit Nachdruck von ihm heißt: »Er ist der Edom«, nicht aber etwa: »Er war der Edom«, so ist die Gegenwartsform dieser Aussage nicht zufällig gewählt, sondern sie erklärt sich damit als zeitlose und über-individuelle Zusammenfassung des Typus. Geschichtlich und also individuell genommen war des Ziegenvolkes Stammbock ein unvergleichlich älterer Esau gewesen, in dessen Fußstapfen der gegenwärtige wandelte – recht ausgetretenen und öfters nachgeschrittenen Fußstapfen, wie hinzuzufügen ist, und Fußstapfen, die, um das letzte zu sagen, wohl nicht einmal die Eigenspur desjenigen waren, von dem das Gespräch mit Recht hätte künden mögen: »Er war der Edom.«
Hier mündet unsere Rede nun freilich ins Geheimnis ein, und unsere Hinweise verlieren sich in ihm: nämlich in der Unendlichkeit des Vergangenen, worin jeder Ursprung sich nur als Scheinhalt und unendgültiges Wegesziel erweist und deren Geheimnis-Natur auf der Tatsache beruht, daß ihr Wesen nicht das der Strecke, sondern das Wesen der Sphäre ist. Die Strecke hat kein Geheimnis. Das Geheimnis ist in der Sphäre. Diese aber besteht in Ergänzung und Entsprechung, sie ist ein doppelt Halbes, das sich zu Einem schließt, sie setzt sich zusammen aus einer oberen und einer unteren, einer himmlischen und einer irdischen Halbsphäre, welche einander auf eine Weise zum Ganzen entsprechen, daß, was oben ist, auch unten ist, was aber im Irdischen vorgehen mag, sich im Himmlischen wiederholt, dieses in jenem sich wiederfindet. Diese Wechselentsprechung nun zweier Hälften, die zusammen das Ganze bilden und sich zur Kugelrundheit schließen, kommt einem wirklichen Wechsel gleich, nämlich der Drehung. Die Sphäre rollt: das liegt in der Natur der Sphäre. Oben ist bald Unten und Unten Oben, wenn man von Unten und Oben bei solcher Sachlage überall sprechen mag. Nicht allein daß Himmlisches und Irdisches sich ineinander wiedererkennen, sondern es wandelt sich auch, kraft der sphärischen Drehung, das Himmlische ins Irdische, das Irdische ins Himmlische, und daraus erhellt, daraus ergibt sich die Wahrheit, daß Götter Menschen, Menschen dagegen wieder Götter werden können.
Dies ist so wahr, wie daß Usiri, der Dulder und Zerstückelte, einst ein Mensch war, nämlich ein König über Ägypterland, dann aber ein Gott wurde – mit der beständigen Neigung freilich, wieder zum Menschen zu werden, wie sich schon in der Daseinsform selbst der ägyptischen Könige, welche alle der Gott als Mensch waren, deutlich erweist. Wenn man aber fragt, was Usir zuallererst und am Anfang gewesen sei, ein Gott oder ein Mensch, so bleibt die Antwort aus; denn einen Anfang gibt es nicht in der rollenden Sphäre. Liegt es doch nicht anders bei seinem Bruder Set, der, wie wir längst in Erfahrung brachten, sein Mörder war und ihn zerstückelte. Dieser Böse, heißt es, war eselsköpfig und von kriegerischer Art, dazu ein Jäger, welcher die Könige Ägyptens zu Karnak, nahe der Amunsstadt, im Bogenschießen unterwies. Andere nannten ihn Typhon, und beizeiten schon hatte man ihm den Glut- und Wüstenwind Chamsin zugeeignet, den Sonnenbrand, das Feuer selbst, so daß er zum Baal Chammon oder zum Gotte der offenen Gluthitze wurde und unter den Phöniziern und Ebräern Moloch hieß oder Melech, der Baale Stierkönig, der mit seinem Feuer die Kinder frißt und die Erstgeburt und welchem Abram den Jizchak darzubringen versucht gewesen war. Wer wollte sagen, daß Typhon-Set, der rote Jäger, ganz zuerst und zuletzt am Himmel zu Hause und niemand anders als Nergal, der siebennamige Feind, Mars, der Rote, der Feuerplanet, gewesen sei? Mit demselben Rechte könnte ein jeder behaupten, zuallererst und zuletzt sei er ein Mensch gewesen, Set, der Bruder König Usiri's, den er vom Throne stieß und ermordete, und erst danach sei er ein Gott und ein Stern geworden, immer bereit freilich und im Begriffe, auch wieder Mensch zu werden, gemäß der schwingenden Sphäre. Er ist beides und keines zuerst: Gottstern und Mensch, wechselnd, in einem. Darum kommt keine andere Zeitform ihm zu als die der zeitlosen Gegenwart, welche die Schwingung der Sphäre in sich beschließt, und mit Recht heißt es immer von ihm: »Er ist der Rote.«
Ist es nun aber so, daß Set, der Schütze, in himmlisch-irdischem Wechsel steht mit Nergal-Mars, dem Feuerplaneten, dann liegt auf der Hand, daß dasselbe Verhältnis schwingender Entsprechung waltet zwischen Usir, dem Gemordeten, und dem Königsplaneten Mardug, ihm, den ebenfalls neulich die schwarzen Augen vom Brunnenrande grüßten, und dessen Gott auch Jupiter – Zeus genannt ist. Von diesem nun geht die Geschichte, daß er seinen Vater, den Kronos, ebenden göttlichen Riesen, der seine Kinder verschlang und nur dank der Anschlägigkeit der Mutter nicht auch dem Zeus ein gleiches getan hatte, mit der Sichel entmannt und vom Throne gestoßen habe, um sich selber als König an seine Stelle zu setzen. Das ist ein Wink für jeden, der in der Erkenntnis der Wahrheit nicht auf halbem Wege haltzumachen wünscht. Denn es bedeutet offenbar, daß Set oder Typhon nicht der erste Königsmörder gewesen war, daß Usir selbst bereits die Herrschaft einer Mordtat verdankte und daß ihm als König geschah, was er als Typhon getan. Dies nämlich ist ein Teil des sphärischen Geheimnisses, daß vermöge der Drehung die Ein- und Einerleiheit der Person Hand in Hand zu gehen vermag mit dem Wechsel der Charakterrolle. Man ist Typhon, solange man in mordbrütender Anwärterschaft verharrt; nach der Tat aber ist man König, in der klaren Majestät des Erfolges, und Gepräge und Rolle des Typhon fallen einem anderen zu. Viele wollen wissen, es sei der rote Typhon gewesen und nicht Zeus, der den Kronos entmannt und gestürzt habe. Aber das ist müßiger Zank, denn es ist das gleiche im Schwingen: Zeus ist Typhon, bevor er siegte. Was aber ebenfalls schwingt, das ist das Wechselverhältnis von Vater und Sohn, so daß nicht immer der Sohn es ist, der den Vater schlachtet, sondern jeden Augenblick die Rolle des Opfers auch dem Sohn zufallen kann, welcher dann umgekehrt durch den Vater geschlachtet wird. Typhon-Zeus also durch Kronos. Das wußte Ur-Abram wohl, als er seinen Eingeborenen dem roten Moloch zu opfern sich anschickte. Offenbar war er der schwermütigen Ansicht, er müsse auf dieser Geschichte fußen und dieses Schema erfüllen. Gott aber verwehrte es ihm. –
Es gab eine Zeit, da Esau, Josephs Ohm, beständig mit seinem eigenen Oheim Ismael, dem verstoßenen Halbbruder Isaaks, zusammensteckte, ihn auffallend oft in seiner Wüstenunterwelt besuchte und mit ihm Pläne schmiedete, von deren Greuelhaftigkeit wir noch hören werden. Diese Hingezogenheit war selbstverständlich kein Zufall, und wenn vom ›Roten‹ die Rede ist, so muß auch von ihm die Rede sein. Seine Mutter hieß Hagar, was ›die Wandernde‹ bedeutet und an und für sich schon eine Aufforderung war, sie in die Wüste zu schicken, damit ihr Name sich erfülle. Den unmittelbaren Anlaß dazu bot jedoch Ismael, dessen unterweltliche Anlagen von jeher viel zu deutlich zutage traten, als daß an seinen Verbleib im Oberlichte der Gottgefälligkeit auf die Dauer zu denken gewesen wäre. Schriftlich heißt es von ihm, er sei ein ›Spötter‹ gewesen, was aber nicht besagen will, daß er ein loses Maul gehabt hätte – es hätte ihn das für die Obersphäre noch nicht untauglich gemacht –, sondern ›spotten‹ bedeutet in seinem Fall eigentlich ›scherzen‹, und es begab sich, daß Abram ›durchs Fenster‹ den Ismael auf unterweltliche Weise mit Isaak, seinem jüngeren Halbbruder, scherzen sah, was keineswegs ungefährlich erschien für Jizchak, den wahrhaften Sohn, denn Ismael war schön wie der Sonnenuntergang in der Wüste. Darum erschrak der zukünftige Vater sehr vieler und fand die Gesamtlage reif für durchgreifende Maßregeln. Das Verhältnis zwischen Sara und Hagar, die sich schon einst ihrer Mutterschaft gegen die noch Unfruchtbare überhoben hatte und schon einmal vor deren Eifersucht hatte fliehen müssen, war andauernd zänkisch, und Sara betrieb alle Tage die Austreibung der Ägypterin und ihrer Frucht, nicht zuletzt weil die Erbfolge ungeklärt war und strittig zwischen dem älteren Sohne der Nebenfrau und dem jüngeren Sohne der rechten: es war sehr die Frage, ob nicht Ismael mit Jizchak oder gar vor ihm hätte erben müssen – greulich zu denken für Sara's eifrige Mutterliebe und auch dem Abiram unbequem. Darum brachte, was er nun auch noch gar von Ismael gesehen hatte, die schwebenden Schalen seiner Entschlüsse zum Ausschwingen, und er gab der überheblichen Hagar ihren Sohn nebst etwas Wasser und Fladen und hieß sie sich umsehen in der Welt ohne Wiederkehr. Wie denn auch anders? Sollte wohl Jizchak, das verwehrte Opfer, am Ende nun doch noch dem feurigen Typhon zum Opfer fallen?
Die Frage will wohlverstanden sein. Sie lautet anzüglich für Ismael, aber mit Recht. Denn in ihm selbst liegt die Anzüglichkeit, und daß er in nicht geheueren Fußstapfen ging und sozusagen ›nicht von gestern‹ war, ist unabweisbar. Die leichteste Abänderung der ersten Silbe seines Namens genügt, um diesen in seinem ganzen Hochmut herzustellen, und daß er in der Wüste ein so guter Bogenschütze wurde, ist sichtlich auch nicht ohne Eindruck auf die Lehrer geblieben, die ihn einem Waldesel verglichen, dem Tiere Typhon-Sets, des Mörders, des bösen Bruders Usiri's. Ja, er ist der Böse, er ist der Rote, und Abraham mochte ihn immerhin austreiben und sein Segenssöhnchen vor seinen feurig-unrichtigen Nachstellungen schützen: als Isaak zeugte in des Weibes Schoß, da kehrte der Rote wieder, um zu leben in seinen Geschichten neben Jaakob, dem Angenehmen, da gab Rebekka das Brüderpaar an den Tag, das ›duftige Gras‹ und das ›stachlige Gewächs‹, Esau, den Rotpelz, den die Lehrer und Wissenden viel heftiger beschimpften, als seine bürgerlich-irdische Person beschimpft zu werden verdiente. Denn Schlange und Satan nennen sie ihn und Schwein dazu, ein wildes Schwein, um aus aller Kraft anzuspielen auf den Keiler, der den Schäfer und Herrn zerriß in Libanons Schlüften. Ja, geradezu einen ›fremden Gott‹ heißt ihn ihre wissende Wut, damit niemand durch die ungeschlachte Gutmütigkeit seiner bürgerlichen Person sich täuschen lasse über das, was er ist im Umschwung der Sphäre.
Sie schwingt, und oft sind sie Vater und Sohn, die Ungleichen, der Rote und der Gesegnete, und es entmannt der Sohn den Vater, oder der Vater schlachtet den Sohn. Oft aber wieder – und niemand weiß, was sie zuerst waren – sind sie auch Brüder, wie Set und Usir, wie Kain und Habel, wie Sem und Cham, und es kann sein, daß sie zu dritt, wie wir sehen, beide Paare bilden im Fleisch, das Vater-Sohnespaar nach der einen, das Brüderpaar nach der anderen Seite. Denn es steht Ismael, der wilde Esel, zwischen Abraham und Isaak. Jenem ist er der Sohn mit der Sichel; diesem der rote Bruder. Wollte denn Ismael den Abram entmannen? Allerdings wollte er das. Denn er war im Begriffe, den Isaak zu unterweltlicher Liebe zu verleiten, und wenn Isaak nicht gezeugt hätte in des Weibes Schoß, so wären nicht Jaakob gekommen und seine Zwölfe, und was wäre dann aus der Verheißung zahlloser Nachkommenschaft geworden und aus Abrahams Namen, der da bedeutet ›Vater sehr vieler‹? Nun aber wandelten sie wieder in der Gegenwart ihres Fleisches, als Jaakob und Esau, und sogar Esau, der Tölpel, wußte so ziemlich, welche Bewandtnis es mit ihm hatte, – wieviel mehr Jaakob, gebildet und sinnreich wie er war?
Von Jizchaks Blindheit
Gebrochenen und schwimmenden Blicks ruhten Jaakobs kluge braune, schon etwas müde Augen auf dem Jäger, seinem Zwilling, während dieser ihm half, den Vater zu bestatten, und alle Geschichten standen wieder in ihm auf und wurden sinnende Gegenwart: die Kindheit und wie die Entscheidung, die lange geschwebt hatte, gefallen war über Fluch und Segen und dann über alles Weitere. Seine Augen waren trocken im Sinnen, und zuweilen nur bebte seine Brust von Lebensbedrängnis, und er schnob einwärts. Aber Esau flennte und heulte bei aller Hantierung, und doch hatte er dem Alten, den sie da einnähten, wenig zu danken, nichts als den Wüstenfluch, der nach Vergebung des Segens einzig für ihn übriggeblieben war – zum schwersten Kummer des Vaters, wie Esau sich überzeugt hielt, wie sich überzeugt zu halten ihm Lebensbedürfnis war, weshalb er es denn auch immer wieder wenigstens aus seinem eigenen Munde zu hören begehrte und zehnmal beim Hantieren, schnaubend und sich die Nase wischend, in sein Heulen sprach: »Dich, Jekew, hatte das Weib lieb, aber mich hatte der Vater lieb und aß gern von meinem Weidwerk, so war es. ›Rauhrock‹, sprach er, ›mein Erster, es schmeckt mir, was du erlegt und für mich gebraten hast im geblasenen Feuer. Ja, mir mundet's, Rotpelzchen, habe Dank für deine Rüstigkeit! Bleibst mein Erster doch alle Tage hin, und ich will dir's gedenken.‹ So und nicht anders sprach er wohl an die hundert- und tausendmal. Aber dich hatte das Weib lieb und sprach zu dir: ›Jekewlein, mein Erlesener!‹ Und in Mutters Liebe, das wissen die Götter, ist man weicher gebettet als in Vaters Liebe, ich hab's erfahren.«
Jaakob schwieg. Darum stieß Esau weiter in sein Schluchzen, was zu hören seiner Seele notwendig war: »Und ach, und ach, wie sich der Alte entsetzte, als ich kam nach dir und ihm brachte, was ich zugerichtet, damit er sich stärke zum Segen, und er begriff, daß nicht Esau gewesen, der vorher kam! Über die Maßen entsetzte er sich und rief öfters: ›Wer war denn der Jäger, wer war es denn? Jetzt wird er gesegnet bleiben, denn ich hatte mich sehr gestärkt zum Segen! Esau, mein Esau, was fangen wir nun an?‹«
Jaakob schwieg.
»Schweige nicht, Glatter!« rief Esau. »Schweige nicht dein eigennütziges Schweigen und gib's auch noch schweigend für milde Schonung aus, das macht mir Galle und Wut! War es etwa nicht so, daß der Alte mich liebhatte und sich über die Maßen entsetzte?«
»Du sagst es«, antwortete Jaakob, und Esau mußte sich zufriedengeben. Aber dadurch, daß er es sagte, wurde es nicht wahrer, als es in Wirklichkeit gewesen war; es wurde nicht weniger verwickelt dadurch, sondern blieb halbwahr und zweideutig, und daß Jaakob teils schwieg, teils einsilbig antwortete, war nicht Bosheit und Hinterhalt, sondern Entsagung vor der verwickelten Schwierigkeit der Sachlage, welcher mit heulenden Stoßworten und Naturburschen-Empfindsamkeit nicht beizukommen war – der beschönigend und selbstbetrügerischen Empfindsamkeit des Hinterbliebenen, der aus dem Verhältnis eines Entschlafenen zu ihm nachträglich das Beste zu machen wünscht. Es mochte schon richtig sein, daß Isaak sich damals entsetzt hatte, als Esau kam, nachdem er schon dagewesen. Denn der Alte mochte befürchtet haben, daß irgendein Fremder im Dunkeln bei ihm gewesen sei, ein ganz unzugehöriger Betrüger, und sich den Segen erschlichen habe, was man freilich als großes Unglück hätte ansehen müssen. Ob er aber auch so entsetzt, und zwar aufrichtig entsetzt gewesen wäre, wenn er sicher gewußt hätte, daß Jaakob Esau's Vorgänger und er des Segens Empfänger gewesen sei, das war eine besondere Frage, nicht so einfach zu beantworten, wie es Esau's Herzensbedürfnis entsprach, und ziemlich genau unter demselben Gesichtswinkel zu beurteilen wie jene andere Frage: ob die Liebe der Eltern sich wirklich so schlicht verteilt hatte, wie Esau es seinem Bedürfnis gemäß wahrhaben wollte – mit ›Jekewlein‹ hier und ›Rotpelzchen‹ da –, Jaakob hatte Gründe, es zu bezweifeln, wenn es auch ihm nicht zukam, sie gegen den Weinenden geltend zu machen.
Oft, wenn der Jüngere sich an die Mutter schmiegte, hatte sie ihm erzählt, welch schweres Tragen es gewesen sei die letzten Monde hindurch, bevor die Brüder gekommen seien, und wie mißgestalt, auf überlasteten Füßen, sie sich kurzatmig hingeschleppt, gestoßen immerfort von den Zweien, die nicht Frieden gehalten in der Höhle, sondern um den Vortritt gehadert hätten. Ihm, Jaakob, behauptete sie, sei eigentlich von Isaaks Gott die Erstgeburt zugedacht gewesen, aber da Esau sie gar so heftig für sich in Anspruch genommen habe, sei Jaakob aus Freundlichkeit und Höflichkeit zurückgetreten, – übrigens auch wohl in dem stillen Bewußtsein, daß unter Zwillingen an dem geringfügigen Altersunterschied selbst nicht viel gelegen sei, daß dieser die eigentliche Entscheidung noch nicht bedeute und sich die geistlich wahre Erstgeburt, und wessen Opferrauch gerade aufsteigen werde vor dem Herrn, erst draußen und mit der Zeit erweisen werde. Rebekka's Erzählung klang wahrscheinlich. Gewiß, so hätte Jaakob sich wohl verhalten können, und er selbst glaubte sich zu entsinnen, daß er sich so verhalten habe. Was aber die Mutter mit ihrer Darstellung verriet, war eben dies, daß Esau's kleiner und ertrotzter Lebensvorsprung von den Eltern niemals als ausschlaggebend verstanden worden und die Segensanwärterschaft zwischen den Brüdern lange, bis in ihr junges Mannesalter, bis zum Tage des Schicksals in der Schwebe geblieben war, so daß Esau wohl eine gegen ihn gefallene Entscheidung, nicht aber eigentlich sich über eine ungerechte Verkürzung zu beklagen hatte. Lange war, namentlich für den Vater, seine tatsächliche Erstgeburt schwer genug zu seinem Vorteil ins Gewicht gefallen, um alle Abneigung auszugleichen, die sein Charakter einflößte – wobei unter ›Charakter‹ das Körperliche ebenso zu begreifen ist wie das Geistig-Sittliche –, so lange, bis sie das eben nicht mehr tat. Rothaarig war er sofort gewesen über den ganzen Leib, wie der Wurf einer Bezoargeis, und ausgestattet mit einem vollständigen Zahngebiß: unheimliche Erscheinungen, die aber Isaak in prächtigem Sinn zu deuten und zu begrüßen sich zwang. Er wollte es gern mit dem Erstling halten und war selbst der Gründer und langjährige Hüter jener Annahme, an die Esau sich klammerte: daß nämlich dieser sein Sohn, Jaakob dagegen das Muttersöhnchen sei. Mit dem Glatten, Zahnlosen da, sprach er und gab seiner Seele einen Ruck – denn um die kleine Person eben dieses Zweiten war es wie ein mildes Scheinen, und er lächelte gar klug und friedlich, während der Erste sich in unausstehlichem Gequarre wälzte und seine Brauen dabei zu einer greulichen Arabeske verzog –, mit dem Glatten stehe es offenbar kümmerlich und wenig hoffnungsvoll, dagegen mache der Rauhe den Eindruck heldischer Anlage und werde es sicherlich weit bringen vor dem Herrn. Dergleichen äußerte er täglich fortan, mechanisch, in spruchhaft feststehenden Wendungen, wenn auch bald schon zuweilen mit bebend von innen her verärgerter Stimme; denn Esau verletzte mit seinem widerwärtigen Frühgebiß grausam Rebekka's Brust, so daß bald beide Zitzen völlig wund und entzündet waren und auch der kleine Jaakob mit verdünnter Tiermilch ernährt werden mußte. »Ein Held wird er sein«, sagte Jizchak dazu, »und ist mein Sohn und mein Erster. Aber deiner ist der Glatte, Tochter Bethuels, Herz meiner Brust!« »Herz meiner Brust« nannte er sie in diesem Zusammenhang und hieß das liebe Kind ihren Sohn, aber das rauhe den seinen. Welches bevorzugte er also? Esau. So hieß es später im Hirtenlied, und so wußten es schon damals die Leute in ihrer Landschaft: Jizchak hat Esau lieb, Rebekka den Jaakob, das war die Übereinkunft, die Isaak mit den Worten gegründet hatte und im Worte aufrechterhielt, ein kleiner Mythus innerhalb eines viel größeren und mächtigeren, widersprechend aber in dem Grade diesem größeren und mächtigeren, daß – Jizchak darüber erblindete.
Wie ist das zu verstehen? In dem Sinne, daß die Verquickung von Körper und Seele weit inniger, die Seele etwas viel Körperlicheres, die Bestimmbarkeit des Körperlichen durch das Seelische viel weitgehender ist, als man zeitweise zu glauben gewußt hat. Isaak war blind, oder so gut wie blind, als er starb, das wird nicht zurückgenommen. Zur Zeit der Kindheit seiner Zwillinge aber war sein Sehvermögen durch das Alter bei weitem noch nicht so herabgesetzt, und wenn er es, als die Knaben junge Männer waren, schon viel weiter in der Blindheit gebracht hatte, so darum, weil er dies Vermögen durch Jahrzehnte vernachlässigt, überschont, verhängt und ausgeschaltet hatte, entschuldigt durch eine Neigung zum Bindehautkatarrh, die in seiner Sphäre sehr häufig war (auch Lea und mehrere ihrer Söhne litten ja ihr Leben lang daran), in Wirklichkeit aber aus Unlust. Ist es möglich, daß jemand erblindet oder der Blindheit so nahe kommt, wie Jizchak ihr im Alter wirklich war, weil er nicht gern sieht, weil das Sehen ihm Qual bereitet, weil er sich wohler in einem Dunkel fühlt, worin gewisse Dinge geschehen können, die zu geschehen haben? Wir behaupten nicht, daß solche Ursache solche Wirkung zeitigen könne; wir begnügen uns damit, festzustellen, daß die Ursachen vorhanden waren.
Esau war von tierischer Frühreife. Sozusagen im Knabenalter heiratete er ein übers andere Mal: Töchter Kanaans, Chetiterinnen und Heviterinnen, wie man weiß, zuerst Judith und Ada, dann auch noch Ahalibama und Basnath. Er siedelte diese Weiber auf des Vaters Zeltgehöfte an, war fruchtbar mit ihnen und ließ sie und ihre Brut mit desto vollendeterer Unempfindlichkeit unter der Eltern Augen ihren angestammten Natur- und Bilderdienst treiben, als er selbst des Sinnes bar für Abrams hohes Erbe war, mit den Seïrim im Süden Jagd- und Glaubensfreundschaft geschlossen hatte und offen dem gewitterigen Kuzach frönte. Das schuf, wie es später im Liede hieß und noch immer in der Überlieferung heißt, dem Isaak und der Rebekka »eitel Herzeleid«: beiden also, und zwar notwendig dem Jizchak noch weit mehr als seiner Eheschwester, obgleich diese es war, die ihren Verdruß zu Worte kommen ließ, während Isaak schwieg. Er schwieg, und wenn er sprach, so lauteten seine Worte: »Meiner ist der Rote. Der Erstgeborene ist er, und ich habe ihn lieb.« Aber Isaak, der Segensträger, der Hüter von Abrams Gotteserrungenschaft, in dem die geistlich Seinen den Sohn des Chaldäers und seine Wiederverkörperung sahen, litt schwer unter dem, was er mit ansehen oder wovor er die Augen verschließen mußte, um es nicht zu sehen, litt an seiner eigenen Schwäche, die ihn hinderte, dem Unwesen dadurch ein Ende zu machen, daß er Esau der Wüste anheimgab, wie man es mit Ismael, seinem wildschönen Oheim, gemacht hatte. Der ›kleine‹ Mythus hinderte ihn daran, Esau's tatsächliche Erstgeburt hinderte ihn, die bei dem Schwebezustand, worin damals die Frage, welcher der Zwillinge der Berufene und Erwählte sein werde, noch hing, stark zu Esau's Gunsten ins Gewicht fiel; und so klagte Isaak über seine Augen, über ihren Fluß und das Brennen ihrer Lider, auch daß er trüb sähe, wie der sterbende Mond, daß das Licht ihn schmerze – und suchte das Dunkel. Behaupten wir, Isaak sei ›blind‹ geworden, um den Götzendienst seiner Schwiegertöchter nicht zu sehen? Ach, der war das Geringste von all dem, was ihm das Sehen verleidete, was ihm die Blindheit wünschenswert machte – weil nur in ihr geschehen konnte, was zu geschehen hatte.
Denn je mehr die Knaben heranreiften, desto klarer zeichneten sich, wenn man sah, die Linien des ›großen‹ Mythus ab, in welchem der ›kleine‹, trotz aller Vater-Grundsätzlichkeiten zugunsten des Älteren, in immer wachsendem Grade zu etwas Gezwungen-Unhaltbarem wurde; desto deutlicher wurde, wer beide waren, in welchen Spuren sie gingen und auf welchen Geschichten sie fußten, der Rote und der Glatte, der Jäger und der Häusliche, – und wie hätte wohl Isaak, der selbst zusammen mit Ismael, dem Wildesel, das Brüderpaar gebildet hatte; der selbst nicht Kain gewesen war, sondern Habel, nicht Cham, sondern Sem, nicht Set, sondern Usir, nicht Ismael, sondern Jizchak, der wahrhafte Sohn: wie hätte er wohl sehenden Auges an der Übereinkunft festzuhalten vermocht, er bevorzugte Esau? Darum nahmen seine Augen ab, wie der sterbende Mond, und er lag im Dunkeln, auf daß er betrogen werde samt Esau, seinem Ältesten.
Der große Jokus
In Wahrheit, niemand wurde betrogen, auch Esau nicht. Denn wenn hier heiklerweise von Leuten erzählt wird, die nicht immer ganz genau wußten, wer sie waren, und wenn auch Esau das nicht immer genauestens wußte, sondern sich zuweilen für den Urbock der Seïrleute hielt und in der ersten Person von diesem sprach, – so betraf diese gelegentliche Unklarheit doch nur das Individuelle und Zeitliche und war geradezu die Folge davon, daß, wer der einzelne wesentlich, außer der Zeit, mythischer- und typischerweise war, jeder ganz ausgezeichnet wußte, auch Esau, von dem nicht umsonst gesagt wurde, daß er auf seine Art ein ebenso frommer Mann wie Jaakob war. Er weinte und wütete wohl nach geschehenem ›Betruge‹ und stellte dem gesegneten Bruder tödlicher nach, als Ismael dem seinen nachgestellt hatte, ja, es ist richtig, daß er mit Ismael Mordpläne sowohl gegen Isaak wie gegen Jaakob besprach. Aber er tat das alles, weil es eben so in seiner Charakterrolle lag, und wußte fromm und genau, daß alles Geschehen ein Sicherfüllen ist und daß das Geschehene geschehen war, weil es zu geschehen gehabt hatte nach geprägtem Urbild: Das heißt, es war nicht zum ersten Male, es war zeremoniellerweise und nach dem Muster geschehen, es hatte Gegenwart gewonnen gleichwie im Fest und war wiedergekehrt, wie Feste wiederkehren. Denn Esau, Josephs Oheim, war nicht der Stammvater Edoms.
Darum, als die Stunde kam und die Brüder fast dreißig waren; als Jizchak aus der Dunkelheit seines Zeltes den dienenden Sklaven sandte, einen Jüngling, dem ein Ohr fehlte, da man es ihm mehrerer Leichtsinnsverfehlungen wegen abgeschnitten hatte, wodurch er sehr gebessert worden war; als dieser die Arme auf seiner schwärzlichen Brust vor Esau kreuzte, der mit Knechten auf dem bebauten Felde werkte, und zu ihm sprach: »Nach meinem Herrn verlangt der Herr«, so stand Esau wie angewurzelt, und sein rotes Gesicht färbte sich fahl unter dem Schweiß, der es bedeckte. Er murmelte die Formel des Gehorsams: »Hier bin ich.« In seiner Seele aber dachte er: ›Jetzt geht es an!‹ Und diese Seele war voll von Stolz, Grauen und feierlichem Herzeleid.
Da ging er hinein von sonniger Feldarbeit zum Vater, der mit zwei getränkten Läppchen auf den Augen im Dämmer lag, neigte sich und sprach:
»Mein Herr hat gerufen.«
Isaak antwortete etwas wehleidigen Tones:
»Das ist meines Sohnes Esau Stimme. Bist du es, Esau? Ja, ich habe dich gerufen, denn die Stunde ist da. Tritt nahe heran, mein Ältester, daß ich mich deiner versichere!«
Und Esau kniete hin in seinem Schurz aus Ziegenleder an dem Lager und heftete seine Augen auf die Läppchen, als wollte er sie durchbohren und in die Augen des Vaters dringen, während Isaak ihm Schulter und Arme und Brust betastete und dabei sprach:
»Ja, das sind deine Zotteln und ist Esau's rotes Vlies. Ich sehe es mit den Händen, die es wohl oder übel recht fein schon erlernt haben, zu verrichten das Amt der abnehmenden Augen. Höre nun also, mein Sohn, und mache deine Ohren weit und gastlich für das Wort des blinden Vaters, denn die Stunde ist da. Siehe, schon bin ich bedeckt mit Jahren und Tagen, daß ich wohl nächstens darunter verschwinde, und da längst meine Augen schon abnehmen, kann es als wahrscheinlich gelten, daß ich bald gänzlich abnehmen werde und hinschwinden ins Dunkel, so daß mein Leben Nacht ist und nicht mehr zu sehen. Darum, damit ich nicht sterbe, ehe ich den Segen vergeben und die Kraft von mir gelassen und übertragen das Erbe, so sei es nun, wie es öfters gewesen. Gehe hin, mein Sohn, und nimm dein Schießgerät, das du handhabst rüstig und grausam vor dem Herrn, und streife in Steppe und Flur, ein Wild zu erlegen. Das richte mir zu und mache mir ein Fleischgericht, wie ich es gerne habe, in saurer Milch gekocht am lebendigen Feuer und fein gewürzt, und bring's mir herein, damit ich esse und trinke und meines Leibes Seele sich stärke und ich dich segne mit sehenden Händen. Dies meine Weisung. Geh.«
»Es ist schon geschehen«, murmelte Esau redensartlich, blieb aber auf den Knien und hatte nun tief den Kopf gesenkt, während über ihm die blinden Läppchen ins Leere starrten.
»Bist du noch da?« erkundigte sich Isaak. »Einen Augenblick dachte ich, du wärst schon gegangen, was mich nicht gewundert hätte, da der Vater gewohnt ist, daß jedermann schleunig in Liebe und Furcht seinen Weisungen nachkommt.«
»Es ist schon geschehen«, wiederholte Esau und ging. Aber als er das Fell schon gerafft hatte, das des Zeltes Ausgang bedeckte, ließ er's wieder fallen und kehrte zurück, kniete noch einmal nieder am Lager und sprach mit brechender Stimme:
»Mein Vater!«
»Wie denn und was noch?« fragte Isaak, indem er seine Brauen über den Läppchen emporzog. »Es ist gut«, sagte er dann. »Geh, mein Sohn, denn die Stunde ist da, groß für dich und groß für uns alle. Geh, jage und koche, auf daß ich dich segne!«
Da ging Esau hinaus erhobenen Hauptes und trat vor das Zelt in vollem Stolze der Stunde und verkündete allen, die in Hörweite waren, mit lauter Stimme seine augenblickliche Ehre. Denn die Geschichten sind nicht auf einmal da, sie geschehen Punkt für Punkt, sie haben ihre Entwicklungsabschnitte, und es wäre falsch, sie überall kläglich zu nennen, weil ihr Ende kläglich ist. Geschichten kläglichen Ausgangs haben auch ihre Ehrenstunden und -stadien, und es ist recht, daß diese nicht vom Ende gesehen werden, sondern in ihrem eigenen Licht; denn ihre Gegenwart steht an Kraft nicht im mindesten nach der Gegenwart des Endes. Darum war Esau stolz zu seiner Stunde und rief schallend hinaus:
»Hört es, Leute des Hofs, hört es, Abrams Kinder und Räucherer Ja's, hört auch ihr es, Räucherinnen des Baal, Weiber Esau's nebst eurer Brut, meiner Lenden Frucht! Esau's Stunde ist da. Segnen will der Herr seinen Sohn noch heute! In Steppe und Flur schickt mich Isaak, daß ich ihm mit dem Bogen ein Essen schaffe zur Stärkung um meinetwillen! Fallet nieder!«
Und während die Nächsten, die es hörten, aufs Angesicht fielen, sah Esau eine Magd rennen, daß ihr die Brüste hüpften.
Das war die Magd, die der Rebekka kurzatmig meldete, wessen Esau sich gerühmt. Und wieder diese Magd kam, ganz ohne Atem vom Hin- und Herlaufen, zu Jaakob, der in Gesellschaft eines spitzohrigen Hundes namens Tam die Schafe hütete und gelehnt auf seinen langen, oben gebogenen Stab in Gottesgedanken stand, und keuchte, die Stirn im Grase: »Die Herrin – –!« Da sah Jaakob sie an und antwortete nach längerer Pause sehr leise: »Hier bin ich.« Während der Pause aber hatte er in seiner Seele gedacht: ›Jetzt geht es an!‹ Und seine Seele war voller Stolz, Grauen und Feierlichkeit.
Er gab seinen Stab dem Tam zu bewachen und ging hinein zu Rebekka, die schon in Ungeduld seiner wartete.
Rebekka, Sarai's Nachfolgerin, war eine Matrone mit goldenen Ohrringen von stattlicher starkknochiger Gestalt und großen Gesichtszügen, welche noch viel von der Schönheit bewahrten, die Abimelek von Gerar einst in Gefahr gebracht. Der Blick ihrer schwarzen Augen, zwischen deren hochgewölbten, mit Bleiglanz ebenmäßig nachgezogenen Brauen ein Paar energischer Falten stand, war klug und fest, ihre Nase von männlich kräftiger Ausbildung, starknüstrig und kühn gebogen, ihre Stimme tief und volltönend und ihre Oberlippe von dunklen Härchen beschattet. Ihr Haar, in schwarzsilbrigen in der Mitte geteilten Locken sich dicht in die Stirn drängend, war verhüllt von dem braunen Schleiertuch, das ihr lang über den Rücken hinabhing, und ihre bernsteinbräunlichen Schultern, an deren stolze Rundung die Jahre so wenig noch gerührt hatten wie an die edel geformten Arme, waren bloß vom Schleier wie von dem gemusterten, ungegürteten, bis zu den Knöcheln reichenden Wollkleide, das sie trug. Ihre kleinen, hochgeäderten Hände hatten noch kürzlich mit rasch verbesserndem Tadel zwischen die der Weiber gegriffen, welche, zu Seiten des Webstuhles hockend, dessen Bäume im Freien an den Boden gepflockt waren, mit Fingern und Hölzern die flächsernen Querfäden durch die längsgespannten gezwängt und gedrängt hatten. Aber sie hatte die Arbeit unterbrechen lassen, die Mägde fortgeschickt und erwartete den Sohn im Innern ihres Herrinnenzeltes, unter dessen härenem Gehänge und auf dessen Matten sie dem verehrend Eintretenden mit raschen Mienen entgegenkam.
»Jekew, mein Kind«, sagte sie leise und tief und zog seine erhobenen Hände an ihre Brust. »Es ist an dem. Der Herr will dich segnen.«
»Mich will er segnen?« fragte Jaakob erbleichend. »Mich und nicht Esau?«
»Dich in ihm«, sagte sie ungeduldig. »Keine Spitzfindigkeiten! Rede nicht, klügle nicht, sondern tu, wie man dich heißt, damit kein Irrtum geschieht und kein Unglück sich ereignet!«
»Was befiehlt mein Mütterchen, von dem ich lebe, wie zu der Zeit, als ich in ihrem Leibe war?« fragte Jaakob.
»Höre!« sagte sie. »Er hat ihn geheißen, ein Wild zu erlegen und ihm ein Essen davon zu bereiten nach seinem Geschmack, damit er sich stärke zum Segen. Das kannst du schneller und besser. Sofort geh zur Herde, nimm zwei Böcklein, tu sie ab und bring sie mir her. Aus dem besten davon mach' ich dem Vater ein Essen, daß er dir nichts soll liegenlassen. Fort!«
Jaakob geriet ins Zittern und hörte nicht auf zu zittern, bis alles vorüber war. In gewissen Augenblicken hatte er größte Mühe, das Klappern seiner Zähne zu bemeistern. Er sagte:
»Barmherzige Mutter der Menschen! Wie einer Göttin Wort ist jedes deiner Worte für mich, aber was du sagst, ist furchtbar gefährlich. Esau ist haarig überall, und dein Kind ist glatt mit geringen Ausnahmen. Wenn nun der Herr mich begriffe und fühlte meine Glätte: wie stünde ich vor ihm? Genau, als hätte ich ihn betrügen wollen – und hätte seinen Fluch auf dem Halse statt des Segens, ehe ich's gedacht.«
»Klügelst du alsobald schon wieder?!« herrschte sie ihn an. »Auf mein Haupt den Fluch. Ich sorge. Hinweg und die Böcklein her. Ein Mißgriff geschieht …«
Er lief schon. Er eilte zum Berghang, nicht fern vom Lager, wo die Ziegen weideten, griff zwei Kitzen, im Frühling geboren, die um die Geiß sprangen, und tat sie ab mit Kehlschnitt, indem er dem Hüter zurief, es sei für die Herrin. Er ließ ihr Blut hinlaufen vor Gott, warf sie sich über die Schulter an den Hinterbeinen und ging heimwärts, pochenden Herzens. Sie hingen ihm hinten über den Hemdrock, mit ihren noch kindlichen Köpfchen, den geringelten Hörnchen, gespaltenen Schnauzen und verglasten Augen, – früh geopfert, zu Großem bestimmt. Rebekka stand schon und winkte.
»Schnell«, sagte sie, »alles ist vorbereitet.«
Es war ein Herd unter ihrem Dach, aus Steinen gebaut, auf dem schon ein Feuer brannte unter dem Bronzetopf, und war da alles Zubehör der Küche und Wirtschaft. Und die Mutter nahm ihm die Böcklein ab und begann eilig, sie abzuhäuten und zu zerlegen, und hantierte groß und rüstig am flammenden Herd mit der Gabel, rührte, streute und richtete an, und es war Schweigen zwischen ihnen während all dieses Tuns. Da aber das Essen noch kochte, sah Jaakob, wie sie hervortat aus ihrem Kasten gefaltete Kleider, Hemd und Kittel. Das waren Esau's Festkleider, die sie verwahrte, wie Jaakob erkannte; und er erbleichte wieder. Danach sah er sie die Felle der Böcklein, die an der Innenseite noch feucht und klebrig waren vom Blute, mit dem Messer in Stücke und Streifen zerschneiden und zitterte bei diesem Anblick. Aber Rebekka hieß ihn den langen Hemdrock mit halblangen Ärmeln, den er in jener Zeit alltäglich zu tragen pflegte, ausziehen und zog ihm über die glatten, zitternden Glieder das kurze Untergewand seines Bruders und darüber den feinen blau und roten Wollrock, der nur über eine Schulter ging und die Arme bloß ließ. Dann sprach sie: »Nun komm her!« Und legte ihm, während ihre Lippen sich in leisen Worten bewegten und die energischen Falten zwischen ihren Brauen feststanden, die Fellstücke überall an, wo er bloß und glatt war, um Hals und Arme, um die Unterschenkel und auf die Rücken der Hände, und band sie fest mit Fäden, obgleich sie ohnedies schon klebten auf die unangenehmste Weise. Sie murmelte:
»Ich wickle das Kind, ich wickle den Knaben, vertauscht sei das Kind, verwandelt der Knabe, durch die Haut, durch das Fell.«
Und murmelte abermals:
»Ich wickle das Kind, ich wickle den Herrn, es taste der Herr, es esse der Vater, dir müssen dienen die Brüder der Tiefe.«
Darauf wusch sie ihm eigenhändig die Füße, wie sie es wohl getan, als er klein war, nahm dann Salböl, das nach der Wiese duftete und nach den Blumen der Wiese und das Esau's Salböl war, und salbte ihm den Kopf und danach die gewaschenen Füße, indem sie zwischen den Zähnen sprach:
»Ich salbe das Kind, ich salbe den Stein, es esse der Blinde, zu Füßen, zu Füßen müssen dir fallen die Brüder der Tiefe!«
Dann sagte sie: »Es ist geschehen«, richtete, während er unbeholfen, verstört und tierisch angetan, aufstand, mit gespreizten Armen und Beinen dastand und mit den Zähnen schnatterte, das gewürzte Fleischgericht im Napfe an, tat auch Weizenbrot hinzu und goldklares Öl, das Brot hineinzutauchen, und einen Krug Weins, gab ihm alles in Hand und Arm und sagte: »Nun geh deines Wegs!«
Und Jaakob ging, beladen, behindert und breitbeinig, in Furcht, die häßlich klebenden Felle möchten sich unter den Fäden verschieben, hoch pochenden Herzens, verzogenen Angesichts und mit niedergeschlagenen Augen. Viele sahen ihn vom Gesinde, wie er so durchs Gehöfte ging, hoben die Hände und wiegten schnalzend die Köpfe, küßten auch wohl ihre Fingerspitzen und sagten: »Siehe, der Herr!« Also kam er vor des Vaters Zelt, legte den Mund an den Vorhang und sprach:
»Ich bin's, mein Vater. Darf dein Knecht seinen Fuß heben zu dir hinein?«
Aus dem Grunde der Wohnung aber kam Isaaks Stimme wehleidigen Tones:
»Wer bist du denn aber? Bist du nicht etwa ein Strauchdieb und eines Strauchdiebes Sohn, daß du vor meine Hütte kommst und sagst Ich von dir? Ich kann ein jeder sagen, aber wer's sagt, darauf kommt's an.«
Jaakob antwortete und klapperte nicht mit den Zähnen, da er sie beim Sprechen zusammenbiß:
»Dein Sohn ist's, der Ich sagt und hat dir gejagt und angerichtet.«
»Das ist was anderes«, erwiderte Jizchak von innen. »So komm herein.«
Da trat Jaakob in das Halbdunkel des Zeltes, in dessen Hintergrund eine erhöhte und bedeckte Lehmbank lief, auf der lag Jizchak, in seinen Mantel gehüllt, die getränkten Läppchen auf den Augen, und lag auf einer Kopfstütze mit bronzenem Halbring, die ihm das Haupt erhob. Er fragte wieder:
»Wer bist du also?«
Und Jaakob antwortete mit versagender Stimme:
»Ich bin Esau, der Rauhe, dein größerer Sohn, und habe getan, wie du geheißen. Sitz auf, mein Vater, und stärke deine Seele; hier ist das Essen.«
Aber Isaak saß noch nicht auf. Er fragte: »Wie, so bald schon ist dir ein Wild begegnet und so rasch schon eines gerannt vor deines Bogens Sehne?«
»Der Herr, dein Gott, hat mir Jagdglück beschert«, antwortete Jaakob, und nur einzelne Silben bekamen Stimme, die anderen waren geflüstert. Er sagte aber »Dein Gott« von Esau's wegen; denn Isaaks Gott war nicht Esau's Gott.
»Wie ist mir denn aber?« fragte Isaak wieder. »Deine Stimme ist ungewiß, Esau, mein Ältester, aber sie klingt mir wie Jaakobs Stimme?«
Da wußte Jaakob nichts zu antworten vor Angst und zitterte nur. Aber Isaak sprach milde:
»Die Stimmen von Brüdern gleichen sich wohl, und die Worte kommen verwandt und gleichlautend aus ihren Mündern. Komm her, du, daß ich dich befühle und sehe mit sehenden Händen, ob du Esau seist, mein Ältester, oder nicht.«
Jaakob gehorchte. Er stellte alles nieder, was ihm die Mutter gegeben, trat nahe und bot sich zum Tasten dar. Und aus der Nähe sah er, daß der Vater sich die Läppchen mit einem Faden am Kopfe festgebunden hatte, damit sie nicht abfielen, wenn er aufsäße, gerade wie Rebekka an ihm befestigt hatte die unangenehmen Felle.
Isaak fuhr ein wenig mit gespreizten, spitzfingrigen Händen in der Luft umher, bevor er auf Jaakob traf, der sich darbot. Dann fanden ihn seine mageren, blassen Hände und fühlten umher, wo kein Kleid war, an den Hals, über die Arme und Handrücken hin zu den Schenkeln hinab und rührten überall an das Bocksfell.
»Ja«, sagte er, »allerdings, das muß mich wohl überzeugen, denn es ist dein Vlies und sind Esau's rote Zotteln, ich seh's mit sehenden Händen. Die Stimme ist ähnlich wie Jaakobs Stimme, aber die Behaarung ist Esau's, und die ist das Ausschlaggebende. Du bist also Esau?«
Jaakob antwortete:
»Du siehst und sagst es.«
»So gib mir zu essen!« sprach Isaak und saß auf. Der Mantel hing ihm über den Knien. Und Jaakob nahm den Eßnapf und kauerte zu des Vaters Füßen und hielt ihm den Napf. Aber Isaak beugte sich erst noch darüber, die Hände zu beiden Seiten auf Jaakobs befellten Händen, und beroch das Gericht.
»Ah, gut«, sagte er. »Gut bereitet, mein Sohn! In saurem Rahm ist's, wie ich befohlen, und Kardamom ist daran, auch Thymian, sowie etwas Kümmel.« Und er nannte noch mehr Zutaten, die angewandt waren und die seine Nase unterschied. Dann nickte er, griff zu und aß.
Er aß alles auf, es dauerte lange.
»Hast du auch Brot, Esau, mein Sohn?« fragte er kauend.
»Das versteht sich«, antwortete Jaakob. »Weizenfladen und Öl.«
Und er brach vom Brote, tauchte es in Öl und führte es dem Vater zum Munde. Der kaute und nahm wieder Fleisch hinzu, strich sich den Bart und nickte beifällig, während Jaakob hinauf in sein Gesicht blickte und es beim Essen betrachtete. Es war so zart und durchsichtig, dies Gesicht mit den feinen Wangenhöhlen, denen der spärliche graue Bart entkeimte, und der groß und gebrechlich gebauten Nase, deren Nüstern dünn und weit waren und deren gebogener Rücken eines geschliffenen Messers Schneide glich, – so heilig-geistig erschien es trotz den deckenden Läppchen, daß das Kauen und bedürftige Mahlzeiten gar nicht recht dazu passen wollte. Man schämte sich etwas, dem Esser beim Essen zuzusehen, und meinte, er müsse sich schämen, sich dabei zusehen zu lassen. Aber es mochte wohl sein, daß die deckenden Läppchen ihn schützten vor solchem Unbehagen, und jedenfalls kaute er gemächlich mit seinem gebrechlichen Unterkiefer im dünnen Barte, und da nur vom Besten im Napfe war, ließ er überhaupt nichts liegen.
»Gib mir zu trinken!« sagte er dann. Und Jaakob beeilte sich, ihm den Weinkrug zu reichen und ihn selbst dem vom Essen Durstigen an die Lippen zu führen, während dessen Hände auf den Pelzchen von Jaakobs Handrücken lagen. Wie aber Jaakob dem Vater so nahe kam, roch dieser mit seinen weiten dünnen Nüstern die Narde in seinem Haar und den Feldblumengeruch seines Kleides, setzte noch einmal ab und sagte:
»Wahrlich, es ist geradezu täuschend, wie meines Sohnes gute Kleider immer duften! Genau wie Wiese und Feld im jungen Jahr, wenn der Herr sie weithin mit Blumen gesegnet hat zur Lust unserer Sinne.«
Und er hob mit zwei spitzen Fingern das eine Läppchen ein wenig am Rande und sagte:
»Solltest du wirklich Esau sein, mein größerer Sohn?«
Da lachte Jaakob verzweifelt und fragte dagegen:
»Wer denn sonst?«
»Dann ist es gut«, sprach Isaak und nahm einen langen Zug, daß seine zarte Kehle unter dem Bart auf und nieder ging. Dann befahl er, ihm Wasser auf die Hände zu gießen. Als aber Jaakob auch dies getan und ihm die Hände getrocknet hatte, da sagte der Vater:
»So geschehe es denn!«
Und mächtig belebt vom Essen und Trinken, geröteten Angesichts, legte er dem zitternd Kauernden die Hände auf, ihn zu segnen aus allen Kräften, und da seine Seele so sehr gestärkt war von der Mahlzeit, so waren seine Worte voll aller Macht und Reichlichkeit der Erde. Ihr Fett gab er ihm und ihre Weibesüppigkeit und dazu den Tau und das Manneswasser des Himmels, gab ihm die Fülle von Acker, Baum und Rebe und wuchernde Fruchtbarkeit der Herden und doppelte Schur jedes Jahr. Er legte auf ihn den Bund, gab ihm zu tragen die Verheißung und fortzuerben das Gegründete in die Zeitläufte. Wie ein Strom ging seine Rede und hochtönend. Die Herrschaft vermachte er ihm im Kampfe der Welthälften, der lichten und dunklen, den Sieg über den Drachen der Wüste, und setzte ihn ein zum schönen Monde und zum Bringer der Wende, der Erneuerung und großen Lachens. Das feststehende Wort, das schon Rebekka gemurmelt, gebrauchte auch er; uralt und schon zum Geheimnis geworden, paßte es nicht genau und nach dem Verstande auf diesen Fall, da nur zwei Brüder im Spiele waren, aber Isaak sprach es doch weihevoll über ihn aus: dienen sollten dem Gesegneten seiner Mutter Kinder, und hinstürzen würden all seine Brüder zu seinen gesalbten Füßen. Dann rief er dreimal den Namen Gottes, sagte: »So sei und geschehe es!« und ließ den Jaakob aus seinen Händen.
Der stürzte fort, zur Mutter. Aber wenig später kehrte Esau heim mit einem jungen Steinbock, den er geschossen, – und nun war es gar lustig und gräßlich geworden mit der Geschichte.
Jaakob hatte von dem, was folgte, mit eigenen Augen nichts gesehen, noch etwas sehen wollen; er hielt sich damals verborgen. Aber vom Hörensagen hatte er alles genau und erinnerte sich, als sei er dabei gewesen.
Esau befand sich, da er zurückkehrte, noch in seinem Ehrenstande; von dem, was unterdessen sich zugetragen, wußte er schlechterdings nichts, denn so weit war die Geschichte für ihn nicht vorgerückt. In freudigem Dünkel und hochgebläht kam er daher, den Bock auf dem Rücken, den Bogen in haariger Faust, stolzierend, marschierend: er warf die Beine sehr hoch beim Schreiten und wandte finster strahlend den Kopf hin und her, ob man ihn auch sähe in seinem Ruhm und Vorrang, und begann schon von weitem wieder zu prahlen und großzureden, daß es ein Jammer und Jux war für alle, die es hörten. Denn sie liefen zusammen, die den bepelzten Jaakob zum Herrn hatten hineingehen und wieder herauskommen sehen, und auch, die es nicht selbst gesehen. Aber Esau's Weiber und Kinder kamen nicht dazu, obgleich er auch sie wieder aufrief, seiner Größe und Hoffart Zeuge zu sein.
Es liefen die Leute zusammen und lachten, wie er die Beine warf, und scharten sich um ihn in engem Kreise, zu sehen und zu hören, wie er's trieb. Denn er fing an, unter immerwährender Marktschreierei und großem Gehabe seinen Bock zu häuten, auszuweiden und zu zerlegen öffentlich, schlug Feuer, zündete Reisig an, hing den Kessel darüber und rief Befehle aus an die lachenden Leute: ihm zu bringen, wessen er sonst benötigte, sein Ehrengericht zu bereiten.
»Haha und hoho, ihr Gaffer und Andächtige!« rief er aufschneiderisch. »Bringt mir die große Gabel her! Bringt mir sauere Milch von der Zibbe, denn in Schafsmilch schmaust er's am liebsten! Bringt mir Salz vom Salzberge, ihr Faulenzer, Koriander, Knoblauch, Minze und Senfgewürz, ihm den Gaumen zu reizen, denn ich will ihn päppeln, daß ihm die Kraft aus den Poren bricht! Bringt mir auch Brot als Zukost, vom Mehle Scholet, Öl dazu aus gestoßener Frucht und geseihten Wein, ihr Tagediebe, daß mir in den Krug keine Hefe gerate, oder es soll euch der weiße Maulesel stoßen! Lauft und bringt! Denn es ist das Fest von Isaaks Atzung und Segen, Esau's Fest, des Sohnes und Helden, den der Herr geschickt hat, ein Wildbret zu jagen, ihm zur Mahlzeit, und den er segnen will drinnen im Zelte noch diese Stunde!«
So trieb er's weiter mit Mund und Hand, mit Haha und Hoho und bombastischem Fuchteln und schallenden Blähreden von des Vaters Liebe zu ihm und von Rotpelzchens großem Tage, daß die Hofleute sich nur so bogen und krümmten und Tränen lachten und den eigenen Leib mit den Armen umschlangen vor Lachen. Aber da er gar abzog mit seinem Frikassee und es vor sich hertrug wie 's Tabernakel und wieder so possenhaft die Beine warf, immerfort prahlend bis vor des Vaters Zelt, da schrien sie vor Jubel, klatschten und stampften und wurden dann still. Denn Esau sagte am Vorhang:
»Ich bin's, mein Vater, und bringe dir, daß du mich segnest. Willst du, daß ich eintrete?«
Und Isaaks Stimme kam heraus:
»Wer ist's, der Ich sagt und will herein zum Blinden?«
»Esau, dein Rauhrock, ist's«, antwortete dieser, »hat gejagt und gekocht zum Zwecke der Stärkung, wie du's befohlen.«
»Du Narr und Räuber«, tönte es da. »Was lügst du vor mir? Esau, mein Erster, war längst schon da, hat mich gespeist und getränkt und hat den Segen dahin.«
Da schrak Esau zusammen, daß er beinah die ganze Tracht hätte fallen lassen und die Rahmbrühe Überschwang aus dem Topf vom Zucken und Zutappen und ihn besudelte. Die Leute johlten vor Lachen. Sie schüttelten die Köpfe, weil es allzuviel war der Narretei, wischten sich mit den Fäusten das Wasser aus den Augen und schleuderten es zu Boden. Esau aber stürzte hinein in das Zelt, ungerufen, und dann war Stille, während welcher das Hofvolk draußen die Hände vor die Münder drückte und einander mit den Ellbogen stieß. Nicht gar lange aber, so gab es ein Gebrüll dort drinnen, ganz unerhörter Art, und Esau brach heraus, nicht rot, sondern veilchenblau im Gesicht und mit hocherhobenen Armen. »Verflucht, verflucht, verflucht!« schrie er aus Leibeskräften, wie man heute wohl rasch hervorstößt bei kleiner, ärgerlicher Gelegenheit. Doch damals und in des zottigen Esau Mund war es ein neuer und frischer Ruf, ursprünglichen Sinnes voll, denn er selbst war wirklich verflucht, statt gesegnet, und festlich betrogen, ein Volksspott wie keiner mehr. »Verflucht«, schrie er, »betrogen, betrogen und untertreten!« Und dann setzte er sich hin zu Boden und heulte mit lang heraushängender Zunge und ließ Tränen rollen, so dick wie Haselnüsse, während die Leute im Kreis um ihn standen und sich die Nieren hielten, so schmerzte sie der große Jokus, wie Esau, der Rote, geprellt ward um seines Vaters Segen.
Jaakob muß reisen
Dann war die Flucht gekommen, Jaakobs Entweichen von Haus und Hof, verfügt und ins Werk gesetzt von Rebekka, von dieser entschlossenen und hochsinnigen Mutter, die ihren Liebling darangab und einwilligte, ihn vielleicht nie wiederzusehen, wenn er nur den Segen besaß und ihn in die Zeitläufte tragen konnte. Sie war zu klug und weitblickend, um nicht beim feierlichen Betruge vorherzusehen, was folgen mußte; aber wissend nahm sie es auf sich, wie sie es wissend dem Sohne auferlegte, und opferte ihr Herz.
Sie tat es schweigend, denn auch in ihrem das Notwendige vorbereitenden Gespräch mit Isaak herrschte Schweigen über das Wesen der Dinge und Vermeidung des Eigentlichen. Nichts entging ihr. Daß Esau in seiner wirren Seele Rache braute und mit allen Einbildungskräften, die ihm gegeben, darauf sann, das Errichtete umzustoßen, war sicher und stand sozusagen geschrieben von je. Die Art, wie er seine Kainssache betrieb, war ihr bald bekannt. Sie erfuhr, daß er mit Ismael, dem Mann der Wüste, dem Dunkel-Schönen, Verworfenen, meuterisch Fühlung genommen habe. Nichts konnte begreiflicher sein. Sie waren desselben benachteiligten Stammes, der Bruder Jizchaks, der Bruder Jaakobs; in denselben Fußstapfen gingen sie, unangenehm, ausgeschlossen; sie mußten einander finden. Es stand schlimmer, und die Gefahr reichte weiter, als Rebekka vorausgesehen, denn nicht nur auf Jaakob, auch auf Isaak erstreckten sich Esau's Blutwünsche. Sie hörte, er habe dem Ismael vorgeschlagen, dieser solle den Blinden ermorden, dann wolle er, Esau, auf sich den Glatten nehmen. Er scheute die Kainstat, scheute sich, durch sie noch mehr und deutlicher er selbst zu werden. So wollte er, daß der Oheim vorangehe, ihm zur Ermutigung. Daß Ismael Schwierigkeiten machte, gab seiner Schwägerin Frist zum Handeln. Ihm gefiel das nicht. Empfindsame Erinnerungen an die Gefühle, die er dem zarten Bruder einst entgegengebracht und die den Vorwand zu seiner Entfernung hatten hergeben müssen, erschwerten es ihm, so hatte er angedeutet, die Hand gegen Isaak zu erheben. Das solle Esau nur selber tun, dann wolle er, Ismael, dem Jaakob einen Pfeil so genau in den Nacken schießen, daß er durch den Kehlkopf wieder herauskomme und der also Geliebkoste auf der Stelle sein Maß nehmen solle im Grase.
Es sah dem wilden Ismael ähnlich, was er da anregte. Er kam auf Neues, während Esau nur Hergebrachtes im Sinne hatte, nämlich den Brudermord. Er verstand überhaupt nicht, was jener meinte, und glaubte, er rede irr. Vatermord, das kam nicht vor unter den Möglichkeiten seines Denkens, das war nie geschehen, das gab es nicht, der Vorschlag war ohne Hand und Fuß, es war ein in sich absurder Vorschlag. Man konnte einen Vater allenfalls mit der Sichel verschneiden, wie Noah verschnitten worden war, aber ihn umbringen, das war wurzelloses Gefasel. Ismael lachte über des Neffen mundoffene Begriffsstutzigkeit. Er wußte, daß das sehr wohl ein Vorschlag mit Wurzeln war, daß es das sehr wohl gab, daß es vielleicht der Anfang von allem gewesen war und daß Esau im Rückwärtsgehen zu früh stehenblieb und sich mit zu späten Anfängen begnügte, wenn er meinte, das habe es nicht gegeben. Er sagte ihm das, und er sagte noch mehr. Er sagte Dinge, daß Esau beim erstenmal mit gesträubtem Vliese davonlief. Er empfahl ihm, nachdem er den Vater erschlagen, reichlich von seinem Fleische zu essen, um sich seine Weisheit und Macht, den Abramssegen, den jener trage, einzuverleiben, zu welchem Zweck er denn Isaaks Leib auch nicht kochen dürfe, sondern ihn roh verzehren müsse mit Blut und Knochen, – worauf also Esau davonlief.
Er kam zwar wieder, aber die Verständigung von Neffe und Onkel über die Rollenverteilung beim Morden zog sich hin, und so gewann Mutter Rebekka Zeit, vorbeugende Maßregeln zu treffen. Sie sagte dem Isaak nichts von dem, was ihres Wissens nahe Verwandte, noch unbestimmt, gegen ihn im Schilde führten. Nur von Jaakob war zwischen den Gatten die Rede und auch von diesem nicht etwa im Sinne einer Gefahr, die ihm, wie auch Isaak wissen mußte, drohte: niemals also im Hinblick auf den Segensbetrug und Esau's Wut (darüber schwieg man vollkommen), sondern einzig unter dem Gesichtspunkt, Jaakob müsse reisen, und zwar nach Mesopotamien, zum Besuch der aramäischen Verwandtschaft, denn falls er hierbleibe, sei zu befürchten, daß er – auch er noch! – eine verderbliche Heirat eingehe. Auf dieser Ebene verständigten sich die Eltern. Wenn Jaakob ein Weib nähme von den Töchtern des Landes, sagte Rebekka, eine Chetiterin, die Bildergreuel einschleppen werde, wie Esau's Weiber, – sie frage Isaak im Ernst, was ihr dann überhaupt noch das Leben solle. Isaak nickte und bekannte dann: Ja, sie habe recht, aus diesem Grunde müsse Jaakob auf eine Weile von hinnen gehn. Auf eine Weile: so sagte sie es auch dem Jaakob, und sie meinte es ernst damit, sie hoffte es ernst damit meinen zu dürfen. Sie kannte Esau, er war ein wirres, leichtes Gemüt, er würde vergessen. Jetzt sann er Blut, aber er war ablenkbar. Sie wußte, daß er sich bei seinen Ausflügen in die Wüste zu Ismael in dessen Tochter Mahalath vernarrt hatte und sie zum Weibe zu nehmen gedachte. Vielleicht spielte schon jetzt diese friedliche Angelegenheit eine bedeutendere Rolle in seinen kurzen Gedanken als der Racheplan. Wenn es sich zeigte, daß er diesen vollends aus den Augen verloren und sich beruhigt habe, so sollte Jaakob Botschaft von ihr erhalten und an ihre Brust zurückkehren. Vorerst werde ihr Bruder Laban, Bethuels Sohn, siebzehn Tage von hier, im Lande Aram Naharaim, ihn mit offenen Armen aufnehmen um ihretwillen. So ward denn die Flucht bestellt und Jaakob heimlich abgefertigt zur Reise gen Aram. Rebekka weinte nicht. Aber sie hielt ihn lange in jener Morgenfrühe, streichelte seine Backen, behing ihn und die Kamele mit Amuletten, drückte ihn wieder und bedachte in ihrem Herzen, daß, wenn ihr Gott oder ein anderer es so wollte, sie ihn vielleicht nicht wiedersehen werde. So war es bestimmt. Aber Rebekka bereute nichts, weder damals noch später.
Jaakob muß weinen
Wir wissen, wie es dem Reisenden schon am ersten Tage erging, kennen seine Erniedrigung und Erhebung. Aber die Erhebung war innerlich gewesen und ein großes Gesicht der Seele, die Erniedrigung dagegen leiblich und wirklich, wie die Reise es war, die er in ihrem Zeichen und als ihr Opfer zurückzulegen hatte: allein und als Bettler. Der Weg war weit, und er war nicht Eliezer, dem »die Erde entgegengesprungen« war. Er dachte viel an den Alten, Abrams Oberknecht und Boten, der dem Urvater ähnlich gesehen im Angesicht, wie man allgemein sagte, und diesen Weg gezogen war in großer Sendung, um Rebekka zu holen für Isaak. Wie anders war er dahergekommen, stattlich und standesgemäß, mit seinen zehn Kamelen und hoch versehen mit allem, was notwendig und überflüssig, versehen, wie er selbst es gewesen war vor der verfluchten Begegnung mit Eliphas! Warum doch hatte Gott, der König, dies angeordnet? Warum strafte er ihn mit so viel Mühsal und Elend? Denn daß es sich um eine Strafe handle, um Ausgleich und Genugtuung für Esau, schien ihm gewiß, und er dachte viel nach auf der beschwerlich-armseligen Fahrt über das Wesen des Herrn, der zweifellos das Geschehene gewollt und gefördert hatte, ihn aber jetzt dafür plagte und ihn entgelten ließ Esau's bittere Tränen, wenn auch gleichsam nur anstandshalber und in wohlwollend ungenauem Verhältnis. Denn stellte etwa all sein Beschwer, so lästig es war, ein gleichwertig Gebührnis dar für seinen Vorteil und den auf ewig verkürzten Bruder? Bei dieser Frage lächelte Jaakob in den Bart, der ihm unterwegs schon gewachsen war, in seinem schon dunkelbraunen und mageren, vom Schweiße blanken, vom feuchten und schmutzigen Kopftuch umrahmten Gesicht.
Es war Hochsommer, im Monat Ab, eine hoffnungslose Hitze und Dürre. Der Staub lag fingerdick auf Bäumen und Büschen. Schlaff saß Jaakob auf der Rückenhöhe seines unregelmäßig und schlecht genährten Kamels, dessen große, weise, von Fliegen besetzte Augen immer müder und trauriger wurden, und verhüllte sein Antlitz, wenn begegnende Reisende an ihm vorüberzogen. Oder er führte das Tier, zu dessen Entlastung, auch wohl am Zügel, indem er es auf einem der gleichlaufenden Pfade schreiten ließ, aus denen die Straßen bestanden, und selber auf dem benachbarten ging, die Füße im steinigen Puderstaube. Nachts schlief er im Freien, auf dem Felde, zu Füßen eines Baumes, in einem Olivenhain, an einer Dorfmauer, wie es sich traf, und konnte dabei die gute Körperwärme seines Tieres, an das er sich schmiegte, wohl brauchen. Denn öfters waren die Nächte wüstenkalt, und da er ein Zärtling war und ein Kind der Hütte, so erkältete er sich im Schlafe sofort und hustete in der Tagesglut bald wie ein Schwindsüchtiger. Das war ihm sehr hinderlich bei der Gewinnung seines Lebensunterhaltes; denn um zu essen, mußte er sprechen, erzählen, die Leute mit der Schilderung des argen Abenteuers unterhalten, durch das er, so guten Hauses Sohn, in Armut verfallen war. Er erzählte davon in den Ortschaften, auf den Märkten, an den Brunnen draußen, mit deren Wasser man ihm erlaubte, sein Tier zu tränken und sich zu waschen. Knaben, Männer und Weiber mit Krügen umstanden ihn und lauschten seinem von Husten unterbrochenen, sonst aber gewandten und anschaulichen Wort. Er nannte sich, pries seine Herkunft, beschrieb eingehend das Herrenleben, das er daheim geführt, hielt sich auf bei den fetten und würzigen Mahlzeiten, die man ihm vorgesetzt, und gab dann ein Bild von der Liebe und der reichen Genauigkeit, mit der man ihn, des Hauses Erstgeborenen, zur Reise ausgestattet hatte, zur Reise nach Charran im Lande Aram, gen Morgen und Mitternacht, jenseits des Wassers Prath, woselbst ihm Verwandte lebten, deren Ehrenstand unter den Bewohnern des Landes nicht wundernehmen konnte, da sie eine Myriade Kleinvieh besaßen. Zu ihnen also war er von Hause entsandt, und die Beweggründe seiner Sendung hatten sich teils aus handelsgeschäftlichen, teils aus glaubensdiplomatischen Elementen von großer Tragweite zusammengesetzt. Die Geschenke und Tauschgegenstände, die er im Gepäck geführt, den Schmuck seiner Tiere, die Waffen seiner fürstlichen Bedeckung, die leckeren Mundvorräte für ihn und den Troß stellte er im kleinen dar und machte, daß seine eindruckshungrigen Zuhörer, die wohl wußten, daß man aufschneiden könne, aber einmütig darauf verzichteten, zwischen dem gut Aufgeschnittenen und der Wahrheit einen Unterschied zu machen, Augen und Münder aufsperrten. So war er ausgezogen, aber leider, gewisse Gegenden des Landes wimmelten von Räubern. Es waren ganz junge Räuber, doch ungeheuer frech. Als seine Karawane durch einen Hohlweg zog, hatten sie ihr den Vor- und Rückmarsch sowie auch die Möglichkeit seitlichen Ausbrechens abgeschnitten in wimmelnder Überzahl, und ein Kampf hatte sich entsponnen, der zum aufregendsten gehörte von allem, was das Gedächtnis der Menschheit in dieser Art aufbewahren würde, und den Jaakob in seinen Einzelheiten beschrieb, nach Hieb, Wurf und Stich. Der Hohlweg hatte sich mit Leichnamen gefüllt von Mensch und Tier; er selbst allein hatte siebenmal sieben junge Räuber zur Strecke gebracht und von seinen Leuten jeder eine etwas geringere Anzahl. Doch wehe, die Übermacht der Feinde war unbezähmbar gewesen; einer nach dem anderen waren die Seinen um ihn gefallen, und nach mehrstündigem Kampfe schließlich, einsam übriggeblieben, habe er um Odem für seine Nase ersuchen müssen.
Warum man, fragte ein Weib, nicht auch ihn erschlagen habe.
Das war die Absicht gewesen. Schon hatte der Räuber Obmann, der allerjüngste und frechste, das Schwert über ihm geschwungen zum Todesstreich, da hatte er, Jaakob, in höchster Not seinen Gott angerufen und den Namen des Gottes seiner Väter, und dieses hatte bewirkt, daß des blutdürstigen Knaben Schwert über ihm in der Luft zersplittert war, in siebenmal siebzig Stücke zersprungen. Das hatte dem abscheulichen Kinde den Sinn verwirrt, es mit Schrecken geschlagen, und mit den Seinen hatte es verzweifelt das Weite gesucht, allerdings unter Mitnahme von allem, was Jaakob besessen, so daß dieser nun nackt war. Nackt und treu hatte er seine Reise fortgesetzt, an deren Ziel ihn eitel Balsam erwartete, Milch und Honig und zur Kleidung Purpur und köstliche Leinwand. Jetzt aber, wehe, er hatte bis dahin nicht, wohin sein Haupt zu legen, und nicht, womit zu stillen den gellen Schrei seines Magens, denn längst war in seinem Bauche das Grünkraut zuwenig geworden.
Er schlug sich die Brust, und das taten auch seine Zuhörer auf dem Markt bei den Händlerständen oder bei den Tränken, denn sie waren erhitzt und ergriffen von seiner Erzählung und nannten es eine Schande, daß dergleichen noch vorkomme und die Straßen nicht sicherer seien. Bei ihnen hier, sagten sie, gebe es Wachen auf den Straßen, jede Doppelstunde eine. Und dann gaben sie dem Geschlagenen zu essen, Fladen, Klöße, Gurken, Knoblauch und Datteln, zuweilen selbst ein paar Tauben oder eine Ente, und auch sein Tier bekam Heu vorgeschüttet und sogar Korn, so daß es Kräfte sammeln konnte zur Weiterreise.
So kam er wohl von der Stelle und rückte vor, entgegen dem Jordanlaufe, ins hohle Syrien, zur Orontesschlucht und zum Fuße des Weißen Gebirges, aber langsam ging es, denn die Art seines Broterwerbes war zeitraubend. In den Städten besuchte er die Tempel, redete mit den Priestern über das Göttliche und wußte sie durch seine Bildung und geistreiche Rede für sich einzunehmen, so daß er sich stärken und versehen durfte aus den Vorratskammern des Gottes. Er sah viel Schönes und Heiliges auf seiner Fahrt, sah den Herrscherberg des obersten Nordens wie von feurigen Steinen funkeln und betete an, sah Landstriche köstlich befeuchtet vom Schnee des Gebirges, wo Stämme hochschwanker Dattelpalmen die geschuppten Schwänze von Drachen nachahmten, Zedern- und Sykomorenwälder dunkelten und manche Bäume süße Mehlfrucht in Büscheln anboten. Er sah Städte voll Volksgewimmel, Dimaschki in Obstwald und Zaubergärten. Dort sah er eine Sonnenuhr. Von dort erblickte er auch mit Furcht und Abscheu die Wüste. Sie war rot, wie es sich gehörte. In trüb-rötlichem Dunst erstreckte sie sich gen Morgen, ein Meer der Unreinheit, der Tummelplatz böser Geister, die Unterwelt. Ja, diese wurde dem Jaakob nun zuteil. Gott schickte ihn in die Wüste, weil er Esau laut und bitter hatte aufschreien machen – nach Gottes Willen. Sein Kreislauf, der auf Beth-els Höhe zu einer so tröstlichen Himmelfahrt geführt hatte, war nun auf den Westpunkt der Wende gelangt, wo es in der Welt Höllenunteres ging, und wer wußte wohl, welche Drachennot dort seiner wartete! Er weinte etwas, als er auf seines Tieres Buckel in die Wüste schwankte. Ein Schakal lief ihm voraus, lang, spitzohrig und schmutziggelb, die Rute waagerecht ausgestreckt, eines traurigen Gottes Tier, eine anrüchige Larve. Er lief vor ihm her, indem er den Reiter zuweilen so nahe herankommen ließ, daß diesen sein beizender Dunst traf, wandte den Hundskopf nach Jaakob, sah ihn aus kleinen häßlichen Augen an und trottete weiter, indem er ein kurzes Lachen vernehmen ließ. Jaakobs Wissen und Denken war viel zu beziehungsreich, als daß er ihn nicht erkannt hätte, den Öffner der ewigen Wege, den Führer ins Totenreich. Er hätte sich sehr gewundert, wenn er ihm nicht vorangelaufen wäre, und er vergoß abermals einige Tränen, während er ihm ins Leere, Trostlose jener Strecken folgte, wo das Syrische ins Naharinische übergeht, zwischen Geröll und verfluchten Felsen, durch Steinfelder, lehmige Sandgebreite, verbrannte Steppe und dürre Dickichte von Tamariskengestrüpp. Er wußte ziemlich wohl seinen Weg, den Weg, den Urvater einst in umgekehrter Richtung gezogen war, der Sohn Terachs, als er von dort, wohin Jaakob strebte, gekommen war, nach Westen gewiesen, wie nun dieser nach Osten. Der Gedanke an Abraham tröstete ihn etwas in der Einsamkeit, die übrigens da und dort die Spur menschlicher Fürsorge und der Verkehrsbetreuung trug. Es gab manchmal einen Lehmturm, den man ersteigen mochte, erstens der Umschau wegen und auch in dem Notfall, daß wildes Getier den Wanderer bedrohte. Dann und wann gab es sogar eine Zisternenanlage. Vor allem aber gab es Wegeszeichen, Pfähle und aufgerichtete Steine mit Inschriften, von denen geleitet man selbst bei Nacht zu reisen vermochte, wenn der Mond nur ein wenig schön war, und die zweifellos schon Abram gedient hatten auf seiner Fahrt. Jaakob lobte Gott für die Wohltaten der Gesittung und ließ sich leiten von Nimrods Wegesmalen gegen das Wasser Prath, nämlich gegen den Punkt, den er im Sinne hatte und der der rechte war: wo der Sehr Breite austrat aus den Schlüften des Gebirges, durch das er von Mitternacht brach, und in der Ebene stille ward. O große Stunde, da Jaakob endlich im Schlamm und Schilfe stehend sein armes Tier hatte schlürfen lassen aus der gelben Flut! Eine Schiffsbrücke führte hinüber, und drüben lag eine Stadt; aber noch war es des Mondgottes Wohnung nicht, noch nicht die Stadt des Weges und Nachors Stadt. Die war noch fern hinter der Steppe draußen im Osten, durch die es weitergehen mußte mit Hilfe der Wegeszeichen, in den Himmelsfeuern des Ab. Siebenzehn Tage? Ach, es waren viel mehr geworden für Jaakob, infolge der Notwendigkeit, ewig sein blutiges Räubermärlein zu erzählen, – er wußte nicht, wie viele, er hatte zu zählen aufgehört, und nur soviel wußte er, daß die Erde ihm keineswegs entgegengesprungen war, sondern eher das Gegenteil getan und seiner müden Wanderschaft das Ziel nach Kräften entzogen hatte. Aber er vergaß niemals – und sprach noch auf dem Sterbebette davon –, wie dieses Ziel dann plötzlich, als er es noch ferne glaubte, in einem Augenblick gerade, als er am wenigsten gehofft hatte, es zu erreichen, unversehens erreicht oder so gut wie erreicht gewesen –, wie dieses Ziel ihm nun dennoch gleichsam entgegengekommen war nebst dem Besten und Teuersten, was es zu bieten hatte und was Jaakob dereinst, nach ungeahnt langem Aufenthalt, davon hatte mit fortführen sollen.
Jaakob kommt zu Laban
Eines Tages nämlich, es ging schon gegen Abend, die Sonne neigte sich hinter ihm in fahlen Dünsten, und die getürmte Schattensilhouette, die Reiter und Tier auf den Steppengrund warfen, war lang worden: an diesem Spätnachmittag also, der sich nicht verkühlen wollte, sondern unter einem ehernen Himmelsgewölbe ohne Windhauch in Hitze stand, so daß die Luft, als sei sie im Begriffe, sich zu entzünden, über dem dürren Grase flimmerte und dem Jaakob die Zunge im Schlund verschmachtete, denn er hatte seit gestern kein Wasser gehabt, – gewahrte er, zwischen zwei Hügeln stumpfen Sinnes hervorschauend, welche den Durchlaß einer gestreckten Geländewelle bildeten, in der ebenen Weite fern einen belebten Punkt, den sein auch in Mattigkeit noch scharfes Auge sogleich als eine Schafherde mit Hunden und Hirten, um einen Brunnen versammelt, erkannte. Er schrak auf vor Glück und stieß einen Dankesseufzer zu Ja, dem Höchsten, empor, dachte aber nichts als ›Wasser!‹ dabei und rief auch dies Wort aus dürrer Kehle und unter Schnalzen seinem Tiere zu, das selbst schon den Segen spürte, den Hals streckte, die Nüstern blähte und in freudigem Auftriebe seiner Kräfte den Schritt verlängerte.
Bald war er so nahe, daß er die farbigen Eigentumsmarken auf den Rücken der Schafe, die Gesichter der Hirten unter ihren Sonnenhauben, das Haar auf ihrer Brust und die Reifen an ihren Armen unterschied. Die Hunde knurrten und schlugen an, indem sie zugleich das Auseinandersprengen der Schafe verhinderten; aber die Männer riefen sie sorglos zur Stelle, denn den einzelnen Reiter fürchteten sie nicht und sahen wohl, daß er sie von weitem schon friedlich und höflich grüßte. Es waren ihrer vier oder fünf gewesen, wie Jaakob sich erinnerte, mit beiläufig zweihundert Schafen von hochgewachsener Fettschwanzrasse, wie er fachmännisch feststellte, und um den Brunnen hatten sie müßig gehockt und gestanden, der noch von dem runden Steine bedeckt gewesen war. Sie führten alle Schleudern, und einer hatte bei sich eine Laute. Jaakob redete damals gleich zu ihnen, indem er sie ›Brüder‹ nannte und ihnen, die Hand an der Stirn, aufs Geratewohl zurief, daß ihr Gott groß sei, obgleich er nicht sicher war, welchem sie unterstanden. Aber hierauf, wie auf das, was er sonst noch sagte, sahen sie einander nur an und schüttelten die Köpfe oder wiegten sie eigentlich von einer Schulter zur anderen, indem sie bedauernd mit der Zunge schnalzten. Da war kein Grund, sich zu wundern, sie verstanden ihn natürlich nicht. Aber siehe, es war einer von ihnen mit einer silbernen Münze auf der Brust, der nannte seinen Namen Jerubbaal und war vom Lande Amurru gebürtig, wie er sagte. Er redete nicht genau wie Jaakob, aber sehr verwandt, so daß sie einander verstanden und Jerubbaal, der Hirte, den Dolmetsch machen konnte, indem er, was jener sagte, den anderen in ihre ummu-ummu-Sprache übersetzte. Sie ließen ihm danken für die Anerkennung, die er der Kraft ihres Gottes gezollt, luden ihn ein, sich zu ihnen zu setzen, und stellten sich selber mit ihren Namen vor. Sie hießen Bullutu, Schamasch-Lamassi, Hund Ea's und so ähnlich. Darauf brauchten sie ihn nicht nach Namen und Herkunft zu fragen; er beeilte sich, ihnen beides bekanntzugeben, fügte auch gleich eine vorläufige bittere Anspielung auf das Abenteuer hinzu, das ihn in Armut gestürzt, und bat vor allem um Wasser für seine Zunge. Er bekam welches aus einer Tonflasche, und so lau es schon war, er spülte es selig hinunter. Sein Kamel aber mußte warten, wie auch die Schafe auf Tränkung zu warten schienen, während der Stein noch auf dem Brunnenloch lag und aus irgendwelchem Grunde niemandem beikam, ihn abzuwälzen.
Woher seine Brüder seien, fragte Jaakob.
»Charran, Charran«, antworteten sie. »Bel-Charran, Herr des Weges. Groß, groß. Der Größte.«
»Jedenfalls einer der Größten«, sagte Jaakob gemessen. »Aber nach Charran will ich ja! Ist es weit?«
Es war nicht im mindesten weit. Dort, hinter dem Bogen der Hügelwelle, lag die Stadt. Mit den Schafen zog man in einer Stunde hin.
»Wunder Gottes!« rief er. »Da bin ich ja angekommen! Nach mehr als siebzehntägiger Reise! Kaum kann ich's fassen!« Und er fragte sie, ob sie denn Laban kennten, da sie von Charran seien, Bethuels Sohn, des Sohnes Nachors?
Den kannten sie gut. Er wohnte nicht in der Stadt, sondern nur eine halbe Stunde von hier. Sie warteten auf seine Schafe.
Und ob er gesund sei?
Ganz gesund. Warum?
»Weil ich von ihm gehört habe«, sagte Jaakob. »Rupft ihr euere Schafe, oder schert ihr sie mit der Schere?«
Sie antworteten alle verächtlich, daß sie natürlich schören. Ob etwa bei ihm zu Hause gerupft werde?
»Doch nicht«, antwortete er. So weit sei man auch zu Beerscheba und dort herum, daß man Scheren habe.
Da kamen sie auf Laban zurück und sagten, sie warteten auf Rahel, seine Tochter.
»Danach wollte ich euch fragen!« rief er. »Wegen des Wartens nämlich! Ich wundere mich längst. Ihr sitzt hier um den verdeckten Brunnen herum und um den Stein des Brunnens gleich Wächtern, statt ihn wegzuwälzen von der Höhle, auf daß euer Vieh trinke. Was soll denn das? Es ist zwar noch etwas früh zum Heimtreiben, aber da ihr einmal hier seid und seid gekommen zur Höhle, könntet ihr doch immerhin wegwälzen den Stein davon und die Schafe euerer Herren tränken, statt zu lungern, auch wenn die Dirne da, die ihr nanntet, Labans Kind also, wie heißt sie, noch zu erwarten ist.«
Er sprach zurechtweisend mit den Knechten und wie ein Mann, der mehr war als sie, obgleich er sie ›Brüder‹ nannte. Denn das Wasser hatte ihm Leib und Seele ermutigt, und er fühlte sich vor ihnen.
Sie sprachen »ummu, ummu« und ließen ihm sagen durch Jerubbaal: Das sei in der Ordnung, daß sie warteten, und sei eine Sache der Schicklichkeit. Sie könnten den Stein nicht abwälzen und tränken und heimtreiben, bevor Rahel komme mit den Schafen ihres Vaters, die sie hüte. Denn es müßten alle Herden zusammengebracht sein, bevor man heimtriebe, und wenn Rahel zuerst an den Brunnen komme, vor ihnen, so warte sie auch, bis sie kämen und wegwälzten.
»Das glaube ich«, lachte Jaakob. »Das tut sie, weil sie allein den Deckel nicht wälzen kann, denn dazu gehören Männerarme.« Aber sie antworteten, es sei gleich, aus welchem Grunde sie warte, auf jeden Fall warte sie, und darum warteten sie auch.
»Gut«, sagte er, »mir fällt ein, daß ihr sogar recht habt und daß es sich für euch wohl nicht anders ziemt. Es ist mir nur leid, daß mein Tier so lange dürsten muß. Wie sagtet ihr, daß die Dirne heiße? Rahel?« wiederholte er … »Jerubbaal, sage ihnen doch, was das heißen will in unserer Sprache! Hat sie denn gar schon gelammt, das Mutterschaf, das uns warten läßt?«
O nein, sagten sie, sie sei rein wie die Lilie auf dem Felde im Frühjahr und unberührt wie das Blatt der Gartenrose im Morgentau und habe mit Männerarmen noch nie nichts zu schaffen gehabt. Sie sei zwölf Jahre alt.
Man merkte wohl, daß sie sie verehrten, und unwillkürlich begann auch Jaakob das zu tun. Er atmete lächelnd auf, denn sein Herz zog sich leicht zusammen in neugieriger Freude auf die Bekanntschaft mit dem Oheimskind. Er plauderte noch eine Weile durch Jerubbaals Vermittelung mit den Männern über hiesige Schafpreise und was man für fünf Minen Wolle erziele und wieviel Sila Getreide ihnen ihre Herrschaft im Monat bewilligte, bis einer sagte: »Da kommt sie.« Jaakob hatte eben angesetzt, zum Zeitvertreib sein Blutmärlein von den jungen Räubern zu erzählen, unterbrach sich aber bei dieser Anzeige und wandte sich in der Richtung um, die der Arm des Hirten wies. Da sah er sie zuerst, seines Herzens Schicksal, die Braut seiner Seele, um deren Augen er dienen sollte vierzehn Jahre, des Lammes Mutterschaf.
Rahel ging mitten in ihrer Herde, die sie dicht umdrängte, während ein Hund mit hängender Zunge am Rande der wolligen Masse strich. Sie hob ihren Krummstab, den sie in der Mitte hielt, die Hirtenwarfe, deren Krücke aus einer metallenen Sichel oder Hacke bestand, grüßend gegen die Entgegenschauenden, legte dabei den Kopf auf die Seite und lächelte, so daß Jaakob zum erstenmal und schon von weitem ihre sehr weißen, getrennt stehenden Zähne sah. Herangekommen, überholte sie die Tiere, die vor ihr trippelten, und trat unter ihnen hervor, indem sie sie mit dem Ende des Stabes auseinandertrieb. »Da bin ich«, sagte sie, und indem sie zuerst ihre Augen nach der Art Kurzsichtiger zusammenkniff, dann aber die Brauen emporzog, fügte sie erstaunt und belustigt hinzu: »Ei, siehe, ein Fremder!« Das unzugehörige Reittier und auch Jaakobs neue Figur mußten ihr längst schon aufgefallen sein, wenn ihre Kurzsichtigkeit nicht übergroß war, doch ließ sie sich's nicht im ersten Augenblick merken.
Die Hirten am Brunnen schwiegen und hielten sich zurück von der Begegnung der Herrenkinder. Auch Jerubbaal schien anzunehmen, daß sie schon miteinander fertig werden würden, und blickte, irgendwelche Kerne kauend, in die Luft. Unter dem Kläffen von Rahels Hund grüßte Jaakob sie mit erhobenen Händen. Sie erwiderte mit raschem Wort, und dann standen sie, im schrägen, farbigen Licht des Spättages, von Schafen umwimmelt und eingehüllt in den gutmütigen Dunst der Tiere, unter dem hohen und weiten, erblassenden Himmel mit ernstesten Gesichtern einander gegenüber.
Labans Tochter war zierlich von Gestalt, man sah es trotz der losen Unförmigkeit ihres gelben Hemd- oder Schürzenkleides, an dem eine rote Borte, mit schwarzen Monden gezeichnet, vom Halse bis zum Saum über den kleinen bloßen Füßen lief. Ohne viel Schnitt und sogar ungegürtet fiel es in angenehmer und naiver Bequemlichkeit an ihr herab, ließ aber, den Schultern eng anliegend, deren rührende Schmalheit und Feinheit erkennen und hatte ebenfalls enge, nur bis zur Mitte der Oberarme reichende Ärmel. Das schwarze Haar des Mädchens war eher verwirrt als lockig. Sie trug es fast kurzgeschnitten, jedenfalls kürzer, als Jaakob es zu Hause bei Frauen je gesehen, und nur zwei längere Strähnen waren geschont und hingen ihr, unten geringelt, von den Ohren und zu beiden Seiten der Wangen auf die Schultern herab. Mit einer davon spielte sie, während sie stand und schaute. Was für ein liebliches Gesicht! Wer beschriebe seinen Zauber? Wer legte das Zusammenspiel süßer und glücklicher Fügungen auseinander, aus denen das Leben, da- und dorthin ins Erbe greifend und unter Zutat des Einmaligen, die Huld eines Menschenantlitzes schafft, – einen Reiz, der auf Messers Schneide schwebt, der, wie man sagen möchte, immer an einem Haare hängt, so daß, wenn auch nur ein kleiner Zug, ein Müskelchen anders säße, nicht etwa immer noch vieles übrig, sondern der ganze, die Herzen dienstbar machende Gefälligkeitsspuk unvorhanden wäre? Rahel war hübsch und schön. Sie war es auf zugleich pfiffige und sanfte Weise, von der Seele her, man sah – und auch Jaakob sah es, denn ihn sah sie an –, daß Geist und Wille, ins Weibliche gewendete Klugheit und Tapferkeit hinter dieser Lieblichkeit wirkten und ihre Quelle waren: so voller Ausdruck war sie und schauender Lebensbereitschaft. Ihm sah sie entgegen, die eine Hand an der Flechte, in der anderen den Stab, der sie überragte, und musterte den reisemageren jungen Mann im verstaubten, verfärbten, zerschlissenen Rock, mit dem braunen Bart im dunkel verschwitzten Gesicht, das nicht das eines Knechtes war, – und dabei schienen die wohl eigentlich zu dicken Flügel ihres Näschens sich drollig zu blähen, und die Oberlippe, die untere ein wenig überhängend, bildete mit ihr in den Mundwinkeln von selbst und ohne Muskelanziehung etwas sehr Liebes, ein ruhendes Lächeln aus. Aber das Hübscheste und Schönste war eben ihr Schauen, war der durch Kurzsichtigkeit eigentümlich verklärte und versüßte Blick ihrer schwarzen, vielleicht ein klein wenig schief geschlitzten Augen: dieser Blick, in den, ohne Übertreibung gesagt, die Natur allen Liebreiz gelegt hatte, den sie einem Menschenblick nur irgend verleihen mag, – eine tiefe, fließende, redende, schmelzende, freundliche Nacht, voller Ernst und Spott, wie Jaakob dergleichen noch nie gesehen hatte oder gesehen zu haben meinte.
»Marduka, still!« rief sie, indem sie sich scheltend zu dem lärmenden Hund niederbeugte. Und dann fragte sie, was Jaakob leicht erraten konnte, ohne es zu verstehen:
»Woher kommt mein Herr?«
Er deutete über seine Schulter, gen Untergang, und sagte: »Amurru.«
Sie sah sich nach Jerubbaal um und winkte ihm lachend mit dem Kinn.
»Von so weit!« sagte sie mit Miene und Mund. Und dann fragte sie offenbar nach näherer Herkunft, beschrieb das Westland als weitläufig und nannte zwei oder drei seiner Städte.
»Beerscheba«, antwortete Jaakob.
Sie stutzte, sie wiederholte. Und ihr Mund, den er schon anfing zu lieben, nannte den Namen Isaaks.
Sein Gesicht zuckte, die sanften Augen gingen ihm über. Er kannte die Labansleute nicht und war nach Gemeinschaft mit ihnen nicht ungeduldig gewesen. Er war ein Friedloser, gestohlen zur Unterwelt, nicht freiwillig war er hier, und zur Glückesrührung war nicht viel Grund vorhanden. Aber seine Nerven gaben nach, zermürbt von den Anforderungen der Wanderschaft. Er war am Ziel, und das Mädchen, die Augen voll süßen Dunkels, das den Namen des fernen Vaters nannte, war seiner Mutter Bruderkind.
»Rahel«, sagte er schluchzend und streckte die Arme nach ihr mit zitternden Händen, »darf ich dich küssen?«
»Warum solltest du das wohl dürfen?« sagte sie und trat lachend erstaunt zurück. Sowenig gab sie schon zu, etwas zu vermuten, wie sie vorhin gleich zugegeben hatte, den Fremden bemerkt zu haben.
Er aber deutete sich, den einen Arm noch nach ihr ausgestreckt, immerfort auf die Brust vor ihr.
»Jaakob! Jaakob!« sagte er. »Ich! Jizchaks Sohn, Rebekka's Sohn, Laban, du, ich, Mutterkind, Bruderkind …«
Sie schrie leise auf. Und während sie, eine Hand gegen seine Brust gestemmt, ihn sich noch vom Leibe hielt, rechneten sie einander, lachend und beide mit Tränen in den Augen, die Verwandtschaft vor, nickten mit den Köpfen, riefen Namen, machten der eine dem andern mit Zeichen die Stammeslinien klar, fügten die Zeigefinger zusammen, kreuzten sie oder legten den linken waagerecht auf die Spitze des rechten.
»Laban – Rebekka!« rief sie. »Bethuel, Nachors Sohn und der Milka! Großvater! Deiner, meiner!«
»Terach!« rief er. »Abram – Isaak! Nachor – Bethuel! Abraham! Urvater! Deiner, meiner!«
»Laban – Adina!« rief sie. »Lea und Rahel! Schwestern! Kusinen! Deine!«
Sie nickten ein übers andere Mal und lachten unter Tränen, einig über ihre Blutsverbundenheit von seinen beiden Eltern, von ihrem Vater her. Sie ließ ihn an ihre Wangen, und er küßte sie feierlich. Drei Hunde sprangen bellend an ihnen hoch, in der Aufregung, die diese Tiere befällt, wenn Menschen, sei es in Gutem oder Bösem, Hand aneinander legen. Die Hirten klatschten Beifall im Takt und frohlockten dabei mit hohlen Kopfstimmen: »Lu, lu, lu!« So küßte er sie, auf eine Wange und dann auf die andere. Er verbot seinen Sinnen, mehr von dem Mädchen dabei zu spüren als allenfalls ihrer Wangen Zartheit; er küßte sie fromm und festlich. Aber wie gut war er doch daran, sie gleich küssen zu dürfen, da die freundliche Nacht ihrer Augen es ihm schon angetan! Da muß manch einer lange schauen, wünschen und dienen, bis sich kaum faßlicherweise ermöglicht und ihm gewährt wird, was dem Jaakob nur so in den Schoß fiel, weil er der Vetter war aus der Ferne.
Da er von ihr ließ, rieb sie sich lachend mit den Handflächen dort, wo sein Reisebart sie gekitzelt, und rief:
»Geschwind also, Jerubbaal! Schamasch! Bullutu! Wälzt gleich den Stein von dem Loch, daß die Schafe trinken, und seht zu, daß sie trinken, eure und meine, und tränkt meines Vetters Jaakob Kamel und seid geschickt und gescheit, ihr Männer, indes ich laufen will ohne Verzug zu Laban, meinem Vater, und ihm ansagen, daß Jaakob gekommen ist, sein Schwestersohn. Er ist nicht weit von hier auf dem Felde und wird gelaufen kommen in Eile und Freude, ihn zu umarmen. Macht schnell und zieht nach, ich laufe spornstreichs –«
Das verstand Jaakob alles dem Sinne nach, aus Gebärde und Tonfall, und manches auch wörtlich. Bereits fing er an, die Sprache des Landes zu lernen um ihrer Augen willen. Und während sie schon lief, wehrte er den Hirten laut, damit sie es noch höre, und sprach:
»Halt, Brüder, fort vom Stein, das ist Jaakobs Sache! Ihr habt ihn bewacht als gute Wächter, aber ich will ihn fortwälzen von der Grube für Rahel, meine Base, ich allein! Denn noch hat die Reise mir nicht alle Kraft gezehrt aus den Mannesarmen, und es ist recht, daß ich ihre Kraft leihe der Tochter Labans und wälze den Stein, auf daß die Schwärze genommen werde vom Mond und das Rund des Wassers uns schön werde.«
So ließen sie ihn, und er wälzte aus Leibeskräften den Deckel, obgleich es nicht eines Mannes Arbeit war, und brachte allein den gewichtigen Stein beiseite, da doch seine Arme nicht die kräftigsten waren. Da gab es ein Gedränge des Viehs und ein vielstimmig abgetöntes Geblök der Böcke, Schafe und Lämmer, und auch Jaakobs Reittier kam grunzend auf die Beine. Die Männer schöpften und gossen in die Rinnen das lebendige Wasser. Sie überwachten mit Jaakobs Beistand die Tränkung, vertrieben die Satten und ließen herzu die Durstigen, und als alles gesoffen hatte, taten sie den Stein wieder hin auf das Schöpfloch, deckten ihn zu mit Erde und Gras, daß man die Stelle nicht kenne und kein Unberufener sich des Brunnens bediene, und trieben heim alle Schafe zusammen, so Labans wie die ihrer Herrschaft, und Jaakob auf hohem Tier ragte mitten im Gewimmel.
Der Erdenkloß
Nicht lange, so kam ein Mann in einer Mütze mit Nackenschutz gelaufen und blieb dann stehen. Das war Laban, Bethuels Sohn. Er kam immer gelaufen bei solcher Gelegenheit – ein paar Jahrzehnte, ein rasch vergangenes Menschenalter war es her, daß er genau so gelaufen gekommen war, damals, als er Eliezer, den Freiwerber, mit seinen zehn Tieren und Leuten am Brunnen gefunden und zu ihm gesagt hatte: »Komm herein, du Gesegneter des Herrn!« Nunmehr ein Graubart, lief er wieder, da Rahel ihm angezeigt hatte, daß Jaakob da sei von Beerscheba, – kein Knecht, sondern Abrams Enkel, sein Schwestersohn. Daß er aber stehenblieb und den Mann herankommen ließ, geschah, weil er nichts von einer goldenen Spange an Rahels Stirn hatte bemerken können, noch etwas von Armringen an ihren Händen, wie damals bei Rebekka, und weil er sah, daß der Fremdling nicht als Herr einer ausgerüsteten Karawane kam, sondern sichtbarlich ganz allein auf zerschundenem, magerem Tier. Darum wollte er sich nichts vergeben und dem angeblichen Neffen nicht zu weit entgegenkommen, war voller Mißtrauen und blieb mit verschränkten Armen stehen, sein Annahen zu erwarten.
Jaakob verstand das wohl, beschämt und beklommen, wie er war, im schlechten Bewußtsein seiner Armut und bedürftigen Abhängigkeit. Ach, nicht als reicher Sendbote kam er, der auftreten mochte, alle mit sekelschweren Geschenken aus seinen Satteltaschen bezauberte und sich bitten ließ, doch einen Tag oder zehn zu verweilen. Ein Flüchtling und Unbehauster, fand er sich ein, mit leeren Händen, zu Hause unmöglich, ein Bettler um Obdach, und hätte wohl Anlaß zu zager Demut gehabt. Doch erkannte er gleich seinen Mann, der da finster vor ihm stand, und begriff, daß es nicht weise gewesen wäre, sich allzu elend zu machen vor ihm. Darum sputete er sich nicht sonderlich, vom Tier zu kommen, trat hin vor Laban mit der Würde seines Geschlechts, grüßte ihn anständig und sprach:
»Mein Vater und Bruder! Rebekka schickt mich, deine Schwester, um dir eine Aufmerksamkeit damit zu erweisen, daß sie mich eine Weile unter deinem Dache wohnen heißt, und ich grüße dich in ihrem Namen sowie im Namen Jizchaks, ihres Herrn und des meinen, ferner im Namen gemeinsamer Väter und rufe an Abrams Gott zum Schutze deiner, deines Weibes und deiner Kinder Gesundheit.«
»Gleichfalls«, sagte Laban, der das im wesentlichen verstand. »Und bist also wahrlich Rebekka's Sohn?«
»Wahrlich!« erwiderte jener. »Jizchaks Erstgeborener bin ich, du sagst es genau. Ich empfehle dir, dich nicht beirren zu lassen durch meine Einsamkeit, noch durch mein Kleid, das die Sonne zerriß. Mein Mund wird dir alle diese Sachen erläutern zur rechten Stunde, und du wirst sehen, daß, wenn ich nichts habe, außer der Hauptsache, ich doch ebendiese habe, und daß, wenn du zu mir sprächest: ›Gesegneter des Herrn!‹, du den Nagel auf den Kopf treffen würdest.«
»So laß dich herzen«, sagte Laban finster, nachdem der Hirte Jerubbaal ihm dies in ›ummu-ummu‹ wiedergegeben, legte die Arme auf Jaakobs Schultern, neigte sich neben ihn, erst rechts, dann links, und küßte die Luft. Jaakob gewann sogleich höchst zweideutige Eindrücke von diesem Oheim. Er trug ein Paar böser Zeichen zwischen den Augen, und das eine dieser Augen war blinzelnd zugezogen, während er doch gerade mit diesem fast geschlossenen Auge mehr zu sehen schien als mit dem offenen. Dazu kam, an derselben Seite, ein ausgesprochen unterweltlicher Zug um den Mund, ein gelähmtes Hängen des Mundwinkels im schwarzgrauen Bart, das einem saueren Lächeln ähnelte und den Jaakob ebenfalls bedenklich anmutete. Übrigens war Laban ein starker Mann, dessen volles ergrautes Haar noch unter dem Nackenschutz hervorquoll, angetan mit einem knielangen Leibrock, in dessen Gürtel eine Geißel und ein Messer steckten und dessen enge Ärmel die nervig hochgeäderten Unterarme frei ließen. Sie waren schwarzgrau behaart, wie seine muskulösen Schenkel, und breite, warme, ebenfalls behaarte Hände saßen daran, die Hände eines besitzhaltenden, in düster-erdhafte Gedanken eingeschränkten Mannes, eines rechten Erdenkloßes, wie Jaakob dachte. Dabei hätte der Ohm eigentlich schön sein können von Angesicht mit seinen dick aufliegenden, noch ganz schwarzen Brauen, der fleischigen, mit der Stirn in einer Linie verlaufenden Nase und den vollen Lippen im Bart. Die Augen hatte Rahel offensichtlich von ihm – Jaakob stellte es mit den gemischten Gefühlen des Wiedererkennens, der Rührung, der Eifersucht fest, mit denen man sich über die erbliche Herkunft und Naturgeschichte teurer Lebenserscheinungen belehrt: eine glückliche Belehrung, insofern sie uns in die Intimität solcher Erscheinungen dringen, uns gleichsam hinter sie kommen läßt, aber doch auch wieder auf eine gewisse Weise kränkend, so daß unser Verhalten zu den Trägern solcher Vorbildungen sich aus Ehrfurcht und Abneigung eigentümlich zusammensetzt.
Laban sagte:
»Sei also willkommen und folge mir, Fremder, der du dich, ich will glauben: mit Recht, meinen Neffen heißt. Wir haben einst Raum gehabt für Eliezer, und Stroh und Futter für seine zehn Kamele, so werden wir auch haben für dich und das Kamel, das dein einziges zu sein scheint. Geschenke hat deine Mutter dir also nicht mitgegeben, Gold, Kleider und Würze oder dergleichen?«
»Sie tat es reichlich, dessen kannst du versichert sein«, antwortete Jaakob. »Warum ich die Dinge nicht habe, wirst du hören, wenn ich meine Füße gewaschen und etwas gegessen habe.«
Er redete absichtlich anspruchsvoll, um auf sich zu halten vor dem Erdenkloß, und dieser wunderte sich über so viel Zuversicht bei so viel Armut. Sie sprachen dann nichts mehr, bis sie zu dem Anwesen Labans kamen, wo die fremden Hirten sich von ihnen trennten, um gegen die Stadt weiterzutreiben, während Jaakob dem Baas bei der Einpferchung der Schafe zwischen Lehmhürden behilflich war, die man zum Schutz gegen Raubzeug durch Rohrgeflecht erhöht hatte. Vom Dach des Hauses sahen ihnen drei Frauen dabei zu; die eine war Rahel, die zweite Labans Weib und die dritte Lea, die größere Tochter, die schielte. Das Haus, wie überhaupt die ganze Niederlassung (denn das Wohngebäude war noch von einigen Rohrhütten und bienenkorbartig geformten Speicherbaulichkeiten umgeben), machte bedeutenden Eindruck auf Jaakob, den Zeltbewohner, der freilich unterwegs in den Städten weit schönere Wohnhäuser gesehen hatte und auch nicht gewillt war, sich irgendwelche Bewunderung merken zu lassen. Er mäkelte sogar sofort an dem Haus, fand die Holzleiter, die von außen aufs Dach führte, in hingeworfenen Worten unzulänglich und meinte, man müsse eine Backsteintreppe statt ihrer anlegen, auch das Ganze mit Kalk bewerfen und die Fensterlöcher zu ebener Erde mit Holzgittern versehen.
»Es führt eine Treppe vom Hofe hinauf«, sagte Laban. »Mir genügt mein Haus.«
»Sage das nicht!« sprach Jaakob. »Ist der Mensch leicht zufrieden, so ist es auch Gott für ihn und zieht von ihm die Segenshand. Wieviel Schafe hat mein Oheim?«
»Achtzig«, antwortete der Wirt.
»Und Ziegen?«
»An dreißig.«
»Rindvieh gar keines?«
Laban wies aufgebracht mit dem Bart in der Richtung eines Lehm- und Rohrverschlages, der offenbar den Rinderstall darstellte, nannte aber keine Zahl.
»Das müssen mehr werden«, sagte Jaakob. »Mehr von jeder Art Vieh.« Und Laban warf ihm einen zwar finsteren, aber hinter der Finsternis neugierig prüfenden Blick zu. Dann wandten sie sich gegen das Haus.
Das Nachtmahl
Das Haus, überragt von mehreren hohen Pappelbäumen, an deren einem der Blitz die Rinde von oben bis unten geschädigt hatte, war ein roher und in den Ausmaßen ziemlich bescheidener, schon etwas bröckliger Bau aus Lehmziegeln, der aber durch die Luftigkeit des oberen Teiles einen gewissen architektonischen Reiz gewann; denn das mit Erde bedeckte und mit kleinen Aufbauten aus Rohr versehene Dach ruhte nur teilweise, in der Mitte und an den Ecken, auf Mauerwerk, zwischendurch aber auf Holzpfeilern. Besser wäre von einer Mehrzahl von Dächern die Rede gewesen, denn auch in der Mitte war das Haus offen: es bildete ein Karree von vier Flügeln, die einen kleinen Hof umschlossen. Ein paar Stufen aus gestampftem Lehm führten zu der Haustür aus Palmholz.
Zwei oder drei Handwerkssklaven, ein Töpfer und ein Bäcker, der Gerstenteig an die Innenwand seines kleinen Backofens klatschte, arbeiteten zwischen den Wirtschaftsgebäuden auf dem Gehöft, das Onkel und Neffe überschritten. Eine Magd im Lendenschurz trug Wasser. Sie hatte es aus dem nächsten gegrabenen Wasserlauf, namens Bel-Kanal, geschöpft, aus dem Labans umhegtes Gersten- und Sesamfeld dort draußen bewässert wurde und der seinerseits sein Wasser aus einem anderen, dem Ellil-Kanal, empfing. Der Bel-Kanal gehörte einem städtischen Kaufmann, der ihn hatte graben lassen und dem Laban für den Gebrauch des Wassers eine ihn drückende Abgabe an Öl, Korn und Wolle entrichten mußte. Jenseits des Ackers wellte die offene Steppe hin, weit, bis zum Horizont, den der Stufenturm des Mondtempels von Charran überragte.
Die Frauen, vom Dach herabgestiegen, erwarteten den Herrn und seinen Gast in dem Vorraum, den man gleich durch die Haustür betrat und in dessen Lehm-Estrich ein großer Mörser zum Zerstampfen von Korn eingelassen war. Adina, Labans Frau, war eine wenig bedeutende Matrone mit einer Halskette aus bunten Steinen, einem herabhängenden Kopftuch über der anliegenden Haube, die ihr Haar bedeckte, und einem Gesichtsausdruck, der durch seine Freudlosigkeit an den ihres Gatten erinnerte, nur war der Zug ihres Mundes nicht so sehr sauer als bitter. Sie besaß keine Söhne, und das mochte auch wohl zur Erklärung von Labans Düsternis mit herangezogen werden. Später erfuhr Jaakob, daß das Paar in der Frühzeit seiner Ehe sehr wohl ein Söhnchen gehabt, es jedoch anläßlich des Hausbaues geopfert, nämlich lebend in einem Tonkruge, unter Beigabe von Lampen und Schüsseln, im Fundament beigesetzt hatte, um damit Segen und Gedeihen auf Haus und Wirtschaft herabzuschwören. Doch hatte die Darbringung nicht nur keinen besonderen Segen herbeigezogen, sondern Adina hatte sich auch seitdem außerstande erwiesen, Knaben das Leben zu schenken.
Was Lea betraf, so erschien sie durchaus nicht weniger wohlgebaut, ja sogar größer und stattlicher als Rahel, gab aber ein Beispiel ab für die eigentümliche Entwertung, die ein tadelfreier Gliederwuchs durch ein häßliches Antlitz erfährt. Zwar hatte sie außerordentlich reiches aschfarbenes Haar, das ihr, oben mit einer kleinen Mütze bedeckt, zu schwerem Knoten geballt in den Nacken hing. Aber ihre grüngrauen Augen schielten trübselig an der langen und geröteten Nase herab, und gerötet waren auch die grindigen Lider dieser Augen, sowie ihre Hände, die sie ebenso zu verbergen suchte wie den verqueren Blick ihrer Augen, über den sie beständig mit einer Art schamhafter Würde die Wimpern senkte. ›Da haben wir es: der blöde Mond und der schöne‹, dachte Jaakob bei Betrachtung der Schwestern. Doch sprach er zu Lea und nicht zu Rahel, während man den kleinen gepflasterten Hof überschritt, in dessen Mitte ein Opferstein aufgerichtet war; aber sie schnalzte nur bedauernd, wie schon die Hirten auf dem Felde es getan, und schien ihn auf das Eingreifen eines Dolmetschers zu vertrösten, dessen kanaanitischen Namen sie wiederholt aussprach: eines Haushörigen, Abdcheba geheißen, desselben, wie sich erwies, der vorhin auf dem Außenhof Fladen gebacken hatte. Denn er bediente den Jaakob mit Wasser für Füße und Hände, als man über die Ziegelstiege, die zum Dach weiterführte, in das offene Oberzimmer gelangt war, wo die Mahlzeit genommen wurde, und erklärte, daß er aus einem zur Herrschaft Urusalim gehörigen Dorfe gebürtig, von seinen Eltern aus purer Not in die Sklaverei verkauft und zu dem stehenden Preise von zwanzig Sekeln, der offenbar sein mäßiges Selbstgefühl bestimmte, schon durch viele Hände gegangen sei. Er war klein, grauhaarig und hohlbrüstig, aber zungengewandt und übersetzte jede Phrase, die Jaakob äußerte, sofort in die Landessprache, worauf er ihm ebenso prompt und fließend die Antwort erläuterte.
Es war ein langer, schmaler Raum, in dem man sich niederließ, ein recht angenehmer, luftiger Aufenthalt: zwischen den dachtragenden Pfeilern hindurch blickte man einerseits auf die sich verdunkelnde Steppe und anderseits in das friedliche Viereck des mit farbigen Tüchern überspannten Innenhofs mit seinem Kieselpflaster und seiner Holzgalerie. Es wurde Abend. Die Magd im Lendenschurz, die Wasser getragen, brachte nun Feuer vom Herde und entzündete drei tönerne Lampen, die auf Dreifüßen standen. Dann trug sie zusammen mit Abdcheba das Essen heran: einen Topf dicken, mit Sesamöl zubereiteten Mehlbreis (»Pappasu, Pappasu!« wiederholte Rahel mit kindlichem Jubel, indem sie auf lüsterne und drollige Art ihr Zünglein zwischen den Lippen spielen ließ und in die Hände klatschte), noch warme Gerstenfladen, Rettiche, Gurken, Palmkohl und zum Trunke Ziegenmilch und Kanalwasser, von dem ein Vorrat in einer großen tönernen Amphore an einem der Dachpfosten hing. Es standen zwei ebenfalls tönerne Kasten an der Außenwand des Raumes, die mit allerlei kupfernen Schalen, Mischgefäßen, einer Handmühle und Bechern besetzt waren. Verschiedenartig, auf unregelmäßige Weise, saß die Familie um eine niedrig erhöhte, mit Rindsleder überzogene Platte zu Tisch: Laban und sein Weib kauerten nebeneinander auf einem Ruhebett, die Töchter saßen mit untergeschlagenen Beinen auf mit Kissen belegten Rohrhockern, und Jaakob hatte einen lehnenlosen Stuhl aus buntbemaltem Ton, vor dem ein ebensolcher Schemel seine Füße stützte. Für das Pappasu gab es zwei aus Kuhhorn gefertigte Löffel, deren man sich abwechselnd bediente, indem jeder, der einen davon benützt hatte, ihn sogleich wieder aus dem Topfe füllte, für den Nachbarn, an den er ihn weitergab. Jaakob, der neben Rahel saß, füllte ihr jedesmal den Löffel so hoch, daß sie lachte. Lea sah es, und ihr Schielen verstärkte sich ins ganz und gar Kummervolle.
Gesprochen wurde während des Essens nichts irgendwie Bedeutendes, sondern nur Dinge, die sich eben auf die Nahrung bezogen. Adina sagte etwa zu Laban:
»Iß, mein Mann, dir gehört alles!«
Oder sie sagte zu Jaakob:
»Greife zu, Ausländer, erfreue deine müde Seele!«
Oder eines der Eltern sagte zu einer Tochter:
»Ich sehe, du nimmst fast alles und läßt der Mehrzahl nichts. Wenn du deine Gier nicht zügelst, so wird die Hexe Labartu dir das Innere umkehren, daß du erbrechen mußt.«
Abdcheba verfehlte nicht, auch diese Kleinigkeiten dem Jaakob genau zu übersetzen, und dieser beteiligte sich schon in der Landessprache an der Unterhaltung, indem er etwa zu Laban sagte:
»Iß, Vater und Bruder, alles ist dein!«
Oder zu Rahel:
»Greif zu, Schwester, erfreue deine Seele!«
Abdcheba sowohl wie die Magd im Schurz nahmen ihr Abendessen gleichzeitig mit der Herrschaft ein, unter dem Bedienen und mit Unterbrechungen, indem sie von Zeit zu Zeit auf den Boden niederhockten, um rasch einen Rettich zu verzehren und abwechselnd aus einer Schale Ziegenmilch dazu zu trinken. Die Magd, Iltani gerufen, strich öfters mit den Fingerspitzen beider Hände die Brosamen von ihren langen Brüsten.
Als abgegessen war, befahl Laban, Rauschtrank für ihn und den Gast zu bringen. Abdcheba schleppte das gegorene Emmerbier in einem Balgschlauch herbei, und als zwei Becher damit gefüllt waren, in denen Strohhalme steckten, weil viel Korn obenauf schwamm, zogen die Frauen sich vor den Männern zurück, nachdem Laban jeder von ihnen flüchtig die Hände aufs Haupt gelegt hatte. Auch von Jaakob verabschiedeten sie sich zur Nacht, und noch einmal blickte er, da Rahel es tat, in die freundliche Nacht ihrer Augen und auf die weißen, getrennt stehenden Zähne ihres Mundes, als sie lächelnd sagte:
»Viel Pappasu – im Löffel – hochauf!«
»Abraham – Urvater – deiner, meiner!« antwortete er wie zur Erklärung, indem er wieder den einen Zeigefinger quer auf die Spitze des anderen legte, und sie nickten, wie vorhin auf dem Felde, während die Mutter bitterlich lächelte, Lea ihrer Nase entlang schielte und des Vaters Miene in trübe blinzelnder Lähmung verharrte. Dann blieben Oheim und Neffe allein im luftigen Oberzimmer, und nur Abdcheba saß noch bei ihnen am Boden, kurzatmig von seinen Dienstleistungen, und hielt seinen Blick abwechselnd auf beider Lippen gerichtet.
Jaakob und Laban treffen ein Abkommen
»Sprich nun, Gast«, sagte der Hausherr, nachdem er getrunken, »und entdecke mir die Umstände deines Lebens!«
Da berichtete ihm Jaakob all diese Sachen in ausführlicher Rede, ganz nach der Wahrheit und genau, wie alles gewesen war. Höchstens daß er die Begegnung mit Eliphas nach ihrem Verlaufe etwas beschönigte, obgleich er auch hier um der offenkundigen Tatsachen willen, seiner äußeren Nacktheit und Leichtigkeit, im wesentlichen der Wahrheit die Ehre gab. Von Zeit zu Zeit, wenn er eine hinreichende, aber noch überblickbare Menge Stoffes geboten hatte, unterbrach er sich und tat eine Handbewegung gegen Abdcheba hinab, der übersetzte; und Laban, der viel Bier trank während der Erzählung, hörte düster blinzelnd und manchmal kopfnickend alles an. Jaakob sprach sachlich. Er nannte nicht gut noch schlecht, was zwischen ihm, Esau und den Eltern geschehen war, er kündete es frei und gottesfürchtig, denn alles konnte er ausgehen lassen in die große und entscheidende Tatsache, die, wie sie nun auch mochte zustande gekommen sein, auf jeden Fall in voller Wichtigkeit bestand und seiner augenblicklichen Nacktheit und Leichtigkeit jede höhere Wirklichkeit nahm: daß nämlich er und kein anderer des Segens Träger war.
Laban vernahm es mit schwerem Blinzeln. Durch seinen Strohhalm hatte er mit starkem Saugen schon so viel Rauschtrank zu sich genommen, daß sein Gesicht dem abnehmenden Monde glich, wenn er spät in unheildrohender Dunkelröte sich zur Reise erhebt, und der Leib war ihm angeschwollen, weshalb er den Gürtel gelöst, den Rock von den Schultern gelassen hatte und im Hemde saß, die muskelschweren Arme über der halbentblößten, fleischigen und schwarzgrau gelockten Brust gekreuzt. Plump vorgebeugt, mit rundem Rücken, kauerte er auf seinem Bett und tat, als ein in praktisch geschäftlichem Denken geübter Mann, Rückfragen über das Gut, dessen sein Gegenüber sich rühmte und welchem übermäßige Anerkennung zu gewähren er, Laban, sich hütete. Absichtlich zweifelte er es an. Dies Gut schien ihm nicht schuldenfrei. Gewiß, Jaakob hatte es sattsam betont: im Endergebnis war Esau der Mann des Fluches, und auf seinem Bruder ruhte der Segen. Aber auch mit dem Segen war, in Ansehung der Art und Weise, wie er gewonnen worden, etwas Fluch verbunden, dessen irgendwie geartete Auswirkung sicher war. Man kannte die Götter. Da war einer wie der andere, ob es sich nun um die hiesigen handelte, zu denen Laban selbstverständlich gute Beziehungen unterhalten mußte, oder um den ungenannten oder unbestimmt genannten der Isaaksleute, von dem er wußte, und den er bedingungsweis ebenfalls anerkannte. Die Götter wollten und ließen tun; aber die Schuld war des Menschen. Der Wert, auf den Jaakob sich stützte, war mit Schuld belastet, und es fragte sich, an wem sie ausgehen werde. Jaakob versicherte, er sei vollkommen frei und rein. Er habe kaum gehandelt, sondern geschehen lassen, was hatte geschehen sollen, und auch dies nur unter schweren inneren Widerständen. Belastet war höchstens die energische Rebekka, die alles in die Wege geleitet. »Auf mein Haupt den Fluch!« hatte sie gesagt, allerdings nur für alle Fälle, falls nämlich der Vater des Betruges inne geworden wäre, aber das Wort drückte ihr Verhältnis zu dem Unternehmen überhaupt, die Verantwortlichkeit aus, die sie auf sich genommen, und ihn, das Kind, hatte sie mütterlicherweise ganz schuldlos gehalten.
»Ja, mütterlicherweise«, sprach Laban. Er atmete schwer durch den Mund vom Biere, und sein Oberkörper lastete schräg vornüber. Er richtete ihn auf, da schwankte er und sackte nach der anderen Seite. »Mütterlicherweise, nach Mutter- und Elternart. Nach Götterart.« Eltern und Götter segneten ihre Lieblinge auf dieselbe zweideutige Weise. Ihr Segen war eine Kraft und kam aus der Kraft, denn auch die Liebe – nämlich – war eitel Kraft, und Götter und Eltern segneten ihre Lieblinge aus Liebe mit einem kräftigen Leben, kräftig in Glück und Fluch. Das war die Sache, und das war der Segen. »Auf mein Haupt den Fluch«, das war nur schöne Rede und ein Muttergeschwätz, unwissend darüber, daß Liebe Kraft war und Segen Kraft und Leben Kraft und nichts weiter. War doch Rebekka nur ein Frauenzimmer und er, Jaakob, der Gesegnete, auf dessen Eigentum lag die Grundschuld des Betruges. »An dir wird es ausgehen«, sagte Laban mit schwerer Zunge und wies mit dem schweren Arm, der schweren Hand auf den Neffen. »Du hast betrogen, und du wirst betrogen werden, – Abdcheba, rege dein Maul und übersetze ihm das, Elender, ich habe dich für zwanzig Schekel gekauft, und wenn du schläfst statt zu dolmetschen, so scharre ich dich auf eine Woche in den Erdboden ein bis zur Unterlippe, du Gauch.«
»Halt, pfui«, sagte Jaakob und spie aus. »Verwünscht mich mein Vater und Bruder? Was dünkt dich denn alles in allem: bin ich dein Bein und Fleisch oder nicht?«
»Das bist du«, antwortete Laban, »soweit hat es seine Richtigkeit. Du hast mir zutreffend erzählt von Rebekka und Isaak und Esau, dem Roten, und bist Jaakob, mein Schwestersohn, das ist nachgewiesen. Laß dich herzen. Es ist aber auf Grund deiner Angaben die Sachlage zu prüfen und sind die Folgerungen daraus zu ziehen für dich und mich nach den Gesetzen des Wirtschaftslebens. Ich bin von der Wahrheit deines Berichtes überzeugt, habe aber keinen Anlaß, deine Aufrichtigkeit zu bewundern, denn um deine Lage zu erklären, blieb dir nicht viel anderes übrig, als aufrichtig zu sein. Es trifft also nicht zu, was du früher sagtest, daß Rebekka dich schickt, um mir eine Aufmerksamkeit zu erweisen. Es war vielmehr deines Bleibens nicht zu Hause, weil dir's ans Leben ging von Seiten Esau's um deiner und deiner Mutter Taten willen, deren Erfolg ich nicht leugnen will, die dich aber vorderhand einmal zum nackten Bettler gemacht haben. Nicht freiwillig kamst du zu mir, sondern weil du nicht hattest, wohin sonst dein Haupt zu legen. Du bist auf mich angewiesen, und daraus habe ich die Folgerungen zu ziehen. Nicht Gast bist du meinem Hause, sondern Knecht.«
»Mein Oheim spricht rechtlich, ohne der Gerechtigkeit das Salz der Liebe beizumischen«, sagte Jaakob.
»Redensarten«, antwortete Laban. »Das sind die natürlichen Härten des Wirtschaftslebens, denen ich gewohnt bin Rechnung zu tragen. Die Bänker in Charran, es sind zwei Brüder, Ischullanu's Söhne, fordern auch von mir, was sie wollen, weil ich ihr Wasser dringend benötigte, und sie wissen, daß ich's benötige, so fordern sie beliebig, und wenn ich's nicht leiste, so lassen sie verkaufen mich und meine Habe und streichen ein den Erlös. Daß ich ein Narr wäre in der Welt. Du bist auf mich angewiesen, so will ich dich beuteln. Ich bin nicht reich und gesegnet genug, um mich zu blähen in Liebeslust und offen Haus zu halten für allerlei Friedlose. Ich habe an Armeskräften, mir zu fronen, nur den da, eine kraftlose Kröte, und Iltani, die Magd, die dumm ist wie ein Huhn und wie eine kakelnde Henne, denn der Töpfer ist ein wandernder Mann und nur bei mir auf zehn Tage laut unserm Vertrag, und wenn die Zeit kommt der Ernte oder der Schur, so weiß ich nicht, woher Armeskräfte nehmen, denn ich kann's nicht zahlen. Längst ist es nicht schicklich, daß Rahel, meine kleinere Tochter, die Schafe hütet und leidet Hitze am Tage und Frost bei Nacht. Das sollst du tun um Obdach und Grünkraut und um nichts mehr, denn du weißt nicht wohin und bist nicht der Mann, die Bedingungen vorzuschreiben, das ist die Sachlage.«
»Gern will ich der Schafe pflegen für dein Kind Rahel«, sagte Jaakob, »und dienen um ihretwillen, damit sie ein weicher Leben habe. Ich bin ein Hirte von Hause aus und verstehe mich auf die Zucht und will's wohl recht machen. Ich habe nicht gemeint, den Lungerer abzugeben vor dir und das unnütze Maul; aber da ich höre, daß es für Rahel ist, dein Kind, und daß ich kann einsetzen für sie die Kraft meiner Mannesarme, so bin ich zum Dienen noch einmal so willig.«
»So?« fragte Laban und blinzelte schwer, mit hängendem Mundwinkel, zu ihm hinüber. »Gut«, sagte er. »Du mußt es wohl oder übel, nach den Zwängen des Wirtschaftslebens. Wenn du's aber gern tust, so ist das ein Vorteil für dich, ohne ein Nachteil für mich zu sein. Morgen verbriefen wir's.«
»Siehst du?« sprach Jaakob. »Dergleichen gibt es: Vorteile, die es für beide sind und mildern die natürlichen Härten. Das hättest du nicht gedacht. Du wolltest keine Salzeswürze beimengen der Rechtlichkeit, so tu ich's selber aus eigenem, so nackt und leicht ich im Augenblick bin.«
»Redensarten«, beschloß Laban. »Wir werden's vertraglich aufsetzen und siegeln, daß es seine Ordnung hat und niemand es anfechten kann, indem er sich ungesetzlich benimmt. Geh jetzt, ich bin schläfrig und aufgetrieben vom Biere. Lösche die Lampen, Kröte!« sagte er zu Abdcheba, streckte sich aus auf seinem Bett, deckte sich zu mit dem Rock und schlief ein mit schief offenem Munde. Jaakob mochte sich betten, wo er wollte. Er stieg aufs Dach hinauf, legte sich auf eine Decke unter die Tücher eines Rohrzeltchens, das dort errichtet war, und dachte an Rahels Augen, bis der Schlaf ihn küßte.