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Schicksal und Anteil

von Heinrich Spiero

Verlag: Wegweiser-Verlag G. m. b. H. | Jahr: 1929

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Kapitel 4

Die Lösung der Orientfrage oder Zwei Hohenzollern auf den Thronen Polens und der europäischen Türkei.

Er hatte sie auch Bismarck eingesendet. Gern erzählte er als sein stolzestes Erlebnis, er hätte bei seinem Kunden, dem Dr. Jacoby, den berühmten liberalen Führer Baron Hoverbeck getroffen und wäre mit ihm in ein politisches Gespräch gekommen, und schließlich »mußte der große Abgeordnete dem kleinen Buchbinder recht geben«!

Aber es gab in Königsberg auch Originale höherer Art, Männer, die mit scheuer Ehrfurcht angesehen wurden. Da war der Kustos an der Universitätsbibliothek, Rudolf Reicke, groß, breit, ungefüg, mit dem riesigen, erst roten, später weißen Vollbart, immer schweigsam, wenn er durch die Königstraße schritt oder in den Ferien in dem weltabgelegenen Stranddorfe Rosehnen saß. Ihn umwitterte der Ruf eines großen Kantforschers, er war auch Sammler aller Bilder, Handschriften und Andenken an den Stolz der Stadt. Und er war noch viel bedeutender als seine Mitbürger wußten. Da war ein anderer Achtundvierziger, dem man draußen viel seltener begegnete, auch ein kantischer Philosoph, Reickes Freund, der Doktor Emil Arnoldt. Er war einst wegen seiner politischen Anschauungen gegen den Willen der Fakultät von der Regierung mißhandelt und nicht zum Professor ernannt worden. Unverbittert lebte er jetzt als Dozent auf eigene Art und hatte einen Kreis von Hörern und Hörerinnen, die er philosophisch fortbildete. Ich bin einmal als Primaner im Auftrage mehrerer Kameraden mit der Bitte zu ihm gegangen, für uns einen Kursus zur Einführung in die Philosophie abzuhalten, er schlug es aber, obwohl sein Vorzugsschüler, der Kantforscher Otto Schöndörffer, unser Lehrer war, mit der Begründung ab: wir sollten warten, bis wir Studenten wären. Die strahlenden, blauen Augen des alten Herrn, den ich nie wiedergesehen habe, blieben mir ebenso unvergeßlich wie die zarte, schlanke Erscheinung seiner Frau, einer Schwester Roberts von Keudell; wie Karl Marx mit der Schwester des reaktionären Ministers von Westphalen, war der Radikale Arnoldt mit der Schwester des bevorzugten Gehilfen Bismarcks vermählt.

Ging man an sonnigen Vormittagen über den Königsgarten, den schönen Platz vor der neuen Universität, und durch die Arkaden des Gebäudes, so traf man einen uralten Herrn mit langem Kaiser-Wilhelm-Bart, gestützt auf den Arm seiner Tochter oder im Gespräch mit dem siebzigjährigen Theologieprofessor August Simson, der neben ihm wie ein junger Mann erschien. Der Uralte war der berühmte Physiker Franz Neumann. Er stammte noch aus dem achtzehnten Jahrhundert, war bei Ligny verwundet worden und schon seit den zwanziger Jahren Professor an der Albertina. Er war das einzige Mitglied der Berliner Akademie und seit Lobeck der einzige Ritter des Pour le mérite für Kunst und Wissenschaft in Königsberg. Steffeck hat ihn in jenen Jahren für die Nationalgalerie gemalt.

Aus Neumanns Jugend lebte in Königsberg eine reizende Geschichte. Er hörte eines Abends gemeinsam mit dem großen Mathematiker Karl Gustav Jacobi in der Sternwarte einen Vortrag von Friedrich Wilhelm Bessel, dem ersten Astronomen seiner Zeit. Als die beiden jungen Extraordinarien den Saal verließen und über den Platz schritten, der komischerweise Triangel heißt, sagte Neumann zu Jacobi: »Ich weiß gar nicht, warum Bessel uns zu diesem Vortrag eingeladen hat, das wußten wir doch alles längst.« Darauf Jacobi: »Ja, wenn Bessel mir nicht heute vormittag die Grundgedanken erklärt hätte, hätte ich's ebensowenig verstanden wie Sie.«

Eines Nachmittags – ich mag acht Jahr alt gewesen sein – saßen meine Eltern mit mir in der Steinerschen Konditorei in der Junkerstraße – es ist dasselbe Lokal, in dem Sudermanns »Toller Professor« beginnt; da machte mich der Vater leise auf einen Herrn aufmerksam. »Das ist der Oberlandesgerichtsrat Wichert, der berühmte Dichter.« Das war nun der erste Poet, der mir vor Augen kaum, er sah in keiner Weise auffällig aus, war ein mittelgroßer Herr mit grauem Bart und einem goldenen Kneifer vor den gescheiten Augen. Um so auffälliger war die Erscheinung des zweiten Königsberger Dichters jener Tage, dessen geschichtliche Romane wir später ebenso verschlangen wie die Wichertschen, des Professors der Rechte, Felix Dahn. Wenn der kleine, feingliedrige Mann neben seiner dunkeläugigen Frau über den Königsgarten schritt, sahen ihm auch die nach, die ihn etwa nicht kannten; denn die Augen hinter der Brille funkelten, und er trug einen großen eingebeulten Kalabreser und einen weiten Havelock wie ihn in jenen Jahren nur noch der Professor Karl Lohmeyer trug – und der aus einem besonderen Grunde. Lohmeyer war nämlich (in Goethes Todesjahr) ohne Arme geboren worden. Sein Vater, ein armer ostpreußischer Handwerker, soll in seiner Verzweiflung über dieses Unglück den König um die Erlaubnis gebeten haben, das Kind töten zu lassen. Ob das zutrifft, sei dahingestellt – fest steht, daß Friedrich Wilhelm III. und sein Nachfolger für Lohmeyers Ausbildung sorgten. Er wurde ein tüchtiger Historiker, Professor an der Albertina und hat – immer mit den Füßen – unter anderm eine klassische Geschichte Ost- und Westpreußens bis zur ersten Schlacht bei Tannenberg verfaßt.

In meinen Kindertagen ging von Felix Dahn ein Stammbuchblatt durch die Stadt, das er einer Tochter seines Freundes Wichert gewidmet hatte. Sie, noch ein Schulkind, hatte ein Drama verbrochen, darin, wie in Dahns Romanen, die Mehrzahl der Helden getötet ward. Da schrieb ihr Dahn:

Wenn sie sich bei deinem Vater
Auch stets kriegen im Theater,
Dichte du nur ruhig fort!
Unsre Poesie ist Mord.

Das Theater! Wie viele glückselige Stunden danke ich dem alten, schlichten Bau am Königsgarten mit der ausgezeichneten Akustik, mit dem dunklen, tiefen Stehparterre im Hintergrunde und dem hohen Olymp im dritten Rang. Das Stadttheater muß zu jener Zeit unter den Direktoren Werther, Aman, Jantsch und Varena eine recht gute Bühne gewesen sein, denn Wilhelmine Seebach, Mariens Schwester, gab die Mütter und die »feinkomischen Alten«, Emil Rogall und der stadtbekannte Julius Pohl spielten die großen komischen Rollen, und der junge Oskar Sauer und Matthieu Lützenkirchen jugendliche Helden und Liebhaber. Der Stehplatz unten kostete für Schüler 35, der Galerieplatz 50 Pfennige, und so haben meine Freunde und ich so ziemlich den ganzen klassischen Spielplan: Lessing, Goethe, Schiller, Shakespeare gesehen, die großen Opern und vieles Neuere bis zu unserm plötzlich weltberühmt gewordenen Landsmann Hermann Sudermann. Um sieben Uhr fing es an, aber schon vor sechs hieß es draußen Posten stehn, um nach der Öffnung der Pforten mit der schon am Vortage gekauften Karte vorzustürzen und die drei Treppen zur Bullerloge hinaufzurasen, damit man noch einen Sitzplatz erhaschte. So war es, wenn Josef Lewinsky den Franz Moor oder den Richard III., Friedrich Mitterwurzer oder Adolf Sonnenthal den Wallenstein spielten, Francesco d'Andrade Mozart, Max Alvary Wagner, Pauline l'Allemand-Elsässer Bizet sang. Als Franziska Ellmenreich im Glanze jugendlicher Schönheit die Jungfrau von Orleans gab, machten wir dem Namen Bullerloge alle Ehre und trampelten nach dem Schluß der Vorstellung so lange, bis die Tür in dem eisernen Vorhang aufging und sich die Künstlerin noch einmal verneigte. Immer wieder kamen zwei Königsberger Kinder auf Gastspiel: Arthur Kraußneck, dessen Tell in seinem humorvollen Ernst uns tief ergriff, und Adalbert Matkowsky. Als der im zweiten Akt von Calderons »Leben ein Traum« in ausbrechendem Ungestüm den königlichen Rat wie einen Hasen aus dem Fenster warf, waren wir alle wie gelähmt.

Dennoch: den größten Theatereindruck der ersten Jugend empfing ich nicht von einem klassischen Werk und nicht von einem der eben genannten Darsteller, sondern in Carl von Holteis »Lorbeerbaum und Bettelstab« durch Friedrich Haase. Holtei war mir durch Königsberger Überlieferung wohl bekannt, er war in früheren Jahrzehnten häufig im Hause des Stadtrats Lewald zu Gaste gewesen und hatte einmal in seiner ungebundenen Art in Gegenwart meiner Großmutter bei Tische ein sehr drastisches Schimpfwort gebraucht. Alles hatte betreten geschwiegen, und nur die jüngste Haustochter laut gelacht, da sagte er: »Du, Marie, bist die einzig Natürliche hier im ganzen Kreis.« Nach dieser Geschichte hatte ich jedenfalls etwas ganz anderes erwartet, als was ich nun auf der Bühne zu sehen und zu hören bekam, Friedrich Haase hatte am Abend vorher seine berühmte Marquisrolle in dem französischen Einakter »Die Partie Piquet« (von Marc Fournier und Franz Denecke) gespielt. Jetzt sang er im letzten Akte des heute vergessenen Holteischen Stückes mit zerbrochener Stimme das Lied des armen Heinrichs, des Bettlerdichters. Ich kam in einem Sturm der Aufregung nach Hause, aber als ich nach zwei Jahren Friedrich Mitterwurzer, der nicht singen konnte, sondern die Verse sprach, in der gleichen Rolle sah, kehrte die erste Verzauberung nicht wieder.