Joseph und seine Brüder. Band I. Die Geschichten Jaakobs
MeistgelesenVerlag: Fischer Taschenbuch Verlag GmbH | Jahr: 1990
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Zweites Hauptstück Jaakob und Esau.
Mondgrammatik
In dem ›Schönen‹ Gespräch, das zu belauschen wir Gelegenheit hatten, jenem abendlichen Wechselgesang zwischen Jaakob und seinem fehlhaften Liebling am Brunnen, hatte der Alte beiläufig auch des Eliezer Erwähnung getan, der dem Ahnen während seines und seines Anhanges Aufenthalt in Damaschki von einer Sklavin geboren worden sei. Nichts ist klarer, als daß er mit diesem Eliezer nicht denjenigen gemeint haben konnte, der – ein gelehrter Greis und freilich ebenfalls der freigelassene Sohn einer Sklavin, wahrscheinlich sogar ein Halbbruder Jaakobs – auf dessen eigenem Hofe lebte, auch allerdings zwei Söhne namens Damasek und Elinos hatte und den Knaben Joseph unter dem Unterweisungsbaum in vielen nützlichen und übernützlichen Kenntnissen zu fördern pflegte. Man kann es wohl sonnenklar nennen, daß der, den er meinte, der Eliezer war, dessen erstgeborenen Sohn Abraham, der Wanderer aus Ur oder Charran, lange Zeit als seinen Erben hatte betrachten müssen: so lange nämlich, bis zuerst Ismael, dann aber, gelächtervollerweise, obgleich es der Sarai schon nicht mehr nach der Weiber Art gegangen und Abraham selbst so alt gewesen war, daß man ihn einen Hundertjährigen nennen konnte, Jizchak oder Isaak, der wahrhafte Sohn, das Licht erblickt hatte. Aber die Klarheit der Sonne ist eine und eine andere des Mondes Klarheit, die ja bei jenem übernützlichen Gespräch wunderbar obgewaltet hatte. In ihr nehmen die Dinge sich anders aus als in jener, und sie mochte diejenige sein, die damals und dort dem Geist als die wahre Klarheit erschien. Darum sei unter uns gesagt und zugegeben, daß Jaakob mit ›Eliezer‹ dennoch seinen eigenen Hausvogt und ersten Knecht gemeint hatte, – auch ihn nämlich, beide auf einmal also, und nicht nur beide, sondern ›den‹ Eliezer überhaupt: denn seit dem ältesten zu seiner Zeit hatte es auf den Höfen der Häupter ihn, den freigelassenen Eliezer, gar oft gegeben, und oft hatte er Söhne mit Namen Damasek und Elinos gehabt.
Diese Meinung und Gesinnung Jaakobs war denn auch – des hatte der Alte sicher sein können – durchaus die Meinung und Gesinnung Josephs gewesen, der weit entfernt war, zwischen Eliezer, dem Ur-Knecht, und seinem alten Lehrer sonnenklar zu unterscheiden, und um so weniger Ursache dazu hatte, als dieser selbst es nicht tat, sondern, wenn er von ›sich‹ sprach, zu einem guten Teil Eliezer, den Knecht Abrahams, meinte. So zum Beispiel hatte er dem Joseph mehr als einmal die Geschichte, wie er, Eliezer, bei des Hauses Verwandten in Mesopotamien Rebekka, die Tochter Bethuels und Labans Schwester, für Jizchak gefreit hatte, haargenau bis auf die kleinen Monde und Mondsicheln, die an den Hälsen seiner zehn Dromedare geklingelt, bis auf den präzisen Schekelwert der Nasenringe, Armspangen, Festkleider und Gewürze, die den Mahlschatz und Kaufpreis für Rebekka, die Jungfrau, gebildet hatten, als seine eigene Geschichte und Lebenserinnerung erzählt und sich nicht genugtun können in der Beschreibung von Rebekka's liebreizender Milde, als sie an jenem Abend am Brunnen vor Nahors Stadt den Krug vom Kopfe auf die Hand herabgelassen und ihn zum Trunke geneigt hatte für ihn, den Durstigen, den sie, was er ihr besonders hoch anrechnete, »Herr« genannt; von dem züchtigen Anstand, mit dem sie beim ersten Anblick Isaaks, der zur Klage um seine kürzlich geschiedene Mutter aufs Feld gegangen, von ihrem Kamel gesprungen war und sich verschleiert hatte. Dem hörte Joseph mit einem Ergötzen zu, das durch keinerlei Befremden über die grammatische Form beeinträchtigt wurde, in der Eliezer es zum besten gab, und dem jede Anstoßnahme fernblieb daran, daß des Alten Ich sich nicht als ganz fest umzirkt erwies, sondern gleichsam nach hinten offenstand, ins Frühere, außer seiner eigenen Individualität Gelegene überfloß und sich Erlebnisstoff einverleibte, dessen Erinnerungs- und Wiedererzeugungsform eigentlich und bei Sonnenlicht betrachtet die dritte Person statt der ersten hätte sein müssen. Was aber auch heißt denn hier ›eigentlich‹, und ist etwa des Menschen Ich überhaupt ein handfest in sich geschlossen und streng in seine zeitlich-fleischlichen Grenzen abgedichtetes Ding? Gehören nicht viele der Elemente, aus denen es sich aufbaut, der Welt vor und außer ihm an, und ist die Aufstellung, daß jemand kein anderer sei und sonst niemand, nicht nur eine Ordnungs- und Bequemlichkeitsannahme, welche geflissentlich alle Übergänge außer acht läßt, die das Einzelbewußtsein mit dem allgemeinen verbinden? Der Gedanke der Individualität steht zuletzt in derselben Begriffsreihe wie derjenige der Einheit und Ganzheit, der Gesamtheit, des Alls, und die Unterscheidung zwischen Geist überhaupt und individuellem Geist besaß bei weitem nicht immer solche Gewalt über die Gemüter wie in dem Heute, das wir verlassen haben, um von einem anderen zu erzählen, dessen Ausdrucksweise ein getreues Bild seiner Einsicht gab, wenn es für die Idee der ›Persönlichkeit‹ und ›Individualität‹ nur dermaßen sachliche Bezeichnungen kannte wie ›Religion‹ und ›Bekenntnis‹.
Wer Jaakob war
Es geschieht durchaus in diesem Zusammenhang, daß man auf die Entstehung von Abrahams Reichtum die Rede bringt. Als er nämlich (es muß unter der zwölften Dynastie gewesen sein) nach Unter-Ägypten kam, war er noch keineswegs so schwer an Gütern wie zu der Zeit, als er sich von Lot trennte. Mit der außerordentlichen Bereicherung aber, die er dort erfuhr, verhielt es sich so. Von vornherein erfüllte ihn das tiefste Mißtrauen gegen des Volkes Sittlichkeit, die er sich, zutreffend oder nicht, schilfsumpfig dachte, wie einen Mündungsarm des Nilstromes. Er fürchtete sich, und zwar im Hinblick auf Sarai, sein Weib, das ihn begleitete und sehr schön war. Ihn schreckte der lüsterne Eifer der Dortigen, die wahrscheinlich sofort Begierde nach Sarai tragen und ihn erschlagen würden, um sie sich anzueignen; und die Überlieferung hat festgehalten, daß er in diesem Sinn, das heißt in dem der Besorgnis um sein eigenes Wohl, gleich beim Betreten des Landes mit ihr redete und ihr anbefahl, sie möge sich, um die Scheelsucht der schamlosen Bevölkerung von ihm abzulenken, nicht als sein Weib, sondern als seine Schwester bezeichnen, – was sie tun mochte, ohne geradehin zu lügen: denn erstens nannte man, namentlich im Lande Ägypten, die Geliebte gern seine Schwester. Zweitens aber war Sarai eine Schwester Lots, den Abraham als seinen Neffen zu betrachten und Bruder zu nennen pflegte; so konnte er allenfalls Sarai als seine Nichte ansehen und ihr den Schwesternamen im üblicherweise erweiterten Sinne beilegen, wovon er auch zum Zwecke der Irreführung und des Selbstschutzes Gebrauch machte. Was er erwartet, geschah, und mehr, als er vorausgesehen. Sarai's dunkle Schönheit erregt im Lande die Aufmerksamkeit von hoch und nieder, die Nachricht davon dringt bis zum Sitze des Herrschers, und die glutäugige Asiatin wird von ihres ›Bruders‹ Seite genommen – nicht gewaltsam, nicht räuberischerweise, sondern zu einem hohen Preise, – ihm abgekauft also, da sie würdig befunden ist, den erlesenen Bestand von Pharao's Frauenhaus zu bereichern. Dorthin wird sie gebracht, und ihr ›Bruder‹, den man mit dieser Ordnung der Dinge nicht im geringsten zu kränken glaubt, sondern der nach der Meinung aller von Glück sagen mag, darf sich nicht nur in ihrer Nähe halten, sondern wird auch von Hofes wegen mit Wohltaten, Geschenken, Entschädigungen fortlaufend überschüttet, die er denn unverzagt sich gefallen läßt, so daß er bald schwer ist an Schafen, Rindern, Eseln, Sklaven und Sklavinnen, Eselinnen und Kamelen. Unterdessen aber ereignet sich, dem Volke sorgfältig verschwiegen, am Hofe ein Ärgernis sondergleichen. Amenemhet (oder Senwosret; es ist nicht mit letzter Bestimmtheit zu sagen, welcher Besieger Nubiens es war, der eben den beiden Ländern den Segen seiner Herrschaft spendete) – Seine Majestät also, ein Gott in der Blüte seiner Jahre, ist, da er sich anschickt, die Neuigkeit zu versuchen, mit Ohnmacht geschlagen, – nicht einmal, sondern wiederholt, und gleichzeitig, wie sich zögernd herausstellt, unterliegt seine ganze Umgebung, unterliegen die höchsten Würdenträger und Vorsteher des Reiches demselben schmählichen und – wenn man die höhere kosmische Bedeutung der Zeugungskraft in Betracht zieht – überaus erschreckenden Übel. Daß hier etwas nicht stimmt, daß ein Mißgriff geschehen, ein Zauber waltet, ein höherer Widerstand sich bemerkbar macht, liegt auf der Hand. Der Ebräerin Bruder wird vor den Thron beschieden, wird befragt und dringlich befragt und bekennt die Wahrheit. Das Verhalten Seiner Heiligkeit ist an Vernunft und Würde über alles Lob erhaben. »Warum«, fragt er, »hast du mir das getan? Warum mich durch doppelsinnige Rede dem Unannehmlichen ausgesetzt?« Und ohne einen Gedanken daran, den Abraham um irgendeins der Geschenke zu büßen, womit er ihn so freigebig überhäuft, händigt er ihm sein Weib wieder ein und heißt sie in der Götter Namen ihres Weges ziehn, wobei er die Gruppe noch mit sicherem Geleit bis an die Landesgrenze versieht. Der Vater aber, nicht nur im Besitz einer unversehrten Sarai, sondern auch an Habe so viel schwerer als vorher, darf sich eines gelungenen Hirtenstreiches freuen. Denn um so lieber nimmt man an, er habe von vornherein darauf gerechnet, daß Gott die Verunreinigung Sarai's schon so oder so zu verhindern wissen werde, habe auch nur unter dieser bestimmten Voraussetzung die Geschenke eingesteckt und sei sicher gewesen, auf die Weise, wie er es anfing, der ägyptischen Wollust am besten ein Schnippchen zu schlagen, – als unter diesem Aspekt sein Verhalten, die Verleugnung seines Gattentums und die Aufopferung Sarai's um seines eigenen Heiles willen, erst in das rechte Licht, und zwar ein sehr geistreiches gerückt wird.
Dies die Geschichte, deren Wahrheit die Überlieferung noch besonders dadurch unterstreicht und erhärtet, daß sie sie ein zweites Mal berichtet, mit dem Unterschied, daß sie hier nicht in Ägypten, sondern im Philisterlande und dessen Hauptstadt Gerar, am Hofe des Königs Abimelek, sich zuträgt, wohin der Chaldäer mit Sarai von Hebron gekommen war und wo denn von der Bitte Abrahams an sein Weib bis zum glücklichen Ausgang alles wie oben sich abspielt. Die Wiederholung eines Berichtes als Mittel zu dem Zweck, seine Wahrhaftigkeit zu betonen, ist ungewöhnlich, ohne sehr aufzufallen. Weit merkwürdiger ist, daß, der Überlieferung zufolge, deren schriftliche Befestigung zwar aus spätem Tagen stammt, die aber als Überlieferung natürlich immer bestand und zuletzt auf die Aussagen und Berichte der Väter selbst zurückgeführt werden muß, – daß also dasselbe Erlebnis, zum drittenmal erzählt, dem Isaak zugeschrieben wird und daß folglich er es als sein Erlebnis – oder gleichfalls als das seine – dem Gedächtnis vermacht hat. Denn auch Isaak kam (es war einige Zeit nach der Geburt seiner Zwillinge) aus Anlaß einer Teuerung mit seinem schönen und klugen Weibe in das Philisterland an den Hof von Gerar; auch er gab dort, aus denselben Gründen wie Abraham die Sarai, Rebekka für seine ›Schwester‹ aus – nicht ganz mit Unrecht, da sie die Tochter seines Vetters Bethuel war –, und die Geschichte setzte sich in seinem Falle nun dahin fort, daß König Abimelek ›durchs Fenster‹, das ist: als ein heimlicher Späher und Lauscher, Isaak mit Rebekka ›scherzen‹ sah und von dieser Beobachtung so erschreckt und enttäuscht war, wie ein Liebhaber es nur sein mag, der gewahr wird, daß der Gegenstand seiner Wünsche, den er für frei gehalten, sich in festen Händen befindet. Seine Worte verraten ihn. Denn da Jizchak, zur Rede gestellt, die Wahrheit zugab, rief der Philister vorwurfsvoll: »Welche Gefahr hast du, Fremdling, über uns heraufbeschworen! Wie leicht hätte es geschehen können, daß jemand aus meinem Volk sich mit dem Weibe vertraut gemacht hätte, und welche Schuld wäre somit auf uns gekommen!« Die Wendung »jemand vom Volk« ist unmißverständlich. Das Ende aber war, daß die Gatten sich unter den besonderen und persönlichen Schutz des frommen, wenn auch lüsternen Königs gestellt sahen und daß Isaak unter diesem Schutz im Philisterlande ebenso zunahm wie einst Abraham dort oder in Ägypten und an Vieh und Gesinde dermaßen groß ward, daß es den Philistern sogar zuviel wurde und sie ihn behutsam von dannen nötigten.
Gesetzt, auch Abrahams Abenteuer habe sich in Gerar zugetragen, so ist nicht glaubhaft, daß der Abimelek, mit dem Jizchak es zu tun hatte, noch derselbe war, der sich verhindert gefunden hatte, Sarai's eheliche Reinheit zu verletzen. Die Charaktere sind unterscheidbar; denn während Sarai's fürstlicher Liebhaber diese kurzerhand seinem Harem einverleiben ließ, verhielt Isaaks Abimelek sich weit schüchterner und schamhafter, und die Annahme, sie seien ein und derselbe gewesen, wäre höchstens unter dem Gesichtspunkt zu vertreten, des Königs vorsichtiges Verhalten im Falle Rebekka's sei darauf zurückzuführen, daß er erstens seit Sarai's Tagen viel älter geworden und zweitens durch das Vorkommnis mit ihr bereits gewarnt gewesen sei. Aber nicht auf des Abimelek Person kommt es uns an, sondern auf Isaaks, auf die Frage seines Verhältnisses zu der Frauengeschichte, und auch sie beunruhigt uns, genaugenommen, nur mittelbar, um der weiteren Frage willen, wer Jaakob war: der Jaakob nämlich, den wir mit seinem Söhnchen Joseph, Jaschup oder Jehosiph im Mondschein haben plaudern hören.
Erwägen wir die Möglichkeiten! Entweder hat Jizchak zu Gerar in leichter Abwandlung dasselbe erlebt, was sein Vater ebendort oder in Ägypten erlebt hatte. In diesem Falle liegt eine Erscheinung vor, die wir als Imitation oder Nachfolge bezeichnen möchten, eine Lebensauffassung nämlich, die die Aufgabe des individuellen Daseins darin erblickt, gegebene Formen, ein mythisches Schema, das von den Vätern gegründet wurde, mit Gegenwart auszufüllen und wieder Fleisch werden zu lassen. – Oder aber Rebekka's Gatte hat die Geschichte nicht ›selbst‹, nicht in den engeren fleischlichen Grenzen seines Ichs erlebt, sie aber gleichwohl als zu seiner Lebensgeschichte gehörig betrachtet und den Späteren überliefert, weil er zwischen Ich und Nicht-Ich weniger scharf unterschied, als wir es (mit wie zweifelhaftem Recht, wurde schon angedeutet) zu tun gewohnt sind oder bis zum Eintritt in diese Erzählung zu tun gewohnt waren; weil für ihn das Leben des Einzelwesens sich oberflächlicher von dem des Geschlechtes sonderte, Geburt und Tod ein weniger tief reichendes Schwanken des Seins bedeutete, – so daß also der schon betrachtete Fall des späten Eliezer vorläge, welcher dem Joseph Abenteuer des Ur-Eliezer in der ersten Person erzählte; die Erscheinung offener Identität, mit einem Wort, die derjenigen der Imitation oder Nachfolge an die Seite tritt und in Verschränkung mit ihr das Selbstgefühl bestimmt.
Wir geben uns keiner Täuschung hin über die Schwierigkeit, von Leuten zu erzählen, die nicht recht wissen, wer sie sind; aber wir zweifeln nicht an der Notwendigkeit, mit einer solchen schwankenden Bewußtseinslage zu rechnen, und wenn der Isaak, der Abrahams ägyptisches Abenteuer wiedererlebte, sich für den Isaak hielt, den der Ur-Wanderer hatte opfern wollen, so ist das für uns kein bündiger Beweis, daß er sich nicht täuschte – es sei denn, die Opfer-Anfechtung habe zum Schema gehört und sich wiederholt zugetragen. Der chaldäische Einwanderer war der Vater Isaaks, den er schlachten wollte, aber so unmöglich es ist, daß dieser der Vater von Josephs Vater war, den wir am Brunnen beobachteten, so möglich ist es, daß der Isaak, der Abrahams Hirtenstreich imitierte oder in sein persönliches Leben einbezog, sich wenigstens zum Teil mit dem um ein Haar geschlachteten Isaak verwechselte, obgleich er in Wirklichkeit ein viel späterer Isaak war und von dem Ur-Abiram generationsweise weit abstand. Es hat unmittelbare Gewißheit und bedarf zwar der Klarstellung, aber keines Beweises, daß die Geschichte von Josephs Vorfahren, wie die Überlieferung sie bietet, eine fromme Abkürzung des wirklichen Sachverhaltes darstellt, das heißt: der Geschlechterfolge, die die Jahrhunderte gefüllt haben muß, welche zwischen dem Jaakob, den wir sahen, und Ur-Abraham liegen; und ebenso wie Ur-Abrahams natürlicher Sohn und Hausvogt Eliezer seit den Tagen, da er für seinen Jungherrn Rebekka gefreit hatte, oft im Fleische gewandelt war, auch wohl oft überm Wasser Euphrat eine Rebekka erworben hatte und jetzt eben wieder, als Josephs Lehrer, sich des Lichtes freute: ebenso hatte seither so mancher Abraham, Isaak und Jaakob die Geburt des Tages aus der Nacht geschaut, ohne daß der einzelne es mit der Zeit und dem Fleische übertrieben genaugenommen, seine Gegenwart von ehemaliger Gegenwart sonnenklar unterschieden und die Grenzen seiner ›Individualität‹ gegen die der Individualität früherer Abrahams, Isaaks und Jaakobs sehr deutlich abgesetzt hätte.
Diese Namen waren geschlechtserblich, – wenn das Wort richtig oder genügend ist in Hinsicht auf die Gemeinschaft, in der sie wiederkehrten. Denn das war eine Gemeinschaft, deren Wachstum nicht dasjenige eines Familienstammes war, sondern eines Bündels von solchen, außerdem aber zum guten Teile von jeher auf Seelengewinnung, Glaubenspropagation beruht hatte. Es ist notwendig, Abrahams, des Ur-Einwanderers, Stammvaterschaft hauptsächlich geistig zu verstehen, und ob Joseph wirklich im Fleische mit ihm verwandt war, ob sein Vater es war – und zwar in so gerader Linie, wie sie annahmen –, steht stark dahin. Das tat es übrigens auch für sie selbst; nur daß das Zwielicht ihres und des allgemeinen Bewußtseins ihnen erlaubte, es auf eine träumerische und fromm benommene Weise dahinstehen zu lassen, Worte für Wirklichkeit und Wirklichkeit halb nur für ein Wort zu nehmen und Abraham, den Chaldäer, ungefähr in dem Geiste ihren Groß- und Urgroßvater zu nennen, wie dieser selbst den Lot aus Charran seinen ›Bruder‹ und Sarai seine ›Schwester‹ genannt hatte, was ebenfalls zugleich wahr und nicht wahr gewesen ist. Nicht einmal im Traum aber konnten die Leute El eljons ihrem Zusammenhange Einheit und Reinheit des Blutes zuschreiben. Da war babylonisch-sumerische – also nicht durchaus semitische – Art hindurchgegangen durch arabisches Wüstenwesen, aus Gerar, aus Muzri-Land, aus Ägypten selbst hatten weitere Elemente sich beigemischt, wie in der Person der Sklavin Hagar, die von dem großen Haupte selbst der Beiwohnung gewürdigt worden und deren Sohn wiederum ägyptisch geheiratet hatte; und welchen Verdruß der Rebekka die chetitischen Weiber ihres Esau bereiteten, Töchter eines Stammes, der ebenfalls nicht den Sem seinen Urvater nannte, sondern irgendwann einmal aus Kleinasien, aus ural-altaischer Sphäre nach Syrien vorgedrungen war, – war jederzeit viel zu bekannt, als daß man ein Wort darüber zu verlieren brauchte. Früh waren manche Glieder abgestoßen worden. Es steht fest, daß Ur-Abraham noch nach dem Tode der Sarai Kinder zeugte, nämlich unwählerischerweise mit Ketura, einem kanaanitischen Weibe, während er doch nicht wollte, daß sein Jizchak kanaanitisch heiratete. Ketura's Söhne einer war Midian, dessen Nachkommenschaft südlich vom Edom-Seïr-Lande, dem Esau-Gebiet, am Rande der arabischen Wüste ihr Wesen trieb, wie Ismaels Kinder vor Ägypten; denn Jizchak, der wahrhafte Sohn, war Alleinerbe gewesen, während man die Kinder der Kebsweiber mit Geschenken abgespeist und gen Morgenland abgeschoben hatte, wo sie die Fühlung mit El eljon, wenn sie sich je auf ihn verstanden hatten, ganz verloren und eigenen Göttern dienten. Göttliches aber, die forterbende Arbeit an einem Gottesgedanken war das Band, das bei aller Buntscheckigkeit des Geblütes die geistige Sippschaft zusammenhielt, die unter den andern Ebräern, den Söhnen Moabs, Ammons und Edoms, sich diesen Stammesnamen in einem besonderen und engeren Sinne beilegte, und zwar sofern sie ihn, ebenjetzt, eben zu der Zeit, in die wir eingetreten sind, mit einem anderen Namen, dem Israels, zu verbinden und durch ihn zu bedingen begann.
Denn der Name und Titel, den Jaakob sich einst errungen, war keine Erfindung seines eigentümlichen Gegners gewesen. Gottesstreiter, so hatte sich immer ein räuberisch-kriegerischer Wüstenstamm von äußerst ursprünglichen Sitten genannt, von welchem einzelne Gruppen ihr Kleinvieh beim Weidewechsel durch die Steppe zwischen die Siedelungen des Fruchtlandes getrieben, das rein nomadische Dasein mit einem Zustand lockerer Seßhaftigkeit vertauscht hatten und durch geistliche Werbung und Verständigung zu einem Bestandteil von Abrahams Glaubenssippe geworden waren. Ihr Gott daheim in der Wüste war ein schnaubender Kriegsherr und Wettererreger namens Jahu, ein schwer zu behandelnder Kobold mit mehr dämonischen als göttlichen Zügen, tückisch, tyrannisch und unberechenbar, vor dem sein braunes Volk, übrigens stolz auf ihn, in Angst und Schrecken lebte, indem es durch Zaubermittel und Blutriten das zerfahrene Wesen des Dämons zu ordnen und in nützliche Wege zu lenken suchte. Jahu konnte ohne irgend deutliche Veranlassung bei Nacht auf einen Mann stoßen, dem wohlzuwollen er allen vernünftigen Grund hatte, – um ihn zu erwürgen; doch war er etwa auf die Weise zu bewegen, von seinem wüsten Vorhaben abzulassen, daß des Überfallenen Weib eilig ihren Sohn mit einem Steinmesser beschnitt, des Unholds Scham mit der Vorhaut berührte und ihm dabei eine mystische Formel zuraunte, deren auch nur einigermaßen sinnvolle Übersetzung in unserer Sprache auf bisher unüberwundene Schwierigkeiten stößt, die aber den Würger besänftigte und verscheuchte. Dies nur zur Kennzeichnung Jahu's. Und doch war diesem dunklen, in der gebildeten Welt völlig unbekannten Gotteswesen eine große theologische Laufbahn vorbehalten, ebendadurch nämlich, daß Bruchteile seiner Glaubensträgerschaft in den Bereich von Abrahams Gottesdenken gerieten. Denn wie diese Hirtenfamilien, hineingezogen in die von dem Ur-Wanderer in Gang gesetzte geistige Spekulation, mit ihrem Fleisch und Blut die menschliche Grundlage verstärkten, die des Chaldäers Glaubensüberlieferung trug, so waren Teile der wüstenhaften Wesenheit ihres Gottes nährend eingedrungen in das durch den Geist des Menschen nach Verwirklichung trachtende Gotteswesen, zu dessen Gestaltung ja auch der Usiri des Ostens, Tammuz, sowie Adonai, der zerrissene Sohn und Schäfer Malkisedeks und seiner Sichemiten, Geistesstoff und Farbe geliefert hatten. Haben wir seinen Namen, der einst ein Kriegsgeheul war, nicht lyrisch lallender Weise von hübschen und schönen Lippen kommen hören? Dieser Name war, in der Form, wie die braunen Söhne ihn aus der Wüste gebracht, wie auch in Verkürzungen und Abwandlungen, die ihn zu kanaanitisch-volkstümlichen Gegebenheiten in Beziehung setzten, unter den Lauten, mit denen man sich am Unaussprechlichen versuchte. Denn von alters schon hatte eine Ortschaft hierzulande ›Be-ti-ja‹, ›Haus des Ja‹, geheißen, nicht anders also als ›Beth-el‹, ›Haus Gottes‹, und es ist bezeugt, daß schon vor den Tagen des Gesetzgebers Amurruleute, welche in Sinear eingewandert waren, Eigennamen geführt hatten, in denen die Gottesbezeichnung ›Ja'we‹ einschlägig war, – ja, schon Ur-Abraham hatte den Baum beim Heiligtum Siebenbrunnen ›Jahwe el olam‹, ›Jahwe ist der Gott aller Zeitläufte‹, genannt. Der Name aber, den Jahu's beduinische Krieger sich zugelegt, sollte zum unterscheidenden Merkmal reineren und höheren Ebräertums, zur Kennzeichnung von Abrahams geistigem Samen werden, ebendadurch, daß Jaakob in schwerer Nacht am Jabbok ihn sich hatte zugestehen lassen …
Eliphas
Für Leute wie Schimeon und Levi, die starken Lea-Söhne, mochte es ein Grund zu heimlichem Lächeln sein, daß der Vater just diesen kühnen und räuberischen Namen sich errungen, ihn sich gleichsam vom Himmel gerissen hatte. Denn Jaakob war nicht kriegerisch. Nie wäre er der Mann gewesen, zu tun, was Ur-Abram tat, als er, da die Söldlinge des Ostens, die Heerhaufen von Elam, Sinear, Larsa und von jenseits des Tigris, um überfälligen Tributes willen das Jordanland heimgesucht, seine Städte geplündert und auch Lot von Sodom gefangen weggeschleppt hatten, keck und treu entschlossen ein paar hundert hausbürtige Knechte und umwohnender Glaubensverwandten, Leute El-berits, des Höchsten, zusammenraffte, mit ihnen in starken Märschen von Hebron aufbrach, die abziehenden Elamiter und Gojim einholte und solche Verwirrung in ihrer Nachhut anrichtete, daß er viele Gefangene befreien und Lot nebst einer Menge geraubter Habe im Triumph nach Hause zurückführen konnte. Nein, dergleichen wäre nicht Jaakobs Sache gewesen, er hätte versagt in einem solchen Fall, und das hatte er sich im stillen auch eingestanden, als Joseph auf die alte, gern erzählte Geschichte zu sprechen gekommen war. Er ›hätte es nicht vermocht‹, sowenig wie er es nach seinem eigenen Bekenntnis vermocht haben würde, mit dem Sohn zu tun, was der Herr verlangte. Lot zu befreien, hätte er Schimeon und Levi überlassen; wenn aber diese, unter dem ihnen bei solchen Gelegenheiten zu Gebote stehenden entsetzenerregenden Geschrei, unter den Mondanbetern ein Blutbad angerichtet hätten, so hätte er sein Angesicht mit dem Schal verhüllt und gesprochen: »Meine Seele komme nicht in ihren Rat!« Denn diese Seele war weich und schreckhaft; sie verabscheute es, Gewalt zuzufügen, sie zitterte davor, welche zu erleiden, und war voll von Erinnerungen an Niederlagen ihres Mannesmutes – Erinnerungen, die ihrer Würde, ihrer Feierlichkeit aber darum nicht Abbruch taten, weil immer und regelmäßig gerade in solchen Lagen physischer Demütigung ein Strahl und Zustrom des Geistes sie getroffen, eine mächtig tröstende und neu bestätigende Offenbarung der Gnade ihr zuteil geworden war, von der sie mit Fug und Recht sich mochte das Haupt erheben lassen, da sie selbst sie aus ihren ungedemütigten Tiefen erzeugt und erzwungen hatte.
Wie war es mit Esau's prächtigem Sohne Eliphas gewesen? Eliphas war dem Esau von einer seiner chetitisch-kanaanitischen Frauen geboren worden, Baalanbeterinnen, die er schon frühzeitig nach Beerscheba heimgeführt hatte und von denen Rebekka, Bethuels Tochter, zu sagen pflegte: »Mich verdrießt es, zu leben vor den Töchtern Heth.« Schon dem Jaakob war es nicht mehr gewiß, welche von ihnen Eliphas seine Mutter nannte; wahrscheinlich war es Ada, die Tochter Elons, gewesen. Auf jeden Fall war Jizchaks dreizehnjähriger, früh erstarkter Enkel ein ungewöhnlich gewinnender junger Mann: einfach von Geist, aber tapfer, freimütig, edeldenkend, gerade gewachsen an Leib und Seele und seinem benachteiligten Vater in stolzer Liebe ergeben. In mehr als einer Beziehung war ihm das Leben schwer gemacht: in Hinsicht sowohl auf die verwickelten Familienverhältnisse wie auch in Glaubensdingen. Denn nicht weniger als drei Bekenntnisse stritten um seine Seele: der El eljon der Großeltern, die Baalim der mütterlichen Sippe und eine gewittrige und pfeilschießende Gottheit namens Kuzach, verehrt von den Gebirglern im Süden, den Seïrim oder Leuten von Edom, zu denen Esau von früh an Beziehungen unterhalten hatte und zu denen er später vollends überging. Des rauhen Mannes ungeheurer Schmerz und ohnmächtige Wut über jene von Rebekka geleiteten einschneidenden Geschehnisse in des augenkranken Großvaters dunkler Zeltwohnung, die Jaakob dann von Hof und Herde in die Fremde trieben, hatten dem Knaben Eliphas furchtbar ans Herz gegriffen, und sein Haß auf den fälschlich gesegneten jungen Oheim hatte geradezu etwas Aufreibendes und für ihn selbst Lebensgefährliches: er schien über die zarten Kräfte seines Alters zu gehen. Zu Hause, angesichts der wachsamen Rebekka, war gegen den Segensdieb überhaupt nichts zu unternehmen. Als sich aber herausstellte, daß Jaakob geflohen war, stürzte Eliphas zu Esau und forderte ihn mit fliegenden Worten auf, dem Verräter nachzusetzen und ihn zu erschlagen.
Aber der zur Wüste verfluchte Esau war viel zu niedergebrochen, von bitterem Weinen über sein unterweltliches Schicksal viel zu geschwächt, um zu der geforderten Tat aufgelegt zu sein. Er weinte, weil es ihm so zukam, weil das seiner Rolle entsprach. Seine Art, die Dinge und sich selbst zu sehen, war durch eingeborene Denkvorschriften bedingt und bestimmt, die ihn banden, wie alle Welt, und ihre Prägung von kosmischen Kreislaufbildern empfangen hatten. Durch des Vaters Segen war Jaakob endgültig zum Mann des vollen und ›schönen‹ Mondes geworden, Esau aber zum Dunkelmond, also zum Sonnenmann, also zum Mann der Unterwelt – und in der Unterwelt weinte man, obgleich man dort möglicherweise sehr reich an Schätzen wurde. Wenn er sich später ganz zu den Leuten des südlichen Gebirges und ihrem Gotte schlug, so tat er es, weil es sich so für ihn schickte, denn der Süden lag im Denklichte des Unterweltlichen, wie übrigens auch die Wüste, in die Isaaks Gegenbruder Ismael hatte abwandern müssen. Beziehungen aber hatte Esau schon längst, schon lange vor Empfang des Fluchspruches von Beerscheba aus, mit den Leuten von Seïr angeknüpft, und das beweist, daß es sich bei Segen und Fluch nur um Bestätigungen handelte, daß sein Charakter, das heißt seine Rolle auf Erden, von langer Hand her festgelegt und er sich ebendieser Charakterrolle von jeher vollkommen bewußt gewesen war. Er war ein Jäger geworden, des offenen Feldes schweifender Gast, zum Unterschiede von Jaakob, der in Zelten wohnte und ein Mondhirt war, – war es geworden nach seiner Natur, auf Grund seiner stark männlichen körperlichen Anlagen, gewiß. Aber man ginge fehl und würde der mythisch-schematischen Bildung seines Geistes nicht gerecht, indem man annähme, Gefühl und Bewußtsein seiner selbst, seiner Rolle als sonnverbrannter Sohn der Unterwelt, sei ihm erst aus seinem Jägerberuf erflossen. Umgekehrt – mindestens so sehr umgekehrt – hatte er diesen Beruf schon darum gewählt, weil es ihm so zukam, aus mythischer Bildung also und Gehorsam gegen das Schema. Faßte man sein Verhältnis zu Jaakob gebildet auf – und das zu tun, war Esau, seiner Rauhigkeit ungeachtet, immer bereit gewesen –, so war es die Wiederkehr und das Gegenwärtigwerden – die zeitlose Gegenwärtigkeit – des Verhältnisses von Kain zu Habel; und in diesem war Esau nun einmal Kain: nämlich bereits in seiner Eigenschaft als älterer Bruder, welchem freilich das neuere Weltrecht ehrend zur Seite stand, der aber wohl fühlte und wußte, daß, aus Zeiten mütterlicher Vorfrühe übermacht, eine tiefe Herzensneigung der Menschheit dem Jüngeren, dem Jüngsten gehörte. Ja, falls eine gewisse Geschichte von einem Linsengericht als wirklich geschehen hinzunehmen und nicht nachträglich, zur Rechtfertigung des Segensbetruges, den Tatsachen sollte hinzugefügt worden sein (weshalb Jaakob immer noch sehr wohl an ihre Wahrheit hätte glauben können), so wäre Esau's scheinbarer Leichtsinn sicherlich aus solchen Empfindungen zu erklären: Indem er dem Bruder die Erstgeburt so leichten Kaufes abtrat, hoffte er, wenigstens die Sympathien, welche herkömmlicherweise dem Jüngeren zufallen, auf seine Seite zu bringen.
Kurzum, der rote, haarige Esau weinte und zeigte sich dem Verfolgungs- und Racheunternehmen entschieden abgeneigt. Er hatte gar keine Lust, den Habel-Bruder auch noch zu erschlagen und so ein Gleichnis auf die Spitze zu treiben, auf das die Eltern ohnehin das ganze Verhältnis von Anfang an hinausgespielt hatten. Als dann aber Eliphas sich erbot oder vielmehr glühend danach verlangte, in diesem Falle selbst den Gesegneten einzuholen und zu töten, hatte Esau nichts dagegen zu erinnern und winkte Erlaubnis unter Tränen. Denn daß der Neffe den Oheim erschlug, bedeutete eine ihm wohltuende Durchbrechung des leidigen Schemas und war eine geschichtliche Neugründung, die späteren Eliphas-Knaben zum Gleichnis werden mochte, ihn aber von der Kainsrolle wenigstens im letzten entlastete.
So raffte Eliphas ein paar Leute zusammen, fünf oder sechs, die zu seinem Vater hielten und ihn bei seinen Ausflügen ins Edom-Land zu begleiten pflegten, bewaffnete sie aus den Beständen des Hofes mit langen Rohrlanzen, die über einem bunten Haarbüschel eine ebenfalls sehr lange, gefährliche Spitze trugen, entwandte vor Morgengrauen Kamele aus Jizchaks Ställen, und ehe der Tag sich wendete, hatte Jaakob, der, dank Rebekka's Fürsorge, nebst zwei Sklaven ebenfalls kamelberitten und mit Mundvorrat und schönen Tauschwerten reichlich ausgestattet war, die Rächerschar auf den Fersen.
Seiner Lebtage vergaß Jaakob nicht den Schrecken, der ihn befallen, als der Sinn dieser Annäherung ihm deutlich wurde. Anfangs, als man die Reiter gesichtet, hatte er sich geschmeichelt, Jizchak habe sein Entweichen etwas zu früh bemerkt und wolle ihn wieder einholen lassen. Als er aber Esau's Sohn erkannt hatte, begriff er den ganzen Ernst der Lage und verzagte. Ein Rennen auf Leben und Tod begann – waagerecht vorgestreckt die Hälse der lang ausgreifenden, inbrünstig grunzenden, von Troddeln und Monden umflogenen Dromedare. Aber Eliphas und die Seinen hatten nicht so hoch aufgepackt wie Jaakob, von Augenblick zu Augenblick sah dieser den Vorsprung, an dem sein Leben hing, zusammenschmelzen, und als die ersten Wurflanzen ihn überholten, winkte er Übergabe, saß ab mit den Seinen und erwartete auf dem Angesicht, die bloßen Hände erhoben, den Verfolger.
Was nun geschah, war das Kläglich-Ehrenrührigste, was überhaupt in Jaakobs Leben vorkam, und wäre wohl geeignet gewesen, die Würde eines anderen Selbstgefühles auf immer zu untergraben. Er mußte, wenn er leben wollte – und das wollte er um jeden Preis, nicht aus gewöhnlicher Feigheit, wie ernstlich erinnert werden soll, sondern weil er geweiht war, weil auf ihm die von Abraham kommende Verheißung lag –, er mußte den zornglühenden Knaben, seinen Neffen, den so viel Jüngeren, ihm so sehr Nachgeordneten, der bereits – und mehr als einmal – das Schwert über ihn erhob, durch Flehen zu erweichen suchen, durch Selbsterniedrigung, durch Tränen, durch Schmeicheleien, durch winselndes Anrufen seiner Großmut, durch tausend Entschuldigungen, mit einem Wort: durch den bündigen Beweis, daß es der Mühe nicht wert war, in ein solches Bündel Elend das Schwert zu stoßen. Das tat er. Er küßte des Kindes Füße wie toll, er warf ganze Hände voll Staub in die Luft, der auf sein Haupt niederfiel, und seine Zunge ging unaufhörlich, bannend, beschwörend, mit einer von der Angst aufs äußerste getriebenen Geläufigkeit, die den verblüfften, ob solchen Redeflusses, solcher Sprachgewandtheit unwillkürlich staunenden Knabensinn von raschen Taten abzuhalten bestimmt und wirklich vermögend war.
Hatte er den Betrug gewollt? Hatte er ihn angeregt, war er seine Erfindung? Seine Därme sollten preisgegeben sein, wenn dem im entferntesten so gewesen war! Die Mutter, die Großmutter allein habe alles erdacht und gewollt, aus übergroßer und unverdienter Liebesschwäche für ihn, und er, Jaakob, habe sich aus allen Kräften gegen den Plan gesperrt und gewehrt, habe ihr vorgehalten, wie die Gefahr so groß und schrecklich sei, daß Isaak alles entdecke und nicht nur ihn verfluche, sondern auch sie, die allzu anschlägige Rebekka. Nicht zu vergessen, daß er ihr mit verzweifelter Eindringlichkeit zu bedenken gegeben habe, wie er dastehen werde vor des erstgeborenen Bruders erhabenem Antlitz, wenn etwa der Anschlag gelinge! Nicht gern, nicht froh und frech, ach, keineswegs, sondern zitternd und zagend habe er mit dem Gericht vom Böcklein und dem Wein in Esau's Festkleid, das Fell um Handgelenke und Hals, des Vaters, des lieben Großvaters Gemach betreten. Der Schweiß sei ihm die Schenkel hinuntergelaufen vor Not und Furcht, die Stimme ihm in der verschnürten Kehle erstorben, als Isaak ihn gefragt, wer er sei, ihn betastet, berochen habe – aber sogar ihn mit Esau's Feldblumenwohlgeruch zu salben habe Rebekka ja nicht vergessen! Ein Betrüger, er? Ein Opfer vielmehr von des Weibes List, Adam, verführt von Heva, der Schlange Freundin! Ach, Eliphas, der Knabe, möge sich hüten sein Leben lang, das mehrere hundert Jahre und länger währen möge, vor des Weibes Ratschlag und weislich umgehen die Fallstricke seiner Schalkheit! Er, Jaakob, sei gestrauchelt darin, mit ihm sei es nun aus. Ein Gesegneter, er? Aber erstens, was sei denn das für ein Vatersegen, ein irrtümlicher gleich diesem, ein so gegen Wunsch und Willen des Empfängers erschlichener? Habe er Wert und Gewicht? Sei er von Wirkung? (Er wußte genau, daß Segen – Segen war und daß der sein volles Gewicht und volle Wirkung habe, aber er fragte so, um Eliphas zu verwirren.) Und zweitens: habe er, Jaakob, wohl Miene gemacht, des Mißgriffs Nutznießer zu spielen, als Segensträger sich breitzumachen im Hause und Esau, seinen Herrn, zu verdrängen? Ach, ganz mitnichten und gerade im Gegenteil! Das Feld räume er freiwillig dem Bruder, die reuige Rebekka selbst habe ihn fortgetrieben, ins Wildfremde ziehe er auf Nimmerwiederkehr, in die Verbannung, geradeswegs in die Unterwelt, und sein Teil sei Weinen je und je! Ihn wollte Eliphas mit des Schwertes Schärfe schlagen – der Täuberich mit lichten Schwingen, der junge Bergstier in seiner Pracht, der bildschöne Antilopenbock? Da doch der Herr den Noah bedeutet habe, er wolle vergossenes Menschenblut zurückfordern, und da es doch heute nicht mehr sei wie zu Kains und Habels Tagen, sondern Gesetze im Lande herrschten, deren Verletzung Eliphas' edler junger Person aufs höchste gefährlich werden könne? Um diese sei es ihm, dem hinlänglich geschlagenen Oheim, zu tun, und wenn denn er schon nunmehr, vernichtet und leicht gemacht, dahinziehe in ein Land, wo er fremd sein werde und ein Knecht, so solle doch Eliphas schwer sein von Glück und seine Mutter gesegnet unter den Kindern Heth, weil er seine Hand zurückgehalten vom Blute und seine Seele abgewendet von Missetat …
So strömte dem Jaakob die plappernd und bettelnd angstgetriebene Rede, daß es den Eliphas nur so wunderte und ihm der Kopf wirbelte vom Schwall. Er hatte einen lachenden Räuber zu treffen erwartet und fand einen Elenden, dessen Erniedrigung Esau's Würde vollkommen wiederherzustellen schien. Der Knabe Eliphas war gutmütig, wie sein Vater es eigentlich war. Schnell trat in seiner Seele ein feuriges Gefühl an die Stelle des anderen, die Großmut an Stelle des Zornes, und er rief aus, daß er des Oheims schonen wolle, worüber Jaakob vor Freude weinte, indem er den Saum von Eliphas' Kleid und seine Hände und Füße mit Küssen bedeckte. Verlegenheit und leichter Ekel mischten sich in dessen Gehobenheit. Er ärgerte sich gleich ein wenig seines Wankelmutes und bestimmte rauh, das Gepäck der Flüchtlinge müsse ihm aber ausgeliefert werden, was Rebekka dem Onkel zugesteckt, gehöre Esau, dem Gekränkten. Jaakob wollte auch diesen Beschluß noch mit flüssiger Rede wenden, aber Eliphas schrie ihn verächtlich an und ließ ihn so gründlich ausplündern, daß ihm wirklich nichts blieb als das nackte Leben: Die goldenen und silbernen Gefäße, die Krüge mit feinstem Öl und Wein, die Hals- und Armringe aus Malachit und Karneol, der Weihrauch, das Honigkonfekt und was die Mutter ihm an Gewirktem und Gewobenem hatte aufpacken lassen, – alles mußte in Eliphas' Hände geliefert sein; sogar die beiden Hörigen, die flüchtig den Hof verlassen und von denen übrigens einer von einem Lanzenwurf an der Schulter blutete, mußten sich mit ihren Tieren den Verfolgern zur Rückkehr anschließen, – und dann durfte Jaakob allein, nur ein paar irdene Krüge mit Wasser am Sattel, seinen dunklen Weg gen Osten, wer weiß, in welcher Gemütsverfassung, fortsetzen.
Die Haupterhebung
Er hatte sein Leben gerettet, sein kostbares Verheißungsleben, für Gott und die Zukunft, – was wog dagegen wohl Gold und Karneol? Auf das Leben kam hier alles an, und Jung-Eliphas war im Grunde glänzender geprellt als sein Erzeuger, aber was hatte es gekostet! Wohl mehr als das Reisegepäck – die Mannesehre ganz und gar; und geschändeter konnte niemand sein als Jaakob, der vor einem Milchbart auf der Stirn hatte winseln müssen und dessen Gesicht von Tränen und hineingeschmiertem Staube ganz entstellt war. Und dann? Und unmittelbar nach solcher Entwürdigung?
Unmittelbar oder wenige Stunden danach, am Abend, bei Sternenschein, war er zu der Stätte Luz gelangt, einer Ortschaft, die er nicht kannte, da überhaupt diese ganze Gegend ihm schon fremd war, – gelegen an einem der zumeist terrassierten und mit Wein bepflanzten Hügel, in denen die Landschaft hinschwang. Die wenigen Häuserwürfel des Dorfes drängten sich in halber Höhe des von Pfaden durchlaufenen Abhangs zusammen, und da eine Stimme von innen dem verarmten Reisenden zuredete, hier Nachtquartier zu machen, so trieb er sein über den kläglich-stürmischen Zwischenfall noch ganz erstauntes und bockiges Kamel, vor dem er sich etwas schämte, den Hügel hinan. An dem Brunnen außerhalb der lehmigen Umfassungsmauer tränkte er das Tier und wusch sich selbst die Spuren seiner Schande aus dem Gesicht, wodurch bereits seine Stimmung sich beträchtlich hob. Bei den Leuten von Luz aber Einlaß zu begehren vermied er trotzdem, da er sich als Bettler fühlte, sondern führte den lebenden Besitz, der nun sein alles war, am Zügel über die Ortschaft empor, ganz aufwärts bis zu des Hügels gestumpftem Gipfel, dessen Anblick ihm denn zu bedauern gab, daß er nicht früher, nicht rechtzeitig hierhergelangt war. Denn ein heiliger Steinkreis, ein Gilgal, kennzeichnete den Ort als Freistatt, und dem hier Fußenden hätte Jung-Eliphas, der Straßenräuber, nichts anzuhaben vermocht.
In der Mitte des Gilgals war ein besonderer Stein, kohlschwarz und kegelförmig, aufgerichtet, ein offenbar vom Himmel gefallener, in dem Sternenkräfte schlummerten. Da seine Form an das Zeugungsglied gemahnte, hob Jaakob fromm seine Augen und Hände empor und fühlte sich noch gestärkter. Hier wollte er die Nacht verbringen, bis der Tag sie wieder verbarg. Zur Kopfstütze wählte er einen der Steinklötze des Kreises aus. »Komm«, sprach er, »tröstlicher alter Stein, erhebe dem Friedlosen das Haupt zur Nacht!« Er deckte sein Kopftuch darüber, streckte sich aus, das Haupt gegen den phallischen Himmelsstämmling erhoben, blinzelte noch ein wenig in die Sterne und entschlief.
Da ging es hoch her, da geschah es ihm, da ward ihm wirklich, wohl mitten in der Nacht, nach einigen Stunden des tiefsten Schlafes, das Haupt erhoben aus jeder Schmach zum hehrsten Gesicht, in welchem sich alles vereinigte, was seine Seele an Vorstellungen des Königlichen und Göttlichen barg und das sie, die gedemütigte, die insgeheim ihrer Demütigung lächelte, sich zu Trost und Befestigung hinausbaute in den Raum ihres Traumes … Er träumte sich nicht von der Stelle. Auch im Traume lag er mit gestütztem Kopfe und schlief. Aber seine Lider waren durchlässig für überschwenglichen Glanz; er sah durch sie, sah Babel, sah das Nabelband von Himmel und Erde, die Treppe zum höchsten Palast, die zahllos feurigen und breiten, mit astralen Wächtern besetzten Stufen, deren ungeheure Rampe emporführte zum obersten Tempel und Herrschersitz. Sie waren nicht steinern noch hölzern, noch sonst aus irdischem Stoff; sie schienen aus glühendem Erz und aus gebautem Sternenfeuer; ihr Planetenglanz verlor sich in maßloser Breite auf Erden und steigerte sich in der Höhe und Weite zu übermächtiger Blendung, die dem offenen Auge unerträglich gewesen wäre und in die nur durch die deckenden Lider zu schauen war. Gefiederte Menschentiere, Cheruben, gekrönte Kühe mit den Gesichtern von Jungfrauen und mit anliegenden Fittichen standen unbeweglich geradeaus blickend zu beiden Seiten, und der Raum zwischen ihren schräg vor- und zurückgestellten Beinen war mit erzenen Flächen gefüllt, in welchen heilige Wortmale glühten. Kauernde Stiergötter, Perlenbänder um die Stirn, mit Ohrlocken, so lang wie die fransenförmigen und unten gerollten Bärte, die von ihren Wangen hingen, wandten die Köpfe nach außen und blickten den Schläfer aus langbewimperten ruhevollen Augen an, – abwechselnd mit Löwenwesen, die auf ihren Schwänzen saßen und deren gewölbte Brust mit feurigen Zotten bedeckt war. Sie schienen aus viereckig aufgerissenen Mäulern zu fauchen, so daß unter ihren grimmigen Stutznasen sich die Schnurrhaare sträubten. Zwischen den Tieren aber wallte die Rampenweite von Dienenden und Boten, hinauf- und hinabziehend in Schritt und Stufentritt, nach langsamer Reigenordnung, die in sich trug das Glück des Sternengesetzes. Ihre Unterkörper waren von Kleidern verhüllt, die mit spitzen Schriftzeichen bedeckt waren, und ihre Brüste schienen zu weich für die von Jünglingen und zu flach für Weiberbrüste. Sie trugen Schalen auf dem Kopf mit erhobenen Armen, oder es lehnte in ihrem gebogenen Arm eine Tafel, auf die sie weisend die Finger legten; viele aber harften und flöteten, schlugen Lauten und Pauken, und Singende hielten sich hinter diesen, die den Raum mit ihren hohen, metallisch sirrenden Stimmen erfüllten und im Takt dazu in die Hände klatschten. So wallte und dröhnte die Weite der Weltenrampe von akkordisch tönendem Schwall, hinab und hinauf bis ins flammendste Licht, wo der schmale Feuerbogen war und die Pforte des Palastes mit Pfeilern und hohen Zinnen. Es waren die Pfeiler aus goldenen Ziegelsteinen, die hervortreten ließen geschuppte Tiere mit Pardelfüßen vorn und Adlersfüßen hinten, und war die Feuerpforte besetzt zu den Seiten von Gebälkträgern auf Stierfüßen, mit vierfach gehörnten Kronen und Edelsteinaugen und gelockten, gebündelten Bärten an ihren Backen. Davor aber stand der Sessel der Königsmacht und der goldene Schemel ihrer Füße und dahinter ein Mann mit Bogen und Köcher, der hielt den Wedel über die Mützenkrone der Macht. Und sie war angetan mit einem Gewände aus Mondlicht, das Fransen hatte aus kleinen Feuersflammen. Überaus nervig von Kraft waren Gottes Arme, und in einer Hand hielt er das Zeichen des Lebens und in der anderen eine Schale zum Trinken. Sein Bart war blau und zusammengefaßt mit ehernen Bändern, und unter hochgewölbten Brauen drohte sein Antlitz in grimmer Güte. Es war vor ihm noch ein Mann mit einem breiten Reif um den Kopf, einem Wesire gleich und einem nächsten Diener am Thron, der blickte in das Angesicht der Macht und wies mit der flachen Hand gegen den Schläfer Jaakob auf Erden. Da nickte der Herr und trat auf seinen nervigen Fuß, und der Oberste bückte sich rasch, den Schemel wegzuziehen, auf daß der Herr stehe. Und Gott stand auf von dem Thron und hielt gegen Jaakob das Zeichen des Lebens und zog ein die Luft in seine Brust, daß sie hoch ward. Und seine Stimme war prachtvoll, da sie tönend einging in das Psaltern und in die Sternenmusik der Auf- und Absteigenden und davon aufgenommen wurde zu mildmächtiger Harmonie. Er sprach aber: »Ich bin! Ich bin Abirams Herr und Jizchaks und der deine. Mein Auge blickt auf dich, Jaakob, mit weitschauender Gunst, denn ich will deinen Samen zahlreich machen wie das Staubkorn der Erde und sollst mir ein Gesegneter sein vor allen und innehaben die Tore deiner Feinde. Ich will dich hüten und hegen, wo du wandelst, und dich reich heimführen auf den Boden, wo du schläfst, und dich niemals verlassen. Ich bin und will!« So verdröhnte des Königs Stimme in Harmonie, und Jaakob erwachte.
War das ein Traumgesicht gewesen und eine Haupterhebung! Jaakob weinte vor Freuden und lachte zwischenein über Eliphas, während er unter den Sternen umherging in dem Kreise von Steinen und denjenigen betrachtete, der ihm zu solchem Schauen den Kopf gestützt. ›Was ist das für eine Stätte‹, dachte er, ›auf die ich zufällig gestoßen bin!‹ Ihn fror von der Frische der Nacht und von tiefster Erregung, er schauderte und sprach: »Mit Recht schaudert mir so, mit Recht! Die Leute von Luz haben nur eine schwache Ahnung davon, was es auf sich hat mit dieser Stätte, denn sie haben zwar ein Asyl daraus gemacht und einen Gilgal geordnet, aber sie wissen sowenig, wie ich es wußte, daß das ja ganz einfach eine Stätte der Gegenwart ist, die Pforte zur Herrlichkeit und das Band Himmels und der Erden!« Er schlief danach noch ein paar Stunden einen starken und stolzen Schlaf, voll heimlichen Lachens, aber bei Tagesgrauen stand er auf und stieg hinab gen Luz und trat vor die Gewölbe. Denn er verwahrte in seiner Gürtelfalte einen Ring mit tiefblauer Lasursteinsiegelplatte, den Eliphas' Knechte nicht gefunden hatten. Den verkaufte er nun unter Preis, gegen etwas Trockenkost und ein paar Krüge Öl, denn namentlich des Öles bedurfte er für das, was er vorhatte und als seine Pflicht erachtete. Bevor er weiterzog nach Osten und gegen das Wasser Naharina, stieg er noch einmal zur Traumstätte empor, richtete den Stein, auf dem er geschlafen, gerade auf, als ein Denkmal, goß reichlich Öl darüber und sprach dabei: »Beth-el, Beth-el soll diese Stätte heißen und nicht Luz, denn sie ist ein Haus der Gegenwart, und Gott, der König, hat sich enthüllt hier dem Erniedrigten und ihm das Herz gestärkt über alles Maß. Denn es war sicherlich übertrieben und maßlos, was Er in die Harfen rief, daß mein Same zahlreich sein solle wie der Staub und mein Name hochher triumphieren in Ehren. Wird Er aber mit mir sein, wie Er verheißen, und meine Füße bewachen in der Fremde; wird Er mir Brot geben und ein Kleid für meinen Leib und mich heil heimkehren lassen in Jizchaks Haus, dann soll Er mein Gott sein und kein anderer, und ich will Ihm den Zehnten geben von allem, was Er mir gibt. Und bewahrheitet sich überdies, womit Er mir maßloserweise das Herz gestärkt, dann soll Ihm aus diesem Steine ein Heiligtum werden, darin Ihm Nahrung herangebracht werden soll unausgesetzt und außerdem immerfort gesalzen Räucherwerk verbrannt werden für seine Nase. Dies ist ein Gelöbnis und eine Verheißung gegen die andere, und Gott, der König, möge nun tun, was ihm in seinem Interesse gelegen dünkt.«
Esau
So war es mit dem prächtigen Eliphas gewesen, der doch nur ein ärmlicher Junge war, verglichen mit Jaakob, dem gedemütigten Opfer seines Stolzes, der kraft seelischer Ersatzvorräte, von denen Eliphas keine Ahnung hatte, spielend triumphierte über Erniedrigungen, welche ein Knabe ihm zuzufügen vermochte, und dem immer gerade aus Zuständen tiefster Kläglichkeit die Offenbarung kam. War es denn anders gegangen mit dem Vater, als es mit dem Sohne gegangen war? Wir meinen jenes Zusammentreffen mit Esau selbst, auf das wir Jaakob gesprächsweise haben anspielen hören. In diesem Fall hatte er die Haupterhebung und große Herzstärkung vorweggenommen, zu Peni-el, in angstvoller Nacht, als er sich den Namen errang, über den Schimeon und Levi etwas lächelten. Und im Besitz des Namens also, ein Sieger im voraus, ging er dem Bruder entgegen – im tiefsten gewappnet gegen jede Erniedrigung, die sich etwa als unvermeidlich erweisen würde, gewappnet auch gegen die Unwürde der eigenen Angst vor einer Begegnung, in der sich das ungleiche Gepräge der Zwillinge so sprechend bewähren sollte.
Er wußte nicht, in welcher Gemütsverfassung Esau, von ihm selbst durch Boten benachrichtigt, weil eine Klärung des Verhältnisses unbedingt notwendig schien, sich ihm näherte. Bekannt war ihm nur durch seine Kundschafter, daß jener an der Spitze komme von vierhundert Mann – was eine Ehrung sein konnte als Wirkung der demütigen Schmeicheleien, die er ihm hatte ausrichten lassen, möglicherweise aber auch eine große Gefahr. Er hatte seine Vorkehrungen getroffen. Er hatte sein Liebstes, Rahel und ihren Fünfjährigen, hinten bei den Lasttieren versteckt, Dina, seine Tochter, das Leakind, als tot in eine Truhe gelegt, darin sie beinahe erstickt wäre, und die anderen Kinder hinter sich ihren Müttern zugeordnet, die Kebsweiber mit den ihren voran. Er staffelte die Viehgeschenke, die er von Hirten vor sich hertreiben ließ, die zweihundert Ziegen und Böcke, die Schafe und Widder in gleicher Zahl, die dreißig säugenden Kamelstuten, die vierzig Kühe mit zehn Farren, die zwanzig Eselinnen mit ihren Füllen. Er ließ sie in Einzelherden treiben und in Abständen, damit Esau bei jeder Herde, der er begegnete, auf seine Frage erführe, das seien Geschenke für ihn, den Herrn, von Jaakob, seinem Knecht. So geschah es auch. Und wenn Esau's Gesinnung gegen den Heimkehrenden beim Aufbruch vom Seïr-Gebirge noch sehr schwankend, zweideutig und ihm selber unklar mochte gewesen sein, so befand er sich, als er Jaakobs selbst nach fünfundzwanzig Jahren zum erstenmal wieder ansichtig wurde, bereits in der heitersten Laune.
Diese Heiterkeit nun aber gerade empfand Jaakob, so sehr er es sich hatte angelegen sein lassen, sie zu erzeugen, als höchst unangenehm, und kaum hatte er begriffen, daß er sich, für den Augenblick wenigstens, nicht zu fürchten brauchte, als er auch schon Mühe hatte, seinen Widerwillen gegen Esau's hirnlose Treuherzigkeit zu verbergen. Er vergaß nie seine Annäherung … Rebekka's Zwillinge waren zu jener Zeit fünfundfünfzigjährig – das ›duftige Gras‹ und das ›stachlige Gewächs‹, wie man sie schon als Knaben in der Gegend zwischen Hebron und Beerscheba genannt hatte. Aber das ›duftige Gras‹, der glatthäutige Jaakob, hatte es niemals sehr jugendlich getrieben, zeltfromm, sinnend und zag, wie sich der Knabe schon immer erwiesen. Jetzt aber gar hatte er vieles erlebt, Jaakob, ein Mann auf der Höhe der Jahre, würdig von Geschichten, geistig besorgt und von ihm zugewachsenem Gute schwer, – wohingegen Esau, obgleich ergraut, so gut wie der Bruder, noch immer der gedanken- und bedeutungslose, zwischen Geheul und tierischem Leichtsinn schwankende Naturbursch von ehemals zu sein schien und auch im Antlitz sich gar nicht verändert hatte; wie ja das physiognomische Heranreifen der Mehrzahl unserer Jugendgefährten darin besteht, daß sie einen Bart und auch wohl einige Runzeln in ihr Bubengesicht bekommen, welches dann eben ein Bubengesicht mit Bart und Runzeln ist, sonst aber nichts Neues aufgenommen hat.
Das erste, was Jaakob von Esau vernahm, war dessen Flötenspiel, das ihm von früh her bekannte, hoch-hohle Geträller auf einem Gebinde verschieden langer Rohrpfeifen, die in einer Reihe von Querbändern zusammengehalten waren, – einem bei den Seïr-Gebirglern beliebten und vielleicht von ihnen erfundenen Instrument, das Esau früh von ihnen übernommen hatte und worauf er mit seinen wulstigen Lippen recht kunstreich zu musizieren verstand. Dem Jaakob war die blöde und wüste Idyllik dieses Getöns, das unverantwortliche, im unterweltlichen Südlande beheimatete Tu-rü-li, von jeher verhaßt gewesen, und Verachtung stieg in ihm auf, als es ihm wieder zu Ohren kam. Überdies tanzte Esau. Sein Pfeifenspiel am Munde, den Schießbogen auf dem Rücken und einen Fetzen Ziegenfells um die Lenden, sonst aber ohne Kleider, deren er wirklich auch nicht bedurfte, da er so behaart war, daß ihm das Vlies in grau-roten Zotteln buchstäblich von den Schultern hing, tanzte und sprang er mit seinen spitzen Ohren und seiner platt auf der nackten Oberlippe liegenden Nase über das offene Land hin zu Fuß vor Troß und Mannschaft dem Bruder entgegen, blasend, winkend, lachend und weinend, so daß Jaakob, in Geringschätzung, Scham, Erbarmen und Abneigung, bei sich etwas dachte wie ›Allmächtiger Gott!‹
Übrigens stieg auch er von seinem Tier, um, so schnell seine geschwollene Hüfte es ihm erlaubte, gerafften Kleides und eifrig sich hinschleppend, auf den musikalischen Bock zuzueilen und schon unterwegs alle Bekundungen der Unterordnung und Selbsterniedrigung zu vollziehen, die er sich vorgesetzt und die er sich nach dem nächtlichen Siege ohne wirkliche Verletzung seines Selbstgefühls leisten konnte. Wohl siebenmal, trotz seiner Schmerzen, warf er sich nieder, indem er die flachen Hände über das gebeugte Haupt erhob, und landete auch so zu Esau's Füßen, auf die er seine Stirne preßte, während seine Hände auf den von Zotteln überhangenen Knien des Bruders emportasteten und sein Mund immerfort die Worte wiederholte, die das Verhältnis trotz Segen und Fluch zu Esau's unbedingten Gunsten kennzeichnen und ihn entwaffnen, versöhnen sollten: »Mein Herr! Dein Knecht!« Aber nicht nur versöhnlich verhielt sich Esau, sondern zärtlich über alles Erwarten und auch wohl über sein eigenes; denn sein Zustand nach Empfang der Nachricht von des Bruders Heimkehr war eine allgemeine und undeutliche Aufregung gewesen, die sich noch kurz vor dem Zusammentreffen ganz leicht ins Wütende statt ins Gerührte hätte wenden können. Gewaltsam hob er Jaakob vom Staube auf, drückte ihn mit geräuschvollem Schluchzen an seine pelzige Brust und küßte ihn schmatzend auf Wange und Mund, so daß es dem also Geherzten bald zuviel wurde. Dennoch weinte auch dieser – teils weil die Spannung der Ungewißheit und Furcht in ihm sich löste, teils auch aus nervöser Weichheit und ganz allgemein über Zeit und Leben und Menschenschicksal. »Bruderherz, Bruderherz«, lallte Esau zwischen den Küssen. »Alles vergessen! Alle Schurkerei soll vergessen sein« – eine peinlich ausdrückliche Hochherzigkeit, eher danach angetan, Jaakobs Tränen sofort zu stillen, als sie inniger fließen zu lassen –, und danach begann er zu fragen, wobei er die Frage, die ihm eigentlich am Herzen lag: wie es nämlich mit den vorangetriebenen Herden gemeint sei, noch zurückstellte und sich zuerst mit hohen Augenbrauen nach den Frauen und Kindern auf den Kamelen hinter Jaakob erkundigte. So wurde denn abgestiegen und vorgestellt: zuerst neigten die Kebsweiber mit ihren vieren sich vor dem Zottelmann, dann Lea mit ihren sechsen, endlich auch die süßäugige Rahel mit Joseph, die man von hinten herbeiholte, und Esau tat bei jeder Namensnennung einen Wulstlippenrutsch auf seinem Flötengebinde, pries die Wohlschaffenheit der Kinder und die Brüste der Weiber und bot Lea, über deren Blödgesichtigkeit er sich laut verwunderte, einen edomitischen Kräuterbalsam für ihre wie immer entzündeten Augen an, wofür sie wütenden Herzens dankte, indem sie ihm die Zehenspitzen küßte.
Schon die äußere Verständigung zwischen den Brüdern bot Schwierigkeiten. Beide suchten im Gespräch nach den Worten ihrer Kindheit und fanden sie nur mühsam; denn Esau redete den rauhen Dialekt der Seïr-Leute, der sich von dem in der Landschaft ihrer Kindheit gesprochenen durch sinaiwüstenhafte und midianitische Einschläge unterschied, und Jaakob hatte sich im Lande Naharajim akkadisch zu sprechen gewöhnt. Es war ein gebärdenreiches Sichbehelfen zwischen den beiden, aber in Sachen der fetten Viehherden dort vorn wußte Esau seine Neugier recht wohl zu äußern, und wie er sich zierte, das üppige Geschenk anzunehmen, als Jaakob ihn bedeutete, er hoffe Gnade damit zu finden vorm Angesicht seines Herrn, das zeugte von Lebensart. Er gab dieser Ziererei die Form leichtherziger Gleichgültigkeit gegen Hab und Gut und derlei Beschwer. »Ach, Bruderherz, Unsinn, nicht also!« rief er. »Hab du es und heg's und behalt's, ich schenk' dir's zurück, ich hab's nicht nötig, um zu vergessen und zu verschmerzen die alte dreckige Büberei! Sie ist vergessen und ist verschmerzt, ich hab' mich abgefunden mit meinem Lose und bin vergnügt. Denkst du, wir Unterweltler lassen die Nasen hängen all unsere Tage hin? Eialala und Heissassa, das sind ganz fehlgehende Annahmen! Wir stolzieren zwar nicht einher, den Segen ums Haupt, und verdrehen die Augen, aber wir leben auch und auf unsere Art recht lustig, das glaube du mir! Auch uns tut es süß, beim Weibe zu schlafen, und auch uns ist Liebe ins Herz gegeben zur Kinderbrut. Glaubst du, der Fluch, den ich dir verdanke, du allerliebster Spitzbube, habe mich zum grindigen Bettler gemacht und zum Hungerleider in Edom? Das wäre! Ein Herr bin ich dort und groß unter den Söhnen Seïrs. Ich habe mehr Wein denn Wasser und Honig die Fülle und Öl und Früchte, Gerste und Weizen, mehr als ich verzehren kann. Es liefern mir Gekröpf, die unter mir sind, und schicken mir Brot und Fleisch alle Tage und Geflügel, schon zugerichtet für meine Mahlzeit, und Wildbret habe ich, selbst erlegtes und solches, das sie mir in der Wüste jagen mit ihren Hunden, und Milchspeisen, daß mir aufstößt davon die halbe Nacht. Geschenke? Viehherden als Sühnegaben und Augendecke für die alte Lumperei, die du und das Weib mir angetan? Ich pfeife darauf – Tululüriti« –, und er tat einen Lippenrutsch. »Was braucht's Geschenke zwischen dir und mir? Auf das Herz kommt es an, und mein Herz hat vergeben und vergessen die verjährte Niedertracht und wie du mein Pelzlein nachäfftest vor dem Alten mit Bocksfell um deine Gelenke, du Schalksnarr, darob ich heut lachen muß auf meine alten Tage, ob ich gleich damals blutige Tränen weinte und dir den Eliphas nachschickte zu deinem bleichen Schrecken, du Weiberspott!«
Und er umarmte den Bruder aufs neue und schmatzte wiederum Küsse in sein Gesicht, was Jaakob sich nur leidend gefallen ließ, ohne Druck und Zärtlichkeit zu erwidern. Denn er war gründlich angewidert von Esau's Worten, fand sie höchst peinlich, hirnlos und liederlich und sann auf nichts, als ehetunlichst loszukommen von dem fremden Verwandten, aber nicht ohne endgültig quitt mit ihm geworden zu sein und ihm mit dem gezählten Tribut die Erstgeburt noch einmal abgekauft zu haben, wozu denn Esau auch nur überredet sein wollte. So gab es neue Höflichkeiten, Demutsbezeigungen und dringliche Anträge, und als Esau endlich eingewilligt hatte, das Geschenk von des Bruders Hand zu nehmen und sich's wohlgefallen zu lassen von ihm, da war der gute Teufel dem Gesegneten wirklich im Herzen gewonnen und meinte es mit der Versöhnung viel ernster und redlicher, als dieser sich beikommen ließ zu tun.
»Ach, Bruderherz«, rief er, »nun aber kein Wort mehr von der alten schäbigen Missetat! Sind wir nicht aus derselben Mutter Leib geschlüpft, einer nach dem andern, so gut wie gleichzeitig? Denn du hieltest meine Ferse, wie du weißt, und ich habe dich hinter mir her ans Licht gezogen, als der Stärkere. Wir hatten einander freilich etwas gestoßen im Bauche, und gestoßen haben wir uns auch außerhalb, aber hinfürder sei dessen nicht mehr gedacht! Brüderlich wollen wir miteinander leben und als Zwillinge vor dem Herrn und wollen die Hand in dieselbe Schüssel tauchen und einander nicht mehr von der Seite gehn unser Leben lang! Auf denn, wir ziehen gen Seïr und wohnen mitsammen!«
›Ich danke!‹ dachte Jaakob. ›Soll ich ein Flötenbock werden zu Edom ebenfalls und ewiglich mit dir hausen, du Tölpel? Das ist nicht Gottes Meinung, noch die meiner Seele. Was du redest, ist peinlich hirnloses Zeug in meinen Ohren, denn was geschah zwischen uns, ist unvergeßlich. Du selbst erwähnst es mit jeder Zungenregung und bildest dir ein in deinem schwachen Kopf, daß du's vergessen kannst und verzeihen?‹ –
»Die Worte meines Herrn«, sagte er laut, »sind entzückend, und jedes einzelne davon ist den geheimsten Wünschen seines Knechtes abgelauscht. Aber mein Herr sieht ja, daß ich halbwüchsige Kinder mit mir führe und kleine, wie diesen hier, fünfjährig, Jehosiph genannt und schwächlich bei Wege; ferner ein totes Kind, leider Gottes, im Kasten, mit dem über Stock und Stein zu eilen nicht fromm wäre, und dazu säugende Lämmer und Kälber. Das würde mir alles dahinsterben, wenn ich es übertriebe. Daher ziehe mein Herr nur voran, und ich will langsam hinten nachtreiben nach den Kräften des Viehs und der Kinder, bis daß auch ich nach Seïr komme ein wenig später, und wir inniglich leben mitsammen.«
Das war eine Absage in geschmeidiger Form, und Esau, etwas glotzend, verstand sie auch gleich so ziemlich als solche. Er machte zwar noch einen Versuch, indem er dem Bruder vorschlug, ein paar Männer bei ihm zu lassen von den Seinen zu Geleit und Bedeckung. Aber Jaakob antwortete, das sei ganz unnötig, falls er nur Gnade finde vor seinem Herrn, – womit denn die Redensartlichkeit seiner Zusage am Tage war. So zuckte Esau die zottigen Schultern, wandte dem Feinen, Falschen den Rücken und zog hin mit Vieh und Troß in seine Berge. Jaakob aber zögerte erst eine Weile hinter ihm drein, schwenkte ab bei erster Gelegenheit und schlug sich beiseite.