Joseph und seine Brüder. Band I. Die Geschichten Jaakobs
MeistgelesenVerlag: Fischer Taschenbuch Verlag GmbH | Jahr: 1990
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Erstes Hauptstück. Am Brunnen
Ischtar
Es war jenseits der Hügel im Norden von Hebron, ein wenig östlich der Straße, die von Urusalim kam, im Monat Adar, an einem Frühlingsabend, so mondhell, daß man Geschriebenes hätte lesen können und das Laubwerk des ziemlich kurzstämmigen, aber mit starkem Gezweige ausladenden Baumes, einer bejahrten und mächtigen Terebinthe, die hier einzeln stand, nebst ihren traubenförmigen Blüten vom Lichte kleinlich ausgearbeitet erschien, schimmernd versponnen und höchst genau zugleich. Der schöne Baum war heilig: Unterweisung war in seinem Schatten verschiedentlich zu gewinnen, sowohl aus Menschenmund (denn wer über das Göttliche aus Erfahrung etwas mitzuteilen hatte, versammelte Zuhörer unter seinen Zweigen) als auch auf höhere Weise. Wiederholt nämlich war Personen, die, das Haupt an den Stamm gelehnt, einen Schlaf getan hatten, im Traume Verkündigung und Bescheid zuteil geworden, und auch bei Brandopfern, von deren Gebräuchlichkeit an dieser Stelle ein steinerner Schlachttisch mit geschwärzter Platte Zeugnis gab, auf dem eine kleine, leicht rauchende Flamme lebte, war oft im Laufe der Zeit durch das Verhalten des Rauches, durch bedeutsamen Vogelflug und selbst durch Himmelszeichen eine besondere Aufmerksamkeit erhärtet worden, deren solche fromme Handlungen zu Füßen des Baumes sich erfreuten.
In der Umgebung gab es der Bäume mehr, wenn auch so ehrwürdige, wie der gesondert stehende, sonst nicht: von derselben Gattung sowohl, wie auch großbelaubte Feigenbäume und Steineichen, die aus ihren Stämmen Luftwurzeln in den zertretenen Grund entsandten und deren beständiges, vom Monde gebleichtes Grün, zwischen Nadel und Laub die Mitte haltend, dornige Fächer bildete. Hinter den Bäumen, gegen Mittag und in der Richtung des Hügels, welcher die Stadt verdeckte, auch noch ein Stück an seiner Schräge hinauf, waren Wohnungen und Viehställe gelegen, und es tönte von dorther zuweilen das hohle Gebrüll eines Rindes, das Schnauben eines Kamels oder eines Esels mühselig ansetzender Jammer durch die stille Nacht daher. Gegen Mitternacht aber war die Aussicht frei, und hinter einer großfugigen, bemoosten, aus zwei Schichten roh behauener Quadern errichteten Mauerumfriedung, die den Ort um den Orakelbaum einer Terrasse mit niedriger Brüstung ähnlich machte, breitete sich im Schimmer des schon hoch am Himmel stehenden, zu drei Vierteln vollen Gestirnes eben Land in die Weite bis zu langwelligen Hügeln, die den Horizont schlossen: ein mit Ölbäumen und Tamariskengebüsch besetztes und von Feldwegen durchzogenes Gebiet, das weiter hinten zum baumlosen Weideland wurde, in welchem man hie und da ein Hirtenfeuer lodern sah. Zyklamen, deren Lila und Rosa vom Mondlicht gebleicht war, blühten auf der Mauerbrüstung, weißer Krokus und rote Anemonen im Moos und Grase zu Füßen der Bäume. Es roch hier nach den Blüten und aromatischen Kräutern, nach der feuchten Ausdunstung der Bäume, nach Holzrauch und Mist.
Der Himmel war herrlich. Ein weiter Lichtkreis umgab den Mond, dessen Schein in seiner Milde so stark war, daß es fast schmerzte, hineinzuschauen, und gleichsam mit vollen Händen schien Sternensaat ausgeworfen und hingestreut über das offene Firmament, hier spärlicher, dort reich zusammengedrängt in flimmernden Ordnungen. Hell, ein lebendig blau-weißes Feuer, ein Strahlen schießender Edelstein, stach im Südwesten Sirius-Ninurtu hervor und schien mit dem südlich höher stehenden Prokyon im Kleinen Hunde ein Bild auszumachen. Mardug, der König, der bald nach Weggang der Sonne aufgezogen war und die ganze Nacht scheinen würde, wäre ihm gleichgekommen an Pracht, hätte nicht der Mond seinen Glanz überblendet. Nergal war da, nicht weit vom Zenit, ein wenig südöstlich, der siebennamige Feind, der Elamiter, der Pest und Tod verhängt und den wir Mars nennen. Aber früher als er hatte Saturn, der Beständige und Gerechte, sich über den Horizont erhoben und glänzte südlich im Mittagskreis. Prunkvoll, mit seinem roten Hauptlichte, stellte Orions vertraute Figur sich dar, ein Jäger auch er, gegürtet und wohlbewehrt, nach Westen geneigt. Ebendort, nur südlicher, schwebte die Taube. Regulus im Bilde des Löwen grüßte aus voller Höhe, zu der auch das Stiergespann des Wagens schon sich erhoben hatte, während der rotgelbe Arktur im Ochsentreiber noch tief im Nordosten stand und das gelbe Licht der Ziege mit dem Bilde des Fuhrmanns schon tief nach Abend und Mitternacht gesunken war. Doch schöner als diese, feuriger als alle Vorzeichen und das ganze Heer der Kokabim war Ischtar, die Schwester, Gattin und Mutter, Astarte, die Königin, der Sonne folgend, im tiefen Westen. Sie loderte silbern, entsandte verfliegende Strahlen, brannte in Zacken, und eine längere Flamme schien gleich der Spitze eines Speeres oben auf ihr zu stehen.
Ruhm und Gegenwart
Es gab Augen hier, wohlgeübt, dies alles zu unterscheiden und mit Sinn zu betrachten, dunkel emporgerichtete Augen, in denen so vielfältiger Schein sich spiegelte. Sie gingen hin am Damm des Tierkreises, der festen Aufschüttung, welche den Himmelswogen gebot und an dem die Zeitbestimmer wachten; an der heiligen Zeichenordnung, die nach der kurzen Dämmerung dieser Breiten in rascher Folge sichtbar zu werden begonnen hatte: der Stier zuerst; denn da, als jene Augen lebten, die Sonne zu Frühlingsanfang im Zeichen des Widders stand, so war dies Gefüge mit ihr in die Tiefe entrückt. Sie lächelten, die kundigen Augen, den Zwillingen zu, die sich von der Höhe nach Abend wandten; sie fanden mit einem östlich gleitenden Blick die Ähre auf in der Hand der Jungfrau. Aber sie kehrten zurück in den Lichtbereich des Mondes und zu seinem schimmernden Silberschilde, unwiderstehlich angezogen von seiner reinen und weichen Blendung.
Sie waren eines Jünglings, sitzend am Rande eines gemauerten Brunnens, der nahe dem heiligen Baum, von einem steinernen Bügel überwölbt, seine feuchte Tiefe eröffnete. Schadhafte Rundstufen führten zu diesem empor, und auf ihnen ruhten die bloßen Füße des jungen Menschen, die naß waren, wie an dieser Seite die Stufen selbst, die von vergossenem Wasser troffen. Seitlich, wo es trocken war, lagen sein Oberkleid, das ein breites rostrotes Muster auf gelbem Grunde zeigte, und seine Sandalen aus Rindsleder, die fast Schuhe waren, da sie abfallende Wände hatten, zwischen denen mit Fersen und Knöcheln tief hineinzutreten war. Die weiten Ärmel seines herabgelassenen Hemdes aus zwar weißgebleichtem, aber ländlich grobem Leinen hatte der Jüngling sich um die Hüften geschlungen, und die bräunliche Haut seines Oberkörpers, der etwas zu schwer und voll wirkte im Verhältnis zu dem kindlichen Kopf, mit Schultern, deren Waagerechtheit und hoher Sitz ägyptisch anmutete, glänzte ölig im Mondlicht. Denn nach einer Waschung mit dem sehr kalten Wasser der Zisterne, mehrfachen Übergießungen, bei denen ihm Hebeeimer und Schöpfkelle gedient hatten und die nach einem schon sonnenschweren Tage erwünschte Annehmlichkeit und Vollzug frommer Ordnungsvorschrift zugleich gewesen waren, hatte der Knabe sich aus einem Salbgefäß von undurchsichtig schillerndem Glase, das neben ihm stand und mit Wohlgeruch versetztes Olivenöl enthielt, die Glieder geschmeidigt, wobei er weder den locker geflochtenen Myrtenkranz, den er im Haare trug, noch das Amulett abgelegt hatte, das ihm an einer bronzierten Schnur um den Hals und mitten auf der Brust hing: ein Bündelchen, in das schutzreiche Wurzelfasern eingenäht waren.
Jetzt schien er Andacht zu verrichten, denn, das Gesicht emporgewandt, zum Monde, der es voll beschien, hielt er die beiden Oberarme an den Flanken, die unteren aber aufgerichtet, mit offen nach außen und oben gekehrten Handflächen, und während er sich im Sitzen leicht hin und her schaukelte, gab er halbe, singende Stimme zu Worten oder Lauten, die er mit den Lippen bildete … Er trug einen Ring aus blauer Fayence an der Linken, und seine Finger- und Fußnägel zeigten Spuren einer ziegelroten Färbung mit Henna, die er geckenhafterweise anläßlich seiner Teilnahme an dem jüngsten städtischen Feste mochte vorgenommen haben, um den Weibern auf den Dächern wohlgefällig zu sein – obgleich er dabei auf solche kosmetischen Vorkehrungen hätte verzichten und nur der hübschen Larve hätte vertrauen mögen, die Gott ihm gegeben und die in ihrem noch kindlich vollen Oval und namentlich dank dem weichen Ausdruck der schwarzen, etwas schrägsitzenden Augen wirklich sehr anmutig war. Schöne Leute meinen ihre Natur ja noch zu erhöhen und ›sich schönmachen‹ zu sollen, vermutlich aus einer Art von Gehorsam gegen ihre erfreuliche Rolle und indem sie den empfangenen Gaben einen Dienst widmen, dem man den Sinn der Frömmigkeit beilegen und also gelten lassen mag, während das Sichherausstaffieren der Häßlichen trauriger und närrischer Art ist. Auch ist Schönheit ja nie vollkommen und hält ebendarum zur Eitelkeit an; denn sie macht sich ein Gewissen aus dem, was ihr zum durch sie selbst gegebenen Ideale fehlt – was eben doch wieder irrig ist, da ihr Geheimnis eigentlich in der Anziehungskraft des Unvollkommenen besteht.
Um das Haupt des jungen Menschen, den wir hier in Wirklichkeit vor uns sehen, haben Gerücht und Gedicht einen wahren Strahlenkranz von Schönheitsruhm gewoben, über die uns leicht zu verwundern seine Gegenwart in Fleisch und Blut uns einige Gelegenheit gibt – und zwar obgleich die unsicheren Zauber der Mondnacht ihr mit milder Blendung zu Hilfe kommen. Was ist, als die Tage sich vervielfältigt hatten, in Lied und Legende, in Apokryphen und Pseudoepigraphen nicht alles zum Preise seines Äußeren verkündet und behauptet worden, was uns mit Augen Sehende zum Lächeln bringen könnte! Daß sein Angesicht der Sonne und des Mondes Prangen beschämt hätte, ist noch das mindeste, was da eingeprägt wird. Es heißt buchstäblich, daß er Stirn und Wangen mit einem Schleier habe überhängen müssen, damit des Volkes Herzen nicht in Erdengluten zu dem Gottgesandten entbrannten, und dann, daß diejenigen, die ihn ohne Schleier gesehen hätten, »tief versenkt in seliges Betrachten«, den Jungen nicht mehr gekannt hätten. Die morgenländische Überlieferung zögert nicht, zu erklären, die Hälfte aller überhaupt vorhandenen Schönheit sei diesem Jüngling zugefallen und die andere Hälfte unter den Rest der Menschheit verteilt worden. Ein persischer Sänger von besonderer Autorität übertrumpft diese Aufstellung mit dem exzentrischen Bilde eines einzigen Geldstückes von sechs Lot Gewicht, zu dem die Schönheit dieser Welt zusammengeschmolzen worden wäre, – dann würden, so schwärmt der Dichter, fünf Lot davon auf ihn, den Ausbund, den Unvergleichlichen, gekommen sein.
Ein solcher Ruhm, übermütig und maßlos, weil er nicht mehr damit rechnet, nachgeprüft zu werden, hat etwas Verwirrendes und Bestechendes für den Sehenden, er bildet eine Gefahr für die nüchterne Anschauung der Tatsachen. Es gibt viele Beispiele für die Einflüsterungskraft einer übertriebenen Schätzung, auf die die Menschen sich geeinigt haben und von welcher der einzelne willig, ja mit einer Art von Raserei, sich blenden läßt. Einige zwanzig Jahre vor dem Zeitpunkt, den wir jetzt einnehmen, hielt, wie wir noch hören werden, ein diesem selben Jüngling sehr nahestehender Mann in der Gegend von Charran im Lande Mesopotamien Schafe feil, die er gezüchtet und die sich eines derartigen Rufes erfreuten, daß die Leute dem Manne schlechthin unsinnige Preise für sie bezahlten, obgleich jeder sehen mußte, daß es sich nicht um himmlische, sondern um natürliche und gewöhnliche, wenn auch vortreffliche Schafe handelte. Das ist die Macht des menschlichen Unterwerfungsbedürfnisses! Aber gewillt, uns nicht den Sinn von einem Nachruhm verdunkeln zu lassen, den mit der Realität zu vergleichen wir in die Lage gesetzt sind, dürfen wir uns auch wieder nicht in entgegengesetzte Richtung verirren und uns einer übertriebenen Mäkelsucht überlassen. Ein postumer Enthusiasmus, wie der, von dem wir die Gesundheit unseres Urteils bedroht fühlen, entsteht natürlich nicht aus dem leeren Nichts; er hat seinen Wurzelhalt im Wirklichen und wurde nachweislich zu einem guten Teil schon der lebenden Person entgegengebracht. Wir müssen uns, um das zu verstehen, vor allen Dingen dem Blickpunkt eines gewissen arabisch-dunklen Geschmackes anbequemen, einem ästhetischen Gesichtswinkel, der der praktisch wirksame war und unter dem betrachtet der Junge tatsächlich dermaßen hübsch und schön erschien, daß er auf den ersten Blick mehrmals halb und halb für einen Gott gehalten wurde.
Wir wollen also unsere Worte in Zucht nehmen und, indem wir weder schwächlicher Nachgiebigkeit gegen das Gerücht noch der Hyperkritik verfallen, die Feststellung treffen, daß das Gesicht des jungen Mondschwärmers am Brunnen liebenswürdig war noch in seinen Fehlern. Es waren zum Beispiel die Nüstern seiner ziemlich kurzen und sehr geraden Nase zu dick; aber da hierdurch die Flügel gebläht schienen, trat etwas von Lebhaftigkeit, Affekt und fliegendem Stolz in die Physiognomie, was sich mit der Freundlichkeit der Augen gut zusammenfügte. Den Ausdruck hochmütiger Sinnlichkeit, den aufgeworfene Lippen hervorrufen, wollen wir nicht rügen. Er kann täuschen, und außerdem müssen wir, gerade was die Lippenbildung betrifft, den Blickpunkt von Land und Leuten wahren. Dagegen würden wir uns für berechtigt halten, die Gegend zwischen Mund und Nase zu gewölbt zu finden – wenn nicht eben damit eine besonders ansprechende Gestaltung der Mundwinkel zusammengehangen hätte, in denen nur durch das Aufeinanderliegen der Lippen und ohne Muskelanziehung ein ruhiges Lächeln entstand. Die Stirne war glatt in ihrer unteren Hälfte, über den starken und schöngezeichneten Brauen, aber ausgebuchtet weiter oben, unter dem dichten, schwarzen, von einem hellen Lederbande umfaßten und außerdem mit dem Myrtenkranz geschmückten Haar, das beutelartig in den Nacken fiel, aber die Ohren frei ließ, mit denen es gute Ordnung gehabt hätte, wenn nicht ihre Läppchen etwas fleischig ausgeartet und in die Länge gezogen gewesen wären, offenbar durch die unnötig großen Silberringe, die man schon in der Kindheit hindurchgezogen hatte.
Betete der Jüngling denn nun? Aber dafür war seine Haltung zu bequem. Er hätte stehen müssen. Sein Murmeln und halblauter Singsang mit erhobenen Händen schien eher eine selbstvergessene Unterhaltung, etwas wie eine leise Zwiesprache mit dem hohen Gestirn zu sein, an das er sich damit wandte. Er lallte schaukelnd:
»Abu – Chammu – Aoth – Abaoth – Abirâm – Chaam – mi – ra – am …«
In dieser Improvisation gingen alle möglichen Weitläufigkeiten und Ideenverbindungen durcheinander, denn wenn er damit dem Monde babylonische Schmeichelnamen sagte, ihn Abu, Vater, und Chammu, Oheim, nannte, so spielte doch auch der Name Abrams, seines wahren und vermeintlichen Ahnen, hinein, dazu in abwandelnder Erweiterung dieses Namens ein anderer, ehrwürdig überlieferter: Chammurabi's, des Gesetzgebers, legendärer Name, des Sinnes: ›Mein göttlicher Oheim ist erhaben‹, ferner aber Bedeutungslaute, die auf dem Wege des Vater-Gedankens über den Bereich östlich-urheimatlicher Gestirnfrömmigkeit und der Familienerinnerung hinausgingen und sich an dem Neuen, Werdenden, im Geist seiner Nächsten leidenschaftlich Gehegten, Erörterten, Geförderten stammelnd versuchten …
»Jao – Aoth – Abaoth –«, klang sein Singsang. »Jahu, Jahu! Ja – a – we – ilu, Ja – a – um – ilu –«. Und während das fortging mit erhobenen Händen, mit Schaukeln, Kopfwiegen und Liebeslächeln zum lichtströmenden Monde empor, war Sonderbares und fast Erschreckendes an dem Einsamen zu beobachten. Seine Andachtsübung, lyrische Unterhaltung oder was es nun war, schien ihn fortzureißen, die wachsende Selbstvergessenheit, in die sein Treiben ihn einlullte, ins nicht mehr ganz Geheuere auszuarten. Er hatte nicht viel Stimme gegeben zu seinem Gesang und hätte nicht viel zu geben gehabt. Sie war spröde und unreif, diese noch scharfe, halb kindliche Stimme von jugendlich unzulänglicher organischer Resonanz. Jetzt aber blieb aller Ton ihm aus, versagte krampfig und abgeschnürt; sein »Jahu, Jahu!« war nur noch ein keuchendes Flüstern bei völlig von Atemluft leerer Lunge, die wieder zu füllen er unterließ, und gleichzeitig entstellte sein Körper sich, die Brust fiel ein, der Bauchmuskel geriet in eigentümlich rotierende Bewegung, Nacken und Schultern stiegen verzerrt, die Hände zitterten, an den Oberarmen trat der Spannmuskel strangartig hervor, und im Nu hatte das Schwarze seiner Augen sich weggedreht – das leere Weiß schimmerte unheimlich im einfallenden Mondlicht.
Man muß hier sagen, daß niemand sich leicht einer solchen Unordnung im Betragen des Jungen versehen hätte. Sein Anfall, oder wie man es nennen wollte, wirkte als Unstimmigkeit und besorgniserregende Überraschung, er stand zu dem Eindruck freundlich verständiger Gesittung, den seine wohlgefällige und allenfalls etwas zu stutzerhafte Person auf den ersten Blick und überzeugend vermittelte, in unwahrscheinlichem Gegensatz. War es Ernst damit, so fragte sich nur, wessen Sache es war, sich um seine Seele zu kümmern, die in diesem Falle vielleicht als berufen, aber jedenfalls als gefährdet zu gelten hatte. Handelte es sich um Spielerei und Laune, so blieb die Sache bedenklich genug, – und daß dergleichen hier zum mindesten einschlägig war, schien aus dem Verhalten des jungen Mondnarren unter folgenden Umständen hervorzugehen.
Der Vater
Aus der Richtung des Hügels und der Wohnungen wurde sein Name gerufen: »Joseph! Joseph!«, zweimal und dreimal, in einer Entfernung, die sich verminderte. Er hörte den Ruf beim drittenmal, gab wenigstens erst beim drittenmal zu, daß er ihn vernommen habe, und löste rasch seinen Zustand, indem er »hier bin ich« murmelte. Seine Augen kehrten zurück, er ließ die Arme, das Haupt fallen und lächelte verschämt auf seine Brust herab. Es war seines Vaters milde und wie immer gefühlsbewegte, leicht klagende Stimme, die rief. Bereits klang sie nahebei. Er wiederholte, obgleich er den Sohn schon am Brunnen gewahrt hatte: »Joseph, wo bist du?«
Da er lange Kleider trug, da außerdem das Mondlicht in seiner Scheingenauigkeit und phantastischen Klarheit übertriebene Vorstellungen begünstigt, so erschien Jaakob – oder Jaakow ben Jizchak, wie er schrieb, wenn er seinen Namen zu zeichnen hatte – von majestätischer und fast übermenschlicher Größe, wie er dort zwischen Brunnen und Unterweisungsbaum stand, näher bei diesem, dessen Blätterschatten seine Gewänder sprenkelte. Noch eindrucksvoller – sei es bewußt oder unbewußt – wurde seine Gestalt durch ihre Haltung, denn er stützte sich auf einen langen Stab, den er sehr hoch umfaßt hielt, so daß der weite Ärmel des großfaltigen, schmal und blaßfarbig gestreiften Übergewandes oder Mantels aus einer Art von Wollmusselin, den er trug, von dem über das Haupt erhobenen, schon greisenhaften, am Handgelenk mit einem kupfernen Reifen geschmückten Arme zurückfiel. Esau's vorgezogener Zwillingsbruder zählte damals siebenundsechzig Jahre. Sein Bart, dünn, aber lang und breit (denn er stand ihm, ins Schläfenhaar übergehend, seitlich in leichten Strähnen von den Wangen ab und fiel in dieser Breite zur Brust), frei wachsend, ungelockt, in keiner Weise geformt und zusammengefaßt, schimmerte silbern im Mondlicht. Seine schmalen Lippen waren sichtbar darin. Tiefe Furchen liefen von den Flügeln der dünnrückigen Nase in den Bart hinab. Seine Augen, unter einer Stirn, die halb verhüllt war von dem Kapuzenschal aus dunkelbuntem kanaanitischen Tuchgewirk, der ihm in Falten auf die Brust hing und über die Schulter geworfen war – kleine Augen, braun, blank, mit schlaffer, drüsenzarter Unterlidgegend, schon altersmüde eigentlich und nur seelisch geschärft, spähten besorgt nach dem Knaben am Brunnen. Der Mantel, durch die Armhaltung gerafft und geöffnet, ließ ein Leibgewand aus farbiger Ziegenwolle sehen, dessen Saum bis zu den Spitzen der Stoffschuhe reichte und in langbefransten, schräglaufenden Überfällen gearbeitet war, so daß es aussah, als seien es mehrere und eines käme unter dem andern hervor. So war die Kleidung des Greises dicht und vielfach, recht willkürlich im Geschmack und zusammengesetzt: Elemente östlicher Kulturübereinkunft begegneten sich darin mit solchen, die eher dem Ismaelitisch-Beduinischen und der Wüstenwelt zugehörten.
Auf den letzten Anruf antwortete Joseph vernünftigerweise nicht mehr, da die Frage offenbar geschehen war, während sein Vater ihn schon sah. Er begnügte sich, ihm ein Lächeln entgegenzusenden, das seine vollen Lippen trennte und die Zähne aufglänzen ließ – weiß, wie Zähne in einem dunklen Gesicht erscheinen, übrigens nicht nahe beisammen, sondern in Zwischenräumen stehend –, und es mit geläufigen Begrüßungsgebärden zu verbinden. Aufs neue hob er die Hände, wie früher gegen den Mond, wiegte den Kopf und ließ ein Zungenschnalzen hören, das Entzücken und Bewunderung ausdrückte. Dann führte er die Hand zur Stirn, um sie von da, geöffnet, in glatter und eleganter Bewegung gegen den Boden gleiten zu lassen; bedeckte, die Augen halb geschlossen und den Kopf im Nacken, mit beiden Händen sein Herz und deutete aus dieser Gegend mit ihnen, ohne sie zu trennen, mehrfach zu dem Alten hinüber, immer damit zum Herzen zurückkreisend, dem Vater aufwartend gleichsam mit diesem. Auch auf seine Augen wies er mit beiden Zeigefingern, auch seine Knie berührte er, den Scheitel und die Füße und fiel zwischendurch in die anbetende Grußhaltung der Arme und Hände zurück: ein schönes Spiel dies alles, das nach Vorschrift der Wohlerzogenheit leichthin und formelhaft geübt wurde, aber doch auch mit persönlicher Kunst und Anmut – dem Ausdruck einer gefälligen, artigkeitsvollen Natur – und nicht leer von Empfindung. Durch das begleitende Lächeln vertraulich gemacht, war es die Pantomime frommer Unterwürfigkeit vor dem Erzeuger und Herrn, dem Haupte der Sippschaft, wurde aber belebt durch unmittelbare Herzensfreude über die Gelegenheit zur Verehrung, die der Augenblick bot. Joseph wußte wohl, daß der Vater im Leben nicht immer eine würdevolle und heldische Rolle gespielt hatte. Seiner Neigung zum Erhabenen in Wort und Haltung war durch die sanfte Furchtsamkeit seiner Seele zuweilen übel mitgespielt worden; es hatte Stunden der Demütigung, der Flucht, der blassen Angst für ihn gegeben, Lebenslagen, in denen, obgleich gerade sie für die Gnade durchscheinend gewesen waren, derjenige, der seine Liebe trug, sich ihn nur ungern vorstellte. War nun auch dessen Lächeln von Koketterie und eigenem Siegesbewußtsein nicht frei, so wurde es gutenteils doch erzeugt durch die Freude am Bilde des Vaters, an der steigernden Lichtwirkung, der vorteilhaft-königlichen Stellung des Alten am langen Stabe; und in dieser kindlichen Genugtuung äußerte sich viel Sinn für den reinen Effekt, ohne Rücksicht auf tiefere Umstände.
Jaakob verharrte am Platz. Vielleicht war das Vergnügen des Sohnes ihm bemerkbar, und er wünschte es zu verlängern. Seine Stimme, die wir gefühlsbewegt nannten, weil ihr ein Tremolo innerer Bedrängnis eigen war, klang wieder herüber. Sie stellte halb fragend fest:
»Es sitzt das Kind an der Tiefe?«
Sonderbares Wort, das unsicher kam und wie in träumerischem Fehlschlagen. Es klang, als finde der Sprecher es ungehörig oder doch überraschend, daß man in so jungen Jahren an irgendwelcher Tiefe sitze; als paßten »Kind« und »Tiefe« nicht zusammen. Was in Wirklichkeit daraus sprach und auch verstanden zu werden wünschte, war die ammenhafte Besorgnis, Joseph, den der Vater viel kleiner und kindlicher sah, als er nachgerade war, möchte aus Unvorsicht in den Brunnen fallen.
Der Knabe verstärkte sein Lächeln, so daß noch mehr getrennt stehende Zähne sichtbar wurden, und nickte statt einer Antwort. Doch änderte er geschwind seine Miene, denn Jaakobs zweites Wort lautete strenger. Er befahl:
»Decke deine Blöße!«
Joseph blickte, die Arme gehoben und gerundet, mit halb scherzhafter Bestürzung an sich hinunter, löste dann eilig den Ärmelknoten des Hemdes und zog das Leinen über die Schultern. Da schien es wirklich, als habe der Alte sich in Entfernung gehalten, weil sein Sohn nackt war, denn nun trat er näher. Er bediente sich ernstlich des langen Stabes dabei zur Stütze, indem er ihn hob und aufsetzte, denn er hinkte. Seit zwölf Jahren, von einem Reiseabenteuer her, das er unter recht kläglichen Umständen, zu einem Zeitpunkt großer Angst und Bangigkeit bestanden, lahmte er aus einer Hüfte.
Der Mann Jebsche
Es war durchaus nicht lange her, daß die beiden einander gesehen hatten. Wie gewöhnlich hatte Joseph das Nachtmahl in dem nach Moschus und Myrrhe duftenden Wohnzelt seines Vaters eingenommen, zusammen mit denjenigen seiner Brüder oder Halbbrüder, die sich eben hier aufhielten; denn andere weilten zum Zwecke der Beaufsichtigung anderer Herden weiter im Lande, gen Mitternacht, nahe einer Burgstadt und Verehrungsstätte im Tale, auf welches die Berge Ebal und Garizim blickten, und die Sichem, Schekem, ›der Nacken‹, auch wohl Mabartha oder Paß benannt war. Jaakob unterhielt Glaubensbeziehungen zu den Leuten von Schekem; denn obgleich die Gottheit, die man dort anbetete, eine Form des syrischen Schäfers und schönen Herrn, des Adonis und jenes Tammuz war, des blühenden Jünglings, den der Eber verstümmelte und den sie drunten im Unterlande Usiri, das Opfer, nannten, so hatte doch frühe schon, zu Zeiten Abrahams bereits und des Priesterkönigs von Sichem, Malkisedek, diese Gottespersönlichkeit ein besonderes Gedankengepräge angenommen, das ihr den Namen El eljon, Baal-berit, den Namen des Höchsten also, des Bundesherrn, des Schöpfers und Besitzers von Himmel und Erde, eingetragen hatte. Eine solche Auffassung schien dem Jaakob richtig und angenehm, und er war geneigt, in dem zerrissenen Sohn von Schekem den wahren und höchsten Gott, den Gott Abrahams, und in den Sichemiten Bundesbrüder im Glauben zu erblicken, zumal nach sicherer Überlieferung von Geschlecht zu Geschlecht der Ureinwanderer selbst gesprächsweise, nämlich in einer gelehrten Erörterung mit dem Schulzen von Sodom, den Gott seiner Erkenntnis ›El eljon‹ genannt und ihn also dem Baal und Adon des Malkisedek gleichgesetzt hatte. Jaakob selbst, sein Glaubensenkel, hatte vor Jahren, nach seiner Rückkehr aus Mesopotamien, als er vor Sichem, der Stadt, sein Lager gehabt hatte, diesem Gotte dort einen Altar errichtet. Auch hatte er da einen Brunnen gebaut und Weiderecht mit guten Silberschekeln erworben.
Später hatte es zwischen Sichem und den Jaakobsleuten schwere Mißhelligkeiten gegeben, deren Folgen für die Stadt furchtbar gewesen waren. Aber der Friede war hergestellt und das Verhältnis erneuert, so daß immer ein Teil von Jaakobs Vieh auf den Triften Schekems sich nährte und ein Teil seiner Söhne und Hirten um jener Herden willen seinem Angesicht fernblieb.
An dem Mahle teilgenommen hatten außer Joseph ein paar der Söhne Lea's, nämlich der knochige Issakhar und Sebulun, der das Hirtenleben für nichts achtete, aber auch nicht Ackerbauer hätte sein mögen, sondern einzig und allein Seefahrer. Denn seit er zu Askalun am Meere gewesen war, wußte er nichts Höheres als diesen Beruf und schnitt mächtig auf von Abenteuern und zwittrig-ungeheuerlichen Geschöpfen, welche jenseits der Wasser lebten und die man als Schiffsmann besuchen könne: von Menschenkindern mit Stier- oder Löwenkopf, Zweiköpfern, Doppelgesichtlern, welche gleichzeitig ein Menschenantlitz und das eines Schäferhundes trugen, so daß sie abwechselnd sprächen und bellten, Leuten mit Füßen wie Meeresschwämme und was der Ausnahmen mehr waren. – Ferner Bilha's Sohn, der behende Naphtali, und von Silpa beide: sowohl der gerade Gad als auch Ascher, der wie gewöhnlich nach den besten Stücken getrachtet und aller Welt nach dem Munde geredet hatte. Was Josephs Vollbruder, das Kind Benjamin, betraf, so lebte er noch mit den Weibern und war zu klein, um bei Gastmählern mitzuhalten; denn ein solches war das heutige Abendessen gewesen.
Ein Mann namens Jebsche, der seine Stätte Taanakh nannte und beim Speisen von den Taubenschwärmen und Fischteichen ihres Tempels berichtete, seit einigen Tagen schon unterwegs mit einem Ziegelstein, den der Stadtherr von Taanakh, Aschirat-jaschur, übertriebenerweise König genannt, auf allen Seiten beschrieben hatte für seinen ›Bruder‹, den Fürsten von Gaza, namens Riphath-Baal, mit Worten, dahin gehend, Riphath-Baal möge glücklich leben und alle bedeutenderen Götter möchten zusammenwirken in der Sorge um sein Heil sowie das seines Hauses und seiner Kinder, aber er, Aschirat-jaschur, könne ihm das Holz und das Geld, das jener mit mehr oder weniger Recht von ihm fordere, nicht senden, da er es teils nicht habe, teils selber dringend benötige, schicke ihm aber durch den Mann Jebsche dafür ein ungewöhnlich kräftiges Tonbild seiner persönlichen Schutzherrin und der von Taanakh, nämlich der Göttin Aschera, damit es ihm Segen bringe und ihm über das Verlangen nach dem Holz und dem Geld hinweghelfe: Dieser Jebsche also, spitzbärtig und vom Halse bis zu den Knöcheln in bunte Wolle gewickelt, war bei Jaakob eingekehrt, um seine Meinungen zu erfahren, sein Brot zu brechen und vor der Weiterreise gegen das Meer hinab bei ihm zu übernachten, und Jaakob hatte den Boten gastfrei aufgenommen und ihm nur bedeuten lassen, er möge das Bild der Aschtarti, eine Frauenfigur in Hosen, mit Krone und Schleier, die ihre winzigen Brüste mit beiden Händen erfaßt hielt, nicht in seine Nähe bringen, sondern abseits halten. Sonst aber war er ihm vorurteilslos begegnet, eingedenk einer altüberlieferten Geschichte von Abraham, der einen greisen Götzendiener im Zorne von sich in die Wüste gejagt, wegen seiner Unduldsamkeit aber vom Herrn einen Verweis empfangen und den verblendeten Alten zurückgeholt hatte.
Bedient von zwei Sklaven in frischgewaschenen Leinenkitteln, dem alten Madai und dem jungen Mahalaleël, hatte man, um die Teppichmatte auf Kissen hockend (denn Jaakob hielt an dieser Vätersitte fest und wollte vom Sitzen auf Stühlen, wie es bei den Vornehmen der Städte nach dem Muster der großen Reiche im Osten und Süden gebräuchlich war, nichts wissen), das Nachtmahl genommen: Oliven, ein gebratenes Zicklein und von dem guten Brote Kemach als Zukost, schließlich ein Pflaumen- und Rosinenkompott aus kupfernen Bechern und syrischen Wein dazu aus bunten Glasschalen. Dabei waren zwischen Wirt und Gast besonnene Gespräche geführt worden, denen wenigstens Joseph mit aller Aufmerksamkeit gelauscht hatte, – Gespräche privaten und öffentlichen Charakters, welche das Göttliche sowohl wie das Irdische und auch das politische Gerücht zum Gegenstand gehabt hatten: über des Mannes Jebsche Familienumstände und sein amtliches Verhältnis zu Aschirat-jaschur, dem Herrn der Stadt; über seine Reise, zu der er sich der durch die Ebene Jesreel und das Hochland führenden Straße bedient hatte und die auf des Gebirges gangbarer Wasserscheide zu Esel vonstatten gegangen war, die aber Jebsche von hier hinab gen Philisterland auf einem morgen in Hebron zu erstehenden Kamele fortzusetzen gedachte; über die Vieh- und Kornpreise seiner Heimat; über den Kultus des Blühenden Pfahles, Aschera's von Taanakh, und ihren ›Finger‹, das hieß: ihr Orakel, durch welches sie die Erlaubnis erteilt hatte, eines ihrer Bilder als Aschera des Weges auf Reisen zu schicken, damit es das Herz Riphath-Baals von Gaza erquicke; über ihr Fest, das jüngst mit allgemeinen und ungezügelten Tänzen und einem unmäßigen Fischessen begangen worden und wobei Männer und Weiber zum Zeichen der von den Priestern gelehrten Mann-Weiblichkeit oder Zwiegeschlechtigkeit Aschera's die Kleider getauscht hatten. Hier hatte Jaakob den Bart gestrichen und Zwischenfragen von besonnener Spitzfindigkeit gestellt: so, wie es denn um den Schutz der Stätte Taanakh bestellt sei, solange Aschera's Bild sich auf Reisen befinde; wie der Verstand das Verhältnis des reisenden Bildes zur Herrin der Heimat sich auszulegen habe und ob nicht diese durch die Abwanderung eines Teiles ihrer Wesenheit empfindliche Einbuße an Kraft erleide. Darauf hatte der Mann Jebsche geantwortet, daß, wenn dies der Fall wäre, Aschera's Finger sich kaum in dem Sinne gezeigt haben würde, man möge sie auf den Weg senden, und daß die Priester lehrten, die gesamte Kraft der Gottheit sei in jedem ihrer Bilder gegenwärtig und von gleichmäßig vollkommener Wirksamkeit. Ferner hatte Jaakob milde darauf hingewiesen, daß, wenn Aschirta Mann und Weib, also Baal und Baalat zugleich sei, Göttermutter und Himmelskönig, man sie nicht nur der Ischtar gleichachten müsse, von der man aus Sinear, sowie der Eset, von der man aus dem unreinen Ägypterlande höre, sondern auch dem Schamasch, Schalim, Addu, Adon, Lachama oder Damu, kurzum dem Weltenherrn und höchsten Gotte, und alles laufe darauf hinaus, daß es sich am letzten Ende um El eljon, den Gott Abrahams, den Schöpfer und Vater, handle, den man nicht auf Reisen schicken könne, weil er über allem walte, und dem mit Fischessen gar nicht, sondern nur damit gedient sei, daß man in Reinheit vor ihm wandle und ihn auf dem Angesichte verehre. Doch war er mit solcher Betrachtung bei dem Manne Jebsche nur auf geringes Verständnis gestoßen. Dieser vielmehr hatte erklärt: Gleichwie die Sonne stets aus einem bestimmten Wegzeichen wirke und in demselben erscheine, wie sie ihr Licht den Planeten leihe, so daß diese nach ihrer Sonderart das Schicksal der Menschenkinder beeinflußten, so auch vereinzele sich das Göttliche und wandle sich ab in den Gottheiten, unter denen die Herr-Herrin Aschirat, wie bekannt, namentlich diejenige sei, welche die göttliche Kraft im Sinne pflanzlicher Fruchtbarkeit und der natürlichen Auferstehung aus den Banden der Unterwelt verwirkliche, indem sie alljährlich aus einem dürren Pfahle ein blühender werde, bei welcher Gelegenheit etwas ungezügeltes Essen und Tanzen recht wohl am Platze sei und sogar noch weitere, mit dem Feste des Blühenden Pfahles verbundene Freiheit und Lust, wie denn Reinheit einzig der Sonne und dem Ungespalten-Urgöttlichen zuzuschreiben sei, nicht aber seinen planetaren Erscheinungsformen, und der Verstand gar scharf zwischen dem Reinen und dem Heiligen zu unterscheiden habe, wobei er gewahr werde, daß das Heilige mit Reinheit nichts oder nicht notwendig etwas zu tun habe. – Hierauf Jaakob mit höchster Besonnenheit: Er wünsche nicht, irgend jemanden, am wenigsten aber den Gast seiner Hütte und eines mächtigen Königs Busenfreund und Boten in den Überzeugungen zu kränken, welche Eltern und Tafelschreiber ihm eingepflanzt. Aber auch die Sonne sei nur ein Werk aus El eljons Händen und als solches zwar göttlich, aber nicht Gott, was der Verstand zu unterscheiden habe. Es widerstreite diesem und heiße den Grimm und Eifer des Herrn herausfordern, wenn man eines oder das andere seiner Werke statt seiner anbete, und der Gast Jebsche habe eigenen Mundes die Götter des Landes als Abgötter gekennzeichnet, wofür einen ärgeren Namen einzusetzen er, Redner, aus Liebe und Höflichkeit unterlasse. Sei jener Gott, der die Sonne, die Wegesbilder und Wandelsterne sowie die Erde eingerichtet habe, der höchste, so sei er auch der einzige, und von anderen sei in diesem Fall am besten überhaupt nicht die Rede, da man sonst gezwungen sei, sie mit jenem von Jaakob unterdrückten Namen zu belegen, aus dem Grunde eben, weil das Wort und Denkzeichen ›der höchste Gott‹ demjenigen des einzigen Gottes vom Verstande gleichzuachten sei. – An die Frage des Unterschiedes oder Einsinnes denn nun dieser beiden Gedanken, des höchsten und des einzigen, hatte sich eine längere Erörterung geknüpft, von welcher der Gastgeber gar nie genug bekommen haben würde und in der man, wenn es nach ihm gegangen wäre, die halbe oder auch ganze Nacht würde fortgefahren haben. Doch hatte Jebsche die Rede auf Vorkommnisse der Welt und ihrer Reiche hinübergeleitet, auf Händel und Umtriebe, von denen er als Freund und Verwandter eines kanaanäischen Stadtfürsten mehr wußte als der gemeine Mann: daß auf Zypern, welches er Alaschia nannte, die Pest herrsche und viele Menschen weggerafft habe, nicht aber alle, wie der Beherrscher jener Insel dem Pharao des Unterlandes geschrieben habe, um damit die fast restlose Einstellung seines Kupfertributes vorwandweise zu begründen; daß der König des Cheta- oder Chatti-Reiches mit Namen Subbilulima heiße und über eine so große Kriegsmacht gebiete, daß er den König Tuschratta von Mitanni mit Überwältigung und Wegführung seiner Götter bedrohe, obwohl doch dieser mit dem Großen Hause von Theben verschwägert sei; daß der Kassit von Babel vor dem Priesterfürsten von Assur zu zittern begonnen habe, welcher seine Macht aus dem Reiche des Gesetzgebers zu lösen und am Strome Tigris ein besonderes Staatswesen zu gründen strebe; daß Pharao die Priesterschaft seines Gottes Ammun mit syrischem Tributgelde sehr reich gemacht und diesem Gott einen neuen Tempel mit tausend Säulen und Toren erbaut habe, ebenfalls aus den genannten Mitteln, daß aber diese bald genug spärlicher fließen würden, da nicht nur beduinische Räuber die Städte des Landes plünderten, sondern auch die Cheta-Macht von Norden her sich ausbreite, indem sie den Ammunsleuten die Herrschaft in Kanaan streitig mache, während nicht wenige unter den Amoriterfürsten sich mit diesen Auswärtigen gegen Ammun verständen. Hier hatte Jebsche mit einem Auge gezwinkert, wahrscheinlich um unter Freunden anzudeuten, daß auch Aschirat-jaschur solche staatsklugen Wege wandle, doch war des Wirtes Teilnahme an der Unterhaltung stark herabgesetzt, seit nicht länger von Gott die Rede war, das Gespräch war eingeschlafen, und man hatte die Sitzpolster verlassen: Jebsche, um sich zu überzeugen, daß der Astarte des Weges unterdessen nichts zugestoßen sei, und sich dann schlafen zu legen; Jaakob, um am Stabe einen Rundgang durch das Lager zu machen und nach den Weibern zu sehen und dem Vieh in den Ställen. Was seine Söhne betraf, so hatte Joseph sich vor dem Zelt von den andern fünfen getrennt, obgleich er ursprünglich Miene gemacht hatte, sich zu ihnen zu halten. Aber der gerade Gad hatte unvermittelt zu ihm gesagt:
»Scher dich, Laffe und Hürchen, wir brauchen dich nicht!«
Worauf Joseph schon nach kurzem Besinnen seine Worte geordnet und geantwortet hatte:
»Du bist wie ein Balken Holzes, Gad, über welchen der Hobel noch nicht gegangen, und wie ein stößiger Ziegenbock in der Herde. Bringe ich deine Rede vor den Vater, so wird er dich strafen. Bringe ich sie aber vor Ruben, unseren Bruder, so wird er dich maßregeln in seiner Gerechtigkeit. Sei es jedoch, wie du sagst: Geht ihr zur Rechten, so will ich zur Linken gehen, oder umgekehrt. Denn ich liebe euch zwar, aber meinesteils bin ich leider ein Greuel vor euch und heute besonders, weil der Vater mir vorgelegt hat vom Zicklein und mir freundliche Blicke gegeben. Darum heiße ich deinen Vorschlag gut, damit Ärgernis vermieden werde und ihr nicht unversehens in Sünde fallt. Lebt wohl!«
Dies hatte Gad mit verächtlichem Ausdruck über die Schultern hin angehört, neugierig immerhin, was der Bursche bei dieser Gelegenheit wieder werde zu reden und reimen wissen. Dann hatte er eine derbe Gebärde gemacht und war mit den anderen gegangen, Joseph aber für sich allein.
Er hatte einen kleinen abendlichen Lustwandel unternommen – sofern die Niedergeschlagenheit, in die Gads Grobheit ihn zur Stunde versetzt hatte und die durch die Genugtuung, seine Antwort wohl geformt zu haben, nur teilweise aufgehoben wurde, seinem Wandel Lustigkeit gönnte. Hügelauf war er geschlendert, dort, wo die Anhöhe sich verminderte, gegen Osten, und bald der Kamm und Überblick nach Süden gewonnen war, so daß Joseph die mondweiße Stadt zur Linken im Tal hatte liegen sehen mit ihrer dicken Ummauerung, die vierkantige Ecktürme und Torbauten hatte, mit dem Säulenhof ihres Palastes und dem von einer weiten Terrasse umgebenen Massiv ihres Tempels. Er blickte gern auf die Stadt, in der so viele Menschen wohnten. Auch die Begräbnisstätte der Seinen, die voreinst von Abraham dem chetitischen Manne umständlich abgekaufte zwiefache Höhle, wo die Gebeine der Ahnen, der babylonischen Ur-Mutter und späterer Häupter, ruhten, hatte er andeutungsweise sehen können von hier aus: die Gesimse der steinernen Portalbauten des doppelten Felsengrabes zeichneten sich ganz zur Linken an der Ringmauer ab; und Gefühle der Frömmigkeit, deren Quelle der Tod ist, hatten sich in seiner Brust vermischt mit der Sympathie, die der Anblick der bevölkerten Stadt ihm einflößte. Dann war er zurückgekehrt, hatte den Brunnen gesucht, sich erfrischt, gereinigt und gesalbt und danach mit dem Monde jene etwas ausgeartete Hofmacherei getrieben, bei der der ewig besorgt sich nach ihm umtuende Vater ihn betroffen.
Der Angeber
Nun stand er bei ihm, der Alte, legte ihm die Rechte aufs Haupt, nachdem er den Stab in die Linke hinübergegeben, und blickte mit seinen greisen, aber eindringlichen Augen in die schönen, schwarzen des Jünglings, die dieser anfangs, unter erneutem Vorweisen einer Menge getrennt schimmernden Zahnschmelzes, zu ihm aufschlug, dann aber senkte: aus einfacher Ehrfurcht zum Teil, aber teilweise auch aus schwankendem Schuldgefühl, das mit der Aufforderung des Vaters zusammenhing, er möge sich bekleiden. Tatsächlich hatte er es nicht oder nicht nur der angenehmen Lüftung wegen verschoben, seine Kleider wieder anzulegen, und vermutete, daß sein Vater die Triebe und Auffassungen durchschaute, die ihn bestimmt hatten, seine Begrüßungen halb entblößt nach oben zu richten. Es war so, daß er es süß und hoffnungsvoll gefunden hatte, dem Monde, dem er sich horoskopisch und durch allerlei Ahnung und Spekulation verbunden fühlte, seine junge Nacktheit darzustellen in der Überzeugung, dieser werde Gefallen daran haben, und in der berechneten Absicht, ihn – oder das obere Wesen überhaupt – damit zu bestechen und für sich einzunehmen. Die Empfindung des kühlen Lichtes, das mit der Abendluft seine Schultern berührte, war ihm wie ein Gelingen seines kindlichen Anschlages erschienen, der aus dem Grunde nicht schamlos genannt werden sollte, weil er auf das Opfer der Scham hinauslief. Man muß bedenken, daß die als äußerliche Gepflogenheit aus Ägypterreich übernommene Sitte der Beschneidung in Josephs Sippe und Kreis von langer Hand her eine besondere mystische Bedeutung gewonnen hatte. Sie war die von Gott geforderte und eingesetzte Vermählung des Menschen mit ihr, der Gottheit, vorgenommen an dem Teil des Fleisches, der den Sammelpunkt seines Wesens zu bilden schien und auf den jedes körperliche Gelöbnis getan wurde. Mancher Mann trug den Namen Gottes auf seinem Zeugungsgliede oder schrieb ihn darauf, bevor er ein Weib besaß. Der Treubund mit Gott war geschlechtlich und fügte dadurch, geschlossen mit einem begehrenden und auf Alleinbesitz dringenden Schöpfer und Herrn, dem menschlich Männlichen sittigenderweise eine Abschwächung ins Weibliche zu. Das blutige Opfer der Beschneidung nähert sich in der Idee der Entmannung noch mehr als körperlich. Die Heiligung des Fleisches hat zugleich den Sinn der Keuschheit und ihrer Darbringung: einen weiblichen Sinn also. Außerdem war Joseph, wie er wußte und von jedermann hörte, hübsch und schön – eine Verfassung, die ein gewisses weibliches Bewußtsein ohnedies in sich schließt; und da ›schön‹ das Beiwort war, das man vor allem auf den Mond, und zwar auf den vollen, unverdunkelten und unverhüllten, anzuwenden pflegte, ein Mondwort, das in der himmlischen Sphäre eigentlich zu Hause war und auf den Menschen genaugenommen nur übertragenerweise Anwendung fand, so flossen ihm die Denkbilder ›schön‹ und ›nackt‹ fast ohne Unterschied ineinander über, und es schien ihm klug und fromm, die Schönheit des Gestirnes mit der eigenen Nacktheit zu beantworten, damit Vergnügen und Bewunderung gegenseitig seien.
Wir mögen nicht urteilen, wie nahe oder weit eine gewisse Ausartung seines Betragens mit diesen halbdunklen Gesinnungen zusammenhing. Jedenfalls stammten sie aus dem Ursinn einer vor seinen Augen noch immer gang und gäben kultischen Entblößung und schufen ihm eben darum angesichts des Vaters und seiner Zurechtweisung ein unbestimmtes Schuldgefühl. Denn er liebte und fürchtete des Alten Geistigkeit und ahnte deutlich, daß sie eine Gedankenwelt, mit der er selbst sich, wenn auch nur spielerischerweise, noch verbunden hielt, zum guten Teile als sündhaft verwarf, sie als vorabrahamitisch weit hinter sich wies, sie mit dem Wort ihres furchtbarsten und immer bereiten Tadels, dem Worte ›götzendienerisch‹, traf. Er war auf eine ausdrückliche, die Dinge stark bei Namen nennende Vermahnung solches Sinnes gefaßt. Aber Jaakob zog unter den Sorgen, die ihn, wie immer, um diesen Sohn bewegten, andere vor. Er fing an:
»Wahrlich, es wäre besser, das Kind schliefe schon nach getanem Gebet im Schutz der Hütte. Ich sehe es ungern allein in der Nacht, die zunimmt, und unter den Sternen, die den Guten und Bösen leuchten. Warum hielt es sich nicht zu den Söhnen Lea's und ging nicht, wohin Bilha's Söhne gingen?«
Er wußte wohl, warum Joseph das wieder einmal nicht getan hatte, und auch Joseph wußte, daß nur der Kummer über diese bekannten Verhältnisse ihn zu der Frage zwang. Er antwortete mit vorgeschobenen Lippen:
»Die Brüder und ich, wir haben es abgesprochen und in Frieden also beschlossen.«
Jaakob fuhr fort:
»Es geschieht, daß der Löwe der Wüste, und der im Röhricht des Abflusses wohnt, dort, wo er ins Salzmeer geht, herüberkommt, wenn ihn hungert, und in die Hürden fällt, wenn er nach Blut lechzt, damit er sich Beute hole. Es sind fünf Tage, daß Aldmodad, der Hirte, vor mir auf seinem Bauche lag und gestand, daß ein reißendes Tier vom Jungvieh zwei Mutterlämmer geschlagen habe in der Nacht und eines weggeschleppt, daß er es verzehre. Aldmodad war rein vor mir ohne Eid, denn er wies die geschlagene Zibbe vor in ihrem Blut, so daß es deutlich war dem Verstande, daß die andere der Löwe gestohlen, und der Schaden kommt auf mein Haupt.«
»Er ist gering«, sagte Joseph schmeichelnd, »und verhältnismäßig gleich nichts, so reich wie der Herr meines Herrn ihn aus Vorliebe gemacht hat in Mesopotamien.«
Jaakob neigte das Haupt und ließ es überdies noch etwas schräg sinken, zum Zeichen, daß er des Segens sich nicht überhebe, obgleich doch dieser nicht ohne kluge Nachhilfe von seiner Seite wirksam gewesen war. Er antwortete:
»Wem viel gegeben wurde, kann viel genommen werden. Hat der Herr mich silbern gemacht, so kann er mich irden und arm machen gleich der Topfscherbe des Kehrichts; denn seine Laune ist mächtig, und wir begreifen nicht die Wege seiner Gerechtigkeit. Silber hat bleiches Licht«, fuhr er fort, indem er es vermied, nach dem Monde zu sehen, dem aber Joseph sofort einen schrägen Blick schickte, »Silber ist Harm, und des Fürchtenden bitterste Furcht ist der Leichtsinn derer, um die ihm schwer ist.«
Der Knabe verband mit bittendem Aufblick eine tröstend liebkosende Gebärde.
Jaakob ließ sie sich nicht vollenden, er sagte:
»Es war dort draußen im Hirtenfelde, hundert Schritte von hier oder zwei, daß der Löwe sich anschlich und der alten Mutter die Lämmer schlug. Das Kind aber sitzt allein am Brunnen bei Nacht, unbesonnen und bloß, ohne Wehr, und vergißt des Vaters. Bist du gemacht für die Gefahr und gewappnet für den Streit? Bist du wie Schimeon und Levi, deine Brüder, Gott soll schützen, die in die Feinde fallen mit Geschrei, das Schwert in der Faust, und die Stätte der Amoriter verbrannten? Oder bist du wie Esau, dein Oheim zu Seïr im wüsten Mittag, – ein Jäger und Mann der Steppe, rot von Haut und rauh wie ein Bock? Nein, sondern fromm bist du und ein Kind der Hütte, denn du bist Fleisch von meinem Fleisch, und als Esau kam an die Furt mit vierhundert Mann und meine Seele nicht wußte, wie alles ausgehen werde vor dem Herrn, da stellte ich die Mägde vorn mit ihren Kindern, deinen Brüdern, dann Lea mit den ihren, und siehe, dich, dich stellte ich ganz hinten an mit Rahel, deiner Mutter …«
Schon hatte er die Augen voll Tränen. Er konnte den Namen der Frau, die er über alles geliebt hatte, nicht nennen, ohne daß ihm so geschah, obgleich es acht Jahre her war, daß Gott sie ihm unverständlicherweise genommen, und seine ohnedies immer bewegte Stimme geriet in schluchzendes Schwanken.
Der Jüngling streckte die Arme nach ihm und führte dann die gefalteten Hände an die Lippen.
»Wie müht sich doch«, sagte er mit zärtlichem Vorwurf, »das Herz meines Väterchens und lieben Herrn so ohne Not, und wie übertrieben ist seine Besorgnis! Als der Gast uns Gesundheit gewünscht, um nach seinem teuren Bilde zu sehen« (er lächelte mokant, um Jaakob zu erfreuen, und fügte hinzu:), »das mir recht arm und ohnmächtig schien und gering zu achten wie unfeine Töpferware auf dem Markt …«
»Du hast es gesehen?« fiel Jaakob ein … Schon dies war ihm mißfällig und verfinsterte ihn.
»Ich habe den Gast ersucht, es mir zu zeigen vor dem Mahl«, sagte Joseph mit Lippenaufwerfen und Achselzucken. »Es ist mäßige Arbeit, und die Ohnmacht steht ihm an der Stirn geschrieben … Als ihr zu Ende gesprochen, du und der Gast, bin ich hinaus mit den Brüdern, aber einer der Söhne von Lea's Magd, ich glaube, es war Gad, dessen Art ist bieder und geradezu, hat mir anheimgegeben, meine Füße zu setzen, wo die ihren nicht gingen, und hat mir etwas weh getan an der Seele, weil er mich nicht mit meinem Namen nannte, sondern mit falschen und üblen, auf die ich nicht höre …«
Unversehens und gegen seine Absicht war er ins Angeben hineingeraten, obgleich er diese seiner eigenen Zufriedenheit nur abträgliche Neigung an sich kannte, auch aufrichtig wünschte, ihr zu steuern, und sie vorhin für den Augenblick schon erfolgreich bekämpft hatte. Es war das eine Hemmungslosigkeit seines Mitteilungsbedürfnisses, das mit seinem Mißverhältnis zu den Brüdern einen üblen Kreislauf bildete: denn indem dieses ihn absonderte und an den Vater drängte, schuf es ihm einen Zwischenstand, der ein Sporn war zur Geschichtenträgerei; diese wieder verschärfte die Entfremdung, und so rundherum, so daß nicht zu sagen war, ob mit dem einen oder dem anderen der Schaden begonnen hatte, und jedenfalls die Älteren Rahels Sohn kaum noch sehen konnten, ohne daß ihre Gesichter sich entstellten. Womit es ursprünglich begonnen hatte, das war ohne Zweifel die Vorliebe Jaakobs für dies Kind, – eine sachliche Notiz, mit der man dem gefühlvollen Mann nicht zu nahe zu treten wünscht. Aber das Gefühl eben neigt von Natur zur Zügellosigkeit und einem weichlichen Kult seiner selbst; es will sich nicht verbergen, es kennt keine Verschwiegenheit, es trachtet, sich zu bekennen, sich kundzutun, es möchte aller Welt, wie wir sagen, ›unter die Nase gerieben‹ sein, auf daß sie sich damit beschäftige. Dies ist die Unenthaltsamkeit der Gefühlvollen; und Jaakob fand sich in ihr noch ermutigt durch die seine Überlieferung und seinen Stamm beherrschende Vorstellung von Gottes eigener Unenthaltsamkeit und majestätischer Launenhaftigkeit in Gefühlsdingen und Dingen der Vorliebe: El eljons Auserwählung und Bevorzugung einzelner ohne oder jedenfalls über ihr Verdienst war großherrlich, schwer begreiflich und nach menschlichem Begriffe ungerecht, eine erhabene Gefühlsgegebenheit, an der nicht zu deuteln war, sondern die es mit Schrecken und Begeisterung im Staub zu verehren galt; und Jaakob, selbst ein bewußter – wenn auch in Demut und Bangen bewußter – Gegenstand solcher Prädilektion, ahmte Gott nach, indem er auf der seinen üppig bestand und ihr die Zügel schießen ließ.
Des Gefühlsmenschen weiche Unbeherrschtheit war das Erbe, das Joseph vom Vater überkommen hatte. Wir werden von dem Unvermögen, seine Erfülltheit zu bezähmen, dem Mangel an Takt, der ihm so äußerst gefährlich wurde, noch zu berichten haben. Er war es gewesen, der, neunjährig, ein Kind noch, den stürmischen, aber guten Ruben beim Vater verklagt hatte, weil jener, im Jähzorn darüber, daß Jaakob nach Rahels Tod sein Bett nicht bei Lea, Rubens Mutter, die immer mit ihren roten Augen verschmäht im Zelte kauerte, sondern bei Bilha, der Magd, aufschlug und diese zur Lieblingsfrau machte, das väterliche Lager von der neuen Stätte gerissen und es unter Verwünschungen mißhandelt hatte. Es war eine rasche Tat, begangen aus beleidigtem Sohnesstolz, begangen für Lea und bald bereut. Man hätte das Bett in der Stille wieder aufrichten können, und Jaakob hätte von dem Geschehenen nichts zu erfahren brauchen. Aber Joseph, der Zeuge gewesen, hatte nichts Eiligeres zu tun gehabt, als es dem Vater zu hinterbringen, und es war seit dieser Stunde, daß Jaakob, der selbst die Erstgeburt nicht von Natur, sondern nur dem Namen nach und rechtlich besaß, den Plan erwog, Ruben der seinen durch Fluchspruch zu entkleiden, nicht aber etwa den Nächstältesten, Lea's Zweiten, also Schimeon, in diese Würde nachrücken zu lassen, sondern, in willkürlichster Gefühlsfreiheit, Rahels Erstling, den Joseph.
Die Brüder taten dem Jungen unrecht, wenn sie behaupteten, seine Schwatzhaftigkeit habe auf solche väterlichen Entschlüsse abgezielt. Er hatte eben nur nicht schweigen können. Daß er es aber, da ihm nun Vorhaben und Vorwurf bekannt waren, bei nächster Gelegenheit wieder nicht konnte, war desto schwerer verzeihlich und gab dem Verdachte der Älteren die stärkste Nahrung. Es ist wenig bekannt, wie Jaakob es erfuhr, daß Ruben mit Bilha ›gescherzt‹ habe.
Da war eine Geschichte, viel schlimmer als die mit der Lagerstatt, geschehen, noch bevor man bei Hebron sich niederließ, an einer Station zwischen diesem und Beth-el. Ruben, damals einundzwanzigjährig, hatte sich im Überschwall seiner Kräfte und Triebe des Weibes seines Vaters nicht zu enthalten vermocht, – derselben Bilha, der er doch um der zurückgesetzten Lea willen so bitter gram war. Er hatte sie im Bade belauscht, ursprünglich aus Zufall, dann aus dem Vergnügen, sie ohne ihr Wissen zu demütigen, dann mit überhandnehmender Lust. Eine jähe und brutale Begierde nach Bilha's reifen, aber kunstvoll unterhaltenen Reizen, nach ihren noch starren Brüsten, ihrem zierlichen Bauch, hatte den starken Jüngling gepackt, und seine Besessenheit war durch keine Magd, keine seinem Wink gehorsame Sklavin zu stillen gewesen. Er schlich sich ein bei seines Vaters Kebsweib und gegenwärtiger Lieblingsfrau, er überrumpelte sie, und wenn er ihr nicht Gewalt antat, so verführte er die vor Jaakob Zitternde doch durch seine strotzende Kraft und Jugend.
Von dieser Szene der Leidenschaft, der Angst und des Fehltrittes hatte der müßig, wenn auch nicht gerade mit der Absicht, zu spionieren, herumlungernde Knabe Joseph genug erlauscht, um dem Vater mit einfältigem Eifer, als eine mitteilenswerte Seltsamkeit, berichten zu können, Ruben habe mit Bilha »gescherzt« und »gelacht«. Er gebrauchte diese Ausdrücke, die ihrem Wortsinn nach weniger besagten, als er verstanden hatte, nach ihrer landläufigen zweiten Bedeutung aber alles. Jaakob erbleichte und keuchte. Wenige Minuten, nachdem der Knabe ausgeschwatzt, lag Bilha wimmernd vor dem Stammesherrn und gestand, indem sie sich mit den Nägeln die Brüste zerriß, die Ruben verwirrt hatten und die nun für ihren Gebieter auf immer befleckt und unberührbar waren. Dann aber lag dort der Missetäter selbst, zum Zeichen der Demütigung und Preisgabe nur mit einem Sacke gegürtet, und ließ, indem er die Hände über das weggewühlte, mit Staub bestreute Haupt erhob, in wahrster Zerknirschung das feierliche Gewitter des väterlichen Zornes über sich ergehen. Jaakob nannte ihn Cham, Vaterschänder, Chaosdrache, Behemoth und schamloses Flußpferd, dies letztere unter dem Einfluß eines ägyptischen Gerüchtes, das Flußpferd habe die wüste Gewohnheit, seinen Vater zu töten und sich gewaltsam mit seiner Mutter zu paaren. Indem er so tat, als sei Bilha wirklich Rubens Mutter, nur weil er selber mit ihr schlief, ließ er über seinen Donnerreden die alte und dunkle Auffassung walten, Ruben habe sich, indem er seiner Mutter beiwohnte, zum Herrn über alles und alle machen wollen – und verkündete ihm statt dessen das Gegenteil. Denn mit ausgestreckten Armen entriß er dem Stöhnenden die Erstgeburt – nahm sie freilich nur an sich, ohne das Würdengut vorderhand weiterzuvergeben, so daß seit damals in dieser Beziehung ein Schwebezustand herrschte, in der des Vaters innig-majestätische Vorliebe für Joseph bis auf weiteres die Stelle rechtlicher Tatsachen vertrat.
Das Merkwürdige war, daß Ruben dem Knaben diese Dinge nicht nachtrug, sondern sich unter allen Brüdern am duldsamsten zu ihm verhielt. Ganz zutreffend achtete er sein Tun nicht für reine Bosheit und sprach ihm innerlich das Recht zu, um die Ehre eines für ihn so liebevollen Vaters besorgt zu sein und ihn mit Vorgängen bekannt zu machen, deren Schändlichkeit zu bestreiten ihm, Ruben, sehr fernlag. Im Bewußtsein seiner Fehlbarkeit war Re'uben gutmütig und gerecht. Außerdem war er, für seine Person bei großer Körperkraft, wie alle Lea-Söhne, ziemlich häßlich (die blöden Augen hatte auch er von der Mutter und salbte sich viel, wenn auch ohne Nutzen, die zur Eiterung neigenden Lider), der allgemein bewunderten Anmut Josephs zugänglicher als die anderen, empfand sie in seiner Plumpheit als rührend und hatte ein Gefühl dafür, daß das wandernde Erbe der Stammeshäupter und großen Väter, die Erwähltheit, der Gottessegen, eher auf den Knaben als auf ihn oder einen andern unter den Zwölfen übergegangen sei. Dies hatte ihm die väterlichen Wünsche und Pläne, die Erstgeburt betreffend, so schwer sie ihn trafen, immer begreiflich erscheinen lassen.
So hatte Joseph wohl gewußt, warum er dem Sohn der Silpa, der übrigens in seiner Geradheit auch nicht der Schlimmste war, mit Rubens Gerechtigkeit gedroht hatte. Oft schon hatte dieser unter den Brüdern für Joseph, wenn auch in wegwerfender Weise, zum Guten geredet, mehrmals ihn mit Armeskraft vor Mißhandlung geschützt und sie gescholten, wenn sie, wütend über eine seiner Verrätereien, sich rächend hatten über ihn hermachen wollen. Denn der Gimpel hatte aus den frühen und schweren Vorkommnissen mit Ruben nichts gelernt, zeigte sich auch durch dessen Großmut nicht gebessert und war, herangewachsen, ein gefährlicherer Beobachter und Zwischenträger denn als Kind. Gefährlich auch für ihn selbst, und dies namentlich; denn die Rolle, die zu spielen er sich gewöhnt hatte, verschärfte täglich seine Acht und Ausgeschlossenheit, beeinträchtigte sein Glück, lud ihm einen Haß auf, den zu tragen seiner Natur nicht im geringsten gemäß war, und schuf ihm allen Grund, sich vor den Brüdern zu fürchten, was denn nun wieder neue Versuchung bedeutete, sich bei dem Vater wohldienerisch gegen sie zu sichern – und alles dies trotz oft gefaßter Vorsätze, doch endlich sein Verhältnis zu den Zehnen, von denen keiner ein Bösewicht war und mit deren durch ihn und seinen kleinen Bruder sich ergänzenden Tierkreiszahl er sich im Grunde heilig verbunden fühlte, nur durch die Enthaltsamkeit seiner Zunge vom Gift genesen zu lassen.
Umsonst. Wann immer Schimeon und Levi, die hitzige Leute waren, mit fremden Hirten oder gar mit Bewohnern der Städte eine Schlägerei vom Zaune gebrochen hatten, welche dem Stamme schadete; wann immer Jehuda, ein stolzer, aber leidender Mensch, den Ischtar plagte und der in dem, was anderen ein Lachen war, nichts zu lachen fand, mit Töchtern des Landes in heimliche Geschichten verstrickt war, mißfällig dem Jaakob; wann immer unter den Brüdern einer vor dem Einen und Höchsten schuldig geworden war, indem er hinterrücks einem Bilde geräuchert und so die Fruchtbarkeit der Herden gefährdet und Pocken, Räude oder Drehsucht über sie heraufbeschworen hatte; oder wann immer die Söhne, sei es hier oder vor Schekem, sich beim Verkaufe von Brackvieh einen still zu verteilenden Vorteil über Jaakobs Nutzen hinaus zu sichern versucht hatten: der Vater erfuhr es von seinem Gunstkind. Er erfuhr von ihm sogar Falsches, was gar keinen Verstand hatte und was er Josephs schönen Augen dennoch zu glauben geneigt war. Dieser behauptete, von den Brüdern hätten etliche wiederholt aus dem Fleische lebender Widder und Schafe Stücke herausgeschnitten, um sie zu essen, und das hätten die vier von den Kebsweibern getan, in besonderer Ausgiebigkeit aber Ascher, der in der Tat ein Vielfraß war. Aschers Appetit war das einzige, was für eine Bezichtigung sprach, die an und für sich höchst unglaubwürdig erschien und deren Wahrheit den vieren auch niemals hatte nachgewiesen werden können. Es war eine Verleumdung, sachlich gesprochen. Von Joseph aus gesehen, verdiente der Fall diesen Namen vielleicht nicht ganz. Wahrscheinlich hatte ihm die Geschichte geträumt; oder richtiger, zu einem Zeitpunkt, da er mit Fug und Recht auf Prügel gefaßt gewesen, hatte er sie sich träumen lassen, um hinter ihr beim Vater Schutz gegen solche Absichten zu suchen, und zwischen Wahrheit und bloßem Gesicht dann nicht recht unterscheiden können und wollen. Es versteht sich aber, daß in diesem Falle die Entrüstung der Brüder sich besonders üppig gebärdete. Sie führte den Freibrief der Unschuld und pochte auf ihn fast etwas zu stürmisch, wie wenn er doch nicht ganz unbedingt gelautet und den Einbildungen Josephs dennoch irgend etwas Wahres zum Grunde gelegen hätte. Wir erbittern uns am meisten über Beschuldigungen, die zwar falsch sind, aber nicht gänzlich. –
Der Name
Jaakob hatte auffahren wollen bei der Nachricht von üblen Namen, die Gad dem Joseph gegeben und die der Alte sofort als eine strafbare Mißachtung seines heiligen Gefühles zu betrachten bereit war. Aber Joseph hatte eine so reizende Art, mit rasch erheiterter Miene und gewandten Wortes einzulenken, abzuwiegeln und weiterzugehen, daß Jaakobs Zorn sich legte, ehe er sich recht erhoben, und er nur fortfahren konnte, mit verträumtem Lächeln in die schwarzen und etwas schiefen, von süßer List verkleinerten Augen des Sprechenden zu blicken.
»Es war nichts«, hörte er die herbe und schmächtige Stimme sagen, die er liebte, da viel von Rahels Stimmklang in ihr war. »Ich habe ihm seine Rauhigkeit brüderlich verwiesen, und da er sich die Mahnung mit Einsicht gefallen ließ, so ist es sein Verdienst, daß wir sanft auseinander kamen. Ich bin gegangen, die Stadt zu sehen vom Hügel und Ephrons doppeltes Haus; ich habe mich hier mit Wasser gereinigt und im Gebet, und was den Löwen betrifft, mit welchem das Väterchen mich zu bedrohen geruhte, den Unterwelts-Wüstling, die Schwarzmond-Brut, so ist er geblieben im Dickicht des Jardên« (er sprach den Namen des Flusses mit anderen Vokalen als wir, nannte ihn »Jardên«, indem er das r zwar am Gaumen bildete, aber nicht rollen ließ und das e ziemlich offen nahm) »und hat sein Nachtmahl gefunden in den Schlüften des Absturzes, und des Kindes Augen haben ihn nicht erblickt, weder nah noch fern.«
Er nannte sich selber ›das Kind‹, weil er wußte, daß er den Vater mit diesem Namen, der ihm aus früheren Tagen geblieben war, besonders rührte. Er fuhr fort:
»Wäre er aber gekommen mit schlagendem Schweif, und hätte seine Stimme vor Hunger gedröhnt wie die Stimmen der Seraphim beim Lobgesang, so hätte der Knabe sich doch nur leicht entsetzt oder gar nicht vor seinem Grimm. Denn gewiß hätte er sich wieder ans Lämmlein gemacht, der Räuber, gesetzt, daß Aldmodad ihn nicht vertrieben hätte mit Rasseln und Feuerflammen, und hätte den Menschenknaben klüglich gemieden. Weiß denn mein Väterchen nicht, daß die Tiere den Menschen scheuen und meiden, darum, daß Gott ihm den Geist des Verstandes verlieh und ihm eingab die Ordnungen, unter welche das einzelne fällt, und weiß er nicht, wie Semael schrie, als der Erdmensch die Schöpfung zu nennen wußte, als ob er ihr Meister und Urheber sei, und wie alle feurigen Diener sich verwunderten und die Augen niederschlugen, weil sie zwar sehr gut ›Heilig, heilig!‹ zu rufen vermögen in abgestuften Chören, von den Ordnungen und Überordnungen aber gar nichts verstehen? Auch die Tiere schämen sich und kneifen den Schwanz ein, weil wir sie wissen und über ihren Namen befehlen und die brüllende Gegenwart ihres Einzeltums entkräften, indem wir ihn ihr entgegenhalten. Wäre er nur gekommen mit Fauchen und gehässiger Nase, lang schleichenden Trittes, so hätte er mir doch den Sinn nicht geraubt mit seinem Schrecken und mich nicht erbleichen lassen vor seinem Rätsel. ›Ist dein Name wohl Blutdurst?‹ hätte ich gefragt, um mir einen Spaß mit ihm zu machen. ›Oder heißest du etwa Mordsprung?‹ Aber dann hätte ich mich recht aufgesetzt und gerufen: ›Löwe! Siehe, ein Löwe bist du nach deiner Art und Unterart, und dein Geheimnis liegt bloß vor mir, daß ich es aussage und abtue lachenden Mundes.‹ Und er hätte geblinzelt vor dem Namen und sich weggeduckt vor dem Wort, ohnmächtig, mir zu erwidern. Denn er ist ganz ohne Unterricht und weiß nichts vom Schreibzeug …«
Er fing an, Wortwitz zu treiben, was ihn jederzeit freute, wozu er aber im Augenblick griff, um, eben wie mit den vorangegangenen Prahlereien, den Vater damit zu zerstreuen. Sein Name klang an das Wort Sefer, Buch und Schreibzeug, an – zu seiner beständigen Genugtuung übrigens, denn im Gegensatz zu allen seinen Brüdern, von denen keiner schreiben konnte, liebte er die stilistische Beschäftigung und besaß so viel Gewandtheit darin, daß er recht wohl an einer Stätte der Urkundensammlung, wie Kirjath Sefer oder Gebal, als Schreibämtling hätte dienen können, wenn an die Zustimmung Jaakobs zu einer solchen Berufsübung hätte gedacht werden können.
»Wollte doch«, fuhr er fort, »das Väterchen sich herbeilassen und sich zwanglos und bequem zum Sohn an die Tiefe setzen, beispielsweise hier auf den Rand, während das buchgelehrte Kind etwas tiefer rücken und zu seinen Füßen sitzen würde, was eine recht liebliche Anordnung ergäbe. Dann würde es seinen Herrn unterhalten und ihm eine kleine Nachricht und Fabel vom Namen erzählen, die es gelernt hat und ansprechend vorzutragen weiß. Denn es war zur Zeit der Geschlechter der Flut, daß der Engel Semhazai auf Erden eine Dirne sah namens Ischchara und an ihrer Schönheit zum Narren ward, so daß er sprach: ›Höre auf mich!‹ Sie aber antwortete und sprach: ›Es ist gar kein Gedanke daran, daß ich auf dich höre, außer du lehrtest mich zuvor den wahrhaften und unverstellten Namen Gottes, kraft dessen du auffährst, wenn du ihn aussprichst.‹ Da lehrte der Bote Semhazai in seiner Narrheit sie wirklich den Namen, weil er gar so brünstiglich wünschte, daß sie auf ihn höre. Kaum aber sah Ischchara sich in diesem Besitz, was denkt das Väterchen wohl, daß sie tat und wie die Reine dem zudringlichen Boten ein Schnippchen schlug? Dies ist der Augenblick der höchsten Spannung innerhalb der Geschichte, aber ich sehe leider, daß das Väterchen nicht lauscht, sondern daß seine Ohren verschlossen sind von Gedanken und er eingegangen ist in tiefes Sinnen?«
Wirklich hörte Jaakob nicht zu, sondern ›sann‹. Es war ein gewaltig ausdrucksvolles Sinnen, das Sinnen selbst, sozusagen wie es im Buche steht, der höchste Grad pathetisch vertiefter Abwesenheit – darunter tat er es nicht; wenn er sann, so mußte es auch ein rechtes und auf hundert Schritte anschauliches Sinnen sein, großartig und stark, so daß nicht allein jedem deutlich wurde, Jaakob sei in Sinnen versunken, sondern auch jeder überhaupt erst erfuhr, was das eigentlich sei, eine wahre Versonnenheit, und jeden Ehrfurcht anwandelte vor diesem Zustand und Bilde: der Alte am hohen, mit beiden Händen erfaßten Stabe lehnend, das über den Arm gebeugte Haupt, die innig träumerische Bitternis der Lippen im Silberbart, die in die Tiefe der Erinnerung und des Gedankens drängenden und sich wühlenden braunen Greisenaugen, deren in sich gewendeter und tauber Blick so sehr von unten kam, daß er sich in den überhängenden Brauen fast verfing … Gefühlsmenschen sind ausdrucksvoll, denn Ausdruck entspringt dem Geltungsbedürfnis des Gefühls, das unverschwiegen und ohne Hemmung hervortritt; er ist das Erzeugnis einer weichen Seelengröße, in welcher das Schlaffe und das Kühne, das Unkeusche und Hochherzige, das Natürliche und Gewollte zur würdigsten Schauspielerei sich mischen und deren menschliche Wirkung eine zu leichter Heiterkeit geneigte Ehrfurcht sein mag. Jaakob war sehr ausdrucksvoll – zur Freude Josephs, der diese bewegte Hochgestimmtheit liebte und stolz darauf war, aber zur Beängstigung und Erschütterung anderer, die in Handel und Wandel mit ihm zu tun hatten, und namentlich seiner übrigen Söhne, die bei jeder Unstimmigkeit zwischen ihnen und dem Vater nichts so sehr fürchteten als eben seine Ausdruckskraft. So Ruben, als er anläßlich der schlimmen Geschichte mit Bilha sich dem Alten hatte stellen müssen. Denn obgleich Schrecken und Ehrfurcht vor dem hochgetriebenen Ausdruck damals tiefer und dunkler waren als unter uns, so erfüllte den Alltagsmenschen, dem solche Wirkungen drohten, auch damals das Gefühl banausischer Abwehr, das wir in die Worte kleiden würden: »Um des Himmels willen, das kann gut werden!«
Jaakobs Ausdrucksmacht nun aber, auch die Bewegtheit seiner Stimme, die Gehobenheit seiner Sprache, die Feierlichkeit seines Wesens überhaupt – hing mit der Anlage und Neigung zusammen, die zugleich der Grund war, weshalb man den starken und malerischen Ausdruck des Sinnens so oft an ihm zu beobachten hatte. Es war der Hang zur Gedankenverbindung, welcher sein Innenleben in dem Grade beherrschte, daß er geradezu seine Form ausmachte und sein Denken fast schlechthin aufging in solchen Assoziationen. Auf Schritt und Tritt wurde seine Seele durch Anklänge und Entsprechungen betroffen gemacht, abgelenkt und ins Weitläufige entführt, die Vergangenes und Verkündetes in den Augenblick mischten und den Blick eben dergestalt verschwimmen und sich brechen ließen, wie es beim Grübeln geschieht. Das war beinahe ein Leiden, aber nicht ihm allein zuzuschreiben, sondern sehr weit verbreitet, wenn auch in verschiedenem Grade, so daß sich sagen ließe, in Jaakobs Welt habe geistige Würde und ›Bedeutung‹ – das Wort nach seinem eigentlichsten Sinne genommen – sich nach dem Reichtum an mythischen Ideenverbindungen und nach der Kraft bestimmt, mit der sie den Augenblick durchdrangen. Wie hatte es doch so seltsam, hochgestimmt und bedeutsam geklungen, als der Alte mit halbem Worte seiner Besorgnis Ausdruck gegeben hatte, Joseph möchte in die Zisterne stürzen! Das kam aber daher, daß er die Brunnentiefe nicht denken konnte, ohne daß die Idee der Unterwelt und des Totenreiches sich in den Gedanken, ihn vertiefend und heiligend, einmengte, – diese Idee, die zwar nicht in seinen religiösen Meinungen, wohl aber in den Tiefen seiner Seele und Einbildungskraft, uralt mythisches Erbgut der Völker, das sie war, eine wichtige Rolle spielte: die Vorstellung des unteren Landes, in dem Usiri, der Zerstückelte, herrschte, des Ortes Namtars, des Pestgottes, des Königreichs der Schrecken, woher alle üblen Geister und Seuchen stammten. Es war die Welt, wohin die Gestirne hinabtauchten bei ihrem Untergange, um zur geregelten Stunde wieder daraus emporzusteigen, während kein Sterblicher, der zu diesem Hause den Pfad gewandelt, ihn wieder zurückfand. Es war der Ort des Kotes und der Exkremente, aber auch des Goldes und Reichtums; der Schoß, in den man das Samenkorn bettete und aus dem es als nährendes Getreide emporsproßte, das Land des Schwarzmondes, des Winters und verkohlten Sommers, wohin Tammuz, der lenzliche Schäfer, gesunken war und alljährlich wieder sank, wenn ihn der Eber geschlagen, so daß alle Zeugung versiegte und die beweinte Welt dürre lag, bis Ischtar, die Gattin und Mutter, Höllenfahrt hielt, ihn zu suchen, die staubbedeckten Riegel des Gefängnisses brach und den geliebten Schönen unter großem Lachen aus Höhle und Grube hervorführte, als Herrn der neuen Zeit und der frisch beblümten Flur.
Wie hätte Jaakobs Stimme nicht gefühlsbewegt beben und wie seine Frage nicht seltsam bedeutenden Widerhall gewinnen sollen, da er doch, nicht seiner Meinung, aber seinem Gefühle nach, im Brunnen einen Eingang zur Unterwelt sah und da dies alles und noch mehr in ihm anklang beim Stichwort der Tiefe? Ein Dummer und Ungebildeter von bedeutungsloser Seele mochte ein solches Wort stumpfsinnig und ohne Beziehung hinsprechen, nichts als das Nächste und Eigentliche dabei im Sinne haben. Dem Wesen Jaakobs verlieh es Würde und geistige Feierlichkeit, machte es ausdrucksvoll bis zur Beängstigung. Es ist nicht zu sagen, wie es dem fehlbaren Ruben durch Mark und Bein gegangen war, als der Vater ihm seinerzeit den anrüchigen Namen des Cham entgegengeschleudert hatte. Denn Jaakob war nicht der Mann, sich dieses Schimpfs etwa nur im Sinne einer matten Anspielung zu bedienen. Seine Geistesmacht bewirkte ein furchtbares Aufgehen der Gegenwart im Vergangenen, das völlige Wiederinkrafttreten des einst Geschehenen, seine, des Jaakob, persönliche Einerleiheit mit Noah, dem belauschten, verhöhnten, von Sohneshand entehrten Vater; und Ruben hatte auch im voraus gewußt, daß es so sein und daß er ganz wirklich und eigentlich als Cham vor Noah liegen werde, und ebendeshalb hatte ihm so gründlich vor dem Auftritt gegraust.
Was gegenwärtig denn nun den Alten in so augenfälliges Sinnen versetzte, waren Erinnerungen, zu denen das Geplauder des Sohnes vom ›Namen‹ seinen Geist aufgerufen hatte, –. traumschwere, hohe und ängstliche Erinnerungen aus alten Tagen, da er in großer Körperfurcht, der Wiederbegegnung mit dem geprellten und zweifellos rachbegierigen Wüstenbruder gewärtig, so inbrunstvoll nach geistiger Macht getrachtet und mit dem besonderen Manne, der ihn überfallen, um den Namen gerungen hatte. Ein schwerer, schrecklicher und hochwollüstiger Traum von verzweifelter Süße, aber kein luftiger und vergehender, von dem nichts erübrigte, sondern ein Traum, so körperheiß und wirklichkeitsdicht, daß doppelte Lebenshinterlassenschaft von ihm liegengeblieben war, wie Meeresfrucht am Land bei der Ebbe: das Gebrechen von Jaakobs Hüfte, des Pfannengelenks, daraus er hinkte, seit der Besondere es im Ringen verrenkt hatte, und zweitens der Name – aber nicht des eigentümlichen Mannes Name: der war aufs äußerste verweigert worden, bis in die Morgenröte, bis in die Gefahr der peinlichsten Verspätung, wie keuchend heiß und unablässig gewalttätig Jaakob ihn auch von ihm gefordert hatte; nein, sondern sein eigener anderer und zweiter Name, der Beiname, den der Fremde ihm im Kampfe vermacht, damit er von ihm ließe vor Sonnenaufgang und ihn vor peinlicher Verspätung bewahrte, der Ehrentitel, den man ihm seitdem beilegte, wenn man ihm schmeicheln, ihn lächeln sehen wollte: Jisrael, ›Gott führt Krieg‹ … Er sah die Furt des Jabbok wieder vor sich, an deren buschigem Zugang er in Einsamkeit verblieben war, nachdem er die Frauen, die Elfe und die für Esau ausgesonderten Sühngeschenke an Vieh schon hindurchgeführt; sah die unruhig bewölkte Nacht, in der er, zwischen zwei Schlummerversuchen, unruhevoll wie der Himmel, umhergestrichen war, noch zitternd von der mit Gottes Hilfe leidlich verlaufenen Auseinandersetzung mit Rahels überlistetem Vater und schon wieder gequält von schwerer Besorgnis vor dem Anrücken eines anderen Betrogenen und Verkürzten. Wie er die Elohim betend ermahnt, sie geradezu zur Pflicht gerufen hatte, ihm beizustehen! Und auch den Mann, mit dem er, Gott wußte, wie, unversehens in ein Ringen auf Leben und Tod geraten war, sah er in dem plötzlich grell aus Wolken tretenden Monde von damals wieder so nahe, wie Brust an Brust: seine weit auseinanderstehenden Rindsaugen, die nicht nickten, sein Gesicht, das, wie auch die Schultern, poliertem Steine glich; und etwas von der grausamen Lust trat wieder in sein Herz, die er damals verspürt, als er ihm mit ächzendem Flüstern den Namen abgefordert … Wie stark er gewesen war! Verzweifelt traumstark und ausdauernd aus unvermuteten Kraftvorräten der Seele. Die ganze Nacht hatte er ausgehalten, bis ins Morgenrot, bis er sah, daß es dem Manne zu spät wurde, bis der verlegen gebeten hatte: »Laß mich gehn!« Keiner hatte den anderen übermocht, aber hieß das nicht obgesiegt haben für Jaakob, der kein eigentümlicher Mann war, sondern ein Mann von hier, aus des Menschen Samen? Ihm war, als habe der Weitäugige seine Zweifel daran gehabt. Der schmerzhafte Schlag und Griff nach der Hüfte hatte wie eine Untersuchung ausgesehen. Vielleicht hatte er der Feststellung dienen sollen, ob das da eine Gelenkkugel sei, beweglich und nicht etwa unbeweglich, wie bei seinesgleichen, der nicht zum Sitzen eingerichtet war … Und dann hatte der Mann die Sache so zu wenden gewußt, daß er sich zwar nicht seines Namens entäußert, aber dafür dem Jaakob einen verliehen hatte. Deutlich wie damals hörte dieser im Sinnen die hohe und erzene Stimme, die zu ihm gesprochen: »Fortan sollst du Jisrael heißen« – woraufhin er den Inhaber dieser besonderen Stimme aus seinen Armen entlassen hatte, so daß er denn hoffentlich mit knapper Not noch mochte zur Zeit gekommen sein …
Vom äffischen Ägypterland
Die Art, in der der feierliche Alte sein Sinnen beendete und aus tiefer Abwesenheit zurückkehrte, war nicht weniger ausdrucksvoll als sein Versinken darein. Hoch aufseufzend, mit schwerer Würde, richtete er sich daraus empor, schüttelte es von sich und blickte erhobenen Hauptes groß im Leeren umher wie ein Erwachender, sinnfälligst sich sammelnd und sich in die Gegenwart wieder findend. Der Vorschlag Josephs, sich zu ihm niederzulassen, schien überhört. Auch war es nicht der Augenblick für ansprechende Histörchen, wie dieser zu seiner Beschämung erkennen mußte. Der Alte hatte noch ein und das andere ernste Wort mit ihm zu reden. Die Sorge wegen des Löwen war nicht seine einzige gewesen; Joseph hatte Anlaß zu weiteren gegeben, und nichts war ihm geschenkt. Er hörte:
»Es ist ein Land weit unten, das Land Hagars, der Magd, Chams Land oder das schwarze geheißen, das äffische Ägypterland. Denn seine Leute sind schwarz an der Seele, wenn auch rötlich von Angesicht, und kommen alt aus Mutterleib, so daß ihre Säuglinge kleinen Greisen gleichen und schon nach einer Stunde anfangen, vom Tode zu lallen. Sie tragen, wie ich vernahm, ihres Gottes Mannheit drei Ellen lang durch die Gassen mit Trommeln und Saitenspiel und buhlen in Gräbern mit geschminkten Leichnamen. Ohne Ausnahme sind sie dünkelhaft, lüstern und traurig. Sie kleiden sich nach dem Fluche, der Cham getroffen, welcher nackt gehen sollte mit bloßer Scham, denn Leinewand, dünn wie Spinnenwerk, bedeckt ihre Blöße, ohne sie zu verbergen, und damit wissen sie sich noch gar viel und sagen, sie trügen gewebte Luft. Denn sie schämen sich nicht ihres Fleisches und haben für die Sünde weder Wort noch Verstand. Die Bäuche ihrer Toten stopfen sie mit Spezereien und legen an die Stelle des Herzens mit Recht das Bild eines Mistkäfers. Sie sind reich und unflätig wie Sodoms und Amorras Leute. Nach Belieben stellen sie ihre Betten mit denen der Nachbarn zusammen und tauschen die Weiber aus. Geht eine Frau über den Markt und sieht einen Jüngling, nach dem es sie gelüstet, so legt sie sich zu ihm. Sie sind wie Tiere und bücken sich vor Tieren im Innersten ihrer uralten Tempel, und ich bin berichtet, daß ein bis dahin reines Mädchen sich dort vor allem Volke von einem Bock namens Bindidi hat bespringen lassen. Billigt mein Sohn diese Sitten?«
Da Joseph einsah, auf welchen Verstoß sich solche Worte bezogen, ließ er Kopf und Unterlippe hängen, wie ein kleiner Junge, der gescholten wird. In dem Ausdruck halb schmollender Bußfertigkeit aber verbarg er ein Lächeln; denn er wußte, daß Jaakobs Schilderung der Sitten von Mizraim starke Verallgemeinerungen, Einseitigkeiten und Übertreibungen enthielt. Nach einigem zerknirschten Verstummen schlug er, zur Antwort angehalten, bittende Augen auf, die in denen des Vaters nach dem ersten Schein eines Lächelns der Versöhnung forschten und es durch vorsichtiges Entgegenkommen, ein abwechselndes Sichvorwagen und Sichwiederzurücknehmen eigener Lustigkeit herauszulocken suchten. Vermittelnde Rede trieb schon ihr Spiel darin, bevor er sagte:
»Wenn dem so ist dort unten, lieber Herr, so hütet dies unvollkommene Kind hier sich wohl in seinem Herzen, es gutzuheißen. Immerhin scheint mir, daß die Feinheit der ägyptischen Leinwand, und daß sie wie Luft ist, von der Geschicklichkeit jener greisen Mistkäfer im Handwerk ein Zeugnis ablegt, welches von einer anderen Seite her und bedingungsweis für sie einnehmen könnte. Und wenn ihr Fleisch ihnen keine Scham macht, so könnte jemand, der in der Nachsicht überweit gehen wollte, vielleicht zu ihrer Entschuldigung anführen, daß sie meistens recht mager am Leibe sind und spärlichen Fleisches, daß aber feistes Fleisch mehr Anlaß hat, sich zu schämen, als dürres, und zwar …«
Da war es nun Jaakobs Sache, sich ernst zu halten. Er versetzte mit einer Stimme, in der scheltende Ungeduld und Zärtlichkeit einen bewegten Kampf führten:
»Du sprichst wie ein Kind! Du weißt die Worte zu fügen, und deine Rede ist einnehmend wie eines listigen Kamelhändlers beim Feilschen, ihr Sinn jedoch überaus kindisch. Ich will nicht glauben, daß du beabsichtigst, meiner Bangigkeit zu spotten, die mich zittern läßt, du möchtest dem Herrn mißfallen und seinen Eifer erregen über dich und Abrahams Samen. Meine Augen haben gesehen, daß du nackt saßest unter dem Monde, als ob nicht der Höchste in unser Herz gegeben hätte das Wissen der Sünde, und als ob nicht die Nächte des Frühjahrs kühl wären auf diesen Höhen nach des Tages Hitze und nicht der böse Fluß dich befallen könnte über Nacht und Fieber dich sinnlos machen, ehe der Hahn kräht. Darum will ich, daß du sogleich deinen Oberrock anlegst zu dem Hemd nach der Frömmigkeit der Kinder Sems. Denn es ist wollen, und ein Wind gehet von Gilead. Und ich will, daß du mich nicht ängstigest, denn meine Augen haben noch mehr gesehen, und ich fürchte, sie sahen, daß du den Gestirnen Kußhände zuwarfst …«
»Mitnichten!« rief Joseph, heftig erschrocken. Er war aufgesprungen vom Brunnenrande, um in seinen knielangen, braun und gelben Kittel zu fahren, den der Vater genommen und ihm hingereicht; aber die rasche Bewegung und das Aufrechtstehen schien zugleich seine Abwehr ausdrücken zu sollen gegen des Alten Verdacht, den es um jeden Preis zu entkräften galt – und mit allen Mitteln. Geben wir acht, hier war alles sehr kennzeichnend! Jaakobs mehrfach geschichtete und beziehungshaft verschränkte Denkweise bewährte sich in der Art, wie er drei Vorwürfe zu einem machte: den der hygienischen Unvorsichtigkeit, des Mangels an Schamhaftigkeit und des religiösen Rückfalls. Der letztere war die unterste und schlimmste Lage des Besorgniskomplexes, und Joseph, beide Arme halb in den Ärmeln des Kittels, dessen Kopfloch er in der Aufregung nicht finden konnte, zog seinen Kampf mit dem Kleidungsstück mit heran, um anschaulich zu machen, wie sehr ihm daran gelegen war, ein Verhalten abzuleugnen, das er zugleich auf die verschmitzteste Art zu rechtfertigen wußte.
»Dies nie und nimmer! Das ganz und gar nicht!« beteuerte er, während sein hübscher und schöner Kopf den Weg durch des Kittels Ausschnitt fand; und bestrebt, die Überzeugungskraft seiner Verwahrung durch die Gewähltheit seiner Redewendungen zu erhöhen, fügte er hinzu:
»Des Väterchens Meinung ist, das versichere ich, in der betrübendsten Weise vom Irrtum umdunkelt!«
Er rückte erregt den Rock mit den Schultern zurecht und zog ihn mit beiden Händen hinunter, griff nach dem Myrtenzweiggebinde auf seinem Kopf, um das Zerzauste beiseitezuwerfen, und begann ohne Hinblicken an den Schnüren zu nesteln, mit denen der Rock unter dem Halsausschnitt zu schließen war. »Von Kußhänden kann auch nicht im entferntesten … Wie sollte ich ein solch großes Übel tun? Habe mein teurer Herr doch die Gnade, meine Fehler nachzurechnen, und siehe, er wird finden, daß sie nicht zählen! Ich blickte empor, gewiß, das trifft zu. Ich sah das Licht strahlen, es prächtig dahinziehen, und meine von den Feuerpfeilen der Sonne verletzten Augen haben sich gekühlt in dem linden Schein des Gebildes der Nacht. Denn so heißt es im Liede und gehet unter den Menschen von Mund zu Mund:
›Dich, Sin, ließ er glänzen. Die Zeit zu bestimmen,
In Wechsel und Wandel, vermählt' er die Nacht dir
Und krönte mit Hoheit dein festlich Vollenden.‹«
Er litaneite das, um eine Brunnenstufe über den Alten erhöht, die Hände aufgestellt, indem er den Oberkörper bei jedem ersten Halbvers nach einer Seite und bei dem zweiten nach der anderen Seite sinken ließ.
»Schapattu«, sagte er. »Das ist der Tag des festlichen Vollendens, der Tag der Schönheit. Er steht nahe bevor, morgen oder zweimal morgen wird er eintreten. Aber auch am Sabbat werde ich nicht daran denken, dem Zeitbestimmer auch nur die kleinste und versteckteste Kußhand zu werfen, denn es heißt nicht, daß er von selber glänzte, sondern daß Er ihn glänzen ließ und ihm die Krone verlieh …«
»Wer«, fragte Jaakob leise. »Wer ließ ihn glänzen?«
»Mardug-Bel!« rief Joseph vorschnell, ließ dem aber sogleich ein langgezogenes »Eh –« folgen, währenddessen er austilgend den Kopf schüttelte, und fuhr fort:
»… wie sie ihn nennen in den Geschichten. Es ist jedoch – das Väterchen muß das nicht von diesem erbärmlichen Kinde erfahren – der Herr der Götter, welcher stärker ist denn alle Anunnaki und die Baale der Völker, der Gott Abrahams, der den Drachen schlug und die dreifache Welt erschuf. Wenn er zürnend sich abkehrt, wendet er nicht wieder seinen Nacken, und wenn er ergrimmt, tritt kein anderer Gott seiner Wut entgegen. Der Hochherzige ist er, umfassenden Sinnes, Frevler und Sünder sind ein Gestank seiner Nase, aber dem, der da zog aus Ur, hat er sich zugeneigt und einen Bund mit ihm errichtet, daß er sein Gott sein wolle, sein und seines Samens. Und sein Segen ist gekommen auf Jaakob, meinen Herrn, welchem bekanntlich als schöner Name der Titel Jisrael gebührt und der da ist ein großer Verkünder, aller Einsicht voll, und sehr weit entfernt, seine Kinder so fehlerhaft zu unterweisen, daß sie es sich beikommen ließen, den Gestirnen Kußhände zuzuwerfen, wie solche doch einzig dem Herrn gebühren würden unter der zu verneinenden Voraussetzung, daß sie sich schicken würden ihm gegenüber, was aber so wenig der Fall ist, daß man sagen könnte, immer noch im Vergleich sei es schicklicher, sie den blanken Gestirnen zu werfen. Aber wenn man dies sagen könnte, so sage doch ich es nicht, und wenn ich die Finger zum Munde geführt habe zu irgendeiner Kußhand, so will ich sie nicht wieder dahin führen, um zu essen, so daß ich verhungere. Und ich will auch dann nicht mehr essen, sondern es vorziehen, zu verhungern, wenn das Väterchen es sich nicht augenblicklich bequem macht und sich zum Sohne niedersetzt auf den Rand der Tiefe. Ohnedies steht mein Herr schon viel zu lange auf seinen Füßen, da er doch an der Hüfte eine heilige Schwäche hat, von der man sehr wohl weiß, auf welche hocheigentümliche Weise er dazu gekommen –«
Er wagte es, zu dem Alten niederzutreten und behutsam den Arm um seine Schultern zu legen, überzeugt, ihn durch sein Geschwätz verzaubert und besänftigt zu haben; und Jaakob, der, mit der kleinen steinernen Siegelwalze spielend, die ihm auf der Brust hing, in Gottesgrübeleien gestanden hatte, gab aufseufzend dem leichten Drucke nach, setzte den Fuß auf die Rundstufe und setzte sich auf den Brunnenrand nieder, indem er den Stab in den Arm lehnte, sein Kleid ordnete und nun seinerseits das Gesicht dem Monde zuwandte, der klar seine zarte Greisenmajestät erhellte und seine klug besorgten kastanienbraunen Augen spiegelig glänzen ließ. Zu seinen Füßen saß Joseph dem Bilde gemäß, das er schon früher ersehen und empfohlen hatte. Und während er Jaakobs Hand auf seinem Haare spürte, die sich in streichelnder Bewegung, dem Alten wohl unbewußt, darauf niedergelassen, fuhr er mit leiserer Stimme zu sprechen fort:
»Siehe, so ist es fein und lieblich, und alle drei Nachtwachen lang möchte ich so sitzen, wie ich es mir schon längst gewünscht. Mein Herr blickt empor in das Antlitz droben, und ich habe es ebenso gut, da ich mit dem äußersten Vergnügen in das seine blicke, das ich ebenfalls sehe wie eines Gottes Antlitz und das da leuchtet vom Widerschein. Sage, hast du nicht meines rauhen Oheims Esau Angesicht gesehen wie des Mondes Angesicht, als er so unverhofft sanft und brüderlich dir begegnete an der Furt, gemäß deinem Berichte? Aber auch das war nur ein Widerschein der Milde auf einem rauh glühenden Angesicht, deines Antlitzes Widerschein, lieber Herr, das zu sehen ist wie des Mondes und wie Habels, des Hirten, dessen Opfer dem Herrn wohlgefällig war, und nicht wie Kains und Esau's, deren Gesichter sind wie der Acker, wenn ihn die Sonne zerreißt, und wie die Scholle, wenn sie vor Dürre rissig wird. Ja, du bist Habel, der Mond und der Hirt, und alle die Deinen, wir sind Hirten und Schäfersleute und nicht Leute der ackerbauenden Sonne, wie die Bauern des Landes, die schwitzend hinter dem Pflugholze gehen und hinter dem Rindvieh des Pfluges und zu den Baalim des Landes beten. Wir aber blicken auf zum Herrn des Weges, dem Wanderer, der da ziehet im weißen Gewände glänzend herauf … Sage mir doch«, fuhr er in einem Zuge fort, beinahe ohne sich Atem zu gönnen, »ist nicht Abiram, unser Vater, ausgezogen von Ur in Chaldäa im Verdruß, und hat er nicht hinter sich gelassen die Mondburg seiner Stätte im Zorn, weil der Gesetzgeber seinem Gotte Marudug, der da ist der Sonnenbrand, mächtig das Haupt erhoben und ihn erhöht hatte über alle Götter von Sinear zum Verdruß der Leute des Sin? Und sage mir doch, nennen seine Leute dort draußen ihn nicht auch Sem, wenn sie ihn recht erhöhen wollen – so wie da hieß Noahs Sohn, des Kinder sind schwarz, aber lieblich, wie Rahel war, und wohnen zu Elam, Assur, Arpachsad, Lud und Edom? Warte und höre, denn dem Kinde fällt etwas ein! Hieß nicht Abrahams Weib Sahar, das ist der Mond? Siehe nun einmal an, ich werde dir eine kleine Rechnung machen. Sieben mal fünfzig Tage sind die Tage des Kreislaufs und vier darüber. In jedem Monat aber sind es drei Tage, daß die Menschen den Mond nicht sehen. Vermindere nun, mein Herr, wenn ich bitten darf, jene dreihundertvierundfünfzig um diese drei mal zwölf, und es sind dreihundertachtzehn Nächte des sichtbaren Mondes. Aber dreihundertachtzehn hausbürtige Knechte waren es an der Zahl, mit denen Abraham schlug die Könige aus Osten und sie trieb bis über Damask und Lot, seinen Bruder, befreite aus der Hand Kudur-Laomers, des Elamiten. Siehe doch an, so hat Abiram, unser Vater, den Mond geliebt, und so fromm war er ihm, daß er zum Kampfe abzählte seine Knechte genau nach den Tagen seines Scheines. Und gesetzt, ich hätte ihm Kußhände geworfen, nicht eine, sondern dreihundertachtzehn, während ich ihm in Wahrheit ja gar keine warf, sage doch, wäre das ein so großes Übel gewesen?«
Die Prüfung
»Du bist klug«, sagte Jaakob, indem er die Hand auf Josephs Haupt, die er während der Rechnung hatte ruhen lassen, wieder in Bewegung setzte, und sogar in lebhaftere als vorher, »du bist klug, Jaschup, mein Sohn. Dein Kopf ist außen hübsch und schön, wie Mami's war« (er gebrauchte den Kosenamen, mit dem der kleine Joseph die Mutter genannt hatte und der babylonischer Herkunft war: der irdisch-trauliche Name der Ischtar), »und innen gar scharf und fromm. So lustig war auch der meine, als ich nicht mehr Umläufe zählte als du, aber er ist schon etwas müde worden von den Geschichten, nicht nur von den neuen, sondern auch von den alten, die auf uns gekommen sind und die es zu bedenken gilt; ferner von den Schwierigkeiten und von Abrahams Erbe, das mir ein Sinnen ist, denn der Herr ist nicht deutlich. Möge immerhin sein Antlitz zu sehen sein wie das Antlitz der Milde, so ist es doch auch zu sehen wie Sonnenbrand und wie die lohe Flamme; und hat Sodom zerstört mit Glut, und es geht der Mensch hindurch durch das Feuer des Herrn, um sich zu reinigen. Die fressende Flamme ist er, die das Fett des Erstlings verzehrt am Fest der Tagesgleiche, draußen vor dem Zelt, wenn es dunkel ward und wir innen sitzen mit Zagen und vom Lamme essen, dessen Blut die Pfosten färbt, weil der Würger vorübergeht …«
Er unterbrach sich, und seine Hand wich von Josephs Haar. Der blickte auf und mußte sehen, daß der Greis das Gesicht mit den Händen bedeckt hielt und daß er zuckte.
»Was ist meinem Herrn!« rief er bestürzt, indem er sich eilig herumwarf und mit den Händen gegen die des Alten hinaufstrebte, ohne eine Berührung zu wagen. Er hatte zu warten und noch einmal zu bitten. Jaakob veränderte seine Stellung nur zögernd. Als er sein Gesicht enthüllte, schien es zügig vergrämt und drang mit mühseligen Augen neben dem Knaben hin ins Leere.
»Ich gedachte Gottes mit Schrecken«, sagte er, und seine Lippen schienen schwer beweglich. »Da war mir, als sei meine Hand die Hand Abrahams und läge auf Jizchaks Haupt. Und als erginge seine Stimme an mich und sein Befehl …«
»Sein Befehl«, fragte Joseph mit einer vogelhaft kurzen und herausfordernden Kopfbewegung …
»Der Befehl und die Weisung, du weißt es, denn du kennst die Geschichten«, antwortete Jaakob versagenden Tones und saß vorgebeugt, die Stirn gegen die Hand gelehnt, in der er den Stab hielt. »Ich habe sie vernommen, denn ist Er geringer als Melech, der Baale Stierkönig, dem sie der Menschen Erstgeburt bringen in der Not und überliefern bei heimlichem Fest die Kindlein in seine Arme? Und darf er nicht fordern von den Seinen, was Melech fordert von denen, die ihn glauben? Da forderte er es denn, und ich vernahm seine Stimme und sprach: ›Hier bin ich!‹ Und mein Herz stand still, mein Atem ging nicht. Und gürtete einen Esel in der Frühe und nahm dich mit mir. Denn du warst Isaak, mein Spätling und Erstling, und ein Lachen hatte der Herr uns zugerichtet, als er dich anzeigte, und warst mein ein und alles, und auf deinem Haupte lag alle Zukunft. Und nun forderte er dich mit Recht, wenn auch gegen die Zukunft. Da spaltete ich Holz zum Brandopfer und legte es auf den Esel und setzte das Kind dazu und zog aus mit den Hausknechten von Beerscheba drei Tage weit hinab gegen Edom und das Land Muzri und gegen Horeb, seinen Berg. Und als ich den Berg des Herrn von ferne sah und den Gipfel des Berges, ließ ich den Esel zurück mit den Knaben, daß sie auf uns warteten, und legte auf dich das Holz zum Brandopfer und nahm das Feuer und Messer, und wir gingen allein. Und als du mich ansprachst: ›Mein Vater?‹, da vermochte ich nicht zu sagen: ›Hier bin ich‹, sondern meine Kehle winselte unversehens. Und als du mit deiner Stimme sagtest: ›Wir haben Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer?‹, da konnte ich nicht antworten, wie ich hätte müssen, daß der Herr sich schon ersehen werde ein Schaf, sondern mir wurde so weh und übel, daß ich hätte mögen meine Seele aus mir speien mit Tränen, und winselte neuerdings, so daß du mit deinen Augen nach mir blicktest von der Seite. Und da wir zur Stätte kamen, baute ich den Schlachttisch aus Steinen und legte das Holz darauf und band das Kind mit Stricken und legte es obenauf. Und nahm das Messer und bedeckte mit der Linken dein Augenpaar. Und wie ich das Messer zückte und des Messers Schneide gegen deine Kehle, siehe, da versagte ich vor dem Herrn, und es fiel mir der Arm von der Schulter, und das Messer fiel, und ich stürzte zu Boden hin auf mein Angesicht und biß in die Erde und in das Gras der Erde und schlug sie mit Füßen und Fäusten und schrie: ›Schlachte ihn, schlachte ihn Du, o Herr und Würger, denn er ist mein ein und alles, und ich bin nicht Abraham, und meine Seele versagt vor Dir!‹ Und während ich schlug und schrie, so rollte ein Donner hin von der Stelle den Himmel entlang und verrollte weit. Und ich hatte das Kind und hatte den Herrn nicht mehr, denn ich hatte es nicht vermocht, für ihn, nein, nein, nicht vermocht«, stöhnte er und schüttelte die Stirne an der Hand am Stabe.
»Im letzten Augenblick«, fragte Joseph mit hohen Brauen, »versagte die Seele dir? Denn im nächsten«, so fuhr er fort, da der Alte nur schweigend den Kopf etwas wandte, »im allernächsten wäre ja die Stimme erschollen und hätte dir zugerufen: ›Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts!‹, und hättest den Widder gesehen in der Hecke.«
»Ich wußte es nicht«, sagte der Greis, »denn ich war wie Abraham, und die Geschichte war noch nicht geschehen.«
»Ei, sagtest du nicht, du hättest gerufen: ›Ich bin nicht Abraham‹?« versetzte Joseph lächelnd. »Warst du aber nicht er, so warst du Jaakob, mein Väterchen, und die Geschichte war alt, und du kanntest den Ausgang. War es doch auch nicht der Knabe Jizchak, den du bandest und schlachten wolltest«, fügte er, wieder mit jener zierlichen Kopfbewegung, hinzu. – »Das ist aber der Vorteil der späten Tage, daß wir die Kreisläufe schon kennen, in denen die Welt abrollt, und die Geschichten, in denen sie sich zuträgt und die die Väter begründeten. Du hättest mögen auf die Stimme und auf den Widder vertrauen.«
»Deine Rede ist gewitzt, aber unzutreffend«, erwiderte der Alte, der seinen Schmerz über dem Streitfall vergaß. »Zum ersten nämlich, wenn ich denn Jaakob war und nicht Abraham, so war nicht gewiß, daß es gehen werde wie damals, und ich wußte nicht, ob der Herr nicht wolle zu Ende geschehen lassen, was er einst aufgehalten. Zum zweiten, siehe doch an: Was wäre meine Stärke gewesen vor dem Herrn, wenn sie mir gekommen wäre aus der Rechnung auf den Engel und auf den Widder und nicht vielmehr aus dem großen Gehorsam und aus dem Glauben, daß Gott kann die Zukunft hindurchgehen lassen durch das Feuer unversehrt und sprengen die Riegel des Todes und Herr ist der Auferstehung? Zum dritten aber – hat denn Gott mich geprüft? Nein, er hat Abraham geprüft, der bestand. Mich aber habe ich selbst geprüft mit der Prüfung Abrahams, und mir hat die Seele versagt, denn meine Liebe war stärker denn mein Glaube, und ich vermochte es nicht«, klagte er wiederum und neigte aufs neue die Stirn zum Stab; denn nachdem er seinen Verstand gerechtfertigt, überließ er sich wieder dem Gefühl.
»Sicherlich habe ich Ungereimtes gesprochen«, sagte Joseph demütig, »meine Dummheit ist zweifellos größer als des Großteils der Schafe, und ein Kamel gleicht an Einsicht gewiß Noah, dem Hochgescheiten, im Vergleich zu diesem sinnlosen Knaben. Meine Antwort auf deine beschämende Zurechtweisung wird nicht erleuchteter sein, aber dem blöden Kinde scheint, daß, wenn du dich selber prüftest, du weder Abraham noch Jaakob warst, sondern – es ist ängstlich zu sagen – du warst der Herr, der Jaakob prüfte mit der Prüfung Abrahams, und du hattest die Weisheit des Herrn und wußtest, welche Prüfung er dem Jaakob aufzuerlegen gesonnen war, nämlich die, welche den Abraham zu Ende bestehen zu lassen er nicht gesonnen gewesen ist. Denn er sprach zu ihm: ›Ich bin Melech, der Baale Stierkönig. Bringe mir deine Erstgeburt!‹ Als aber Abraham sich anschickte, sie zu bringen, da sprach der Herr: ›Unterstehe dich! Bin ich Melech, der Baale Stierkönig? Nein, sondern ich bin Abrahams Gott, des Angesicht ist nicht zu sehen wie der Acker, wenn ihn die Sonne zerreißt, sondern vielmehr wie des Mondes Angesicht, und was ich befahl, habe ich nicht befohlen, auf daß du es tuest, sondern auf daß du erfahrest, daß du es nicht tun sollst, weil es schlechthin ein Greuel ist vor meinem Angesicht, und hier hast du übrigens einen Widder.‹ Mein Väterchen hat sich damit unterhalten, daß er sich prüfte, ob er zu tun vermöchte, was der Herr dem Abraham verbot, und grämt sich, weil er fand, daß er das nie und nimmer vermöchte.«
»Wie ein Engel«, sagte Jaakob, indem er sich aufrichtete und gerührt den Kopf schüttelte. »Wie ein Engel aus der Nähe des Sitzes sprichst du, Jehosiph, mein Gottesknabe! Ich wollte, Mami könnte dich hören; sie würde in die Hände klatschen, und ihre Augen, die du hast, würden vor Lachen schimmern. Nur die Hälfte der Wahrheit ist bei deinen Worten, und zur anderen Hälfte bleibt es bei dem, was ich sagte, denn ich habe mich schwach erwiesen in der Zuversicht. Aber dein Teil Wahrheit hast du angetan mit Anmut und gesalbt mit dem Salböl des Witzes, so daß es ein Spaß war für den Verstand und ein Balsam für mein Herz. Wie kommt es dem Kinde nur, daß seine Rede gewitzt ist durch und durch, so daß sie lustig fällt über den Felsen der Wahrheit und ins Herz plätschert, daß es vor Freude hüpft?«
Vom Öl, vom Wein und von der Feige
»Das verhält sich, wie folgt«, antwortete Joseph, »es hat der Witz die Natur des Sendboten hin und her und des Unterhändlers zwischen Sonne und Mond und zwischen Schamaschs Macht und Sins Macht über den Körper und das Gemüt des Menschen. So hat es mich Eliezer gelehrt, dein weiser Knecht, als er mir anzeigte die Wissenschaft der Sterne und ihrer Begegnungen und ihrer Macht über die Stunde, je wie sie sich anschauen. Und als er mir stellte den Stundenzeiger meiner Geburt zu Charran in Mesopotamien im Tammuz-Monat um Mittag, da Schamasch im Scheitel stand und im Zeichen der Zwillinge und im Osten heraufkam das Zeichen der Jungfrau.« Er wies hinaufschauend mit dem Finger nach den Sternbildern, von denen das eine sich aus der Höhe gegen Westen neigte, das andere auch jetzt im östlichen Aufsteigen begriffen war, und fuhr fort: »Das ist ein Nabuzeichen, muß das Väterchen wissen, ein Zeichen Thots, des Tafelschreibers, das ist ein leichter, beweglicher Gott, als welcher zwischen den Dingen zum Guten redet und fördert den Austausch. Und auch die Sonne stand also in einem Zeichen Nabu's, der war der Herr der Stunde und hatte eine Zusammenkunft mit dem Mond, ihm wohltätig nach der Erfahrung der Priester und Deuter, denn seine Gewitztheit empfängt Milde durch eine solche und sein Herz Weichheit. Es erhielt jedoch Nabu, der Mittler, einen Gegenschein von Nergal, dem Unheilstifter und Fuchs, durch welchen seiner Herrschaft ein hartes Gepräge zuteil wird und gestempelt wird mit der Siegelrolle des Schicksals. So auch Ischtar, deren Teil ist Maß und Anmut, Liebe und Gnade, und die gipfelte um jene Stunde und sah sich mit Sin und Nabu freundlich an. Auch stand sie im Stiere, und die Erfahrung lehrt, daß das Gelassenheit gebe und ausharrende Tapferkeit und den Verstand ergötzlich gestalte. Aber auch sie empfing, so sagt Eliezer, einen Gedrittschein von Nergal im Ziegenfisch, und Eliezer freute sich darob, denn ihre Süßigkeit, meinte er, schmeckte nicht fade infolgedessen, sondern wie Honigseim nach der Würze des Feldes. Es stand der Mond im Zeichen Krebs, seinem eigenen, und alle Dolmetscher standen, wenn nicht im eigenen, so doch in befreundeten Zeichen. Trifft aber zum stark gestellten Monde Nabu, der Gescheite, so wird weit ausgegriffen in der Welt. Und hat, wie zu jener Stunde, die Sonne einen Gedrittschein zu Ninurtu, dem Krieger und Jäger, so ist es ein Fingerzeig auf Anteil an den Geschehnissen in den Reichen der Erde und an der Handhabung der Herrschaft. So wäre es kein übler Stundenzeiger gewesen nach den Regeln, wenn nicht durch die Albernheit des mißlungenen Kindes alles verdorben würde.«
»Hm«, machte der Alte, ließ seine Hand behutsam über Josephs Haar gehen und sah beiseite. »Das steht beim Herrn«, sagte er, »der die Sterne lenkt. Was er aber anzeigt mit ihnen, kann nicht jedesmal das gleiche besagen. Wärest du eines Großen Sohn und eines Gewaltigen in der Welt, so wäre vielleicht zu lesen, daß du Anteil haben sollst an Staatswesen und Regiment. Da du aber nur ein Hirte bist und eines Hirten Sohn, so liegt dem Verstande offen, daß es anders zu deuten sein muß, in verjüngtem Maßstabe. Wie ist es aber mit dem Witz als einem Sendboten hin und her?«
»Darauf komme ich nunmehr«, antwortete Joseph, »und lenke meine Rede in diese Richtung. Denn meines Vaters Segen, das war die Geburtssonne im Zenit mit ihrem Scheine zu Mardug in der Waage und zu Ninurtu im elften Zeichen, und dazu kam noch der Schein, den diese beiden väterlichen Dolmetscher, der König und der Gewappnete, miteinander tauschten. Das ist ein starker Segen! Aber es erkenne mein Herr, wie mächtig auch der mütterliche war und der Mondsegen, an den starken Stellungen von Sin und Ischtar! Da ist es denn wohl der Witz, der erzeugt wird, zum Beispiel in dem Gegenscheine von Nabu zu Nergal, von dem vorherrschenden Schreiber und dem harten Licht des rückläufigen Bösewichts im Ziegenfisch; und wird erzeugt, damit er den Geschäftsträger und Unterhändler mache zwischen Vatererbe und Muttererbe und ausgleiche zwischen Sonnengewalt und Mondesgewalt und den Tagessegen lustig versöhne mit dem Segen der Nacht …«
Das Lächeln, mit dem er abbrach, war etwas verzerrt, aber Jaakob, über und hinter ihm, sah es nicht. Er sagte:
»Eliezer, der Alte, ist vielerfahren und hat mancherlei Weistümer gesammelt und sozusagen Steine gelesen aus der Zeit vor der Flut. Auch hat er dich allerlei Wahres und Würdiges gelehrt von den Anfängen, den Herkünften und Bewandtnissen und allerlei Nützliches, das sich gebrauchen läßt in der Welt. Aber von manchem Dinge ist nicht mit Sicherheit auszusagen, ob es den wahren und nützlichen beizuzählen sei, und mein Herz schwankt in Zweifel, ob er gut tat, dir die Künste anzuzeigen der Sterndeuter und Zauberer von Sinear. Denn ich halte zwar meines Sohnes Kopf für wert alles Wissens, aber ich wüßte nicht, daß unsere Väter in den Sternen gelesen hätten oder daß Gott den Adam angewiesen hätte, es zu tun, und ich besorge und zweifle, ob es nicht etwa dem Lichterdienst gleichkomme und vielleicht ein Greuel sei vor dem Herrn und ein zwiefältig dämonisch Mittelding zwischen Frommheit und Abgötterei.« Er schüttelte bekümmert das Haupt, in seinem persönlichsten Zustand befangen, nämlich in dem des Grames um das Rechte und der sinnenden Sorge um die Undeutlichkeit Gottes.
»Vieles ist zweifelhaft«, antwortete Joseph, wenn das eine Antwort war, was er äußerte. »Ist es beispielsweise die Nacht, die den Tag verbirgt, oder verhält es sich gegenteilig, so. daß dieser die Nacht verbärge? Dies zu bestimmen wäre von Wichtigkeit, und oft habe ich es erwogen auf dem Felde und in der Hütte, um, wenn ich zur Gewißheit gelangte, Folgerungen daraus zu ziehen auf die Tugend des Sonnensegens und die Tugend des Mondessegens sowie auf die Schönheit des Vater- und Muttererbes. Denn es ging mein Mütterchen, deren Wangen dufteten wie das Rosenblatt, hinab in die Nacht, da sie mit dem Bruder niederkam, der noch in den Zelten der Weiber wohnt, und wollte ihn sterbend Ben-Oni heißen, zumal bekannt ist, daß zu On in Ägypterland der Sonne liebster Sohn, Usiri, seine Stätte hat, der ist der König der Unteren. Du aber nanntest das Knäblein Ben-Jamin, damit kund werde, daß er ein Sohn der Rechten und Liebsten sei, und auch das ist ein schöner Name. Dennoch gehorche ich dir nicht immer, sondern nenne den Bruder zuweilen Benoni, und er hört gern darauf, weil er weiß, daß Mami scheidend es einen Augenblick so gewollt hat. Die ist nun in der Nacht und liebt uns aus der Nacht, den Kleinen und mich, und ihr Segen ist Mondessegen und ein Segen der Tiefe. Weiß nicht mein Herr von den zwei Bäumen im Garten der Welt? Von dem einen kommt her das Öl, womit man die Könige der Erde salbt, auf daß sie leben. Von dem anderen kommt her die Feige, grün und rosig und voll süßer Granatkerne, und wer davon ißt, der wird des Todes sterben. Aus seinen breiten Blättern machten Adam und Heva sich Schurze, ihre Scham zu bedecken, da Erkennen ihr Teil geworden unter dem Vollmond der Sommersonnenwende, da er seinen Hochzeitspunkt durchschritt, auf daß er abnähme und stürbe. Öl und Wein sind der Sonne heilig, und wohl dem, dessen Stirn vom Öle trieft und dessen Augen trunken schimmern vom roten Wein! Denn seine Worte werden helle sein und ein Lachen und Trost den Völkern, und wird ihnen ersehen den Widder in der Hecke zum Opfer für den Herrn statt der Erstgeburt, so daß sie genesen von Qual und Angst. Aber die süße Feigenfrucht ist dem Monde heilig, und wohl ihm, den das Mütterchen speist aus der Nacht mit ihrem Fleische. Denn er wird wachsen wie an einer Quelle und seine Seele Wurzeln haben, woher die Quellen kommen, und wird sein Wort leibhaft sein und lustig wie der Erdenleib, und bei ihm wird sein der Geist der Weissagung …«
Wie sprach er? Er flüsterte. Es war, wie früher schon einmal, bevor der Vater ihn fand, es war nicht geheuer. Er verstellte die Schultern, die Hände zitterten auf seinen Knien, er lächelte, aber dabei, unpassenderweise, verkehrten die Augäpfel sich ihm ins Weiße. Jaakob sah es nicht, aber er hatte gelauscht. Er neigte sich gegen ihn, und seine Hände waren über und neben dem Kopf des Knaben in vorsichtig entfernter Beschirmung. Dann legte er ihm doch die Linke wieder aufs Haar, wodurch sogleich eine Entspannung von Josephs Zustand bewirkt wurde, und während er mit der anderen die Rechte des Sohnes auf dessen Knien suchte, sagte er mit behutsamer Vertraulichkeit:
»Höre, Jaschup, mein Kind, was ich dich fragen will, da es mir das Herz besorgt macht um des Viehes willen und des Gedeihens der Herden! Es waren die Frühregen angenehm und fielen, bevor noch der Winter kam, und war kein Platzen der Wolken, das den Acker verschwemmt und nur die Brunnen der Unsteten füllt, sondern ein sanftes Rieseln, wohltätig dem Felde. Aber der Winter war dürr, und es wollte das Meer die Luft seiner Milde nicht schicken, sondern die Winde gingen von Steppe und Wüste, und der Himmel war klar, dem Auge erfreulich, aber eine Besorgnis dem Herzen. Wehe, wenn auch die Spätregen verzögen und ausblieben, denn es wäre geschehen um die Ernte des Landmannes und um die Saaten des Ackerbauers, und das Kraut verdorrte vor seiner Zeit, so daß das Vieh nicht fände, was es fräße, und die Euter der Mütter hingen schlaff. Sage mir doch das Kind einmal, was es von Wind und Wetter hält und den Aussichten des Wetters, und wie ihm zu Sinne ist, die Frage betreffend, ob die Spätregen noch einsetzen werden beizeiten.«
Damit beugte er sich noch tiefer über den Sohn, wandte dabei das Gesicht ab und hielt das Ohr über seinen Kopf.
»Du lauschest über mir«, sagte Joseph, obgleich er es nicht sah, »und das Kind lauscht weiter hin, in das Äußere und in das Innere, und überbringt deinem Lauschen Kunde und Nachricht. Denn es ist ein Tropfen in meinem Ohr von den Zweigen und ein Rieseln über den Gebreiten, obgleich der Mond überklar ist und der Wind geht von Gilead. Denn dies Rauschen ist nicht jetzt in der Zeit, aber nahe in der Zeit, und meine Nase riecht es mit Sicherheit, daß, ehe der Nissan-Mond abgenommen hat um ein Viertel, die Erde wird schwanger werden durch das Manneswasser des Himmels und wird dampfen und dünsten vor Lust, wie ich es rieche, und werden die Anger voll Schafe sein und die Auen dick stehen mit Korn, daß man jauchzet und singt. Ich hörte und lernte, daß ursprünglich die Erde vom Strome Tawi getränkt wurde, der von Babel ausging und sie in vierzig Jahren einmal wässerte. Aber dann bestimmte der Herr, daß sie vom Himmel getränkt werden sollte, aus vier Gründen, von denen einer war, daß aller Augen emporschauen sollten. So werden wir aufblicken mit Dank zum Himmel des Sitzes, in dem die Wettervorrichtungen und die Kammern der Wirbelwinde und Ungewitter sich befinden, wie ich sie im Traume sah, als ich gestern schlummerte unter dem Baum der Unterweisung. Denn ein Cherubu, der sich Jophiel nannte, hatte mich freundlicherweise dorthin geführt an der Hand, damit ich mich umsähe und etwas Einblick nähme. Und ich sah die Höhlen voll Dampf, deren Türen aus Feuer waren, und sah die Geschäftigkeit der Handlanger. Und hörte sie untereinander sagen: ›Befehl ist ergangen in Hinsicht auf das Feste und auf den Wolkenhimmel. Siehe, es herrscht Dürre über dem Westlande und Trockenheit über der Ebene und den Weiden der Hochfläche. Vorkehrungen sind zu treffen, daß es baldigst regne über das Land der Amoriter, Ammoniter und Pheresiter, der Midianiter, Heviter und Jehbusiter, namentlich aber über die Gegend der Stätte Hebron auf der Höhe der Wasserscheide, woselbst mein Sohn Jaakob, betitelt Jisrael, seine zahllosen Herden weidet!‹ Dies träumte mir mit einer Lebhaftigkeit, die ihrer nicht spotten läßt, und da es überdies unter dem Baume war, so kann mein Herr getrost und sicher sein in betreff der Tränkung.«
»Gepriesen seien Elohim«, sagte der Alte. »Wir wollen jedenfalls noch Schlachtvieh auslesen zum Brandopfer und ein Mahl halten vor Ihnen und die Eingeweide mit Weihrauch und Honig verbrennen, damit sich bewahrheite, was du sagst. Denn ich fürchte, die Städter und Leute des Landes möchten sonst alles verderben, indem sie es auf ihre Art treiben und eine Wüstheit ansagen zu Ehren der Baalat und ein Paarungsfest mit Cymbeln und Geschrei um der Fruchtbarkeit willen. Es ist schön, daß mein Knabe gesegnet ist mit Träumen; das macht, weil er mein Erstgeborener ist von der Rechten und Liebsten. Auch mir ward viel offenbart, als ich jünger war, – und was ich sah, als ich von Beerscheba reiste wider Willen und, ohne es zu wissen, auf die Stätte und den Zugang gestoßen war, das kann sich wohl messen mit dem, was man dir zeigte. Ich liebe dich, weil du mir Trost gesprochen hast in betreff der Tränkung, aber sage es nicht jedermann, daß du unter dem Baume träumst, sage es nicht den Kindern Lea's und sprich nicht davon zu den Kindern der Mägde, denn sie könnten sich ärgern an deiner Begabung!«
»Darauf lege ich dir die Hand unter die Lende«, erwiderte Joseph. »Dein Wort ist ein Siegel auf meinem Munde. Ich weiß wohl, daß ich ein Schwätzer bin, aber wenn die Vernunft es gebietet, kann ich mich sehr wohl bemeistern; um desto leichter wird es mir fallen, als meine kleinen Gesichte in der Tat nicht der Rede wert sind, verglichen mit dem, was meinem Herrn an der Stätte Luz zuteil wurde, als die Boten auf und nieder stiegen von der Erde zu den Toren und Elohim sich ihm enthüllte …«
Zwiegesang
»Ach, mein Väterchen und lieber Herr!« sagte er, indem er sich glücklich lächelnd umwandte und mit einem Arm den Vater umschlang, den das nicht wenig entzückte. »Wie herrlich ist es, daß Gott uns liebt und Lust zu uns hat und daß er den Rauch unseres Opfers aufsteigen läßt in Seine Nase! Denn obgleich Habel nicht Zeit hatte, Kinder zu zeugen, sondern auf dem Felde erschlagen wurde von Kain, um ihrer Schwester Noema willen, so sind wir doch vom Geschlechte Habels, des Zeltbewohners, und vom Geschlechte Isaaks, des Jüngeren, dem der Segen ward. Darum so haben wir beides, Verstand und Träume, und ist beides eine große Lust. Denn es ist köstlich, Weisheit und Sprache zu besitzen, daß man zu reden und zu erwidern versteht und alles zu nennen weiß. Und es ist gleichermaßen köstlich, ein Narr zu sein vor dem Herrn, so daß man, ganz ohne es zu wissen, auf die Stätte stößt, die ist das Band Himmels und der Erden, und im Schlafe kund wird der Anschläge des Rates und Träume und Gesichte zu deuten weiß, sofern sie Fingerzeige geben, was geschehen wird von Mond zu Mond. So war Noah der Erzgescheite, dem der Herr die Flut ansagte, damit er das Leben rette. So war auch Henoch, der Sohn Jareds, weil er einen reinen Wandel führte und sich in lebendigem Wasser wusch. Das war Hanok, der Knabe, und weißt du von ihm? Ich weiß es genau, wie alles mit ihm verlief, und daß Gottes Liebe zu Habel und Jizchak nur lau war im Vergleich mit seiner Liebe zu ihm. Denn es war Hanok dermaßen klug und fromm und belesen in der Schreibtafel des Geheimnisses, daß er sich von den Menschen sonderte und der Herr ihn hinwegnahm, so daß er nicht mehr gesehen wurde. Und machte ihn zum Engel des Angesichts, und er ward zum Metatron, dem großen Schreiber und Fürsten der Welt …«
Er schwieg und erblaßte. Zuletzt hatte er kurzatmig gesprochen und verbarg nun abbrechend sein Gesicht an des Vaters Brust. Dieser hütete es dort gern. Er sagte über ihm und in die versilberten Lüfte empor:
»Wohl weiß ich von Hanok, der von dem ersten Menschengeschlechte war, dem Sohn Jareds, der da war Mahalaleëls Sohn, dieser aber des Kenan, dieser des Enos und Enos des Set, der war Adams Sohn. Dies ist Henochs Geburt und Geschlecht bis zurück zum Anfang. Aber seines Sohnes Sohnessohn war Noah, der zweite Erste, und er zeugte den Sem, des Kinder sind schwarz, aber lieblich, und von dem Eber kam im vierten Gliede, so daß er der Vater aller Kinder von Eber und aller Ebräer und unser Vater …«
Es war bekannt und nichts Neues, was er da zusammenfaßte. Jeder in Stamm und Sippe hatte die Lehre der Geschlechtsfolge von Kind auf am Schnürchen, und der Alte benutzte nur die Gelegenheit, sie unterhaltungsweise zu wiederholen und zu bezeugen. Joseph verstand, daß das Gespräch ›schön‹ werden sollte, ein ›Schönes Gespräch‹, das hieß: ein solches, das nicht mehr dem nützlichen Austausch diente und der Verständigung über praktische oder geistliche Fragen, sondern der bloßen Aufführung und Aussagung des beiderseits Bekannten, der Erinnerung, Bestätigung und Erbauung, und ein redender Wechselsang war, wie die Hirtenknechte ihn tauschten des Nachts auf dem Felde am Feuer und anfingen: »Weißt du davon? Ich weiß es genau.« So richtete er sich auf und fiel ein:
»Und siehe da, von Eber kam Peleg und zeugte den Serug, des Sohn war Nahor, der Vater Terachs, o Jubel! Der zeugte den Abraham zu Ur in Chaldäa und zog aus mit Abraham, seinem Sohne, und mit seines Sohnes Weib, die hieß Sahar, wie der Mond, und war unfruchtbar, und mit Lot, seines Sohnes Brudersohn. Und nahm sie und führte sie aus Ur und starb zu Charran. Da geschah der Befehl Gottes an Abraham, daß er weiterzöge mit den Seelen, die er dem Herrn gewonnen, über die Ebene und über das Wasser Phrat auf der Straße, die das Band ist von Sinear und Amurruland.«
»Ich weiß es genau«, sagte Jaakob und nahm das Wort wieder an sich. »Es war das Land, das der Herr ihm weisen wollte. Denn Gottes Freund war Abraham und hatte entdeckt unter den Göttern den höchsten Herrn in der Wahrheit mit seinem Geiste. Und kam gen Damask und zeugte den Eliezer dort mit einer Magd. Dann ging er weiter über das Land mit den Seinen, die Gottes waren, und heiligte neu nach seinem Geist die Anbetungsstätten der Leute des Landes und die Altäre und Steinkreise und unterwies das Volk unter den Bäumen und lehrte es das Kommen der Segenszeit, daß er Zuzug hatte aus den Gegenden und die ägyptische Magd zu ihm kam, Hagar, die Mutter Ismaels. Und kam gen Schekem.«
»Das weiß ich wie du«, sang Joseph, »denn der Vater zog aus dem Tale aufwärts und kam nach der Stätte, die hochberühmt, und die Jaakob fand, und baute Jahu, dem Höchsten, einen Opfertisch zwischen Bethel und der Zuflucht Ai. Und ging von da gegen Mittag nach dem Lande Negeb, und das ist hier, wo das Gebirge abfällt gen Edom. Da ging er vollends unter und zog in das kotige Ägypterland und das Land Amenemhets, des Königs, und ward da silbern und gülden, daß er sehr reich war an Herden und Schätzen. Und ging wieder auf gen Negeb, da trennte er sich von Lot.«
»Und weißt du, warum?« fragte Jaakob zum Schein. »Weil auch Lot sehr schwer war an Schafen, Rindern und Hütten, und das Land sie beide nicht trug. Siehe nun aber an, wie milde der Vater war, denn da Zank war zwischen ihren Hirten über die Weiden, da war es nicht wie unter den Räubern der Steppe, die kommen und würgen das Volk, dessen Weide und Brunnen sie wollen, sondern er sprach zu Lot, seinem Brudersohn: ›Laß doch lieber nicht Zank sein zwischen den Deinen und Meinen! Weit ist das Land, und wir wollen uns scheiden, daß einer dorthin geht und der andere dahin, ohne Haß.‹ Da zog Lot gegen Aufgang und ersah sich die ganze Jordansaue.«
»So war es in Wahrheit«, trat Joseph wieder ein. »Und Abraham wohnte bei Hebron, der Vierstadt, und heiligte den Baum, der uns Schatten und Träume gibt, und war eine Zuflucht dem Wanderer und eine Herberge dem Obdachlosen. Er gab den Durstenden Wasser und brachte den Verirrten auf den Weg und wehrte den Räubern. Und nahm nicht Lohn noch Dank, sondern lehrte anzubeten seinen Gott El eljon, den Herrn des Hauses, den barmherzigen Vater.«
»Du sagst es recht«, bestätigte Jaakob gesangsweise. »Und es geschah, daß der Herr einen Bund machte mit Abraham, da er opferte bei Sonnenuntergang. Denn er nahm eine Kuh, eine Ziege und einen Widder, alle dreijährig, und eine Turteltaube und eine junge Taube. Und zerteilte, was vierfüßig war, und legte auseinander die Hälften und tat einen Vogel auf jede Seite und ließ offen den Weg des Vertrages zwischen den Teilen und schaute nach den Adlern, die auf die Stücke stießen. Da fiel ein Schlaf über ihn, der war nicht wie andere, und faßten ihn Schrecken und Finsternis. Denn der Herr redete zu ihm im Schlaf und ließ ihn sehen die Fernen der Welt und das Reich, das ausging aus seines Geistes Samen und sich ausbreitete aus der Sorge und Wahrheit seines Geistes, und große Dinge, von denen nichts wußten die Fürsten der Reiche und die Könige von Babel, Assur, Elam, Chatti und Ägypterland. Und ging hindurch in der Nacht als eine Feuerflamme auf dem Weg des Vertrages zwischen den Opferstücken.«
»Du weißt es unübertrefflich«, erhob wieder Joseph die Stimme, »mir aber ist Weiteres bekannt. Denn das ist Abrahams Erbe, das auf die Häupter kam, auf Isaak und auf Jaakob, meinen Herrn: Die Verheißung und der Vertrag. Und es war nicht bei allen Kindern Ebers und ward nicht gegeben den Ammonitern, Moabitern und Edomitern, sondern des Stammes war es allein, den der Herr erwählt und in dem er die Erstgeburt sich ersah, nicht nach dem Fleische und Mutterleibe, sondern dem Geiste nach. Und die Sanften und Klugen waren es, die er erwählte.«
»Ja, ja! Du sagst es aus, wie es war«, sprach Jaakob. »Denn was mit Abraham und Lot geschah, daß sie sich trennten, das geschah wieder, und es schieden sich die Völker. Auf den Weiden Lots blieben nicht beieinander, die er im eigenen Fleische gezeugt, Moab und Ammon, sondern hing dieser der Wüste an und dem Leben der Wüste. Aber auf Isaaks Weiden blieb nicht Esau, sondern zog fort mit Weibern, Söhnen und Töchtern und den Seelen seines Hauses und mit Habe und Vieh in ein anderes Land und ward Edom auf dem Gebirge Seir. Und was nicht Edom ward, das war Jisrael, und ist ein besonderes Volk, ungleich den Streifenden vom Lande Sinai und lumpigen Räubern vom Lande Arabaja, aber ungleich ebenfalls den Leuten von Kanaan, ungleich den Bauern des Ackers und den Städtern in den Burgen, sondern Herren und Hirten und Freie, die ihre Herden treiben zwischenein und ihre Brunnen hüten und des Herrn gedenken.«
»Und der Herr gedenkt unser und unsrer Besonderheit«, rief Joseph, indem er den Kopf zurückwarf und die Arme ausbreitete in des Vaters Arm. »Des ist des Kindes Herz Jubels voll im Arme des Vaters, es ist entzückt von dem Wohlbekannten und von getauschter Erbauung trunken! Kennst du den süßesten Traum, den ich träume viel tausendmal? Es ist der vom Vorrang und von der Kindschaft. Denn dem Gotteskinde wird vieles beschieden sein, was er beginnt, das soll ihm glücken, er wird Gnade finden in den Augen aller, und die Könige werden ihn loben. Siehe, ich habe Lust zu singen dem Herrn der Heerscharen mit flinker Zunge, flink wie der Griffel des Schreibers! Denn sie sandten mir nach ihren Haß und haben Fangstricke gelegt meinen Schritten, sie gruben ein Grab vor meinen Füßen und stießen mein Leben in die Grube, daß mir zur Wohnung wurde die Finsternis. Aber ich rief seinen Namen aus der Finsternis der Grube, da heilte er mich und hat mich entrissen der Unterwelt. Er machte mich groß unter den Fremden, und ein Volk, das ich nicht kannte, dient mir auf der Stirne. Die Söhne der Fremden sagen mir Schmeicheleien, denn sie würden dahinschmachten ohne mich …«
Seine Brust ging gewaltsam. Jaakob betrachtete ihn mit großen Augen.
»Joseph, was siehst du?« fragte er beunruhigt. »Das Kind redet eindrucksvoll, aber nicht dem Verstände gemäß. Denn was will es sagen, daß das Ausland ihm dient auf dem Angesicht?«
»Das war nur schöne Rede«, antwortete Joseph, »die ich machte, um dem Herrn ein Großes zu sagen. Und es ist der Mond, der mich etwas berückt.«
»Hüte Herz und Sinn und sei klug!« sagte Jaakob mit Innigkeit. »So wird es dir gehen, wie du gesagt hast, daß du wirst Wohlgefallen finden in den Augen aller. Und ich habe vor, dir etwas zu schenken, darüber dein Herz sich freuen und das dich kleiden wird. Denn Gott hat Huld vergossen auf deine Lippen, und ich bete, daß er dich heilige für ewig, mein Lamm!«
Der Mond, schimmernd von reinem Licht, das seine Stofflichkeit verklärte, hatte die hohe Reise fortgesetzt, während sie sprachen, der Sterne Ort sich still gewandelt nach dem Gesetz ihrer Stunde. Die Nacht wob Friede, Geheimnis und Zukunft weit hinaus. Der Alte saß noch eine Weile mit Rahels Knaben am Brunnenrand. Er nannte ihn Damu, ›Kindlein‹, und Dumuzi, ›Wahrhafter Sohn‹, wie die Leute von Sinear den Tammuz nannten. Auch Nezer nannte er ihn mit einem Wort aus der Sprache Kanaans, das ›Sproß‹ und ›blühendes Reis‹ bedeutet, und tat ihm schön. Als sie die Wohnungen aufsuchten, riet er ihm dringlich, sich nicht zu rühmen vor den Brüdern und es nicht anzuzeigen den Lea-Söhnen und den Söhnen der Mägde, daß der Vater so lange mit ihm verweilt und vertrauliche Worte mit ihm getauscht; und Joseph versprach es auch. Aber am nächsten Tage schon sagte er ihnen nicht nur dies, sondern auch von dem Wettertraum plapperte er ohne Besinnen vor ihnen, und es verdroß sie alle um so mehr, als der Traum sich erfüllte; denn die Spätregen waren reichlich und angenehm.