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Schicksal und Anteil

von Heinrich Spiero

Verlag: Wegweiser-Verlag G. m. b. H. | Jahr: 1929

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Kapitel 3

Die Stadt meiner Kindheit

Am 13. Juni 1794 fordert Friedrich Schiller Immanuel Kant zu einem Beitrag für die »Horen« auf und schließt den, über den eigentlichen Anlaß hinaus inhaltreichen Brief mit den Worten: »Nehmen Sie, vortrefflicher Lehrer, schließlich noch die Versicherung meines lebhaftesten Danks für das wohltätige Licht an, was Sie in meinem Geist angezündet haben; eines Danks, der wie das Geschenk, auf das er sich gründet, ohne Grenzen und unvergänglich ist.«

Die Unvergänglichkeit dieses Lichtes ist seither durch den Dank jeder neuen Generation weit über Deutschland hinaus dargetan worden – sie hat Kants Vaterstadt mit ihrem alle Katastrophen der Zeit überdauernden Schimmer umgeben, wie dieses Licht den Pfad zur Einordnung jener Katastrophen in den Gang menschlicher Geschichte und zu ihrer sittlichen Überwindung gewiesen hat.

Königsberg, eine Großstadt schon, als München, Dresden, Leipzig noch behagliche Mittelstädte waren, ist heute wie ehedem die äußerste geistige und wirtschaftliche Vorhut des Deutschtums; die ehrwürdigen deutschen Bürgerstädte des Baltikums sind, von fremder Volkheit umbrandet, nur so etwas wie vorgeschobene Posten dieses gewaltigen Hauptes deutscher Kultur. Herder, ein Sohn Mohrungens, ward nach Studienjahren bei Kant und Lehrtätigkeit am Königsberger Friedrichs-Kollegium Pfarrer in Riga – Goethes zweiter Jugendfreund, Reinhold Lenz, wird als Sohn eines deutschen Geistlichen in Livland geboren und gewinnt seine akademische Bildung zu Königsberg. Dieses Hin-und-Wieder ist und blieb typisch, ebenso typisch wie die Entsendung der Söhne Königsbergs »ins Reich«, zu dem Ostpreußen bis an das Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation politisch nicht gehört hat. Ein ostpreußischer Schüler Kants verfaßt 1813 in Breslau den »Aufruf an mein Volk«, ein Königsberger bietet 1849 zu Berlin namens des Großen Parlaments Friedrich Wilhelm dem Vierten, 1870 zu Versailles namens des Reichstags Wilhelm dem Ersten die Deutsche Kaiserkrone, die Königsberger Dichter E. T. A. Hoffmann und Zacharias Werner sind berufen, preußische Verwaltung in polnische Landesteile zu tragen. So mächtig ist das geistige Strömen dieser wunderlichen Stadt, daß der ewig Unbehauste, daß Heinrich von Kleist in knappen anderthalb Jahren binnen ihren Mauern den »Amphitryon« und die »Marquise von O.« dichtet, dem »Zerbrochenen Krug« und der »Penthesilea« die letzte Form gibt, die Grundsteine zum »Kohlhaas« legen kann.

Dennoch: diese Stätte eines überreichen geistigen Lebens ist nicht, wie einst Weimar oder Wittenberg, Dichter- und Gelehrtenstadt allein. Sie ist der Mittelpunkt einer großen Verwaltung, die Wiege der Steinschen Städteordnung; sie war eine starke Festung und der Standort zahlreicher Stäbe und Regimenter; in ihr hat Yorck 1813 zuerst in Preußen die militärische Erhebung begonnen; sie war und ist ein bedeutender Handelsplatz, Mittlerin zwischen Polen, Litauen und Rußland auf der einen, den deutschen Nordseehäfen, Skandinavien und England auf der andern Seite; und nichts kennzeichnet dies Doppelwesen nach meinem Gefühl besser als zwei Tatsachen des achtzehnten Jahrhunderts: zu Kants berühmter Tafelrunde, deren Gedächtnis das alljährliche Bohnenmahl festhält, gehörten deutsche und ausländische Kaufleute der Stadt, und der Verwalter des Packhofs am Pregel war gleichzeitig Johann Georg Hamann, der Magus aus Norden, Goethes »Ältervater«.

Als der Magdeburger Karl Rosenkranz, achtundzwanzigjährig, auf Kants Lehrstuhl berufen ward, ging er nicht ohne Zagen in den damals so fernen Osten; kaum neun Jahre später knüpfte er »Königsberger Skizzen« zu einem entzückenden Bande zusammen und begründete das den neuen Mitbürgern gewidmete Werk mit diesen Worten: »Wohl sind wir für das Ausland bis dahin mehr nur ein Name, mit dem sich die unbestimmte Vorstellung einer großen, handeltreibenden Stadt verbindet, worin Kant, Hamann, Kraus, Hippel, Herder, Scheffner, Werner, Hoffmann u. a. gelebt haben … nur ein geringes Nachdenken muß indessen schon dazu führen, einer Stadt nähere Aufmerksamkeit zu schenken, aus welcher eben Männer, wie die genannten, hervorgegangen, aus welcher von Zeit zu Zeit der übrigen Kulturwelt so nachhaltige Impulse gekommen sind. Königsberg birgt eine tiefe Eigentümlichkeit, eine gediegene Bildung.« Und das Bewußtsein von Königsbergs geschichtlicher Sendung ist so lebhaft geblieben, daß Detlev von Liliencron die Gabe einer Anzahl dortiger Ansichten durch eine fremde Verehrerin mit den Worten erwiderte: »Aus dem Album gefallen mir hauptsächlich das alte Schloß und der Kneiphof. Die Menschen, die sich auf dem Bilde ›Kneiphof-Langgasse‹ dem Photographen gestellt haben, sehen alle so unternehmend aus. Und, merkwürdig, es fielen mir bei diesen Menschen die Menschen ein, die 1812 und 1813/14 mit so großer, mit größter Opferfreudigkeit in die Befreiungskriege gingen.«

Verheerende Brände und pietätlose Hände haben aus dem Antlitz der Stadt manch unwiederbringliche Rune ihrer Geschichte und Bewährung getilgt; trotzdem ist es vor fünfzig Jahren für ein Kind Königsbergs nicht schwer gewesen, sich in verpflichtendem Erbe zu fühlen. Das große Mahnzeichen des gewaltigen Ordensschlosses vor Augen, in gewundenen Gassen an alten Giebelhäusern vorbeistreifend, mochte es bald mehr als nur einen Hauch der Vergangenheit auffangen. Es schritt am Blauen Turm vorüber das Bohlwerk des Stromes entlang, daran Rosenkranz seinen Morgengang machte; es sah von einer der sieben grauen Brücken zu den schmalen, rostroten Speichern der Lastadie hinüber und fühlte in ängstlich-seligem Erschauern die von Rußland her heranpolternden Eisschollen gegen die Ternpfähle schlagen, daß die Brücke selbst ins Schwanken kam. Es wanderte vom Ostbahnhof her den belaubten Philosophendamm entlang und wußte: hier ging vordem Immanuel Kant. Die Stelle der Kürbishütte vor dem Tore ward ihm gewiesen, wo zuerst Wort und Weise erklangen:

Der Mensch hat nichts so eigen,
So wohl steht ihm nichts an,
Als daß er Treu erzeigen
Und Freundschaft halten kann.

In der Stoa Kantiana hinter dem Dome, vor dem spielende Kinder jauchzten, lernte es die Worte vom bestirnten Himmel oben und dem moralischen Gesetze innen buchstabieren, ehe denn es ihren Sinn zu ahnen begann. Und wenn kein Denkmal, sondern nur ein Eisernes Kreuz über dem Hause der Landschaft an die Erhebung von 1813 erinnerte, so meinte es, doch die Männer durch Kneiphof und Vorstadt zum Brandenburger Tore ziehen zu sehen, die am 19. Oktober 1813 das Grimmaische Tor in Leipzig stürmten. Es wußte noch nichts vom vollen Ablauf der preußischen Geschichte, aber es »telephonierte«, bevor es ein Telephon gab, mit einem Kameraden um die Flüsternische hinter Schlüters Friedrichsdenkmal und lernte alsbald, daß dieser erste König sich ebenso wie der alte Kaiser, unter dem es lebte, drüben in der Schloßkirche vom Tische des Herrn die Krone aufs Haupt gesetzt hatte.

Im Winter aber, wann der schneidend kalte Oststurm durch die Straßen heulte und die Baschlikmütze ganz über das Gesicht gezogen wurde, daß knapp die Augen herausschauten – dann empfand das Kind die Nähe der Grenze, das nachbarlich-fremde Rußland mit seiner unendlichen Ebene. Und es sah im Hafen die großen Seedampfer löschen, hörte am Kai die Sprache manches fernen Landes und ward zur Sommerszeit im schaukelnden Wagen hinter drei Pferden an den Strand gefahren. Dann überflog auch das junge Herz jenes »heilige Grauen«, jenes Gefühl der ewigen Glut dessen, was

groß gelebet,
Mensch und Gott in sich verwebet!

Den Dichter, der auf der Seehöhe von Warnicken über der Wolfsschlucht dies Gefühl in Verse bannte, trieb es zur Erforschung der Vergangenheit nach dem Süden, er, Ferdinand Gregorovius, wurde der Geschichtschreiber Roms und Athens; und so umfing den jungen Königsberger, wenn er die Runen der Heimat deuten lernte, auf den Spuren der Vorzeit beides: die verklammernde Liebe zum engsten Vaterlande, die immer wieder heimgetriebene Sehnsucht zur Ferne.

Wir treten auf die Kette,
Und die Kette klang,
Da kam ein schöner Vogel,
Der so herrlich sang …

Wir schmetterten es gerade mit schrillen Kinderstimmen in die warme Sommerluft auf dem Hofe am Pregel, wie alle Königsberger Kinder es in jenen Jahren, Hand in Hand zum Kreise gefügt, sangen, wie es ein paar Häuser weiter am Pregel, ein paar Jahre später, Agnes Miegel sang, die die Verse schließlich einem ihrer schönsten Gedichte einwebte. Da brachen wir ab und ließen uns los und gingen dem Hause zu, denn unser Wirt trat heraus. Meine Schwester machte einen Knix, ich gab ihm die Hand, nachdem ich sie vorsichtshalber hinten an der Hose abgewischt hatte, und schon hatten wir die Wirtstochter, die bereits zur Schule ging, aber gerade Ferien hatte, zwischen uns, und die ganze Gesellschaft des Hauses am Weidendamm sang und spielte das andere Lied, das damals den Domplatz und die Höfe und die wenigen Gärten Königsbergs durchklang, wo immer sich Kinder bei den Händen hielten:

»Ich bin der Fürst von Thoren,
Zum Herrschen auserkoren …«

Und Käthe Schmidt war der Fürst, schon weil sie uns um Haupteslänge überragte. Aber ganz so laut waren wir doch nicht mehr, denn Herr Schmidt, der Wirt, ging ernsthaft über den Hof und dann durch den Staketenzaun in den Garten, an dem gerade ein Dampfer von der Hohen Brücke zur Honigbrücke entlang pustete, und vor den großen blauen Augen des schönen, hochgewachsenen Mannes hatten wir einen stillen Respekt. Schon deshalb, weil die Eltern mal von dem Maurermeister Schmidt sprachen, und dann wieder »Herr Prediger« zu ihm sagten, und das schien uns seltsam. Er war auch ein seltsamer Mann, und erst später habe ich sein Schicksal recht verstanden. Er hatte die Rechte studiert und sich der Freien Evangelisch-Katholischen Gemeinde angeschlossen. Da er außerdem Demokrat war, hatte er nach 1849 keine Aussicht auf Anstellung im Staatsdienst. Er ergriff als Referendar das väterliche Maurerhandwerk, ward ein hochgeachteter Meister und Bürger, heiratete die Tochter des Gemeindegründers, des berühmten Dr. Julius Rupp, und ward nach dessen Tode Sprecher und Prediger der Freien Gemeinde. Meine Eltern gehörten nicht zu ihr, wohnten aber ihren öffentlichen Erörterungsabenden häufig bei, und ihr Gespräch ging dann noch lange um Schmidt. Käthe aber bin ich erst nach Jahrzehnten und an ganz anderm Orte wieder begegnet. Da veranstaltete ich in Hamburg die erste Ausstellung ihrer hinreißenden Radierungen, und unser Briefwechsel begann mit den gemeinsamen Erinnerungen an den Weidendamm. Sie hatte sich inzwischen verheiratet und hieß Käthe Kollwitz.

Ging man durch unsern Garten bis an den zweiten Zaun, der Rasen und Lauben vom Flusse abschied, so erblickte man rechts den hohen Turm des Domes und davor den langgestreckten Bau der früheren Universität. Jetzt war in den alten Räumen Kantischen Gedenkens ein Kindergarten, in den die Mutter auch mich brachte, und dort bei Tante Käthe Winkler habe ich alle Fröbelspiele und Fröbelarbeiten gelernt und auch – meine erste Liebe gefunden. Sie hieß Eva Berneker. Und auch mit ihr, der damals Fünfjährigen, hat mich das Leben später wieder zusammengeführt, als ich nicht ihr eigenes Werk, aber das ihres Vaters, Constanz Berneker, in Hamburg zu Gehör bringen ließ; jenes Komponisten, der lebenslänglich im Schatten unter uns umherging, und dessen Musik in ihrem Vollgehalt erst nach seinem Tode erkannt ward.

Königsberg war damals, durch den starken Festungsgürtel eingeschnürt, eine enge Stadt, volkreich, die elfte des neuen Reichs; verließ man sie, so geschah es durch eins der neun Festungstore und über die breiten Zugbrücken, unter denen auf den trägen Gräben die Entengrütze in wunderlichen Gebilden schwamm. Ob es auch eine schöne Stadt war, weiß ich nicht, denn welches Kind fragt, ob seine gute, liebevolle Mutter schön sei? Nur das habe ich bald begriffen, daß man ihr mit dem Abbruch des Grünen Tors und der Wolme in der Kneiphöfischen Langgasse einen großen Teil ihres Reizes geraubt hatte. Für mich aber bedeuteten diese Straße und diese Vorbauten, die man in Danzig Beischläge nennt und deren man nahe dem Dom noch einige sieht, etwas Besonderes und Anziehendes. Denn in dieser Straße und in ihren Quergassen hatten meine mütterlichen Vorfahren gewohnt, seit im siebzehnten Jahrhundert der erste erkennbare Ahn das schweifende Gewerbe eines Schiffers auf Pregel und Deime mit dem seßhaften eines Königsberger Kaufmanns vertauscht hatte. Von diesen nun verschwundenen Vorbauten her hatten sie miteinander und mit den Nachbarn verkehrt und die Geschichte der Stadt miterlebt, in die ich mich, kaum Schüler geworden, versenkte. Die Anregung dazu gab mir ganz unbewußt meine Großmutter, die, bei meiner Geburt schon mehr als sechzigjährig, bis in ihr neunzigstes Jahr in unserm Hause lebte. Das ganze Königsberg des neunzehnten Jahrhunderts war an ihr vorbeigezogen, und in den Erinnerungen der eigenen Eltern und Großeltern hatte sie auch fernere Vorzeiten miterlebt. Ihre sehr schöne Mutter hatte sich auf ungestümes Drängen mit einem im Hause einquartierten französischen Offizier verlobt, dann aber das Jawort widerrufen. Als Erinnerung ward in der Familie das Abschiedsgeschenk, ein grünemailliertes Kästchen mit einem Crayon und einem scheinbar überflüssigen silbernen Speer aufbewahrt. Nach Jahrzehnten, als meine Großmutter längst glücklich verheiratet war, kam mein ältester Großonkel, damals Student, morgens zum Frühstückstisch und sagte: »Mutter, gib mir doch das Etui von Grandsire, ich habe geträumt, wenn man mit dem Speer auf eine bestimmte Stelle drückt, springt etwas heraus.« Zweifelnd holte die Urgroßmutter den hübschen Behälter und siehe: wie der Sohn gemäß seinem Traum mit der Speerspitze auf eine kaum sichtbare Rundung drückt, springt eine Elfenbeinplatte heraus; sie zeigt auf der einen Seite einen Spiegel, auf der andern das Haargeflecht des seither verschollenen Gebers.

Was hat uns die Großmutter auf ihrem hochlehnigen Ledersofa oder auf dem Tritt am Straßenfenster nicht alles zu erzählen gewußt! Sie war auf einer Tribüne im Schloßhof bei der Huldigung vor dem »hochseligen Könige« (sie sagte nie anders) Friedrich Wilhelm IV. zugegen gewesen und schilderte lebhaft bis auf das Wort jenen hinreißenden Augenblick, da der König vom Thronsessel aufsprang und an der Brüstung die durch ganz Deutschland hallende Rede hielt mit dem schönen Bilde von dem preußischen Vaterlande, das keinem andern Roste unterworfen sei als dem verschönernden der Jahrhunderte. Und es ging durch uns Kinder wie ein kalter Schreck, wenn sie dann von der Huldigung der Stände sprach und von dem Schrei einer wahnsinnigen Frau über den ganzen andächtigen Schloßhof hin: »Schwört nicht, schwört nicht!«

Oder sie berichtete, wie eines frühen Morgens ungerufen der Hausarzt, der damals noch nicht berühmte Johann Jacoby, eiligst über den Wolm gekommen wäre und zur Urgroßmutter gesagt habe: »Madame Simson, lassen Sie mich einen Augenblick eintreten, die Cholera ist in der Stadt, am Hundegatt rottet sich das Volk zusammen und rennt jetzt in die Langgasse und schreit, wir Ärzte hätten die Brunnen vergiftet.«

Unzählig waren die Anekdoten von den großen Königsberger Gelehrten. Da sollte Christian August Lobeck, als griechischer Grammatiker wie als Sagenforscher gleich berühmt, der erste klassische Philolog seiner Zeit, der neben der Bibliothek an der Ecke der König- und der heutigen Lobeckstraße wohnte, auf die Aufforderung des Königs, er möge sich eine Gnade ausbitten, nach einiger fruchtloser Besinnung in seiner urbildlichen Bescheidenheit geantwortet haben: »Majestät, meine Frau möchte schon lange die Fensterläden grün gestrichen haben.« Als er einen Orden erhielt, behauptete er steif und fest, er habe ihn schon, er sei gewiß für den gegenüberwohnenden Professor Schubert bestimmt. Eines späten Nachmittags hatte es bei meinen Großeltern auf dem Sackheim geklingelt und meine damals sechsjährige Mutter geöffnet. Vor der Tür stand ein kleiner, altmodisch gekleideter Mann. Meine Mutter schlug ihm die Tür vor der Nase zu und meldete drinnen, der Schuster wäre da. Als die Großmutter zum zweiten Male öffnen ging, sank sie – nach ihrem eigenen Ausdruck – vor Schreck in den Boden. Der Geheimrat Lobeck stand vor ihr und wollte dem Großvater einen Besuch machen.

Sie erzählte vom alten Schulrat Dinter, dem Organisator des ostpreußischen Volksschulwesens. Der hatte mit seinem nächsten Freunde um das gleiche Mädchen geworben, sie hatte den andern gewählt, aber sie hatten abgemacht, daß das älteste Kind Dinter gehören sollte. So geschah es auch, und der große Schulmann übertrug nun die verschmähte Liebe auf den Jungen. Zum Gaudium der Kameraden sei er ihm nach der Schule regelmäßig mit ausgebreiteten Armen entgegengegangen und habe gerufen: »Endlich kehrt meine Sonne wieder zurück.«

Kurz, ich lebte mit der Großmutter und durch sie das Leben der vergangenen Geschlechter mit. Die Stadt war in langsamem Aufschwung; in meine ersten Kinderjahre fiel der Russisch-Türkische Krieg, er sperrte die Häfen des Schwarzen Meeres und lenkte den Großteil der russischen Ein- und Ausfuhr über Königsberg und insbesondere über die Ostpreußische Südbahn, die Königsberg und Pillau bequem mit der Grenze und der russischen Südwestbahn nach Kiew, Odessa und Nikolajew verband. Trotzdem waren Lebensart und Lebenszuschnitt der Bürger äußerst bescheiden. Man hatte weder Wasserleitung, noch Kanalisation, noch in den Wohnungen künstliches Licht. Jeden Morgen und jeden Abend ging das Mädchen, über den Schultern die hölzerne Pede, daran an klirrenden Ketten Eimer hingen, zum Brunnen auf dem Hofe Wasser holen. Wer besonders gutes Wasser wünschte, schickte zum Schloßbrunnen und ließ sich einen Krug voll bringen. Als wir im Jahre 1882 nach dem Polnischen, dem jetzigen Steindammer Kirchenplatze zogen, war die dort eben eingerichtete Wasserleitung nicht nur für uns Kinder eine Sensation. Vor den Toren war das städtische Leben sofort zu Ende, der Festung wegen durften auf eine weite Strecke massive Gebäude nicht errichtet werden. Hier lagen die Glacis, hübsche Waldungen, ein Ersatz für die bis auf den ungern besuchten Volksgarten fehlenden Parkanlagen. Hier lagen die Friedhöfe und dann erst weiter draußen ein paar Dörfer, darunter die Hufen vor dem Steindammer Tore das hübscheste waren. Ihre Gärten wurden fast alle von einem in tiefgeschnittener Schlucht laufenden Bache durchquert und standen voll uralter Bäume; beinahe jedes Haus hatte seine Geschichte und bewahrte sie auch, nachdem sie alle Kaffee- und Vergnügungslokale geworden waren. In der Villa Hufenterrasse, wo jetzt das Reformgymnasium steht, war Immanuel Kant oft bei Freunden eingekehrt; in dem einst Theodor Gottlieb von Hippel gehörigen, dann Busoltschen Park, jetzt Luisenwahl, hatte nach dem unglücklichen Kriege Königin Luise mit ihren Kindern jeden schönen Sommertag verbracht, und die fast schon mythische Frau Hedwig von Olfers mit dem alten Kaiser Kinderspiele getrieben. Gerade damals malte der Akademiedirektor Karl Steffeck, dessen bildschöner Reitergestalt wir in den Straßen bewundernd nachsahen, die Königin mit den beiden ältesten Söhnen im Park Luisenwahl für die Aula des Wilhelmsgymnasiums, und dies Bild gehört ebenso zu meinen ersten künstlerischen Erinnerungen wie das Gemälde seines Amtegenossen Johannes Heydeck »Königin Luise auf der Flucht über die Kurische Nehrung«. Heydeck, einst der Zeichenlehrer meiner Mutter, war ein guter Bekannter unseres Hauses, ein origineller Mann, der sich im Alter auf den Orgelbau legte. Wir sprachen alle sehr ostpreußisch, dennoch fiel selbst uns seine breite Mundart auf. Heydecks zweite, mit reicher wissenschaftlicher Ausbeute betriebene Liebhaberei war Anthropologie und Vorgeschichte. Er machte fortwährend glückliche Gräberfunde, und ihm gelang die Auffindung von Kants Schädel in der Gruft hinter dem Dome. Der Augenblick, wie er, hemdsärmelig, halben Leibes in der Erde, mit ehrfürchtiger Behutsamkeit den Schädel zu den Freunden emporreicht, ist in einem der Gesellschaft der Freunde Kants gehörigen Bilde festgehalten worden.

Die Stadt war noch reich an Originalen. Auf dem Altstädtischen Markt, hart an der Treppe zum Schloß, stand, in verschlossener Schirmmütze, wie ein Halbblinder in die Sonne blinzelnd, der Drosselfried und hielt in der Hand Wildgevögel feil. Mit flatterndem Mantel ging, murmelnd, der winzige, weißbärtige Losehändler Stein durch die Gassen, von schreienden Straßenjungen verfolgt. Und was für unvergeßliche Frauengestalten mit wahrhaft homerischer bilderreicher Schimpfkraft beherbergten die Märkte, vor allem die Fischbrücke, aus der dazumal noch jede Hausfrau selbst ihr Gericht einkaufte! Unterhalb des Mühlenberges hielt die uralte »Tante Fischer« mit ihrer gleichfalls schon hochbetagten Tochter einen Braunbierausschank. Außer dem Getränk gab es nur zwei Sorten Käse, die sie Seehundchen und Meerhundchen nannte. Sie hatte nie in ihrem Leben ein Dampfschiff oder eine Eisenbahn gesehen, hatte sich seit Jahrzehnten aus der »Wolfsschlucht« – so hieß ihr von jedem Fremden besuchtes Lokal – nicht herausgerührt. In der Modestengasse auf dem Tragheim wohnte in einem Keller der Buchbinder J. C. Gleisli. Er war ein strammer Politikus auf eigene Faust und überreichte treuen Kunden seine auf Selbstkosten gedruckte Broschüre