Gesammelte Gedichte
MeistgelesenVerlag: Charonverlag | Jahr: 1925
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Unendlichkeit
1.
Was geb ich euch? Die neue Furcht.
Behaglich ward die enge Welt,
Kein Platz für Gott und unterirdsche Hölle.
Wo seid ihr? In der weiten Welt,
Die weiter ist als euer Hirn,
Dess' solls euch greifen an den Brustraum.
Hölle bedarfs nicht. Die Gegend der Welt
Ist grausam genug, und allzugroß,
Als daß euer bischen Tod euch entführte.
Wen stell ich fern? IHN.
Dem ihr zu nah euch drängtet,
Euer Wissen von IHM ward schamlos.
Als ihr Kind wart, war euer VATER groß –
Ihr wuchset nach. Wollt ihr nun
Eines Alten Mannes Hemd hochheben?
Als ihr Kind wart, war euer Haus groß.
Im Keller und unterm Dach eure Zukunft verpackt –
Für »Ewigkeit« war Platz in diesem Haus.
Seit man euch ließ vor dieses Hauses Tür,
Ward es euch klein, dess' spottetet ihr,
Oder es ergriff euch herzverkrampfendes Heimweh.
Eins sollt ihr wissen? die größere Welt,
In die ihr einzogt, ist ein dummes Haus –
Nehmt euren Wanderstab und wandert in Unendlichkeit hinaus!
So werdet ihr finden, was ihr verlort,
Die Furcht des Kindes, und einen ganz fernen VATER,
Zu suchen [Gott] und nicht mehr sehnen den Tod.
Denn das ist Betäubung. So werdet ihr wissen:
Von ewigher nach ewighin
Ist über euch hinaus in euch
Treue, Vertrauen, Saat und Sinn.
2.
Ich gebe euch ein Über-euer-Irdisches,
Das ist eure Seele, das Selbst.
Da seid ihr der Vater, Sohn, und Geist,
Und findet Zuflucht nicht mehr außer euch
Sondern »in« euch, wo ihr größer seid
Denn euer Irdisches, gebettet in der Mutter,
Die eures Selbst Unendliches ist.
Wer seinem Selbst so ehrfürchtig naht,
Dem offenbart es sich aus Fernen, und fromm
Blüht auf in eurem Irdischen
Das Licht und der »Blick aus Unendlich«.
So sollt ihr das Kind sein eurer Seele,
Des Selbst Entfaltung im Irdischen –
Frage und Antwort ist dann in dir
Von dir zu dir, du tust dann deine Müh und Möglichkeit.