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Joseph und seine Brüder. Band I. Die Geschichten Jaakobs

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von Thomas Mann

Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag GmbH | Jahr: 1990

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Kapitel 8

Sechstes Hauptstück Die Schwestern.

Der Üble

Da nun die sieben Jahre zu Ende gingen und der Zeitpunkt sich näherte, daß Jaakob Rahel erkennen sollte, faßte er es kaum und freute sich über die Maßen, und sein Herz schlug mächtig, wenn er der Stunde gedachte. Denn Rahel war nun neunzehn und hatte seiner gewartet in der Reinheit ihres Geblütes, gefeit durch sie gegen böse Berührung und Krankheit, die sie dem Bräutigam hätte zerstören können, so daß vielmehr in Ansehung ihrer Blüte und Lieblichkeit alles sich erfüllt hatte, was Jaakob ihr zärtlich verkündigt, und sie reizend zu sehen war vor den Töchtern des Landes mit ihrer in zierlichen Maßen vollkommenen und angenehmen Gestalt, ihren weichen Flechten, den dicken Flügeln ihres Näschens, dem kurzsichtig-süßen Schauen ihrer schrägen, mit freundlicher Nacht gefüllten Augen und namentlich dem lächelnden Aufliegen ihrer Oberlippe auf der unteren, das eine so hold ansprechende Bildung der Mundwinkel bewirkte. Ja, lieblich war sie vor allen; wenn wir aber aussagen, wie Jaakob selbst es stets bei sich selber sagte, daß sie es am meisten war vor Lea, ihrer größeren Schwester, so will das nicht heißen, daß diese häßlicher gewesen wäre als alle; sondern nur den nächsten Vergleich bildete sie, und nur unter dem Gesichtspunkt des Lieblichen fiel er zu Lea's Ungunsten aus, – während doch sehr wohl ein Mann zu denken gewesen wäre, der, diesem Gesichtspunkte weniger unterworfen als Jaakob, der Älteren trotz der entzündlichen Blödigkeit ihrer blauen Augen, über deren Schielen sie stolz und bitter die Lider senkte, sogar den Vorzug gegeben hätte wegen der Fülle und Blondheit ihres schwer geknoteten Haares und der Stattlichkeit ihres zur Mutterschaft tüchtigen Leibes. Auch ist, schon zu Ehren der kleinen Rahel, nicht genug zu betonen, daß diese sich keineswegs über die ältere Schwester erhob, indem sie etwa gegen sie auf ihr einnehmendes Lärvchen gepocht hätte, nur weil sie des schönen Mondes Kind und Gleichnis war und Lea des abnehmenden. So unbelehrt war Rahel nicht, daß sie nicht auch das blöde Gestirn im Recht seines Zustandes geehrt hätte, ja, im Grunde ihres Gewissens mißbilligte sie es, daß Jaakob die Schwester so ganz verwarf und so zügellos-einseitig nur ihr sein ganzes Gefühl zuwandte, obgleich sie weibliche Genugtuung darüber auch wieder nicht ganz aus ihrem Herzen verbannen konnte.

Das Fest des Beilagers war auf den Vollmond der Sommersonnenwende angesetzt worden, und auch Rahel bekannte, daß sie sich freute auf den hohen Tag. Aber wahr ist, daß sie sich auch wieder traurig zeigte in den vorhergehenden Wochen und an Jaakobs Wange und Schulter stille Tränen vergoß, ohne auf sein inniges Fragen anders zu antworten als mit mühsamem Lächeln und einem Kopfschütteln, so rasch, daß ihr die Tränen von den Augen sprangen. Was hatte sie auf dem Herzen? Jaakob verstand es nicht, obgleich auch er damals oft traurig war. Trauerte sie um ihr Magdtum, weil nun die Zeit ihrer Blüte zur Neige ging und sie ein Baum sein sollte, der Früchte trug? Das wäre jene Lebenstrauer gewesen, die keineswegs unvereinbar ist mit dem Glück und die Jaakob zu jener Zeit häufig empfand. Denn des Lebens Hochzeitspunkt ist des Todes Punkt und ein Fest der Wende, da der Mond den Tag seiner Höhe und Fülle begeht und kehrt von nun an sein Angesicht wieder der Sonne zu, in die er versinken soll. Jaakob sollte erkennen, die er liebte, und zu sterben beginnen. Denn nicht bei Jaakob allein sollte fortan alles Leben sein, und nicht allein stehen sollte er länger als Einziger und Herr der Welt; sondern in Söhne sollte er sich lösen und für seine Person des Todes sein. Doch würde er sie lieben, die sein zerteiltes und verschieden gewordenes Leben trugen, weil es das seine war, das er erkennend ergossen hatte in Rahels Schoß.

Zu dieser Zeit hatte er einen Traum, an den er sich, seiner eigentümlich friedlichen und versöhnlichen Traurigkeit wegen, lange erinnerte. Er träumte ihn in warmer Tammuznacht, die er auf dem Felde bei den Hürden verbrachte, während als schmal gebordete Barke der Mond schon am Himmel schwamm, der, zu runder Schönheit gediehen, die Nacht der Wonne bescheinen sollte. Ihm war, als sei er noch auf der Flucht von zu Hause, oder sei es wieder; als müsse er neuerdings in die rote Wüste reiten, und vor ihm her trabte, die Rute waagerecht ausgestreckt, der Spitzohrige, Hundsköpfige, sah sich um und lachte. Es war zugleich immer noch so und wieder so; die Situation, dereinst nicht recht zur Entwicklung gekommen, hatte sich wiederhergestellt, um sich zu ergänzen.

Es war Felsgeröll verstreut, wo Jaakob ritt, und dürres Gestrüpp war alles, was wuchs. Der Üble lief in Windungen zwischen den Brocken und Büschen hin, verschwand dahinter, erschien wieder und sah sich um. Da er aber einmal verschwunden war, blinzelte Jaakob. Und da er nur eben geblinzelt hatte, saß vor ihm das Tier auf einem Stein und war ein Tier noch immer nach seinem Kopf, dem üblen Hundskopf mit spitz hochstehenden Ohren und schnabelhaft vorspringender Schnauze, deren Maulspalte bis zu den Ohren reichte; sein Leib aber war menschlich gestaltet bis zu den wenig bestaubten Zehen und angenehm zu sehen wie eines feinen, leichten Knaben Leib. Er saß auf dem Brocken in lässiger Haltung, etwas vorgeneigt und einen Unterarm auf den Oberschenkel des eingezogenen Beines gelehnt, so daß eine Bauchfalte sich über dem Nabel bildete, und hielt das andere Bein vor sich hingestreckt, die Ferse am Boden. Dies ausgestreckte Bein mit dem schlanken Knie und dem langen und leicht geschwungenen, feinsehnigen Unterschenkel war am wohlgefälligsten zu sehen. Aber an den schmalen Schultern schon, der oberen Brust und dem Halse begannen dem Gotte Haare zu wachsen und wurden zum lehmgelben Pelz des Hundskopfes mit dem weit gespaltenen Maul und den kleinen, hämischen Augen, der ihm anstand, wie eben ein blödes Haupt einem stattlichen Körper ansteht: entwertend und traurig, so daß dies alles, Bein und Brust, nur lieblich gewesen wäre, es aber mit diesem Haupte nicht war. Auch witterte Jaakob, da er herangeritten, in aller Schärfe die beizende Schakaldünstung, die traurigerweise ausging von des Hundsknaben Gestalt. Und wundersam-traurig war es vollends, als jener das breite Maul auftat seiner Schnauze und mit kehlig-mühsamer Stimme zu reden anhob:

»Ap-uat, Ap-uat.«

»Bemühe dich nicht, Sohn des Usiri«, sagte Jaakob. »Du bist Anup, der Führer und Öffner der Wege, ich weiß es. Ich hätte mich gewundert, wenn ich dir hier nicht begegnet wäre.«

»Es war ein Versehen«, sagte der Gott.

»Wie meinst du?« fragte Jaakob.

»Aus Versehen zeugten sie mich«, sprach jener mühsamen Maules, »der Herr des Westens und Nebthot, meine Mutter.«

»Das bedauere ich«, antwortete Jaakob. »Doch wie geschah es nur?«

»Sie hätte nicht meine Mutter sein sollen«, erwiderte der Jüngling, indes sein Maul allmählich gewandter wurde. »Sie war die Unrechte. Die Nacht war schuld. Sie ist eine Kuh, es ist ihr alles einerlei. Sie trägt die Sonnenscheibe zwischen den Hörnern, zum Zeichen, daß jeweils die Sonne in sie eingeht, den jungen Tag mit ihr zu erzeugen, doch das Gebären so vieler heller Söhne hat ihrer Dumpfheit und Gleichgültigkeit niemals Abbruch getan.«

»Ich versuche einzusehen«, sprach Jaakob, »daß das gefährlich ist.«

»Sehr gefährlich«, versetzte nickend der andere. »Blind und in kuhwarmer Güte umfängt sie alles, was in ihr geschieht, und läßt es voll dumpfen Gleichmuts geschehen, ob es gleich nur geschieht, weil es dunkel ist.«

»Schlimm«, sagte Jaakob. »Welche wäre denn aber die Rechte gewesen, dich zu empfangen, wenn es nicht Nebthot war?«

»Das weißt du nicht?« fragte der Hundejüngling.

»Ich kann nicht genau unterscheiden«, antwortete Jaakob, »was ich von mir aus weiß und was ich von dir erfahre.«

»Wüßtest du's nicht«, gab jener zurück, »so könnte ich's dir nicht sagen. Im Anfang, nicht ganz im Anfang, aber ziemlich im Anfang, waren Geb und Nut. Das war der Erde Gott und die Himmelsgöttin. Sie zeugten vier Kinder: Usir, Set, Eset und Nebthot. Eset aber ward des Usir Eheschwester und Nebthot des roten Setech.«

»Soviel ist klar«, sagte Jaakob. »Und hätten die vier diese Anordnung nicht scharf genug im Auge behalten?«

»Zwei von ihnen nicht«, erwiderte Anup. »Leider, nein. Was willst du, wir sind zerstreute Wesen, unaufmerksam und träumerisch-sorglos von Hause aus. Sorge und Vorsicht sind schmutzig-irdische Eigenschaften, doch andererseits, was hat nicht die Sorglosigkeit schon angestiftet im Leben.«

»Nur zu wahr«, bestätigte Jaakob. »Man muß achtgeben. Wenn ich offen sein soll, so liegt es nach meiner Meinung daran, daß ihr nur Abgötter seid. Gott weiß stets, was er will und tut. Er verspricht und hält, er errichtet einen Bund und ist treu bis in Ewigkeit.«

»Welcher Gott?« fragte Anup. Aber Jaakob erwiderte ihm:

»Du verstellst dich. Wenn Erd' und Himmel sich vermischen, so ergibt das allenfalls Helden und große Könige, aber keinen Gott, weder vier noch einen. Geb und Nut, du gibst zu, daß sie nicht ganz am Anfang waren. Woher kamen sie?«

»Aus Tefnet, der großen Mutter«, antwortete es schlagfertig vom Stein.

»Gut, du sagst es, weil ich's weiß«, fuhr Jaakob im Traume fort. »Aber war Tefnet der Anfang? Woher kam Tefnet?«

»Es rief sie der Unentstandene, Verborgene, des Name ist Nun«, erwiderte Anup.

»Ich habe dich nicht nach seinem Namen gefragt«, erwiderte Jaakob. »Aber jetzt fängst du an, vernünftig zu reden, Hundsknabe. Ich hatte nicht die Absicht, mit dir zu rechten. Immerhin bist du ein Abgott. Wie war es also mit deiner Eltern Irrtum?«

»Die Nacht war schuld«, wiederholte der Übelriechende, »und er, der die Geißel trägt und den Hirtenstab, war sorglos zerstreut. Die Majestät dieses Gottes trachtete nach Eset, seiner Eheschwester, und unversehens stieß sie in der blinden Nacht auf Nebthot, des Roten Schwester. Da umfing sie dieser große Gott, vermeinend, es sei die Seine, und beide umfing in vollkommenem Gleichmut die Liebesnacht.«

»Kann so etwas vorkommen!« rief Jaakob. »Was geschah?«

»Es kann leicht vorkommen«, antwortete der andere. »Die Nacht weiß in ihrem Gleichmut die Wahrheit, und nichts sind vor ihr die aufgeweckten Vorurteile des Tages. Denn es ist ein Frauenleib wie der andere, gut zum Lieben, zum Zeugen gut. Nur das Angesicht unterscheidet den einen vom andern und macht, daß wir wähnen, in diesem zeugen zu wollen, aber in jenem nicht. Denn das Angesicht ist des Tages, der voller aufgeweckter Einbildungen ist, aber vor der Nacht, die die Wahrheit weiß, ist es nichts.«

»Du sprichst roh und gefühllos«, sagte Jaakob gequält. »Man hat Gründe, sich dermaßen stumpfsinnig zu äußern, wenn man einen Kopf hat wie du und ein Angesicht, vor das man die Hand halten muß, um überhaupt zu bemerken und zuzugeben, daß dein Bein hübsch und schön ist, wie du es vor dich hinstreckst.«

Anup blickte hinab, zog den Fuß ein zu dem anderen und schob die Hände zwischen seine Knie.

»Laß du mich aus dem Spiel!« sagte er dann. »Ich werde meinen Kopf schon noch los. Willst du also wissen, was weiter geschah?«

»Was denn?« fragte Jaakob.

»Es war«, setzte jener fort, »Usir, der Herr, für Nebthot in der Nacht wie Set, ihr roter Gemahl, und sie für ihn ganz wie Eset, die Herrin. Denn er war zum Zeugen gemacht und sie zum Empfangen, und sonst war der Nacht alles gleichgültig. Und sie entzückten einander im Zeugen und Empfangen, denn da sie zu lieben glaubten, zeugten sie nur. Da ward diese Göttin schwanger von mir, während Eset, die Rechte, es hätte werden sollen.«

»Traurig«, sprach Jaakob.

»Da der Morgen kam, stoben sie auseinander«, berichtete das Jünglingstier; »aber alles hätte gut gehen können, wenn nicht die Majestät dieses Gottes ihren Lotuskranz bei Nebthot vergessen hätte. Den fand der rote Set und brüllte. Seitdem trachtete er dem Usir nach dem Leben.«

»Du berichtest es, wie ich's weiß«, erinnerte sich Jaakob. »Dann kam die Geschichte mit der Lade, nicht wahr, in die der Rote den Bruder lockte, und brachte ihn um vermittelst ihrer, so daß Usir, der tote Herr, im verlöteten Sarge stromabwärts ins Meer schwamm.«

»Und Set wurde König der Länder auf dem Throne Gebs«, ergänzte Anup. »Aber das ist es nicht, wobei ich verweilen will und was diesem deinem Traum sein Gepräge verleiht. Denn der Rote blieb ja nicht lange König der Länder, da Eset den Knaben Hor gebar, der ihn schlug. Aber siehe, als sie nun suchen ging und klagend die Welt durchirrte nach dem Gemordeten, Verlorenen und rief ohn' Unterlaß: ›Komm in dein Haus, komm in dein Haus, Geliebter! O schönes Kind, komm in dein Haus!‹, da war Nebthot bei ihr, das Weib seines Mörders, die der Geopferte irrtümlich umfangen, – auf Schritt und Tritt war sie bei ihr, und sie vertrugen sich innig im Schmerz und klagten zusammen: ›O du, dessen Herz nicht mehr schlägt, ich will dich sehen, o schöner Herrscher, ich will dich sehen!‹«

»Das war friedlich und traurig«, sagte Jaakob.

»Allerdings«, erwiderte der auf dem Stein, »das ist das Gepräge. Denn wer war noch bei ihr und half ihr beim Suchen, Irren und Klagen, damals sowohl wie auch später, da Set den versteckten Leichnam gefunden und ihn zerstückelt hatte in vierzehn Stücke, die Eset suchen mußte, damit der Herr beisammen sei in seinen Gliedern? Das war ich, Anup, der Sohn der Unrechten, die Frucht des Gemordeten, der mit ihr war beim Irren und Suchen, immer an Esets Seite, und sie legte den Arm um meinen Hals beim Wandern, daß ich sie besser stützte, und wir klagten zusammen: ›Wo bist du, linker Arm meines schönen Gottes, wo du doch, Schulterblatt und Fuß seiner Rechten, wo bist du, sein edles Haupt und sein heilig Geschlecht, das ganz verloren scheint, so daß wir es ersetzen wollen durch eine Nachbildung aus Sykomorenholz?‹«

»Unflätig sprichst du, recht wie ein Totengott der beiden Länder«, sagte Jaakob. Aber Anup erwiderte:

»In deinem Stande sollte man Sinn haben für solche Angelegenheiten, denn du bist Bräutigam und sollst zeugen und sterben. Denn im Geschlecht ist der Tod und im Tod das Geschlecht, das ist das Geheimnis der Grabkammer, und das Geschlecht zerreißt die Wickelbinden des Todes und steht auf gegen den Tod, wie es mit dem Herrn Usiri geschah, über welchem Eset als Geierweibchen schwebte und ließ Samen fließen aus dem Toten und begattete sich mit ihm, indes sie klagte.«

›Da tut man am besten, zu erwachen‹, dachte Jaakob. Und indes er noch zu sehen glaubte, wie der Gott sich vom Steine schwang und verschwand, wobei der Ruck des Aufstehens und das Verschwinden ganz eines waren, erwachte er zur Sternennacht bei den Pferchen. Der Traum von Anup, dem Schakal, verwischte sich ihm bald, kehrte gleichsam mit seinen Einzelheiten zurück in das einfache Reiseerlebnis der Wirklichkeit, so daß Jaakob nur an dieses sich noch erinnerte. Und nur eine versöhnliche Traurigkeit blieb noch eine Weile von dem Traum in seiner Seele haften, darum, daß Nebthot, die fälschlich Umarmte, mit Eset gesucht und geklagt und die Verfehlte vom irrtümlich Gezeugten sich hatte schützen und stützen lassen.

Jaakobs Hochzeit

Mit Laban beredete Jaakob sich damals öfter über das nahe Bevorstehende und über das Fest des Beilagers, wie der Baas es im genauen damit zu halten gedachte, und vernahm, daß dieser es großartig vorhatte mit den Anstalten und eine Hochzeit ausrichten wollte, die ihre Art haben würde, der Kosten ungeachtet.

»An den Beutel«, sagte Laban, »wird es mir gehen, da doch der Mäuler viele geworden sind auf dem Hof, und ich soll sie stopfen. Doch soll mich's nicht reuen, denn siehe, die Wirtschaftslage ist nicht ausgemacht schlecht, sondern von mittlerer Gunst dank verschiedenen Umständen, unter denen Isaaks Segen, der mit dir ist, allenfalls auch wohl etwa zu nennen wäre. Darum habe ich mehren können die Armeskräfte und habe zwei Mägde gekauft zu der Schlampe Iltani: Silpa und Bilha, ansehnliche Dirnen. Die will ich am Tage der Hochzeit meinen Töchtern schenken: die Silpa der Lea, meiner Ältesten, und meiner Zweiten die Bilha. Und da du nun freist, wird die Magd auch dein, und sie will ich dir zur Mitgift geben, und in ihren Wert sollen eingerechnet sein zwei Drittel der Mine Silbers, laut unserm Vertrage.«

»Sei geherzt deswegen«, sagte Jaakob achselzuckend.

»Das ist das wenigste«, fuhr Laban fort. »Denn auf meine Rechnung allein wird das Fest kommen, das ich ausrichten will, und will Leute einladen auf den Sabbat daher und dorther und Musikanten zuziehen, die spielen und tanzen sollen, und will zwei Rinder und vier Schafe auf den Rücken legen und die Gäste mit Rauschtrank letzen, daß sie die Dinge doppelt erblicken. Das wird mir an den Beutel greifen, aber ich will's tragen, ohne sauer zu sehen, denn es ist meiner Tochter Hochzeit. Fernerhin habe ich vor, der Braut etwas zu schenken, was sie kleiden und worüber sie sich sehr freuen wird. Ich habe es schon vorzeiten von einem Wandernden gekauft und immer in der Truhe verwahrt, denn es ist kostbar: ein Schleier, daß sich die Braut verschleiere und sich der Ischtar heilige und sei eine Geweihte, du aber hebst ihr den Schleier. Einer Königstochter soll er gehört haben vorzeiten und soll gewesen sein das Jungfrauengewand eines Fürstenkindes, so kunstfertig ist er über und über bestickt mit allerlei Zeichen der Ischtar und des Tammuz; sie aber soll ihr Haupt darein hüllen, die Makellose. Denn eine Makellose ist sie und soll sein wie der Enitu eine, gleich der Himmelsbraut, die die Priester alljährlich beim Ischtarfest zu Babel dem Gotte zuführen und führen sie hinauf vor allem Volk über des Turmes Treppen und durch die sieben Tore und nehmen ihr ein Stück ihres Schmuckes und ihres Gewandes an jedem Tore und am letzten das Schamtuch, und führen die heilig Nackende ins oberste Bettgemach des Turmes Etemenanki. Da empfängt sie den Gott auf dem Bette in dunkelster Nacht, und überaus groß ist das Geheimnis.«

»Hm«, machte Jaakob, denn Laban riß seine Augen auf und spreizte die Finger zu Seiten des Kopfes und tat so weihevoll, wie es dem Erdenkloß gar nicht zu Gesicht stehen wollte für des Neffen Sinn. Laban fuhr fort:

»Es ist wohl fein und lieblich, wenn der Bräutigam Haus und Hof sein eigen nennt oder ist hoch gehalten in seiner Eltern Haus und kommt herrlich daher, die Braut einzuholen und sie mit Gepränge zu führen auf dem Land- oder Wasserwege in sein Eigen und Erbe. Du aber bist, wie du weißt, nichts als ein Flüchtling und Unbehauster, zerfallen mit den Deinen, und sitzest ein bei mir als Eidam, so will ich's auch zufrieden sein. Es wird keinen Brautzug geben zu Lande oder zu Wasser, sondern ihr bleibt bei mir nach dem Mahl und nach dem Gelage; aber wenn ich zwischen euch getreten bin und habe eure Stirnen berührt, so wollen wir's halten nach dem Landesbrauch dieses Falles und dich mit Gesang um den Hof führen ins Bettgemach. Da sollst du sitzen auf dem Bette, eine Blüte in der Hand, und der Braut harren. Denn wir führen auch sie, die Makellose, rund um den Hof mit Fackeln und Gesang, und an der Kammertür löschen wir die Fackeln, und ich führe dir zu die Geweihte und lasse euch, daß du ihr die Blüte reichest im Dunkeln.«

»Ist das Brauch und Rechtens?« fragte Jaakob.

»Weit und breit, du sagst es«, erwiderte Laban.

»So will ich's mir lieb sein lassen«, erwiderte Jaakob. »Ich nehme übrigens an, daß doch wohl eine Fackel wird brennen bleiben oder eines Lämpchens Docht, damit ich meine Braut sehen kann, wenn ich ihr die Blüte reiche und nachher.«

»Schweig!« rief Laban. »Ich möchte wissen, was dir einfällt, so unkeusch zu reden und noch dazu vor dem Vater, dem es ohnehin bitter und peinlich ist, sein Kind einem Manne zuzuführen, daß er es aufdecke und beschlafe. Halte wenigstens vor mir deine geile Zunge im Zaum und verschließe in dich deine übergroße Lüsternheit! Hast du nicht Hände, zu sehen, und mußt du die Makellose auch noch mit Augen verschlingen, um dir die Lust zu schärfen durch ihre Scham und das Zittern ihrer Jungfräulichkeit? Achte das Geheimnis der obersten Turmeszelle!«

»Entschuldige«, sagte Jaakob, »und vergib mir! Ich habe es nicht so unkeusch gemeint, wie es sich ausnimmt in deinem Munde. Ich hätte die Braut nur gern mit Augen gesehen. Aber wenn es Brauch ist weit und breit, wie du es vorschreibst, so will ich's vorerst zufrieden sein.« –

Also kam der Tag der vollen Schönheit heran und das Fest des Beilagers, und bei Laban, dem glückhaften Schafzüchter, gab es ein Schlachten, Kochen, Braten und Brauen in Hof und Haus, daß es ein Dunst und Geprassel war und allen die Augen flossen vom beizenden Qualm der Feuer, die unter Kesseln und Öfen brannten; denn Laban sparte an Holzkohle und heizte fast nur mit Dornen und Mist. Herrschaft und Ingesinde, Jaakob mit eingeschlossen, regten die Hände, Bewirtung herzustellen für viele und anzurichten das Dauergelage; denn sieben Tage sollte die Hochzeit währen, und unerschöpflich mußten sich unterdessen, sollte nicht Spott und Schande über die Wirtschaft kommen, die Vorräte an Kuchen, Kringeln und Fischbrot, an Dicksuppen, Musen und Milchspeisen, Bier, Fruchtwassern und starken Schnäpsen erweisen – der Hammelbraten und Rindskeulen hier nicht einmal zu gedenken. Sie sangen Lieder bei ihren Hantierungen für Uduntamku, den Feisten, welcher dem Essen vorsteht, den Gott des Bauches. Alle sangen und schafften sie: Laban und Adina, Jaakob und Lea, die Schlampe Iltani und Bilha und Silpa, der Töchter Mägde, Abdcheba, der Zwanzig-Schekel-Mann, und die jüngst erworbenen Knechte. Labans späte Söhne liefen jauchzend im Hemdchen durchs Getriebe, glitschten aus im vergossenen Schlachtblut und besudelten sich, daß ihnen der Vater die Ohren drehte und sie heulten wie Schakale; und nur Rahel saß still und untätig für sich im Hause, denn sie durfte den Bräutigam jetzt nicht sehen, noch er die Braut, und betrachtete das kostbare Schleiergewirk, das ihr der Vater geschenkt und das sie tragen sollte beim Feste. Es war herrlich zu sehen, ein Prunkstück der Webekunst und der Kunst des Stickens, – ein unverdienter Glückszufall schien es, daß dergleichen in Labans Haus und Truhe geraten war; der Mann, der es ihm wohlfeil überlassen, mußte sich in bedrängten Umständen befunden haben.

Es war groß und weitläufig, ein Kleid und Überkleid, mit weiten Ärmeln zum Hineinfahren, wenn man wollte, und so geschnitten, daß ein Teil davon verhüllend über das Haupt zu ziehen oder auch um Haupt und Schultern zu winden war, oder man mochte es über den Rücken hinabhängen lassen. Sonderbar ungewiß war das jungfräuliche Gewand in den Händen zu wiegen, denn es war leicht und schwer zugleich und von ungleicher Schwere da und dort: leicht durch sein äußerst blaßblaues Grundgewebe, so fein gesponnen, als sei es ein Hauch der Luft, ein Nebel und Nichts, in einer Hand zusammenzupressen, daß man es nicht mehr sähe, und wieder von überall eingesprengter Schwere, durch die Bildstickereien, die es bunt und glitzernd bedeckten, ausgeführt in dichter, erhabener Arbeit, golden, bronzen, silbern und in allerlei Farbe des Fadens: weiß, purpurn, rosa, olivenfarben, auch schwarz und weiß und bunt zusammengefügt, wie man in Schmelzfarben malt, – die sinnigsten Zeichen und Bilder. Ischtar-Mami's Figur war oft und in verschiedener Ausführung dargestellt, nackt und klein, wie sie mit den Händen Milch aus ihren Brüsten preßt, Sonne und Mond zu ihren Seiten. Überall kehrte vielfarbig der fünfstrahlige Stern wieder, der ›Gott‹ bedeutet, und silbern glänzte öfters die Taube, als Vogel der Liebes- und Muttergöttin, im Gewebe. Gilgamesch, der Held, zu zwei Dritteilen Gott und zu einem Mensch, war da zu sehen, wie er im Arm einen Löwen drosselt. Deutlich erkannte man das Skorpionmenschenpaar, das am Ende der Welt das Tor bewacht, durch welches die Sonne zur Unterwelt eingeht. Man sah unterschiedliches Getier, einst Buhlen der Ischtar, verwandelt von ihr, einen Wolf, eine Fledermaus, dieselbe, die einst Ischallanu, der Gärtner, gewesen. In einem bunten Vogel aber erkannte man Tammuz, den Schäfer, den ersten Gesellen ihrer Wollust, dem sie Weinen bestimmt hatte Jahr für Jahr, und nicht fehlte der feuerhauchende Himmelsstier, den Anu entsandte gegen Gilgamesch um Ischtars enttäuschten Verlangens und brünstiger Klage willen. Da Rahel das Kleid ließ durch ihre Hände gehen, sah sie einen Mann und ein Weib sitzen zu beiden Seiten eines Baumes, nach dessen Früchten sie die Hände streckten; aber im Rücken des Weibes bäumte sich eine Schlange. Und ein heiliger Baum wiederum war gestickt: an dem standen zwei bärtige Engel gegeneinander und berührten ihn zur Befruchtung mit den schuppigen Zapfen der männlichen Blüte; über dem Lebensbaum aber schwebte, von Sonne, Mond und Sternen umgeben, das Zeichen der Weiblichkeit. Auch waren Sprüche mit eingestickt, in breitspitzen Zeichen, die lagen und schräg oder gerade standen und sich verschiedentlich kreuzten. Und Rahel entzifferte: »Ich habe mein Kleid ausgezogen, soll ich's wieder anziehen?«

Sie spielte viel mit dem bunten Gespinst, dem Schleierprunkgewande; sie schlang es um sich, drehte und wendete sich darin und drapierte sich erfinderisch mit seiner bilderreichen Durchsichtigkeit. Das war ihre Unterhaltung, während sie eingezogen wartete und die anderen das Fest rüsteten. Zuweilen erhielt sie Besuch von Lea, ihrer Schwester. Auch diese versuchte dann die Schönheit des Schleiers an ihrer Person, und danach saßen sie zusammen, das Gewebe in ihren Schößen, und weinten, indes sie einander streichelten. Warum weinten sie? Das war ihre Sache. Doch so viel sagen wir, daß jede es aus besonderem Grunde tat.

Wenn Jaakob sich schwimmenden Blickes erinnerte und alle Geschichten, die sich in seine Miene geschrieben und von denen sein Leben schwer und würdig war, in ihm auferstanden und sinnende Gegenwart wurden, wie es geschah, als er mit dem roten Zwilling den Vater begrub: der Tag und die Geschichte waren dann gegenwartsmächtig vor allen, die ihm eine so schrecklich sinnverstörende Niederlage und Demütigung seines Gefühles zugefügt hatten, daß seine Seele es lange nicht verwand und eigentlich erst wieder zum Glauben an sich selber genas in einem Gefühl, das die Auferstehung des damals zerrissenen und geschändeten war, – vor allem lebendig waren ihm dann seiner Hochzeit Tag und Geschichte.

Sie hatten sich alle gewaschen an Haupt und Gliedern, die Labansleute, im Segenswasser des Teichs, hatten sich gesalbt und gekräuselt nach Gebühr, das Feierkleid angetan und viel Duftöl verbrannt, die einlangenden Gäste mit süßem Dunst zu empfangen. Die waren gekommen, zu Fuß, zu Esel und auf Karren, gezogen von Rindern und Maultieren, Männer allein und Männer mit Frauen, auch sogar Kinder, wenn man sie nicht hatte zu Haus lassen können: Bauern und Viehzüchter der Umgegend, gesalbt und gekräuselt und in Festkleidern ebenfalls, Leute, dem Laban gleich, von schweren Sitten wie er und ebenso wirtschaftlich denkend. Sie hatten gegrüßt, die Hand an der Stirne, nach der Gesundheit gefragt und sich dann niedergelassen in Haus und Hof, um Kessel und behangene Tische, auf daß man Wasser gösse über ihre Hände und sie schnalzend begönnen das Dauermahl, unter Anrufen von Schamasch und Lobpreisungen Labans, des Gastgebers und Hochzeitvaters. Im äußeren Wirtschaftshofe zwischen den Speichern sowohl wie auf dem inneren, gepflasterten, rings um den Stein der Darbringung, auf des Hauses Dach und in der umlaufenden Holzgalerie ward das Gelage gehalten, und beim Opferstein hielten sich die zu Charran gemieteten Musikanten, Harfenisten, Pauker und Cymbelspieler, die auch tanzen konnten. Der Tag war windig, der Abend war es noch mehr. Wolken glitten über den Mond und verbargen ihn zeitweise ganz, was nicht wenigen, ohne daß sie es geradezu aussprachen, als schlimmes Zeichen erschien; denn es waren einfache Leute und unterschieden nicht zwischen einer Verdunkelung des Antlitzes durch Wolken und eigentlicher Verfinsterung. Der schwüle Wind, der seufzend durchs Haus strich, sich pfeifend im Rohr der Speicherhütten verfing, die Pappeln knarren und rauschen ließ, wühlte in den Gerüchen der Hochzeit, den Salbendünsten der Tafelnden, dem Speisebrodem, vermischte sie, trieb sie in Schwaden umher und schien die rauchenden Flammen von den Dreifüßen reißen zu wollen, auf denen man Nardengras und Budulhuharz verbrannte. Dies windverwirrte Gedünst und Spezereien, Festschweiß und Bratenwürze meinte Jaakob allezeit beizend in seiner Nase zu spüren, wenn er der Geschehnisse gedachte von damals.

Er saß mit den Labansleuten unter anderen Schmausenden im Obersaal, dort, wo er vor sieben Jahren zuerst das Brot mit der fremden Verwandtschaft gebrochen, saß mit dem Hofherrn, seinem fruchtbaren Weibe und ihren Töchtern zu Tische vor allerlei Nachkost und Gaumenkurzweil, die auf dem Tuche gehäuft war, als Süßbrot, Datteln, Knoblauch und Gurken, und tat den Gästen Bescheid, die gegen ihn und die Wirte den Becher mit Rauschtrank hoben. Rahel, seine Braut, die er gleich empfangen sollte, saß neben ihm, und zuweilen küßte er den Saum des Schleiers, der sie in bildbeschwerten Falten verhüllte. Sie hob ihn kein einzigmal zum Essen und Trinken; vor dem Mahle, schien es, hatte man die Geweihte gespeist. Sie saß still und stumm, neigte nur demütig das verhangene Haupt, wenn er den Schleier küßte, und auch Jaakob saß stumm und festbetäubt, eine Blüte in der Hand, ein weiß-blühendes Myrtenzweiglein aus Labans bewässertem Garten. Er hatte Bier getrunken und Dattelwein, sein Sinn war benommen, und seine Seele wollte sich nicht in Gedanken lösen und nicht sich erheben zu betrachtender Dankbarkeit, sondern war schwer in seinem geölten Leibe, und sein Leib war seine Seele. Er wollte gern denken und recht erfassen, wie Gott dies alles bereitet, wie er dem Flüchtling einst die Geliebte entgegengeführt, das Menschenkind, das er nur sehen mußte, um es für sein Herz zu erwählen ewiglich und es zu lieben in alle Zeit und Zukunft, über es selbst hinaus, in den Kindern noch, die es bringen würde seiner Zärtlichkeit. Er trachtete, sich seines Sieges zu freuen über die Zeit, die bittere Wartezeit, mutmaßlich ihm auferlegt zur Sühne für Esau's Verkürzung und bitteres Weinen; ihn Gott, dem Herrn, lobpreisend zu Füßen zu legen, diesen Sieg und Triumph, denn seiner war es, und Gott hatte durch ihn und seine nicht untätige Geduld die Zeit, das siebenköpfige Ungetüm, bezwungen, wie einst den Chaoswurm, so daß nun Gegenwart war, was innig wartender Wunsch gewesen, und Rahel neben ihm saß im Schleier, den er heben sollte über ein kleinstes. Er trachtete, mit der Seele seines Glückes teilhaftig zu sein. Aber mit dem Glücke ist es wie mit dem Warten darauf, welches, je länger es währte, desto weniger reines Warten war, sondern versetzt mit Lebenmüssen und geschäftlicher Strebsamkeit. Kommt nun das tätig erwartete Glück, so ist es auch nicht aus Götterstoff, wie es in der Zukunft schien, sondern ist leibliche Gegenwart worden und hat Leibesschwere, wie alles Leben. Denn das Leben im Leibe ist niemals Seligkeit, sondern halbschlächtig und zum Teil unangenehm, und wenn das Glück leibliches Leben wird, so wird es mit ihm die Seele, die es erharrte, und ist nichts anderes mehr als der Leib mit ölgetränkten Poren, zu dessen Sache das einst ferne und selige Glück nun geworden.

Jaakob saß und spannte die Schenkel und dachte an sein Geschlecht, zu dessen Sache das Glück nun geworden und das sich über ein kleinstes gewaltig sollte bewähren dürfen und müssen im heiligen Dunkel der Bettkammer. Denn sein Glück war Hochzeitsglück und ein Fest der Ischtar, umräuchert von Würzdampf, begangen mit Völlerei und Trunkenheit, während es einst Gottes Sache gewesen war und geruht hatte in seiner Hand. Wie es dem Jaakob einst leid gewesen ums Warten, wenn er es vergessen mußte in Leben und Regsamkeit, so war's ihm leid um Gott, welcher der Großherr des Lebens und aller ersehnten Zukunft war, aber die Herrschaft der verwirklichten Stunde hingeben mußte den Sonder- und Abgöttern der Leiblichkeit, in deren Zeichen die Stunde stand. Darum küßte Jaakob das nackte Bildnis der Ischtar, wenn er den Saum hob vom Schleier Rahels, die neben ihm saß als reines Opfer der Zeugung.

Ihm gegenüber saß Laban, vorgebeugt gegen ihn, die schweren Arme auf die Tischplatte gestützt, und betrachtete ihn schwer und unverwandt.

»Freue dich, Sohn und Schwestersohn, denn deine Stunde ist da und der Tag des Lohnes, und soll dir gezahlt werden der Lohn nach Recht und Vertrag für sieben Jahre, die du gefront hast meinem Haus und Betriebe zu des Wirtschaftshaupts leidlicher Zufriedenheit. Und ist nicht Ware noch Geld, sondern ein Mägdlein zart, meine Tochter, deren dein Herz begehrt, die sollst du haben nach Herzenslust, und soll dir gehorsamen in den Armen. Mich wundert's, wie dir das Herz schlafen mag, denn die Stunde ist groß für dich, eine Lebensstunde wahrhaftig, gleichzuachten deines Lebens größesten, sollte ich meinen, groß wie die Stunde, da du im Zelte vom Vater den Segen gewannst, wie du mir einst erzähltest, Schlaukopf und einer Schlauköpfin Sohn!«

Jaakob hörte nicht. Laban aber neckte ihn derb vor den Gästen und sprach:

»Sage doch, Eidam, he, hör mal, wie ist dir's zu Mute? Graust es dir wohl vor dem Glücke, daß du die Braut umfangen sollst, und hast du nicht Angst wie damals, als es um den Segen ging und du eintratest beim Vater mit schlotternden Knien? Sagtest du nicht, es sei dir der Schweiß die Schenkel hinuntergelaufen vor Not und Furcht, und gar die Stimme hätte es dir verschlagen, da du den Segen gewinnen solltest vor Esau, dem Verfluchten? Glückspilz, daß dir die Freude nur nicht einen Streich spielt, wenn es gilt, und verschlägt dir die Zeugungskraft! Die Braut könnt' es übel vermerken.«

Da lachten sie dröhnend im Obersaal, und Jaakob küßte lächelnd noch einmal das Bild der Ischtar, der Gott die Stunde gegeben. Laban aber stand schwerfällig auf und wankte etwas und sprach:

»Nun, wohlan denn, sei es darum, schon ist's Mitternacht, tretet heran, ich tu' euch zusammen.«

Da drängten sich alle herzu, um zu sehen, wie Braut und Bräutigam vor dem Brautvater knieten auf dem Estrich, um zu hören, wie Jaakob Rede stand nach dem Brauch. Denn Laban befragte ihn, ob dies Weib seine Ehefrau sein solle und er ihr Mann, und ob er ihr wolle die Blüte reichen, was er bejahte. Und fragte, ob er wohlgeboren sei, ob er reich machen wolle diese Frau und ihren Schoß fruchtbar. Und Jaakob antwortete, er sei der Sohn eines Großen und wolle ihren Schoß füllen mit Silber und Gold und fruchtbar machen diese Frau gleich der Frucht des Gartens. Da berührte Laban ihrer beider Stirnen, trat zwischen sie und legte ihnen die Hände auf. Dann hieß er sie aufstehen und einander umarmen, so waren sie vermählt. Und führte die Geweihte zurück zur Mutter, den Eidam aber nahm er bei der Hand und führte ihn vor den nachdrängenden Gästen, die anfingen zu singen, die Ziegelstiege hinab in den gepflasterten Hof, da setzten die Musikanten sich an die Spitze. Nach diesen kamen Knechte mit Fackeln und nach ihnen Kinder in Hemden mit Räucherfäßchen, die zwischen Ketten hingen. In den Wolken Wohlgeruchs, die sie aufwirbelten, ging Jaakob, geleitet von Laban, und hielt in der Rechten den weißblühenden Myrtenzweig. Er sang nicht mit die hergebrachten Lieder, die im Gehen erschollen, und nur wenn Laban ihn in die Seite stieß, daß er den Mund auftue, summte er etwas. Laban aber sang mit in schwerem Baß und hatte die Lieder am Schnürchen, die süß und verliebt waren und von dem liebenden Paare handelten, von ihm und ihr im allgemeinen, die im Begriffe sind, Beilager zu halten, und es beiderseits kaum erwarten können. Von dem Zug war die Rede, in dem man wirklich ging: er nahte von der Steppe her, und Rauch von Lavendel und Myrrhe stieg. Das war der Bräutigam, sein Haupt trug die Krone, seine Mutter hatte ihn mit greisen Händen geschmückt für seinen Hochzeitstag. Auf Jaakob paßte das nicht, seine Mutter war fern, er war nur ein Flüchtling, und es traf nicht zu auf seinen Sonderfall, was sie sangen, daß er die Geliebte führe ins Haus seiner Mutter, ins Gemach derer, die ihn geboren. Aber ebendeshalb, so schien es, sang Laban es so gewaltig mit, um das Muster zu Ehren zu bringen vor der mangelhaften Wirklichkeit und Jaakob den Unterschied spüren zu lassen. Und dann war es der Bräutigam des Liedes, der sprach, und die Braut war es, die ihm inbrünstig antwortete, und sie tauschten entzückte Lob- und Sehnsuchtsreden. Schließlich aber beschworen sie jedermann und legten Fürbitte ein das eine fürs andere, daß man sie nicht vorzeitig wecke, wenn sie in Wollust entschlafen seien, sondern ruhen lasse den Bräutigam und ausgiebig schlummern die Braut, bis sie von selber sich wieder regten. Bei den Rehen und Hirschkühen des Feldes beschworen sie die Leute darum im Liede, das alle im Schreiten mit innerer Anteilnahme sangen, und auch die räuchernden Kinder sangen es durchdringend mit, ohne es genau zu verstehen. So ging der Zug in der windigen, mondverfinsterten Nacht um Labans Anwesen, einmal und zweimal und kam vors Haus und vor des Hauses Türe aus Palmholz, da preßte er sich hindurch, die Musikanten voran, und kam vors Bettgemach zu ebener Erde, das auch eine Tür hatte, und Laban führte den Jaakob hinein an seiner Hand. Er ließ hinleuchten mit den Fackeln, damit Jaakob sich umsähe im Zimmer und erkenne, wo Tisch und Bett standen. Dann wünschte er ihm gesegnete Manneskraft und wandte sich zum Gefolge, das sich in der Tür staute. Sie zogen davon, indem sie den Gesang wieder anstimmten, und Jaakob blieb allein.

Deutlicher erinnerte er sich an nichts noch nach Jahrzehnten, im hohen Alter noch und noch auf dem Sterbebett, wo er weihevoll davon kündete, als wie er allein gestanden hatte in der Finsternis des Brautgemachs, darin es wehte und zog; denn der Nachtwind fuhr heftig durch die Fensterluken unter der Decke herein und wieder hinaus durch die nach dem inneren Hof gelegenen Luken, verfing sich in den Stoff- und Teppichgehängen, womit man, wie Jaakob im Fackelscheine gesehen, die Wände geschmückt hatte, und erregte Geflatter und Schlagen. Es war der Raum, unter dem das Archiv und Grabgelaß mit den Teraphim und den Quittungen gelegen war; mit dem Fuß spürte Jaakob durch den dünnen Teppich hindurch, den man zur Hochzeit hier ausgebreitet, den Griffring der kleinen Falltür, durch die man hinabgelangte. Auch das Bett hatte er gesehen und trat zu ihm mit ausgestreckter Hand. Es war das beste Bett im Hause, eines von dreien, Laban und Adina hatten darauf gesessen bei jener ersten Abendmahlzeit vor sieben Jahren: ein Sofa auf Füßen, die mit Metall umkleidet waren, und auch die gerundete Kopfstütze war aus polierter Bronze. Man hatte Decken aufs Holzgestell gebreitet und Leinwand darüber getan, wie Jaakob fühlte, und Kissen lehnten auch an der Kopfstütze; nur schmal war das Bett. Auf der Tischplatte, nahebei, war Bier und ein Imbiß bereitgestellt. Zwei Stuhltaburetts gab es im Zimmer, die auch mit Stoff überhangen waren, und Lampenständer zu Häupten des Bettes. Doch war kein Öl in den Lampen.

Dies prüfte Jaakob in wehender Finsternis und stellte es fest, indes das Geleite mit Lärm und Getrampel das Haus und den Hof erfüllte, die Braut zu holen. Dann setzte er sich auf das Bett, die Blüte in der Hand, und lauschte. Sie ließen wieder das Haus zum Umzuge, Harfen und Cymbeln voran, mit Rahel, der Liebreizenden, der all sein Herz gehörte und die im Schleier ging. Laban führte sie an der Hand, wie vordem ihn, vielleicht auch Adina, und wieder klangen die verliebten Hochzeitslieder im Chor, bald näher, bald ferner. Da sie sich endgültig näherten, sangen sie:

»Mein Freund ist mein, er ist gänzlich mein eigen.
Ich bin ein verschlossener Garten, voll lockender Früchte, der feinsten Würzdüfte voll.
Komm, Geliebter, in deinen Garten!
Pflücke kühn seine lockenden Früchte, schlürfe in dich das Labsal ihres Saftes!«

Da waren die Füße derer, die es sangen, vor der Tür, und die Tür öffnete sich ein wenig, daß Gesang und Geklimper einen Augenblick ungehindert hereindrang, und die Verschleierte war im Zimmer, eingelassen von Laban, der gleich die Tür wieder schloß; und sie waren allein im Dunkeln.

»Bist du es, Rahel?« fragte Jaakob nach einer kurzen Weile, während er gewartet hatte, daß die draußen sich etwas verzögen … Er fragte es, wie einer fragt: »Bist du zurück von der Reise?«, wo doch der Angeredete vor ihm steht und es nicht gut anders sein kann, als daß er zurück ist, so daß die Frage nur Unsinn ist, um die Stimme antönen zu lassen, und jener nicht antworten, sondern nur lachen kann. Doch hörte Jaakob, wie sie bejahend den Kopf neigte, kannte es an dem leichten Rauschen und Klappern des leicht-schweren Schleiergewandes.

»Du Liebe, Kleine, mein Täubchen und Augapfel, Herz meiner Brust«, sagte er innig. »Es ist so finster und weht … Ich sitze hier auf dem Bette, wenn du es nicht gesehen hast, geradeaus ins Zimmer hinein und dann etwas rechts. Komm doch, aber stoße dich nicht an dem Tisch, sonst tritt danach ein schwarzblauer Fleck auf deiner zärtlichen Haut hervor, und du stößt auch das Bier um. Ich bin nicht durstig nach ihm, das nicht, ich bin nur durstig nach dir, mein Granatapfel – wie gut, daß sie dich zu mir geführt haben und ich nicht länger allein sitze im Winde. Kommst du jetzt? Ich ginge dir gerne entgegen, aber ich darf wohl nicht, denn es ist Brauch und Rechtens, daß ich dir sitzend die Blüte reiche, und obgleich niemand uns sieht, wollen wir einhalten das Vorgeschriebene, damit wir recht vermählt sind, wie wir es unbeugsam gewünscht durch so viele Wartejahre.«

Dies überwältigte ihn; seine Stimme brach sich. Die Vorstellung der Zeit, die er ausgestanden in Geduld und Ungeduld um dieser Stunde willen, ergriff ihn mächtig mit tiefer Rührung, und der Gedanke, daß sie mit ihm gewartet hatte und auch ihrerseits sich am Ziel ihrer Wünsche sah, jagte ihm in der Rührung das Herz auf. Das ist die Liebe, wenn sie vollständig ist: Rührung und Lust auf einmal, Zärtlichkeit und Begehren, und während dem Jaakob vor Erschütterung die Tränen aus den Augen quollen, spürte er zugleich die Spannung seiner Mannheit.

»Da bist du«, sagte er, »du hast mich gefunden im Dunkeln, wie ich dich fand nach mehr als siebzehntägiger Reise, und kamst daher unter den Schafen und sprachst: ›Ei, siehe, ein Fremder!‹ Da erkoren wir einander unter den Menschen, und ich habe gedient um dich sieben Jahre, und die Zeit liegt zu unseren Füßen. Hier, mein Reh, meine Taube, hier ist die Blüte! Du siehst und findest sie nicht, so führe ich deine Hand zum Zweiglein, daß du es nimmst, und ich gebe es dir: da sind wir eines. Deine Hand aber behalte ich, da ich sie so liebe und liebe den Knöchel ihres Gelenkes, mir wohlbekannt, daß ich ihn wiedererkenne zu meiner Freude im Finstern, und ist mir deine Hand wie du selbst und wie dein ganzer Leib – der aber ist wie eine Garbe Weizens, mit Rosen umkränzt. Liebling, meine Schwester, laß dich doch herab zu mir an meine Seite, ich rücke, so ist Platz für zwei, und wäre für dreie Platz, wenn es not täte. Aber wie gut ist Gott, daß er uns läßt zu zweien sein, abseits von allen, mich bei dir und dich bei mir! Denn ich liebe nur dich um deines Antlitzes willen, das ich jetzt nicht sehe, aber tausendmal sah und vor Liebe küßte, denn seine Lieblichkeit ist es, die deinen Leib kränzt wie mit Rosen, und wenn ich denke, daß du Rahel bist, mit der ich oft gewesen, aber so noch nicht; auf die ich gewartet, und die auf mich gewartet und auch jetzt auf mich wartet und auf meine Zärtlichkeit, so kommt mich ein Entzücken an, stärker als ich, so daß es mich überwältigt. Dunkelheit hüllt uns dichter ein als der Schleier, mit dem sie dich Reine geschmückt, und unseren Augen ist Finsternis vorgebunden, so daß sie nicht über sich selber hinaussehen, und sind blind. Aber nur sie sind es, Gott sei Dank, und sonst keiner unserer Lebenssinne. Hören wir ja einander, wenn wir sprechen, und die Finsternis scheidet uns nicht mehr. Sage mir doch, meine Seele, bist auch du entzückt von der Größe der Stunde?«

»In Wonne bin ich dein, lieber Herr«, sagte sie leise.

»Das hätte können Lea sagen, deine größere Schwester«, erwiderte er. »Nicht dem Sinne nach, aber der Mundart nach, begreiflicherweise. Die Stimmen von Schwestern gleichen sich wohl, und verwandt lautend kommen die Worte aus ihren Mündern. Denn derselbe Vater zeugte sie in derselben Mutter, und sind ein wenig unterschieden in der Zeit und wandeln getrennt, aber sind eins im Schoße des Ursprungs. Siehe, ich fürchte mich etwas vor meinen blinden Worten, denn ich hatte leicht sagen, es vermöchte die Finsternis nichts über unsere Rede, da ich doch spüre, daß die Dunkelheit in meine Worte dringt und sie tränkt, so daß ich etwas vor ihnen erschrecke. Laß uns preisen die Unterscheidung, und daß du Rahel bist und ich Jaakob bin und zum Beispiel nicht etwa Esau, mein roter Bruder! Die Väter und ich, wir haben wohl nachgesonnen manche Zeit bei den Hürden, wer Gott sei, und unsere Kinder und Kindeskinder werden uns folgen im Sinnen. Ich aber sage zu dieser Stunde und mache hell meine Rede, daß die Finsternis von ihr zurückweicht: Gott ist die Unterscheidung! Darum, so hebe ich dir nun den Schleier, Geliebte, daß ich dich sehe mit sehenden Händen, und lege ihn besonnen auf einen Sessel, der hier steht, denn er ist kostbar an Bildern, und wir wollen ihn vererben durch die Geschlechter, und sollen ihn tragen die Lieblinge unter den Zahllosen. Siehe, hier ist dein Haar, schwarz, aber lieblich, ich kenne es so genau, ich kenne seinen Duft, der einzig ist, ich führe es an meine Lippen, und was vermag da die Finsternis? Sie kann sich nicht drängen zwischen meine Lippen und dein Haar. Hier sind deine Augen, lächelnde Nacht in der Nacht, und ihre zarten Höhlen, und ich erkenne die sanften Gegenden unterhalb ihrer, von wo ich so manchesmal Tränen der Ungeduld wegküßte, daß meine Lippen naß waren. Hier sind deine Wangen, weich wie Vogelflaum und wie die köstlichste Wolle ausländischer Ziegen. Hier deine Schultern, die meinen Händen fast stattlicher erscheinen, als sie den Augen wohl vorkommen am Tage, deine Arme hier und hier –«

Er verstummte. Da seine sehenden Hände ihr Antlitz verließen und fanden ihren Leib und die Haut ihres Leibes, rührte Ischtar sie beide an bis ins Mark, es hauchte der Himmelsstier, und sein Odem war ihrer beider Odem, der sich vermischte. Und war dem Jaakob das Labanskind eine herrliche Gesellin diese ganze wehende Nacht hindurch, groß in der Wollust und rüstig zu zeugen, und empfing ihn öfters und abermals, so daß sie's nicht zählten, die Hirten aber antworteten einander, es sei neunmal gewesen.

Später schlief er am Boden auf ihrer Hand, denn das Bett war schmal, und er wollte ihr Platz und Bequemlichkeit lassen zu ihrer Ruhe. Darum schlief er neben der Bettstatt kauernd, die Wange auf ihrer Hand, die am Rande lag. Der Morgen dämmerte. Trübrot und stille geworden stand er vor den Luken und erfüllte mit langsamer Aufhellung das Brautgemach. Es war Jaakob, der zuerst erwachte: vom Tagesschein, der unter seine Lider drang, und von der Stille, denn bis tief in die Nacht war viel Lärmens und Lachens gewesen in Haus und Hof vom fortwährenden Gelage, und erst gegen Morgen, als die Neuvermählten schon schliefen, war Ruhe geworden. Auch hatte er's unbequem, wenn auch mit Freuden, – so erwachte er leichter. Er regte sich, spürte ihre Hand, gedachte, wie alles stand, und wandte den Mund hin, die Hand zu küssen. Dann hob er den Kopf, um nach der Lieben zu sehen und nach ihrem Schlummer. Mit Augen, schwer und klebrig vom Schlaf, die noch geneigt waren, sich zu verdrehen, und ihren Blick noch nicht finden wollten, schaute er hin. Da war's Lea.

Er senkte die Augen und schüttelte lächelnd das Haupt. Ei, dachte er, während es ihm doch schon zu grausen begann um Herz und Magen; ei siehe, ei sieh! Spöttischer Morgentrug, possierliches Blendwerk. Den Augen war Finsternis vorgehangen – nun, da sie frei sind, stellen sie sich blöde an. Sind wohl Schwestern einander heimlich so ähnlich, obgleich die Ähnlichkeit gar nicht nachweisbar ist in ihren Zügen, und wenn sie schlafen, wird man's gewahr? Sehen wir nun also besser hin!

Aber er sah noch nicht hin, denn er fürchtete sich, und was er bei sich redete, war nur Geschwätz des Grausens. Er hatte gesehen, daß sie blond war und ihre Nase etwas gerötet. Er rieb sich die Augen mit den Knöcheln und zwang sich zu schauen. Es war Lea, die schlief.

In seinem Kopf taumelten die Gedanken. Wie kam Lea hierher, und wo war Rahel, die man zu ihm eingelassen und die er erkannt hatte diese Nacht? Er strauchelte rückwärts vom Bette weg, in die Mitte des Zimmers, und stand da im Hemd, die Fäuste an den Wangen. »Lea!« schrie er aus verschnürter Kehle. Sie saß schon aufrecht. Sie blinzelte, lächelte und senkte die Lider über die Augen, wie er es oftmals bei ihr gesehen. Ihre eine Schulter und Brust waren bloß; die waren weiß und schön.

»Jaakob, mein Mann«, sagte sie, »laß es so sein nach des Vaters Willen. Denn er hat's gewollt und also geordnet, und die Götter sollen mir geben, daß du's ihm und ihnen noch dankst.«

»Lea«, stammelte er, indem er auf seine Gurgel deutete, seine Stirn und sein Herz, »seit wann bist du es?«

»Immer war ich's«, antwortete sie, »und war dein diese Nacht, seit ich eintrat im Schleier. Immer war ich dir zärtlich bereit, so gut wie Rahel, seit ich dich zuerst vom Dache erblickt, und hab' dir's bewiesen, denke ich wohl, diese ganze Nacht. Denn sage selbst, ob ich dir nicht gedient habe, wie nur irgendein Weib es könnte, und war wacker in der Lust! Ich bin im Innersten sicher, daß ich empfangen habe von dir, und wird ein Sohn sein, stark und gut, und soll geheißen sein Re'uben.«

Da dachte Jaakob nach und besann sich, wie er sie für Rahel gehalten diese Nacht, und ging hin an die Wand und legte den Arm daran und die Stirn auf den Arm und weinte bitterlich.

So stand er eine längere Weile, zerrissenen Gefühls, und jedesmal, wenn sich ihm der Gedanke erneuerte, wie er geglaubt und erkannt hatte, wie all sein Glück nur Trug gewesen und ihm die Stunde der Erfüllung geschändet worden war, für die er gedient und die Zeit besiegt hatte, so war ihm, als wollte sein Magen und Hirn sich umkehren, und er verzweifelte an seiner Seele. Lea aber wußte nichts mehr zu sagen und weinte nur manchmal ebenfalls, wie sie schon vorher mit der Schwester geweint. Denn sie sah, wie wenig sie es gewesen war, die ihn ein übers anderemal empfangen hatte, und nur der Gedanke, daß sie wahrscheinlich nun einmal jedenfalls einen starken Sohn namens Ruben von ihm empfangen habe, stärkte ihr zwischenein das Herz.

Da ließ er sie und stürzte aus dem Zimmer. Fast wäre er gestrauchelt über Schläfer, die draußen lagen und überall in Haus und Hof, in der Unordnung des gestrigen Festmahls, auf Decken und Matten oder auch auf dem bloßen Boden, und in ihrem Rausche schliefen. »Laban!« rief er und stieg über die Leiber hinweg, die unwirsch grunzten, sich räkelten und weiterschnarchten. »Laban!« wiederholte er leiser seinen Ruf, denn Qual und Erbitterung und ungestümes Verlangen nach Rechenschaft vermochten nicht die Rücksicht in ihm zu ertöten auf die Schläfer des frühen Morgens nach schwerem Gelage. »Laban, wo bist du?« Und er kam vor Labans, des Hausherrn, Kammer, wo er einlag bei seinem Weibe Adina, pochte und rief: »Laban, komm heraus!«

»Eh, eh!« antwortete Laban drinnen. »Wer ist es, der mich ruft ums Morgenrot, nachdem ich getrunken?«

»Ich bin's, du mußt herauskommen!« antwortete Jaakob.

»So, so«, sagte Laban. »Der Eidam ist's. Er sagt zwar ›ich‹, wie ein Kind, als ob daraus allein schon ein Mensch sich vernehmen könnte, aber ich erkenne seine Stimme und will hinausgehen, zu hören, was er mir schon ums Frührot zu künden hat, ungeachtet ich gerade des besten Schlafes genoß.« Und trat hervor im Hemd, verwirrten Haares und blinzelnd.

»Ich schlief«, wiederholte er. »Ich schlief vorzüglich und wohltuend. Was schläfst nicht auch du oder treibst, was dein Stand dir gebeut?«

»Es ist Lea«, sprach Jaakob bebenden Mundes.

»Selbstredend«, entgegnete Laban. »Reißest du mich darum bei Tagesgrauen aus zukömmlichem Schlummer nach schwerem Trunk, um mir zu künden, was ich so gut weiß wie du?«

»Du Drache, du Tiger, teuflischer Mann!« rief Jaakob außer sich. »Ich sage dir's nicht, damit du's erfährst, sondern um dir zu zeigen, daß auch ich es nun weiß, und um dich zur Rede zu stellen in meiner Qual.«

»Achte vor allem auf deine Stimme und senke sie viel tiefer!« sprach Laban. »Das muß ich dir gebieten, wenn du's dir nicht gebieten läßt von den Umständen, die sämtlich dafür sprechen. Denn nicht genug, daß ich dein Ohm und Schwieger bin und dein Brotherr obendrein, den zeternd anzuhauchen dir keineswegs zusteht, so liegen auch Haus und Hof voller schlafender Hochzeitsgäste, wie du siehst, die wollen in ein paar Stunden mit mir ausziehen zur Jagd, daß sie ihre Belustigung haben in der Wüste und im Röhricht des Sumpfes, wo wir den Vögeln Netze stellen wollen, dem Rebhuhn und der Trappe, oder fangen auch einen Keiler ab und bringen ihn zur Strecke, daß wir eine Spende Rauschtranks ausgießen über ihn. Dazu stärken sich meine Gäste im Schlummer, der mir heilig ist, und abends wird weitergezecht. Du aber, wenn du am fünften Tage hervorgehst aus der Brautkammer, sollst dich uns ebenfalls anschließen zur fröhlichen Jagd.«

»Ich will nichts wissen von fröhlicher Jagd«, versetzte Jaakob, »und mir steht mein armer Sinn nicht danach, den du verwirrt und geschändet, daß es von der Erde zum Himmel schreit. Denn du hast mich über die Maßen betrogen, betrogen schändlich und grausam und hast heimlich Lea zu mir eingelassen, deine Ältere, statt Rahel, um die ich dir gedient. Was fange ich an mit mir und dir?«

»Höre«, erwiderte Laban. »Es gibt Worte, die du lieber nicht solltest auf die Zunge nehmen und solltest Scheu tragen, sie laut werden zu lassen, denn in Amurruland sitzt, wie ich weiß, ein rauher Mann, der weint und rauft sich das Vlies und trachtet dir nach dem Leben, der könnte wohl reden von Betrug. Es ist unangenehm, wenn ein Mann sich für den anderen schämen muß, weil dieser es nicht tut, und so steht es augenblicklich zwischen dir und mir, infolge deiner schlecht gewählten Worte. Ich hätte dich betrogen? In welchem Anbetracht? Habe ich eine Braut bei dir eingeführt, die nicht mehr unberührt gewesen wäre und wäre nicht würdig gewesen, über die sieben Treppen zu schreiten in die Arme des Gottes? Oder habe ich dir eine gebracht, die nicht rechtschaffen und tüchtig gewesen wäre am Leibe oder ein Jammern angestellt hätte wegen des Schmerzes, den du ihr angetan, und wäre dir nicht willig und dienlich gewesen in der Lust? Habe ich dich dergestalt betrogen?«

»Nein«, sagte Jaakob, »dergestalt nicht. Lea ist groß im Zeugen. Aber du hast mich hintergangen und hinter das Licht geführt, so daß ich nicht sah und Lea für Rahel hielt diese ganze Nacht, und habe der Unrechten meine Seele und all mein Bestes gegeben, daß es mich reut, wie ich nicht sagen kann. So hast du Wolfsmensch an mir getan.«

»Und du nennst es Betrug und vergleichst mich ungescheut mit Tieren der Wüste und bösen Geistern, weil ich es mit der Sitte hielt und als rechtlicher Mann mich nicht unterfing, dem heilig Hergebrachten die Stirn zu bieten? Ich weiß nicht, wie es zugeht in Amurruland oder im Lande des Königs Gog, aber in unserem Lande ist es nicht üblich, daß man die Jüngste ausgebe vor der Ältesten, das schlüge dem Herkommen ins Gesicht, und ich bin ein gesetzlicher Mann, ein Mann des Anstandes. So tat ich, wie ich tat, und handelte klüglich wider deine Unvernunft und wie ein Vater, der weiß, was er seinen Kindern schuldet. Denn du hast mich schnöde gekränkt in meiner Liebe zur Ältesten, da du mir sagtest: ›Lea entfacht meine männlichen Wünsche nicht.‹ Verdientest du etwa deswegen keine Lektion und Zurechtweisung? Da hast du nun gesehen, ob sie dich entfacht oder nicht!«

»Ich habe gar nichts gesehen!« rief Jaakob. »Es war Rahel, die ich umfing!«

»Ja, das hat sich gezeigt in der Frühe«, erwiderte Laban höhnisch, »aber das ist es eben, daß Rahel, meine Kleine, sich nicht zu beklagen hat. Denn Lea's war die Wirklichkeit, aber die Meinung war Rahels. Doch habe ich dich auch die Meinung gelehrt für Lea, und welche du nun in Zukunft umfangen wirst, deren wird sowohl die Wirklichkeit wie auch die Meinung sein.«

»Willst du mir Rahel denn geben?« fragte Jaakob …

»Selbstredend«, sprach Laban. »Wenn du sie willst und willst mir zahlen für sie das Gesetzliche, so sollst du sie haben.«

Da rief Jaakob:

»Aber ich habe dir gedient um Rahel sieben Jahre!«

»Du hast«, antwortete Laban mit Würde und Festigkeit, »mir gedient um ein Kind. Willst du auch das zweite, was mir genehm sein sollte, so mußt du zahlen abermals!«

Jaakob schwieg.

»Ich will«, sagte er dann, »den Kaufpreis beschaffen und sehen, daß ich beibringe den Mahlschatz. Ich werde eine Mine Silber leihen von Leuten, die ich vom Handel kenne, und will auch wohl aufkommen für dies und jenes Geschenk, der Braut an den Gürtel zu binden, denn es ist mir unversehens etwelche Habe zugewachsen in all dieser Zeit, und ganz so mausearm bin ich nicht mehr wie seinerzeit, als ich erstmals freite.«

»Schon wieder sprichst du ohne jedwedes Feingefühl«, versetzte Laban mit würdigem Kopfschütteln, »und redest liederlich daher von Dingen, die du tief im Busen verschließen solltest, und solltest froh sein, wenn nicht andere die Rede darauf bringen und rechten mit dir, anstatt daß du laut davon schwätzest und richtest es neuerdings an in der Welt, daß ein Mann sich schämen muß für den anderen, weil's dieser nicht tun mag. Ich will nichts wissen von unversehenem Zuwachs und dergleichen Ärgernis. Ich will kein Silber von dir als Mahlschatz und keine wem immer gehörige Ware als Brautgeschenk, sondern dienen sollst du mir auch für das zweite Kind, so lange als für das erste.«

»Wolfsmann!« rief Jaakob und bezähmte sich kaum. »So willst du mir Rahel erst geben nach anderen sieben Jahren?!«

»Wer sagt das?« erwiderte Laban von oben herab. »Wer hat hier etwas Ähnliches auch nur angedeutet? Du allein redest Ungereimtes und vergleichst mich ganz voreilig mit einem Werwolf, denn ich bin Vater und will nicht, daß mein Kind nach dem Manne schmachte, bis er betagt ist. Gehe du jetzt an deinen Ort und halte dich ehrenhaft da die Woche hin. Dann soll dir in aller Stille beigetan sein auch die zweite, und als ihr Ehegemahl dienst du mir um sie andere sieben Jahre.«

Jaakob schwieg und senkte das Haupt.

»Du schweigst«, sprach Laban, »und gewinnst es nicht über dich, mir zu Füßen zu fallen. Ich bin wahrlich neugierig, ob es mir noch gelingen wird, dein Herz zur Dankbarkeit zu erweichen. Daß ich hier im Hemde stehe ums Frührot, aufgestört aus notwendigem Schlummer, und Geschäfte mit dir ordne, reicht offenbar nicht hin, ein solches Gefühl in dir zu erzeugen. Ich habe noch nicht erwähnt, daß du mit dem anderen Kinde auch die zweite der Dirnen bekommst, die ich kaufte. Denn die Silpa schenke ich der Lea zur Mitgift und der Rahel die Bilha, und will es auch im zweiten Falle so halten, daß zwei Drittel der Mine Silbers, die ich euch geben will, sollen eingerechnet sein. So hast du vier Weiber über Nacht und hast ein Frauenhaus wie der König von Babel und wie Elams König, da du eben noch dürr und allein auf dem Hage saßest.«

Jaakob schwieg immer noch.

»Harter Mann«, sagte er endlich mit einem Seufzer. »Du weißt nicht, was du mir angetan, du weißt und bedenkst es nicht, ich muß mich wohl davon überzeugen, und bildest es dir nicht ein in deinem ehernen Sinn! Ich habe meine Seele und all mein Bestes vergeudet an die Unrechte diese Nacht, das preßt mir das Herz zusammen der Rechten wegen, der's zugedacht war, und soll Lea's pflegen noch die Woche hin, und wenn mein Fleisch müde ist, denn ich bin nur ein Mensch, und es ist satt und meine Seele allzu schläfrig zum Hochgefühl, so soll ich die Rechte haben, Rahel, mein Kleinod. Du aber denkst, somit ist's gut. Aber es kann nie gutgemacht werden, was du an mir und an Rahel getan, deinem Kinde, und zuletzt auch an Lea, die sitzt auf dem Bette und weint, weil ich nicht sie im Sinne gehabt.«

»Soll das heißen«, frug Laban, »daß du nach der Hochzeitswoche mit Lea nicht mehr Manns genug sein wirst, fruchtbar zu machen die zweite?«

»Nicht doch, da sei Gott davor«, antwortete Jaakob.

»Das übrige sind Grillen«, beschloß Laban, »und ist überfeines Gefasel. Bist du zufrieden mit unserm neuen Vertrage, und soll's also gelten oder nicht, zwischen mir und dir?«

»Ja, Mann, es soll gelten«, sprach Jaakob und ging wieder zu Lea.

Von Gottes Eifersucht

Dies sind die Geschichten Jaakobs, eingeschrieben in seine Greisenmiene, wie sie an seinen verschwimmenden, sich in den Brauen verfangenden Augen vorüberzogen, wenn er in feierliches Sinnen verfiel, sei es allein oder vor den Leuten, die unweigerlich eine heilige Scheu ankam vor solchem Ausdruck, so daß sie sich anstießen und zueinander sprachen: »Still, Jaakob besinnt seine Geschichten!« Manche davon haben wir schon ausgebreitet und endgültig richtiggestellt, sogar solche schon, die weit voranliegen, nach Jaakobs Rückreise ins Westland und nach seiner Ankunft daselbst; aber siebzehn Jahre bleiben hier auszufüllen mit ihren reichen Geschichten und Wechselfällen, an deren Spitze Jaakobs Doppelhochzeit mit Lea und Rahel und das Erscheinen des Ruben standen.

Re'uben aber war Lea's und nicht Rahels; jene gebar dem Jaakob den Ersten, der seine Erstgeburt später verscherzte, da er wie ein dahinschießendes Wasser war, und nicht empfing ihn und trug ihn Rahel, nicht schenkte ihn dem Jaakob die Braut seines Gefühls, noch war sie's, nach Gottes Willen, die ihm den Schimeon brachte, den Levi und Dan und Jehuda und irgendeinen von zehnen bis Sebulun, obgleich sie ihm doch nach Ablauf der Festwoche, da Jaakob am fünften Tage von Lea hervorgegangen war und sich beim geselligen Vogelfang etwas erfrischt hatte, ebenfalls beigetan worden war, wovon wir nicht weiter erzählen. Denn es ist schon erzählt, wie Jaakob Rahel empfing; nach Labans, des Teufels, Veranstaltung empfing er sie erstmals in Lea, und war in der Tat eine Doppelhochzeit, die er da hielt, – das Beilager mit zwei Schwestern: die eine war's wirklich, aber die andere der Meinung nach, und was heißt da wirklich? In diesem Betracht war Re'uben allerdings Rahels Sohn, mit ihr erzeugt. Und doch ging sie leer aus, die so bereit und eifrig war, und Lea ward stark und rund und fügte zufrieden die Hände darüber zusammen, das Haupt in Demut zur Seite geneigt und die Lider gesenkt, daß man ihr Schielen nicht sähe.

Sie kam nieder auf den Ziegelsteinen mit größter Begabung, es war die Sache von ein paar Stunden, das reine Vergnügen. Re'uben schoß gleich daher wie ein Wasser; als Jaakob, eilig benachrichtigt, vom Felde kam (denn es war die Zeit der Sesamernte), war das Neugeborene schon gebadet, mit Salz abgerieben und eingewickelt. Er legte die Hand darauf und sprach in Gegenwart aller Hofleute das Wort: »Mein Sohn.« Laban drückte ihm seine Achtung aus. Er ermunterte ihn, sich ebenso rüstig zu halten wie er selbst, und sich drei Jahre hintereinander einen Namen zu machen, worauf die Wöchnerin in ihrem Frohmut vom Lager herüberrief: Zwölf Jahre lang, ohne Pause, wolle sie fruchtbar sein. Rahel hörte es.

Sie war nicht von der Wiege zu bringen, die, eine Schaukel, an Stricken von der Decke hing, so daß Lea sie vom Bette regieren konnte mit ihrer Hand. Zur anderen Seite saß Rahel und betrachtete das Kind. Wenn es schrie, hob sie es auf und gab es der Schwester an die schwellende, von Milchadern durchzogene Brust, sah unersättlich zu, wie jene es nährte, daß es rot ward und gedunsen vor Sattigkeit, und preßte im Schauen die Hände auf die eigene zarte Brust.

»Arme Kleine«, sagte Lea dann wohl zu ihr. »Gräme dich nicht, auch du kommst an die Reihe. Und es sind deine Aussichten ganz unvergleichlich besser als die meinen, denn du bist's, auf der die Augen ruhen unseres Herrn, und auf einmal, daß er bei mir wohnt, kommen wohl vier Nächte oder sechs, daß er sich zu dir tut, wie soll dir's fehlen?«

Aber ob auch die Aussichten für Rahel waren, es war Lea, nach Gottes Willen, an der sie sich erfüllten, denn kaum, daß sie vom Ersten genesen, war sie schon wieder fruchtbar, und während sie auf dem Rücken den Ruben trug, trug sie in ihrem Leibe den Schimeon, und war ihr kaum übel, da er zu wachsen begann, und fand nichts zu seufzen, da er sie hoch verunstaltete, sondern rüstig und wohlgemut war sie bis zum äußersten und arbeitete in Labans Fruchtgarten bis zur Stunde, da sie mit etwas veränderter Miene befahl, die Ziegelsteine zu richten. Da trat Schimeon auf mit Leichtigkeit und nieste. Alle bewunderten ihn; am meisten Rahel, und wie weh tat es ihr, ihn zu bewundern! Es war noch etwas anderes mit diesem als mit dem ersten; denn wissentlich und unbetrogen hatte Jaakob ihn mit Lea erzeugt, und war der ihre ganz und unzweifelhaft.

Und Rahel, was war es mit dieser Kleinen? Wie hatte sie doch dem Vetter so ernst und lustig entgegengeschaut in lieblicher Tapferkeit und Lebensbereitschaft; wie zuversichtlich gewünscht und gefühlt, daß sie ihm Kinder bringen werde nach ihrer beider Bilde, zuweilen auch Zwillinge! Nun ging sie leer aus, da Lea schon das Zweite wiegte, – wie mochte das sein?

Der Buchstabe der Überlieferung ist der einzige Anhalt, der sich uns bietet, wenn es gilt, diese wehmütige Lebenserscheinung zu erklären. Er lautet in Kürze dahin: weil Lea unwert gewesen sei vor Jaakob, habe Gott sie fruchtbar gemacht und Rahel unfruchtbar. Ebendarum. Das ist ein Erklärungsversuch wie ein anderer; er trägt Vermutungscharakter, nicht denjenigen der Ermächtigung, denn eine unmittelbare und maßgebliche Äußerung El Schaddai's über den Sinn seiner Verfügung, sei es gegen Jaakob oder einen anderen Beteiligten, liegt nicht vor und ist zweifellos nicht ergangen. Dennoch käme es uns nur zu, jene Deutung zu verwerfen und eine andere dafür einzusetzen, wenn wir eine bessere wüßten, was nicht der Fall ist; vielmehr halten wir die gegebene im Kern für richtig.

Der Kern ist, daß Gottes Maßregel sich nicht, oder nicht zuerst, gegen Rahel richtete, auch nicht um Lea's willen getroffen wurde, sondern eine belehrende Züchtigung für Jaakob selbst bedeutete, welcher nämlich damit in dem Sinne verwiesen wurde, daß die wählerische und weiche Selbstherrlichkeit seines Gefühls, die Hoffart, mit der er es hegte und kundtat, nicht die Billigung Elohims besaß – und zwar obgleich diese Neigung zu Auserwählung und zügelloser Vorliebe, dieser Gefühlsstolz, der sich der Beurteilung entzog und von aller Welt andächtig hingenommen zu werden begehrte, sich auf ein höheres Vorbild berufen konnte und tatsächlich die irdische Nachahmung davon darstellte. Obgleich? Eben weil Jaakobs Gefühlsherrlichkeit eine Nachahmung war, wurde sie bestraft. Wer es hier unternimmt, zu reden, muß nach seinen Ausdrücken sehen; aber auch nach scheuer Prüfung des bevorstehenden Wortes bleibt kein Zweifel, daß der höchste Beweggrund für die hier erörterte Maßnahme die Eifersucht Gottes auf ein Vorrecht war, welches er durch ebendiese Maßnahme, durch die Demütigung von Jaakobs Gefühlsherrlichkeit, als Vorrecht zu kennzeichnen gedachte. Diese Deutung mag Tadel erfahren und wird kaum dem Einwand entgehen, ein so kleines und leidenschaftliches Motiv wie das der Eifersucht sei unverwendbar zur Erklärung göttlicher Anordnungen. Solcher Empfindlichkeit steht es jedoch frei, die ihr anstößige Regung als ein geistig unverzehrtes Überbleibsel aus früheren und wilderen Werdezuständen des Gotteswesens zu verstehen – anfänglichen Zuständen, auf die an anderem Orte einiges Licht geworfen wurde und in denen die Gesichtsbildung Jahu's, des Kriegs- und Wetterherrn einer braunen Schar von Wüstensöhnen, die sich seine Streiter nannten, weit mehr arge und ungeheuere Züge als solche der Heiligkeit aufgewiesen hatte.

Der Bund Gottes mit dem in Abram, dem Wanderer, tätigen Menschengeist war ein Bund zum Endzwecke beiderseitiger Heiligung, ein Bund, in welchem menschliche und göttliche Bedürftigkeit sich derart verschränken, daß kaum zu sagen ist, von welcher Seite, der göttlichen oder der menschlichen, die erste Anregung zu solchem Zusammenwirken ausgegangen sei, ein Bund aber jedenfalls, in dessen Errichtung sich ausspricht, daß Gottes Heiligwerden und das des Menschen einen Doppelprozeß darstellen und auf das innigste aneinander ›gebunden‹ sind. Wozu, so darf man fragen, wohl sonst ein Bund? Die Weisung Gottes an den Menschen: »Sei heilig, wie ich es bin!« hat die Heiligwerdung Gottes im Menschen bereits zur Voraussetzung; sie bedeutet eigentlich: »Laß mich heilig werden in dir, und sei es dann auch!« Mit anderen Worten: Die Läuterung Gottes aus trüber Tücke zur Heiligkeit schließt, rückwirkend, diejenige des Menschen ein, in welchem sie sich nach Gottes dringlichem Wunsche vollzieht. Diese innige Verknüpfung der Angelegenheiten aber und daß Gott seine wirkliche Würde nur mit Hilfe des Menschengeistes erlangt, dieser aber wieder nicht würdig wird ohne die Anschauung der Wirklichkeit Gottes und die Bezugnahme auf sie – ebendiese hocheheliche Verquickung und Wechselseitigkeit der Bezüge, geschlossen im Fleische, verbürgt durch den Ring der Beschneidung, macht es begreiflich, daß gerade die Eifersucht als Restbestand leidenschaftlicher Vor-Heiligkeit am allerlängsten in Gott zurückgeblieben ist, sei es als Eifer auf Abgötter oder etwa auf das Vorrecht der Gefühlsüppigkeit, – was aber im Grunde dasselbe ist.

Denn was wäre das zügellose Gefühl des Menschen für den Menschen, wie Jaakob es sich für Rahel gönnte und dann, in womöglich verstärkter Übertragung, für ihren Erstgeborenen, anderes als Abgötterei? Was dem Jaakob durch Laban geschah, mag noch mit Recht, zum Teile wenigstens, als notwendiger Gerechtigkeitsausgleich in Hinsicht auf Esau's Schicksal verstanden werden, als eine Aufrechnung zu Lasten dessen, dem zu gefallen die Störung des Gleichgewichtes erfolgt war. Bedenkt man aber andererseits Rahels dunkles Los, und erfährt man dann gar, was der junge Joseph auszustehen hatte, dem es nur durch äußerste Klugheit und anmutigste Geschicklichkeit in der Behandlung Gottes und der Menschen gelang, den Dingen die Wendung zum Guten zu geben, so bleibt kein Zweifel, daß es sich um Eifersucht reinsten Wassers und eigentlichsten Sinnes handelt, – nicht um die allgemeine und abgezogene auf ein Vorrecht, sondern um höchst persönliche Eifersucht auf die Gegenstände des abgöttischen Gefühls, in welchen es rächend getroffen wurde, – mit einem Worte: um Leidenschaft. Nenne man das einen Wüstenrest, so bleibt doch wahr, daß gerade erst in der Leidenschaft das tosende Wort vom ›lebendigen Gott‹ sich recht erfüllt und bewährt. Nachdem man gesehen, wird man sagen, daß Joseph, so sehr sonst seine Fehler ihm schadeten, für diese Lebendigkeit Gottes sogar mehr Sinn besaß und gewandter Rücksicht darauf zu nehmen wußte als sein Erzeuger. –

Von Rahels Verwirrung

Die kleine Rahel nun verstand von alldem nicht das mindeste. Sie hing an Jaakobs Halse und weinte: »Schaffe mir Kinder, wo nicht, so sterbe ich!« Er antwortete: »Liebe Taube, was soll das? Deine Ungeduld stimmt deinen Mann etwas ungeduldig, und ich hätte nicht gedacht, daß sich je dergleichen Gefühl wider dich erheben würde in meinem Herzen. Es hat wirklich keine Vernunft, daß du mir anhängst mit Bitten und Tränen. Bin ich doch nicht Gott, der dir deines Leibes Frucht nicht geben will.«

Er schob es auf Gott und deutete damit an, daß er es nicht fehlen lasse und daß ihn erwiesenermaßen auch sonst keine Schuld treffe; denn er war fruchtbar in Lea. Der Jüngeren aufgeben, sich an Gott zu halten, kam aber der Feststellung gleich, daß es an ihr liege, und eben darin äußerte sich seine Ungeduld wie auch in dem Beben seiner Stimme. Natürlich war er gereizt, denn es war töricht von Rahel, ihn um etwas zu beschwören, was er selbst sich so sehnlich wünschte, ohne ihr seinerseits enttäuschter Hoffnung wegen Vorwürfe zu machen. Dennoch war der Armen vieles zugute zu halten in ihrem Kummer, denn blieb sie fruchtlos, so war sie übel daran. Sie war die Freundlichkeit selbst, aber daß sie die Schwester nicht hätte beneiden sollen, ging über Weibesnatur, und Neid ist eine Gefühlsverschmelzung, in der außer der Bewunderung leider noch anderes vorkommt, so daß die Rückwirkung von drüben auch nicht die beste sein kann. Das mußte das geschwisterliche Verhältnis untergraben und fing schon an, es zu tun. Die Stellung der mütterlichen Lea überwog diejenige der unergiebigen Mitfrau, die immer noch wie ein Mägdlein umherging, so sehr in den Augen aller Welt, daß jene fast eine Heuchlerin hätte sein müssen, um jedes Anzeichen von dem Bewußtsein ihrer vorwaltenden Würde aus ihrem Verhalten zu verbannen. Der Redensart nach, einfältig wie sie sein mochte, war die mit Kindern gesegnete Frau die ›Geliebte‹, die dürre aber kurzweg die ›Gehaßte‹ – ein greulicher Sprachgebrauch in Rahels Ohren, greulich, weil ganz und gar unzutreffend auf ihren Fall, und nichts als menschlich wäre es denn also, daß ihr die Wahrheit in stummem Zustande nicht Genüge tat, sondern daß sie sie aussprechen mußte. So war es leider: Bleich und mit blitzenden Augen berief sie sich auf Jaakobs nie verhohlene Vorliebe für sie und seine öfteren Besuche zur Nacht, – ein wunder Punkt dies nun wieder bei Lea, auf dessen Berührung es nur eine zuckende Antwort gab: Was es jener denn nütze? Und um die Freundschaft war es getan.

Beklommen stand Jaakob in der Mitte.

Auch Laban sah finster. Es war ihm wohl recht, daß das Kind, das Jaakob hatte verschmähen wollen, nun so in Ehren stand; doch war es ihm auch wieder leid um Rahel, und außerdem begann er für seinen Säckel zu fürchten. Der Gesetzgeber hatte aufschreiben lassen, wenn eine Frau kinderlos hingehe, müsse der Schwiegervater ihren Kaufpreis zurückzahlen, denn solche Ehe sei nur ein Fehlschlag gewesen. Laban durfte hoffen, daß Jaakob das nicht wisse, aber dieser konnte es jeden Tag erfahren, und eines Tages, wenn keine Hoffnung mehr blieb für Rahel, mochte es dahin kommen, daß Laban oder seine Söhne den Jaakob für sieben Dienstjahre in bar würden entschädigen müssen, – das lag dem Manne im Magen.

Darum, als Lea auch im dritten Ehejahr schwanger ward – es war der Knabe Levi, der sich da ankündigte –, nichts aber auf Rahels Seite sich regte, so war es Laban zuallererst, der darauf hinwies, daß hier Abhilfe zu schaffen sei, und der forderte, daß man Maßregeln treffe, indem er Bilha's Namen ins Gespräch warf und verlangte, daß Jaakob sich ihr beitue, damit sie gebäre auf Rahels Schoß. Es wäre ein Irrtum, zu glauben, Rahel selbst hätte diesen übrigens naheliegenden Gedanken aufgebracht oder vornehmlich vertreten. Die Empfindungen, die sie ihm entgegenbrachte, waren zu zwiespältig, als daß sie mehr hätte für ihn tun können, als ihn dulden. Aber wahr ist, daß sie mit Bilha, ihrer Magd, einem anmutigen Ding, vor deren Reizen später Lea völlig das Feld räumen mußte, sehr vertraulich und herzlich stand; und ihre Begierde nach Mutterwürde überwog denn auch die natürlichen Hemmungen, die es ihr bereitete, eigenhändig zu tun, was einst der harte Vater getan, und dem Vettergatten eine nächtliche Stellvertreterin zuzuführen.

Es war eigentlich umgekehrt: Sie führte den Jaakob an der Hand bei Bilha ein, nachdem sie die Kleine, die vor Glückstrubel nicht wußte, wo ihr der Kopf stand, und übermäßig duftete, zuvor schwesterlich geküßt und zu ihr gesagt hatte: »Wenn es denn sein muß, Herzchen, so bist du mir die Rechte. Werde zu Tausenden!« Diese übertreibende Wunschphrase war nur eine Gratulation des Sinnes, daß Bilha sich empfänglich erweisen möge statt ihrer Herrin, und das tat das Kind unverzüglich: sie kündete ihr Gelingen der Mutter ihrer Frucht, damit diese es dem Vater, den Eltern kündete; ihre Leibeshöhe war während der folgenden Monate nur in geringem Rückstande hinter Lea's Lebenstracht, und in aller Augen konnte Rahel, die diese Zeit hin voller Zärtlichkeit für Bilha war, ihr oft den Leib streichelte und das Ohr an die Wölbung legte, die Achtung lesen, die der Erfolg ihres Opfers ihr eintrug.

Arme Rahel! War sie wohl glücklich? Ein anerkannter Brauch für den Notfall half ihr, den oberen Ratschluß bis zu einem gewissen Grad zu entkräften, aber ihre Würde wuchs, Verwirrung für ihr bereitwillig-sehnsüchtiges Herz, im Leib einer Fremden. Es war eine halbe Würde, ein halbes Glück, ein halber Selbstbetrug, notdürftig gestützt durch die Sitte, doch ohne Halt in Rahels Fleisch und Blut; und halbecht würden die Kinder, die Söhne sein, die Bilha ihr bringen würde, ihr und dem fruchtlos geliebten Mann. Rahels war die Lust gewesen, und einer anderen würden die Schmerzen sein. Das war bequem, aber hohl und abscheulich, ein stiller Greuel, nicht für ihr Denken, das dem Gesetz und der Üblichkeit folgte, aber für ihr redliches und tapferes kleines Herz. Sie lächelte wirr.

Sie leistete übrigens freudig und fromm alles, was zu leisten ihr vergönnt und vorgeschrieben war. Sie ließ Bilha auf ihren Knien gebären – das Zeremoniell verlangte es. Sie umschlang sie von hinten mit den Armen und beteiligte sich viele Stunden lang an ihrem Arbeiten, Stöhnen und Schreien, Wehmutter und Kreißende in einer Person. Es kam die kleine Bilha hart an, einen vierundzwanzigstündigen Tag dauerte die Niederkunft, und am Ende war Rahel fast ebenso erschöpft wie die fleischliche Mutter, aber das war ihrer Seele eben recht.

So kam der Jaakobssprosse zur Welt, der Dan genannt wurde, nur wenige Wochen nach Lea's Levi, im dritten Ehejahr. Aber im vierten, da Lea von dem entbunden wurde, den sie Lobgott oder Jehuda hießen, brachten Bilha und Rahel mit vereinten Kräften dem Gatten ihren Zweiten dar, der schien ihnen danach angetan, ein guter Ringkämpfer zu werden, weshalb sie ihn Naphtali nannten. So hatte Rahel in Gottes Namen zwei Söhne. Danach gab es vorläufig keine Geburten mehr.

Die Dudaim

Jaakob hatte die ersten Jahre seines Ehestandes fast ganz auf Labans Hof verbracht und draußen auf den Weiden die Unterhirten und Pächter walten lassen, indem er jene nur dann und wann mit scharfer Musterung heimsuchte, von diesen die Abgaben an Vieh und Waren einnahm, die Labans waren, aber nicht ganz, ja nicht einmal immer zum größten Teil; denn vieles draußen und selbst auf dem Hof, wo Jaakob mehrere neue Vorratshütten zur Berge eigener Handelswerte errichtet hatte, gehörte schon Labans Eidam, und nachgerade wäre von der Verschränkung zweier blühender Wirtschaften zu reden gewesen, einer vielfach in sich gewickelten Interessenverrechnung, die Jaakob offenbar übersah und beherrschte, die aber dem schweren Blicke Labans längst nicht mehr recht durchsichtig war, ohne daß er es über sich vermocht hätte, dies einzugestehen: teils aus Besorgnis, seinem Verstand eine Blöße zu geben, teils auch aus der alten Furcht, durch krittelnde Einmischung seinem Sachwalter den Segen im Leibe zu verstimmen. Zu gut ging es ihm selbst bei alldem; er mußte durch die Finger sehen, und tatsächlich wagte er kaum noch, geschäftlich den Mund aufzutun – gar zu überwältigend-augenscheinlich bewährte sich Jaakobs Gotteskindschaft. Sechs Söhne und Wasserspender hatte er sich in vier Jahren erweckt; das war das Doppelte dessen, was Laban in Segensnähe hatte vor sich bringen können. Seine geheime Hochachtung war fast grenzenlos; sie wurde durch Rahels Verschlossenheit nur wenig eingeschränkt. Man mußte den Mann walten lassen, und ein Glück nur, daß er an Aufbruch und Abwanderung kaum noch zu denken schien.

In Wirklichkeit entfremdete Jaakobs Seele sich niemals dem Gedanken der Heimkehr und der Auferstehung aus dieser Grube und Unterwelt von Labansreich; nach zwölf Jahren hatte sie das so wenig getan wie nach zwanzig und fünfundzwanzig. Aber er nahm sich Zeit, in dem organischen Bewußtsein, Zeit zu haben (denn er sollte hundertundsechs Jahre alt werden), und hatte sich entwöhnt, den Reisegedanken an den Zeitpunkt des mutmaßlichen Absterbens von Esau's Wut zu binden. Auch hatte sich eine gewisse Verwurzelung seines Lebens in Naharinas Boden notwendig vollzogen, denn vieles hatte er hier erlebt, und die Geschichten, die uns an einem Ort widerfahren, sind Wurzeln gleich, die wir in seinen Grund senken. Hauptsächlich aber urteilte Jaakob, er habe aus seinem Untergang in die Labanswelt noch nicht genug Nutzen gezogen, sei noch nicht schwer genug in ihr geworden. Die Unterwelt barg zweierlei: Kot und Gold. Den Kot hatte er kennengelernt: in Gestalt grausamer Wartezeit und des noch grausameren Betruges, mit dem Laban, der Teufel, in der Brautnacht ihm die Seele gespalten. Auch mit dem Reichtum hatte er angefangen, sich zu beladen, – aber nicht hinlänglich, nicht ausgiebig; was nur zu tragen war, galt es aufzupacken, und Laban, der Teufel, mußte noch Gold lassen, sie waren nicht quitt, er mußte gründlicher betrogen sein: nicht um der Rache Jaakobs willen, sondern schlechthin, weil es sich so gehörte, daß zuletzt der betrügerische Teufel spottgründlich betrogen war, – nur sah unser Jaakob das durchschlagende Mittel noch nicht, das Vorgeschriebene recht zu erfüllen.

Das hielt ihn hin, und seine Geschäfte beschäftigten ihn. Er war jetzt wieder viel draußen in Feld und Steppe, bei den Hirten und Herden, vertieft in Erzeugung und Handel auf Labans und seine Rechnung; und das mochte ein Grund sein unter anderen, weshalb eine Stockung eintrat im Strom des Kindersegens, obgleich des öfteren die Frauen mit ihren Knaben und auch die schon heranwachsenden Labanssöhne mit ihm bei den Pferchen waren und bei ihm wohnten in Zelten und Hütten. Es war so, daß Rahel, notdürftig zu dem Ihren gekommen, die Eifersucht auf Bilha, die Nothelferin, nicht mehr unterdrückte und keinen Umgang mehr duldete des Herrn und der Magd, wobei sie auch beide ihrem Verbote willig fand. Sie selbst blieb verschlossen ins fünfte, ins sechste Jahr, auf immer, wie es unseligerweise schien; und Lea's Leib hielt Brache – gar sehr zu ihrem Verdruß, aber er ruhte einfach, ein Jahr und zwei Jahre, so daß sie zu Jaakob sprach:

»Ich weiß nicht, was das ist, und was mir für Schimpf geschieht, daß ich öde und nutzlos bin! Hättest du nur mich, so geschähe das nicht, und ich wäre nicht ungesegnet geblieben zwei Jahre lang. Aber da ist die Schwester, die unserem Herrn alles ist, und nimmt mir meinen Mann, so daß ich nur mit Mühe umhinkann, sie zu verwünschen, da ich sie doch liebe. Vielleicht verdirbt mir dieser Widerstreit das Geblüt, daß ich nicht Frucht trage, und dein Gott mag nicht mehr meiner gedenken. Was aber der Rahel recht war, das sei mir billig. Nimm Silpa, meine Magd, und wohne ihr bei, daß sie auf meinem Schoß gebäre und ich Söhne gewinne durch sie. Bin ich schon unwert vor dir, so will ich doch Kinder haben auf alle Weise, denn sie sind mir wie Balsam auf den Wunden, die mir deine Kälte schlägt.«

Jaakob widersprach kaum ihren Klagen. Seine Bekundung, auch sie sei ihm wert, trug offen das Gepräge mattester Höflichkeit. Man muß das tadeln. Konnte er sich denn nicht ein wenig überwinden zur Güte gegen die Frau, durch die er freilich schweren Seelenbetrug erlitten, und mußte er jedwedes warme Wort, das er ihr gäbe, sogleich für Raub an seinem teueren, gehätschelten Gefühl erachten? Der Tag sollte kommen, da er bitter zu büßen hatte für die Hoffart seines Herzens; der aber war fern, und vorher sollte sogar seinem Gefühl noch der Tag seines höchsten Triumphes dämmern …

Den Vorschlag mit Silpa hatte Lea wahrscheinlich nur der Form wegen gemacht und um ihren eigentlichen Wunsch, Jaakob möchte sie öfter besuchen, darein zu kleiden. Aber der Gefühlvolle fühlte das nicht, er fühlte hoffärtig darüber hinweg und erklärte sich nur einfach bereit und einverstanden, durch Zuziehung Silpa's den Kindersegen aufzufrischen. Er fand Befreiung dafür bei Rahel, die solche nicht weigern konnte, zumal auch die hochbusige Silpa, die eine gewisse Ähnlichkeit mit ihrer Herrin besaß und es denn auch nie zu wirklicher Gunst bei Jaakob brachte, sich fußfällig bei ihr, der Liebsten, entschuldigte. Da empfing Lea's Magd den Herrn mit Demut und sklavischer Emsigkeit, ward schwanger und gebar auf den Knien der Herrin, die ihr seufzen half. Im siebenten Ehejahre, dem vierzehnten von Jaakobs Labanszeit, gebar sie den Gad und befahl ihn dem Glücke; dazu im achten und fünfzehnten den naschhaften Ascher. So hatte Jaakob acht Söhne.

In diese Zeit, da Ascher geboren war, fiel das Vorkommnis mit den Dudaim. Es war Re'uben, der das Glück hatte, sie zu finden, – schon achtjährig damals, ein dunkler, muskulöser Knabe mit entzündeten Augenlidern. Er beteiligte sich bereits an den frühsommerlichen Erntearbeiten, zu denen auch Laban und Jaakob von der Schafschur hereingekommen waren und die das Hofvolk zuzüglich einiger vorübergehend angestellter Lohnarbeiter streng in Atem hielten. Laban, der Schafzüchter, dessen landwirtschaftliche Betätigung sich bei Jaakobs erstem Eintreffen auf die Bestellung eines Sesamfeldes beschränkt hatte, baute seit dem Wasserfunde auch Gerste, Hirse, Emmer und namentlich Weizen: sein Weizenfeld, von einem Lehmzaun eingefaßt, von Gräben und Dämmen durchzogen, war der bedeutendste seiner Äcker. Sechs Morgen groß, wölbte er sich über eine flache Hügelwelle hin, und seine Krume war fett und kraftvoll: ließ man sie ruhen von Zeit zu Zeit, wie Laban nach heilig-vernünftiger Regel nicht verfehlte zu tun, so trug er mehr als dreißigfältige Frucht.

Es war ein Segensjahr, dieses Mal. Das fromme Werk der Bestellung, des Pfluges und der säenden Hand, der Hacke, der Egge, des spendenden Schöpfeimers war göttlich gelohnt worden. Ehe die Ähren ansetzten, war dem Labansvieh köstliche Grünweide beschert gewesen, fern war die Gazelle, der Rabe der Frucht geblieben, nicht hatte die Heuschrecke das Land bedeckt noch die Hochflut es weggerissen. Reich stand im Jjar die Ernte, zumal Jaakob, obgleich bewußtermaßen kein Ackersmann, auch auf diesem Gebiet seine Segensanschlägigkeit bewährt und durch Rat und Tat eine dichtere Besäung, als sonst wohl üblich, herbeigeführt hatte, wodurch zwar die Körnerzahl der Ähre sich etwas verringerte, doch nicht so sehr, daß nicht das Gesamterträgnis größer gewesen wäre – hinlänglich größer, daß Laban, wie wenigstens Jaakob ihm rechnerisch klarzumachen wußte, immer noch im Vorteil blieb, wenn seinem Eidam persönlich ein gemessener Teil der Ernte zufiel.

Alle waren sie draußen zum Werken, selbst Silpa, die zwischenein dem Gad und Ascher die Brust gab, und nur die Töchter des Hauses waren daheim geblieben, das Abendmahl vorzubereiten, Lea und Rahel. In Sonnenhauben aus Schilfrohr, den Zottenschurz um die Lenden, schweißblank am Leibe und Gotteslieder singend, sichelten die Feldleute mit ausholenden Armen das Korn. Andere aber schnitten Stroh oder banden die Garben, luden sie auf Esel und Ochsenkarren, daß der Segen zur Tenne käme, gedroschen würde vom Rindvieh, geworfelt, geseiht und aufgeschüttet. Auch Ruben, der Knabe, hatte beim Arbeitsfeste unter den Kindern Labans schon seinen Mann gestellt. Als ihm nun die Arme erlahmten, am goldenen Nachmittag, schlenderte er abseits am Rande des Feldes. Da, an der Lehmmauer, fand er die Alraune.

Es gehörte Scharfblick und Unterricht dazu, sie zu erkennen. Das rauhe Kraut mit den eiförmigen Blättern erhob sich nur wenig über den Boden, unscheinbar für das nichtbelehrte Auge. An den Beerenfrüchten aber, den Dudaim eben, dunkel und von der Größe der Haselnüsse, erkannte Ruben, was da im Grunde steckte. Er lachte und dankte. Gleich griff er zum Messer, zog einen Kreis und grub ringsherum, bis der Wurzelstock nur noch an dünnen Fasern hing. Dann sprach er zwei schützende Worte und löste mit raschem Ruck die Rübe vom Erdreich. Er hatte erwartet, daß sie schreien würde, was aber nicht geschah. Dennoch war es ein rechtes und wohlschaffenes Zaubermännchen, das er am Schopfe hielt: fleischigweiß, mit zwei Beinen, kinderhandgroß, bärtig und überall zäsrig behaart, – ein Kobold zum Wundern und Lachen. Der Knabe kannte seine Eigenschaften. Sie waren zahlreich und nützlich; besonders aber, so wußte es Ruben, kamen sie den Weibern zugute. Darum dachte er sogleich seinen Fund der Lea zu, seiner Mutter, und lief springend nach Hause, ihn ihr zu bringen.

Lea freute sich sehr. Sie lobte den Ältesten mit Schmeichelworten, gab ihm Datteln in die Faust und ermahnte ihn, vorm Vater und auch vorm Großvater nicht groß von der Sache zu schwatzen. »Schweigen ist nicht lügen«, sagte sie, und es sei unnötig, daß alle gleich wüßten, was man im Hause habe, – genug, daß alle ein Gutes davon spüren würden. »Ich will's schon warten«, beschloß sie, »und ihm entlocken, was es zu bieten hat. Danke, Ruben, mein Erster, du Sohn der Ersten, Dank, daß du ihrer gedachtest! Andere gibt es, die gedenken nicht ihrer. Von ihnen hast du das Gelingen. Spring nun deiner Wege!«

Somit entließ sie ihn und meinte, ihren Schatz für sich zu behalten. Rahel aber, ihre Schwester, hatte spioniert und alles gesehen. Wer spionierte wohl später auch so und plapperte sich fast um den Hals? Es lag in ihr, nebst vieler Anmut, und an ihr Fleisch und Blut gab sie's weiter. Sie sagte zu Lea:

»Was hat dir denn unser Sohn gebracht?«

»Mein Sohn«, sagte Lea, »hat mir fast nichts gebracht, oder irgend etwas. Warst du hier zufällig in der Nähe? Er hat mir einen Käfer gebracht in seiner Narrheit und ein buntes Steinchen.«

»Er hat dir ja ein Erdmännchen mit Kraut und Früchten gebracht«, sagte Rahel.

»Allerdings, das auch«, erwiderte Lea. »Hier ist es. Du siehst, es ist feist und lustig. Mein Sohn hat es mir gefunden.«

»Ach ja, du hast recht, nun sehe einer, wie feist und lustig es ist!« rief Rahel. »Und wie viele Dudaim es trägt, voll von Samen!« Sie hatte schon die gestreckten Hände neben ihrem hübschen Gesicht zusammengefügt, die Wange daran lehnend. Es fehlte nur, daß sie die Hände nach vorn getan und damit gebettelt hätte. Sie fragte:

»Was willst du machen damit?«

»Ich will ihm natürlich ein Hemdlein anlegen«, antwortete Lea, »nachdem ich es gewaschen und gesalbt, und es in ein Gehäuse tun und seiner treulich warten, damit es dem Hause fromme. Es wird das Gelichter der Lüfte verscheuchen, daß keines davon in einen Menschen fahre oder in ein Vieh des Stalles. Es wird uns das Wetter künden und Dinge erforschen, die gegenwärtig verborgen sind oder noch in der Zukunft liegen. Es wird stichfest machen die Männer, wenn ich's ihnen zustecke, wird ihnen Gewinn bringen im Gewerbe und es anstellen, daß sie recht bekommen vorm Richter, selbst wenn sie im Unrecht sind.«

»Was redest du?« sagte Rahel. »Ich weiß von selbst, daß es dazu nütze ist. Was willst du aber sonst damit tun?«

»Ich will ihm das Kraut und die Dudaim scheren«, erwiderte Lea, »und einen Sud daraus machen, der schläfert ein, wenn einer nur daran riecht, und riecht er lange, so raubt's ihm die Sprache. Das ist ein starker Aufguß, mein Kind, wer davon einnimmt überreichlich, ob Mann oder Weib, der stirbt des Todes, ein wenig aber ist gut gegen Schlangenbiß, und muß einer sich schneiden lassen am Fleische, so ist's, als wär's eines anderen Fleisch.«

»Das ist ja alles ganz nebensächlich«, rief Rahel, »und was dir im Sinne liegt allererst, davon redest du nicht! Ach, Schwesterlein Lea«, rief sie und fing an zu schmeicheln und mit den Händen zu betteln wie ein kleines Kind. »Äderchen meines Auges, du stattlichste unter den Töchtern! Gib mir von den Dudaim deines Sohnes einen Teil, daß ich fruchtbar werde, denn die Enttäuschung, daß ich's nicht werde, gräbt mir das Leben ab, und so bitterlich schäme ich mich meines Minderwertes! Siehe, du weißt, meine Hindin, Goldhaarige unter den Schwarzköpfen, was es auf sich hat mit dem Sud, und wie er es antut den Männern, und ist wie Himmelswasser auf die Dürre der Weiber, daß sie selig empfangen und niederkommen mit Leichtigkeit! Du hast sechs Söhne im ganzen, und ich habe zwei, die nicht mein sind, was sollen dir da die Dudaim? Gib sie mir, meine Wildeselin, wenn nicht alle, so doch einige bloß, daß ich dich segne und dir zu Füßen falle, denn mein Verlangen danach ist fieberhaft!«

Lea aber drückte die Alraune an ihre Brust und sah die Schwester mit drohend schielenden Augen an.

»Das ist doch stark«, sagte sie. »Kommt daher, die Liebste, und hat gekundschaftet und will meine Dudaim. Hast du nicht genug, daß du mir meinen Mann nimmst täglich und stündlich, und willst obendrein noch die Dudaim meines Sohnes? Es ist unverschämt.«

»Mußt du so häßlich reden«, versetzte Rahel, »und will es dir gar nicht anders gelingen, auch wenn du dich bemühst? Bringe mich doch nicht außer mir, indem du alles entstellst, da ich zärtlich mit dir sein möchte um unserer Kindheit willen! Ich hätte dir Jaakob genommen, unseren Mann? Du hast ihn mir genommen in der heiligen Nacht, da du dich heimlich zu ihm tatest statt meiner, und er flößte dir blindlings den Ruben ein, den ich hätte empfangen sollen. So wäre er mein Sohn jetzt, wenn es recht zugegangen wäre, und hätte mir gebracht Kraut und Rübe, und wenn du mich angingest um etwas davon, so gäbe ich dir.«

»Ei, was du sagst!« sprach Lea. »Hättest du wahrlich empfangen meinen Sohn? Warum hast du denn seitdem nicht empfangen und willst nun zaubern in deiner Not? Nichts gäbest du mir, ich weiß es genau! Hast du je, wenn Jaakob dir schöntat und wollte dich zu sich nehmen, zu ihm gesprochen: ›Lieber, gedenke doch auch der Schwester!‹? Nein, sondern schmachtetest hin und gabst ihm gleich deine Brüste zu spielen, und war dir um nichts zu tun als um deine Buhlschaft. Jetzt aber bettelst du: ›Ich gäbe dir‹!«

»Ach, wie häßlich!« erwiderte darauf Rahel. »Wie abstoßend häßlich ist es, was du deiner Natur nach zu reden gezwungen bist, – ich leide darunter, aber auch du tust mir leid um deinetwillen. Es ist ja ein Fluch, alles entstellen zu müssen, wenn man nur den Mund auftut. Daß ich Jaakob nicht zu dir schickte, wenn er ruhen wollte bei mir, das war keineswegs, weil ich ihn dir nicht gönnte, sein Gott und unseres Vaters Götter sind meine Zeugen! Sondern unfruchtbar bin ich ihm ins neunte Jahr zu meiner Trostlosigkeit, und jede Nacht, da er mich erwählt, hoffe ich inbrünstig auf Segen und darf's nicht versäumen. Du aber, die du's leichtlich versäumen magst ein und das andere Mal, was hast du im Sinne? Du willst ihn bezaubern für dich mit den Dudaim und mir nicht davon geben, so daß er mein vergißt und du alles hast und ich nichts. Denn ich hatte seine Liebe, und du hattest die Frucht, so gab es noch eine Art von Gerechtigkeit. Du aber willst beides haben, so Liebe wie Frucht, und ich soll Staub essen. So gedenkst du der Schwester!«

Und sie setzte sich auf die Erde und weinte laut.

»Ich nehme nun meines Sohnes Erdmännlein und gehe von hinnen«, sprach Lea kalt.

Da sprang Rahel auf, vergaß ihre Tränen und rief halblaut und inständig:

»Tu das bei Gott nicht, sondern bleib und höre! Er will mit mir sein diese Nacht, er hat es morgens gesagt, als er von mir ging. ›Süßeste‹, sprach er, ›danke für diesmal! Heut will der Weizen geschnitten sein, aber nach des Feldtages Arbeitsglut will ich kommen, du Liebste, und mich baden in deiner Mondesmilde.‹ Ach, wie er spricht, unser Mann! Bildlich und weihevoll ist seine Rede. Lieben wir ihn nicht beide? Ich aber lasse ihn dir die Nacht um die Dudaim. Ausdrücklich lass' ich ihn dir, wenn du mir einige gibst, und verberge mich abseits, während du sprechen sollst: ›Rahel mag nicht und ist satt des Geschnäbels. Bei mir, sagt sie, sollst du schlafen.‹«

Lea errötete und erblaßte.

»Ist das wahr«, sprach sie stockend, »und willst du ihn mir verkaufen um die Dudaim meines Sohnes, daß ich soll zu ihm sagen können: ›Heut bist du mein‹?«

Antwortete Rahel:

»Du sagst es genau.«

Da gab Lea ihr die Alraune, Kraut und Rübe, alles zusammen, gab sie ihr in die Hand vor Eile und sprach flüsternd mit wogender Brust:

»Nimm, geh und laß dich nicht blicken!«

Sie selbst aber, da Feierabend ward und die Leute vom Felde kamen, ging dem Jaakob entgegen und sprach:

»Bei mir sollst du liegen zur Nacht, denn unser Sohn fand eine Schildkröte, die bettelte Rahel mir ab um diesen Preis.«

Jaakob antwortete:

»Ei, bin ich wohl eine Schildkröte wert und ein geflammtes Kästchen, das sich gewinnen läßt aus ihrer Schale? Ich erinnere mich nicht, gar so fest entschlossen gewesen zu sein, heute bei Rahel zu wohnen. So hat sie das Gewisse erkauft für das Ungewisse, was ich loben muß. Seid ihr einig in meinem Betreff, so soll's also sein. Denn wider Weibesrat soll der Mann sich nicht setzen, noch löcken wider der Frauen Beschluß und Befinden.«