Gesammelte Gedichte
MeistgelesenVerlag: Charonverlag | Jahr: 1925
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Seele du bist ganz in dir
Seele, du bist ganz in dir,
»Sein« ist nun eins in dir,
Seligkeit ist nicht in dir,
»Sinn« ist nun nötiger,
Such! was dein Andres wär.
Sinn ist nicht Selbst in sich,
Sendet sich gegen dich,
Seele: wer sehnet sich?
»Eins« das ersehnt nicht sich,
»Ander« ist wirklich.
Eng nun Unendlichkeit –
Ewig nun Einsamkeit –
Einzig nun trostlos Leid –
Irr in Unwirklichkeit
Ode und eingeschneit.
Spiegel verstellst du stumm,
Siehst dich und wälzt dich um
In dich und quälst: warum
Aus dich nichts zog. Oh komm
Fort! Folge du fromm –
Fahre du fernst in dich
Hinein, hinein! Einmal du lernst: es bricht
Aus dir heraus, wo jeder Weg sich trifft
Und mit der Mitte spricht
Wort, das verstehst du nicht.
Weil du unendlich bist, blutest du aus –
»Ander« erwander! Es wartet, was dein
Zweies dich zwingt und vollbringt, nie mehr allein –
Wirklich, verbürglich, ihm blute dich aus!
Immer in Ewigkeit »Ander« bereit erhalte dein Haus!
Halte fest in dir, laß dich nicht los!
Bis letzter Rest aus dir lieblich floß –
Dann bist du wirklich und Schaffens Beginn,
Anders verstehst du nicht Seins tiefsten Sinn.
Blute dich aus! So erbaust du dein Haus.
»Sein« ohne Sinn ist tot –
Welt blutende Wunde ist ferner Gott.
»Eins« ist nicht wirklich. Dich »Ander« verbürgt.
Sieh! das behältst du nicht, was du nicht giebst.
Seele, so quälst du dich – Stirb! Dann lebe, weil du liebst.
Seele, was weißt du nur, als du dich fandest
Wandern die eigne Spur? Wo du dich bandest,
Warst du nie los von dir. Aber verbürglich
Sprachs dir: was schreist du nur? »Ander« ist wirklich.
Seele, bring Sinn in dich! »Sein« ertrinkt nicht.
Dieses ist Weg und Ziel, das deine Seele will:
Wann jede Seele ist »Ander« dir aufgetan,
»Eins« du und eigen bist. Paradies öffnet dann,
Hölle erfüllt. Weg ist dies. Weiter dann, weiter ist Ziel –
Endet nie Heilige Not. Blutende Weltwunde wartet Gott.