Walther Rathenau. Sein Leben und Wirken
Verlag: Carl Reissner-Verlag | Jahr: 1927
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Das Ende des Krieges
Während des ganzen Krieges hatte Walther Rathenau für Friedensverhandlungen plädiert. Am 17. Juli 1916 hatte er ein die Friedensverhandlungen betreffendes Promemoria eingereicht. Er war ein Gegner des Annexions- wie des Erschöpfungskrieges, von dem man, namentlich als der U-Bootkrieg unbeschränkt geführt werden sollte, viel reden hörte. Rathenau kannte die Gegner viel zu genau und beurteilte sie zu richtig, als daß er an eine Erschöpfung hätte glauben können. Alle seine Zeitbestimmungen, alle seine Berechnungen, die er bei Kriegsbeginn und während des Krieges aufstellte, haben sich später als richtig erwiesen. Er sah zu klar, um an den Erfolg des U-Bootkrieges glauben zu können.
In seiner Broschüre »Zeitliches«, die mehrere während des Krieges in Zeitungen veröffentlichte Aufsätze zusammenfaßt, und eine sehr kritische Einstellung unserer politischen Führung gegenüber zeigt, aber eine sehr vertrauensvolle gegen die militärische Führung durch unsere Feldherren an den Tag legt, findet sich ein Aufsatz, »Stimmung« überschrieben. Rathenau tritt dann für unbedingte Wahrheit ein, er meint, daß die sogenannte Stimmungsmache dem Volk gegenüber zu einer bitteren Enttäuschung führen müsse. Er schlägt vor, dem einen der beiden Feldherrn – Ludendorff ist gemeint – neben der militärischen auch die politische Führung in die Hand zu geben. So groß war damals noch Rathenaus Zutrauen zu Ludendorff.
Im Jahre 1915 hatte Rathenau Ludendorff in Kowno kennengelernt, als er dort im Auftrag des »Oberost« Fabriken für Verteidigungsmaterial einrichtete. Als Gast des Oberkommandos war er täglich mit Ludendorff und Hindenburg zusammen, und er gewann den Eindruck, daß Ludendorff ein ungewöhnlich befähigter, politisch denkender Mann sei, dem man das Schicksal des Reiches auch vor der Öffentlichkeit anvertrauen dürfte, das er im wesentlichen ja jetzt schon in Händen hatte. In den folgenden Jahren sandte Rathenau gelegentliche Berichte über die Verhältnisse im Inland, über wirtschaftliche und industrielle Fragen an Ludendorff. Ein solcher Bericht ist auch der dem Prüfungsausschuß vorgelegte Brief über die Industriellensitzung im Kriegsministerium in der Frage der belgischen Arbeiter.
Rathenau hatte auch während des Krieges gelegentlich Zusammenkünfte mit Vertretern neutraler und überseeischer Mächte. Er war mit dem amerikanischen Gesandten Gerard nahe bekannt, durch den er auch den Obersten House, den Vertrauten Wilsons, kennenlernte. House äußerte einmal zu Rathenau, daß ihn nichts so in Erstaunen setze, als daß die Deutschen an ihren Sieg zu glauben vermöchten. Rathenau erfuhr von ihm, daß Wilson unter allen Umständen entschlossen war, den Krieg wenn möglich friedlich, wenn nicht mit den Waffen zu beenden. Daß der letztere Fall eintreten müsse, wenn der unbeschränkte U-Bootkrieg erklärt würde, war für Rathenau selbstverständlich klar. Da er Amerika und amerikanische Möglichkeiten aus eigener Anschauung kannte und die dortigen Verhältnisse in bezug auf Industrie und Wirtschaft beurteilen konnte, wußte er, daß die Amerikaner nicht »zu fliegen brauchten«, um als entscheidende Macht in den Krieg eingreifen zu können. Darum warnte Rathenau an allen ihm zugänglichen Stellen vor dem U-Bootkrieg, – aber im Jahre 1917 war er trotzdem Tatsache geworden.
[Ohne Bildunterschrift]
Im Frühling 1917 war das Hauptquartier einige Tage in Berlin. Rathenau suchte Ludendorff auf, berichtete ihm über die Durchführung des Hindenburgprogrammes und setzte ihm auseinander, daß die U-Boot-Gutachten falsch seien und daß es nicht möglich sein könne, England, wie man es erwartete, durch den U-Bootkrieg niederzuwerfen. Ludendorff glaubte seinen Gewährsleuten mehr und beachtete Rathenaus Warnungen nicht.
Dennoch wurde Rathenau am 10. Juli 1917 ins Große Hauptquartier nach Kreuznach berufen und hatte dort eine längere Unterredung mit Ludendorff, deren Verlauf Rathenau am nächsten Tag ausführlich niederschrieb, wie er selbst in seinem Aufsatz »Schicksalsspiel« in der Broschüre »Was wird werden?« berichtet. Rathenau berechnete die Lasten, die Deutschland nach Kriegsende tragen werde, selbst wenn der Kriegsausgang ein verhältnismäßig günstiger werden sollte. Er besprach die Frage der Kriegsentstehung mit Ludendorff, die Folgen, die der Kriegseintritt Amerikas für Deutschland zeitigen werde, und den Zeitpunkt, wann sie sich bemerkbar machen dürften und hatte auch mit diesen Berechnungen recht. Schließlich besprachen beide die Möglichkeiten und Bedingungen des Friedensschlusses. Während Rathenau seine Ansicht über die »Sicherungen« festhielt, die er in seinem Aufsatz in der Broschüre »Zeitliches« vertreten hatte, hielt Ludendorff gewisse Grenzregulierungen für wünschenswert und wichtig. Rathenau vertrat die Überzeugung, daß Annexionen unmöglich seien und daß sie bei längerer Dauer des Krieges vermutlich auch als Sicherungen für die Industrie im Rheinland nicht benötigt werden dürften, da er annahm, daß diese Industrien durch den Krieg selbst dann längst verzehrt sein würden. Rathenau sprach auch über Stimmungswerte und er erklärte, daß die englische Methode der Stimmungsmache die geschicktere sei, weil sie dem Volk immer die schlimmsten Möglichkeiten vor Augen führte und es so zu äußerster Kraftanstrengung anreizte, um diese ärgsten Gefahren abzuwenden.
Am Nachmittag wurde die Unterredung fortgesetzt und Ludendorff erklärte sich mit allem einverstanden, was Rathenau vorgebracht hatte, nur in der Frage des U-Bootkrieges weiche seine Meinung von der Rathenaus ab. Rathenau wollte wissen, welche Gründe Ludendorff zu dieser abweichenden Meinung veranlaßten, und Ludendorff sagte ihm, daß dabei ebenso wie bei seinen strategischen Maßnahmen einzig sein Gefühl für ihn maßgebend sei. Diese Antwort machte Rathenau verstummen. Bei allen militärischen Maßnahmen durfte der Feldherr sich auf seinen militärischen Instinkt, auf seinen Feldherrengeist verlassen, nein, er mußte es, weil dieser das letzte entscheidende Kriterium sein mußte. Aber der U-Bootkrieg war eine Frage der Technik und der Statistik. Da gab es keine Gefühle sondern nur Berechnungen und Erfahrungen, da durfte der für ein Volk von sechzig Millionen verantwortliche Mann nicht auf Gefühle sich verlassen, da hatte er streng und gewissenhaft zu prüfen und logisch zu Ende zu denken. Keine andere Methode war möglich.
Als diese Antwort aus Ludendorffs Mund kam, wurde es Rathenau klar, wie sehr er ihn überschätzt habe, und daß Ludendorff nicht der Mann war, von dem er erhoffen konnte, was er bisher als Ziel seiner patriotischen Arbeit sich gesetzt hatte, und wofür er die Mithilfe Ludendorffs, die Unterstützung der Militärdiktatur erwartete. Rathenau war immer mit den politischen Selektionsmethoden in Preußen-Deutschland so wie mit dem bestehenden Wahlrecht unzufrieden gewesen, er hatte aber erkannt, daß bei dem System der Wilhelminischen Ära keine Änderung zu erhoffen war. Nun aber herrschte eine Militärdiktatur und Ministerien, Ämter und Behörden führten nur eine Scheinexistenz, während tatsächlich das Oberkommando und Ludendorff so ziemlich alle Macht in ihren Händen vereinigten. Darum hoffte Rathenau, bei der hohen Meinung, die er bis zu dieser Unterredung von Ludendorffs politischer Befähigung und von seinem Verantwortungswillen gehegt hatte, daß es durch ihn möglich sein würde, in Preußen und Deutschland für eine gesündere politische Auslese, für bessere Wahlmethoden zu arbeiten, und daß so eine innere Reorganisation herbeigeführt werden könne. In diesem Sinn waren seine Aufsätze gehalten, die er in der Broschüre »Zeitliches« gesammelt hatte, in denen er gegen Annexionen schrieb und für einen schnellen vernünftigen Friedensschluß eintrat. Er hatte gehofft, Ludendorff könnte der Mann sein, um diese Verbesserungen und Veränderungen durchzuführen. Die Unterredung vom 10. Juli 1917 raubte ihm jede Hoffnung und jede Zuversicht und er sah in trüber Erwartung dem Ende des Krieges entgegen.
Als im Oktober 1918 das verhängnisvolle Telegramm um Waffenstillstand abgesandt wurde, war Rathenau einer der wenigen, die klar und ruhig, wenn auch bitter und schmerzlich bewegt, die Lage überblicken konnten. Darum war er gegen dieses Waffenstillstandsangebot. Am 7. Oktober 1918 erschien sein Aufsatz »Ein dunkler Tag« in der »Vossischen Zeitung«. Er begann mit den Worten: »Der Schritt war übereilt.« Rathenau erklärte, daß er durchaus für den Frieden und zwar für einen schnellen, ja sofortigen Frieden eintrete, aber nicht für eine Unterwerfung auf Gnade und Ungnade. Rathenau wollte die Liquidation, nicht den Konkurs. Er schlug vor, daß man ein Verteidigungsamt einrichten, die Reihen gegen Westen auffüllen, den Osten räumen solle und dann, in Waffen, bereit zum Widerstand und fähig, ihn zu leisten, sollte man ein Friedensangebot ergehen lassen. Nicht ein Waffenstillstand, sondern Frieden sollte geschlossen werden. Was Rathenau vorhersah, traf ein, der Waffenstillstand brachte zuerst nur einen Notenwechsel, die Front mußte noch viele Wochen lang gehalten werden und die Lage der Truppen verbesserte sich in der folgenden Zeit durch das Waffenstillstandsangebot nicht. Die von der Obersten Heeresleitung gewählte Form zeigte sich als verfehlt. Rathenau nahm an, daß sie nicht aus Überlegung gewählt worden war, sondern daß in einer Depression, in einem Nervenzusammenbruch sie als einziger Ausweg angesehen wurde. Als Rathenau seinen Aufsatz veröffentlichte, war noch Zeit, die Situation zu retten, das Angebot zu ändern, es zurückzunehmen. Im gleichen Sinn, in dem sein Aufsatz gehalten war, richtete Rathenau ein Schreiben an den Kriegsminister Scheuch (»Neue Briefe«, Nr. 50). Vergebens. Von vielen Seiten wurde ihm zugestimmt, namentlich aus den Reihen der Konservativen. Man fragte mit Rathenau und schrieb ihm in zustimmenden Briefen: »Muß denn Deutschland zugrundegehen, weil ein General die Nerven verliert?«
In seinen »Erinnerungen« schreibt Prinz Max von Baden, der damalige Reichskanzler, über Rathenaus Aufsatz: »Das war der Herzensschrei eines großen Patrioten. Er traf mich hart. Seit dem 5. hatte ich versucht, mich auf den Boden der Tatsachen zu stellen, nach vorn zu sehen und nicht zurück auf den Kampf, den ich gegen das Waffenstillstandsangebot geführt und verloren hatte. Nun quälte und fragte ich mich wieder aufs neue: war auch wirklich das letzte geschehen um den »übereilten Schritt« zu verhindern. Erst Jahre später habe ich von Freunden erfahren, daß Rathenau am 2. Oktober wie ein Kind geweint hat und seinen erfindungsreichen Geist zermarterte, ob er nichts tun könnte, um das Angebot aufzuhalten. Wäre er doch an jenem Tage zu mir gekommen! Ich hätte diesen Bundesgenossen brauchen können!«
Wenige Tage später gab Ludendorff zu, daß er sich getäuscht hatte, denn die Front hielt stand auch ohne die von Rathenau vorgeschlagenen Stützungen. Aber es wurde nichts geändert. Vielmehr wurde Rathenau, der immer für den Frieden gearbeitet hatte, aber er tat seine Pflicht und half ihn führen, verlängern, den Frieden sabotieren wollen, indem er für eine Levée en masse eintrat. Nicht lange darauf hat Ludendorff behauptet, daß Rathenau den Krieg sabotiert habe. Beides ist falsch. Rathenau war ein Gegner des Krieges, vor dem er jahrelang gewarnt hatte, aber er tat seine Pflicht und half ihn führen, als seine Kräfte gebraucht wurden. Rathenau wollte den Frieden, aber einen ehrenvollen Frieden, nicht eine Unterwerfung auf Gnade und Ungnade.
Nun setzte Rathenau alle Energie ein, um wenigstens für eine geordnete Demobilisierung zu sorgen. Der Brief an Scheüch vom 15. Oktober 1918 (»Neue Briefe«, Nr. 52) ist der Beweis dafür. Aber seine Vorsorge, die vor allem sofortiger Arbeitsbeschaffung für die rückflutenden Armeen galt, konnte nichts nützen, da wieder die Gefahr nicht erkannt und ihr nicht rechtzeitig begegnet wurde. Was in den nächsten Wochen folgte, ist bekannt. Das Mißtrauen der Entente, die an die Unterwerfung nicht glaubte, sondern sie für eine Finte hielt, und alle möglichen Vorsichtsmaßregeln traf, um sich vor Deutschland zu sichern. Der Militärputsch kam, die Flucht der Monarchen, und zugleich erhob sich die Behauptung, die seitdem immer wiederholt und weiterverbreitet als »Dolchstoßlegende« bezeichnet wird, daß nicht die Oberste Heeresleitung die Nerven verloren habe, sondern daß die Bevölkerung hinter der Front an der Niederlage schuld sei.
Gegen Rathenau richteten sich von allen Seiten alle Waffen der Verdrehung, Entstellung, Verleumdung, Man nannte ihn leichtfertig und gewissenlos, weil er den Krieg verlängern wollte, denn man begriff nicht, daß die Ereignisse, die dann eintraten und die zum Teil die schweren Folgen jenes Zusammenbruchs waren, in manchen hätten vermieden werden können, wenn man seinen Rat befolgt hätte. Rathenau selbst schlug vor, wie aus seinem Brief an Scheüch hervorgeht, daß man ein Volkskommissariat zur militärischen Leitung berufe. Er wollte die Abwicklung der Liquidation in andere als in die bisher verantwortlichen Hände legen. Niemals dachte er und wünschte er, den Militarismus zu stärken. Ebenso wenig freilich hatte er früher daran gedacht, den Krieg zu sabotieren. Er hatte die Kriegsrohstofforganisation geschaffen und trotzdem wagte es Ludendorff, jene Weissagung Rathenaus, die den Kaiser und seine Umgebung charakterisiert hatte, öffentlich als Kriegssabotage zu bezeichnen. Rathenau glaubte nicht an »Stahlbäder« und »große Zeiten«, und weil er vorausgesehen hatte, daß das Kollektiverlebnis von 1914 wie ein kurzer Rausch verflackern würde und als menschliches Resultat des Kriegserlebens Schiebertum und Kriegswucher und ähnliche unerfreuliche Gebilde ihm vor Augen standen, darum war er ein Gegner des Krieges. Von diesen Schiebern und Kriegsgewinnern hatte er behauptet, daß sich »ein gewisser geschäftlicher Anstand in der Regel nach der zwanzigsten Million einstelle, sobald der kleine Betrug nicht mehr reizt und lockt.« Diesen Satz hatten gewissenlose Gegner aus dem Zusammenhang gerissen, als Urteil über die allgemeine herrschende Wirtschaftsmoral und zwar speziell über die talmudische Geschäftsmoral angesehen und zum Anlaß böser Verleumdungen genommen. (»Briefe«, Nr. 757.) Tatsächlich sagt dieser Satz nur, daß sich Rathenaus Geschäftsmoral gegen diese Art empörte, da sie »nur die Geschäfte als gut anerkannte, die beiden Kontrahenten Nutzen gewähren.«
Daß ein Mensch Gegner des Krieges sein konnte und dennoch im Kriege seine Pflicht erfüllte, war schwer begreiflich. Es war und ist schwer begreiflich, daß ein Mensch harte Kritik an seiner Umgebung, an seinem Volk, an seinem Vaterland üben kann und es dennoch liebt, für es kämpft und leidet, sich ihm aufopfert. Da die meisten Menschen einseitig sind und sich nur einseitig einstellen können, ist ihnen eine gerundete Persönlichkeit kaum faßbar. Gerade Ludendorff mußte besser als die meisten Rathenaus Vaterlandsliebe kennen und die Dienste beurteilen können, die er der deutschen Kriegsführung geleistet hatte. Dennoch griff er ihn an, und die Angriffe wurden aus seinen Kreisen fortgesetzt. Rathenau hat ihm das kaum übelgenommen, auch wenn er sich dagegen verteidigte. Er verstand, daß Ludendorff in Selbstverteidigung gehandelt habe. Niemandem wird es leicht, seine Nervenschwäche und seine Irrtümer einzugestehen, am schwersten aber einem Feldherrn, dessen Schicksal sich tragisch gewendet hat. Darum mußte Ludendorff einen Sündenbock suchen. Der deutsche Jude Rathenau war dazu besonders geeignet, da immer in der europäischen Geschichte nach einem nationalen Unglück die Juden zum Sündenbock erwählt wurden.
Rathenau stellte sich der deutschen Regierung sofort zur Verfügung. Da er nicht für eine Partei oder eine Regierung arbeitete, sondern für das deutsche Volk, fragte er nicht darnach, welche Partei an der Regierung war. Man glaubte, seiner nicht zu bedürfen. Nur in die Sozialisierungskommission wurde er gewählt und auch aus der wurde er wieder ausgeschlossen. Der bedeutendste, klarsehendste Wirtschaftsführer, der durch die revolutionäre Gesinnung seiner Schriften die Revolution mit vorbereitet hatte, der ihr den geistigen Gehalt geben konnte, um sie nicht in Lohnkampf und Ressentiment versanden zu lassen, der wurde aus der revolutionären Bewegung ausgeschaltet. Rathenaus Bemühungen, einen Großdemokratischen Volksbund zu bilden, der die Arbeiterklasse und das freisinnige und intellektuelle Bürgertum verbinden sollte, scheiterten. Rathenaus Kandidatur in Weißwasser (O.-L.), die er auf vieles Bitten und Drängen an sechster Stelle annahm und bei der er seine Rede über das alte und das neue Deutschland hielt, führte natürlich zu keiner Wahl. Er sagte in dieser Rede, daß nur die Aufgabe des deutschen Volkes würdig sei, die die schwerste ist. »Denn nicht für leichtes und bequemes Leben, für Spiel und Glanz sind wir geschaffen, sondern für die tiefste Entschlußkraft, für das geistige Handeln, für die schwerste Verantwortung. Dieser Aufgabe zu leben, heißt deutsch sein. Diese Aufgabe zu erfüllen, sind wir unserem Volke, seiner Vergangenheit, seiner Sendung schuldig. Was wir zu schaffen haben werden, ist unser eigenes Haus und unsere Heimat. Dieses Haus wird nicht ein Haus des Müßigganges sein, sondern ein Haus der Arbeit, nicht des Glanzes, sondern der Tüchtigkeit, nicht ein Haus der Weltherrschaft, sondern des friedlichen Vorbildes, nicht des Zwanges und der Gewalt, sondern der inneren und der äußeren Freiheit.«
Rathenaus Ideen, die einem religiösen Sozialismus nahekommen, berührten sich am nächsten mit denen der christlichen Gewerkschaften, die mit ihm Fühlung suchten und nahmen. In jener Zeit wollten alle Parteien Gewerkschaftler in ihren Reihen wissen, denn damals war Volk und Gewerkschaft voll anerkannt, man könnte sagen, die große Mode. Niemand wollte damals bürgerlich, monarchisch, konservativ sein. Alle Parteien, soweit sie nicht dem linken Flügel angehörten, suchten in ihrem Namen das Wort »Volk« unterzubringen. Die Rechtsparteien bemühten sich, Gewerkschaftler in ihre Ausschüsse zu gewinnen. Rathenau und einige seiner Freunde formulierten damals verschiedentlich Grundsätze für die von ihm geplante Großdemokratische Partei. In einem Restaurant in der Linkstraße kamen sie mit Gewerkschaftlern zusammen, die auch den anderen Parteien angehörten. Dabei wurden manche dieser Zettel mit programmatischen Leitsätzen verteilt. Vielleicht läßt sich damit die in der »Revolutionszeit« hervortretende Übereinstimmung der Parteien in ihren allgemeinen Parteiprogrammen, wenigstens in gewissen Grundsätzen erklären.
Während alle Freunde Rathenaus im Inland und Ausland erwarteten, daß er eine führende Stellung einnehmen, daß er sich an die Spitze der Regierung stellen werde, ging die revolutionäre Bewegung, die viele seiner Gedanken und Pläne propagierte, an seiner Person vorüber. Namentlich in Schweden war man darüber erstaunt, wo er, wie er selbst es nannte, »eine zweite Heimat« gefunden hatte. Er sollte dort auch zum Nobelpreis vorgeschlagen werden, was er jedoch mit einem wehmütigen resignierten Lächeln abwehrte.
Seltsam genug ist es, daß nur die Stimmen seiner Gegner wirksam waren, während die Stimmen seiner Freunde durch Zufälligkeiten und Ungeschick Klang und Wirkung verloren. Charakteristisch hierfür ist der Aufsatz des Religionsphilosophen Paul Eberhardt im Märzheft der »Tat«, die bei Eugen Diederichs in Jena erscheint. Paul Eberhardt hatte im Juni 1915 ein Buch »Das Ungeheure« an Rathenau gesandt, der es mit einem herzlichen Brief beantwortete, in dem er die Ähnlichkeit ihrer Anschauungen hervorhob. Eberhardts Antwortbrief beschäftigte sich mit Begriffen, die Rathenau in der »Kritik der Zeit« und in der »Mechanik des Geistes« entwickelt hatte. Rathenau antwortete umgehend, beglückt und dankbar für den »voll angeschlagenen Zweiklang« (»Briefe«, Nr. 171, 173, 174). So begann diese rein geistige und sehr herzliche Freundschaft, dauerte fort und wurde von beiden Seiten sehr warm. Während des weiteren Verlaufs des Krieges wurde es Eberhardt immer klarer, daß Rathenau der wünschenswerteste Führer des deutschen Volkes sei. Für die von Rathenau geplante neue große Parteivereinigung nach dem Zusammenbruch schlug Eberhardt den Namen: »Arbeitsbund für Deutsche Freiheit« vor. Es schmerzte ihn ehrlich, daß Rathenau in seiner deutschen Heimat so von allen Seiten mißverstanden und angefeindet wurde. Darum fühlte er sich verpflichtet, öffentlich für ihn einzutreten, und er freute sich, als ihm im März 1919 in der »Tat« Gelegenheit dazu wurde.
Aber Eberhardt hatte das Unglück – anders ist es nicht zu erklären, denn nie konnte er eine zweideutige Absicht hegen – an entscheidender Stelle zu schreiben: »Es kann und soll hier nicht ins einzelne gegangen werden, aber aus dem Vielen sei wenigstens Eines herausgehoben, was allein von allen »Kapitalisten« Rathenau mit aller Schärfe erkannt hat. Der zentrale Stoß des Auslandes, der uns ins Herz treffen soll und wird, geht nicht gegen unsere äußeren Mittel, sondern er geht auf die Vernichtung und Unschädlichmachung unserer Intelligenzen aus. Im Ausland weiß man für uns erschreckend genau, daß hier unsere Stärke lag, und von hier aus allein sich Möglichkeiten eines neuen Emporkommens ergeben könnten; nur in Deutschland selbst ist die Verächtlichmachung und das Herabdrücken der Intelligenzen an der Tagesordnung, und Kapitalismus wie Sozialdemokratie sind sich einig darin, sich nicht um sie zu kümmern. Michel hat jetzt nicht mehr den grauen Star, sondern den schwarzen. Was ist nicht alles von Rathenau versucht worden, dem zu begegnen, seit Jahr und Tag bis an die Grenzen seiner materiellen Leistungsfähigkeit, ohne daß wie in Amerika die Öffentlichkeit mit Tubatönen dazu wie zu einem Schauspiel eingeladen wurde! Aber da er seine Linke nicht wissen läßt, was seine Rechte tut, so ist hier vorläufig nicht darüber zu reden. Ich kehre zu dem Punkte zurück, von dem ich ausging. Seneca war einer der reichsten Grundbesitzer seiner Zeit, Marc Aurel war ein Kaiser, Friedrich II. besaß auch einige äußere Macht, Schopenhauer vervielfachte durch die Börse sein ohnehin nicht kleines Vermögen, und diese Beispiele lassen sich leichtlich häufen – wer dachte je daran, aus diesen Tatsachen Konsequenzen für die Beurteilung der Schriften jener Männer zu ziehen? Wohlgemerkt, meine Wenigkeit steht auf dem Standpunkt, daß sich ein materielles Wohlleben nicht mit einer Entsagungstheorie, wenn sie anderen als erstrebenswert hingestellt wird, in Einklang bringen läßt, das Wort ist gemein: Richtet euch nach meinen Worten und nicht nach meinen Taten. Aber vom Leser aus gesehen ist jenes eine Frage, die der in Betracht kommende Autor einzig und allein mit sich und seinem höchsten Wollen abzumachen hat. Das ist eine letzte und entscheidende Frage, aber man nimmt ihr ja gerade ihre Furchtbarkeit, wenn man sie an die Öffentlichkeit zerrt.« Die Schriftleitung hatte dazu die Anmerkung gefügt: »An diesem Punkte scheidet sich der schöpferische Mensch von dem Vermittler fremder Gedanken, resp. Bauteile. Hier ist der Kernpunkt, wo sich germanischer und jüdisch-orientalischer Ethos unterscheidet. Das nächste Heft wird von Karl Bröger einen weiteren Aufsatz zu der Frage, nach welchen Gesichtspunkten Walther Rathenau als Persönlichkeit zu werten sei, bringen.«
So hat dieser anerkennend, ja verehrend geschriebene Aufsatz durch die ungeschickte stilistische Formulierung die Ansicht jener Gegner und Verleumder Rathenaus bestätigen können, die sagten, daß er seine Lehre nicht lebe. Rathenau hatte aber niemals eine Lehre der Askese gegeben, sondern immer gefordert, daß die Mechanisierung erfüllt werde, um sie zu überwinden, um ihrer Herr zu werden. Er hatte eine ungeheure Gedanken- und schriftstellerische Arbeit aufgewandt, um die allgemeinen Lebensbedingungen zu heben, also gewiß keine Askese gepredigt. Aber er war für die Suprematie des Geistes eingetreten und hatte jeden frivolen Luxus verurteilt, wie er Eberhardt gegenüber betonte. (»Briefe«, Nr. 517 und 519.) Niemals hatte er selbst frivolen Luxus getrieben; denn Künstler fördern und unterstützen, Kunstwerke erwerben und bewahren, ein schönes Bauwerk erretten und erhalten, das kann man nicht frivolen Luxus nennen.
Erst durch Rathenaus Einwendungen wurde Eberhardt die Doppelsinnigkeit seiner Worte bewußt, denn er hatte nie gedacht und konnte es kaum glauben, daß man seinen Aufsatz so deuten würde, wie Rathenau es tat, als er schrieb: »Sie sagen: 1. Der Leser soll nicht das Privatleben für die Beurteilung der Werke maßgebend sein lassen, 2. Ich (Eberhardt) gebe zu, daß materielles Leben mit einer Entsagungstheorie nicht stimmt und daß das Wort: »Richtet euch nach meinen Worten und nicht nach meinen Taten« gemein ist. 3. Nun hätte der Leser die Schlußfolgerung erwartet: »ich prüfe somit gar nicht, ob dies bei Rathenau zutrifft, sondern halte mich an seine Schriften.« Anstatt dessen kommt der Satz: »Aber vom Leser aus gesehen, ist jenes eine Frage, die der Autor einzig und allein mit sich und seinem höchsten Wollen abmachen kann.«
Eberhardt war unglücklich über diese logische Auslegung seiner Worte, an die er selbst nicht gedacht hatte, und Rathenau glaubte ihm natürlich die Unabsichtlichkeit der unglücklichen Satzfolge, deren Wirkung durch die Redaktionsanmerkung noch verschärft war. Aber die warme freie Freundschaft Eberhardt gegenüber war dadurch gestört. Man kann es einem Freunde verzeihen, daß seine unversehens losgegangene Flinte dem andern eine Wunde beibrachte, aber man wird eine natürliche Abneigung dagegen haben, den Park wieder aufzusuchen, in dem der Unglücksschuß verwundet hat. Ungewollte geistige Verwundungen sind noch viel schwerer zu verwinden, auch wenn sie längst vergeben sind, und eine Entfernung und Entfremdung wird die Folge eines solchen Mißgeschickes sein.
Zahlreiche ähnliche, wenn auch nicht so scharf pointierte Erlebnisse mögen Rathenaus sogenannten großen »Menschenkonsum« verursacht haben. Und dann: wenn ein Mensch sich Rathenau näherte, der ihm geistiges Verständnis entgegenbrachte, in dem Rathenau gern einen geistig Gleich- oder Höhergestellten sehen wollte, dann dauerte es meist nicht lange, bis er an die Grenze des anderen gelangt war. Und dann erkannte er, daß wohl sein Geist den Geist des anderen erfassen und umfassen könne, daß aber Gegenseitigkeit nicht zu erwarten war, daß der andere von seinem Geist nichts empfangen konnte. Und er zog sich zurück, nicht treulos, nicht enttäuscht, aber zu beschäftigt, um ein Verhältnis fortzusetzen, das nicht genügend »Nutzen für den anderen Kontrahenten bringen konnte.«
So ist es auch zu erklären, daß Walther Rathenau nach mehr als einem Jahre noch etwas bitter auf Eberhardts Aufforderung, sich doch am Wiederaufbau des Vaterlandes zu beteiligen, antwortete (»Briefe«, Nr. 640): »Das Land und insbesondere meine Freunde hätten sich zu meinen Gedanken anders stellen müssen, wenn eine Beschleunigung im Plane gelegen hätte.« Als Eberhardt ihm erwiderte, daß es bei 53 Jahren noch nicht zu spät sein könne zu dem Besten, was Rathenau wolle, da doch nur er die Lage retten könne, da erwiderte Rathenau abschließend: »Es ist zu spät. Von neuem habe ich auf dieser unglücklichen Reise nach Spaa mich davon überzeugt, daß das Volk materielle Ketten will. Ruit in servitium. Die Revolution ist geschlossen, die Reaktion, von geringfügigen Nachzüglergefechten aufgehalten, zieht ein. Noch vor wenigen Jahren wäre es Zeit gewesen, wenn auch nur eine Hand sich mir entgegengestreckt hätte; dies ist vorüber und am Stande meiner Gesundheit fühle ich, daß ich nur hier und da, in Kleinem eingreifend werde nachtragen und berichtigen können. Was ich so zu sagen hatte, ist im wesentlichen gesagt und bleibt: die Verwirklichung liegt anderen ob.« (Paul Eberhardt; Freundschaft im Geiste; Verlag Leopold Klotz, Gotha.) Schmerzlich und bitter sind diese Zeilen, aber nicht die Enttäuschung, die Eberhardt ihm verursacht hatte und von der Eberhardt bis an seinen Tod nicht begriff, daß sie so tief und einschneidend gewesen sei, klingt in diesem Brief vom 20. Juni 1920 durch. Es ist die Enttäuschung dessen, der sein Bestes immer wieder dem Vaterland gibt und bietet, und der es immer verschmäht sieht, weil er kein Verständnis, kein Echo fand, keinen Bundesgenossen – so wie Prinz Max in seinem Buch klagt, daß ihm der Bundesgenosse Rathenau fehlte.
Vorher hatte Rathenau, da seine Dienste im Inland anscheinend nicht gebraucht wurden, im Dezember 1918 einen offenen Brief an den Obersten House, den Vertrauten Wilsons, in der Presse des neutralen Auslandes veröffentlicht. In diesem Schreiben erklärte er die Situation Deutschlands, verteidigte das deutsche Volk, das in Unwissenheit und Gehorsam, kindlich dem vertrauend, was seine Führer ihm erzählten, im Glauben an einen allgemeinen Überfall und an die notwendige Selbstverteidigung in den Krieg gezogen war. Mit der ihm eigenen Ritterlichkeit nahm Rathenau die Verantwortung für die Kriegsereignisse auf sich, die er tragen müsse, weil er und die wenigen, die wie er die Situation erkannt und durchschaut hatten, nicht wirkungsvoll genug für durchgreifende Veränderungen eingetreten seien. Nun aber wären die Gegner, Amerika an der Spitze, für den Ruin Deutschlands und damit Europas verantwortlich. Er rief ihre Menschlichkeit auf, nicht ihr Mitleid. Er sagte, daß er nichts für sich selbst fordere noch fürchte, denn er fühle, daß sein Leben nicht mehr lange währen könne. Schon während des Krieges hatte er sich müde und alt gefühlt. In zahlreichen Briefen, auch in den beiden angeführten Briefstellen an Norlind und Schwaner (»Briefe«, Nr. 416 und 423) sind deutliche Todesahnungen erkennbar. Aus dem Schreiben an Schwaner geht auch hervor, daß er immer mit der Möglichkeit einer Ermordung durch seine Gegner, das waren vor allem die Anhänger der völkischen Richtung, die den Antisemitismus als wirkungsvollste Zugkraft ihres Parteiprogrammes erkannt hatten, für sich rechnete. In diesem Sinn schrieb er an House: »Herr Oberst, mein Leben ist vollbracht. Für mich erhoffe und fürchte ich nichts mehr, mein Land bedarf meiner nicht, ich denke seinen Untergang nicht lange zu überleben. Als ein schwaches Glied eines ins Herz getroffenen Volkes, das gleichzeitig um seine späte Freiheit und um den Rest seines Lebens ringt, rede ich zu Ihnen, dem Vertreter der aufstrebendsten der Nationen.« Durch gemeinsame Freunde erfuhr Rathenau, daß dieser Brief einen tiefen Eindruck auf Oberst House gemacht habe und daß er ihn an Wilson weitergab.
Fast gleichzeitig mit diesem offenen Brief an House veröffentlichte Rathenau auch in der Presse des neutralen Auslandes einen anderen Aufruf, der gerichtet war »An Alle, die der Haß nicht blendet«. Nicht die Fehler, nicht die Versäumnisse des deutschen Volkes leugnete er hier, nur die Schuld gab er nicht zu. Denn schuldlos hat Deutschland geglaubt und um dieses Glaubens willen ist es in den Krieg gegangen, um dieses Glaubens willen hat es gekämpft und mußte es leiden. Aber dieses Leiden darf nicht Vernichtung bedeuten. Damals sah Rathenau, sah jeder Deutsche nur die Vernichtung vor Augen. Wenn es nicht die volle Vernichtung wurde, wenn wir nicht untergegangen sind, so trägt auch Rathenau das Verdienst daran. In diesem offenen Brief suchte er nicht schönzufärben, er verteidigte kaum, er verglich nur die Schuld der törichten, verblendeten, gläubigen Deutschen mit der Schuld ihrer Gegner, die ihnen wissend und kaltblütig die Vernichtung androhten, und er konnte fragen: »Menschlichkeit oder Gewalt? Versöhnung oder Rache? Freiheit oder Unterwerfung?« Und weiter sagte er; »Menschen aller Völker, bedenkt es! Diese Stunde entscheidet nicht nur über uns Deutsche, sie entscheidet über uns und euch, über uns alle.«
[Ohne Bildunterschrift]
Auch dieser Aufsatz Rathenaus tat starke Wirkung. Freilich haben manche Neutrale, auch persönliche Freunde Rathenaus, die in den allgemeinen Haß und die Feindschaft gegen Deutschland mit einstimmten, den Aufruf weichlich gefunden. Frederik van Eeden in Holland und Poul Bjerre in Schweden haben diese Ansicht vertreten. Mit Poul Bjerre gab es diesbezüglich noch eine interessante Korrespondenz. Rathenaus Briefe sind veröffentlicht (»Briefe«, Nr. 480 und 488). Rathenau erklärte, daß er sich in seinem Aufruf nicht an die Regierungen, sondern an die Völker, an die Menschen gewendet habe, ganz gleich wo sie stünden, und daß sein Aufruf keine Bitte, am wenigsten eine Bitte um Schonung sei, sondern eine Mahnung zur menschlichen Verantwortung. Der Blutrausch des Krieges müsse vorüber sein, die Entschlüsse, die ihm folgen, bestimmen auf Jahrhunderte die Geschicke der Menschen. Rathenau legte sein Bekenntnis ab: »Ich glaube an die Kraft der Wahrheit, der Menschlichkeit und der Verantwortung bei allen Menschen.«
Nicht nur bei den feindlichen Völkern, auch bei seinen persönlichen politischen Gegnern glaubte er immer an diese Eigenschaften, weil sie in ihm selbst lebendig waren.
Nicht lange nach diesem Schreiben, nachdem die Spartakistenkämpfe in Berlin beendet waren, die Rathenau tief erregten, war die schon erwähnte unwürdige Szene in der Nationalversammlung in Weimar, wo der Vorschlag, Walther Rathenau zum Reichspräsidenten zu erwählen, mit minutenlanger Heiterkeit beantwortet wurde. Welchen verletzenden Eindruck solche Vorgänge auf die Anhänger und Freunde Rathenaus im Inland wie im Ausland machen mußten, ist kaum zu bemessen, – auf ihn selbst wirkten sie nur so, daß er jeder öffentlichen Anerkennung gegenüber noch scheuer und abwehrender wurde, als es ohnedies in seiner zurückhaltenden Natur lag.
Indessen wurden die Friedensverhandlungen, die bei geschlossener Front ganz anders verlaufen wären, begonnen, und die Regierung zog Walther Rathenau zu den Vorbereitungen heran. Rathenau litt schmerzlich unter der Gleichgültigkeit und Leichtherzigkeit des deutschen Volkes, die verursachten, daß es stumpf und gleichgültig alle Erniedrigungen auf sich nahm, ebenso wie es früher den Krieg geführt hatte, wie es den Waffenstillstand duldete, wie es sein ganzes ferneres Schicksal mit Indolenz und geistiger Unbekümmertheit an sich herankommen ließ.
Rathenau hatte im Februar 1919 in einer Flugschrift Aufsätze unter dem Titel »Nach der Flut« erscheinen lassen. Sein Aufsatz über die Sozialisierung oder richtiger gegen die Sozialisierung stand an der Spitze. Damals glaubte er nämlich noch an die Revolution, glaubte noch, daß sie mehr sein würde, als ein Militärputsch und ein Lohnkampf, als eine Flucht und ein Sturz von Regierungen, die nicht mehr fähig waren zu regieren, und die nur noch ein Scheindasein geführt hatten. Er erklärte, daß die Wirtschaft nicht aus der Wirtschaft reformiert werden könne, sondern nur aus dem Geiste, daß ihr nicht Maßregeln und Gesetze helfen würden, sondern nur Gesinnungen, daß der Weg von der Gesinnung zur Tat und wieder von der Tat zur Gesinnung führe. Er kämpfte für die Erneuerung, für die Einkehr des deutschen Volkes und er wollte nicht glauben, daß nur so wenige in diesem Volk zur Einkehr fähig und bereit waren. Er wollte und konnte aus seiner Natur heraus nicht fassen, daß man ihn mißverstehen werde in seinem Streben nach Vergeistigung, das er in allen wachzurufen bemüht war. In dieser Schrift veröffentlichte Rathenau auch nochmals seinen Aufsatz über das Waffenstillstandsangebot und in einem zweiten, seiner Zeit unveröffentlichten Aufsatz erklärte er die Gründe für seine Einstellung. Auch seine beiden offenen Briefe wurden in dieser Broschüre der deutschen Allgemeinheit zugänglich gemacht.
In der Reihe der Veröffentlichungen folgte nun »Der Kaiser«. Über die Bedeutung dieses Büchleins und über seine Wirkung habe ich schon gesprochen. Aber eine andere, vielfach unverstandene Veröffentlichung, die Rathenau bald diesen beiden folgen ließ, muß näher betrachtet werden. Es handelt sich um den kurzen Aufsatz im 8-Uhr-Abendblatt vom 31. Mai 1919, den Rathenau überschrieb: »Was soll geschehen?« Es heißt da: »In Versailles muß das Äußerste daran gesetzt werden, den Vertrag entscheidend zu verbessern. Gelingt es, gut. Dann unterschreiben. Gelingt es nicht, was dann? – Dann darf weder aktiver noch passiver Widerstand versucht werden. Dann hat der Unterhändler, Graf Brockdorff-Rantzau, das vollzogene Auflösungsdekret der Nationalversammlung, die Demission des Reichspräsidenten und aller Reichsminister den gegen uns vereinigten Regierungen zu übergeben und sie aufzufordern, unverzüglich alle Souveränitätsrechte des Deutschen Reiches und die gesamte Regierungsgewalt zu übernehmen. Damit fällt die Verantwortung für die Verwaltung und für alle Leistungen Deutschlands den Feinden zu; und sie haben vor der Welt, der Geschichte und vor ihren eigenen Völkern die Pflicht, für das Dasein von sechzig Millionen zu sorgen. Ein Fall ohnegleichen, unerhörter Sturz eines Staates; doch Wahrung der Ehrlichkeit und des Gewissens. Für das Weitere sorgt das unveräußerliche Recht der Menschheit und der klar vorauszusehende Gang der Ereignisse.«
Auch dieser Rat wurde nicht befolgt, so wenig wie alle früheren. Im deutschen Volk hatte sich die Meinung gebildet: wenn wir unerfüllbare Bedingungen unterschreiben, so brauchen wir sie eben nicht zu erfüllen. Und wieder wurde mit einer gewissen Gleichgültigkeit und Stumpfheit unterschrieben, die Rathenau mit Entsetzen erfüllte. Die Leute aber begriffen die Konsequenz seiner Einstellung nicht. Rathenau hatte immer vor dem Krieg gewarnt, als er doch kam, hatte er geholfen, ihn so gut und ausdauernd wie möglich zu führen. Als er abgebrochen, nicht beendet wurde, widersprach er und wollte die Beendigung, – die schnelle natürlich, aber die vernünftige und verantwortungsvolle. Als er auch damit nicht durchdrang, wollte er, daß keine Unehrlichkeit begangen werde, und deshalb forderte er, daß man nichts unterschreibe, was man weder halten konnte, noch halten wollte. Man unterschrieb.
Indessen war Rathenau im April 1919 wieder in die Sozialisierungskommission gewählt worden. In welchem Sinne er in ihr wirkte, geht aus seinem Aufsatz »Sozialisierung und kein Ende« in »Nach der Flut« hervor, den ich schon erwähnt habe. Rathenau litt unter den Verhältnissen und Zweifeln, die aus ihnen erwuchsen, nicht nur allgemein als Mensch und Deutscher, sondern auch höchst persönlich unmittelbar. Am 14. Juni 1919 schrieb er seinem Freund Norlind (»Briefe«, Nr. 540): »Ich brauche Dir nicht zu sagen, – da Du alles weißt und in die Ferne siehst – daß es doch viel schwerer ist, diesen Weg zu gehen, als ich dachte. Ich weiß, es sind irdische und endliche Dinge; ich habe nie an dem gehangen, was verlorengeht; ich weiß, wir können auf keinem anderen Weg zu uns selbst und zur Innerlichkeit kommen, – und doch ist es sehr schwer. Das Volk ist so ahnungslos wie ein ganz kleines Waisenkind; die Zukunft ist für Kinder kein Begriff; so sind sie in den Krieg gegangen, so gehen sie in das Dunkel der Not und des Todes.« Er litt und er liebte das Leiden, weil es der Weg zur Seele war, nicht nur für ihn, nicht nur für den einzelnen, sondern für das kindliche deutsche Volk.
Er schrieb die »Kritik der dreifachen Revolution«, in der er noch einmal versuchte, der Revolution ihren geistigen Gehalt zu geben. Er erklärte, daß der Ausbruch der Revolution eigentlich nur »eine Revolution aus Versehen« gewesen war, daß die »Revolution aus Ranküne«, die Revolution aus Ärger darüber, daß nicht alle Menschen gleichgestellt seien, unser, des deutschen Volkes nicht würdig sei, die Revolution des Wohlstandes aber, des Lohnkampfes, die Revolution um den Mehrwert sei nur ein Irrtum und unwichtig, da gar keine Revolution nötig sei, um die Wirtschaft zu reorganisieren. Nur eine Revolution, die der Verantwortung, der Menschenwürde, des Charakters und Geistes wäre wert, sich für sie einzusetzen. Die solle beginnen. Und er schloß mit dem herrlichsten Hymnus der Vaterlandsliebe, den ich je gelesen habe, mit einem Hymnus in Prosa, der biblisch ist, weil die Sprache von solcher Kraft und Gewalt der Seele durchglüht ist.
Seiner »Kritik der dreifachen Revolution« fügte er die »Apologie« an, die ich bereits besprochen habe. Und wieder war die Wirkung des Buches, war der Widerhall nur ein persönlicher – die Masse des deutschen Volkes zeigte sich noch nicht reif für die Revolution der Verantwortung. Wieder wurde sein Buch vielfach mißverstanden und viele, auch ihm Wohlgesinnte begriffen nicht, warum er die »Apologie« geschrieben und veröffentlicht habe. Das schmerzte ihn, aber auch da war er sich bewußt, daß die Zeit kommen würde, die ihn verstehen werde.
Rathenau war inzwischen Mitglied der Demokratischen Partei geworden. Er erklärte diesen Beitritt mit den Worten (»Briefe«, Nr. 543): »Vor Parteinahme fürchte ich mich nicht. Ich habe zum erstenmal nach der Revolution Partei genommen und zwar zugunsten der Demokraten, von denen ich eine kräftige Sozialpolitik erwartete. Darin habe ich mich freilich schwer getäuscht.« Und in einem späteren, nicht veröffentlichten Brief, vom 7. April 1920 heißt es von den Demokraten: »Andererseits scheint die Partei instinktive Gegensätze und Abneigung gegen mich zu empfinden. Sie hat bisher mein Dasein in auffälligster Weise ignoriert.« Und in diesem Zusammenhang meint Rathenau auch: »Beliebt machen sich nur solche, die aussprechen, was alle hören wollen, und was alle hören wollen, ist in der Regel falsch.«
Als Wissel und Moellendorff die »Planwirtschaft« einzuführen beabsichtigten, die im wesentlichen auf Rathenaus Ideen zurückging, wie er sie in der »Neuen Wirtschaft« und vorher in den »Kommenden Dingen« ausgesprochen hatte, da wurde Rathenaus Name geflissentlich verschwiegen. Er hatte immer gesagt und geschrieben, daß nur durch ausführliche öffentliche Diskussionen die Köpfe und Herzen für das neue Wirtschaftssystem gewonnen werden könnten. Als darum die »Planwirtschaft« in größter Heimlichkeit und gleichsam hinter verschlossenen Türen vorbereitet wurde, ahnte Rathenau Schlimmes. Und er war nicht erstaunt, wohl aber traurig, als sie dann schon im Kabinett selbst zu Fall kam. Daß man seinen Namen geflissentlich ausgeschaltet hatte, trug gewiß zum Sturz bei, denn wenn Rathenau auch nirgends »beliebt« war, so war er doch Autorität und hätte die Sache gestützt, wenn er sie nicht getragen hätte. Aber auch dieser geistige Gehalt der Revolution sollte durch die Ungeschicklichkeit der Verantwortlichen, durch Eitelkeit und Interessiertheit verloren gehen.
Es berührt um so seltsamer, daß man in Deutschland Rathenau so geflissentlich übersah und umging, als in England, wo man den Zusammenhang zwischen seinen Anschauungen und den Prinzipien der englischen »National guilds« erkannte, über die »Kommenden Dinge«, die ins Englische übersetzt waren, unter dem Stichwort »Ein deutscher Seher«, »Ein deutscher Prophet« in den »Times« und im »Manchester Guardian« berichtet wurde. Nur in seinem Vaterland, sehr zum Schaden des Vaterlandes, galt der Prophet nicht und wurde nicht anerkannt. Und seine Gedanken harren der Verwirklichung im Laufe der Entwicklung. In hundert Jahren, sagte Rathenau selbst, würde seine Zeit kommen, – wenn nicht vorher Gesinnung und Erkenntnis, die Tat und die Einrichtung herbeiführen.