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Schicksal und Anteil

von Heinrich Spiero

Verlag: Wegweiser-Verlag G. m. b. H. | Jahr: 1929

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Kapitel 6

Die Fahrt ins Reich

Seit einem runden Jahrtausend sind Paris und London die Hauptstädte ihrer Reiche und Volkheiten. Fast halb so lange hielten die deutschen, alsdann die österreichischen Kaiser in Wien Hof. Vollends die Vormacht Roms auf der Apenninenhalbinsel und darüber hinaus ist auch rein gefühlsmäßig unantastbar. Berlin aber ward erst im achtzehnten Jahrhundert die Hauptstadt der jüngsten Großmacht, erst 1866 diejenige Norddeutschlands, erst 1871 der Sitz der Reichsgewalt. Will man die nach Treitschkes Wort »ungeheure« Stadt also den Emporkömmling unter den großen Hauptstädten Europas nennen, so wird sie sich das gefallen lassen müssen, aber sofort erwidern können: »Ich verdanke mein Emporkommen zäher, harter und durch Jahrhunderte hindurch fast schmuckloser Arbeit. Ich mache meinen Kindern das Leben wohl weiter und vielfältiger als das anderer deutscher Stadtbürger; aber ich binde ihnen auch als Patengeschenk viel Unbehaglichkeit in die Wiege.« Als mein Landsmann Emil Hundrieser als Wahrzeichen der Hauptstadt seine Berolina schuf, da bildete er keinen holden, zarten Genius, er stellte ein derbes, schönes Weib mit großen Zügen und vollen Formen auf den Alexanderplatz, an die Wegscheide zwischen Westen und Osten von Berlin. Da stand sie, zwischen Markthalle, Warenhaus und Bahnhof, das Polizeigebäude aus dem »Hungerpastor« vor sich, und blickte nach vier Straßen hinüber, durch die sich, früh zur Arbeit schreitend, spät heimkommend, immer eilig, das Volk der Berliner bewegte.

Aber mitten in den Donner der Stadtbahnzüge, in das Geschrei der Zeitungsverkäufer, das Wagengeroll klingt plötzlich ein anderer Ton, aus auf- und absteigenden Glockenlauten formt sich eine Melodie. Wenige Schritte – und um die Ecke der Klosterstraße biegend, erkennen wir die Stätte des Liedes: auf der Parochialkirche bewegt sich das Glockenspiel. Und der immer gleiche Verkehr erscheint nun zwischen alten Palästen und Bürgerhäusern eingefangen, Klostermauern und hochgetürmte rote Backsteinkirchen stehen unerschüttert in der Brandung, an der Spree entlang finden wir uns zur Friedrichsgracht und jäh der frei aufsteigenden reichen Front des Schlosses gegenüber. Wenige Schritte weiter, und wir sind auf dem Forum Fridericianum, und alsbald nimmt uns die Säulenhalle des Alten Museums auf, Schinkels herrlichster Bau.

Vom Grünen Hut des Schlosses, dem ehrwürdigen Zeugen alter Burgveste, von der totentanzgeschmückten Marienkirche her, an Friedrichs Monument vorbei bis zum Brandenburger Tore entfaltet sich in stummen Denkmälern preußische und deutsche Geschichte. Von dem schlichten Hause mit dem traumhaft schönen Hof in der Brüderstraße, darin Lessing und Körner Heimstatt fanden, bis zu dem anmutigen Wohnsitz Walther Rathenaus am Rande des Grunewalds geht der Zug des Berliner Bürgertums durch Jahrhunderte. Von den Gewölben des Ermeler-Hauses in der Breiten Straße bis zu Alfred Messels Kaufhausbau am Leipziger Platz, zu Peter Behrens Turbinenfabrik in der Brunnenstraße, bis zu dem hohen Turm des Werner-Werks in Siemensstadt breitet sich ein Mahnzug unablässiger, nach geschichtlichem Rückschlag mit stets neuer Unverdrossenheit einsetzender Arbeit. Es bedarf nicht nach Zehntausenden zählender Demonstrationszüge, um sich den Rhythmus der im Berliner Bereich zusammengeströmten Massen fühlbar zu machen; es genügt, morgens, wann die Fabrikpfeifen tönen, am Bahnhof Stralau-Rummelsburg, an der Warschauer Brücke oder der Jungfernheide das fast die Türen sprengende, die Treppen überflutende Gedränge hastender Menschheit zu beobachten. Und so, ins Unübersehbare schwellend, offenbart sich Berlin auch in seiner Erholung: zu Tausenden mit Kind und Kegel auf den Spielwiesen des Treptower Parks und des Schillerhains, in den Freibädern der Oberspree und der Havel, beim Herbstfest der Jugend im Grunewald-Stadion.

Die einstige Lebensstatt deutscher Romantik ist die Wiege des neuen Deutschen Reiches und die Vormacht des deutschen Gewerbes geworden. Alles, Krieg und Sieg, Unglück und Staatsumwälzung, haben die Stellung Berlins nur immer verfestigt. Jedes deutsche Schicksal neuerer Zeit kündete sich hier heftiger, mit stärkerer Stoßkraft an als anderswo im Reich, wurde hier aber auch rascher in Ablauf und Rhythmus des Tages verarbeitet.

Unter solchen Bedingungen erwuchs der Berliner, Berliner auch dann, wenn er, wie die Mehrzahl der Stadtbewohner, außerhalb Berlins zur Welt kam. Zur Gemächlichkeit fehlt ihm die Zeit, aber der gemeinsame Druck lastender Arbeit und grauer Not machte ihn gutmütig und hilfsbereit. Die Zunge ist rasch, aber die Hand leicht geöffnet, und das neuerdings gern gebrauchte Schlagwort »rauh, aber herzlich« kennzeichnet wie den Verkehrston so den Charakter des Spreeanwohners besser als die längste psychologische Deutung.

Blickt man auf eine deutsche Eisenbahnkarte, so laufen in Berlin, wie in dem Mittelpunkte eines Spinnennetzes, alle Hauptlinien zusammen, der Süd- und Westdeutsche stößt hier zuerst auf die Vorposten ostdeutschen Lebens, dem Ostdeutschen öffnet sich hier der Eingang zu den germanischen Stammlanden des Westens und Südens. Auch darin liegt eine Mission Berlins, geopolitisch bestimmt, geschichtlich gewachsen. In all seiner unverdienten Unbeliebtheit hat es sie schon dadurch immer wieder erfüllt, daß es Deutsche aller Stämme und Landschaften festhielt, zu den Seinen, zu Berlinern machte. Viel schöner, als das Vorurteil wahr haben will, viel deutscher, als der Gemeinplatz es zugibt, sehr preußisch und noch sehr jung, immer wieder unfertig ist die Stadt, durch ihr immer wieder neues Werden immer wieder fesselnd, nie kennt man sie aus, immer stellt sie sich und ihren Bürgern neue Aufgaben.

*

Im Jahre 1893 verkehrten zwischen Königsberg und Berlin noch keine D-Züge; der in schmale, unbequeme, unverbundene Abteile gegliederte Schnellzug hielt Mittag in Schneidemühl so lange, daß man dort hastig ein Essen von mehreren Gängen einnehmen konnte. Die Stadt, in die der junge Student zu seinem ersten Semester einzog, erscheint gegenüber dem heutigen Berlin geradezu geschichtlich. In der Joachimsthaler Straße, wo wir wohnten, war der äußerste Westrand beinahe erreicht, gleich südlich des Kurfürstendamms, hinter der Fasanenstraße, lag zwischen wallenden Getreidefeldern und ausgeworfenen, aber unbebauten Straßen hier und da ein Haus, zumeist mit einem großen Atelier im Dach. Den Turm der kleinen, seither abgebrochenen Wilmersdorfer Kirche an der Wilhelmsaue sah man weithin, und das Lokal von Schramm am Wilmersdorfer See, in der heutigen Kaiserallee, war ein Ausflugsziel. Von Schöneberg her puffte über den von wenigen Villen umgebenen Nollendorfplatz und durch die öde Kleist- und Tauentzienstraße an dem Bauzaun der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche vorbei eine Dampfbahn, Donnerwagen genannt, die dann über den leeren Kurfürstendamm nach dem Grunewald fuhr und im Herbst die Pferde der rotröckigen Parforcejagdreiter scheu machte. Sie war neben der Stadtbahn noch drei Jahre lang das einzige mechanische Verkehrsmittel, sonst gab es nur Pferdebahnen, Pferdeomnibusse, deren Verdeck keine Dame besteigen durfte, und zahllose Droschken erster und zweiter »Güte«. Morgens gegen acht fuhr, lächelnd erwartet, ein Sonderwagen der Pferdebahn mit dreißig jungen Mädchen vom Spandauer Berg her die Zöglinge des Krainschen Instituts in die Krainsche Schule am damals neuen Lützowplatz. Traf man den alten Theodor Fontane, den grünen oder weißen Schal bei schlechtem Wetter um den Hals, bei gutem in der Hand, am Kanalufer, so bekam man unweigerlich einen Blick der strahlenden blauen Augen, denn er hatte Zeit und Gelegenheit, die wenigen Spaziergänger zu beobachten. Wenn der alte Mommsen, der Großmeister der römischen Geschichte, die langen Locken unter dem breiten Schlapphut, an der Marchstraße aus der fahrenden Pferdebahn sprang, zeigte ihn einer dem andern. Und wenn er, regelmäßig lesend, durch die Dorotheenstraße von der Akademie zum Brandenburger Tor ging, machte ihm jeder Fußgänger und beim Kreuzen des Damms jedes Gefährt selbstverständlich Platz. Einmal gegen Mitternacht mußte ich an der Ecke der Friedrich- und Behrenstraße gleich allen andern Passanten ausweichen; da stand der noch ältere, fast achtzigjährige Adolf Menzel, schaute zu Castans Panoptikum empor und zeichnete beim Licht der elektrischen Laternen etwas auf einen kleinen Block. Der Vorgang wiederholte sich, als ich einmal von einer öffentlichen Akademiesitzung die Treppe zum Uhrportal am Friedrichsdenkmal herunterkam; alles bog links und rechts aus, denn Menzel stand mitten auf den Stufen und strichelte mit der linken Hand in ein mit der Rechten gehaltenes Notizbuch eine Figur des Treppenhauses.

Über Mommsen und Menzel gingen in Berlin zahlreiche Anekdoten um; die von dem kinderreichen Mommsen, der jedem ihn begrüßenden Kinde, freilich ohne es anzusehen, freundlich die Hand gab, waren meist auf liebenswürdige Züge gestimmt, was man von den Menzelschen nicht immer sagen konnte. Saß Menzel bei Frederich, dem Weinwirt in der Potsdamer Straße, so baute er, wenn er hereinkam, alle erhältlichen Zeitungen hinter seinem Rücken auf. Ein Bekannter, der nur zur Lektüre der Vossischen Zeitung eingetreten war, wartete in immer gesteigerter Nervosität auf das eingeklemmte Blatt, während Menzel seelenruhig ein anderes durchblätterte. Schließlich ging der Gequälte an den Tisch und sagte sehr höflich: »Würden Euer Exzellenz mir nur für eine Minute die Vossische Zeitung gestatten?« Ohne den Frager auch nur eines Blickes zu würdigen, erwiderte der Maler knurrend: »Nein!«, und jener mußte unter dem höhnischen Lächeln der Kellner und Gäste abziehen. – Bei städtischen Festen hatte, wie Georg Reicke mir erzählte, der Oberbranddirektor von Berlin ein für allemal Menzel nach Hause zu fahren. Bei der ersten Fahrt hatte der Begleiter vergessen, sich die Hausnummer sagen zu lassen. Menzel verweigerte die Antwort, und so mußte erst auf einem Polizeibureau im Adreßbuch nachgeschlagen werden. Es kam auch vor, daß der kleine Herr sich sträubte, Haus- und Türschlüssel herauszugeben; dann mußte der Begleiter diese selbst aus der Manteltasche heraussuchen. Er brachte den alten Meister die drei Treppen in der Sigismundstraße hinauf, schloß hinter ihm ab und sandte am andern Morgen die Schlüssel durch einen Feuerwehrmann mit einem Blumenstrauß zurück. Dies Haus sollte einmal verkauft und abgerissen werden. Als Menzel dies eines Abends dem Geheimen Kommerzienrat Eduard Arnhold klagte und seine Angst vor dem Umzug äußerte, bekam er nach vierundzwanzig Stunden einen Brief des bekannten Kunstsammlers und Wohltäters, darin sich dieser als seinen neuen Wirt vorstellte und ihm Wohnrecht bis an den Tod zusicherte. Trotz all seinen Schroffheiten ward eben Menzel als eine Art Kleinod und Symbol Berlins gehegt und verehrt. Wie er sich selbst auffaßte, zeigt ein ergreifendes Lichtbild. Kaiser Wilhelm II. hatte ihm, dem einzigen Künstler, den Schwarzen Adlerorden und damit den Adel verliehen, und es mußte für das Kapitel erst ein Purpurmantel nach den Größenverhältnissen Menzels angefertigt werden. Dann ließ er sich im Schloß in der Ordenstracht photographieren, befahl aber, daß sein Zylinderhut neben ihn auf den Stuhl gelegt würde: »Man soll sehen, daß ich ein Bürger bin.«

Berlin war damals auch an Denkmälern unvergleichlich ärmer – mancher wird sagen: Gottlob! – als heute. Im Tiergarten standen nur Schapers Goethe, Otto Lessings Lessing und die Standbilder Friedrich Wilhelms III. und der Königin Luise. Dies letzte, Enckes Luisenmal mit dem schönen Fries, war alljährlich am 10. März, dem Geburtstage der Königin, von den herrlichsten blühenden Gewächsen umgeben; dann traf man unter den zahlreichen Besuchern Herman Grimm, das damals schon alte Fräulein Marie von Olfers am Arme führend.

Charlottenburg war noch nicht mit Berlin zusammengewachsen, sondern bewahrte völlig den Charakter einer eigenen Stadt auch in seiner Gesellschaft. Ich verkehrte als Student sehr viel in dem Hause des Diakonus an den beiden einzigen Kirchen der Stadt, der Luisen- und der Lützower Kirche, Alfred Thaer, eines Urenkels von Albrecht Thaer, dem großen Reformator der deutschen Landwirtschaft. Dieser heitere Kreis bestand ausschließlich aus Charlottenburger Geistlichen, Ärzten, Beamten und Fabrikanten. Thaer, dessen Freundschaft ich mit reifendem Alter bis an seinen frühen Tod genießen durfte, war nicht nur einer der inbrünstigsten und wortgewaltigsten Kanzelredner, der mir je begegnet ist, sondern er übte durch die schwer gebändigte Glut seines Wesens, die reine Gläubigkeit seines Christentums einen weithin zwingenden und anfeuernden Einfluß. An manchem Sonntag war die Kirche so voll, daß wir bis in den letzten Winkel der Sakristei hinter der geöffneten Tür lauschen mußten. Kirchlicher Parteistreit, der außerhalb seines Wesens lag, hat ihm das Amt verleidet, er ging in den Schuldienst über. Als ein Charlottenburger Bankhaus, bei dem die Ersparnisse seiner Sonntagsschüler hinterlegt waren, zu Bruche ging, ersetzte er, ohne die Spur einer rechtlichen oder moralischen Verpflichtung, den Betroffenen jeden Pfennig und nahm hierzu über sein Vermögen hinaus drückende Schulden auf sich. Als er Charlottenburg verließ, vereinte sich eine tausendköpfige Menge in dem großen Saale der seither abgerissenen Flora; alle Stände der Stadt vom Polizeipräsidenten und Oberbürgermeister bis zum Droschkenkutscher und Gasarbeiter waren vertreten, und jedes Wort zeugte von tiefer Ergriffenheit. Nachher beim Abschiedsmahl sprach der letzte Schüler Friedrich Rückerts, der greise Orientalist Friedrich Dieterici, beginnend mit einem persischen Gleichnis in Rückerts Übertragung. Ich bin dann in Schwelm und in meinem heimatlichen Waldau in dem von Thaer geleiteten Lehrerseminar der Gast des Freundes gewesen, den der Tod in der Blüte der Jahre abrief. Und wenn ich heute die so veränderten Straßen Charlottenburgs durchwandere, meine ich immer, ich müßte der hohen, etwas vornübergeneigten Gestalt wieder begegnen.