Schicksal und Anteil
Verlag: Wegweiser-Verlag G. m. b. H. | Jahr: 1929
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Collegium Fridericianum
Sechs Jahre alt geworden, betrat ich zum erstenmal durch den schmalen Vorhof die Räume des Königlichen Friedrichs-Kollegiums. Die Anstalt, deren Schüler Kant gewesen war, war ein streng humanistisches Gymnasium. Wir hatten neun Wochenstunden Latein und von Tertia an sieben griechische. Direktor war zu jener Zeit der klassische Philologe Albert Lehnerdt, ein Schüler Lobecks. Schritt der bartlose, schwarzgekleidete Mann mit dem flatternden weißen Haar von seinem Wohngebäude her über den Schulhof, so erschien er wie der typische Klassikus der alten Überlieferung. Ich bin sehr gern zur Schule gegangen und habe, als zu meiner Sekundanerzeit der Ruf nach Reform des humanistischen Gymnasiums ertönte, diesen von meinem Standpunkte her so wenig begriffen, wie die meisten meiner Schulkameraden. Gewiß, es gab manche unter uns, denen Latein oder Griechisch schwer wurde, die waren eben falsch eingeschult und hätten auf das Realgymnasium oder die Oberrealschule gehört; anderen, wie mir selbst, war die Mathematik ein schwer erschließbares Land, dann half man sich gegenseitig oder nahm bei einem Studenten Nachhilfestunden. Und vollends von Überbürdung merkten wir nichts. Wir hatten zuerst an vier, später an drei Nachmittagen noch Unterricht und eine reichliche Menge von Schularbeiten. Es ist – besonders auf Sekunda – vorgekommen, daß ich bis tief in die Nacht arbeitete, aber zu wieviel anderem fanden wir daneben Zeit! Wir durchstreiften das Samland und die herrliche, schluchtenreiche Seeküste nach allen Richtungen, besuchten Schulgenossen, deren Väter Gutsbesitzer oder Förster waren, schwammen im Sommer im Oberteich und liefen im Winter mit jungen Mädchen auf dem Schloßteich Schlittschuh, waren häufig im Theater, in Konzerten und Vorträgen, im Sommer an jedem Donnerstag zum Börsengartenkonzert, verdauten die Leihbibliotheksbände von Freytag, Reuter, Dahn, Spielhagen, Gerstäcker, Hackländer, Brachvogel, Ebers, Scott, Dickens, Bulwer, Alexis so schnell, daß die Bibliothekarin sich über unsere Schlinglust wunderte, und hatten in den oberen Klassen unsere literarischen Vereine, in denen wir klassische und neuere Dramen mit verteilten Rollen lasen, Herman Grimms »Goethe« und Gervinus' »Shakespeare« miteinander durchnahmen und sogar eine handgeschriebene Zeitschrift umgehn ließen. Die kleinste dieser Vereinigungen zählte vier Friderizianer, die größte erstreckte sich über die Primen mehrerer Schulen; zu ihr gehörten unter anderen Paul Wegener und Markgraf (später, als Schauspieler, Heinrich Marlow) vom Kneiphöfischen und Carl Bulcke vom Altstädtischen Gymnasium. Der Dichter unseres engeren Friderizianer-Kreises war Georg Thran, dessen späterer Schriftstellername Georg Hollstein ist. Und manchen Sonnabendnachmittag versaßen wir auf den Holzbänken des Ellmerschen Bierkellers auf dem Tragheim und ließen uns von dem Primaner und heimlichen Journalisten Adolf Petrenz politische Reden halten. Wie viele Nächte haben wir als Primaner bei meinen Eltern oder in befreundeten Häusern oder auf Vereinsbällen durchtanzt, wie manchen Abend verkneipt! Und dabei nahm eine Anzahl von uns noch an dem freiwilligen englischen Unterricht teil, den Karl Marold uns im Sommer zweimal wöchentlich um sieben Uhr früh, im Winter am späten Nachmittag, erteilte; durch die solide lateinische Grundlage gefördert, konnten wir schon im ersten Jahr Bulwers » Money« und Thomas Moores » Paradise and the Peri« mit ihm lesen.
Blick aus dem Glockenturm der Berliner Parochialkirche
Karl Marold war der bedeutendste Gelehrte, den das Friedrichs-Kollegium damals besaß, und ich war sehr stolz, als Erich Schmidt mich bei meinem Antrittsbesuch nach ihm fragte. Auf den verschiedensten Gebieten der germanischen Philologie war er gleichmäßig zu Hause, schrieb über gotische und mittelhochdeutsche Sprachdenkmäler tief eindringende Arbeiten, war aber auch ein ausgezeichneter Latinist. Er hätte im Grunde auf einen Lehrstuhl an eine Universität gehört, konnte aber nicht dazu gelangen, da sein Lehrer Oskar Schade, der Verfasser des Althochdeutschen Wörterbuchs, grundsätzlich keine jungen, nachwachsenden Talente förderte. Marolds Lebensarbeit, von der er seinen reiferen Schülern zu guter Stunde erzählte, war eine grundlegende große Ausgabe von Gottfried von Straßburgs »Tristan und Isolde«. Jahrelang verbrachte er die Ferien in den in- und ausländischen Bibliotheken, die Handschriften der Dichtung bewahren, und arbeitete, von seiner durch ihn zu solchem Werk erzogenen Frau unterstützt, an der Herstellung seines Textes. Er konnte diesen noch bis zum Druck fördern, die Vollendung des Kommentars riß ihm der Tod aus der Hand. Sein deutscher Unterricht aber umgriff mit gleicher Liebe das Gesamtgebiet deutscher Dichtung, und in jedem Winter sammelte er an einem freien Nachmittage besonders interessierte Primaner und sprach mit uns einzelne Werke in Rede und Gegenrede durch, so an der Hand Kuno Fischers den »Nathan« und dann beide Teile des »Faust«. Gewöhnlich eröffnete er aber diese reichen Stunden mit einer Mitteilung aus der gegenwärtigen Literatur, und Namen wie Raabe, Liliencron, Hauptmann sind damals zuerst vor mir aufgeklungen. Ganz leise begann die Hebbelrenaissance, und als ich das Honorar für eine Anzahl Privatstunden empfangen hatte, ging ich zu Marold mit der Frage, ob es wohl lohne, dafür die neue Lieferungsausgabe von Hebbels Werken anzuschaffen, von dem unser Schulbuch so gut wie nichts wußte; er riet mir natürlich dringend dazu, und so war ich der erste im Freundeskreis, der Hebbels Werke sein eigen nennen konnte, während ein anderer als Einziger den ganzen Gottfried Keller besaß. Marold war ein Bauernsohn, und als ich ihn später einmal in der Sommerfrische besuchte, lernte ich seine bildschöne, uralte Mutter mit ihren großgeschnittenen bäuerlichen Zügen kennen. Er hatte die Freude an körperlicher Tätigkeit in die Stadt mitgebracht, arbeitete an einem selbstgefertigten Schreibtisch und zimmerte sich selber seine Regale und Zettelkasten. Bei einer Morgenandacht hatte ein anderer Lehrer die » aurea mediocritas«, die goldene Mittelstraße des Horaz, als erwünschtes Lebensziel gepriesen. Wir Oberprimaner hatten von acht bis neun bei Marold Deutsch. Da begann er die Stunde mit einer Warnung vor solcher Zielsetzung und Goethes Auftrutz gegen »alle Gewalten«.
Schloß zu Königsberg i. Pr.
Das wissenschaftliche Los eines anderen unserer Lehrer, des Historikers Gustav Zippel, war umgekehrt wie das Marolds. Er wurde wegen hervorragender mittelalterlicher Arbeiten zweimal an auswärtige Universitäten berufen und lehnte ab. Wir fühlten wohl die große Güte in dem Wesen des zarten, herzkranken Mannes, aber wir kamen ihm aus einer gewissen Scheu heraus doch nicht nah. Wir ahnten auch nicht, was sein Nachlaß offenbarte, daß ein verschwiegener Dichter in ihm steckte, und bewahren als bleibende Frucht seines Stils und seiner Gelehrsamkeit die anschauliche Geschichte der Anstalt, die er zu ihrem zweihundertjährigen Jubiläum schrieb.
Ganz anderer Art als sie beide, als all unsere anderen Lehrer, ja als unsere ganze Umgebung überhaupt, war Georg Ellendt, der, nach sechsundzwanzig Jahren als Oberlehrer und Professor, 1891 an die Spitze der Anstalt trat. Er unterrichtete seit je nur in den oberen Klassen und war uns Kleineren ein Gegenstand scheuer Bewunderung, wenn die hohe Gestalt mit dem grauen Knebelbart und der glänzenden randlosen Brille, sommers und winters schwarzgekleidet, in eiligem Schritt die Treppen herauf- oder herabkam. Zu unserer Überraschung ergab sich gelegentlich, daß er jeden Schüler des Doppelgymnasiums beim Zu- und Vornamen, auch die häuslichen Verhältnisse aller kannte. Dann wurde Ellendt in Untersekunda mein Ordinarius, und damit tat sich eine neue Welt auf. Viel später las ich einmal in Hermann Bahrs Selbstbiographie, nur zwei Menschen seiner Linzer Jugendumgebung wären »von vollem Maße« gewesen. Das traf mich und gab mir noch nachträglich einen Fingerzeig für Ellendts Sonderart. Auch er lebte und gab aus dem Vollen. Nie vordem noch nachdem habe ich in der Schule einen fremden Dichter so kennengelernt, wie er uns den Homer nahebrachte. Er war, das merkten wir bald, kein so unbedingt sicherer Grammatiker wie etwa Konrad Burdachs Freund Alfred Döhring, mein erster lateinischer und griechischer Lehrer. Aber er scheute sich nicht, sich vor uns zu verbessern, und er führte uns in die homerische Welt mit einer Kraft dichterischer und mythologischer Vergegenwärtigung ein, die uns zum Mitleben zwang. Es kam vor, daß einzelne von uns hundert und mehr Verse der Odyssee präparierten, um während der nächsten Stunde im Fortgang nicht aufgehalten zu werden. Und erst sein Geschichtsunterricht in den vier Jahren bis zur Reifeprüfung! Nicht eine Stunde war trocken, die Männer und Dinge lebten, und immer fiel von der Gegenwart rückwärts ein heller Schein auf Altertum und Mittelalter, aus der Vergangenheit Licht in die Gegenwart. Dabei gelangte er auf Oberprima bis mitten in die Jetztzeit, bis zu der sozialen Gesetzgebung und dem Erwerb Helgolands. Die Plastik seines Vortrags war ebenso groß wie die Weite seines Blicks und die Fülle seiner weltgeschichtlichen Kenntnisse. Der durch die Erforschung des Mimus als dramatische Form berühmte klassische Philologe Hermann Reich sagte mir nach dreißig Jahren: »Ja, wer bei Ellendt vier Jahre Geschichte gehabt und dabei gut aufgepaßt hatte, konnte ohne weiteres sein historisches Staatsexamen machen.«
Dennoch genügte das alles nicht, um seine Wirkung auf uns zu erklären. Dabei sei nicht verschwiegen, daß nicht jeder seiner Schüler gleichmäßig an ihm hing; die manchmal jäh hervorbrechende Leidenschaftlichkeit seiner Natur stieß hier und da einen zurück. Aber insbesondere alle, die nach irgendeiner Richtung hin künstlerische Anlagen hatten, hingen dem unvergleichlichen Lehrer lebenslänglich an. So haben es Konrad Burdach, Georg und Emil Reicke, Hermann Reich, Hermann Böttcher, Walther Heymann, Arthur Grunenberg, Siegfried von der Trenck wieder und wieder bezeugt. Er war mit uns, den um mehr als eine Generation Jüngeren, ein so menschlicher Mensch, und davon zeugten die Art seiner Pädagogik, die fast ohne Strafen auskam, wie sein ganzer Verkehr mit uns innerhalb und außerhalb der Schulstunden. Zweimal wanderte er mit uns über die Steilküste und durch die Warnicker Forst. Er führte uns in die Marienburg und den Frauenburger Dom, in Fabriken und Sammlungen; keiner von uns kannte den verschollenen Poetensteig am Pregelufer vor dem Brandenburger Tor – Ellendt bestellte uns eines Nachmittags ans Tor und führte uns bis zum Haff auf dem Wege, den Simon Dach und die Genossen der Kürbishütte oft geschritten waren. Schon im Jahre 1875 gab er im Kampf gegen schlechte Jugendschriften den ersten, glänzenden Katalog für Schülerbüchereien. Er zuerst in der Provinz führte Turnspiele in den Lehrplan ein. Und wie repräsentierte er mit würdigem und geistreichem Wort die Anstalt, als sie, 1892, in ihr neues Gebäude zog! Ich sehe ihn noch in der Sonne unter den grünweißen Fahnen des Fridericianums zwischen dem Oberpräsidenten der Provinz und dem Kanzler im Königreich Preußen die Treppe emporschreiten und den Schlüssel ins Schloß stoßen.
*
Dieser Neubau, durch den ich Agnes Miegels Schulnachbar wurde, gehörte schon in das Bild einer Entwicklung Königsbergs zu größerer Dehnung und reicherer Schmuckhaftigkeit. Seit den Freiheitskriegen lastete auf der Stadt die freiwillig zugunsten des preußischen Staates übernommene Kriegsschuld, deren Abbürdung auch aus der reichen Kriegsentschädigung von 1871 verweigert worden war; erst im zwanzigsten Jahrhundert wurde auf dem Rathause der letzte Schuldschein feierlich verbrannt. Und ebensolange dauerte es, bis das Reichsrayongesetz geändert und durch Vorverlegung der Festung in die Außenforts eine Bebauung und Erschließung des Geländes vor den Toren möglich ward. Zu meiner Schulzeit half man sich mit ein paar Straßendurchbrüchen, man schüttete den Zuggraben, auf dem ich oft die Dzimken, die polnischen Getreideschiffer, ihre Kähne hatte staken sehen, zu und schuf die breite Kaiserstraße, man verband das größte Seebad, Cranz, durch eine Eisenbahn mit der Stadt, von der aus man es bisher, genau wie die übrigen Strandorte, nur in sehr gemütlicher, aber äußerst langwieriger Journalierenfahrt Journaliere ist der ostpreußische Ausdruck für die großen, in Berlin Kremser genannten Wagen. hatte erreichen können. So war nun auch ein leichterer Zugang zur Kurischen Nehrung eröffnet, dieser merkwürdigsten deutschen Landschaft, die bis dahin selbst in Königsberg nur wenige kannten. In der Tat war die Reise zu jener Zeit nicht ohne Gefahr, denn an vielen Stellen drohte dem Unkundigen der Mann und Roß verschlingende Triebsand, und der Sonnengleisch der Wanderdüne blendete und machte auf der ganz spärlich besiedelten, vierzehn Meilen langen Landzunge das ohnehin beschwerliche Wandern noch mühsamer. War man aber, rutschend, klimmend und wieder zurückgleitend, endlich auf die Kimme gekommen und blickte von freier Höhe gen Westen auf das dunkelblau schäumende Meer, nach Osten auf das sanfte Silbergrau des Haffes, so belohnte dies Gebirge zwischen den Wassern jede Mühe, belohnte sie erst recht, wenn das Bild wechselte und die Haffschiffer vor aufkommendem Sturm die Fahrzeuge durch die grün anschwellenden Wogen dem Festlande zulenkten.
Über Neukuhren, wo am Sonnabend im Freien unterm alten Birnbaum getanzt wurde, Rauschen, das zwischen Mühlenteich und See gebettete, und die Schluchten zwischen Rauschen und Warnicken gingen jetzt weitere Wanderungen zum Brüsterorter Leuchtturm und zur Schlucht von Groß-Dirschkeim, die sich plötzlich unterm Galgenberg auftut wie ein Stück Thüringer Tallandschaft, ein rechtes Gegenbild zu der nur von wilden Rosen bewachsenen Rosenschlucht von Großkuhren. Am Strande von Palmnicken glitten die Taucher auf den Meeresgrund, das Bernsteingold zu sammeln. Am zur Sommerszeit sanft umblauten Frischen Haff stiegen wir zur Domhöhe von Frauenburg hinauf, wo Kopernikus Geistlicher gewesen war. Die sagenhaft friedliche Waldeinsamkeit der masurischen Seen rückte näher, ward durch Dampfer erschlossen.
Ostpreußen ward uns sozusagen kleiner, während die Vaterstadt größer wurde.
Vor dem Steindammer Tore breitete sich der erste Jugendspielplatz, ein Geschenk des Stadtrats Walther Simon; ein hübscher Tiergarten wurde errichtet. Bei diesem langsamen Wandel des Stadtbildes ereignete sich ein unwiederbringlicher Verlust: die Nordseite des Ordensschlosses wurde freigelegt, und dabei riß man Kants so lange erhaltenes Wohnhaus nieder und bebaute den tiefen, dahinterliegenden Garten; wir schämten uns dessen noch bei dem großen Kantfest des Jahres 1924. Auch Kants in der Nähe stehendes Denkmal von Christian Daniel Rauch, das bisher den von der Unterstadt emporsteigenden Kömmling symbolisch begrüßte, kam fort, auf eine Seitenfläche des Königsgartens, wo der ungekrönte König Ostpreußens zu einer Nebenfigur des großen Reiterstandbildes Friedrich Wilhelms III. von Kiß ward. Die Hauptzier der Stadt, das stolze, graue Schloß, kam nun allerdings von der Oberstadt her zu prachtvoller Geltung, und je geräuschvoller die ohnehin sehr lebhafte Stadt wurde, um so reizvoller in seiner Harmonie und geschichtlichen Stilfülle wirkte der stille, von keinem Fuhrwerk passierte Schloßhof.
Über diesen meinen Kinder- und Schülerjahren lag noch der jugendliche Glanz des eben errichteten Kaiserreichs. Mit echtem Jubel wurde im Jahre 1885 der Kronprinz Friedrich Wilhelm empfangen, als er – niemand ahnte, daß es das letztemal war – für einige Tage nach Königsberg kam. Und tief und aufrichtig war die Trauer des Jahres 1888. Trotz dem hohen Alter Kaiser Wilhelms war der Gedanke an seinen Tod wie etwas Unfaßbares, und in den ersten Tagen des März drängte man sich bis in die späten Abendstunden vor den Zeitungsgebäuden um die neuesten Berliner Nachrichten. Als uns am 9. März die alte Schulglocke mitten aus einer Vormittagsstunde in die Aula rief, klang sie selbst uns Knaben wie eine Totenglocke, und der alte Direktor Lehnerdt ward seiner Erschütterung in den wenigen Sätzen mit der Todesnachricht so wenig Herr, wie die einander Begegnenden auf der Straße. Binnen wenigen Stunden sah man Männer und Frauen in Trauerkleidung, überall wehten umflorte Fahnen halbmast, von allen Kirchen erscholl Trauergeläut, und uns Jungen wurde das Geschehnis besonders sinnfällig, als die Schloßwache aufzog; sonst kam sie, den Schellenbaum voran, mit klingendem Spiel, heute ertönte nur der dumpfe Trommelwirbel der Ablösung. Der heiße Sommertag, an dem drei Monate darauf Kaiser Friedrich vollendete, brachte nicht mindere Trauer, aber – so tragisch hatte es das Verhängnis gefügt – der Tod des um so viel Jüngeren kam erwartet und erlösend.
Weit geringer war der Eindruck des Tages, an dem das 1888 einsetzende Volksschicksal mit Bismarcks Entlassung seinen tragischen Fortgang fand, des 20. März 1890. Vielleicht lag Königsberg doch damals noch zu weit vom Mittelpunkt ab, vielleicht ließ die liberale Grundstimmung der Stadt die volle Schwere des Ereignisses nicht aufkommen – es ist, wie heute leicht gezeigt werden kann, anderenorts nicht anders gewesen. Im Fridericianum ward dieses weltgeschichtlichen Ereignisses so wenig gedacht wie in irgendeiner anderen staatlichen Anstalt Deutschlands. Aber einem, Ellendt, fühlten wir die tiefe Erschütterung an. Er, der uns immer Geschichte im größten Zusammenhange gelehrt hatte, ging am nächsten Tage in noch abgeschlossenerer Einsamkeit durch das Haus. Wir empfanden: er begriff das Verhängnis der Stunde, das uns nicht deutlich werden konnte. Und er fand dafür den seinem Wesen gemäßen Ausdruck. Wir, die Untersekunda, hatten an diesem Tage bei Ellendt Geschichte. Wir hielten mitten in der Historie Griechenlands. An diesem Tage kam er etwas verspätet, tiefernst und, ganz gegen seine Gewohnheit, mit einem Buche herein. Er ließ uns weder erzählen, noch trug er selbst vor, sondern er setzte sich auf das Katheder, schlug auf und begann, ohne ein Wort der Überschrift oder der Erklärung, vorzulesen. Nach wenigen Versen merkten wir: es war Kleists »Prinz Friedrich von Homburg«. Er las den ganzen letzten Aufzug, schloß mit seiner unpathetischen, tief heraufkommenden Stimme, indem er uns einen Augenblick vom Buch her ansah:
»In Staub mit allen Feinden Brandenburgs!«
klappte den Band zu, stand auf und verließ vor dem Glockenzeichen das Zimmer.