Joseph und seine Brüder. Band I. Die Geschichten Jaakobs
MeistgelesenVerlag: Fischer Taschenbuch Verlag GmbH | Jahr: 1990
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Drittes Hauptstück Die Geschichte Dina's.
Das Mägdlein
Da er damals nach Sichem kam, ist hier der Ort, die Geschichten und schweren Wirren dieses Aufenthaltes darzulegen, nämlich so, wie sie sich in Wirklichkeit zutrugen, unter Richtigstellung also jener kleinen Verbesserungen der Wahrheit, die man später bei ›Schönen Gesprächen‹, wenn es hieß: »Weißt du davon? Ich weiß es genau«, daran vornehmen zu sollen meinte und mit denen sie dann in die Stammes- und Weltüberlieferung eingegangen sind. Wenn wir das schlimme und schließlich blutige Geschehen von damals entwickeln, das eingeschrieben war in Jaakobs müde und zügige Greisenmiene, nebst anderen Befahrnissen, mit denen es die Erinnerungswürdenlast seines Alters bildete, so ist es im Verfolg und Zusammenhang unserer Betrachtung seines Seelengepräges, und weil nichts besser als sein Verhalten dabei zu erläutern geeignet ist, warum Schimeon und Levi einander heimlich in die Seiten stießen, wenn der Vater von seinem Ehrennamen und Gottestitel Gebrauch machte.
Die leidende Heldin der Abenteuer von Schekem war Dina, Jaakobs einziges Töchterchen, geboren von Lea, und zwar zu Beginn ihrer zweiten Fruchtbarkeitsperiode – zu Beginn also und nicht am Ende, nicht nach Issakhar und Sebulun, wie viel später die schriftliche Nachricht es anordnete. Diese zeitliche Anordnung kann darum nicht zutreffen, weil, wenn sie zuträfe, Dina zur Zeit ihres Unglücks körperlich noch gar nicht reif für dieses, sondern ein Kind gewesen wäre. In Wirklichkeit war sie vier Jahre älter als Joseph, also bei der Ankunft der Jaakobsleute vor Sichem neun und zur Zeit der Katastrophe dreizehn: zwei wichtige Jahre älter, als die rechnerische Nachprüfung der überlieferten Chronologie ergeben würde, denn gerade in diesen beiden Jahren erblühte sie, wurde Weib und so anziehend, wie man es bei einem Leakinde nur irgend erwarten konnte, ja, vorübergehend anziehender, als man es bei diesem kräftigen, aber unschönen Schlage im ganzen hätte erwarten sollen. Sie war ein rechtes Kind der mesopotamischen Steppe, welcher ein früh ausbrechender und überschwenglich blütenreicher Frühling gegeben ist, dem kein lebendiger Sommer folgt; denn schon im Mai ist die ganze Zauberpracht von einer unbarmherzigen Sonne zu Kohle verbrannt. So Dina's körperliche Anlage; und die Ereignisse taten das Ihre, sie vor der Zeit zu einem müden und abgeblühten Weiblein zu machen. Was aber ihren Platz in der Reihe von Jaakobs Nachkommenschaft betrifft, so will es wenig besagen, welchen die Schreiber ihr angewiesen haben. Es war Flüchtigkeit, Gleichgültigkeit, die ihnen den Griffel führte, wenn sie den Namen des Mädchens einfach an das Ende der Leakinderserie setzen, statt an seinen gehörigen Ort: um die Sohnesfolge nicht durch etwas so Unbeträchtliches, ja Störendes wie einen Mädchennamen zu unterbrechen. Wer nähme es genau mit einem Mädchen? Der Unterschied zwischen der Geburt eines solchen und eigentlicher Verschlossenheit war wenig erheblich, und Dina's Erscheinen, richtig eingeordnet, bildete gewissermaßen den Übergang von Lea's kurzer Unfruchtbarkeitsperiode zu neuer Ergiebigkeit ihres Leibes, welche mit Issakhars Austritt erst ernstlich wieder einsetzte. Jedes Schulkind weiß heute noch, daß Jaakob zwölf Söhne besaß, und hat ihre Namen am Schnürchen, während weite Kreise des Publikums von der Existenz der unglücklichen kleinen Dina kaum etwas ahnen und sich überrascht zeigen bei ihrer Erwähnung. Jaakob aber liebte sie so, wie er ein Kind der Unrechten nur zu lieben vermochte, versteckte sie vor Esau in einer Totenlade und trug, als die Zeit kam, schweres Herzeleid um sie.
Beset
Israel also, der Gesegnete des Herrn, mit Troß und Habe, mit seinen Herden, von denen allein die Schafe fünfeinhalbtausend Stück ausmachten, mit Weibern und Anwuchs, Sklavinnen, Knechten, Treibern, Hirten, Ziegen, Eseln, Last- und Reitkamelen, – Jaakob, der Vater, vom Jabbok kommend und von der Begegnung mit Esau, überschritt den Jardên und fand sich, froh, der unmäßigen Hitze des Flußtales, den Wildschweinen und Pardelkatzen seines Pappel- und Weidendickichts entronnen zu sein, in einem Lande von mäßiger Gebirgigkeit und fruchtbar blumigen, von Quellen durchrauschten Tälern, wo Gerste wild wuchs und in deren einem er denn auf die Stätte Schekem stieß, eine behäbige Siedlung, beschattet vom Felsen Garizim, jahrhundertealt, mit einer dicken, aus unverbundenen Steinblöcken errichteten Ringmauer, die eine Untere Stadt im Südosten und eine Obere im Nordwesten umschloß, die Obere genannt, weil sie auf einer fünf Doppelellen hohen künstlichen Aufschüttung lag, dann aber auch im übertragen-ehrfürchtigen Sinne so geheißen, weil sie fast ganz aus dem Palast des Stadtfürsten Hemor und aus dem rechteckigen Massiv des Baal-berit-Tempels bestand – welche beiden überragenden Gebäude denn auch das erste waren, was den Jaakobsleuten bei ihrem Eintritt in das Tal und ihrer Annäherung an das östliche Stadttor in die Augen sprang. Schekem hatte rund fünfhundert Einwohner, nicht mitgerechnet einige zwanzig Mann ägyptischer Besatzung, deren Vorsteher, ein blutjunger, aus der Deltagegend gebürtiger Offizier, hier zu dem einzigen Zwecke eingesetzt war, um alljährlich unmittelbar von Hemor, dem Stadtfürsten, und mittelbar von den Großkaufleuten der Unteren Stadt einige Barren Goldes in Ringform einzutreiben, die ihren Weg hinab zur Amunsstadt nehmen mußten und deren Ausbleiben dem jungen Weser-ke-Bastet (dies war der Name des Befehlshabers) große persönliche Unannehmlichkeiten eingetragen haben würde.
Es läßt sich denken, mit wie zweifelhaften Gefühlen die Leute von Schekem, unterrichtet durch ihre Mauerwachen und durch von außen heimkehrende Bürger, von dem Heranschwanken des Wanderstammes Kenntnis nahmen. Man konnte nicht wissen, was diese Schweifenden im Schilde führten, Gutes oder Böses; und in letzterem Fall genügte einige kriegerisch-räuberische Erfahrung und Übung auf ihrer Seite, um die Lage Schekems trotz seiner klotzigen Mauer mißlich zu gestalten. Der Ortsgeist war wenig mannhaft, vielmehr händlerisch, bequem und friedlich, der Stadtfürst Hemor ein grämlicher Greis mit schmerzhaften Knoten an den Gelenken, sein Sohn, der junge Sichem, ein verhätscheltes Herrensöhnchen mit eigenem Harem, ein Teppichlieger und Süßigkeitenschlecker, eine elegante Drohne, – und desto freudiger wäre unter diesen Umständen das Vertrauen der Einwohner in die soldatische Tugend der Besatzungstruppe gewesen, wenn sich zu solchem Vertrauen auch nur die geringste Möglichkeit geboten hätte. Aber diese um eine Falkenstandarte mit Pfauenfedern gescharte Mannschaft, die sich selbst als die ›Abteilung, glänzend wie die Sonnenscheibe‹, bezeichnete, erweckte keinerlei Hoffnungen für den Ernstfall, angefangen bei ihrem Kommandanten, dem erwähnten Weser-ke-Bastet, der vom Krieger so gut wie gar nichts an sich hatte. Sehr befreundet mit Sichem, dem Burgsöhnchen, war er der Mann zweier Liebhabereien, denen er bis zur Narrheit frönte: es waren die Katzen und die Blumen. Er stammte aus der unterägyptischen Stadt Per-Bastet, deren Namen man sich hierzulande durch die Umformung Pi-Beset mundgerecht gemacht hatte, weshalb die Sichemiten ihn, den Vorsteher, denn auch einfach ›Beset‹ nannten. Die Lokalgottheit seiner Stadt war die katzenköpfige Göttin Bastet, und seine Katzenfrömmigkeit war denn auch ohne Maß: auf Schritt und Tritt war er umgeben von diesen Tieren, nicht nur von lebendigen in allen Farben und Lebensaltern, sondern auch von toten, denn mehrere gewickelte Katzenmumien lehnten an den Wänden seines Quartiers, und weinend brachte er ihnen Mäuse und Milch als Opfergaben dar. Zu dieser Weichheit stimmte seine Blumenliebe, die als Ergänzung und Gegengewicht männlicherer Neigungen hätte ein schöner Zug genannt werden können, aber in Ermangelung solcher entmutigend wirkte. Beständig ging er mit einem breiten Kragen aus frischen Blumen umher, und der untergeordnetste Gegenstand seines Bedarfes mußte mit Blumen umkränzt sein – es war im einzelnen geradezu lächerlich. Seine Kleidung war durchaus bürgerlich: er zeigte sich in weißem Batistrock, durch den man den Unterschurz sah, Arme und Rumpf mit Bändern umschlungen, und nie hatte man ein Panzerkleid, nie eine andere Waffe an ihm beobachtet als ein Stöckchen. Nur auf Grund einer gewissen Schreibfertigkeit war ›Beset‹ überhaupt Offizier geworden.
Was seine Leute betraf, um die er sich übrigens fast nicht kümmerte, so führten sie zwar die Kriegstaten eines früheren Königs ihres Landes, Thutmose's des Dritten, und des ägyptischen Heeres, das unter ihm in siebzehn Feldzügen die Lande bis zum Strome Euphrat erobert hatte, mit inschriftenhafter Prahlerei im Munde, stellten aber selber ihren Mann hauptsächlich beim Vertilgen von Gänsebraten und Bier und hatten sich bei anderen Gelegenheiten, so bei einer Feuersbrunst und bei einem Beduinenüberfall auf die zum Stadtbereich gehörenden offenen Ortschaften, als ausgemachte Feiglinge erwiesen – und zwar namentlich, sofern sie gebürtige Ägypter waren, denn es gab auch einige gelbliche Libyer und sogar ein paar nubische Mohren darunter. Wenn sie, nur um sich sehen zu lassen, mit ihren hölzernen Schilden, ihren Lanzen, Sicheln und dreieckigen Lederblättern vor den Schurzen durch Schekems krumme Gassen, durch das Gedränge der Esel- und Kamelreiter, der Wasser- und Melonenverkäufer, der Feilschenden vor den Gewölben sich einen Weg bahnten, gebückt, im Geschwindschritt, als seien sie auf der Flucht, so verständigten die Bürger sich hinter ihrem Rücken durch wegwerfende Mienen. Im übrigen unterhielten Pharao's Krieger sich mit den Spielen ›Wieviel Finger?‹ und ›Wer hat dich geschlagen?‹ und sangen zwischendurch Lieder vom schwierigen Lose des Soldaten, besonders desjenigen, der gezwungen sei, im elenden Amulande sein Leben zu fristen, statt sich desselben zu freuen an den Ufern des barkenreichen Lebensspenders und unter den bunten Säulen von ›No‹, der Stadt schlechthin, der Stadt ohnegleichen, No Amun, der Gottesstadt. Daß Schicksal und Schutz von Schekem ihnen nicht mehr wog als ein Getreidekorn, konnte leider nicht bezweifelt werden.
Die Zurechtweisung
Die Unruhe der Städter nun aber wäre noch lebhafter gewesen, wenn sie die Gespräche hätten belauschen können, welche die älteren Söhne des heranziehenden Häuptlings untereinander führten, – die Schekem nur allzu nahe angehenden Pläne, die diese verstaubten und unternehmend blickenden jungen Leute mit halben Stimmen erwogen, bevor sie sie vor ihren Vater brachten, der sie ihnen freilich mit aller Entschiedenheit verwies. Ruben oder Re'uben, wie der älteste eigentlich genannt wurde, war um jene Zeit siebzehnjährig, Schimeon und Levi zählten sechzehn und fünfzehn Jahre, Bilha's Dan, ein anschlägiger und tückischer Junge, war ebenfalls fünfzehn und der schlanke und rasche Naphtali so alt wie der starke, aber schwermütige Juda, nämlich vierzehn. Das waren die Jaakobs-Söhne, die an jenen Heimlichkeiten teilnahmen. Gad und Ascher, obgleich mit ihren elf und zehn Jahren auch schon stämmige und geistig vollreife Burschen, blieben damals noch außen, zu schweigen von den drei Jüngsten.
Um was ging es? Nun, um das, worüber man sich auch in Schekem Gedanken machte. Die draußen die Köpfe zusammensteckten, diese von der Sonne Naharinas bis zur Schwärzlichkeit gebräunten Gesellen in ihren gegürteten Zottenkitteln und mit ihrem von Fett starrenden Haar, waren ziemlich wild aufgewachsene, bogen- und messerfrohe Steppensöhne und Hirtenjungen, gewöhnt an Begegnungen mit Wildstieren und Löwen, gewöhnt an ausgiebige Raufereien mit fremden Hütern um einen Weideplatz. Von Jaakobs Sanftmut und Gottesdenkertum war wenig auf sie gekommen; ihr Sinn war handfest praktisch gerichtet, voll eines nach Beleidigung und Anlaß zum Kampfe geradezu ausspähenden Jugendtrotzes und Stammesdünkels, welcher auf einen geistlichen Adel pochte, der persönlich gar nicht der ihre war. Seit längerem unbehaust, unterwegs, in wanderndem Zustande, fühlten sie sich gegen die Bewohner des Fruchtlandes, in das sie einzogen, als Nomaden, den Seßhaften überlegen durch Freiheit und Kühnheit, und ihre Gedanken gingen auf Raub. Dan war der erste gewesen, der aus dem Mundwinkel den Vorschlag gemacht hatte, Schekem durch Handstreich einzunehmen und zu plündern. Ruben, ehrbar, aber plötzlichen Antrieben unterworfen seit jeher, war rasch bei der Sache; Schimeon und Levi, die größten Raufbolde, schrien und tanzten vor Vergnügen und Unternehmungslust; den Eifer der anderen erhöhte der Stolz, sich ins Einvernehmen gezogen zu sehen.
Unerhört war es nicht, was sie erwogen. Daß Städte des Landes von lüsternen Eindringlingen der Wüste, südlicher oder östlicher Herkunft, Chabiren oder Beduinen, überfallen und vorübergehend auch eingenommen wurden, war, wenn nicht an der Tagesordnung, so doch ein nicht selten wiederkehrendes Vorkommnis. Die Überlieferung aber, deren Quelle nicht bei den Städtern, sondern bei den Chabiren oder Ibrim im engeren Sinne des Wortes, den bene Israel liegt, verschweigt mit dem besten Gewissen von der Welt, überzeugt von der Erlaubtheit solcher epischer Reinigung der Wirklichkeit, die Tatsache, daß es von Anfang an in Jaakobs Lager auf eine kriegerische Regelung des Verhältnisses zu Schekem abgesehen war und nur der Widerstand des Stammeshauptes die Ausführung dieser Pläne um einige Jahre, das heißt bis zu dem traurigen Zwischenfall mit Dina, verzögerte.
Dieser Widerstand war allerdings majestätisch und unüberwindlich. Jaakob befand sich damals in besonders gehobener Stimmung, und zwar auf Grund seiner Bildung, der Bedeutsamkeit seiner Seele, vermöge seiner Neigung zu weitausgreifender Ideenverbindung. Sein Leben während der letzten fünfundzwanzig Jahre erschien seinem feierlichen Sinnen im Lichte kosmischer Entsprechung, als Gleichnis des Kreislaufs, als ein Auf und Ab von Himmelfahrt, Höllenfahrt und Wiedererstehen, als eine höchst glückliche Ausfüllung des wachstumsmythischen Schemas. Von Beerscheba war er einst nach Beth-el gelangt, der Stätte des großen Treppengesichtes, das war eine Himmelfahrt. Von dort in die Steppe der Unterwelt, wo er zweimal sieben Jahre hatte dienen, schwitzen und frieren müssen und danach sehr reich geworden war, nämlich durch die Übertölpelung eines zugleich listigen und dummen Teufels namens Laban, – er konnte gebildeterweise nicht umhin, in seinem mesopotamischen Schwiegervater einen Schwarzmonddämon und schlimmen Drachen zu sehen, der ihn betrogen und den dann er selber gründlich betrogen und bestohlen hatte, worauf er denn nun mit allem Gestohlenen und namentlich mit seiner befreiten Ischtar, der süßäugigen Rahel, das Herz voll großen und frommen Gelächters, die Riegel der Unterwelt gebrochen hatte, aus ihr emporgestiegen und nach Sichem gelangt war. Sichems Tal hätte nicht so blumig zu sein brauchen, wie es wirklich bei seiner Ankunft sich darstellte, um seiner Sinnigkeit als Frühlingspunkt und Kreislaufstation neuen Lebens zu erscheinen; abrahamitische Erinnerungen an diesen Platz taten das Ihre, sein Herz sehr weich und ehrerbietig gegen ihn zu stimmen. Ja, wenn seine Sprößlinge an Abrahams Kriegertum dachten, an seinen kühnen Handstreich gegen die Heere des Ostens und daran, wie er die Zähne der Sternanbeter stumpf gemacht, so dachte er, Jaakob, an Urvaters Freundschaft mit Melchisedek, dem Hohenpriester von Sichem, an den Segen, den er von ihm empfangen, die Sympathie und Anerkennung, die er seiner Gottheit gezollt; – und so war die Aufnahme, die seine großen Jungen bei ihm fanden, als sie auf behutsame und fast poetische Art ihr grobes Vorhaben durchblicken ließen, die allerschlechteste.
»Weichet hinaus von mir«, rief er, »und das auf der Stelle! Söhne Lea's und Bilha's, ihr solltet euch schämen! Sind wir Räuber der Wüste, die da kommen über das Land gleich Heuschrecken und gleich einer Plage Gottes und fressen die Ernte des Ackersmannes? Sind wir Gesindel, Ungenannte und Niemandssöhne, daß wir die Wahl hätten, zu betteln oder zu stehlen? War nicht Abraham ein Fürst unter den Fürsten des Landes und ein Bruder der Mächtigen? Oder wolltet ihr euch setzen mit triefendem Schwert zu Herren der Städte und leben in Krieg und Schrecken – wie wolltet ihr weiden unsere Lämmer auf den Triften, die wider euch sind, und unsere Ziegen auf den Bergen, die widerhallen von Haß? Hinweg, Dummköpfe! Untersteht euch! Sehet mir draußen nach dem Rechten, ob die Dreiwöchigen das Fressen annehmen, daß geschont werde die Milch der Mütter. Geht und sammelt das Haar der Kamele, daß wir Grobzeug haben, zu kleiden die Knechte und Hüterknaben, denn es ist die Zeit, da sie's abwerfen. Geht mir, sage ich, und prüfet die Seile der Zelte und die Ösen des Zeltdachs, ob nichts verfault ist, damit kein Unglück geschehe und einstürze das Haus über Israel. Ich aber, daß ihr es wißt, will mich gürten und hingehen unter das Tor der Stadt und reden in Frieden und Weisheit mit den Bürgern und mit Hemor, ihrem Hirten, auf daß wir uns vertragen mit ihnen gültig und schriftlich und Land von ihnen erwerben und Handel treiben mit ihnen zu unserm Nutzen und nicht zum Schaden für jene.«
Der Vertrag
So geschah es. Jaakob hatte sein Lager unweit der Stadt bei einer Gruppe alter Maulbeerbäume und Terebinthen aufgeschlagen, die ihm heilig schien, in einem welligen Gebreite von Wiesen und Ackerland, von wo man auf die kahlen Klippen des Ebalberges blickte und aus dem nahebei der oben felsige, unten aber gesegnete Garizim sich erhob, und von hier sandte er drei Männer mit hübschen Geschenken für Hemor, den Hirten, nach Schekem; ein Bündel Tauben, Brote aus trockenen Früchten gepreßt, eine Lampe in Entenform und ein paar schöne Krüge, die mit Fischen und Vögeln bemalt waren, und ließ sagen, Jaakob, der große Reisende, wolle mit den Oberen der Stadt unterm Tor über Verbleib und Rechte verhandeln. Man war erleichtert und entzückt zu Schekem. Die Stunde der Begegnung ward angesetzt, und da sie erfüllt war, kamen hervor aus dem Osttore Hemor, der Gichtige, mit dem Staat seines Hauses und mit Sichem, seinem Sohn, einem zappligen Jüngling; auch Weser-ke-Bastet im Blumenkragen kam aus Neugierde mit hervor nebst einigen Katzen, und andererseits stellte Jaakow ben Jizchak voller Würde sich ein, begleitet von Eliezer, seinem Ältesten Knechte, umgeben von seinen großjährigen Söhnen, denen er vollkommene Höflichkeit geboten hatte für diese Stunde; und so traf man einander unter dem Tor und hielt Zusammenkunft dort und davor: Denn das Tor war ein schwerer Bau, der vorsprang hallenartig nach außen und innen, und innen war Markt- und Gerichtsplatz, und viel Volks hatte sich hinter den Großen dorthin gedrängt, um zuzusehen der Beratung und dem Geschäfte, das sich mit allen Umständlichkeiten schöner Gesittung einleitete und nur sehr zögernd überhaupt in Angriff genommen wurde, so daß die Zusammenkunft sechs Stunden dauerte und die Händler auf dem Marktplatze drinnen mit dem Volke gute Geschäfte machten. Nach den ersten Reverenzen ließen die Parteien sich, einander gegenüber, auf Feldsesseln, Matten und Tüchern nieder; Erfrischungen wurden gereicht: Würzwein und Dickmilch mit Honig; lange war nur von der Gesundheit der Häupter und ihren Lieben die Rede, dann von den Reiseverhältnissen auf beiden Seiten des ›Abflusses‹, dann von noch fernerliegenden Dingen; dem aber, weswegen man zusammengekommen war, näherte man sich wie widerwillig und mit Achselzucken, mehrmals davon wieder abweichend und auf eine Weise, als schlage man einander vor, doch lieber gar nicht davon zu reden, eben weil es das eigentlich zu Beredende, die Sache, der Gegenstand war, welchem um höherer Menschlichkeit willen der Schein des Verächtlichen notwendig gewahrt bleiben mußte. Ist es doch schlechthin der Luxus der Übersachlichkeit und der Scheinvorrang ehrenhalber der schönen Form, eingerechnet den hochherzig unbekümmerten Zeitverbrauch um ihretwillen, welche das menschlich Würdige, nämlich das mehr als Natürliche und also Gesittete eigentlich ausmachen.
Der Eindruck, den die Städter von der Persönlichkeit Jaakobs empfingen, war der vorzüglichste. Wenn nicht auf den ersten Blick, so doch schon nach wenig Austausch wußten sie, wen sie vor sich hatten. Das war ein Herr und Gottesfürst, vornehm durch Geistesgaben, die auch seine gesellschaftliche Person veredelten. Was hier seine Wirkung übte, war derselbe Adel, der in den Augen des Volkes von jeher das Merkmal der Nachfolge oder Wiederverkörperung Abrahams ausgemacht und, von der Geburt ganz unabhängig, auf Geist und Form beruhend, diesem Mannesschlage die geistliche Führerschaft gesichert hatte. Die ergreifende Sanftheit und Tiefe von Jaakobs Blick, sein vollendeter Anstand, die Ausgesuchtheit seiner Gebärden, das Tremolo seiner Stimme, seine gebildete und blumige, in Satz und Gegensatz, Gedankenreim und mythischer Anspielung sich bewegende Rede nahmen vor allem Hemor, den Gichtigen, so sehr für ihn ein, daß er schon nach kurzem aufstand und hinging, den Scheich zu küssen, und der Beifall des Volks in der inneren Torhalle begleitete die Handlung. Was das Anliegen des Fremdlings betraf, das man im voraus kannte und das auf rechtmäßige Ansiedelung hinausging, so machte es dem Stadthaupte freilich einiges Beschwer, denn eine Anzeige an ferner, höchster Stelle, daß er, Hemor, das Land den Chabiren ausliefere, konnte seinem Alter Unbill bereiten. Allein stille Blicke, die er mit dem Vorsteher der Besatzung tauschte, welcher für sein Teil ebenso erwärmt von Jaakobs Wesen war wie er selbst, beruhigten ihn über diesen Punkt, und so eröffnete er den Handel mit dem schönen und selbstverständlich mit einer Verbeugung zu übergehenden Vorschlage, jener möge Land und Rechte einfach geschenkt nehmen, und rückte dann mit einem gewürzten Preise nach: hundert Schekel Silbers für ein Saatland, so groß wie zwölf ein halb Morgen, forcierte er und fügte, gefaßt auf ein zähes Feilschen, die Frage hinzu, was das sei zwischen einem solchen Käufer und ihm! Doch Jaakob feilschte nicht. Seine Seele war bewegt und erhoben von Nachahmung, Wiederkehr, Vergegenwärtigung. Er war Abraham, der von Osten kam und von Ephron den Acker, die doppelte Grabstätte kaufte. Hatte der Gründer mit Hebrons Haupt und mit den Kindern Heth um den Preis gehadert? Es gab die Jahrhunderte nicht. Was gewesen, war wieder. Der reiche Abraham und Jaakob, der Reiche aus Osten, sie schlugen würdevoll ohne weiteres ein; chaldäische Sklaven schleppten die Standwaage, die Gewichtssteine heran. Eliezer, der Großknecht, trat nahe mit einem Tongefäß voll Ringsilber; es stürzten herzu die Schreiber Hemors, hockten hin und begannen die Friedens- und Handelsurkunde auszufertigen nach Recht und Gesetz. Dargewogen war das Entgelt für Acker und Weide, gültig und heilig der Vertrag, verflucht, wer ihn anfocht. Sichemiten waren die Jaakobsleute, Bürger, Berechtigte. Sie mochten ein- und ausgehen durch das Tor der Stadt nach ihrem Gefallen. Sie mochten das Land durchziehen und Handel treiben im Lande. Ihre Töchter wollten Schekems Söhne zu Weibern nehmen und Schekems Töchter ihre Söhne zum Mann. Von Rechtes wegen; wer sich dawidersetzte, sollte der Ehre bar sein für Lebenszeit. Die Bäume auf dem gekauften Felde waren Jaakobs ebenfalls – ein Feind des Gesetzes, wer es bezweifelte. Weser-ke-Bastet als Zeuge drückte den Käfer seines Ringes in den Ton, Hemor seinen Stein, Jaakob die Siegelwalze an seinem Hals. Es war geschehen. Man tauschte Küsse und Schmeicheleien. Und so geschah Jaakobs Niederlassung bei der Stätte Schekem im Lande Kanaan.
Jaakob wohnt vor Schekem
»Weißt du davon?« – »Ich weiß es genau.« Mitnichten wußten es Israels Hirten noch genau, wenn sie es später am Feuer zum Gegenstand ›Schöner‹ Gespräche machten. Guten Gewissens stellten sie manches um und verschwiegen anderes um der Geschichte Reinheit willen. Sie schwiegen davon, wie schiefe Mäuler die Söhne Jaakobs und namentlich Levi und Schimeon gleich damals zu dem Friedensvertrage gezogen, – und taten, als sei der Vertrag erst errichtet worden, als die Geschichte mit Dina und Sichern, dem Burgsohne, schon begonnen, – und zwar etwas anders begonnen hatte, als sie es ›wußten‹. Sie überlieferten es so, als habe eine gewisse Bedingung, die man dem Sichern in Beziehung auf Jaakobs Tochter stellte, einen Punkt des Verbrüderungsdokumentes ausgemacht, – während diese Bedingung völlig eine Sache für sich war und zu einem ganz anderen Zeitpunkt gestellt wurde, als sie ›genau zu wissen‹ vorgaben. Wir werden es darlegen. Der Vertrag war das erste. Ohne ihn hätte die Ansiedelung der Jaakobsleute gar nicht statthaben und auch das Folgende sich nicht ereignen können. Sie zelteten seit fast vier Jahren vor Schekem, am Eingang des Tals, als die Wirren eintraten; sie bauten ihren Weizen auf dem Acker und ihre Gerste auf der Krume des Feldes; sie ernteten das Öl ihrer Bäume, sie weideten ihre Herden und trieben Handel damit im Lande; sie gruben einen Brunnen dort, wo sie siedelten, vierzehn Ellen tief und sehr breit, mit Mauerwerk gefüttert, den Jaakobsbrunnen … Einen Brunnen – so tief und breit? Was brauchten die Kinder Israel überhaupt einen Brunnen, da doch die befreundeten Städter einen hatten vor dem Tor und das Tal voller Quellen war? Ja, gut, sie brauchten ihn auch nicht gleich, sie legten ihn nicht unmittelbar nach ihrer Niederlassung an, sondern erst etwas später, als sich gezeigt hatte, daß in betreff des Wassers unabhängig zu sein und einen starken Vorrat davon auf ihrem eigenen Grunde zu besitzen, nämlich einen solchen, der auch bei größter Trockenheit nicht versiechte, für sie, die Ibrim, eine Lebensnotwendigkeit war. Das Verbrüderungsinstrument war errichtet, und wer daran deutelte, dessen Eingeweide sollten preisgegeben sein. Aber errichtet worden war es von den Häuptern, wenn auch unter dem Stimmungsbeifall des Volks, und Landfremde, Zugewanderte blieben die Jaakobsleute eben doch in den Augen der Leute Schekems – nicht sehr bequeme und harmlose überdies, sondern recht dünkel- und lehrhafte, welche vor aller Welt etwas Geistliches vorauszuhaben meinten, dazu beim Vieh- und Wollhandel in einer Weise auf ihren Vorteil zu sehen wußten, daß schlechthin die Selbstachtung litt im Verkehr mit ihnen. Kurzum, die Verbrüderung war nicht durchgreifend, sie unterlag gewissen Abstrichen, wie eben dem, daß man den Ebräern die Benutzung der verfügbaren Wasserstellen, deren übrigens auch im Instrumente nicht Erwähnung geschehen, schon nach kurzem verweigerte, um sie etwas einzuschränken – und daher der große Jaakobsbrunnen, welcher als Merkmal dafür zu gelten hat, daß es schon vor den schwereren Wirren zwischen dem Stamme Israel und den Leuten von Schekem so stand, wie es eben zwischen eingelagerten Chabirenstämmen und den altrechtmäßigen Bewohnern des Landes zu stehen pflegte, nicht aber so, wie es gemäß der Sitzung unterm Stadttore hätte stehen sollen.
Jaakob wußte es und wußte es nicht, das heißt: er sah davon ab und hielt seinen sanften Sinn den familiären und den geistlichen Dingen zugewandt. Damals lebte ihm Rahel, die Süßäugige, schwer erworben, fährlich entführt und ins Land der Väter gerettet, die Rechte und Liebste, seines Auges Wonne, seines Herzens Schwelgerei, seiner Sinne Labsal. Joseph, ihr Reis, der wahrhafte Sohn, wuchs heran; er wurde – reizende Zeit! – aus einem Kinde zum Knaben, und zwar zu einem so schönen, witzigen, schmeichelhaften, bezaubernden, daß dem Jaakob die Seele überwallte, wenn er ihn nur sah, und schon damals die Größeren anfingen, Blicke zu wechseln ob der Narretei, die der Alte anstellte mit dem mundfertigen Balg. Übrigens war Jaakob vielfach der Wirtschaft fern, unterwegs, auf Reisen. Er nahm die Beziehungen auf zu den Glaubensverwandten in Stadt und Land, besuchte die dem Gotte Abrahams geheiligten Stätten auf den Höhen und in den Tälern und erörterte in manchem Gespräch das Wesen des Einzig-Höchsten. Es ist sicher, daß er vor allem hinabzog gen Mittag, um nach einer Trennung, die fast ein Menschenalter gewährt, seinen Vater zu umarmen, sich ihm in seiner Fülle zu zeigen und einen Segen bestätigen zu lassen, der ihm so sichtbarlich angeschlagen. Denn Jizchak lebte damals noch, ein uralter Mann und längst völlig blind, während Rebekka vor Jahr und Tag schon ins Totenreich hinabgestiegen war. Dies aber war auch der Grund, weshalb Isaak die Stätte seines Brandopfers von dem Baume ›Jahwe el olam‹ bei Beerscheba hinweg zur Orakel-Terebinthe bei Hebron verlegt hatte: in die unmittelbare Nähe der ›doppelten Höhle‹ nämlich, in der er die Vetterstochter und Eheschwester zur Ruhe bestattet hatte und wo über ein kleines auch er selbst, Jizchak, das verwehrte Opfer, nach langer und geschichtenvoller Lebensfrist versorgt und beklagt werden sollte von Jaakob und Esau, seinen Söhnen, damals, als Jaakob gebrochen von Beth-el kam, nach Rahels Tode, mit dem kleinen Mörder, dem Neugeborenen, Ben-Oni = Ben-Jamin …
Die Weinlese
Viermal grünten Weizen und Gerste und wurden gelb auf den Äckern von Schekem, viermal blühten und welkten die Anemonen des Tals, und achtmal hatten die Jaakobsleute Schafschur gehalten (denn Jaakobs gesprenkelten Frühlingen wuchs das Vlies so rasch, wie einer die Hand umdreht, und zweimal das Jahr hatte er reiche Wolle von ihnen: im Siwan sowohl wie auch noch im herbstlichen Tischri): Da geschah es zu Schekem, daß die Einwohner Weinlese hielten und das Fest der Weinlese in der Stadt und an Garizims gestuften Hängen, am Vollmond der Herbsttagesgleiche, da das Jahr sich erneute. Da war nichts als Jauchzen und Umzug und Erntedank in Stadt und Tal, denn sie hatten die Trauben gepflückt unter Gesängen und sie nackend mit Füßen getreten in der Felsenkelter, daß ihre Beine purpurn wurden bis zu den Hüften und das süße Blut durch die Rinne hin in die Kufe floß, wo sie knieten und es lachend in Krüge und Balgschläuche füllten, auf daß es gäre. Da nun der Wein auf Hefen lag, stellten sie das Fest der sieben Tage an, opferten den Zehnten der Erstlinge von Rind und Schaf, von Korn, Most und Öl, schmausten und tranken, brachten Adonai, dem großen Baal, kleinere Götter zur Aufwartung in sein Haus und führten ihn selbst in seinem Schiff auf den Schultern, mit Trommeln und Cymbelglocken, in Prozession über Land, daß er aufs neue segne den Berg und den Acker. Aber mitten im Fest, am dritten Tage, sagten sie eine Musik und einen Reigen an vor der Stadt, in Gegenwart der Burg und jedes, der kommen wollte, Weiber und Kinder nicht ausgenommen. Da kamen heraus Hemor, der Alte, auf einem Stuhl getragen, und der zapplige Sichern, getragen ebenfalls, mit Frauenstaat und Verschnittenen, mit Ämtlingen, Kaufleuten und kleinem Volk, und aus seinem Zeltlager kam Jaakob mit Weibern, Söhnen und Knechten, und sie alle kamen zusammen und ließen sich nieder an dem Ort, wo die Musik erschallte, und an der Stätte, wo der Reigen geschehen sollte: unter Ölbäumen im Tal, wo es weit war, der Berg des Segens geräumig ausbog, oben felsig und lieblich unten, und in der Schlucht des Fluchberges Ziegen nach trockenen Kräutern kletterten. Der Nachmittag war blau und warm, das sinkende Licht kleidete alle Dinge und Menschen wohl und vergoldete die Formen der Tänzerinnen, welche, gestickte Bänder um Hüften und Haar, Metallstaub in den Wimpern ihrer langgeschminkten Augen, mit rollendem Bauch vor den Musikanten tanzten und die Köpfe abwandten von den Handtrommeln, die sie rührten. Die Musikanten hockten und schlugen Leier und Laute, ließen ertönen das scharfe Weinen der Kurzflöten. Andere, hinter den Spielenden, klatschten nur mit den Händen den Takt, und weitere sangen, indem sie mit der Hand ihre Kehle schüttelten, damit es gepreßt und beweglich klinge. Männer kamen auch, zu tanzen; sie waren bärtig und nackt, hatten Tierschwänze umgebunden und sprangen wie Böcke, indem sie die Mädchen zu haschen suchten, welche ausgebogenen Leibes entwischten. Ballspiel gab es ebenfalls, und die Mädchen waren geschickt darin, mehrere Kugeln auf einmal hochauf gaukeln zu lassen bei gekreuzten Armen oder indem die eine sich auf die Hüfte der anderen setzte. Groß war die Zufriedenheit aller, Städter wie Zeltbewohner, und wenn auch Jaakob das Rauschen und Klimpern nicht liebte, da es betäubte und die Gottesbesinnung nahm, so machte er doch behagliche Miene um der Leute willen und schlug aus Höflichkeit manchmal den Takt mit den Händen.
Da nun war es, daß Sichem, der Burgsohn, Dina sah, des Ibrims Tochter, dreizehnjährig, und sie begehren lernte, daß er nie wieder aufhören konnte, sie zu begehren. Sie saß mit Lea, ihrer Mutter, auf der Matte, gleich neben den Musikanten, gegenüber dem Sitze Sichems, und unablässig betrachtete er sie mit verwirrten Augen. Sie war nicht schön, kein Leakind war das, aber ein Reiz ging zu jener Zeit von ihrer Jugend aus, süß, zäh, gleichsam Fäden ziehend wie Dattelhonig, und dem Sichem erging es vom Anschauen alsbald wie der Fliege an der bestrichenen Tüte: er zog die klebenden Beinchen, um zu sehen, ob er hätte loskommen können, wenn er gewollt hätte, wollte es zwar nicht ernstlich, weil die Tüte so süß war, erschrak aber zu Tode, weil er bemerkte, daß er es auch bei dem besten Willen nicht gekonnt hätte, hüpfte auf seinem Feldstühlchen hin und her und verfärbte sich hundertmal. Sie hatte ein dunkles Frätzchen mit schwarzen Haarfransen in der Stirn unter dem Schleierruch ihres Hauptes, lange finster-süße Augen von klebrigem Schwarz, die unter den Blicken des sich Vergaffenden öfters ins Schielen gerieten, eine breitnüstrige Nase, an deren Scheidewand ein Goldring baumelte, einen ebenfalls breiten, rot aufgehöhten, schmerzlich verzerrten Mund und fast überhaupt kein Kinn. Ihr ungegürteter Hemdrock aus blau und roter Wolle bedeckte nur eine Schulter, und die andere, bloße, war äußerst lieblich in ihrer Schmalheit, die Liebe selbst, – wobei die Sache nicht besser, sondern nur schlimmer wurde, wenn sie den Arm an dieser Schulter hob, um ihn hinter den Kopf zu führen, so daß Sichem das feuchte Gekräusel ihrer kleinen Achselhöhle sah und durch Hemd und Oberkleid die zierlich harten Brüste strotzten. Sehr schlimm waren auch ihre dunklen Füßchen mit kupfernen Knöchelspangen und weichen Goldringen an allen Zehen mit Ausnahme der großen. Aber das Schlimmste fast waren die kleinen, goldbraunen Hände, mit geschminkten Nägeln, wenn sie in ihrem Schöße spielten, ebenfalls mit Ringen bedeckt, kindlich und klug zugleich, und wenn Sichem bedachte, wie es sein müßte, wenn diese Hände ihn liebkosen würden beim Beilager, so taumelten ihm die Sinne und die Luft ging ihm aus.
Ans Beilager aber dachte er gleich und dann an nichts anderes mehr. Mit Dina selbst zu reden und ihr schönzutun anders als mit Blicken, hatte die Sitte ihm nicht erlaubt. Aber alsbald, schon auf dem Heimwege und fortan in der Burg, lag er seinem Vater in den Ohren, er könnte nicht leben und sein Leib müsse verdorren ohne die chabirische Dirne und Hemor, der Alte, möge hinausgehen und sie ihm zum Weibe kaufen für sein Lager, sonst verdorre er schnellstens. Was blieb da Hemor, dem Gichtigen, anderes übrig zu tun, als daß er sich hinaustragen ließ und sich führen von zwei Männern in Jaakobs härenes Haus, als daß er sich vor ihm neigte, ihn Bruder nannte und ihm nach manchem Umschweif von dem starken Herzensgelüste seines Sohnes sprach, auch reiche Morgengabe bot für den Fall, daß Dina's Vater in die Verbindung willige? Jaakob war überrascht und bestürzt. Dieser Antrag weckte ihm zwiespältige Gefühle, setzte ihn in Verlegenheit. Er war, weltlich gesehen, ehrenvoll, zielte auf die Herstellung verwandtschaftlicher Beziehungen zwischen seinem Hause und einem Fürstenhause des Landes ab und konnte ihm und dem Stamme Nutzen tragen. Auch rührte ihn der Vorgang durch die Erinnerung an ferne Tage, an sein eigenes Werben um Rahel bei Laban, dem Teufel, und daran, wie dieser sein Verlangen hingehalten, ausgenutzt und betrogen hatte. Nun war er selber in Labans Rolle eingerückt, sein Kind war es, nach dem ein Jüngling Verlangen trug, und er wünschte nicht, sich in irgendeinem Sinn zu benehmen wie jener. Andererseits waren seine Zweifel an der höheren Schicklichkeit dieser Verbindung sehr rege. Er hatte sich niemals viel um Dina, das Frätzchen, gekümmert, da sein Gefühl dem entzückenden Joseph gehörte, und nie hatte er aus der Höhe irgendeine Weisung ihretwegen empfangen. Immerhin war sie seine einzige Tochter, das Begehren des Burgsohnes ließ sie in seinen Augen im Werte steigen, und er bedachte, daß er sich hüten müsse, diesen wenig beachteten Besitz vor Gort zu vertun. Hatte nicht Abraham sich von Eliezer die Hand unter die Hüfte legen lassen darauf, daß er Jizchak, dem wahrhaften Sohn, kein Weib nehmen wolle von den Töchtern der Kanaaniter, unter denen er wohnte, sondern ihm eines holen aus der Heimat im Morgen und aus der Verwandtschaft? Hatte nicht Jizchak das Verbot weitergegeben an ihn selbst, den Rechten, und gesprochen: »Nimm nicht ein Weib von den Töchtern Kanaans!«? Dina war nur ein Mädchen und ein Kind der Unrechten überdies, und so wichtig wie im Falle der Segensträger war es wohl nicht, wie sie sich vermählte. Aber daß man vor Gott auf sich halte, war dennoch geboten.
Die Bedingung
Jaakob rief seine Söhne zu Rate bis herab zu Sebulun, zehn an der Zahl, und sie saßen alle vor Hemor, hoben die Hände und wiegten die Köpfe. Die tonangebenden älteren waren nicht die Männer, zuzugreifen, als hätten sie sich Besseres gar nicht erträumen können. Ohne Verständigung waren sie einig, daß mit Muße bedacht werden müsse, was aus der Lage zu machen sei. Dina? Ihre Schwester? Lea's Tochter, die eben mannbar gewordene, liebreizende, unbezahlbare Dina? Für Sichem, Sohn Hemors? Das war selbstverständlich der reiflichsten Überlegung wert. Sie erbaten Bedenkzeit. Sie taten es aus allgemeiner Handelszähigkeit, aber Schimeon und Levi hatten noch ihre besonderen Hintergedanken und halbbestimmten Hoffnungen dabei. Denn keineswegs hatten sie auf ihre alten Pläne verzichtet, und was die Wasserverweigerung noch nicht herbeigeführt hatte, das wuchs, so dachten sie, hier vielleicht, in Sichems Wünschen und Werbung, heran.
Bedenkzeit also, drei Tage. Und Hemor, etwas beleidigt, ließ sich davontragen. Nach Ablauf der Frist aber kam Sichern selbst ins Lager hinaus auf einem weißen Esel, um seine Sache zu führen, wie der Vater, der keine Lust mehr verspürte, es von ihm verlangt hatte und wie es auch seiner Ungeduld lieb und natürlich war. Er führte sie nicht händlerisch, verstellte sein Herz nicht im mindesten und machte kein Hehl daraus, daß ein wahrer Brand nach Dina, der Dirne, ihn verzehre. »Fordert keck!« sagte er. »Fordert unverschämt, – Geschenke und Morgengabe! Sichern bin ich, der Burgsohn, herrlich gehalten in meines Vaters Haus, und beim Baal, ich will's geben!« Da sagten sie ihm ihre Bedingung, die erfüllt sein müsse, bevor man überhaupt weiterrede, und auf die sie sich unterdessen geeinigt hatten.
Genau ist hier die wahre Reihenfolge der Geschehnisse zu beachten, die anders war, als später die Hirten im ›Schönen Gespräch‹ sie anordneten und weitergaben. Nach ihnen hätte Sichern sofort und unvermittelt das Böse getan und listige Gegengewalttat herausgefordert; in Wirklichkeit aber entschloß er sich erst, vollendete Tatsachen zu schaffen, als die Jaakobsleute sich vor ihm ins Unrecht gesetzt hatten und er sich hingehalten, wenn nicht betrogen sah. Sie sagten ihm also, vor allen Dingen müsse er sich beschneiden lassen. Das sei unumgänglich: wie sie nun einmal seien und wie es um ihre Überzeugung stehe, würde es ein Greuel und eine Schande in ihren Augen sein, ihre Tochter und Schwester einem unbeschnittenen Manne zu geben. Die Brüder waren es, die diese Stipulation dem Vater nahegelegt hatten, und Jaakob, zufrieden, einen Aufschub durch sie zu gewinnen, hatte auch grundsätzlich nicht umhingekonnt, ihr zuzustimmen, obgleich er sich über die Frömmigkeit der Söhne zu wundern hatte.
Sichem lachte heraus und entschuldigte sich dann, indem er den Mund mit den Händen bedeckte. »Weiter nichts?« rief er. Und das sei alles, was sie verlangten? Aber meine Herren! Ein Auge, seine rechte Hand sei er dahin- und daranzugeben bereit für Dina's Besitz – wieviel eher denn also einen so gleichgültigen Körperteil wie die Vorhaut seines Fleisches! Beim Sutech, nein, das biete wirklich gar keine Schwierigkeit! Sein Freund Beset sei auch beschnitten, und nie habe er sich das geringste dabei gedacht. Nicht eine einzige von Sichems kleinen Schwestern im Haus der Spiele und Lüste werde den geringsten Anstoß nehmen an diesem Wegfall. Das sei so gut wie geschehen – von der Hand eines leibeskundigen Priesters vom Tempel des Höchsten! Sobald er geheilt sei am Fleische, komme er wieder! Und er lief hinaus, seinen Sklaven winkend, daß sie den weißen Esel brächten.
Als er sich wieder einstellte, sieben Tage später, so früh wie möglich, kaum noch genesen, behindert noch von dem gebrachten Opfer, doch strahlend von Vertrauen, fand er das Familienhaupt verritten und verreist. Jaakob vermied die Begegnung. Er ließ seine Söhne walten. Er fand sich nun dennoch ganz in Labans, des Teufels, Rolle eingerückt und zog es vor, sie in Abwesenheit zu spielen. Denn was antworteten die Söhne dem armen Sichern auf seine hochgemute Eröffnung, die Bedingung sei erfüllt, es sei keine solche Läpperei gewesen, wie er sich vorgestellt, sondern lästig genug, doch nun sei's geschehen, und er erwarte den süßesten Lohn? Geschehen, ja, antworteten sie. Geschehen möglicherweise, sie wollten es glauben. Aber geschehen nicht in dem rechten Geist, ohne höheren Sinn und Verstand, oberflächlich, bedeutungslos. Geschehen? Vielleicht. Aber geschehen einzig um der Vermählung willen mit Dina, dem Weibe, und nicht im Sinne der Vermählung mit ›Ihm‹. Geschehen außerdem höchstwahrscheinlich nicht mit einem Steinmesser, wie es unumgänglich sei, sondern mit einem metallenen, was allein schon die Sache fragwürdig bis nichtig mache. Ferner besitze Sichern, der Burgsohn, ja schon eine Haupt-Eheschwester, eine Erste und Rechte, Rehuma, die Heviterin, und Dina, Jaakobs Tochter, würde nur eins seiner Kebsweiber abgeben, woran nicht zu denken sei.
Sichem zappelte. Wie sie wissen könnten, rief er, in welchem Geist und Verstand er das Unannehmliche vollzogen, und wie sie jetzt nachträglich mit dem Steinmesser herausrücken möchten, da sie doch verpflichtet gewesen wären, ihn deswegen gleich zu bedeuten. Kebsweib? Aber der König von Mitanni selbst habe seine Tochter, Gulichipa genannt, Pharao zum Weibe gegeben und sie ihm mit großem Gepränge hinabgesandt, nicht als Königin der Länder, Teje, die Göttin, sei Königin der Länder, sondern als Nebenfrau, und wenn also König Schutarna selbst –
Ja, sprachen die Brüder, das seien also Schutarna gewesen und Gulichipa. Hier aber handle es sich um Dina, Tochter Jaakobs, des Gottesfürsten, Abrahams Samen, und daß die nicht Kebsweib sein könne zu Schekem in der Burg, das werde bei besserem Nachdenken wohl sein eigener Verstand ihm sagen.
Und das habe Sichern für ihr letztes Wort zu erachten?
Sie hoben die Achseln, breiteten ihre Hände aus. Ob sie ihn mit einem Geschenke erfreuen könnten, zwei oder drei Hammeln vielleicht.
Da war es mit seiner Geduld zu Ende. Er hatte viel Ärger und Last gehabt um seines Begehrens willen. Jener Priester vom Tempel hatte sich keineswegs als so leibeskundig erwiesen, wie er von sich ausgesagt, und nicht zu hindern vermocht, daß Hemors Sohn Entzündung, Fieber und arge Schmerzen hatte ausstehen müssen. Dafür nun dies? Er stieß einen Fluch aus, dessen Meinung war, die Existenz der Jaakobssöhne auf die Gewichtlosigkeit von Licht und Luft zurückzuführen, und den sie mit raschen, geschickten Bewegungen von sich abzuleiten trachteten, – und stürzte davon. Vier Tage später war Dina verschwunden.
Die Entführung
»Weißt du davon?« Die Reihenfolge ist zu beachten! Sichern war nur ein schlenkrichter Jüngling, lecker und erzieherisch nicht gewöhnt, sich einen Wunsch seiner Sinne zu versagen. Aber das ist kein Grund, gewisse zweckhafte Hirtenmärlein immerdar zu seinen äußersten Ungunsten wörtlich zu nehmen. Wenn so tiefzügig sich die Geschichte in Jaakobs besorgte Miene einschrieb, so eben darum, weil er, mochte auch er selbst und zuerst sie gestutzt und beschönigt erzählen und sie so glauben, während er sie erzählte, heimlich wohl wußte, wer zuerst auf Raub und Gewalt gesonnen, wer die Geschichte von allem Anfang darauf angelegt, und daß Hemors Sohn keineswegs Dina einfach geraubt, sondern mit redlicher Werbung begonnen und erst als ein Geprellter sich für berechtigt erachtet hatte, sein Glück zur Grundlage weiterer Unterhandlung zu machen. Mit einem Wort, Dina war fort, gestohlen, entführt. Am lichten Tage, auf offenem Feld, ja angesichts der Ihren hatten Männer der Burg sie beschlichen, da sie mit Lämmern spielte, ihr den Mund mit einem Tuche verschlossen, sie auf ein Kamel geworfen und weiten Vorsprung gegen die Stadt mit ihr gehabt, bevor Israel auch nur Reittiere zum Nachsetzen hatte satteln können. Sie war dahin, verschlossen in Sichems Haus der Spiele und Lüste, wo übrigens ungeahnte städtische Annehmlichkeiten sie umgaben, und Sichem hielt hastig das ersehnte Beilager mit ihr, wogegen sie nicht einmal Gewichtiges einzuwenden hatte. Sie war ein unbedeutendes Ding, ergeben, ohne Urteil und Widersetzlichkeit. Was mit ihr geschah, wenn es klar und energisch geschah, nahm sie als das Gegebene und Natürliche hin. Außerdem fügte Sichem ihr ja kein Übles zu, sondern im Gegenteil, und auch seine übrigen Schwesterlein, Rehuma, die Erste und Rechte, nicht ausgenommen, waren freundlich mit ihr.
Aber die Brüder! Aber Schimeon und Levi, namentlich sie! Ihre Wut schien keine Grenzen zu kennen – Jaakob, verwirrt und niedergeschlagen, hatte das Äußerste von ihnen auszustehen. Entehrt, vergewaltigt, bübisch geschwächt – ihre Schwester, Schwarz-Turteltäubchen, die Allerreinste, die Einzige, Abrahams Samen! Sie zerbrachen den Brustschmuck, zerrissen die Kleider, legten Säcke an, rauften sich Haar und Bart, heulten und brachten sich im Gesicht und am Körper lange Schnittwunden bei, die ihren Anblick gräßlich machten. Sie warfen sich auf die Bäuche, schlugen mit den Fäusten die Erde und schwuren, weder zu essen noch ihren Leib zu entleeren, ehe denn Dina der Wollust der Sodomiter entrissen und die Stätte ihrer Schändung der Wüste gleichgemacht worden sei. Rache, Rache, Überfall, Totschlag, Blut und Marter, das war alles, was sie kannten. Jaakob, erschüttert, tief betreten, in schmerzlicher Verlegenheit, im Gefühle übrigens, sich labanmäßig benommen zu haben, und wohl wissend, daß die Brüder sich am Ziel ihrer ursprünglichen Wünsche sahen, hatte Mühe, sie vorläufig im Zaum zu halten, ohne sich dabei dem Vorwurf mangelnden Ehr- und Vatergefühles auszusetzen. Er beteiligte sich bis zu einem gewissen Grade an den Kundgebungen ihrer Grameswut, indem er ebenfalls ein schmutziges Kleid anlegte und sich etwas zerraufte, gab ihnen dann aber zu bedenken, einen wie geringen Nutzen es verspreche, Dina gewaltsam aus der Burg zu reißen, womit ja die Frage nicht gelöst, sondern erst aufgeworfen sein werde, was man mit der Geschwächten, Geschändeten dann hier anfangen solle. Nachdem sie einmal in Sichems Hände gefallen, sei ihre Rückkehr, wohlüberlegt, nicht wünschenswert, und viel weiser sei es, seinen Kummer mäßigend, etwas zuzuwarten: ein Verhalten, dessen Ratsamkeit er auch aus der Leber eines zu diesem Zweck geschlachteten Schafes andeutungsweise glaube herausgelesen zu haben. Zweifellos, wie auf Grund des Vertrages zwischen der Stadt und dem Stamme alles stehe, werde Sichern über ein kleines von sich hören lassen, neue Vorschläge unterbreiten und die Möglichkeit bieten, einer so häßlichen Sache doch noch ein, wenn nicht schönes, so doch mäßig angenehmes Gesicht zu geben.
Und siehe da, zu Jaakobs eigener Verwunderung gaben die Söhne plötzlich nach und willigten ein, auf die Botschaft der Burg zu warten. Ihr Stillewerden beunruhigte ihn sofort fast mehr als ihr Toben, – was steckte dahinter? Er beobachtete sie mit Sorge, hatte aber an ihrem Rate nicht teil, und er erfuhr ihre neuen Beschlüsse kaum früher als Sichems Sendlinge, die, seiner Erwartung ganz gemäß, nach einigen Tagen sich einstellten: Überbringer eines Briefes, der, auf mehreren Tonscherben in babylonischer Sprache geschrieben, seiner Form nach sehr artig und nach seiner Gesinnung ebenfalls höchst verbindlich und entgegenkommend war. Er lautete:
»An Jaakob, Sohn Jizchaks, des Gottesfürsten, meinen Vater und Herrn, den ich liebe und auf dessen Liebe ich jedes Gewicht lege. Es spricht Sichem, Hemors Sohn, Dein Eidam, der Dich liebt, der Burgerbe, dem das Volk zujauchzt! Ich bin gesund. Mögest Du auch gesund sein! Mögen auch Deine Frauen, Deine Söhne, Dein Hausgesinde, Deine Rinder, Schafe und Ziegen und alles, was Dein ist, sich des äußersten Grades der Gesundheit erfreuen! Siehe, einst hat Hemor, mein Vater, mit Dir, meinem anderen Vater, einen Bund der Freundschaft errichtet und besiegelt, und es hat innige Freundschaft bestanden zwischen uns und Euch durch vier Kreisläufe, während welcher ich unausgesetzt dachte: Möchten es doch die Götter so und nicht anders fügen, daß, wie wir jetzt miteinander befreundet sind, es auf Geheiß meines Gottes Baal-berit und Deines Gottes El eljon, welche beinahe ein und derselbe Gott sind und sich nur in Nebensächlichkeiten voneinander unterscheiden, in alle Ewigkeit und über unendlich viele Jubeljahre so bleibe, wie es jetzt ist, nämlich in betreff der Innigkeit unserer Freundschaft!
Als aber meine Augen Deine Tochter erblickten, Dina, Lea's Kind, der Tochter Labans, des Chaldäers, wünschte ich sehr inständig, daß unsere Freundschaft, unbeschadet ihrer unendlichen Dauer, auch noch dem Grade nach eine Million Male zunehmen möge. Denn Deine Tochter ist wie ein junger Palmbaum am Wasser und wie eine Granatapfelblüte im Garten, und mein Herz zittert in Wollust ihretwegen, so daß ich einsah, daß ohne sie mir der Odem nichts nütze sei. Da ging, wie Du weißt, Hemor, der Stadtfürst, dem das Volk zujauchzt, hinaus zu Dir, um zu reden mit seinem Bruder und zu raten mit meinen Brüdern, Deinen Söhnen, und ging fort, vertröstet. Und da ich selber hinauskam, zu werben um Dina, Dein Kind, und Euch um Odem zu bitten für meine Nase, da sprachet Ihr: ›Lieber, Du mußt beschnitten sein an Deinem Fleische, ehe denn Dina die Deine wird, denn es wäre uns anders ein Greuel vor unserm Gott.‹ Siehe, da kränkte ich das Herz meines Vaters und meiner Brüder nicht, sondern sagte freundlich: ›Ich werde willfahren.‹ Denn ich freute mich über die Maßen und trug Jarach, dem Schreiber des Gottesbuches, auf, mit mir zu tun, wie ihr gesagt hattet, und litt Schmerzen unter seinen Händen und hinterdrein, daß mir die Augen übergingen, alles um Dina's willen. Da ich aber wiederkam, siehe, da sollte es nichts gelten. Da kam zu mir Dina, Dein Kind, weil die Bedingung erfüllt war, daß ich ihr Liebe erwiese auf meinem Lager zu meiner höchsten Lust, sowie zu ihrer nicht geringen, wie ich aus ihrem Munde erfuhr. Damit aber deshalb nicht Zwietracht werde zwischen Deinem und meinem Gott, möge mein Vater nun eilends ansagen Preis und Ehebedingungen für Dina, die meinem Herzen süß ist, auf daß ein groß Fest angerichtet werde zu Schekem in der Burg und wir die Hochzeit begehen alle miteinander mit Lachen und Liedern. Denn es will ausprägen lassen Hemor, mein Vater, dreihundert Käfersteine mit meinem Namen und Dina's, meiner Gemahlin, Namen zum Gedenken dieses Tages und ewiger Freundschaft zwischen Schekem und Israel. Gegeben in der Burg am fünfundzwanzigsten Tage des Monats der Einbringung der Ernte. Friede und Gesundheit dem Empfänger!«
Die Nachahmung
So der Brief. Jaakob und seine Söhne studierten ihn abseits von den überbringenden Burgleuten, und da Jaakob die Söhne ansah, sagten sie ihm, über welches Verhalten sie für diesen Fall einig geworden waren, und er wunderte sich, konnte aber von Grundsatzes wegen nicht umhin, ihrem Vorschlage zuzustimmen; denn er sah ein, daß die Erfüllung der neuen Bedingung, die sie aufstellten, erstens einen geistlichen Erfolg von Bedeutung vorstellen, zweitens aber Sühne und Genugtuung in sich schließen werde für begangene Missetat. Als sie deshalb wieder mit den Briefträgern zusammensaßen, ließ er Dina's beleidigten Brüdern das Wort, und es war Dan, der es führte und den Sendboten den Beschluß kund und zu wissen tat. Sie seien reich von Gottes wegen, sagte er, und legten auf die Höhe des Mahlschatzes für Dina, ihre Schwester, welche Sichem sehr richtig mit einer Palme und mit einer duftenden Granatblüte verglichen habe, nicht so großes Gewicht. Hierüber möchten Hemor und Sichem selber befinden nach ihrer Würde. Aber Dina sei nicht zu Sichem ›gekommen‹, wie er sich auszudrücken beliebte, sondern sie sei gestohlen worden, und damit sei eine neue Lage geschaffen, die ohne weiteres anzuerkennen sie, die Brüder, nicht gesonnen seien. Darum, damit sie sie anerkennten, sei ihre Vorbedingung, daß, wie Sichem persönlich sich löblicherweise habe beschneiden lassen, nunmehr alles, was Mannesnamen sei zu Schekem, dies tun müsse, Greise, Männer und Knaben, am dritten Tage vom gegenwärtigen an gerechnet, und zwar mit Steinmessern. Wenn das geschehen, wolle man wahrlich Hochzeit halten und ein großes Fest anrichten zu Schekem mit Lachen und Lärmen.
Die Bedingung mutete unbändig an, war aber zugleich leicht auszuführen, und die Sendboten gaben sofort der Überzeugung Ausdruck, daß Hemor, ihr Herr, nicht anstehen werde, das Nötige zu verfügen. Kaum aber waren sie fort, als dem Jaakob plötzlich grasse Ahnungen aufstiegen über den Sinn und Zweck der scheinfrommen Auflage, also, daß er bis in sein Eingeweide erschrak und die Städter am liebsten zurückgerufen hätte. Weder glaubte er, daß die Brüder ihre alten und anfänglichen Gelüste abgetan, noch daß sie auf ihre Rache für Dina's Raub und Entehrung verzichtet hätten; hielt er aber dies zusammen mit ihrer plötzlichen Nachgiebigkeit von neulich und mit ihrer nun lautgewordenen Forderung, erinnerte er sich ferner, wie es in ihren von Trauerschnitten zerrissenen Gesichtern ausgesehen, als ihr Sprecher der Hochzeit und des Festlärmes erwähnt hatte, die man nach erfüllter Bedingung zu Schekem anrichten wolle, so wunderte er sich seiner Begriffsstutzigkeit und darüber, daß er ihrer schwarzen Hintergedanken nicht gleich, während sie sprachen, ansichtig geworden war.
Was ihn verblendet hatte, war die Freude an Imitation und Nachfolge gewesen. Er hatte Abrahams gedacht, und wie er auf des Herrn Befehl und zum Bunde mit ihm sein ganzes Haus, Ismael und alle Knechte, daheim geboren oder erkauft von allerlei Fremden, und alles, was Mannesnamen war in seinem Hause, eines Tages am Fleische beschnitten hatte, und war sicher gewesen, daß auch jene sich gestützt hatten auf diese Geschichte bei ihrem Geheisch, – ja, das hatten sie wohl getan, der Einfall kam ihnen von dort, aber wie dachten sie ihn zu Ende zu führen! Er wiederholte bei sich, was man erzählte, daß nämlich der Herr am dritten Tage, da es schmerzte, den Abraham besucht hatte, um nach ihm zu sehen. Vor der Hütte hatte Gott gestanden, wo Eliezer ihn nicht gewahrt. Doch Abraham sah ihn und lud ihn sehr ein. Da ihn aber der Herr seine Wunde auf- und zubinden sah, sprach er: »Es ist nicht schicklich, daß ich hier stehenbleibe.« So zart hatte Gott sich verhalten gegen Abrahams heilig schamhaftes Beschwer, – und jene nun, welchen Zartsinn gedachten sie den bresthaften Städtern zu erweisen am dritten Tage, da es schmerzte? Den Jaakob schauderte es ob solcher Imitation, und ihn schauderte wieder beim Anblick ihrer Gesichter, als Nachricht kam von der Burg, die Bedingung sei ohne Besinnen angenommen, und genau nach der Frist, am dritten Tage von gestern, werde das allgemeine Opfer vollzogen werden. Mehr als einmal wollte er die Hände erheben und sie beschwören; aber er fürchtete die Übermacht ihres empörten Bruderstolzes, ihr begründetes Anrecht auf Rache und sah ein, daß ein Vorhaben, das er ihnen einst mit überwältigender Feierlichkeit hatte verweisen mögen, jetzt in den Umständen starke Stützen fand. Wußte er ihnen, vorsichtig gefragt, insgeheim sogar ein wenig Dank dafür, daß sie ihn in ihre Pläne nicht einweihten und ihn rein hielten davon, so daß er, wenn er wollte, nichts davon zu wissen oder auch nur zu ahnen brauchte und geschehen lassen konnte, was nun einmal geschehen sollte? Hatte nicht Gott, der König, zu Beth-el in die Harfen gerufen, er, Jaakob, werde Tore besitzen, die Tore seiner Feinde, und hieß das vielleicht, daß, seiner persönlichen Friedensliebe ungeachtet, Eroberung, Kriegstat und Beuterausch dennoch zur Sternenvorschrift seines Lebens gehörten? – Er schlief nicht mehr vor Grauen, Sorge und allerheimlichstem Stolz auf die listige Männlichkeit seiner Sprößlinge. Er schlief auch nicht in der Schreckensnacht, der dritten nach Ablauf der Frist, da er im Zelte lag, in seinen Mantel gehüllt, und mit schreckhaftem Ohr um sich her den gedämpften Lärm bewaffneten Aufbruchs vernahm …
Das Gemetzel
Wir sind am Ende unserer wahrheitsgetreuen Darstellung des Zwischenspieles von Schekem, das später so viel Anlaß zu Sang und beschönigender Sage gab – beschönigend im Sinne Israels, was die Reihenfolge der Geschehnisse betraf, die zum Äußersten führten, wenn auch nicht in betreff dieses Äußersten selbst, an dem es nichts zu beschönigen gab und auf dessen Einzel-Entsetzlichkeit man im Schönen Gespräch sogar mit Prangen und Prahlen bestand. Dank ihrer lästerlichen List hatten die Jaakobsleute, an Zahl den Städtern weit unterlegen, denn sie kamen nur etwa zu fünfzig Mann, mit Schekem leichtes Spiel: sowohl bei Bewältigung der Mauer, die von Wachen fast entblößt war und die sie, noch schweigsam, mit Strick- und Sturmleitern erstiegen, als auch bei dem Tanz, den sie danach, mit plötzlichem Ausbruch alle Heimlichkeit von sich werfend, im Inneren anstellten und zu dem die völlig überrumpelten Einwohner so wenig aufgelegt und behende waren. Was Mannesnamen trug zu Schekem, alt und jung, fieberte, litt und ›band seine Wunde auf und zu‹, den größeren Teil der militärischen Besatzung nicht ausgenommen. Die Ibrim dagegen, gesund am Leibe und moralisch einheitlich entflammt durch die Losung ›Dina!‹, die sie bei ihrem blutigen Werk beständig ausstießen, wüteten wie Löwen, schienen überall zu sein und trugen von Anfang an in die Seelen der Städter die Vorstellung unabwendbar hereinbrechender Heimsuchung, so daß sie fast auf keinen Widerstand stießen. Namentlich Schimeon und Levi, die Anführer des Ganzen, erregten durch ihr Geschrei, ein studiertes und die innersten Organe erschütterndes Stiergebrüll, jenen Gottesschrecken, der seine Opfer allenfalls in wildem Reißaus, nie und nimmer aber im Kampf ein Mittel erblicken ließ, dem Tode zu entgehen. Man rief: »Wehe! Nicht Menschen sind das! In unserer Mitte ist Sutech! Der ruhmreiche Baal ist in allen ihren Gliedern!« Und auf nackter Flucht wurde man mit der Keule erschlagen. Mit Feuer und Schwert, wörtlich verstanden, arbeiteten die Ebräer, Stadt, Burg und Tempel qualmten, Gassen und Häuser schwammen in Blut. Nur junge Leute von körperlichem Wert wurden zu Gefangenen gemacht, die übrigen erwürgt, und wenn es dabei über das bloße Töten hinaus grausam zuging, so ist den Würgern zugute zu halten, daß sie bei ihrem Tun nicht minder in poetischen Vorstellungen befangen waren als jene Unglücklichen; denn sie erblickten darin einen Drachenkampf, den Sieg Mardugs über Tiâmat, den Chaoswurm, und damit hingen die vielen Verstümmelungen zusammen, das Abschneiden »vorzuweisenden Glieder, worin sie sich beim Morden mythisch ergingen. So steckte am Ende des Strafgerichts, das kaum zwei Stunden dauerte, Sichem, der Burgsohn, schändlich zugerichtet, kopfüber in dem Latrinenrohr seines Badezimmers, und auch Weser-ke-Bastets Leichnam, der mit zerfetztem Blumenkragen irgendwo auf der Gasse in seinem Blute lag, war in hohem Grade unvollständig, was unter dem Gesichtspunkt seines angestammten Glaubens besonders schwer ins Gewicht fiel. Was Hemor, den Alten, betraf, so war er einfach vor Schreck gestorben. Dina, der nichtig-unschuldige Anlaß so vielen Elends, befand sich in den Händen der Ihren.
Das Plündern währte noch lange. Der Brüder alter Wunschtraum erfüllte sich: sie durften ihr Herz am Raube laben, glänzende Beute, sehr nennenswerter städtischer Reichtum fiel in die Hände der Sieger, also daß ihre Heimkehr am Ende der letzten Nachtwache, mit den gemachten Gefangenen, die an Stricken getrieben wurden, mit dem Hochgepäck an goldenen Opferschalen und Krügen, an Säcken mit Ringen, Reifen, Gürteln, Schnallen und Halsketten, an zierlichem Hausgerät aus Silber, Elektron, Fayence, Alabaster, Kornalin und Elfenbein, zu schweigen von dem Fange an Feldfrüchten und Vorräten, Flachs, Öl, Feinmehl und Wein, sich zum schleppenden Triumphe gestaltete. Jaakob verließ sein Zelt nicht bei ihrer Ankunft. Nachts hatte er seine Unruhe lange damit beschäftigt, unter den heiligen Bäumen beim Lager dem bildlosen Gotte ein Sühneopfer darzubringen, das Blut eines Milchlammes auf den Stein rinnen zu lassen und das Fett mit Duftdrogen und Gewürzen zu verbrennen. Jetzt, da die Söhne, gebläht und glühend, mit der so gräßlich zurückgeholten Dina bei ihm eintraten, lag er verhüllt auf dem Angesicht und war lange nicht zu bewegen, die Unglückselige oder gar jene Wütriche auch nur anzusehen. »Hinweg!« winkte er. »Toren! … Vermaledeite!« Sie standen trotzig, mit aufgeblasenen Lippen. »Sollten wir«, fragte einer, »mit unserer Schwester verfahren lassen als mit einer Hure? Siehe, wir haben unser Herz gewaschen. Hier ist Lea's Kind. Es ist siebenundsiebzigmal gerochen.« Und da er schwieg und sich nicht enthüllte: »Unser Herr möge die Güter ansehen, die draußen sind. Viele kommen noch außerdem, denn wir haben etliche zurückgelassen, daß sie die Herden einsammeln der Städter auf dem Felde und sie herführen zu den Zelten Israels.« Er sprang auf und hob die geballten Hände über sie, daß sie zurückwichen. »Verflucht sei euer Zorn«, rief er aus aller Kraft, »daß er so heftig ist, und euer Grimm, daß er so störrig ist! Unselige, was habt ihr mir zugerichtet, daß ich stinke vor des Landes Einwohnern wie ein Aas unter Fliegen? Wenn sie sich nun versammeln über uns zur Rache, was dann? Wir sind ein geringer Haufe. Sie werden uns schlagen und vertilgen, mich und mein Haus samt Abrahams Segen, den ihr solltet weitertragen in die Zeitläufte, und wird zerbrochen sein das Gegründete! Blödsichtige! Sie gehen dahin und würgen die Wunden und machen uns schwer für den Augenblick und sind zu arm im Kopfe, um zu gedenken der Zukunft, des Bundes und der Verheißung!«
Sie bliesen nur alle die Lippen auf. Sie wußten nichts, als zu wiederholen: »Sollten wir denn mit unserer Schwester als mit einer Hure handeln?« – »Ja!« rief er außer sich, so daß sie sich entsetzten. »Eher so, denn daß das Leben gefährdet werde und die Verheißung! Bist du schwanger?« fuhr er Dina an, die vernichtet am Boden kauerte … »Wie kann ich's schon wissen«, heulte sie. – »Das Kind soll nicht leben«, entschied er, und sie heulte wieder. Er bestimmte ruhiger: »Israel bricht auf mit allem, was sein ist, und ziehet fort mit den Gütern und Herden, die ihr mit dem Schwerte nahmet für Dina. Denn es ist seines Bleibens nicht an der Stätte dieser Greuel. Ich habe ein Gesicht gehabt zur Nacht, und der Herr sprach zu mir im Traum: ›Mache dich auf und zeuch gen Beth-el!‹ Hinweg! Es wird aufgepackt.«
Gesicht und Befehl waren ihm wirklich geworden, nämlich als er nach dem nächtlichen Opfer, während die Söhne die Stadt plünderten, auf seinem Lager in Halbschlaf gefallen war. Es war ein vernünftiges Gesicht und kam ihm vom Herzen; denn die Asylstätte Luz, die er so wohl kannte, besaß große Anziehungskraft für ihn unter solchen Umständen, und zog er dorthin, so war es, als flüchte er sich zu den Füßen Gottes, des Königs. Flüchtlinge Schekems, der Bluthochzeit entkommen, waren ja nach verschiedenen Richtungen hin unterwegs in die umliegenden Städte, um zu verkünden, was mit der ihren geschehen, und um diese Zeit war es denn auch, daß gewisse Briefe, ausgefertigt von einzelnen Häuptern und Hirten der Städte Kanaans und Emors, hinabgelangten zur Amunsstadt und dem Hor im Palaste, Amenhoteps des Dritten heiliger Majestät, leider vorgelegt werden mußten, obgleich dieser Gott damals durch einen der Zahnabszesse, unter denen er öfters litt, sich nervös herabgesetzt fand und außerdem von dem Bau seines eignen Totentempels drüben im Westen dermaßen in Anspruch genommen war, daß er ärgerlichen Nachrichten aus dem elenden Amulande, wie daß »verlorengingen die Städte des Königs« und »abgefallen sei das Land Pharao's zu den Chabiren, welche alle Länder des Königs plünderten« (denn das stand in den Briefen der Hirten und Häupter), einfach kein Augenmerk widmen konnte. So wurden diese Dokumente, die obendrein durch fehlerhaftes Babylonisch bei Hofe etwas lächerlich angemutet hatten, dem Archiv einverleibt, ohne in Pharao's Geist Entschlüsse zu Maßnahmen gegen jene Räuber gezeitigt zu haben, und auch sonst konnten die Jaakobsleute von Glück sagen. Die Städte, die um sie her lagen, in Gottesschrecken versetzt durch die außergewöhnliche Wildheit ihres Auftretens, unternahmen nichts gegen sie, und Jaakob, der Vater, nachdem er eine allgemeine Reinigung vorgenommen, zahlreiche Götzenbilder, die während dieser vier Jahre in sein Lager eingedrungen waren, eingesammelt und sie eigenhändig unter den heiligen Bäumen vergraben hatte, konnte sich ungestört in Bewegung setzen mit Pack und Troß, hinweg von der Greuelstätte Schekem, über welcher die Geier kreisten, und bereichert hinabschwanken gen Beth-el auf gebauten Straßen.
Dina und Lea, ihre Mutter, ritten dasselbe kluge und starke Kamel. Zu beiden Seiten des Höckers hingen sie in geschmückten Körben unter dem Schattentuch, das über ein Rohrgestänge gebreitet war und das Dina fast immer ganz über sich herabließ, so daß sie im Dunklen saß. Sie war gesegneten Leibes. Das Kind, das sie zur Welt brachte, als ihre Stunde kam, wurde ausgesetzt nach der Männer Beschluß. Sie selbst kümmerte hin und verschrumpfte weit vor der Zeit. Mit fünfzehn Jahren glich ihr unseliges Frätzchen dem einer Alten.