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Erster Teil

D Der Hund bellte zornig, sprang von seinem Herrn weg und lief quer durch den Turbinenkanal auf den Weg. Der Kanal lag trocken, seitdem nach der Schneeschmelze das Wehr vom Hochwasser weggerissen worden war. Es stäubte unter seinen Pfoten auf.

Der Hund lief gegen einen Mann an, der sich näherte. Ambos pfiff ihn zurück. Der Mann blieb jenseits des Kanals, und Ambos sah, daß es ein Güterhändler aus Kempten war. Auf seinen Namen besann er sich im Augenblick nicht. Einen Namen konnte man vergessen, wenn es einem so wenig darauf ankam, wie auf den dieses Güterhändlers, mit dem Ambos nie etwas zu tun gehabt hatte. Aber weshalb fühlte er ein Unbehagen, daß jener in seinen Besitz getreten war und dastand und die Augen über das alte, schwere, hochdachige Wohnhaus, über den Bau der Ställe und Scheunen und das stillstehende Sägewerk der Reuttermühle und die Bretterstapel führte, die unverkauft sich rundum häuften?

»Wie wär's mit uns? Gibt's nicht mal ein Geschäft miteinander?« sagte der Güterhändler.

»Und was sollte das sein?« fragte Ambos kurz angebunden.

»Na, ich mein' bloß so im Ungefähr. Es könnte ja mal ein Fall kommen, den wir miteinander …«

»Ich bin doch nicht Güterhändler«, wies ihn Ambos unfreundlich ab.

»Na, freilich nicht! Weiß schon. Also nichts für ungut, Herr Ambos. Ich kam grad zufällig vorbei und sah Sie. Da hab' ich mir gedacht, ein Gruß und ein Wort kann nie was schaden.«

Ambos schaute mit einer feindseligen und abwehrenden Miene an dem Mann vorbei in die Luft. Der Hund knurrte wieder. Er war unten in dem ausgetrockneten Wasserbett zwischen seinem Herrn und dem Fremden stehengeblieben, hatte die Augen in denen seines Herrn und wartete auf einen Befehl. Er spürte eine Mißstimmung. Vielleicht wurde er gebraucht.

Aber der Fremde ging, ohne daß aus dem Mund unter den Augen der Befehl gekommen wäre, auf den der Hund spannte. Der Güterhändler sagte nur noch, bevor er umkehrte:

»Ich muß es sagen. Man löst nicht mehr dasselbe wie früher. Alles ist gefallen. Das Geld ist rar. Aber du mußt eines ins andere werten. Man kauft ja auch mehr damit. Wollte mich empfehlen, Herr Ambos, wenn Sie mal …« – er machte eine kaum merkbare Pause – »... was erfahren!«

»Na!« sagte Ambos gereizt. Er war betroffen über die plötzliche Unterbrechung. Er kannte die Leute der Gegend, denn er war mit ihnen geboren und aufgewachsen. Er übersetzte sich die Rede des Güterhändlers in ihren wirklich gemeinten Sinn zurück, und da hieß sie: Wenn Sie mal verkaufen müssen. Damit Ambos das recht verstehe, hatte der Händler die unmerkliche Pause eingeschaltet.

Ambos hätte gern die Ansammlung seines Besitzes, wie sie hier unten in den Wiesen am Bach lag, eine üppige, von alter Wohlhabenheit angefüllte Insel, mit Blicken umsponnen, sie genossen. Aber er fürchtete sich, der Güterhändler möchte sich unversehens umkehren und die Bangigkeit und Qual sehen, die dabei in Ambos' Augen kämen.

So schaute er dem Fremden weiter nach, der schon auf dem Sträßchen zum Dorf hinaufging. Das Dorf, Mariathann, zeigte sich breit auf dem Rücken des Hügelzugs gelagert. Sein Kirchturm hatte über altersgrauen, massiv geschichteten glatten Quadern zwischen zwei Treppengiebelchen ein Satteldach. Es war, als streckte ihn das Dorf wie einen steil gereckten Arm in die Ewigkeit des Himmels.

Aus diesem Dorf hatte am Vormittag der Bürgermeister, der auch Vorstand der Darlehns-Genossenschaft war, einen Zettel heruntergeschickt, Ambos möchte im Vorbeigehen bei ihm zukehren. Weshalb wollte der Halder ihn sprechen? Er wollte ihn fragen, wie es mit der Schuld sei. Mit den 14 000 Mark, die die Kasse Ambos geliehen hatte, ohne Sicherheit. Es war gewiß, daß der Zettel des Halder keine andere Meinung haben konnte.

Ambos verkniff das Gesicht vor dem Anschwellen eines Schmerzes. Das Vermögen, das sich über die Inflation erhalten hatte, trocknete in den Wällen der Bretterstapel und Holzblöcke ein, die um das Sägewerk lagerten. Er hatte sie in der Hausse gekauft, und jetzt schrieb man das Jahr 1931.

Zaudernd und beunruhigt ging er ins Haus und in die Stube, in der sein Schreibtisch und sein Geldschrank und sein Gewehrschrank standen. Schwankte, den Stutzen herauszunehmen und auf den Bock zu gehen oder sich an den Schreibtisch zu setzen. Zur Jagd fühlte er doch nicht die notwendige Spannung in sich. Lustlos setzte er sich hin. Der Zettel Halders lag zuoberst von einem Bündel von Schriftstücken. Er zerfetzte ihn in einem plötzlich hochkommenden Zorn. Dann schichtete er zerstreut und richtungslos die Papiere um.

Seine Frau kam herein. Sie bekam im nächsten Monat ein Kind. Sie trug den Leib schwer und hoch und war blaß im Gesicht. Vor zehn Monaten war sie so prangend von roten Backen gewesen, als er sie aus dem kleinen Bauernhaus und dem Kreis von acht Geschwistern heraus in sein wohlhabendes Haus und Bett geholt hatte.

»Das Rosinel!« sagte er laut, als er sie sah, als könne er mit dem etwas überlauten Wort verhüten, daß ihr Blick in sein sorgenvolles Gemüt drang. Sie war auf den Namen Rosina getauft, und als beim Hochzeitsschmaus er in einem Kuchenstück eine fette, angeschwollene Rosine fand, sagte er ihr: »So mollig wie du!« Und seitdem nannte er sie das Rosinel.

Ja, jetzt war ihr rosiges Gesicht entblutet, und er sah in ihren Augen stets den Ausdruck von etwas Geheimem und Belastetem. Einmal war dieses Gesicht gewesen wie das einer übergesunden, schönen, frechen Puppe, von blonden Haaren keck und lockig umschüttelt. Das wird wiederkommen. Es wird wieder so sein, wie es gewesen ist, wenn die Umstände vorbei sein werden. Dann werden sie ein Kind haben, und das Kind wird einen verarmten Vater haben. Denn wenn auch das Blut wieder in die verblaßten Backen zurückkehren wird, so werden die Bretterstapel nicht so gütig sein wie die Natur. Die Bretterstapel werden das Vermögen nicht wieder hergeben, das sich in ihnen verzehrt hat und in ihnen eintrocknet. Das war nicht zu denken und nicht zu erhoffen in diesen Zeiten.

Das Rosinel hatte die Tür hinter sich geschlossen. Scheu und schwerfällig stand es an ihr und wartete.

»Was ist, Rosinel?« fragte Ambos.

»Der Vater ist draußen!« sagte die Frau.

»Und?«

»Er will dich sprechen, Engelbert.«

»So soll er doch hereinkommen«, sagte Ambos. »Seit wann findet er den Weg nicht mehr allein?«

»Ja«, sagte die Frau leise und ging wieder.

Dann stand der Schwiegervater da, und über das Gespräch von Wetter, Heuen und anderem druckte er an etwas. Plötzlich sprach er von einer Kuh. Sie nahm nicht mehr auf und gab seit Monaten nur noch drei Liter Milch.

»Es hat keinen Sinn, solch ein Stück durchzufüttern«, sagte Ambos. »Abschaffen!«

»Eben das!« nickte der Bauer und schaute mit so entspannten Augen zum Fenster hinaus, als sei er weit droben auf dem Satteldach des Kirchturmes und nicht in diesem Zimmer vor dem Schwiegersohn, sich das Kaufgeld für die Kuh zu borgen.

Ambos, zwischen den Bauern aufgewachsen, verstand sehr rasch, daß das »eben das!«, vermischt mit dem Vorbeischauen der Augen seines Besuchers, nichts anderes wie die Bitte um ein Darlehn zum Kuhkauf zu bedeuten hätte, und da dachte er plötzlich wieder an den Güterhändler. Weshalb war der gekommen? Roch der Geier das Aas? Wußte man, daß es mit der Reuttermühle am Kippen stand? Am selben Tage wollte der Halder ihn sprechen. Wegen der 14000? Natürlich! Wegen was sonst? Die Zinsen für die Hypothek waren über ein Jahr angelaufen. Ein Brief der Bank, da, in den eben aus der Hand gelegten Papieren, mahnte. Er hatte das Geld nicht. Mit dem Finanzamt war er auch nicht im reinen, und Schulden von Holzkäufen …

Ambos war gereizt, daß der Alte mit seinem versteckten Anliegen um Geld ihn daran erinnert hatte.

»Weshalb nehmt Ihr das Geld nicht aus der Darlehnskasse?« fragte er seinen Schwiegervater.

»Ja du mein Gott, der hohe Zins!« antwortete der.

Nun überkam Ambos ein Zorn. Mit lauter Stimme ging er den Bauern an: »Der Zins, so! Und den soll ich dann tragen? Ich soll Euch das Geld geben, damit Ihr an dem Zins spart. Das ist eine wunderbare Einrichtung. Die gefällt mir!«

»Ich würde Euch ja Zinsen zahlen!« sagte der Bauer kleinlaut.

»Ich versteh schon«, erwiderte Ambos heftig, »ich brauche nur den Unterschied zwischen den drei Prozent zu tragen, die Ihr mir gebt, und den acht, die ich an die Bank zu zahlen habe. Eine pfiffige Rechnung!«

»Ich würde Euch eine Hypothek aufs Anwesen geben!«

»Die könnt Ihr ja auch bei der Bank haben.«

»Ich weiß«, sagte der Bauer scheu. »Aber der hohe Zins bei der Bank – –«

»Das ist dasselbe, was ich vorhin sagte! Wie könnt Ihr Euch unterstehen, mich für einen solchen Dummkopf zu halten«, schrie Ambos mit sich überschlagender Stimme. »Ich verstehe diese Zumutung überhaupt nicht.«

»Ich hab' ja nur gemeint …«

»Gemeint, gemeint …«, brüllte Ambos ihm ins Wort und tobte sich in eine immer fassungslosere Wut hinein. Während er zuhörte, wie der jähzornige Lärm seiner Stimme den Raum füllte, wurde es ihm immer bewußter, daß der Zorn, dem er eine so maßlose Herrschaft über sich ließ, sich ja gar nicht gegen den Schwiegervater und sein Ansinnen wandte, sondern gegen sich, Ambos selber. Der tobende Ausbruch seines Gemüts mußte eine Stimme überschreien, die sich an einer andern Stelle in ihm erhob und ihm sagte: »Du vermagst die 500 Mark ja nicht, die er für seine Kuh braucht! Du könntest sie nicht einmal leihen.« Diese Stimme war leise, aber furchtbar. Sie sagte, daß er, der Herr der Reuttermühle, auf der Generationen seiner Familie im Wohlstand gelebt hatten, nicht mehr für 500 Mark gut war. Seit Monaten war er verdammt, von der Hand in den Mund zu leben und seine Sohlen über ein Erdreich zu führen, das, obgleich es durch Jahrhunderte seine Familie in Wohlstand ernährt hatte, nur dem Schein nach noch sein war. Alles war hohl unter diesen Sohlen. An jedem nächsten Tag konnte es unter seinen Füßen einstürzen. Seit Monaten wurde sein Haus nur aus dem Glauben geführt, den der Respekt vor der alten Kreditfähigkeit von Großvater und Vater der Reuttermühle schuf. Schon die 14 000 Mark von der Darlehnskasse hatte er nur diesem Köhlerglauben zu verdanken, der eine Tradition in der Gegend war.

Und um das drohende Wispern der Stimme zu überdecken, die ihm dies sagte, überschrie er sie immer entfesselter, schlug auf den Tisch, fegte die Papiere von der Platte, lief zum Gewehrschrank, riß dessen Tür auf und trommelte sie auf und zu und schlug mit einem Angelstock auf das Sofa, um wieder zum Tisch zurückzustürzen und den Rest der Papiere von der Platte zu kehren. Er stieß mit dem Fuß nach ihnen, die ruhig und unbeteiligt zu Boden flattern wollten.

Da kam Rosinel herein. Sie hatte die Augen voll Tränen und trat scheu auf ihn zu. Er sah sie nicht. Erst als sie die Hand auf seine immer wieder auf den Tisch niederdonnernde Faust brachte, schaute er auf. Er gewahrte als erstes die Tränen in ihren Augen. Da fiel die Raserei aus den seinen. Mit einmal schloß sich der brüllende Mund. Die erregt wütenden Hände glitten nieder. Engelbert sank auf den Stuhl, stützte schwer das Gesicht in beide Hände und versank in eine wortlose Starre. Die Haarbüschel quollen zwischen den Fingern durch wie struppige helle Flämmchen.

Mit mühseligen Bewegungen begann Rosinel ihren schwerfälligen hohen Leib über die auf den Fußboden gestreuten Papiere niederzubeugen, sie zusammenzulesen und auf den Tisch zurückzulegen. Ihr Vater half ihr mit einer beflissenen Ungeschicklichkeit. Als die Papiere wieder alle beisammen lagen, gingen Vater und Tochter stumm und betreten hinaus und ließen Engelbert allein. Eine lange Zeit saß Ambos mit geschlossenen Augen und preßte seinen Schädel fest in beide Hände. Er war hinter den geschlossenen Augen an eine chaotische Bewegung verloren, in der sich alle Vorstellungen in Dunkelheit verzehrten und sinnlos kreisend wieder auferstanden. Er war voller Reue über das, was er getan hatte, sann, ob er es gutmachen könnte an dem schuldlosen alten Mann und besonders an dem Rosinel, das er mitgetroffen zu haben glaubte. Dieser Gedanke bildete einen festen Kern in der tobenden Flut. Aber um ihn quollen aus den Untiefen des entzündeten Gemüts hundert abgründige Dinge, die gestaltlos inmitten einer aufweichenden Melancholie immer wieder versanken.

Erst als er oben am Dorf einen Zug pfeifen hörte, vermochte er es, dem flüchtigen Zustand Halt zu gebieten, und er sah einen Weg, den er gleich entschlossen war, zu gehen. Er wollte in die Stadt zu der Bank fahren, die die Hypothek auf seinen Besitz gegeben hatte, und versuchen, noch einmal Geld von ihr zu bekommen. Wohl wußte er, daß neues Geld nur sehr bedingt ihm Rettung bringen könnte. Es half den Zustand des Zuwartens aufrechterhalten. Wirkliche Hilfe bot nur ein Wiedergesunden der Holzpreise und die Möglichkeit, das Lager zu verwerten.

Er wollte das Geld auch nicht für sich. Er begehrte es nur, um seine Schuld bei der Darlehnskasse zu löschen. Allerdings war ihm das Geld noch nicht gekündigt worden. Aber er hatte die 14 000 Mark lediglich auf den guten Namen hin ohne Garantie bekommen, und wenn er sie nicht zurückzahlen konnte, fielen sie einer Reihe von knapp lebenden und hart arbeitenden Bauern zur Last, die Mitglieder der Genossenschaft waren. Dies wollte er dem Leiter der Bank offen sagen.

Eine peinigende Beschämung war von dem Auftritt zurückgeblieben, die sein Gewissen verletzlich machte. Er mied die Augen seiner Frau und verließ das Haus heimlich und hastig durch die hintere Gartentür. Seinen Wagen hatte er abgemeldet. Er war auf den Zug angewiesen und mußte oben an der Station lange warten. Um nicht etwa auf Halder zu stoßen, bevor die Sache mit den 14 000 Mark erledigt war, verbrachte er die Wartestunde in dem kleinen Bahnhof. Sie war angefüllt mit der Marter einer an Ungewißheit gesteigerten Ungeduld.

Der Bankdirektor in Lindau sagte ihm:

»Als Sie das Geld aufnahmen, haben wir Sie gewarnt, so viel auf eine Karte zu setzen. Es wird nicht gut gehn, Herr Ambos. Ich kann es meiner Zentrale in München wohl vorlegen. Aber ich muß Sie gleich darauf aufmerksam machen, daß ich Ihren Besitz schon jetzt mit den 50 000 Mark Hypothek für überlastet halte.«

»Er war doch auf 200 000 geschätzt!« warf Ambos kleinlaut ein.

»War! Versuchen Sie in der jetzigen Zeit ein Anwesen und einen Betrieb wie den Ihrigen zu veräußern, ob Sie so ganz sicher ein Viertel der alten Schätzung erreichen. Das Holzgeschäft liegt danieder. Ihre Säge steht still, nicht nur wegen der wirtschaftlichen Lage, sondern auch, wie uns berichtet wurde, weil das letzte Hochwasser das Wehr weggerissen hat und Sie es bisher nicht wieder herrichten ließen. Ihre Landwirtschaft ist bei den heutigen Milchpreisen nur rentabel zu führen, wenn das Grundkapital sehr niedrig ist. Ich gestehe Ihnen, wir wären glücklich, wenn wir aus der Sache draußen wären.«

Hätte Ambos nicht die Erfahrung des Anfalls hinter sich, dem er vor einigen Stunden so hemmungslosen Lauf gelassen hatte, so wäre er jetzt aufgefahren. Statt dessen zwang er sich zur Ruhe und sagte in verhaltenem Ton:

»Ja, das Wehr hätte ich wieder herrichten lassen sollen. Das ist wahr. Wenn es auch zu nichts dient, da ja doch nicht gesägt werden kann. Ich möchte Ihnen aber sagen, daß, bevor Sie das Darlehn an mich durch die Pfandbriefe sichern ließen, ich Ihnen alles in allem 14 und 15 Prozent Zins zahlte, und damit begannen meine Schwierigkeiten. Denn diese Zinsen mußten in die Holzverkaufspreise mit einkalkuliert werden. Deshalb bin ich mit dem Lager in der kritischen Zeit, als sich die Holzpreise änderten, hängengeblieben. Aber das ändert nichts daran, daß gerade Sie von uns beiden von den 50 000 Mark nicht das schlechteste Geschäft gemacht haben. Ich kann mich auf andere Zeiten berufen, in denen schon mein Vater mit Ihnen gearbeitet hat. Es scheint mir nicht, daß Sie Anlaß hätten, die bisherigen geschäftlichen Beziehungen zwischen uns zu bedauern.«

»Herr Ambos, davon sind wir weit entfernt. Aber wir können auch nicht wünschen, daß dieser angenehme Zustand unserer Beziehungen sich ändere.«

»Sie wollen mich also fallen lassen?«

»Es liegt nicht in unserer Macht, Sie fallen zu lassen oder Sie zu halten. Verstehen Sie das recht!«

»Ich verstehe, daß Sie nein sagen, wenn das Sie recht verstehen heißt.«

Der Direktor machte eine bedauernde Bewegung mit der Hand. Jetzt erst besann sich Ambos, daß er gekommen war, um 14 000 Mark zu haben, mit denen er seine Schuld bei der Darlehnskasse abdecken wollte. Er hatte es dem Direktor ja auch offen sagen wollen. Aber er wird es nicht sagen! In seinen Augen war eine Hitze, die in sein Hirn zurückschlug. Gelähmt starrte er geradeaus in ein Fenster und fühlte seine ganzen Kräfte, seinen Willen geschwunden. Das Blut stand reglos träge und schwerflüssig in seinen Schläfen. Eigentlich wollte er gleich davongehen, am liebsten ohne Gruß. Aber er vermochte sich nicht so rasch zu einer Tat zu entscheiden, und um das Ende hinauszuzögern, bemerkte er noch in einer letzten Auflehnung:

»Das Vorgehen der Bank ist roh!«

Als er das sagen wollte, ging die Lähmung seines Innern in seine Stimme über. Er mußte mitten im Sprechen eine Schwäche weghüsteln, die sich plötzlich auf sie legte. Das steigerte seine Unsicherheit. Zugleich verletzte es seinen Stolz. Er wollte sich nichts vergeben vor dem abweisenden Benehmen des Mannes, der an dem großen sichern Schreibtisch saß.

»Ja, mein Gott«, antwortete der Direktor, »Sie werden wohl von sich aus auch die Auffassung haben, daß Banken keine Wohlfahrtseinrichtungen sind.«

Gegen dieses Eingeständnis, das alles mit voller Rücksichtslosigkeit zwischen ihm und der Bank aufdeckte, lehnte sich Ambos wieder auf. Er wollte heftig erwidern, daß dafür die Banken doch noch keine Halsabschneiderunternehmen zu sein brauchten. Aber er dachte wieder an den bösen Auftritt mit seinem Schwiegervater und hatte darüber einen Einfall. Er kam ihm, wie ein letzter geschwächter Vogel auf der Herbstabwanderung dem Troß nachflattert. Wenn er schon nicht die 14 000 Mark für die Darlehnskasse haben konnte, so wären vielleicht, ach vielleicht, für den Schwiegervater die 500 erreichbar. Sehr verlegen schwieg er eine Weile. Der Direktor trommelte ebenfalls stumm mit einem Bleistift auf den Knopf eines Löschers. Mit der anderen Hand zog er einen Akt aus einem Behälter. Für ihn war die Sitzung beendet.

Ambos mußte seinen ganzen Stolz beugen und sich zu der äußersten Selbstüberwindung zwingen, um auszusprechen, ob er denn wenigstens 500 Mark bekommen könne. Sein Gesicht glühte auf vor Scham, als er mit bescheidener Stimme kleinlaut diese Bitte aussprach.

Der Direktor unterbrach unversehens das Trommeln mit dem Bleistift, zog die Augenbrauen ein wenig hoch, erstaunt, als er dieses Verlangen vernahm.

»Ist es soweit?« fragte er sich. Dann stand er auf. Er breitete beide Hände aus zu einer beschwörenden Abwehr:

»Ein Tropfen auf einen heißen Stein. Sie sind uns ja zudem noch die letzten Zinsen schuldig, 6000 Mark, glaub ich. Sie müssen selber wünschen, daß wir Schluß zu machen haben, weil jede Hundert mehr, die wir Ihnen gäben, ziellos weiterführen würden. Mit jeden hundert Mark würde für Sie und für uns immer weniger von dem einzuholen sein, was davonlief!«

»Ich bin gezeichnet!« sagte sich Ambos, als er zum Bahnhof zurückging. Er hatte den Kopf ein wenig gesenkt. Das Gewicht trug sich schwer. »Ich bin abgerufen«, fuhr er fort, »abgerufen aus der Gesellschaft der Menschen, denen gestattet ist, sich mitzuzählen. Drum war heut der Güterhändler da! Wenn in einem Haus einer in der Nacht sterben soll, kommt abends der Totenvogel ans Fenster picken. Der Güterhändler war der Totenvogel. Weiß der Teufel, mit welcher Nase die Hunde den Braten riechen!«

Er war nicht zerschmettert. Früher, als er obenauf war und von dem Bankrott eines Mannes hörte, hatte er den Geschmack unmittelbar auf der Zunge, so etwas sei eine Katastrophe. Die Möglichkeit, daß es auch ihn erreichen könnte, einen solchen Fall auf sich zu nehmen, war etwas Undenkbares gewesen. Wäre etwas gewesen, das über die Zerstörung des Wohlstandes hinaus nur gleichbedeutend mit der eigenen körperlichen Vernichtung, mit dem Davonsinken in das Nichts hätte sein können.

Ja, und nun hatte es auch ihn eingeholt. Es lief heut ja hinter jedem her. Es hatte ihn gepackt. Der Zug warf ihn in einer Kurve hart an die Holzwand. Er wird nachher, wenn er aus dem Bahnhof tritt, zum Halder gehen, um sich anzuhören, daß die 14 000 Mark gekündigt seien. Auch hier waren Zinsen fällig. So wie auf der Bank. Man wird zudrehen. Er muß ersticken.

Das breite, alte, schöne Haus mit dem hohen Dach, mit dem Saal und dem alten Bild des Ritters drin, der ein Vorfahre gewesen sein soll, die Kammer mit den beiden Betten nebeneinander – das Rosinel lag in dem nach innen …

Der Zug hielt in der ersten Station. Ambos schaute nicht zum Fenster hinaus. Er preßte sich tiefer in den Eckwinkel. Niemand sollte ihn sehen, niemand ihn anschauen.

Das langgestreckte neue Sägewerk, das er selber gebaut hat, die dreißig Kühe im Stall, in dem er die alte Holzdecke herausgerissen und durch eine aus Zementsteinen gewölbte neuzeitliche ersetzt hatte, die weiten Wiesen, der Bach umschlang sie in einer langen Wendung, als könnte er sich nicht leicht von ihnen trennen. Durch den großen Obstgarten kommen sie heran ans Haus, umfluten es, schwingen in die Halde und zum Dorf, rein und teppichglatt, rote wunderbare Gewölbe, das Wehr, Platz der Spiele seiner Kinderzeit. Ach, das bestand seit dem Hochwasser ja sowieso nicht mehr. Auch die Natur, Gott war gegen ihn, alles. Und der schöne Garten, in dem das Rosinel die Dahlien gepflanzt hatte, und darüber hinaus auch der Geist der Familie, das unwägbare Gut, daß unter diesen Dächern viele Generationen in einem ungestört gewähnten Besitz gesessen hatten, Fürsten, winzige Fürsten, aber Fürsten doch. Alles hin. Der Geist, ja der Geist war am Ausblasen, bald hörte er auf. Und der alte Kirchturm mit den wettergrauen, glatten Quadern, der jahrhundertelang aus dem Dorf herab auf die Ambose als Besitzer geschaut hatte, wird auf einen neuen Besitzer herabschauen. Ob er eine Veränderung merken wird?

Nein, es war nicht eingetreten, was Ambos früher vorgeschwebt hatte. Er ward nicht erschlagen von diesen Vorstellungen. Er wurde nur sehr traurig, zermürbt und gelähmt. Er steigerte sich in der Quälerei immer weiter. Er wollte das Bittere bis zum Grund austrinken und vom Bahnhof ins Dorf hinauf und zum Halder gehen und das anhören, was notwendig war. Er hielt es für besser, über alles jetzt harten, klaren Bescheid zu wissen, als in dem Zustand der Schwebe zu bleiben, in dem er sich in der letzten Zeit gehalten hatte.

Und dann mitten hinein sagte er sich auf einmal:

»Und das Kind! Dem Rosinel sein Kind im nächsten Monat! Das arme Kind!«

Da mußte er die Augen fest zukneifen, sonst wären die Tränen hervorgestürzt. Der Zug fuhr grollend. Der Lärm seines Taktes und das Ruckeln seiner Bewegung schwangen das Leid und die Melancholie wie in einer vom Geschick bewegten Schaukel dem Dorf entgegen, zu dem die Reuttermühle gehörte.

*

Rosina hatte ihren Vater in die hintere kleine Kammer geführt, in der gebügelt wurde – und die Leute arbeiteten, die auf Stöhr kamen.

»Bärbautz, der gesottene!« fluchte der alte Bauer. »Was hat deiner?«

Rosina hatte sich schwer hingesetzt auf den ersten Stuhl, den sie erreichte.

»Weißt, Vater, ich muß sterben!« sagte sie plötzlich. »Ich wollt es dir gesagt haben.«

Der Alte schaute nur zu ihr hin. »Hast mir ein Most?« fragte er nach einer Weile. Er nahm ihre Mitteilung nicht zur Kenntnis. Er blies einmal vor sich hin. Da wehte es ganz weg von ihm.

»Ein Most!« sagte er darauf nochmals und setzte gleichmütig hinzu: »Ich muß mich stärken auf das!«

»Es ist so, daß immer ein Gefühl kam, Vater«, begann Rosina wieder. Ihre Stimme war zart und ruhig, aber in ihren Augen verzehrten sich fiebrige Feuer und machten ihr Blau dunkel und voller Unrast, wie von Schatten heimgesucht, in denen sich eine unheimliche Unruhe barg und lauerte. »Ihr könnt denken, was Ihr wollt, Vater, morgen werde ich auf dem Totenbett liegen. Ich weiß es zu gewiß, und wenn ich die Gedanken abweisen wollte und sie auch fortgegangen waren, dann stand das Gesicht gleich wieder an der Ecke und schaute herüber und zeigte mit Fingern auf mich als Leiche.«

»Das ist der Zustand«, sagte der Bauer trocken und schaute auf ihren Leib. Er holte den Stummel einer Virginia aus seiner Tasche und zündete ihn umständlich an, zerdrückte das brennende Streichholz zwischen Daumen und Zeigefinger und steckte das abgebrannte Holz in die Tasche, aus der er die Zigarre geholt hatte.

»Ja, es ist der Zustand, ich weiß es«, fuhr Rosina fort. »Denn ich weiß, daß auch das Kind tot sein wird, weil es sich nicht von mir trennen kann. Das Gesicht sagt mir auch das. Es ist nur merkwürdig, daß das Gesicht mir nicht zeigte, was nachher ist mit uns zwei, nachher, weißt, nach dem Totenbett, wo es mir so hell auf den Weg bis ins Totenbett geleuchtet hat. Ich geh dir jetzt den Most holen, Vater.«

»Hast mir auch ein Schnaps dazu?«

»Ja, auch.«

»Schick die Magd.«

»Ja, ich schick die Magd!« antwortete Rosina in der Tür.

Der Bauer ging bald, nachdem er Schnaps und Most getrunken hatte. Das Bedenken, der Schwiegersohn könnte hereinkommen und wieder anfangen, vertrieb ihn. Bevor er ging, bemerkte er noch:

»Brauchst dem Mann nichts zu sagen von deiner kotzdummen Geschichte.«

*

Vor zwei Wochen hatte es angefangen, daß Rosinas Leib manchmal zu bluten anfing. Sie sagte es ihrem Mann nicht. Sie war in einem Haus aufgewachsen, in dem über die Notdurft hinaus nichts anerkannt wurde. Denn in ihrer Heimat hatten sechs Kühe Vater und Mutter und acht Kinder zu ernähren. Rosina hatte den ersten Arzt im Hause gesehen, als ihre Mutter einen halben Tag tot war. Aus diesem kargen Haus heraus hatte sie in den Reichtum der Reuttermühle geheiratet.

Engelbert Ambos und sie hatten sich zum erstenmal geküßt, nachdem sie auf einem Ball miteinander getanzt hatten, den der Turnverein im »Adler« gegeben hatte. Da hatte es sich auf dem Nachhausewege begeben. Denn als sie vom Ball heimgehen wollte, geschah das Sonderbare, daß Engelbert sagte, nun möge er auch nimmer tanzen, und er brachte sie heim.

Da hatte er sie unterwegs geküßt, ohne viel zu fragen, denn er war der Besitzer der Reuttermühle und brauchte nicht zu fragen. Er hätte noch ganz andere als sie nicht zu fragen brauchen. Und schon damals in der Nacht, als er sie an sich drückte, hatte er gesagt: »Ich heirate dich!« Anfangs hatte sie kaum gewagt, ihn zu lieben, aber es war dann immer stärker über sie gekommen und auch über ihn, und er hatte den Hochzeitstag bald festgesetzt, obgleich mit ihr nichts geschehen war, das ihn vielleicht zum Heiraten gezwungen hätte.

Doch diese Heirat war ihr etwas so Unwahrscheinliches, daß selbst der Tag, an dem sie vollzogen worden war, sie nicht von dem Geist des ängstlichen und mißtrauischen Zweifels befreite, der, über die Wirklichkeit spottend, in ihrem Gemüt eingenistet blieb.

Dies, zusammen mit der Härte ihrer Erziehung im Vaterhaus, hatte sie abgehalten, Engelbert von den Schwächen ihres Zustandes zu sprechen. Sie schämte sich für dieses Versagen ihres Körpers. Sie schämte sich nicht nur, sie bangte sich davor, die Beziehungen zwischen ihnen zu stark zu belasten. Denn sie hatte den heimlichen Kummer bemerkt, der ihm nachging, und sie scheute sich, ihm noch eine Sorge weiter aufzubürden, ja, womöglich Geldausgaben herbeizuführen, wenn er einen Arzt für sie kommen ließ.

Die Adlerwirtin in Mariathann war ihre Tante und hatte sich nach dem Tod der Mutter stets um die Kinder gesorgt. Rosina war zu ihr gegangen und hatte alles berichtet, wie es mit ihr stünde, und daß alles geschehen könnte, nur ihr Mann dürfte es nicht erfahren. Und da hatte die Tante gesagt, wenn sie also nicht zum Arzt gehen wollte, dann sollte sie zum Pfarrer nach Ruhlands gehen, denn der könne gesundbeten und habe argen Zulauf. Da kämen Automobile hin wie am Bahnhof in München, und man höre viel von Heilungen.

Gestern war Rosina beim Pfarrer in Ruhlands gewesen. Er hatte sie gefragt, was ihr fehle, aber Schamhaftigkeit schloß ihr den Mund. Es sei auch gleich, hatte der Pfarrer gesagt. Es komme nicht auf die Art der Krankheit an, sondern auf die Empfänglichkeit für die Gnade, deren Kraft er in ihren kranken Körper hineinbeten wolle. Er zog gleich ein Chorhemd über den Kopf, und sie legte eine Generalbeichte ab, und dazu führte sie der Geistliche, der ein gebrechlicher alter Herr mit schwerem Atem war, nicht in den Beichtstuhl in die Kirche, sondern ließ sie in seiner Stube sitzen.

Darüber erregte sie sich, obgleich nicht viel zu beichten war, und das, was sie zu beichten hatte, durch die Heirat lang schon gutgemacht worden war. Aber es regte sie auf, daß es um sie und den geistlichen Herrn so offen war und die Klausur des Beichtstuhls sie nicht mit ihrer Beichte und Reue laut alter Gewöhnung in scheue Heimlichkeit einschloß und von der Umgebung abschirmte.

Als die Beichte vorbei war, ging der Pfarrer zu einem Schrank. Er öffnete mit gehaltenen und feierlichen Bewegungen dessen Tür, und es erschienen heilige Geräte, wohl angeordnet. Mitten aus ihnen heraus nahm er eine kleine Stola und brachte sie mit gesenkten Augen, in einer schwerfälligen Andacht, auf beiden Händen zu Rosina, die auf einem Betstuhl kniete. Rosina wußte, das war die Stola, von der sich die Leute erzählen, die der Pfarrer manchmal, ohne Unterbrechung von Essen und Schlaf, durch vierundzwanzig Stunden bebetete und weihte, die heilige Quelle seiner Kraft.

Mit einer in langsamer Feierlichkeit ansteigenden Bewegung hob der Geistliche die hochgeweihte Stola bis zur Höhe ihres Kopfes, dann senkte er sie, die Rosina von Ehrfurcht und Geheimnis durchwoben fühlte, gegen ihre Stirn, indem er mit der andern Hand ein großes, schweres Kreuzzeichen über ihren Kopf machte.

Mit einem eindringlichen, beschwörenden Druck ließ er die Stola an ihrer Stirn liegen, und in demselben Augenblick, da Rosina das rauhe, an seiner geistigen Kraft geheiligte Gewebe auf ihrer Haut spürte, hörte sie, daß der Pfarrer zu beten begann. Er neigte seinen schweren Oberkörper zu ihr. Das steife Leinen des Chorrocks rührte an ihre Hände und ihre Schultern und knisterte leise.

Die eine Hand hatte der Herr jetzt auf ihren Haaren, die andere mit der Stola an ihrer Stirn; der Daumen der Hand, die die Stola hielt, drückte gegen ihre linke Schläfe, und Rosina spürte, daß auf der linken Seite ihres hohen Leibes mit einem geheimen Klopfen das Kind sich kündete.

Die Stimme des Betenden wurde immer inbrünstiger und zugleich gedämpfter, und je leiser sie wurde, um so wesenloser verwich aus ihr alles Irdische. Bald war sie nur mehr ein wehender Dunst, der Rosinas Sinne überzog, und Wellen von heißen Schauern strichen über ihren ganzen Körper. Manchmal, wie der Aufschrei aus einem Traum, stieg ein Wort des betenden Mundes lauter zwischen den fliegenden, im göttlichen Zauber eifernden Lippen auf. Dann fühlte Rosina sich von einem wilden Schrecken gerüttelt, wollte nach dem Herzen greifen und wagte nicht nach ihrem Körper zu fassen oder ein Glied zu rühren. Ihre starr aufwärts gerichteten Augen sahen, wie aus der Stirn des Betenden große Schweißtropfen traten und niederfielen. Wo einer die nackte Haut ihrer Hand traf, ging er wie ein Fieberflämmchen in sie ein und wurde unter dem Eindrang der unverständlichen geheiligten Worte und der sich selbst verzehrenden Hingabe des geistlichen Herrn unmittelbar in ihrer Seele aufgelöst.

Allmählich ward ihr, als habe die emsige Heiligkeit des Mundes ein geheimes dunkles und großes Gewebe um sie gebetet, und sie vermöchte sich darin einzuwickeln und von allem Irdischen, von Kummer, Plage, Leid und Sorge Abschied zu nehmen.

Und da kam das bleiche, gespenstisch eindringliche Gesicht der Vorahnung des Todes und legte sich neben sie, als schliefen sie von langer Hand her in einem Bett zusammen. Die Haare prickelten ihr auf der Kopfhaut, und ihre Augen waren in einem taumelnden Entsetzen in das fremde Gesicht gestemmt, das doch in ihrem eigenen Blut war wie das Kind, das ihren Leib füllte und nicht mehr wich. Der Bann des Beters, der Stola, der emsigen Heiligkeit des Mundes war vor der Erscheinung auf einen Schlag vergangen. Der Daumen an ihren Schläfen, die Hand auf ihrem Schädel, das rauhe Gewebe der Stola an ihrer Stirn sanken lautlos weg wie abgestorbene Blätter im Herbst. Da fühlte sie, daß sich wieder ein heißer Strahl von Blut aus ihr löste.

*

Der Besuch beim Pfarrer in Ruhlands hatte nichts in ihr hinterlassen wie die Erinnerung an das Gesicht und eine Mattigkeit, wie sie nach starken körperlichen Überanstrengungen eintritt. Das Gesicht wiederholte sich nicht, aber in ihrer Erinnerung blieb es mit einer unverwischbaren Schärfe bestehen.

Nachdem ihr Vater sie verlassen hatte, wallte in ihrem Herzen ein heißes Begehren auf, zu Engelbert zu flüchten, ihm in seiner Plage zu helfen, selber Hilfe zu finden. Sie liebte ihn. Sie gehörten zusammen, hatten alles zu teilen. Ja, jetzt war sie fast entschlossen, ihm von den Zuständen ihres Körpers Mitteilung zu machen.

Doch die Müdigkeit ihrer Glieder verdichtete sich zu einer Erschlaffung ihrer ganzen Widerstandskraft, und statt nach vorn zu dem Zimmer zu gehen, in dem sie ihn nach dem Auftritt mit dem Vater verlassen hatte, wankte sie durch einen Nebel quer über den Flur zur Stiege, arbeitete sich an dem Geländer mühsam hoch und erreichte gerade noch ihr Bett. In den Kleidern fiel sie darauf nieder und war in demselben Augenblick in einer dunklen Ohnmacht eingeschlafen.

Als sie aufwachte, war es Nacht. Sie war wohl ein wenig gekräftigt, aber sie hatte eine Empfindung in ihren Gliedern, als seien sie auseinandergelöst, als seien sie weich wie Samt. Vielleicht waren es aber gar nicht ihre Glieder. Es konnte sein, daß dieses Gefühl auch ganz anderswo saß. In ihrem Kopf etwa oder vielleicht in ihrem Herzen oder in dem Kind.

Ein Bedürfnis nach Flucht und Anlehnung kam ihr. Sie ging hinab und wollte zu ihrem Mann. Er war nicht da. Er war auch draußen nicht zu finden. Die Magd wußte nicht, ob oder wann er fortgegangen war. Ein Knecht kam und erinnerte sich, daß er ihn am Nachmittag hatte den Weg zum Dorf hinaufgehen und am Bahnhof verschwinden sehen.

»Ob die Frau was essen wolle?« fragte die Magd. Rosina lachte. »Wozu etwas essen?« Gleich fragte sie sich, weshalb sie gelacht habe, und verließ die Küche. Es war ihr plötzlich fast recht, daß Engelbert nicht im Haus war. Sie ging ins Schlafzimmer zurück.

»Ich bin allein mit mir!« sagte sie sich. Sich ganz allein haben und nichts von seinen Sorgen mit andern teilen müssen!

Da gab ihr das Kind einen Schlag. Sie streichelte mit der Hand über die Stelle, an der es sich bemerkbar gemacht hatte. Ganz sanft und in einer verfließenmachenden Zärtlichkeit führte sie die Hand über ihren Leib. Darauf trat sie zum Spiegel. Sie schüttelte ihr gelocktes Haar und faßte an den Knoten, den sie tief am Hals trug. »Ich erreiche ihn noch«, sagte sie und war sich gewiß, daß sie mit dieser Bemerkung gar nicht den Haarknoten, sondern etwas anderes meinte. Aber was das war, wußte sie nicht. Da begann sie leise zu weinen.

Und während sie in einem fort so leise vor sich hinweinte, nahm sie aus dem großen, mit vielen farbigen Holzstreifen eingelegten Kasten, auf dem die Jahreszahl 1601 stand, ein schwarzes Kleid und tauschte es gegen das Hauskleid, das sie trug. Es war das Gewand, in dem sie vor zehn Monaten geheiratet hatte.

Nachdem sie es angezogen und sich im Spiegel angeschaut hatte, ging sie zum Schrank zurück. Sie öffnete die zweite Tür. In einem Fach stand eine schwere Eisenkassette. Den Deckel schloß sie auf. Sie stellte ein Tischchen an den Spiegel und zog einen Stuhl herzu. Der Spiegel war ein großes, altes Möbel. Er war schmal und hoch und unten vorgebaut. Da lagen zwei vergoldete Löwen, glotzten mit den Augen, streckten die Vordertatzen vor und trugen auf ihrem Rücken den ebenfalls vergoldeten Rahmen, der bis an die Decke reichte.

Nun trug Rosina den Inhalt der Eisenkassette Stück für Stück zum Tischchen und ordnete ihn auf der Spitzendecke. Es waren Schmuckstücke. Das ansehnlichste war eine goldene Kette, an der ein Kreuz hing. Das Kreuz war aus vier großen, schmalen, grünen Steinen zusammengesetzt, die in einer goldenen Kapsel aneinandergehalten wurden. Jeder Stein hatte die Form einer großen Träne.

Rosina weinte nicht mehr.

»Grüne Tränen!« sagte sie und rieb mit einem Zeigefinger über jeden Stein. »Kann es grüne Tränen geben?« fragte sie laut ihr Ebenbild im Spiegel. Sie wollte sich zulächeln, aber sie tat es nicht, denn sie sah die Augenränder vom Weinen gerötet und angeschwollen.

Das schwarze Kleid hatte einen Ausschnitt, aber er war kurz, und als sie die Kette mit dem grünen Kreuz sich um den Hals knüpfte, kam das Kreuz auf das schwarze Tuch zu liegen. Da nestelte sie das Kleid so weit auf und schlug es nach innen um, daß Gold und Steine auf ihrem nackten Hals lagen. Sie sah den Ansatz ihrer starken, hohen Brust, und in der Verschmelzung mit dem flaumigen, weißen Fleisch lagen Gold und Steine in der beschatteten Rinne wie in einem warmen, lebendigen Tal.

Sie empfand eine stürmische Lust dabei, sich in diesem Schmuck anzuschauen. Sie steckte auch die Ringe an die Hand und schloß das breite geflochtene Goldarmband um das Gelenk, wie auch die Kette mit den grünen Steinen. Nie hatte sie vor ihrer Heirat solche Dinge gesehen, und Engelbert hatte wohl gesagt: »Jetzt sind sie dein.« Aber sie hatte nie vermocht, das für wahr und wirklich zu nehmen.

Denn diese goldenen Schmuckstücke waren der Reuttermühle von alters her überkommen. Engelbert hatte ihr so etwas gesagt. Aber in der Aufregung hatte sie vergessen, was er genau davon gesagt hatte, denn es war am Hochzeitstag, als sie sich in diesem Zimmer zum erstenmal aus- und anzog, um auf die Reise fortzugehen, die erste Reise, die sie in ihrem Leben gemacht hatte.

Damals hatte er haben wollen, daß sie sie mitnehme, um sich unterwegs in den Gasthöfen, in denen sie wohnten, damit schön zu machen. Aber sie hatte diese alten, schweren Schmuckstücke mit den verzauberten, glimmenden, grünen und blitzenden Steinen wahrhaftig gefürchtet. Denn sie spürte darin den Geist von hundert alten Frauen, die lange gestorben und vermodert waren. Sie hatten zu ihren Lebzeiten strenge und hoffärtige Gesichter gehabt. Einige ihrer Bilder hingen im Saal, wo auch das Bild des alten unheimlichen Ritters hing.

Es war so sonderbar! Heute fürchtete sie die Stücke nicht mehr. Sie hatte auch keine Scheu mehr vor dem seidenen schwarzen Brautkleid.

Die beiden Lichter hatte sie angedreht, und eine Flut von Helligkeit glomm über sie auf und umstrahlte sie in dem dunklen Gewand wie mit einem durchsichtigen, leuchtenden Mantel. Es gab solche Herbsttage. Aus grau und traurig hindüsternden Stunden konnte am Ende des Herbstes plötzlich ein Tag von strahlender Schönheit und Lust aufbrechen. Daran dachte sie. Und so war es jetzt in ihr.

Sie empfand Gewissensbisse, daß sie bei alledem nicht an Engelbert dachte oder ihn gar herbeiwünschte, sondern eher glücklich mit ihrem Alleinsein war. So stand sie lange in einer unbeholfenen Wendung vor dem Spiegel und betrachtete sich mit einem ernsten Wohlgefallen in dem Glas. Durch das Fenster scholl der Lärm herein, mit dem der letzte Zug das Tal füllte.

»Auch er fährt fort!« sagte sie leise hinaus, dem verschallenden Zug nach. Ihre Stimme klang wie hinter Schleiern. Es ist immer elf Uhr, wenn der Zug kommt! Jetzt ist es also elf Uhr!

Und zur Bestätigung zählte die kleine Uhr unter dem Glassturz mit ihrer klingelnden Stimme die Schläge dieser Stunde herunter.

Rosina schaute erschrocken zu der Uhr hin, die plötzlich eine Stimme bekommen hatte, mit der sie, als sei sie ein Mensch, in das einsame Geheimnis der Stunde hineintönte.

»Sie kann mich ja nicht sehen«, versicherte sich Rosina. »Ich kann dich hören, aber du kannst mich ja nicht sehen«, sagte sie zu der Uhr hingewandt.

Oder war es wahr, daß leblose Dinge nur leblos scheinen und ein dem Menschen unsichtbar bleibendes Leben haben? Doch es war eine so alte Wahrheit, daß eine Uhr einen nicht sehen konnte! Rosina mußte über ihre Angst lächeln, daß die Uhr alles gesehen haben könnte, was die Frau vor dem Spiegel und mit den alten Schmuckstücken getrieben hatte.

Sie sah im Spiegel, wie dieses Lächeln in ihren hellen Augen, deren Ränder vom Weinen noch immer etwas gerötet und geschwollen waren, mit einemmal vor einer jäh aufzuckenden Verzerrung ihres ganzen Gesichtes wich. Denn in ihrem Leib gab es einen Riß, der sie in einem jähzornigen Angriff in zwei Teile zu schneiden drohte. Sie jagte mit den Händen zu der Stelle und krampfte ihre Finger entsetzt in das Fleisch. Eine Angst überfiel sie. Hastig und fassungslos begann sie zu schreien: »Engelbert, Engelbert!«

Sie lief hinaus, die Treppe hinab, flehte jetzt flüsternd: »Engelbert!« in einer Angst voll Unheimlichkeit und Drohung. »Engelbert!« Die Flure waren finster. Sie tastete sich in besinnungslosem Entsetzen zur Haustür, stolperte in den Hof hinaus, preßte die Fäuste zwischen die Schenkel, als hielte sie ihr Leben auf, das davonrennen wollte, und lief.

Aber sie kam nicht weit. Ihre Beine waren zerbrechlich, mit einemmal waren sie wie Strohhalme. Nur mühselig vermochte sie sich aufrecht zu halten und schwankte an die Hauswand. Mit ihr glitt sie weiter und preßte sich an ihr aufrecht, um nicht zu stürzen, bis ihre Hände an der Ecke des Hauses auf das Rohr der Dachrinne trafen. Da hielt sie sich mit allen Fingern an ihm fest und lag an Mauer und Rohr angekrallt, während inmitten von wütenden, heißen und kalten Rissen, von immer wahnsinniger werdenden Schlägen, von wälzenden Krämpfen ihr Leib auszufließen schien, und wartete in einem grauen Entsetzen, von Ängsten gestäupt, Körper und Seele zerfetzt, kraftlos und irr auf ihren Mann. »Festhalten! Festhalten!« schrie es in ihr. Wenn sie umfiele, käme er nicht. Wenn sie umfiele, wäre alles Nacht und Ewigkeit und Nichts! Ihre Hände waren wie angeschweißt an das Rohr, ihr Körper preßte sich an die Mauer hinauf, während eine Ohnmacht rasch ihr Bewußtsein in Dunkelheit auflöste.

*

Ambos ging, von seiner vergeblichen Reise zurückgekehrt, vom Bahnhof ins Dorf hinauf. Die vielen Gedanken während der Fahrt, die alle umsonst waren, hatten schließlich sein Gemüt übermäßig belastet. Darunter war die Spannung seines Willens, so rasch wie möglich mit seinen wirtschaftlichen Nöten zu einer endgültigen Lösung zu kommen, lahm geworden. Nun bangte ihn, den Halder anzutreffen, und allein die laue Hoffnung, daß jener fortgegangen sein mochte, geleitete ihn zu dem Haus.

Es war eine Erlösung, als die Tochter Halders sagte: »Der Papa ist ausgegangen. Vielleicht ist er im ›Adler‹.« Und Ambos ging zum ›Adler‹. Auch hier blieb ihm die Hoffnung treu. Halder war nicht da, und man wußte nichts von ihm. Da Ambos nicht so weggehen wollte – der ›Adler‹ war im Besitz von Rosinas Tante –, bestellte er ein Viertel Seewein. Er trank ohne Behagen.

Jemand kam herein, aber es brannte nur die Lampe über Ambos' Tisch, da er der einzige Gast gewesen war. Er erkannte den Eingetretenen nicht. Erst als dieser an seinen Tisch kam und mit einem »Erlaubnis!« Platz nahm, sah Ambos, daß es Juch war.

Sobald er ihn erkannt hatte, trank Ambos sein Glas aus. Er wollte sich nicht durch diesen Mann, von dem er gar nichts hielt, gegen dessen Aussehen und Lebensführung er stets starke Widerstände gehabt hatte, länger hindern lassen, aufzubrechen. Denn es verlangte ihn auf einmal, wo er dem Druck der Aussprache mit dem Halder entgangen war, zu Haus neben seiner Frau zu sein und sie für das Leid auszusöhnen, das sein unbeherrschtes Betragen gegen den Vater ihr gebracht hatte. Gab es etwas auf der Welt, wohin er sich stärker zugehörig fühlte, als zu Rosinel?

Während er Juch obenhin »guten Abend!« sagte, schaute er nach einem Mädchen aus, der er den Wein zahlen könnte. Juch sagte etwas.

»Was meinen Sie?« fragte Ambos wenig freundlich.

»Ob Sie Öl brauchen?« antwortete der andere. Er hatte eine harte, kurze Sprache.

»Öl?« fragte Ambos zurück. »Wozu?«

»Zum Schmieren.«

Öl zum Schmieren, dachte Ambos mit halben Gedanken, schmieren, ja, das wäre notwendig!

»Um den Karren zu schmieren«, sagte gleich die harte Stimme mit einem schnarrenden Lachen. »Alle Karren haben es notwendig, heute or'ntlicher als je geschmiert zu werden. Ich komm von Friedrichshafen. Da haben sie 'n Gronau empfangen. Er kommt von 'nem Flug um die Welt zurück. Sekzichtausend Kilometer, nicht 'ne einzige Panne. Dreihundert Flugstunden. Er benützt das Öl von meiner Firma. Und das Öl ist für'n Motor, was für'n Braten der Saft ist: das Leckere. Aber abgesehn vom Öl und vom Schmieren, Sie müssen richtig in die Leistung des Mannes hineinschauen. Das ist kein Rekord, das ist nichts von Sport. Das ist vorläufig noch gar nicht in einem Wort zu nennen. In der Konsequenz, nicht im Impetus liegt die Leistung. Ich sagte damals, wie er über'n Ozean geflogen ist: dazu braucht er nur das Hirn eines Heuhupfers. Hüpft los über 'ne Mauer, ohne Gedanken, wo er drüben landen kann. Seinen Kopf hätte er ebensogut in Lakehurst lassen können. Der Hintere war wichtiger in den vierundzwanzig Stunden, die er auf einem Platz versitzen mußte. Na, ist's gut gegangen, so ist's gut gegangen! Aber es ist einmalig, und beim Gronau ist's aber eine Serie, von vornherein eine bewußt aufgestellte Reihe von folgerichtigen sekzigtausend Kilometern. Enden da unkontrollierbar, wo sie angefangen haben …«

Dieser Juch war kurz nach Kriegsende in das Dorf geweht worden. Er betrieb kleine Vermittlungsgeschäfte, kam bald mit Schmieröl, bald mit neuartigen Sieben, bald mit Rundfunkgeräten. Aber er betrieb sie lässig genug. Wenn er getrunken hatte, waren sie für ihn der Anlaß zu unermüdlichen Einfällen eines ätzenden Spottes, mit dem er sich selber verächtlich machte. Er wohnte beim Schmied, hatte dort ein Zimmer zur Miete. Der Schmied war ein jähzorniger Mann, und man hörte ihn manchmal bis auf die Straße, wie er heftig in dem Zimmer Juchs sprach. Aber nie wurde etwas von Schulden bekannt, die Juch machen sollte.

Es ging eine Sage im Dorf, er sei Offizier gewesen. Ob er das durch den Krieg geworden war, wußte man nicht. Jedenfalls machte er nie Gebrauch davon und sprach auch nie darüber. Einige redeten ihn auch jetzt noch immer mit »Herr Baron« an. Sie konnten nicht sagen, weshalb, wenn sie gefragt wurden. Als er kam, habe es geheißen, er sei Baron, sagten sie. Vielleicht sah er nur so aus. Er hatte eine Gestalt, die mit dem Körper eines Whippet-Hundes Ähnlichkeit besaß: übermäßig gedehnt und hager und über den Hüften ganz schmal zusammengezogen. Dabei war er kaum mittelgroß. Die Nase hing entblößt in seinem farblosen und ausgemergelten Gesicht, groß, gehakt und glatt wie ein gebleichter Knochen, der zusammenhanglos mit seiner Umgebung irgendwo im Wald herumliegt. Die Haare waren hasenfarbig, dicht und trocken. Die Augen hatten etwas Schmachtendes, das auch nicht in das Gesicht zu gehören schien, denn dieses endete in einem Kinn, das einem Klotz glich. Übermäßig hoch über dem Kinn stand der Mund. Er dehnte sich dünn, lang und willkürlich wie ein sich schlängelnder Regenwurm.

Als Juch fortfuhr, über Gronau zu sprechen, stellte Ambos fest, daß sich in seiner Stimmung eine merkwürdige Veränderung vollzog. Er empfand gegenüber der ablehnenden Gesinnung, mit der er Juchs Erscheinung entgegengenommen hatte, jetzt eine Spannung, zuzuhorchen und seine Gegenwart zu genießen. Er bestellte sich noch einen Wein.

Als er das vierte Viertel trank, war der Wein in sein Blut eingegangen. Alle Kanten rundeten sich. Er wagte es gar nicht mehr, sich von diesem Tisch, diesem Mann, diesen Stunden zu trennen und sich dem zu überlassen, was draußen auf ihn lauerte, wenn er wieder allein wäre. Das baute sich vor der Tür des Wirtshauses auf wie ein Wall, der grausam zu überschreiten war.

Ein Rundfunkapparat, von den Haustöchtern eingestellt, machte jetzt Musik. Nun kamen noch aus einer anderen Schicht heraus Lockungen, die die Aufweichung weiter förderten. Die Töchter der Wirtin waren allein zu Haus. Die Mutter wurde mit dem Zug um elf Uhr zurückerwartet. Juch tanzte mit den Mädchen. Alle Mädchen tanzten gern mit ihm, weil er jeden neuen Tanz kannte. Er könnte wohl auch mittanzen, sagte sich Ambos, aber er tat es nicht. Er tat es nicht, weil es so wohlig war, an die Bank anzuwachsen und nichts in sich aufzurütteln, kein Glied und keinen Gedanken.

Kurz nach elf Uhr kam die Witwe. Sie war zum Begräbnis einer Verwandten nach Oberstaufen gefahren. Derb und groß trat sie herein und blinzelte, vom plötzlichen Licht geblendet, mit einem Gesicht ins Zimmer, in dessen Zügen die Übung der Selbständigkeit und Strenge zu erkennen war, die sie schon zu Lebzeiten ihres Mannes in Haus und Hof hatte walten lassen.

Das Rundfunkgerät war auch sofort abgedreht, als ihre Schritte vor der Tür hörbar wurden. Bevor die Eintretende die Anwesenheit ihrer Kinder zur Kenntnis nahm, beschäftigte sie sich mit den Gästen. Das heißt zunächst nur mit Juch, da Engelbert aus dem Lichtkreis der Lampe in die schattengefüllte Ecke gerückt saß.

Aber bald erkannte sie ihn. »Engelbert, Ihr!« sagte sie und schaute mit einem unverhohlenen Staunen zu ihm in die Ecke.

»Ja, grüß Gott, Adlerwirtin!«

Da sah Ambos, wie sich die Frau aus der etwas schwer atmenden Haltung aufrichtete, die ihr der Weg vom Bahnhof herauf eingebracht hatte. Sie wandte das Gesicht zu dem Fenster und fragte: »Wie geht's meinem Bäschen?«

Und es war Ambos, als wollte sie durch die dunklen Scheiben mahnend zur Reuttermühle hinabblicken. Frage und Blick warfen ihn aus dem Versteck, in das ihn Wein und Stimmung verborgen hatten. Es dauerte nicht lange, und er brach auf. Er ging den Weg zur Reuttermühle durch eine weich erhellte Nacht hinab. Von dem Gewalt antuenden Bild der Frau befreit, bekam die abspannende Laune wieder Oberwasser, auf dem die Störungen davonschwommen. Nun erblickte er die Gebäude seines Anwesens. Wie schön lagen sie auf den Grund der sternhellen Wiesen geschart, von mildem Nachtleuchten beflort, alle Fenster waren dunkel.

»Das Rosinel schläft!« sagte er laut vor sich her. Eine Flut von Zärtlichkeit spülte fühlbar an sein Herz. »Heimat! Heimat!« flüsterte er voll Inbrunst. Ja, das war seine Heimat, da unten die großen wunderbaren Gebäude in tiefer Nacht, hinter deren Fenstern, die dunkel waren wie geschlossene, schlafende Augen, das Herz seiner Frau schlug.

Er hatte gerade begonnen, eines der Tanzlieder zu brummeln, das er oben im Radio gehört und im Ohr behalten hatte, und ließ seine Lippen dabei scheppern, als er in die Zufahrt einbog, die von der Straße noch ein kurzes Stück bis zu seinem Anwesen führte. Als er über die Bohlen trat, die den Turbinenkanal zudeckten, bellte der Hund, der hier angekettet lag, begann aber, als er den Herrn erkannte, zu winseln.

»Hö, du Seeräuber!« rief Engelbert ihn an.

In diesem Augenblick gewahrte er, undeutlich im Zwielicht der Nacht, etwas an der Ecke des Hauses. Er hielt die Schritte an, um sicherer sehen zu können. Es näherte sich nicht, und er erkannte nicht, was es sein könnte.

Er ging rasch darauf zu, faßte hinein und griff in einen Menschenkörper. Erschrocken beugte er sich näher. Da erkannte er, daß es seine Frau war.

»Rosinel!« sagte er in einem vorwurfsvollen Ton. Aber er war furchtbar erschrocken. Er gedachte auch nicht, ihr weiter Vorwürfe zu machen. Um Gottes willen, nein, so unbegreiflich es auch war, daß sie, statt sich hinzulegen, hier auf ihn wartete.

Er sah eine helle Hand am Rohr der Dachtraufe und faßte nach ihr. Aber er vermochte nicht, sie von dem Eisen loszulösen.

Da schrie er: »Rosina! Rosina!« Er zerrte, grub seine Finger unter die der Hand, stemmte sie von dem Rohr, einen nach dem andern, und als er die Hand gelöst hatte, fiel sie spannungslos nieder und auf den Körper, der schwer und leblos ganz zu Boden sank.

Ambos jagte ihm mit den Händen nach, schlang die Arme um ihn, zerrte ihn hoch und trug ihn zur Haustür. Die Tür war offen. Er hob die Frau in den Flur hinein.

»Agath! Agath! Zenzi!« schrie er nach den Mägden, hastete mit seiner Last in den Armen nach dem Lichtschalter, und als die Birne leuchtete, sah er in ein lilienweißes Gesicht, das die Augen weit geöffnet hatte. Sie schauten verdreht ins Leere. Er trug ohne Überlegung die Frau in die große Stube und ließ sie auf das Sofa nieder.

Die Mägde kamen und begannen beim Anblick der Leblosen zu jammern.

»Zum Arzt! Rasch! Gleich!« schrie er sie an. »Rosinas ältere Schwester soll kommen. Gleich, gleich! …«

Erst als die Mädchen fort waren, sah Engelbert, daß seine Frau das Brautkleid und den alten Familienschmuck anhatte, und da wußte, er, daß etwas sich ereignet hatte, das nicht wieder gutzumachen war. Er kniete nieder und legte den Kopf und die Arme über die Tote und fühlte die letzte Wärme ihres Körpers langsam an seinem Gesicht und seinen Händen schwinden.

Der Arzt zog ihn fort.

»Was ist geschehen?« fragte er.

Ambos stand da und breitete mit spannungslos gespreizten Fingern die Arme aus. Er schüttelte hilflos den Kopf.

Der Arzt bückte sich über die Frau nieder. Er fühlte keinen Puls und keinen Herzschlag mehr. Er begann sie zu untersuchen und sah das Blut. Da richtete er sich wieder auf.

» Placenta praevia«, sagte er für sich und deckte sie wieder zu.

*

Man denkt nicht daran, daß man von einer alten Sitte abstehen könnte, auch wenn man, wie der Ambos Engelbert, das Realgymnasium besucht und in der Reuttermühle geherrscht und die Wiesen und die Waldstücke, die seit Jahrhunderten sich um sie gesammelt, zu verwalten gehabt hatte. Oder wenn man einen Saal hatte, in dem die Bilder alter Herren und Damen der Familie erhalten geblieben waren und einen Ursprung kündeten, zu dem die Brücke über manche Generationen erhalten geblieben war. Bauer ist Bauer, ob mit ein wenig Latein, ob ohne das, ob mit Ahnenbildern und Großgrundbesitz oder ohne solchen.

Deshalb fand der Leichenschmaus nach Rosinas Begräbnis im Gasthof zum Adler statt, so wie es in allen Bauernhäusern Sitte war. Nicht einmal der Gedanke war Engelbert gekommen, von diesem Brauch abzugehen. Von nah und fern sammelten sich nach dem Begräbnis und dem Gottesdienst Angehörige und Bekannte der Familie in den beiden Nebenzimmern um die langen, schmalen Tische, auf denen Flaschen mit Bier und Karaffen mit hellem Seewein und rotem Tiroler standen, und von den Töchtern der Witwe und von für den Tag angestellten Frauen die Gerichte aufgetragen wurden, wie sie üblich waren.

Bei gewöhnlichen Leuten waren das Bratwürste und Kartoffelsalat und Brot. Aber bei noblen, wie den Ambos', war es eine mit Butter fett gemachte und mit Nudeln gefüllte Rindssuppe, Bratwürste mit Kartoffelsalat, fetter und magerer Schweinsbraten mit mehreren Beilagen und eine dickteigige Apfeltorte und Kuchen.

Man aß in die Stunden hinein, und erst nach und nach mit dem Abgang der Nachmittagszüge lichtete sich die Reihe der Esser.

Unter ihnen war auch Juch. Ambos hatte ihn dabehalten, und Juch hatte sich nicht gesträubt.

Ambos fand den Nachhauseweg nicht von diesem Essen. Die Leere, die Rosina da unten in dem großen Haus der Reuttermühle gelassen hatte, war so kalt und so raumlos. Er hatte ein Grauen davor. Es überlief ihn, wenn er an sie dachte. Ja, diese Leere war zunächst die einzige Auswirkung des furchtbaren Ereignisses, der Katastrophe dieses unerwarteten Sterbens.

Die Verwandten fuhren heim, weil Engelbert in der Benommenheit vergaß, sie zum Übernachten einzuladen. Die Teilnehmer aus dem Dorf verabschiedeten sich, als es dunkel wurde, weil das schicklich war.

Und so saß schließlich Engelbert allein mit Juch am Tisch. An einem der Nebentische waren noch einige andere geblieben, von denen man gewohnt war, daß sie sich bei Gelegenheiten, wo auf die Duldsamkeit und Gutmütigkeit der Gastgeber zu zählen war, am Rand der Tische einfanden. Juch lehnte sie ab. Ambos duldete sie und ließ einen Liter Wein um den andern bringen.

Dieser Wein, der ihnen in Maßen und so ohne Kosten einging, regte sie zu lebhaften Äußerungen einer Lebensfreude an, die mit dem Anlaß, der sie hergelockt, wenig Übereinstimmung hatte. Aber sie saßen für sich und erzählten ihre Witze für sich, lärmten für sich.

Ja, nun schaltete einer das Rundfunkgerät ein. Aber da schoß die Witwe herbei und stellte es mit zornigem Gesicht ab.

»Was zuviel ist, ist zuviel!« sagte sie. »Aber für euch ist es jetzt Zeit. Packt euch!«

Einer maulte gegen sie: »Hier ist eine Wirtschaft und nicht mehr, offen für jedermann. Und solang' Herr Ambos …«

Weiter kam er nicht. Die Wirtin nahm sein Glas, das noch fast voll war, und goß es in die Stube.

»Marsch!« sagte sie. »Alle zusammen, wie ihr zusammengehört!«

Da tranken sie rasch aus, gingen, und Ambos war noch mit Juch allein. Sie waren beide betrunken. Ambos saß stumm da und stierte Juch an, ohne daß seine Augen ihn sicher trafen. Juch sprach ununterbrochen. Aber Ambos faßte nicht ein Wort auf von allem, was der andere sagte. Er hörte es nur wie ein mildes Trommeln in seinem Gemüt.

Die Wirtin kam zu ihnen. In demselben Augenblick, da sie an den Tisch trat, schlug es in der Kastenuhr Mitternacht.

»Bringt noch einen Liter, Wirtin!« sagte Juch.

Aber die Frau lehnte sich über den Tisch zu Ambos und sagte mit dem Bemühen, einen freundlichen Ton zu führen:

»Engelbert, es ist Zeit, daß Ihr geht!«

Da fröstelte es ihn. Aufbrechend schüttelte er sich. Die Zähne schlugen ihm aufeinander.

»Ihr müßt Euch jetzt daran gewöhnen, Engelbert. Es kommen noch viele Tage, an denen Euch kalt sein wird. Kommt!«

Sie schob mit einer steifen Kameradschaftlichkeit ihre Hand unter seinen Arm und nötigte ihn vom Stuhl. Aufrecht stehend, mußte er sich zuerst eine Weile am Tisch festhalten. Dann gewann er die Sicherheit über seine Beine.

»Dank Euch auch, Frau Tant!« stotterte er.

»Wozu? Es ist schad' um sie! Aber Ihr habt christlich und gut an ihr gehandelt. Das wird in Eurem Gewissen gebucht bleiben, und es wird Euch helfen.«

Juch begleitete Ambos ins Tal hinab. Er ging mit ihm ins Haus hinein, als sei das abgemacht worden. Es fiel Ambos auch nicht auf. Er stolperte zu dem Zimmer, in dem sein Schreibtisch stand, und drehte das Licht an. Juch trat mit ein und setzte sich auf das Sofa.

Wer ist dieser Mann, der dir hilft, die Leere dieses Hauses zu ertragen? fragte etwas in Ambos. Er kam zu keiner klaren Antwort. Er entsann sich auch nicht mehr genau, wie er mit ihm hergekommen war. Aber er hatte das Gefühl einer verbrüdernden Dankbarkeit, daß der da auf dem Sofa saß und mitgekommen war, um die Leere zu füllen, die ihm aus dem Hallen seiner Schritte in dem weitläufigen Hausflur so grausam ins Herz geschlagen war.

»D...Du hast da … a 'nen alten Schrei...eibtisch«, stotterte Juch. »Ist sehr schön. Ba...barock!«

»Willst ihn ha...haben?« sagte Ambos.

»Gib mir 'nen Schnaps«, antwortete Juch.

Ambos brachte aus dem eingebauten Eckschrank eine große Flasche. Es war Zwetschgenwasser drin, das er selber brannte. Sie tranken Schnaps. Sie sprachen dazu aneinander vorbei. Jeder Kopf ging seinen Weg, jeder Mund folgte ihm. Der von Engelbert schlich in weiten Kreisen um seine tote Frau. In einer Spirale näherte er sich ihr scheu, und immer in derselben Spirale ging er zuletzt wieder von ihr weg und wagte er nicht, sie mit den Händen zu fassen und aus dem zehrenden Brodem seines gequälten Gemüts vor den andern hinzustellen. Da ist sie, mein alles, und sie besteht nicht mehr! Was mach ich?

Juch sprach vom Krieg – endlose Geschichten. Eine gebar sich aus der andern, aus den Schützengräben und den Unterständen und aus den russischen Dörfern und von den russischen Frauen, die allein daheim geblieben waren und den Soldaten zu Willen waren, als ob sie nur deswegen in den Häuschen mit den großen, weiß gekalkten Lehmöfen sitzengeblieben wären.

Als das Wort »Frau« Engelberts Ohren öfter traf, begann er aufzupassen. Da hörte er, wie Juch folgende Geschichte erzählte:

»Da siehst du 'nen Mann! Ganz klar und ausgebildet in 'ner Uniform steht er da, mit farbigen Passepols, mitten in der Luft und dem Licht, und dann macht die Luft »pst« oder 'n bißchen stärker, und der Mann ist aus wie 'ne Seifenblase. Vielleicht winkt noch 'n umgedrehter Stumpen von 'ner Hand 'nen letzten Gruß aus dem Granatenloch im Boden … Das is 'n Hundedreck gegen die Geschicht' mit der Abortanlage. Die stand hinterm Grabenstück, in dem meine Kompanie lag, in der ersten Linie und zwischen ihr und der zweiten Grabenstellung, und vorn war sie offen, natürlich, man wollte was sehn, und man hockte sich auf der offenen Grube über 'nen Balken und legte die Arme vor sich über 'ne Stange, wegen der Bequemlichkeit. Man saß da wie Gott in Frankreich, und niemand konnte einem an 'n Hintern kieken, denn hinten war 'ne Bretterwand. Ein beliebter Aufenthalt. Es war ein bißchen Ruhr unter uns. Fünf Mann gingen nebeneinander auf einen Balken. Da haben die Russen in der Nacht mal 'nen überraschenden Angriff gemacht. Erst Feuer von drei Seiten, weil die Linie im Halbkreis vorgebaut war, und dann in unsern Graben 'rin mit'm Bajonett nach vorn, und wir retour in die zweite Stellung und gleich mit den Maschinengewehren reckreckreckreckreck … Da sind sie nicht mehr nachgekommen. Als es den nächsten Morgen helle geworden war, sahen wir, daß die Abortanlage jetzt mit der Hinterseite zu uns lag, und die Hinterwand war fort. Sonst stand noch alles. Nur die Hinterwand war von einer Streifgranate wegjefegt worden, von 'nem Versager, und auf'm Balken saßen wie immer fünf Mann. Wie wir noch im ersten Graben gewesen, haben wir sie immer von vorn gesehn. Nun sahen wir sie von hinten. Sie hatten die Arme bequem über die Stange gelegt, als wären sie gerade richtig bei der Arbeit, aber die Männer waren nur mehr halb da. Die hintere Seite fehlte. Und sie waren doch gerade wegen dieser Seite auf'n Balken gegangen. Das war schrecklich, sag ich dir. Und das haben wir siebzehn Tage jeden Tag anschaun müssen, denn der Russ' ließ niemanden von uns aus'm Graben, der Sauhund!«

»Waren sie tot?« fragte Ambos, der die Erzählung nicht ganz verstand.

»Tot!« sagte Juch. »Ja, tot waren sie wohl ganz.«

»Der Tod ist gemein!« schrie auf einmal Ambos und bekam einen Anfall von Raserei. Er war aufgesprungen und wollte auf Juch eindringen. In seinem Zustand vermischte er Juch und das Wort, das er aus dessen Mund gehört hatte.

Aber eine Übelkeit überfiel ihn. Da wandte er sich ab und stolperte in den Flur und durch die Tür, die offen geblieben war, in den Hof. Er torkelte an der Hausmauer entlang und wollte in die Wiese. Aber als seine Hand an das Rohr der Dachtraufe stieß, überkam es ihn mit einemmal, und er mußte den Wein von sich geben. Er krallte sich an dem' Rohr fest, und die Augen traten ihm, gelbe und blaue Ringe werfend, aus dem Kopf.

Als der Zustand vorüber war, erkannte er plötzlich, daß er an der Stelle stand, an der drei Nächte zuvor seine Frau gestorben war. Da war er mit einem Schlag nüchtern, ja gewaltsam überernüchtert, und die Raumlosigkeit, in die ihn Rosinas Tod gestürzt und aus der er sich herausgetrunken hatte, war wieder um ihn mit starrem Grauen, mit ihrer Ziel- und Zwecklosigkeit, mit dem Irrgarten ihrer Vergeblichkeiten.

Er ging in die Nacht hinein, über die Wiesen. Er sah über einem großen, alten Birnbaum einen Stern in einem besondern Leuchten.

Sie ist in diesem Stern, sagte er sich, und wenn ich mir für die Zukunft nicht vorstellen könnte, daß sie aus ihm heraus und hinab in die Nacht und mit ausgebreiteten Armen schwebend auf mich zuträte, vermöchte ich das Leben nicht mehr zu ertragen, so wäre es Schluß!

Er folgte der Biegung des Baches, der hier in einer tiefen Rinne floß. Die Wiese stieg am Ufer entlang zum Wehr hinauf. Er stand lange über dem Wehr und hörte den großen wilden Bach in das haushohe Loch hinabstürzen. Von der Stelle, an der er stand, war vor dreißig Jahren sein einziger älterer Bruder abgestürzt, und der Bach hatte ihn dort unten tot weitergetragen. Wohl aber kam von jenem Ereignis her das Grauen, das vor diesem Wasserloch Engelberts Gedanken anfiel. Noch heute, wenn er beim Forellenfischen im Bach unten an den Wasserfall kam, der über das Leben des Bruders zu gebieten gehabt hatte, schauerte ihn die Vorstellung von Untergang an, von blinder Heimtücke und gewalttätigem Geheimnis einer bösartigen Natur.

Zu seinen Füßen hörte er in dieser Nachtstunde, aus der er keinen Ausgang sah, den Sturz des Wassers und seinen Weiterlauf in einem brausenden, wild schreienden und stöhnenden Klagen. In der von Finsternis umfangenen Tiefe drängte das erregte Wasser zu dem großen Mysterium der Erde. Wasser kommt, man weiß nicht woher, es enteilt, man weiß nicht wohin. Es hat unselige Kräfte in sich, die mit einer blinden Gottgegebenheit, so oft sie wollen, die der Menschen brechen, und nur ein kleiner Teil dieser dämonischen Kräfte läßt sich von den Menschen einfangen und bändigen.

Die Erinnerungen und Engelberts Zustand ballten sich zu einer lastend drangvollen und schwarzen Melancholie zusammen. Sich auflösen in dem vom Geheimnis der Erde gespeisten Sturz zu der finstern Tiefe, wäre Erlösung. Keine große Gebärde wäre nötig, nur ein kleines, achtloses Danebentreten. Damit wäre es geschehen, nicht länger als einen Blutschlag lang bedürfte es der Entschlossenheit zum letzten.

Engelberts Augen haben sich an die Finsternis gewöhnt. Er steht an dem Winkel, an dem der Turbinenkanal abzweigt. Er sieht, in die Vorstellungen des Untergangs verstrickt, den Kanal leer. Er sieht das Wasser tief unter dem jetzt trockenen Einlauf haltlos über den vom letzten Hochwasser weggerissenen Kopf des Wehrs stürzen.

Weshalb hat er den Schaden nicht gleich wieder gutmachen lassen? Sich nicht gleich wieder in den Besitz der Kräfte des Baches gesetzt? Das versteht er in diesem Augenblick nicht. Hätte er es getan, so wäre dem Direktor in der Bank die Bemerkung über diese Nachlässigkeit nicht möglich gewesen. Vielleicht war gerade sie schuld an der Weigerung, sicher mit schuld …

Da ist er zurückgekehrt zu der Wirklichkeit, und inmitten der Qual um den Tod Rosinas fühlt er auch an diesem zerstörten Wehr den Sinn des Lebens, das den Menschen zum Kampf zwingt.

Er ging zum Haus zurück. Die Lichter brannten im Flur und in der Stube, in der er Juch zurückgelassen hatte. Die Tür zur Stube stand auf. Er sah hinein und erblickte Juch, der sich aufs Sofa hingestreckt hatte und schlief.

Er schaute ihn sinnend und traurig an. Was sucht er hier? fragte er sich. Er ist allein, er hat keine Frau und kein Haus. Ihm kann nichts vom Schicksal genommen werden. Was treibt ihn in dieses Haus, das so voll leerer Aussichtslosigkeit ist?

Ambos ließ ihn liegen und stieg zur Kammer hinauf, in der er seit der Nacht von Rosinas Tod schlief.

*

»Engelbert, keine Umstände«, sagte Juch am nächsten Morgen, »ich schlafe auf dem Sofa.«

»Ich hätte dir ein Bett in einer Kammer richten lassen sollen. Man denkt jetzt an nichts.«

»Ich bitt dich! Das Sofa ist ausgezeichnet. Manchmal hab' ich weniger weich gelegen in diesem Leben.«

Ambos hatte das Gefühl eines leichten, flüchtigen Glücks, daß Juch ihn nicht verließ in dieser Zeit. Sie waren zu einem Nachbardorf ins Wirtshaus gegangen und hatten zusammen getrunken.

Wie man sich mit einem Menschen täuschen kann, sagte sich Ambos. Ich hab immer gemeint, er sei ein Ding zwischen Hungerleider und Flibustier. Er fühlt mit mir. Ist ihm auch vielleicht einmal jemand fortgegangen, und erinnert er sich?

Er duldete nicht, daß Juch auf dem Sofa schlief, und ließ ihm durch Agath eine Gastkammer im zweiten Stockwerk richten. Er brachte ihn hin, als das Mädchen meldete, das Bett sei in Ordnung.

Ambos frühstückte allein am nächsten Morgen. »Juch sei früh aufgestanden und fortgegangen«, sagte die Agath, und Ambos fühlte sich unbehaglich und vermißte Juch. Dieses Gefühl wurde immer stärker.

Ich will ins Dorf hinauf, dann kann ich zum Halder gehen, lockte er sich, denn es ging ihm nicht um Halder, sondern um die Gegenwart Juchs. Und als er im Adler einen Schnaps getrunken hatte, nachdem er Juch dort nicht gefunden hatte, ging er zum Schmied und suchte einen Vorwand, etwas mit ihm zu besprechen, in der Hoffnung, Juch sei vielleicht in seinem Zimmer und komme herunter. Das geschah aber nicht.

Da verschob Ambos seinen Besuch bei Halder und kehrte rasch und geradeswegs zur Reuttermühle zurück. Von der Höhe aus sah er Leute am Bach in der Nähe des Wehrs. Auch ein Wagen stand dort in der Wiese. Ohne ins Haus einzukehren, ging Ambos zum Teich und den Turbinenkanal entlang zum Wehr, um nachzusehen, was dort los wäre.

Hier sah er Juch mit zweien seiner Knechte im Bach. Sie hatten das Wasser auf eine Seite geleitet und waren damit beschäftigt, auf dem jetzt trocken liegenden Wehrkopf der andern Seite eine Verschalung anzubringen. Ambos sah Bretter in der Wiese liegen, und auf den Wegen waren Papiersäcke mit Zement aufgestapelt. Der zweite Knecht schaufelte Kies aus dem Bett des abgeleiteten Baches.

»Juch!« rief Ambos erstaunt. »Was machst du?«

»Ho, das Wehr!«

Juch kam herauf.

»Das Wehr?« sagte Ambos betreten.

»Kann doch nicht so bleiben. Eine Turbine muß Wasser haben. Hier fließen Tausende von Pferdekräften 'nen Meter unterm Turbinenkanal in das Loch. Und das hat ja sowieso Wasser genug für das, was es für die Forellen drin zu leisten hat.«

»Aber hör, es wird ja nicht gesägt!«

»Dann ist es der Schein«, sagte Juch leise, »dem bist du auch was schuldig.«

»Und der Zement? Wo hast du den her?«

»Heut früh haben wir ihn beim Baumeister Gut geholt.«

»Er hat ihn dir gegeben?« fragte Ambos.

»Na ja, natürlich dir aufschreiben lassen.«

»Ja, ja, natürlich!« sagte Ambos und hatte das Gefühl einer Genugtuung über den Glauben, den er noch bei dem Baumeister besaß.

Juch arbeitete einige Tage, und die Knechte taten angespornt mit, ganz eifrig in dem Gedanken, daß er, den sie für einen Herrn hielten, neben ihnen so mit angriff.

Nach vier Tagen floß das Wasser wieder durch den Turbinenkanal.

»Wo hast du das gelernt?« fragte Ambos, als Juch ihn an das vollendete Wehr führte.

»Na doch, man ist manches in seinem Leben gewesen. Und wenn man vier Jahre im Schützengraben gelegen ist, so hat man auch manchmal so den Baumeister spielen müssen, es ging ja um die Haut, wenn man es überm Kopf nicht dicht hatte.«

Dann verschwand Juch einen Tag lang. Abends kam er zurück. Ambos sah ihn vom Bahnhof herabkommen. Er trug eine kleine Kiste auf der Schulter.

Hatte er seine Kleider darin? War er beim Schmied ausgezogen und wollte er jetzt wirklich ganz in der Reuttermühle bleiben? Wie dankbar war Ambos ihm dafür! Der Tag des Alleinseins hatte wieder alles frisch aufgewühlt. Er war in das Schlafzimmer gegangen, das er mit Rosina geteilt, und hatte ihr Bett gesehen. Ewig, ewig bleibt es jetzt leer! Der Schmerz hatte ihn darüber hergeworfen. Er hatte sich in die Kissen und Decken verkrampft, die ihren Körper, ihren blonden Kopf besessen hatten; er hatte geheult und sich das Herz zerrissen.

Der Briefträger hatte ein Schreiben des Finanzamtes gebracht, das ihn an die gestundeten Steuern mahnte und deren Erledigung oder Deckung verlangte.

Ach, er konnte ja kein Geld aus seinem zerrissenen Gemüt weinen. Und nun stürzten die beiden Gewalten ineinander gemischt über ihn her: der Verlust der Frau und die Drohung seiner zerrütteten Geldangelegenheiten.

Juch war ein Trost, der einzige. Aber als dieser die Kiste von der Schulter und unter den Arm nahm, sah Ambos, daß in diesem leichten Behälter wohl nicht seine Kleider sein konnten.

»Komm!« sagte Juch. »Ich war in Lindau.«

Ambos folgte ihm. Sie gingen in die Stube, in der der Schreibtisch stand, und Juch brach die Kiste auf. Er holte einen Rundfunkapparat heraus. Ambos schaute eine Weile stumm und erstaunt zu, wie er den Apparat herrichtete. Er hatte alles Notwendige mitgebracht, Draht für eine Zimmerantenne, Klammern, und er brachte die Antenne auch gleich an, indem er ununterbrochen dazu sprach und das Gerät mit begeisterten Worten bedachte.

Er war schon fast fertig, als Ambos erst die Fassung zu einer Bemerkung fand.

»Das ist doch teuer, das kostet doch Geld!«

»Hör mal«, antwortete ihm Juch, »du bist einesteils 'n großmütiger Mensch. Du behältst mich hier, gibst mir 'n Bett, Speisung und weißt, daß ich dir das niemals bezahlen kann. Und nun zeigst du dich daneben als solch 'n Korinthenkacker. Wie sollst du denn etwas vom Leben, von der Welt erfahren in diesem einsamen Loch ohne so 'n Apparat? Sag mal übrigens, daß ich's nicht vergeß, ich hab' ihn auf deine Rechnung schreiben lassen.«

»Auf meine Rechnung? Bei wem?«

»Beim Kindler.«

»Und du hast ihn bekommen? So ohne weiteres?«

»Natürlich. Es ist ein Jahr Garantie drauf.«

Ambos sagte nichts mehr. Aber Juch bemerkte noch in einem Ton des Vorwurfs: »Alle Menschen in Deutschland müßten jetzt ja eigentlich in Berlin leben. Da ist Fieber und Spannung. Da läßt's einem nie die Eingeweide einschlafen. Hier in allen Stuben der Bauernhäuser ist die Zeit abgestanden wie ein Glas Bier, das man bis zum Morgen hinterm Schenktisch vergessen hat. Nur so'n Gerät bringt einem noch die Atmosphäre. Man hört wenigstens noch mit dem Ohr, was das Leben eventuell sein könnte.«

Sie horchten ferner, fremder Musik zu, Vorträgen in vielen Sprachen und tranken viel Schnaps aus der großen Flasche, die in einen Korb gehüllt war.

Am nächsten Tag hörte Ambos, als er einmal zu den Ställen hinüberging, eine laute und erregte Stimme hinter dem Sägewerk. Er stieg auf die Hocheinfahrt zum Heuschober hinauf, von der man dorthin sah, und gewahrte Juch und den Schmied. Der Schmied hob eine Faust. Juch machte mit zwei Fingern eine weglöschende Bewegung, und es war, als ob sie die drohende Faust beschwöre, die niedersank. Ambos ging wieder.

Später kam Juch zu ihm in die Stube und sagte: »Mein Lieber, ich wollte 200 Meter haben, in echtem Papier abgemessen.«

»Unmöglich!« antwortete Ambos.

»Mach keinen Unsinn.«

»Ich hab' sie nicht.«

»In bar! Niemand hat heut 200 Mark in bar.«

»Also du siehst ja selber.«

»Aber die Holzstapel, die Reuttermühle. Zweihundert kannst du mit 'nem leichten Druck aus deiner Hose blasen.«

Ambos zögerte, ob er ihn nicht über seine Lage aufklären sollte. Eine Scham und die Angst, daß er ihn damit vielleicht verlieren könnte, daß er in die Unbarmherzigkeit der Vereinsamung und Leere zurückstürzen müßte, hinderte ihn daran.

»Ach, das ist so schwer«, sagte er nur. »Ich weiß nicht, ob … Ich will schauen.«

Juch zuckte einmal mit den Schultern: »Dann ist's auch gut so!«

In den nächsten Tagen verließ er die Reuttermühle kaum. Er stöberte durchs ganze Haus herum. In einer Kammer fand er ein Gestell mit Büchern. Darunter waren Engelberts alte Schulbücher, und Juch zog eine lateinische Grammatik heraus und nahm sie in seine Kammer mit. Er begann gleich die verschütteten Kenntnisse aus seiner Schulzeit aufzufrischen, lernte eine Fabel von Äsop auswendig, die zu syntaktischen Erläuterungen in dem Buch abgedruckt war, und als sie abends zusammensaßen, sagte er sie her.

»Was ist das?« fragte er.

»Latein«, antwortete Engelbert. Mehr wußte er nicht davon.

Das ist dasselbe, wenn einer im Zug oben vorbeifährt und man antwortet ihm auf die Frage, was ist das für eine schöne alte Mühle da unten? Europa! Natürlich ist eine Fabel von Äsop Latein.

»Also es ist eine Fabel von Äsop«, sagte Engelbert.

»Trinken wir noch einen.« Juch ließ das Rundfunkgerät an.

Aber das Latein ließ er bald wieder bleiben. Er nahm statt der Grammatik ein spanisches Wörterbuch mit. Von dem Latein sagte er: »Toter als tot! Wozu eine Leiche kitzeln!«

Er hatte schon auf der Schule spanisch gelernt und vor der Reise nach China in einem spanischen Dorf der Pyrenäen gelebt, wo er Entdeckungen alter Schätze zu machen gedachte. Er wollte die Kenntnisse auffrischen und die Wörter neu auswendig lernen. Dazu mußte er gehen, sonst wäre er eingeschlafen. Seine Kammer war aber zu klein dazu. Da suchte er nach einem größeren Raum, der sich dafür eignete.

So entdeckte er den »Saal«. Der Saal war ein großer Raum im ersten Stockwerk. Die Läden waren geschlossen. Als er einen öffnete, stellte er fest, daß die Fenster verstaubt waren. »Lang nicht mehr benutzt«, brummte er. Er sah den Raum fast leer. Nur schmale, lange und schmucklose Tische auf Böcken standen drin und an jedem Tisch zwei gehobelte Bänke. Bis vor dem Krieg war der Raum ab und zu bei Festlichkeiten benutzt worden, seitdem hatte man ihn kaum je geöffnet.

Aber Juch entdeckte plötzlich etwas. Die Wände waren mit einem bläulichen Weiß getüncht, und an ihnen hingen alte Gemälde. Es waren in Öl gemalte Bildnisse von Männern und Frauen in den Trachten vergangener Zeiten.

Juch pfiff durch die Zähne.

»Ahnengalerie!« sagte er. Er öffnete alle Läden und ging von Bild zu Bild.

»Ist nicht viel!« kritisierte er, bis er vor dem Porträt eines Mannes stand, der der älteste zu sein schien. Ein langes, dürres Gesicht mit einem schwarzen Bart schaute in einer geisterhaften Strenge und zornigen Würde aus einer Kruste von verdunkelten und durcheinander schillernden Farben heraus. Es war nicht viel zu erkennen. Juch hängte das Bild ab, untersuchte es und sah, daß es auf der Rückseite mit altem Tapetenpapier verklebt war. Er spuckte auf die Farben und wischte mit den Fingern darüber. Da wurden die Finger ganz schwarz, aber es kam auch etwas mehr von den Farben heraus, so daß er jetzt einen nassen Lappen holte und das Bild ein wenig reinigte. Unter dem bärtigen Gesicht erschien der Körper des Mannes in kerzengerader Haltung. Auf dem Kopf saß schief geschoben ein Topfhut mit schmalem Rand. An der rechten Seite des Hutes war eine weiße Federquaste. Eine dichte und enge Krause, ebenfalls von weißer Farbe, stieg hoch um den Bart an. Wo sie hinten endete, begann eine Goldkette über einen Pelzüberwurf sich abwärts zu runden. Es hing etwas an ihr. Davon aber wurden nur grüne Flecken deutlich.

Juch wusch weiter, jetzt aus einer Ecke heraus, und da wurde ein Gesicht sichtbar, das von einer hellen Kaneelfarbe war und Züge einer fremden Rasse trug. Es war ein barhäuptiger Indianer. Sein Gewand, das die Schultern nackt ließ, schien aus mehrfarbigen Papageienfedern zu bestehen.

Juch machte staunende Augen. Er hörte Schritte im Flur und hängte das Bild rasch an seine Stelle zurück. Er wartete, aber es kam niemand herein. Da schloß er die Läden. Als er in dem verdunkelten Zimmer an dem Bild vorbei zur Tür ging, warf er noch einen Blick drauf und sagte: »Konquistador! Zum Teufel, was bist du für einer? Wo kommst du her?«

Er verließ den Raum und war wie in etwas träumend Verlockendes eingefangen, ja, es kreisten ihm kleine, heiße Fieber im Blut herum.

»Ich bin in deine Ahnengalerie geraten«, sagte er Engelbert nachher. »Was sind das für Herrschaften?«

»Ja, es sind Bilder aus der Familie. Nur ein Teil. Die andern sind bei den Brüdern meines Vaters geblieben. In Memmingen. Da kommt die Familie her. Die Reuttermühle war nur der Landsitz. Noch der Großvater hat in der Stadt gewohnt.«

»Und der alte Don, der in der Mitte, mit dem schwarzen Bart?«

»Auch einer.«

»Der Stammvater, was? Er hat die Tracht aus'm ersten Drittel des 16. Jahrhunderts.«

»Da kennst du dich auch aus?«

»Wenn man einmal Schneider bei einer Theatertruppe im Krieg war! Weiß man, wer es ist?«

»Vielleicht wußte es der Vater. Oder die Onkel. Es wurde manchmal darüber gesprochen, wenn sie oben im Saal alle beisammen waren. Aber ich war noch ein Bub. Ich hab's nicht so behalten. Ich glaube, er war in Südamerika dabei gewesen, als dort etwas entdeckt wurde vor dreihundert Jahren oder so.«

»Vierhundert!« verbesserte Juch. »Na ja. Da weiß man's halt nicht. Aber es scheint, daß du von Leuten stammst, die nicht ohne waren.«

Es wurde nicht mehr darüber gesprochen, denn als in diesem Augenblick Ambos durchs Fenster die Wiesen hinanschaute, sah er im Weg einen Mann herabkommen, der eine große Ähnlichkeit mit dem Halder zu haben schien.

Auf einmal hatte Ambos etwas Dringliches in Ruhlands zu tun.

»Ich geh mit«, sagte Juch.

Da Ambos ja nicht wußte, was er in Ruhlands zu tun hatte, kam er in eine Verlegenheit. Und da er auch gleich in heftige Selbstvorwürfe über seine Feigheit gegen den Halder geriet, ward aus der Verlegenheit ein solcher Zwiespalt, daß er sich nicht ja und nicht nein zu sagen getraute und wie kopflos das Haus durch den Garten verließ, gefolgt von Juch. Die mit Ruhlands vorgegebene Sache ließ er im Ungewissen.

Ambos hastete geradeaus durch die Obstwiese zum Bach. Sie rutschten am Ufer hinab. Seitdem das Wehr wieder hergestellt war, floß hier nur eine schmale Rinne, die sich mit Hilfe von Steinen überspringen ließ. Jenseits kamen sie dann gleich in den Fußweg, der durch den Wald schräg in die Höhe führte.

»Der Pfad ist näher als die Straße«, entschuldigte sich Ambos, und Juch, der wußte, daß das nicht stimmte, hieb in die Kerbe und führte ihn oben noch einmal weiter ab, indem er sagte:

»Und dieser Pfad schlägt den Rekord der Nähe Ruhlands.«

Ambos antwortete nicht und folgte. Sie gingen jetzt überhaupt nicht mehr auf Ruhlands zu, sondern an der alten, seit Jahren still stehenden Ziegelei vorbei in den Wald, der den Kamm des südlichen Hügelzugs vor dem Pfänder bedeckte.

Juch deutete auf die in Verfall geratenen Gebäude.

»Umarbeiten in eine Konservenfabrik. Der Lehm im Boden war nichts für Ziegel. Aber er ist ausgezeichnet für Beerenpflanzungen«, warf er so nebenhin.

»Was er schon wieder weiß«, sagte Engelbert. Dann wandten sich seine Gedanken, und er fragte Juch plötzlich: »Bist dem Schmied Geld schuldig? Die zweihundert Mark?«

Aber Juch antwortete zweideutig: »Wie man's nimmt.«

Zugleich zeigte er mit dem Arm über eine Bodenwelle hin, die unter dem Baumwuchs sich deutlich abzeichnete und ein Stück weiter in einem fast gradlinigen Winkel abbog.

»Eine alte keltische Befestigung!«

»Woher weißt du das?« fragte Engelbert.

»Wenn wir da vorn im Wald auf die Landstraße kommen, da steht das Wirtshaus zum Scheidegg, das mit 'ner Benzinpumpe. Kennste es? Vielleicht hast mal Benzin da genommen?«

»Ja, ich kenne es, aber ich war nie drin«, antwortete Engelbert.

»Aber ich, da ich mal was mit einem von den Mädeln gehabt hab' und immer hier auf sie gewartet hab'. Da hat man Zeit genug, das herauszufinden.«

»Er kennt meine Heimat besser als ich«, sagte sich Engelbert bewundernd und zugleich ein wenig gereizt. Er war schon oft da 'rübergekommen wegen des Waldstückes, das er in der Nähe besaß, aber es war ihm nie was Besonderes aufgefallen.

»Hast du das nicht gewußt?« fragte jetzt Juch.

Und als Engelbert nein sagte, meinte der andere: »Na ja, man muß den Kopf grade drauf haben! Wir gehn zu den Mädels 'rein, wie?«

Die Wirtschaft sah etwas gewöhnlich aus. Ein schwarzes Mädchen stand in der Stube und begrüßte sie.

»Ah, grüß Gott, das Schulmeisterbräutchen!« rief Juch und klopfte es zum Gruß auf die Backen.

»Nichts da!« sagte das Mädchen und schlug nach ihm.

»Es geht schlecht, wie?« sagte Juch.

»Warum schlecht? – Na!« rief das Mädchen und fragte gleich sachlich: »Und was wünschen die Herren zu trinken?«

»Du weißt ja.«

Sie ging, und zugleich kam ihre Schwester herein, die älter war.

»Und hier naht Fräulein Serafina«, sagte Juch. »Die Namen sind nicht von mir. Der Vater verbrachte Jahre damit, mit 'ner Brille und Gründlichkeit aus exotischen Kalendern die ulkigsten Namen für seine Töchter herauszusuchen.«

Er wandte sich zu dem Mädchen zurück: »Herr Ambos weiß nicht, daß du die Benzinprinzessin von Scheidegg bist, weil er sich nie Benzin bei dir pumpen ließ.«

»Man wird im Rang erhöht von Herrn Juch«, sagte das Mädchen.

Dann setzten sich die Mädchen mit hin und tranken gierig von dem roten Wein. Ein Liter um den andern kam. Ein altes Grammophon spielte scheppernde, krächzende Platten. Serafine saß mit Juch auf der einen Tischseite, Ambrosia hatte ihren Stuhl neben Ambos gestellt.

Engelbert ward in dieser Umgebung von dem Gefühl eitler Reue heimgesucht, die ihn mit einer schmerzvollen Traurigkeit marterte. Das Mädchen dürfte nicht neben ihm sitzen. Es war nicht an dem. Er mußte allein sein, einsam den Bildern nachgehen können, die sich aus seinem Innern drangvoll und mahnend vorkehrten. Auch Juch …

Juch wollte jetzt mit Ambrosia tanzen. Aber die Schwester zog ihn, als sie die Absicht sah, um den Tisch zurück und tanzte selber mit ihm. Ambrosia warf heimlich einen Seitenblick auf Ambos.

»So'n Depp!« sagte sie für sich. »Scheint, hat's Maul zugeklebt.«

Ambos fühlte, wie eine Müdigkeit in ihm aufstieg. Nichts rundum hatte das geringste mit den Dingen in seinem Innern gemein. Weshalb saß das Mädchen da neben ihm, der allein sein wollte? Die lauten Worte Juchs, die ihn anfangs reizten, klangen wie hinter Holzwänden. Jetzt tanzte Juch mit Ambrosia. Engelbert hatte nicht einmal gesehen, daß sie vom Stuhl neben ihm aufgestanden war. Die Schwester schaute gradaus und mit einem unfreundlichen Gesicht richtungslos zwischen die Tanzenden. Die kratzend lärmende Platte behämmerte noch sein Ohr, aber wie mit stoffumwickelten Lauten. Einmal richtete er sich noch gewaltsam auf, und der Lärm floß über ihn wie ein plötzlich losstrudelnder Sturz von Geräuschen, aber der Sturz war noch nicht verflossen, als Engelbert sanft entführt und von der spannungslosen und lästigen Gegenwart erlöst wurde. Er war eingeschlafen.

»Auf nach Ruhlands!« hörte er einmal die Stimme Juchs. Er fühlte dessen Hände sanft auf seiner Schulter, schreckte auf, erwachte ganz, und Juch sagte:

»Du bist müde. Wir wollen gehn!«

Die Stimme war mild anzuhören. Ambos erhob sich, und als sie durch die Finsternis stumm nebeneinander hingingen, war Engelberts Herz wieder auf einem Ton mit Juch und glücklich, seine Gegenwart zu besitzen. Sie war ihm eine Brücke über die Leere, die rechts und links vom Weg und am Ende des Weges nach ihm zielte.

*

Der nächste Tag war ein Sonntag. Engelbert ging stets in die Messe des Sonntags. Vor vierzehn Tagen war Rosina noch mitgegangen. Heute ging er allein. Er hatte sich lang gegen den Gang gesträubt, denn er würde auf Halder stoßen, sich ihm stellen müssen. Dann war gerade das die Ursache geworden, aus der er sich zum Kirchgang entschloß. Er hatte sich die Begegnung auferlegt.

Sonst hatte er oben im Dorf Rosina vorgehen lassen und war erst nach der Predigt gekommen. Es standen hier und dort im Dorf Männer herum, die es ebenso hielten und mit denen man was zu schwätzen hatte. Heute war es auch so.

Der Schmied hielt ihn an. »Euer Verwalter«, begann er.

»Mein Verwalter?« fragte Ambos erstaunt. »Wer soll das sein?«

»Euer Verwalter! Hoi, der Juch.«

»So!« sagte Ambos, »und was ist mit ihm?«

»Was mit ihm ist«, polterte der Schmied los, »Geld ist er mir schuldig, und ich verlier jetzt die Geduld, bevor ich die 175 Mark verlieren will. Ich werde sein Gehalt bei Euch pfänden lassen.«

»Da schaut nicht viel heraus!« antwortete Ambos.

»Das wollen wir dann schon sehn«, schrie der Schmied jähzornig.

Sie waren nun am Friedhof angekommen, und es war nicht mehr schicklich, über weltliche Dinge zu reden. Sie zogen den Hut und stellten sich unter die Schar der Männer, die in der Tür standen.

Als die Messe aus war, wartete Ambos auf den Bürgermeister.

»Bist mir durchgebrannt gestern, Malefizbub!« rief der ihn an. »Ich sah dich in den Baumwuchs gehn und dachte mir: kannst den Rest Weg sparen. Wie ist's nun? Du hättest schon lange kommen können.«

»Bürgermeister«, sagte Ambos, »könnt Ihr mir noch Zeit lassen?«

»Zeit?« machte Halder gedehnt. »Zeit ist Geld, heißt ein Sprichwort im Englischen, glaub' ich. Aber da ist wohl eine andere Zeit mit gemeint. Wie?«

»Wahrscheinlich«, antwortete Engelbert.

»Wir haben bald die Generalversammlung. Für die muß es in Ordnung sein. Denen da muß ich klipp und klar sagen können: die 14 000 vom Ambos Engelbert sind sicher. Wir haben da jetzt so eine dreckige Geschichte im Verein mit den 18 000 Mark, die der Maier aufgenommen hat gegen eine Schuldverschreibung auf ein Haus in Mecklenburg. Es könnte für uns ebensogut auf dem Nordpol liegen. Denn als wir die Forderung anmeldeten, stellte sich heraus, daß es schon vor einem halben Jahr für 6000 Mark verkauft worden ist. Da sind ja auch noch andere –. Du weißt, man hatte bisher eine zu leichte Hand mit dem Kreditgeben. Also wir möchten von solchen Geschäften nicht noch mehr am Hals hängen haben.«

»Ich geb mir alle Mühe«, sagte Engelbert.

*

In den nächsten Tagen kam es zu einigen kleinen Bretterverkäufen. Ein Zimmermann oder ein Bauer fuhr mit einem Wagen vor, und er nahm einen Stoß mit, manchmal aber auch nur zwei oder drei Bretter, und es wurde nicht immer bar bezahlt. Die Einnahmen reichten knapp für den täglichen Lauf des Haushalts. Ein Knecht und die zweite Magd wurden gekündigt. Um den Lohn der andern zu zahlen, wurden zwei Jungtiere verkauft, obgleich sie noch nicht im vollen Gewicht waren und besser als Zucht- denn als Schlachttiere hätten verkauft werden können, wenn man Zeit gehabt hätte zu warten. Ambos hatte schon öfter in diese bis zuletzt aufgesparte Reserve greifen müssen. Er tat es jedesmal mit dem Gefühl, etwas Katastrophenhaftes zu begehen.

Wie an schweren Gewichten hingen ihm nachts Schlaf und Träume in einem mastigen Boden von Unrast. Sie konnten sich nicht befreien. Sie waren mit den Füßen angewachsen, aber in ewigen Wiederholungen versuchten sie sich nach oben zu befreien und verwehten. Immer wieder, als erzeugende Masse neuer schwärender Brut, stand das Durcheinander von drohenden Geldforderungen und die Unmöglichkeit vor Ambos, sich von ihrem Eindringen in seinen Kopf und seine Vorstellungen zu befreien, seine Zukunft vor ihnen sicherzustellen.

In dieser Zeit traf er einmal einen Mann aus Kempten, mit dem er vor Jahren einen Holzhandel abgeschlossen und den er dann nicht wiedergesehen hatte. Er saß im Zug ihm gegenüber und grüßte ihn. Der andere schien ihn nicht zu erkennen, und als Engelbert seinen Namen nannte, sagte der andere:

»Sie sehen aus, als seien Sie Ihr eigener Vater. Sie hätte ich nicht wiedererkannt, wenn Sie den Namen nicht gesagt hätten.«

Eines Tages bekam er einen Brief, in dem ein ihm Unbekannter aus Augsburg schrieb, wenn er Geld nötig habe, möchte er sich vertrauensvoll an ihn wenden.

Da war ein Schein von Hoffnung. Engelbert bat um nähere Mitteilungen, und dann kam ein etwas windig aussehender, unsolide gekleideter Mann und rühmte sich über seine Beziehungen zu geldkräftigen Leuten, die keinen andern Wunsch hätten, als Geld auszuleihen.

Angesicht in Angesicht mit dem Geschwätzigen ging Ambos ein Licht auf, und das andere Licht der Hoffnung, von dieser Seite Geld zu bekommen, verlosch. Denn bei diesen Gewährsleuten, die so gern ihr Geld hergaben, konnte es sich nur um Wucherer handeln.

Aber es handelte sich nicht einmal um Wucherer, wie sich im Weiterverlauf des Besuchs herausstellte, sondern nur darum, daß, um die notwendigen Schritte zur Aufnahme von Geld einzuleiten, eine Gebühr oder ein Vorschuß auf die Provision zu entrichten sei.

»Ich habe mich mit Ihnen eingelassen, um Geld zu bekommen. Jetzt verlangen Sie welches«, sagte Ambos.

»In dieser Zeit Geld zu beschaffen«, antwortete der andere, »ist keine so einfache Sache. Das werden Sie wohl schon erfahren haben, und das muß man sich etwas kosten lassen. Aus nichts kann man nichts machen und nicht mehr.«

»Grade deshalb verzichte ich auf Ihre Dienste«, sagte ihm Ambos.

Das tat dem Augsburger leid. Seine Auslagen für die Fahrkarte betrügen 18 Mark und 15 Mark Zeitversäumnis, mache 33 Mark. Seinen Verzehr zahle er selber.

Genau so wie mit dem Verzehr, antwortete ihm Ambos, möchte er es mit der Fahrkarte und Zeitversäumnis machen, denn er, Ambos, habe ihm die Reise her sowenig angeschafft wie das Paar Bratwürste, das er vielleicht essen wolle.

Nun erregte sich der Agent. Er besitze einen Brief von ihm, und den könne er dem Gericht vorlegen …

»Das nicht mehr draus liest, als drin steht, nämlich: ich bitte um nähere Angaben.«

Das werde sich schon finden! schrie der andere.

»Hier wird nicht geschrien«, sagte Ambos, »sondern gegangen.« Er zeigte auf die Tür.

»Wenn man schon mit verhungerten Bauern …«, begann der andere wieder.

Aber da stand Ambos auf, öffnete die Tür und trat drohend auf den Agenten zu. Der zog es vor, zu gehen und entfernte sich maulend durch den Flur.

Als Ambos hinter ihm die Tür wieder geschlossen hatte, begann ihn die Frage zu quälen: Woher hat er deine Adresse? Woher weiß er, daß du Geld brauchst? Woher wußte es der Güterhändler, der als der erste Bote der Geier gekommen war, daß es schlecht um ihn und seinen Besitz stand? Roch denn die Reuttermühle schon ins Land hinein, bis Kempten, bis Augsburg?

Es klopfte. Die Tür ging auf, und zwei Männer blieben in ihr stehen – und Juch stand hinter ihnen. Sie verhielten sich zögernd, aber mit einer steifen Beharrlichkeit. Ambos grüßte sie und schaute zwischen Juch und ihnen unentschlossen hin und her. Er wußte, worum sie kamen. Sie wollten Geld haben. Sie hatten in den Flauschjoppen Rechnungen, die lang fällig waren. Der eine war der Sattler, der andere der Wagner.

»Tretet näher«, sagte Ambos, mit einem neuen Blick auf Juch. Der ging nicht. War er begriffsstutzig mit einemmal? Um nichts in der Welt wollte Ambos Juch als Zeugen für die Auseinandersetzung haben, die jetzt kommen würde. Er, gerade er, durfte nicht hinter die Wand sehen. In einer heimlichen Falte seines Innern bangte es Engelbert, er könnte Juch verlieren, wenn der sähe, wie alles hier ausgeronnen war.

Juch begann einen Plauder mit den beiden, die er kannte, aber plötzlich ging er dann.

»Wir müssen heute unser Geld bekommen«, platzte der Sattler heraus, kaum daß sich die Tür hinter Juch geschlossen hatte. Sie hatten beide auf einmal ihre Zettel in der Hand.

»Grade heute geht es bei mir gar nicht«, antwortete Ambos. »Ich hab' nichts da.«

Der Sattler polterte los: »Heut nicht und vor vierzehn Tagen nicht und in acht Tagen nicht. Wir müssen auch unsere Rechnungen zahlen und die Lieferanten und die Waren. Wir können nicht länger warten. Wir wollen nicht länger uns immer fortschicken lassen und vertrösten. Wir müssen endlich unser Geld haben.«

»Ich hab' keins«, sagte Ambos kleinlaut und beklommen. Er sah nicht, wie der Konflikt, den die beiden so unerwartet in die Stube gebracht hatten, zu lösen und zu Ende zu führen sei. Und dazu wußte er, daß noch eine Reihe anderer warteten und diesen folgen würden, vielleicht schon auf dem Weg vom Dorf herab seien, Boten vor dem Sturm. Es waren geringe Summen, aber wenn man achtzig oder hundertzehn Mark nicht hat, kann man sie ebensowenig zahlen wie vierzehntausend …

»Ich muß Holz kaufen und bar zahlen«, sagte der Wagner da hinein.

War das nicht eine Rettung?

Ambos zeigte zum Fenster hinaus: »Da liegt Holz. Genug.«

»Was tu ich mit Holz«, schrie der Sattler. »Aus Holz kann ich keine Stränge und Gurten machen.«

Aber der Wagner fragte: »Ist Eschenholz dabei?«

»Ja«, antwortete Ambos. »Ich schlage euch vor, nehmt Holz für die beiden Rechnungen und macht es untereinander ab.«

Die zwei besprachen den Fall für sich und sagten schließlich ja. Ambos ging mit ihnen zu den Holzlagern. Eschen waren nur in Stämmen da. Doch so konnte der Wagner bestimmen, wie es für seinen Gebrauch gesägt werden sollte. Dann entstand noch ein Feilschen über den Preis, das kein Ende nahm, bis Ambos nachgab. Das Holz wurde in Gegenwart des Wagners auf den Schlitten gelegt, und bald kreischte der Singsang der Sägeblätter durch das Anwesen.

Juch ließ sich durch dieses ungewohnte Lied herbeilocken. »Hoi!« sagte er, »die Wirtschaft wird angekurbelt. Sieh da, ein Auftrag!«

Aber nach vier Stunden stand die Säge wieder still, und der Gesang von Arbeit und Zukunft war wieder verstummt.

»Ein Glück, daß wir das Wehr hergerichtet haben«, bemerkte abends Juch.

Ambos schaute ihn scheel an. Da hatte er nun gemeint, diese Lösung, die Rechnungen mit Holz zu begleichen, käme ganz allein aus seinem eigenen Einfall. Auch jetzt stand wieder Juch da. Ohne Wehr hätten die Stämme nicht gesägt werden können. Im heimlichen Untergrund, in einer Falte seines Gemüts, die er zu verbergen trachtete, hob sich eine leise Welle von Unbehagen und Widerstand gegen seinen Freund. Doch vorherrschend blieb das Gefühl, er sei einer Katastrophe aus dem Weg gegangen, denn was hätte er getan, wenn die andern darauf bestanden hätten, mit Geld bezahlt zu werden, das er nicht hatte und sich nicht hätte beschaffen können?

Der Briefträger am nächsten Morgen sagte: »Vom Amtsgericht!« und hielt eine Postsache hin, aus der er einen Streifen löste. Ambos erschrak so heftig, daß er eine Zeitlang unfähig war, den Umschlag zu öffnen. Als er sich endlich bemeisterte, zitterten seine Finger. Er las eine fett gedruckte Überschrift: »Pfändungs- und Überweisungs-Beschluß.«

Er mußte vor einer Schwäche die Augen schließen. Bei ihm wurde gepfändet. Der Anfang war da, der Abrutsch in die Tiefe begann.

Erst nach einer Weile rang er sich die Fassung ab, dem, was das Schreiben androhte, ins Gesicht zu schauen. Er las:

»Nach dem vollstreckbaren Beschluß des Amtsgerichts Lindau steht dem Gläubiger Leite, Xaver, Schmied in Mariathann …«

»Was heißt das?« unterbrach Ambos das Lesen. Mit erbosten Augen las er weiter. Aber der Zorn gerann rasch in ein Lächeln, denn das Schriftstück fuhr fort:

» … gegen den Schuldner Juch, Thomas, Agent, Mariathann, ein Anspruch zu auf 175 Reichsmark. Wegen dieses Anspruchs auf 175 Reichsmark wird die angebliche Forderung dem Schuldner Juch, Thomas, aus seinem Einkommen als Verwalter bei Ambos, Engelbert, Reuttermühle, auf Höhe vorseitigen Betrages gepfändet!«

Das war kein schlechter Witz! Den Schmied glauben machen, er sei Verwalter in der Reuttermühle, um den ungeduldigen Mahner zu beruhigen. Ambos fühlt sich von dieser Verkettung recht erheitert. Er wird Juch ordentlich frozzeln.

Aber wenn er gewußt hätte, was sich im Gefolge einer zweiten Postsache gegen ihn vorbereitete, die er zunächst über dem amtlichen Stempel der ersten übersehen, wäre er nicht zu der guten Laune gekommen. Wohl lag in diesem Brief nur eine Rechnung über 63 Mark, ausgestellt über eine Batterie, die Ambos vor vielen Monaten bei einem Agenten mehr aus Mitleid gekauft hatte. Der Rechnung aber war die Bemerkung beigefügt, der Agent komme im Laufe des Nachmittags das Geld selber holen, da er in Mariathann sowieso zu tun habe.

Der Mann kam auch und bekam sein Geld nicht, und damit fing es an. Mit dieser geringen Tatsache, daß Ambos 63 Mark nicht bezahlen konnte, einer Tatsache, die Millionen Menschen nicht stärker gespürt hätten als den Druck eines nachbarlichen Ellbogens in der Bahn oder in einer Versammlung, war der Schlag eingeleitet, der Engelbert hinwarf.

Denn dieser Mann, der durch die kleinen Agenturgeschäfte, die er betrieb, viel unter den Leuten herumkam, wurde von der Bank, bei der Ambos die Schulden hatte, zum Einholen von Auskünften über ländliche Kunden benutzt.

Dieser Mann hatte nachmittags in der Bank in Lindau zu tun.

»Und was gibt's Neues?« fragte der Direktor.

»Daß die Geschäfte noch schlechter gehn«, scherzte der andere.

»Wieso, haben Sie auf dem Gebiet eine Erfahrung gemacht?«

»Nur so im allgemeinen!«

»Und was im besondern?« bestand der Direktor, der wußte, daß man den Leuten der Gegend ihre Kenntnisse herauskratzen mußte, daß sie nur ungern aus sich selber heraus sie losließen.

»Na, nicht grad was Besonderes! Man bekommt kein Geld ein. Ich hab' da zum Beispiel seit Monaten schon auf der Reuttermühle 63 Mark einzukassieren. Ich hab' Ambos geschrieben, ich komme sie holen, damit er sie vorbereiten könne. Und selbst ein so wohlhabender Mann hat keine 63 Mark.«

»Wann war das?«

»Heute.«

»Was sagen die Leute über die Reuttermühle?« fragte der Direktor weiter.

Aber der Agent erkannte, daß der Schuß saß. Er wußte weiter nichts anderes, und die Leute reden viel, wenn der Tag lang ist, und Ambos habe sich jetzt einen Verwalter zugelegt. Also …

Zu dem Eindruck, den der Bankdirektor von dem kürzlichen Besuch des Ambos, von dessen Lage gewonnen hatte, kam die Folgerung, die aus dieser Mitteilung zu ziehen war. Er beschloß, Ambos den Kredit und die Hypothek zu kündigen.

*

Ambos hatte eine Lehre aus den Besuchen von heute und von gestern gezogen. Er mußte danach trachten, daß er wenigstens mit solchen Anhängseln nicht mehr überrascht werden konnte, wie es gestern und heute geschehen war. Er mußte vorsorgen, wenigstens eine Summe immer bereit haben, um kleine Posten decken oder wichtigeren Gläubigern, die sich ungeduldig erwiesen, Anzahlungen machen zu können.

Er ging seine Aktiven durch: Stall und Sägewerk. Der Stall war schon gelichtet, und ein Verkauf von Milch und Vieh stopfte wohl ein Loch, aber durch eine Verminderung der Einnahmen wurden zugleich neue Löcher aufgerissen.

Der Holzvorrat war nicht zu verwerten, weder der versägte noch die Blöcke, denn es wurde nicht gebaut. Einen Teil hatte er einem Gläubiger überantwortet. Welche Möglichkeiten hatte er, den andern zu verwerten? Keine. Er fand keine und konnte keine erfinden. Der einzige Weg wäre eine Versteigerung gewesen, und davor schreckten ihn die Beispiele ringsum ab, da es auf allen Versteigerungen, einerlei ob es um bewegliches Gut oder Liegenschaften ging, seit einiger Zeit zu Unterangeboten kam, die geradezu etwas sportmäßig Rekordhaftes anzunehmen schienen. Auch konnte solch eine Versteigerung, durch die moralische Wirkung, wie ein Schuß nach hinten sich auswirken und die Lawine lösen, die Ambos über sich warten fühlte. Dann käme alles auf einmal. Die Bank, das Finanzamt, das Forstamt, die Genossenschaft, die Holzlieferanten und die Mappe voll von Rechnungen zwischen 15 und 150 Mark. Die Dienstleute entliefen … Juch! Juch, was würde der tun?

Da kamen seine Gedanken mit einem Ruck auf etwas anderes, was er noch besaß, auf den alten Schmuck, der in dem eingelegten Kasten in der Eisenkassette lag.

Bisher hatte die Weihe von Alter und Überkommen, die in diesen Familienstücken schlief, sie nie in den Kreis von Gegenständen gelangen lassen, deren Wert man in irgendeiner Valuta auszudrücken in der Lage war. Sie gehörten zum Glauben der Familie. Sie bargen den Geist, der diese über die Zeit fruchtbar und ehrwürdig erhielt. Sie waren jeder Andersgläubigkeit entrückt in diesem geweihten Geist, der sie heiligte.

Die bösen Kräfte der Zeit zwangen Ambos jetzt, sie aus ihrer Unantastbarkeit heraus in die Berechnung seiner Möglichkeiten zu stellen. Was waren sie wert, wenn seine Lage ihm den Entschluß abzwingen würde, sie herzugeben? Kam es dann nicht vielleicht auf, daß ihr einziger Wert nur das Geheimnis des Familienglaubens war? Jetzt dachte er an sie, wie an den Besitz eines Lotterieloses in dem Augenblick der Ziehung. Die Möglichkeit eines Wertes von Hunderttausenden lag in jedem Los, und mit dem Augenblick, in dem der letzte Gewinn gezogen war, waren sie nur mehr Papier.

Sind seine Schmuckstücke vielleicht auch nur Wünsche, keine Wirklichkeit?

Aber er geht hinauf zu dem eingelegten Schrank. Er will ihnen nahe sein, sie anfassen können. Er dreht den Schlüssel der Zimmertür hinter sich um. Er will ungestört mit ihnen bleiben. Er nimmt die Stücke aus der Eisenkassette und legt sie auf das Tischchen. Die Tote hatte sie auf dasselbe Tischchen gelegt. Er wußte das, denn nachher fand er noch einige darauf, die sie nicht angesteckt hatte. Er nimmt Stück für Stück in seine Hand. Er belegt sie mit Summen: jedes in die Hunderte von Mark. Mit Träumen: jedes in die Tausende von Mark. Er zählt zusammen und wägt in einem zwischen Lust und Zweifel schaukelnden Spiel die Summen gegeneinander, die Wahrscheinlichkeit der zwei, drei, vier Nullen.

Es verursachte ihm eine geistige Pein, daß er sich jetzt an den Witz erinnerte, den jemand einmal in seiner Gegenwart mit einem Bittsteller gemacht hatte. Der hatte angedeutet, er brauche Geld. Da hatte der andere forsch hingesagt: »Sie sind mir gut für bis vier Nullen!«

Und als der Bittsteller dann freudig darauf einging und sagte: »Ja, soviel wolle er nicht«, antwortete der andere: »Aber ich hab' nichts von einer Ziffer vor den Nullen gesagt!«

So war das jetzt mit dem Gold und den Steinen. Er konnte Null hinter Null bauen, aber was für eine wirkliche Ziffer es davor gab, das vermochte Ambos nicht zu bestimmen, denn er hatte keinen Begriff von der Echtheit und keinen vom Wert der Steine.

Das ist echtes Gold! Sicher. Das sah er wohl. Aber wieviel Goldgewicht brauchte es, daß es ihn retten könnte? Und sind das aber auch echte Brillanten oder Perlen? Und die grünen Steine an dem Kreuz? War das echt? War das Glas? Wohl hatte dieses Kreuz gerade in der Familie stets als etwas Besonderes gegolten. Ja, es hatte sich bei ihm die Erinnerung an Gespräche über irgendeinen Zusammenhang mit dem Ritter auf dem Bild im Saal nebenan erhalten. Doch es war die Frage, ob die Bedeutung über das hinausreichte, was Glauben und Geist der Familie hineinlegten … Und Glauben und Geist der Familie allein konnten keine 14 000 Mark in die Kasse der Genossenschaft zaubern.

Und wenn er Juch die Stücke zeigte? Der versteht von allem etwas, gewiß wußte er auch darüber Bescheid.

Doch nun trat die Angst auf, eine enttäuschende Antwort zu bekommen, und dann wäre er den Glauben an die Weihe der Stücke los und seinen Traum, daß ihr in Geld ausdrückbarer Wert ihm helfen könnte.

Auch den nächsten Tag wälzte er den Gedanken, den Schmuck herzuzeigen, ruhelos in sich herum. Dann kam der Halder. Der Inspektor der Zentrale in München sei dagewesen, um mit ihm Richtlinien für den Verlauf der Generalversammlung festzulegen. Halder hatte mit ihm den Fall besprochen, und der Inspektor hatte gesagt, es gebe nur einen Weg: die Forderung an Ambos durch eine Hypothek auf die Reuttermühle zu sichern. Engelbert sei doch gewiß damit einverstanden, und eine solche Garantie, wie sie der Besitz Engelberts biete, versichere die Mitglieder.

Ambos schaute wie erstarrt an Halder vorbei.

Halder wartete. Aber es kam keine Antwort. Da kniff Halder die Augen zu. »Sag mal, deine Heimat ist doch noch 14 000 Mark wert, oder …?«

Der abgeglittene Blick blieb auch jetzt die einzige Antwort schuldig.

»Ach so!« sagte auf einmal Halder in einem jähen Ausbruch. »Deshalb kamst du zu uns, weil du uns dumme Bauern für geeignet hieltest, an der Nase herumgeführt zu werden. Wir haben dir getraut, und das hast du genützt. Wir haben den Glauben an deinen Vater und Großvater gehabt, und du hast auf das gebaut, und nun können arme Bauern deine Schulden bezahlen! Jetzt seh ich dahinter. Deshalb! So ist es! Aber nun sag ich dir, was du bist: ein Schuft!«

Er riß seinen Hut vom Stuhl und ging ohne Gruß.

Als Ambos die Haustür ins Schloß fallen gehört, suchte er Juch auf.

»Komm mit«, sagte er.

Er reichte die Schmuckstücke hin. Eines nach dem andern holte er sie aus der Eisenkassette, und jedesmal schoß ein Schuß Blut aus seinem Herzen mit dem Stück in Juchs Hand.

»Das ist 'n Diamant«, sagte Juch erstaunt, »'n Tafelstein. Die Fassung ist Barock. Der Ring ist 'n altes Stück. Echt. Und das ist neuer. Das ist 'n Brillant. Schöner Stein. Und das wieder 'n alter Diamant, 'ne Rose. Barock. Und das … Ja, Mensch! Mensch! …«

Juch hatte große, runde und ganz feuchte Augen. Seine Nase hing in einer geisterhaften Blässe tief über den Schmuckstücken. Es war, als ob sie unvermittelt in einen Topf mit einem alten Schatz gestoßen wäre. Und als er das Kreuz aus Smaragden in die Finger bekam, hatte er sich wieder gefaßt. Er drehte es und drehte es und beschaute es, blieb stumm.

»Glas?« sagte Ambos tonlos, von der Änderung in Juchs Wesen erschrocken, »was?«

»Nein«, sagte Juch ruhig, »vier Smaragde. In einer Renaissancefassung, die alt ist. Die Kette ist jünger. Aus der Empirezeit.«

»Was ist es wert?«

Unter der Frage staute sich eine fiebrige Hitze in Engelberts Hirn.

»Wert?« antwortete Juch hinauszögernd und sich besinnend. »Das da«, er zeigte auf die anderen Stücke, die er auf den Tisch gelegt hatte, »kannst du ruhig wegwerfen, obschon es auch was gilt. Die Smaragde aber sind unbezahlbar.«

»Wieviel?«

»Weiß nicht. 15 000 … 30 000 … es hängt davon ab, wieviel ein Liebhaber alter Sachen über den Wert der Steine hinaus zahlen will!«

Ambos wandte sich ab. Er war durch die Höhe der Summen enttäuscht, da sie dem Spiel seiner Phantasie den Untergrund von Wahrscheinlichkeit und Wirklichkeit entzog.

Wenn Juch nur nicht immer das Maul so voll nehmen würde! sagte er bei sich. Er begann ihn jetzt zu hassen. Das mit der keltischen Befestigung oben im Wald wird genau so wahr sein. Woher sollte Juch das alles so genau wissen? Und weshalb hatte das denn noch kein anderer entdeckt? Und in der Familie wußte man doch auch etwas von den Dingen, und wenn die Steine einen solchen Wert hätten, so wäre das doch mal ausgesprochen worden, statt daß es immer hieß: sind seit Jahrhunderten in der Familie, wertvoll, kostbar und ähnliches unbestimmtes Zeug.

»Gib mir ein Glas Wasser!« bat Juch.

Als das Wasser kam, nahm er mit dem kleinen Finger einen Tropfen auf und ließ ihn auf einen der Steine nieder.

»Man macht heute nämlich synthetische Steine, die fast wertlos sind, aber vom besten Kenner von echten nicht unterschieden werden können. Die alte Fassung widerspricht wohl der Möglichkeit, daß die Steine synthetisch sind. Aber immerhin wäre es ja denkbar, daß sie mal ersetzt wurden. Es gibt 'ne Probe.«

Er zeigte Ambos, daß der Tropfen auf dem grünen Stein zusammenhielt.

»Die echten Steine haben nämlich Adhäsionskraft, die nachgemachten nicht.«

Wenn alles von vornherein großmäuliger und wichtigtuerischer Schwindel von Juch war, weshalb sollte diese Probe etwas Zuverlässiges bedeuten? sagte sich Engelbert. Er schaute lässig zu. Nun ja, nun ja, der Tropfen hielt. Wennschon!

»Woher weißt du das?« fragte er Juch.

»Aus China. Die Chinesen prüfen so die Echtheit von Perlen.«

»Warst du denn in China?«

»Ja!«

»Wann?«

»Nun, einmal wird's ja gewesen sein.«

»Pöh!« machte Ambos, las die Stücke zusammen und gab sie in die Kassette zurück. Er glaubte Juch nicht. Der wollte vor ihm sich wichtig machen, als Kenner aufspielen. Vielleicht ihm schöntun. Vielleicht wollte er sich bei ihm durch diese Zicken in Gunst setzen, damit er im Haus wohnen bleiben und essen könnte und nichts zu tun brauchte.

Ambos war auf einmal vom Zeh bis zum Scheitel Bauer: mißtrauisch, am Kleinen verbohrt, dickköpfig.

So gingen sie auseinander. Juch verließ das Zimmer mit einem letzten, klebenden Blick auf den eingelegten Kasten, in den Ambos die Kassette wieder hineingegeben hatte. Er sah, daß jener den Schlüssel steckenließ. Juch verließ gleich das Haus. Er jagte durch die Wiesen, den Bach hinab. Er war erregt. Dann in einem plötzlichen Entschluß ging er nach dem Wirtshaus zum Scheidegg und trank bis spät in die Nacht hinein.

Ambos war früh schlafen gegangen. Er war den Ärger gegen Juch nicht losgeworden, hatte sich in der Kammer schon ins Bett gelegt, als er wieder aufstand, seine Hose anzog und sein Bettzeug in das Zimmer trug, in dem er mit Rosina geschlafen hatte, und in dem der Kasten mit der Kassette stand. Er drehte den Schlüssel der Zimmertür um, verschloß die Kassette, schloß den Schrank und legte den Schlüssel in die Lade des Nachtkästchens. Bald nahm er ihn dort wieder heraus und verbarg ihn unter einem Stoß Leinen in einem anderen Kasten.

»Unsinn«, sagte er dazu, »15 000! Ich bin nicht verrückt. Blödes Geschwafel! 30 000! Pöh!«

Er konnte nicht schlafen. Gequält warf er sich herum. Die Erinnerungen an Rosina stiegen aus dem leeren Bett neben ihm zuhauf. Aber nicht allein sie waren es, die ihm die Ruhe fernhielten. In dem eingelegten Kasten hockte ein Wicht, auf einem Sack voll Gold, ein dummer, bösartiger Elf, ein Zwerg mit einer Nase wie ein Hundeschwanz – sie glich der Nase von Juch. Die Uhr unter dem Glassturz klingelte. Er wachte wieder ganz auf. Wie oft hatte sie geschlagen? Er hatte nur zwei Schläge gehört. War es zwei? Wann hatte er die Uhr denn aufgezogen? Oder hatte der im Kasten das gemacht, der mit der Nase von Juch?

Da hörte er die Türklinke gehen. Ein stechender Schmerz fuhr senkrecht in sein Herz und verlief in den Lenden. Er war gleich emporgeschossen. Da ging die Klinke noch einmal, deutlich hörbar. Kreck, machte sie, wie ein Schuß, der sich verheimlichen will. Dann rauschten Stille und Finsternis als ein kreisendes Donnern in Engelberts Ohr.

Der Schlüssel zum Kasten lag unauffindbar unter dem Linnen. Ambos schlich zur Tür, drehte den Schlüssel um und riß auf. Da stand eine Gestalt in der Dunkelheit des Flurs.

»Wer?« schrie Ambos mit einer schrillen und spitzen Stimme.

»Nu wer?« wurde geantwortet. »I... ich! Will in mein Bett!«

Es war die Stimme Juchs. Ambos machte Licht. Juch stand in Socken da. Er schien zu schwanken. »W...er hat mir meine Kammer abgeschlossen?«

»Deine Tür liegt doch die Treppe höher, gerade über dieser«, sagte Ambos, mühsam erholt.

»Da...ann bin ich 'ne Stiege zuwenig gegangen, schei...scheint's. Weißt de, ich war bei der Benzin... zinprinzessin, und nun hab' ich die Nase mit Benzin begossen, … alsoooo … 'ne Stiege höher wohl! Auch recht!«

Er torkelte davon.

Weshalb hat er seine Schuhe ausgezogen? Weshalb hat er die lange Nase durch das Schlüsselloch in den eingelegten Schrank gesteckt und mit ihrer Spitze, die selbsttätig beweglich ist, die Schmuckstücke in der Eisenkassette durcheinandergerührt? Das hat keinen Sinn. Juch kommt das Fenster hinauf. Das Fenster soll geschlossen bleiben. Juch ist vom Fensterbrett auf mein Bett geschwebt und schlürft barfüßig über die Kanten des Fußendes, damit er mir den Brief in den Mund werfen kann, der mich zu zahlen zwingt, dann greift er zum Hammer, um mir die Schmuckstücke zu zerschlagen. Oben war Juch und der Halder. Er fegte herum. Aber es war nicht der Halder! Es war eine schwere lange Peitsche aus Leder, die durch die Luft auf ihn zu zuckte und einen bösen Mund auftat, daß Ambos im Gesicht so rot wurde wie Blut, das aus einem gestochenen Schweinehals läuft.

Aber er war kein Schwein. Er wehrte sich dagegen, ein Schwein zu sein …

Wüst und gehetzt träumte Ambos in einem zerfaserten Schlaf bis in die Helligkeit des Morgens hinein.

*

Als Ambos am Morgen beim Kaffee saß, gerädert, alle Sinne zag und kleinmütig, kam Juch herein. Seine schlaffen Augen waren schmutzig und fiebrig gerötet. Er ließ sich neben Ambos nieder.

»Was war nun eigentlich in der Nacht?« begann er gleich. »Die Mädchen haben mir 'n Rausch angehängt. Ich bin in Scheidegg gewesen. Hab' ich meine Tür nicht gefunden? So was muß es gewesen sein.«

Es kam Ambos immer wieder auf die Zunge, Juch anzuschreien: Geh! Geh! Aber er bemeisterte sich, seine Gegenwart zu ertragen, und sagte nur: »Du wolltest in mein Schlafzimmer. Die Tür liegt grade unter deiner, im Stock drunter.«

»Aber du schläfst ja hinten. Doch nicht in dem Zimmer?«

»Doch!« antwortete Ambos. »Da schlaf ich!«

»Hast du das Feuer heut in der Früh' gesehn?«

»Was für ein Bauer ist's?«

»Der Grimmlingerhof ist abgebrannt.«

»Abgebrannt?«

»Bis auf den Grund. Hast 'nen guten Schlaf.«

»Ist er versichert?« fragte Ambos.

»Sonst wär' er nicht abgebrannt«, schepperte meckernd die rauhe Stimme Juchs.

»Einer der größten Höfe!« sagte nach einer Weile Engelbert.

»Wenn einmal das Minus in 'nen Hof kommt, multipliziert sich der Nenner mit der Anzahl der Kühe.«

»Er hatte in die vierzig!«

»Nun hat er die Versicherungssumme dazu.«

»Glaubt man?« Ambos rang sich das Wort ab:

»Brandstiftung?«

»Pöh, das glauben die in der Gegend bei jedem Brand.«

»Der Bauer war ein anständiger Mensch.«

»Hat ein Streichholz, das man auf'm Dachboden auszutreten vergißt, etwas mit Anstand zu tun? Wie hoch bist du versichert?«

»Ich weiß es nicht«, sagte Ambos erschrocken und verwirrt.

Nachher, als er gesehen hatte, daß Juch mit einer Forellenrute zum Bach gegangen war, nahm er die Eisenkassette aus dem Kasten, brachte sie herab und schloß sie in den Geldschrank ein. Dann begann er durch das Haus zu gehen. Er stieg zum Boden hinauf und schaute in das hohe, mächtige, ausgedörrte Gebälk. Er zündete sich eine Zigarre an und warf das Streichholz brennend auf den mit Moder dürr eingepuderten Holzboden, sah zu, wie es weiterbrannte und einige Staubflöckchen aufhusten machte, und trat es dann schnell und erschrocken aus, spuckte an die Stelle und rieb erregt mit den Sohlen beider Schuhe darüber. Die Knie zitterten ihm dabei, weich und wie ausgehängt.

»Daran hab' ich nie gedacht!« sagte er sich. Natürlich hatte der den Grimmlinger Hof selber angezündet. Wie einfach war diese Rettung! Das Feuer zerstört das Haus, und aus dem Schutt rauchen einem die Tausender in die Hand.

Er ging in dem Halbdunkel umher und suchte nach Stellen, die leicht zum Brennen zu bringen wären, umspielt von den Lockungen dieser einfachen Lösung. Daß sie ihm nie in den Sinn gekommen war! Der Grimmlinger hatte daran gedacht. Wenn er es gescheit gemacht hatte, war er seine Schulden und Sorgen los. Schuft! hatte der gestern gesagt. Ah, Scheiße! Wenn dir das Wasser am Maul steht! Er schleuderte in einer zornigen Aufwallung die brennende Zigarre auf den Boden. Die glühenden Tropfen sprangen im Kreis rundum, lagen wie eine feurige Saat ausgestreut, glimmten auf dem Holzboden, er schaute ihnen zu, stier, wild, vertrotzt und sich verfluchend. Aber hastig und still erlosch einer nach dem andern. Ambos zertrat die Zigarre.

»Er ist mir zuvorgekommen«, sagte er. Doch konnte er sich nicht von den Verlockungen einer auf diesem Wege erreichbaren Erlösung trennen. Er ging durchs ganze Haus und schaute überall nach Stellen, die leicht entzündbar waren, und wenn er eine gefunden hatte, malten seine Vorstellungen ein brennend genähertes Streichholz hin, ein knisternd aufgehendes Flämmchen, das unversehens in rasend ausgreifendes Feuer wuchs.

Er kam an die Tür des Saales. Sie war verschlossen. Der Schlüssel war abgezogen.

Wer hat zugeschlossen? fragte er sich. Er war lange nicht mehr in dem Saal gewesen, erinnerte sich aber nicht, daß er abgeschlossen hatte. Nein, es war ihm, als habe er gestern oder vorgestern noch den Schlüssel an der Tür stecken gesehen.

Da von allen Türen Doppelschlüssel vorhanden waren, ging er den passenden holen und trat ein. Der Raum war voll von Zwiebelgeruch. Er öffnete einen Laden, schaute im Saal rundum. Er sah ihn wie immer, wie seit Jahrzehnten, verstaubt, und in der modrig riechenden Ungelüftetheit, die den Geruch der Zwiebel überbot, staken tausend Erinnerungen an das Vergangene. Es tat weh.

Es muß einer drin gewesen sein. Hat die Agath vielleicht ihre Zwiebeln zum Trocknen hereingehängt. Etwas war verändert. Er trat hin, und das erste, was er sah, war, daß auf der Brust des Abgebildeten, über einem Pelzüberwurf, ein grünes Kreuz hing. Beklommen starrte er es an. Er kannte es ja! Woher? Vier grüne Steine in einer goldenen Kapsel zu einem Kreuz geformt? Da traf ein grausamer Stich sein Herz: er sah es auf der Brust seiner toten Frau. Und nun erst wurde ihm bewußt, daß das Kreuz auf dem Bild dasselbe sei, das in der Eisenkassette unten im Geldschrank lag, und das er gestern mit dem andern Schmuck Juch gezeigt hatte.

»Juch!« sagte er laut und gereizt. Jetzt rechnete er mit ihm ab. Er ging gleich nach ihm suchen. Er traf ihn am Bach. Mit einer Hand schwang Juch unablässig eine Angelrute, mit der andern kippte er eine Flasche über dem Mund hoch.

»Warst du im Saal?« rief ihn Ambos zornig an.

»Weshalb?« fragte Juch und ließ die Flasche in der Hosentasche verschwinden.

»Weil jemand im Saal gewesen ist.«

»Ich hab' doch abgeschlossen und den Schlüssel mitgenommen.«

»Ich hatte einen zweiten! Was hast du den Saal abzuschließen?«

»Ach, du bist 'n Rhinozeros«, schimpfte Juch. »Ich wollte dich überraschen.«

»Überraschen, womit?« Ambos schaute ihn mit mißtrauischem Lauern an. Aber er sah in dem Ausdruck seines Gesichts nichts, was auf ein Überrumpeltsein oder gar eine Überführung schließen ließ. Im Gegenteil, was er sah, war etwas wie Enttäuschung.

»Nun, ich hatte mir das Bild schon oft angeschaut, und wie du mir die Smaragde gezeigt hast, da brachte ich sie in Verbindung mit 'nem grünen Flecken, der unterm Schmutz auf dem Bild sichtbar geblieben war. Ich vermutete, der könnte das Schmuckstück sein, und ich habe das Bild mit Seife und Zwiebeln gereinigt, und die Vermutung hat sich bestätigt. Ich wollte es gerade heut fertig reinigen und dich damit überraschen. Denn ich hab' gemerkt, daß du mir gestern das nicht geglaubt hast, was ich vom Kreuz sagte. Und nun …« Er warf mit einem »Pöh!« geärgert die Hände hoch.

Ambos schaute verlegen an ihm vorbei zu Boden. Ihm war, als sei er irgendwo herabgestoßen worden und fände sich an der neuen Stelle nicht zurecht. Oder war Juch nur im letzten Augenblick seinen Händen entglitten, wie eine Forelle, die man mit der Hand aus dem Wasser heben will? Wer war dieser Juch? Ein guter oder ein böser Geist?

Er hörte die Agath seinen Namen rufen und ging zum Haus hinauf. Der Briefträger wartete mit einer amtlichen Postsache auf ihn. Sie enthielt die Mitteilung, daß die Bank ihm die Hypothek und die Zinsen gekündigt hatte.

*

Mit dem Eilzug, der um 11 Uhr 45 oben an der Station hielt, fuhr Ambos nach München. Er sagte Juch nichts von dieser Reise, zu der er sich von einer Minute auf die andere entschloß.

Juch brachte ein paar Forellen, die er im Bach gefangen hatte, in die Küche. Da hörte er, wie einer der Knechte der Agath sagte:

»Der Herr ist mit'm Zug fort.«

Juch ließ sich die Forellen backen, und als er gegessen hatte, ging er in die Küche zurück, um nach Agath zu schauen. Die arbeitete jetzt in der Waschküche.

Juch hatte Ambos nicht ganz die Wahrheit gesagt, denn aus dem Bild war nicht mehr herauszuholen, als was Juchs Reinigung schon geglückt war. Der abgebildete Mann schaute jetzt in seiner geraden Haltung über den Hals eines Pferdes hernieder, und der Indianer hielt die Zügel. Das war jetzt alles mehr oder weniger deutlich zu erkennen.

Aber was er Ambos nicht gesagt hatte, und was die Hauptsache war: er hatte noch etwas anderes an dem Bild gefunden, als daß auf ihm die Smaragde abgebildet waren, die Ambos besaß. Er hatte gerade das gefunden, was ihn wieder zu einem Schatzsucher machen könnte, was seinem Leben wieder eine gerade, jähblütige Fülle zu geben vermöchte, es auf den Weg zurückhob, von dem der Krieg es abgeworfen hatte.

Er hatte herausgefunden, wer der Dargestellte war.

Unter den alten Tapetenpapieren, mit denen das Bild hinten verklebt war, fand er, als er sie löste, auf die Rückseite der Malleinwand angebracht, eine Anzahl alter Schriften. Er begab sich gleich an die Entzifferung. Es waren Dokumente, die auf jene alte Unternehmung Bezug nahmen, als vor 400 Jahren die Welser eine erste deutsche Kolonie in Venezuela gründeten und betrieben. Und es ward ersichtlich, daß das Bildnis das des Konquistadors Georg Hohermuth war, der aus Memmingen oder Speyer stammte, als Statthalter der Welser nach Venezuela kam und einen großen Entdeckungszug an den Orinoko unternahm.

Die Schriften waren scheinbar willkürlich nebeneinander geordnete Dokumente aus jener Zeit, die nicht alle auf Hohermuth Bezug hatten, sondern im allgemeinen mit der Gründung der Welser zusammenhingen. Einige dieser Fragmente schienen aus einem Reisebericht heraus zu stammen. Das erste, das Juch entzifferte, begann mitten in einem Satz:

»... oder flecken dieser provintz Barriquicimeto, schenckung gaben aber ongenöthigter verehrung, ob drei tausend Pesos Gold, welches bei 5000 Gulden rheinisch tät …«

Und überall in den aufgeklebten Blättern wechselte das Wort »Gold« mit »großer reuchthumb« und »Edelgestein so Esmeraldes genannt« ab. Der Abgebildete hatte selber die Smaragde mitgebracht, die Engelbert besaß.

Juchs Phantasie schwebte wie in einem Himmel, aus dem immer wieder das Wort »Barriquicimeto« wie ein System von Meilensteinen und Wegweisern in ihn hart eindrang. Hohe Felsen aus grünem Edelstein schmolzen aus den Abgründen seiner Vorstellungskraft auf, dorthin, wohin die Meilensteine liefen, die Wegweiser zeigten.

Als Juch die Agath in der Waschküche beschäftigt feststellte, flog er die Treppe hinauf. Er rannte über den Flur zu der Tür, hinter der er den Kasten wußte, der die Smaragde Hohermuths enthielt, klinkte ohne Zaudern. Die Tür war offen, und er trat gleich an den Schrank heran und legte wie zu einer zärtlichen Beschwörung eine Hand auf das fein polierte Holz. Es war in spielerischen Mustern mehrfarbig zu Ornamenten zusammengesetzt, und Juch ließ kosend und lockend die ausgespreizten Finger über die Zeichnung gleiten.

Hinter ihr lag ein Schatz. Verführungen tänzelten durch die Mäander, Rhomben und Akkoladen aus dem Innern des Kastens, das ihn barg, heraus. Ein Schatz! Er hatte ihn entdeckt!

Und von dem Kasten her klang eine vertraute Saite in seiner Phantasie an und strömte rasch aus in das wilde, große Lied, in dem er sein Leben zu führen begonnen hatte, bevor der Krieg die Saiten zerriß.

»Schatzgräber Juch!« hatte einmal einer ihn in das Gästebuch des Englischen Klubs in Hankau eingetragen, als er ins Jangtsetal und nach Ssetschuan hinauf wollte, wo unbedingt Gold zu finden sein mußte, oder wenigstens alte verschollene Höhlentempel mit goldenen Bildern Boddisatvas auf ihn warteten.

Wer wird den Schatz da drinnen heben? Wie wird der glückliche Schatzfinder heißen? Sinne und Nerven flogen ihm wie eine Seifenblase vor dem Zerplatzen. »Ich bin so hochgedreht!« sagte er sich selber, und er durchstieg in den paar Minuten, da er so an der Schranktür stand, die unermeßlichen Räume, die die Phantasie nie aufhörte, in seine Tage zu dichten, in die Lage, die er seit Ende des Krieges in dem Bauerndorf, »in Gefangenschaft und Verbannung verkrümelte«, wie er sich ausdrückte.

»Wie lange noch?«

Die Frage ließ er gierig gegen sich anstürzen.

Plötzlich sah er, daß der Schlüssel in dem Kasten steckte. Ohne Zaudern drehte er ihn um. Er fühlte seine schmachtenden Augen von einer scharfen und begehrlichen Glut überrannt. Ächzend sangen die beiden Türflügel in seiner Hand.

*

Aber die Kassette war nicht da.

Eigentlich kam es ihm auch darauf nicht an. Ihr Geist hockte an der leeren Stelle und drängte zu ihm. Ihn zu empfangen, erhob er die Stirn und öffnete unbewußt den Mund, daß er ungehindert in ihn eingehen könne.

Da kam ihm die Frage in die Quere: »Wenn dich jetzt die Agath oder sonst wer an dem offenen Schrank sieht? Die und der werden nicht empfinden, daß es nur ein eingebildeter Rausch ist …«

Aber es ward ihm zu einer prickelnden Genugtuung, um seines Traumes willen mit der Gefahr zu spielen. Dieses Gefühl schwoll rasch und füllte ihn hoch bis unter die Hirnschale an. Er stellte sich breitbeinig aufrecht vor die offene Tür des Kastens. Den Rücken hielt er in starrem Trotz gegen die eingebildete Gefahr gerichtet. Er deckte den Schatz mit seinem Körper. Mit Gefahr zu ringen machte das Leben erst lebenswert. Seit Jahren mußte er diesen Jungbrunnen, der in der Gefangenschaft und Verbannung versiegt war, missen.

Doch gleich wies er verächtlich diese Gebärde von sich selber ab. »Dreck! Dreck!« fluchte er. Heldentum und Mut eines Quichotte! Wollte er dem immer ähnlicher werden? »Schmählicher Pathetiker! Deck ab! Schnaps gesoffen! Geh!« schimpfte er laut gegen sich selber. »Du hast zuviel Schnaps gesoffen!«

Er warf die Tür zu. Sie quietschte in den Angeln, und ein Vielgetön sang auf, das in seinen Ohren und seinem Herzen zu einem Laut wie Barriquicimeto zusammenklang. Dieses Wort posaunte und führte in eine neue Himmelsrichtung.

Er ist ja nur Saatkorn, der Schatz, den er in der Eisenkassette entdeckt hatte, Saatkorn, in sein Temperament gestreut. Aus ihm gedeiht in jähem Schuß die Schatzsucherlust in seinen Adern.

Zum erstenmal legte er sich nun die Frage vor: was Ambos ihm zu bedeuten hatte? Er hatte es nie ausgedacht. Jetzt streckte er die Nase lüstern in die Luft:

»Ich roch den Schatz und das alte Bild und die Posaune Barriquicimeto. Ich habe vorausgeahnt, daß der Geist, der mein Leben wieder ins Gleis bringen soll, hier haust. Daß ich nach Barriquicimeto kommen werde, wo der Alte seine Schätze ausgegraben hat, daran kann jetzt kein Zweifel mehr sein. Und Ambos, der Urenkel, wird mir dazu verhelfen.«

Das war der vorausempfundene Sinn, daß er in das Haus des trauernden Witwers gekommen war.

Die Aufgabe der nächsten Zeit war, Ambos mit in den Sattel zu setzen zum Ritt nach Barriquicimeto.

»Terototo!« posaunte er und sagte nochmals laut: »Ich bin ja so hochgedreht«, kümmerte sich nicht mehr um die Agath oder sonst einen und verließ das Zimmer.

Mit ihrem klingenden Stundenschlag sagte ihm das Stimmchen der Uhr unter dem Glassturz: adieu, und daß es drei Uhr am Nachmittag sei.

*

Ambos erinnerte sich, früher im Laden eines Juweliers am Marienplatz, hinter Fenstern mit dünnen Stahlgittern, öfter wertvolle Edelsteine gesehen zu Haben. Er fuhr gleich vom Bahnhof mit der Elektrischen hin. Er befand sich in einem starken Erregungszustand. Es könnte sogar geschehen, daß er verhaftet wurde, wenn er durch die Tür dort eintreten und das Kreuz mit den Smaragden, das er in einer Schachtel in seiner inneren Westentasche geborgen hatte, auf den Tisch legen würde, um es zu verkaufen. Natürlich, wenn die Steine Glas wären. Doch das glaubte er jetzt wohl nicht mehr. Aber gegen seinen Glauben gab es den der andern. Das war ein Unbekanntes, etwas Unberechenbares!

Mit einem Ruck stieß er die Tür auf und schob sich auf den ersten Verkäufer hin, den er sah. Es schwamm ihm vor den Augen. Er bündelte das Kreuz mit den Smaragden aus einem Seidenpapier und legte es hin. Seine Hände zitterten leicht. Dann nahm er tief Atem. Aber die sture Hitze blieb in seinem Kopf, die seit dem Verlassen des Bahnhofs bei der Annäherung ans Ziel sich immer stärker darin zu bilden fortgefahren war. Plötzlich stieß er in einer übermenschlichen Anstrengung hervor:

»14 000 Mark!«

Der Laden schaukelte in einem Nebel. Aus ihm sah der Verkäufer zu ihm auf. Der sagte nichts, legte das Kreuz wieder hin und holte einen anderen Herrn. Diese andere Erscheinung nickte Ambos knapp zu, besah sich gleich das Stück, indem er es öfter umdrehte, entfernte sich und kam mit einem dritten zurück. Sie hatten jetzt jeder ein Vergrößerungsglas. Ohne Ambos viel Aufmerksamkeit zuzuwenden, machte sich der zuletzt Gekommene, ein älterer Herr, mit dem Vergrößerungsglas über das Kreuz her.

»14 000 Mark?« fragte er zwischendurch mit gleichmütiger Stimme, untersuchte weiter. Sein Gesicht, das erst mißmutig war, erlebte eine sonderbare Klärung. Er faßte mit den Fingerspitzen die Steine und die Kapsel, die ziseliert war, zärtlich ab, brachte das Stück wieder unter die Lupe, schaute den zweiten an und reichte es ihm, ohne ein Wort zu sagen. Nun betrachtete der es wieder, wand es hin und her, ließ das Licht durch die Steine scheinen, wobei sein Gesicht ein deutlich sichtbares, fortschreitendes Maß von Spannung gewann.

Als er das Kreuz aus den Fingern gab und es zurücklegte, sah Ambos, wie sich die beiden anschauten. Der ältere Herr machte: »mh?« Der andere nickte.

»14 000 Mark?« sagte der alte Herr noch einmal und fügte dann in einem Augenblick, in dem Ambos vor dem umständlichen und verzögernden Untersuchen noch eine Feindseligkeit gegen sich empfand, etwas hinzu, das sein Gemüt wie mit einem Donner- und Posaunenschuß durchschlug. Er sagte nämlich: »Ich wäre nicht abgeneigt«, und nickte wohlgefällig und ein wenig lächelnd Ambos zu.

Da überkam diesen ein Gefühl, er sollte übervorteilt werden. Der Bauerninstinkt hockte sich mit einem erschrockenen Mißtrauen quer vor seine Stirn. Er griff hastig nach dem Stück, barg es in der Tasche. Er stotterte ein paar Worte und eilte hinaus. Draußen erkannte er gleich, daß er in seiner Erregung eine Torheit begangen hatte. Aber nun konnte er nicht mehr in den Laden zurück und ging in die Dienerstraße, da er sich erinnerte, dort auch einen Juwelenladen gesehen zu haben.

Hier wiederholte sich die Untersuchung auf ähnliche Art. Ambos nahm sie jetzt gefaßter hin und bemühte sich, kühl und seiner selbst Herr zu bleiben.

»Das ist ein wertvolles Stück«, sagte schließlich der Juwelier. »Darf ich Sie bitten, sich auszuweisen, bevor wir in Unterhandlungen über den Preis treten? Mein Wunsch zu wissen, wem die Kostbarkeit gehört, ist nicht nur Neugier, sondern auch Pflicht. Sie können sich denken, daß unsereiner vorsichtig sein muß. Bitte, gehen wir in mein Büro.«

Ambos hatte einen Paß bei sich. Er erzählte von der Herkunft des Kreuzes, aber nur das Notwendigste.

»Und wie ist es mit dem Preis?«

»20 000«, antwortete Ambos schroff.

Dabei hatte er die Empfindung, eine Wildtaube stieße in die Luft hinauf.

»20 000!« echote der Juwelier fast träumerisch, schwieg eine Weile, dann sagte er inmitten eines Kopfnickens mit weicher Stimme: »Ich gebe zu, daß diese Summe zu erreichen ist. Sie müßten mir aber dann das Stück in Option geben und mir Zeit lassen. Denn diesen Preis zahlt ein Liebhaber, ein Sammler. Ich bin aber nicht Altertumshändler, sondern Juwelier.«

Er beobachtete Ambos mit den Blicken, machte kleine zaubernde Bewegungen mit den langen, dünnen Händen. Er wußte Bescheid mit seinem Besuch. Diese Hände mit Zeichen von Arbeit an Zeigefinger und Daumen hatten keinen Umgang mit Smaragden in einer echten Renaissancefassung, Nürnberger Arbeit aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts. Dieses Gesicht schaute bieder und anständig. Der Mann mußte verkaufen. Er war in Not geraten, und es kam ihm auf Eile an. Der Zufall, durch den er der Besitzer einer solchen Kostbarkeit war, bekümmerte den Juwelier nicht.

»Wenn Sie also einverstanden sind –«, begann er wieder und dehnte die Worte schmachtend, als wollte er ihn einschlafen machen. Er wartete. Dann kam die Antwort, auf die er zählte:

»Ich möchte lieber gleich verkaufen.«

»Auch gut. Aber wie gesagt, ich kaufe das Stück nur als Juwelier. Einen anderen Wert hat es für meine Auslagen und meine Kunden nicht. 12 000!«

Ambos nahm das Kreuz rasch zurück.

Auch er kannte die Tricks. Er war jetzt kühl. Seine Leidenschaft war verflogen. Er wußte nun Bescheid. Man konnte nicht an gegen ihn. Die Steine waren echt.

»Wie Sie wollen«, sagte der Juwelier und erhob sich, als löse er damit die Unterhandlung auf. »Aber wie gesagt, ich habe Interesse daran. Vielleicht, das sagte er schon, während er auf die Tür zuging, »können Sie anderswo die Summe erreichen, die Sie sich vorstellen. Ich weiß das nicht. Vielleicht kann ich Ihnen auch noch ein wenig entgegenkommen. Die Fassung ist ja einzigartig und verdient gewiß 500 Mark extra.«

Er lachte jovial.

Nun begann ein zähes Ringen um Hunderter. Ambos hatte es von Jugend an in der Heimat gelernt. Denn es war die Taktik der Viehhändler und die Gegenwehr der Bauern gegen sie. Es war die Wehr des Bauern gegen die Geldübermacht des Städters, die Kraft des Menschen, dem Geld nicht etwas Selbstverständliches geworden ist, sondern der Entgelt für die rauhe Arbeit durch die Jahreszeiten, für die unentrinnbare Gebundenheit an die Natur, in der der Bauer steht.

Zum Schluß einigten sie sich auf 16 500 Mark, zahlbar in acht Tagen. Der Juwelier gab ihm einen Schuldschein über die Summe. Ambos bestätigte, daß das Stück sein Besitz und daß er verkaufsberechtigt sei.

Er ging hinaus, trunken ein wenig, etwas taumelte hinter seiner Stirn. Geld! Wieder Geld! Er trank das Wort. Er soff es, drüber gebeugt, wie eine Kuh das Wasser im Barren.

Er war schon am Promenadeplatz, als er mitten in der Kirchweih seines Innern angehalten wurde.

»Da hab' ich das doch vergessen!« sagte er sich erschrocken, machte kehrt und ging eilig zu dem Juwelier zurück.

»Ich vergaß«, sagte er, »Sie zu bitten, das Geld der Darlehnsgenossenschaft meines Wohnorts zu überweisen.«

»Wie Sie es wünschen«, antwortete der Juwelier.

*

In der Last der ersten Augenblicke nach dem Erwachen, in der noch wie ein Brei Schlaf und Traum mitkochten, sagte Juch sich: »Das kam alles von dem verdammten Schnapstrinken!«

Er war nämlich, als er nach einer Fischrute suchte, am Morgen auf eine verstaubte Flasche gestoßen, die scheinbar seit langem vergessen in einer Bodenkammer in einem Kasten stand. Auf dem Zettel, der aufgeklebt war, konnte er gerade noch entziffern: Zwetschgenwasser, gebr. 1911.

»Das ›gebr.‹ heißt nicht ›Gebrüder‹«, dalberte er, dem der Kopf noch wüst von der Trinkerei mit den Mädchen in Scheidegg war. »Das heißt vielmehr: ›gebrannt‹. Meine Dame«, sagte er, indem er die Flasche in die Hosentasche gleiten ließ, »ich verhafte Sie!« Wem konnte das schaden? Kein Besitzer wußte um ihren Bestand. Sie wähnte sich selber schon längst getrunken.

Beim Fischen am Bach versuchte er den Inhalt. Er sagte »Donnerwetter!«, als der Duft und das Feuer ihm am Gaumen erschienen. Aber er hätte es beim Versuch bleibenlassen, wenn nicht Engelbert gekommen wäre und ihn angeschnauzt hätte mit dem Saal. Das hatte ihn gestört. Der hatte in die Heimlichkeit all der Dinge hineingegriffen, die um die Entdeckung an dem alten Bild seine Einbildungskraft entzündeten. Es hätte noch im Verborgenen weiter hängen sollen. Es war Tabu daran. Ein vorzeitiges Wort, ein unpassender Blick konnten es zu nichts auflösen.

Er war gereizt, deshalb hatte er, als Engelbert wieder gegangen war, die Flasche nach und nach ganz ausgetrunken.

Nachdem er das Zimmer mit dem eingelegten Kasten verlassen hatte, hatte er sich in seine Kammer aufs Bett gelegt und weitergeschwelgt, bis er inmitten der süßen, erschlaffen machenden Dämpfe seines Blutes eingeschlafen war.

Und als er jetzt erwachte, stierte er in die Dunkelheit des Zimmers und versuchte mit sich zurechtzukommen. Er begann die Erinnerungen über das Vorgefallene zu ordnen, das Brauchbare in Händen zu behalten, das Unbrauchbare auszuscheiden. Da stellte er fest, daß alles noch bestand, daß es sich gegen das Erwachen und die Verflüchtigung des Schnapses behauptete.

Staunend forschte er in sich weiter. Ja, es war noch da. Barriquicimeto war noch da und posaunte.

War es möglich, daß ein Schnapsrausch Wirklichkeit wurde? Das war ihm nie geschehen. Und Gloria und Adam! Er hatte doch schon viel Whisky und Gin gesoffen und dazu betrunkene Unternehmen ausgesonnen, die mit dem Rausch selber auch vorbei und wieder Dunst waren, aus dem sie sich nie hätten gebären sollen.

Aber daß die Smaragde und der alte Konquistador, der sie auf der Brust hängen hatte, ihm den alten Geist zurückgegeben hatten!

Manchmal hatte er sich gedacht, daß ihn die Flucht in dieses Haus wohl vor der Not der nächsten Zeit und den Gläubigern retten werde. Aber das konnte nicht die alleinige Ursache sein, daß er auf dem Begräbnisessen an Engelbert geraten und seitdem im Haus hier war und ein Stück seiner Freiheit hergab, viele Stunden an einen trüben Mann abtreten mußte, die er sonst nach eigenem Ermessen für sich selber aufgebraucht hätte. Und siehe da! Es hat auf einmal wirklich einen anderen, einen weiterführenden Sinn gehabt.

Oft war er mit sich einig darüber, daß er sich nie mehr vom Krieg erholen, daß er die Fortführung seines Lebens in diesem oder einem anderen Dorf, in denselben würdelosen und hungrigen Umständen zwischen kleinen Vermittlungsgeschäften und Schulden zu bestreiten habe. Und das wird nun nicht mehr sein. Der alte Geist hatte sich wieder gemeldet, und die chinesischen Tage werden wiederkommen.

Die chinesischen Tage nannte er die Monate, die er in Ssetschuan verbracht hatte, als er nach Gold und Buddhas suchte, keine fand, aber sich in Freizügigkeit und Abenteuern einen wunderbaren Ersatz und einen Lebensinhalt schuf. Seine Großmutter, die gern Märchen erzählte, hatte den Kindern beigebracht: jedem Menschen sei von der Vorbestimmung ein Augenblick im Leben verborgen worden, der ein »Sesam-öffne-dich« bedeute. Erkenne man diesen Augenblick, halte man ihn fest durch einen rasch ausgesprochenen Wunsch, so würde einem ein großer Schatz zufallen. Er hatte drum als Knabe, besonders nachts vor dem Einschlafen, tausend und tausendmal in die Dunkelheit gesagt: »Ich wünsche mir hundert Millionen, ich wünsche mir hundert Millionen!«

»Tom Juch!« flüsterte er jetzt in die Finsternis der Kammer hinein, »die hundert Millionen nahen.« Denn mit dem fortschreitenden Alter war das Aussprechen der Geldsumme aus den Knabennächten zu einer sinnbildlichen Bedeutung gewachsen.

Wo mochte Ambos am Vormittag hingefahren sein? Nach Lindau? Kempten? München? Zu einer Bank? Das war sicher. Denn mit den Moneten war etwas nicht mehr in Ordnung auf der Reuttermühle. Das hatte Juch lange geschmeckt. Das Erscheinen des Wagners und des Sattlers und die plötzliche Holzsägerei hatten seine Mutmaßungen bekräftigt. Aber für eine Reise nach dem Lande Barriquicimeto, zu der Suche nach den Smaragdschätzen Hohermuths werde die Reuttermühle schon das Notwendige hergeben.

»Die Reise nach Kythäre«, sagte er, einen Augenblick dem gern geübten Drang des Selbstspottes nachgebend. Aber mit einer unwilligen Bewegung zerrte er die Glieder zusammen und sprang aus dem Bett.

Jetzt die Zähne zusammenbeißen, Zweifel und Spott totschlagen. Etwas wollen! »Dies will ich! Endlich will ich wieder einmal. Endlich kann ich wieder einmal etwas wollen.«

Er schaute durchs Fenster in die Finsternis hinaus. Wie spät war es? Ein Zug scholl in der Nacht. Juch sah die Schar der hell leuchtenden Fenster oben durch die Finsternis ziehen, schaute ihnen gespannt zu. Sie verlangsamten die Eile, rannten sich bald hintereinander fest. Also war es elf Uhr. Es war der Eilzug von München.

»Wenn Ambos noch nicht zu Haus ist, wird er mit diesem Zug kommen!« sagte Juch in die Nacht hinaus.

Eine Viertelstunde später saßen sie unten in der Stube zusammen.

»Warst in München?« fragte Juch.

Ambos nickte.

Er hat den Kopf höher und grader als sonst, sagte sich Juch. Auch seine Augen sind verändert. Was ist geschehen? Er sitzt breiter da als heute früh.

Auf einmal kam ihm mit einer besonderen Klarheit die Empfindung, Ambos habe in München die Smaragde verkauft. Er schaute erschrocken zu ihm.

Engelbert stritt mit sich, ob er von dem Verkauf sprechen sollte oder nicht. Sein Inneres war von einer übermäßigen Überschwenglichkeit befeuert, die sein ganzes Gemüt aufwühlte. War es Wirklichkeit? Hing ein Bild oben im Saal? Und ist ein Ahne drauf gemalt, ein Konquistador? Und hat er über vierhundert Jahre hinweg an ihn, den Engelbert, gedacht und für ihn gesorgt?

Dann sagte er Juch unvermittelt, daß er die Smaragde verkauft habe.

»Wieviel?« fragte Juch.

»16 500!«

»Mehr wäre mehr gewesen! Na, fein!« bemerkte Juch und bezwang seine Erregung, die ihn hinterrücks überfiel. Er stellte das Radio an. »Du wirst bereit sein, Musik zu hören!«

Vermochte dieser Verkauf Juchs Absichten mit Ambos zu fördern? Störte er sie? Juch wurde nicht gleich einig mit sich darüber. Aber er neigte zu dem Glauben, daß er ihnen eher günstig sei. Denn es war anzunehmen, daß Ambos das Stück verkauft hatte, um eine Schuld abzudecken. Was die Richtigkeit der Mutmaßung bestätigte, die Reuttermühle sei verschuldet. Aus einem sichern Besitz ginge Ambos nicht fort. Also sprach der Verkauf für eine günstige Entwicklung.

Aus dem Lautsprecher kam ein Tango.

»Ein Tango!« sagte Juch. »Aus der Heimat deiner Smaragde. Der alte Herr hat sie selber mitgebracht. Das kannst du als sicher hinnehmen.«

»Der Juwelier wollte nur 12 000 geben. Ich blieb fest«, schwelgte Ambos.

Wieviel Schulden er auf der Reuttermühle hat? fragte sich Juch.

»16 500 is'n ordentlicher Brocken!« sagte er dann. »Da hat man lang zu beißen.« Er kaute und schnappte. Sie lachten.

»Stein heißt der Juwelier, dem ich sie verkauft habe.«

»Stein?« wiederholte Juch. »Stein kauft Steine. Das paßt recht zusammen, daß ein Edelsteinkäufer Stein heißt. Heißt er Stein, weil er Steine verkauft, oder verkauft er Steine, weil er Stein heißt? Das ist 'ne Frage der Weltweisheit. Ein Mann, der behauptete, Gold machen zu können, hieß Tausend. Ein berühmter Gynäkologe hieß Zangenmeister. Der Berliner Pfarrer, der den Studenten ein sonniges Dasein vermittelte: Sonnenschein. Ein Sänger: Feinhals. Und ein anderer, der damit begonnen hatte, für die Ewigkeit zu schreiben, bekam von Vatern den Namen Immermann gleich mit in die Wiege. Es ist ulkig. Du kannst sicher sein, mein Lieber, daß da 'n olles Gesetz tätig ist. Du kannst nichts für deinen Namen und findest dich doch drin wieder.«

»Ich?« fragte Ambos aufgestört.

»Nee, die andern. Du vielleicht auch. Man weiß nicht immer, wie. Heißt wer in Eurer Familie Hohermuth?«

»Ich wüßte nicht.«

»Na, dann ist der Name weggeheiratet worden, denn ich hab' herausgefunden, daß dein Ahn da oben auf dem Bild so hieß, und siehst du, Hohermuth ist 'n feiner Name für 'nen Entdecker und Konquistador. Ein Romanschriftsteller würde ihn auch so nennen. Mein Leben ist mir ja auch einigermaßen schon im Namen vorgeschrieben. Was kann aus einem Tom Juch anderes werden als 'n Mensch, dessen Dasein filmmäßig ablaufen muß. Es geht bei mir über die Grenzen der Sprache.«

»Möchtest du denn in den Film spielen gehn?« fragte Ambos, der sich nun anstrengte zu erfassen, was Juch meinte.

»Ich sage filmmäßig. Filmmäßig ist zum Beispiel 'n Leben als Weißer im Urwald. Oder wennste nach Schätzen graben als deinen Lebenszweck betrachtest. Wie der oben im Saal. Schätze graben! Jawohl!« sagte Juch mit erhobener Stimme.

Im Lautsprecher sang jetzt einer.

»Du tust jetzt gefälligst deine Butter in'n Hals zurück«, rief Juch gegen den Lautsprecher und schaltete ihn aus. »Jawohl, Schatzgräber. Es gibt nur zwei Berufe: ein Genie zu sein, um unsere Welt in'n anderes Gleis werfen zu können, oder 'n Schatzgräber. Und wenn der Vater dir auf Lebzeiten den Namen Tom Juch an'n Hals gehängt hat, da kannste keine Weltweisheit betreiben, denn dazu müßtest du dich Thomas Juchard geschrieben haben, und wenn du 'nen Hals zum volkstümlichen Liedersänger gekriegt hättest, könntest du Gift drauf nehmen, von Haus aus 'n goldiger Tomel Juching zu sein. Aber genau Tom Juch! So bleibt einem nichts übrig, als das zu werden, was dein oller Ahn da oben im Saal war: Schatzgräber! Geht dir das ins Hirn, mein Lieber? Dein Bach wird nie dein Wehr hinauffließen, und wenn er's noch hundertmal wegreißt!«

»Kannst du dir solche Übereinstimmungen erklären?« fragte Engelbert.

»Nee, ich nehm sie lieber hin!« antwortete Juch.

Juch wird jetzt mit System vorgehen. Er wird Tag um Tag seinen Tropfen auf den breiten Schädel da mit den widerborstig gelockten Haaren fallen lassen, bis Juch und Engelbert auf einem Schiff sitzen, das nach Venezuela fährt.

*

Ambos schrieb einen Brief an Halder.

»An den Vorstand der
Darlehnsgenossenschaft,
Mariathann.

Ich teile Ihnen mit, daß im Laufe der Woche 16 500 Mark (sechzehntausendfünfhundert) auf mein Guthaben bei Ihnen überwiesen werden, und ordne an, daß damit meine Schulden abgedeckt werden sollen. Ich erkläre hiermit meinen Austritt aus der Darlehnsgenossenschaft Mariathann.

Hochachtend
E. Ambos.«

 

Nach einigen Tagen kam Halder. Er war in den Sonntagsanzug gekleidet.

»Wir haben das Geld bekommen«, sagte er. »16 500 Mark. Ich bin damals zu weit gegangen, Engelbert.«

»Lassen wir das. Vielleicht habt Ihr recht gehabt.«

»Nein!« bestand Halder, »was zu weit ist, ist zu weit. Ich mache meine Entschuldigung, und sag mal, mit dem Austritt, muß das sein?«

»Was einmal um ist, das ist für mich um, ich kann nicht mehr anders!« antwortete Ambos.

»Es ist mehr Geld geschickt worden, als du schuldig bist. Mit den Zinsen bis heute macht es 15 225 Mark. Hier ist's genau.«

»Schickt mir das andere herab!«

Halder ging, und seine Tochter brachte eine halbe Stunde später 1275 Mark in die Reuttermühle.

»Der Vater ist sehr betrübt«, bemerkte sie.

»Ja!« sagte Ambos trocken.

»Meinst nicht, Engelbert, man möcht's vergessen, und du solltest im Verein bleiben?«

»Nein!« sagte Ambos.

»Nichts für ungut!« sagte das Mädchen. »Es kommt manchmal, wie man's gar nicht will.«

Am letzten Sonntag war Ambos nicht in die Kirche, und wie es sich geschickt hätte, nachher an das Grab seiner Frau gegangen. An diesem Sonntag, wo keiner ihn mißbilligend oder scheel ansehen konnte, ging er wieder hin. Aber nachher begab er sich gleich nach Haus und nicht in den ›Adler‹, wie es Sitte war.

Bald allerdings ward Ambos sich klar darüber, daß er wirtschaftlich unklug gehandelt hatte, indem er die ganze Summe hergegeben hatte, um eine einzige Schuld zu tilgen. Wenn er sie aufgeteilt hätte, hätte er erreicht, daß er sich durch mehrere Anzahlungen eine Reihe von Gläubigern fürs erste vom Hals gehalten hätte. Auch die Bank hätte wohl die Kündigung zurückgenommen, wenn er einen Teil des Geldes zum Abtragen der Zinsschulden von 6000 Mark benützt hätte. Er hätte dann eine Ruhepause erreicht.

Aber er bereute es nicht. Halder hat das Wort zurücknehmen müssen. Es war vorbei für ihn. Vorbei, so wie er nie wieder das Kreuz mit den Smaragden sehen wird, das das Geld heranschafft und das sich Rosina am letzten Tag ihres Lebens umgehängt hatte. Sie ist mit ihm auf der Brust gestorben. Beide sind vorbei. Dann ist nun, dachte sich Engelbert aus, das Kreuz zusammen mit ihr gestorben.

Er ging in den Saal. Dort bestand noch das Abbild des Smaragdkreuzes. Er hob das Gemälde von der Wand und überlegte sich, wie er es zerstören könnte. Das schien ihm unerläßlich. Das wurde von etwas Dunklem in seinem Innern gefordert, das ein Ungleichen von Dingen verlangte, die zusammengehörten. Zerschneiden und verbrennen, dachte er, während er mit weiten, trauergefüllten Augen in die Obstwiese hinabschaute und von dem Bild Abschied nahm.

Da sah er auf den Birnbaum, der hoch und mächtig und wie ein heiliges altes Gebäude über alle andern Bäume hinaus in den Himmel ragte. Einmal, in einer Nacht, war es Tröstung gewesen, daß Engelbert sich vorstellen konnte, wie Rosina aus einem Stern, himmlisch umstrahlt, über den alten Birnbaum herunterzuschweben vermöchte, ein ewiger Geist, der rundherum in alle Blätter, Lüfte, Erdschollen, ins Wasser des Baches und in die Blumen der Wiese und des Gartens einkehrte und blieb und eine Verbindungskraft hatte, die das Irdische überleuchtete. Nein, er brauchte das Bild nicht zu zerstören, weil das Smaragdkreuz drauf ihm gestorben war. Sterben ist nicht Vergehen. Wie würden wir sonst den Tod Geliebter ertragen!

Über die Greifbarkeit hinaus war auch das Bild Seele geworden und in ihn eingekehrt. Nichts, was einmal bestand, vergeht. Nur die Form unterliegt der Zeit.

Er barg das Bild in den großen Schrank, der in der Ecke des Saales stand, und schloß ihn ab.

Das Bündel Hundertmarkscheine, das er herausbekommen hatte, legte er in eine Brieftasche in den Geldschrank. Er ging haushälterisch mit den Scheinen um und umhegte sie mit einer fast zärtlichen Genugtuung. So oft er sie sah, erfreuten sie ihm das Herz. Sie hatten für ihn den Schein, wesentlich wertvoller zu sein als etwa die 6000 Mark, derentwegen die Bank ihm gekündigt hatte.

Dann zahlte er von ihnen die Rechnung für das Rundfunkgerät, das Juch gebracht, und für den Zement, mit dem Juch das Wehr wieder hergestellt hatte. Hatte sich jemals ein Freund so bewährt wie Juch? Engelbert hatte ihn verleugnet, und niemals hatten die Kenntnisse eines Menschen ihm einen Dienst erwiesen, der so bedeutend war wie Juchs Mitteilungen über den Wert der Smaragde. Schon vorher die Sachen mit der Wiederherstellung des Wehrs und dem Sattler und Wagner hatten ihm sehr genützt. Es gab einfach nichts, was Juch nicht wußte oder konnte, und nichts, wo er nicht etwas herausfand, was jedem andern entging. Er war der bedeutendste Mensch, mit dem Engelbert in seinem Leben zusammengekommen war, ihn zu besitzen, war eine Sicherung vor dem Letzten.

Aber nun begann es auch, daß aus dieser Wertschätzung, in der Staunen wie auch Verehrung war, unbemerkt eine Furcht mit erstand. Sie entfloß der Unsicherheit, in der sich Engelbert in allen Dingen Juchs Überlegenheit gegenüber befand. Nun, wo er nie etwas unternahm, ohne sich vorher mit Juch auseinandergesetzt zu haben, stellte es sich heraus, daß dieser auf Engelberts eigenem Gebiet mehr zu wissen schien als Engelbert selber. Er wußte Sachen von Hölzern, die Engelbert nie zur Kenntnis gekommen waren und die in normalen Zeiten zu einer gewinnbringenden Erweiterung des Betriebes zu nutzen gewesen wären. Man konnte etwa farbige Hölzer herstellen, indem man schon dem lebenden Stamm im Wald Farbstoffe einimpfte. Man konnte bei trächtigen Kühen, die schwer werfen, durch die Ernährungsweise erreichen, daß das Kalb im Tragsack klein blieb und erst nach der Geburt ins richtige Stadium wuchs. Dergleichen wußte Juch vieles.

Den Auftritt mit Halder hatte Engelbert nicht verwunden, und er übertrug die verharrende Mißstimmung auf die Allgemeinheit des Dorfes da oben. Er ging nie mehr hin, und so hatte sich die Gewohnheit herausgebildet, daß er und Juch gegen Abend zusammen über Land wanderten. Gewöhnlich mündeten diese Wanderungen im Gasthaus zum Scheidegg. Aber sie blieben nur ein Stündchen bei sparsamem Trinken dort und kehrten früh heim. Die Mädchen saßen nie mehr an ihrem Tisch.

Einmal wurde es später. Serafina war nicht da, als sie kamen, und Juch mißte sie. Sie wurde für zehn Uhr aus der Stadt zurückerwartet. Deshalb wurde ein zweiter Liter Wein bestellt. Während die jüngere Schwester ihn im Keller holte, sagte Juch zu Engelbert:

»Du bist doch kein Schulmeister. Die kleine schwarze Ambrosia ist in dich verliebt.«

»Geh!« antwortete Engelbert und sann der Bemerkung nicht nach.

Dann kam Serafina und war auf eine Art gekleidet, wie Juch und Engelbert sie nie an ihr gesehen hatten. Sie trug über dem Kleid ein kleines, helles, kühn geschnittenes Mäntelchen aus Kunstseide. Aber vor allem war es der Hut. Ein winziges Hütchen, schräg auf die gelockten Haare gesetzt, und rundum hing ein mit Punkten willkürlich betupftes Schleierchen lose bis zur Hälfte des Gesichts, so wie es wohl in der Stadt eine Mode, bei den Mädchen auf dem Land aber nie zu sehen war.

»Ja du mein«, rief Juch bei diesem Anblick, »Benzinprinzeßchen, Ihr seid die schönste im ganzen Land. Komm her und laß dich schmecken!«

Engelbert hatte die Empfindung, er müsse fliehen. Das einzige sei, davonzustürzen. Seine Augen waren mit Scham und Bangigkeit gefüllt.

Als die Männer nach Haus gingen, wurde kaum zwischen ihnen gesprochen.

Engelbert schritt, vom Nachglanz des Abends umfangen, über die dunkle Straße. Er sah nichts von den Lichtern in den Fenstern der einsam verstreuten Bauernhöfe, die sonst für ihn eine fast selige Heimeligkeit in die Nacht strahlten. Ihm fiel nichts auf, nichts rechts und nichts links, und er sah auch die Sterne nicht. Feuerschein von einem brennenden Hof stand im Hinterland in den Wolken. Keiner von beiden schien ihn zu bemerken, obschon sie drauf zugingen und hineinschauten.

»Schätze suchen und an Mädels geraten! Äh! Oder ein Genie sein!« sagte Juch in die Nacht hinaus.

Als sie eine Weile schon im Wald waren, wo man von dem Brand nichts mehr sehen konnte, flüsterte Engelbert vor sich hin: »Wieder einer!«

Von seinem Bett aus sah Ambos durch das offene Fenster das hohe, schwarze, alte Gebäude des Birnbaums und einen leuchtenden Stern drüber.

Als am nächsten Abend ihre gewohnte Stunde des Ausmarsches kam und Juch, schon als sie unterwegs waren, sagte: »Ins Scheidegg, was?« nickte er stumm dazu.

*

Sie setzten ihre Besuche in Scheidegg fort. Trotz der Heimlichkeit wissen es alle Bauernhöfe zwischen Mariathann und dem Scheidegg.

»Das ist der Huramenter, der Juch!« sagen die Bauern. »Der Engelbert wär' nicht so.«

Engelbert seinerseits wirft die einlaufenden Rechnungen und Mahnschreiben ungeöffnet in den Papierkorb. Aus dem Geldschrank heraus verkrümelt ein Hundertmarkschein nach dem andern ins Scheidegg.

Er soll fahren! Er weiß nicht wohin! …

Wenn sie die Reuttermühle verließen, kamen sie an einem alten steinernen Kreuz vorbei. Es war dort aufgestellt, wo der Zufahrtsweg zur Mühle sich von dem Sträßchen abzweigte, das von Mariathann herab das Laiblachtal durchquerte und auf der anderen Seite wieder hoch ging und zum Scheidegg hinauf führte.

Mit schwarz ausgemalten, tänzelnd geformten Buchstaben stand am Fuß des Kreuzes in den Stein gegraben der folgende Spruch, den Engelbert Tausende von Malen angeschaut und immer wieder überlesen hatte:

»Drei Dinge sind's, die mich erschrecken
Und große Furcht in mir erwecken:
Das erste ist, daß ich lebe und weiß nicht wie lang;
Das zweite ist, daß ich sterbe und weiß nicht wann;
Das dritte ist, daß ich fahre und weiß nicht wohin.
O wie kommt es, daß ich so fröhlich bin?
Gott allein die Ehr!«

Ach, Engelbert war gar nicht fröhlich. Er war vollgerammt mit Dingen, über die er gar nicht Meister war. Der Herbst war draußen in den Bäumen. Der große alte Birnbaum allein mochte an die zehn Zentner haben, schätzten die Knechte. Die Mostmühle ging, und der Geruch strich aus der Kelter ins Haus. Mit einer faulen Süße blieb er in den Räumen stehen, auch des Nachts, wenn niemand an der Kelter arbeitete, süß, faul und in einer gärenden Überreife. Ambos ließ die Knechte gewähren.

Da kam die gerichtsamtliche Mitteilung, daß auf die Kündigung der Bank nichts erfolgt sei und im Auftrag des Notariats zur Zwangsversteigerung des Besitzes geschritten werden müsse. Es war noch eine Frist eingeräumt, bis …

Aber Engelbert las nicht weiter. Juch war im Zimmer, als Engelbert das Schreiben las. Juch sah ihn an den Händen zittern. Engelberts Augen bekamen den Ausdruck einer flackernden Angst, schienen dann zu erlöschen. Das Gesicht ward wächsern bleich. Die Arme sanken nieder, und ohne aufzublicken verließ Engelbert das Zimmer.

Juch nahm den Postumschlag auf und sah, daß das Schreiben, das eine so gründliche Wirkung hervorgebracht hatte, vom Amtsgericht kam.

Eine glühende Schärfe trat in seine Augen. Er ließ den Umschlag auf den Boden flattern, schaute ihm nach und trat drauf, als das Papier die Dielen erreichte.

»Ich hab' dich jetzt!« sagte er.

Er drückte mit der Sohle nach.

»In vierzehn Tagen sind wir auf der Reise nach Barriquicimeto! Oder die Hölle hole dich und die Reuttermühle!«

Juch hatte Engelbert die Treppe hinaufgehen hören. Oben schloß sich eine Tür. Er wartete noch ein wenig. Dann folgte er ihm.

*

Engelbert ging ins Schlafzimmer. Ihm taumelte etwas im Kopf hin und her. Er konnte nicht fassen, was es war, denn seine Augen waren von einem breiigen Dunst bedeckt. Er wischte über sie, während er die Tür hinter sich schloß. Als sie zu war, stieß er noch einmal mit beiden Händen nach und drehte den Schlüssel um.

Dann lief er zu dem Bett, stürzte sich drüber und fing an schreiend in die Polster zu weinen. Er zerraufte sich die Haare. Er riß den Kragen und den Schlips weg, setzte das Hemd auf, bohrte die Nägel in die Haut der Brust und warf sich tiefer in die Kissen und schrie. Dann richtete er sich wieder auf und schlug sich mit den Knöcheln an die Schläfen und setzte Schlag auf Schlag über den ganzen Schädel und schleuderte sich wieder hin, tief ins Bett hinein, wie auf einen Feind, den er unter sich zerdrücken und ersticken wollte.

War er selber der Feind? Er wußte es nicht. War es die Bank? Die Welt? Die Zeit, in deren Räder er geraten war? Er fragte es sich nicht. Er krallte seine Finger in das Leinen, er schlug und riß es, er biß hinein, wie in einen Hals. Morden! Morden! Morden!

»Mach doch auf!« rief Juch draußen. Er klinkte, klopfte mit den Knöcheln an das Holz, stieß mit der Fußspitze in die Füllung. »Unsinn, mach doch auf!« schrie er.

»Morden! Morden!« brüllte Ambos, mit dem Mund auf den Polstern. »Ich will niemand sehn, nichts hören, nichts wissen, ich zergeh'! Ich zerplatze! Ich zerflamme! Ich zerreiß mich! In tausend Fetzen! Ich schleud're euch meine abgerissenen Glieder in die Fresse! Ich zerstampf euch! Ich zermahl euch zwischen meinen Fingern! Ich schlag mit der Faust in euer Blut! Ihr sollt verspritzen …«

Da flog die Tür auf. Juch hatte sie mit dem Fuß eingetreten. Er riß Ambos aus dem Bett.

»Hör auf!« schrie er ihn an. »Was hat das zu bedeuten?«

Ambos schaute ihn mit irren Augen an. Dann brach die Spannung. Er sank auf das Bett zurück und beugte den Kopf schwer in die Hände. Er war brüchig wie Pappe, die tagelang im Regen auf der Straße gelegen hat. »Ich bin bankrott!«

»Das weiß ich schon lange«, sagte Juch hart und laut. »Aber dem kannst du nicht begegnen, wenn du dich ins Bett wirfst und heulst. Heute sind alle bankrott, wenn sie sich eingestehn, daß sie statt mit Tausenden, wie früher, mit Zehnpfennigstücken rechnen, das hat keine Bedeutung. Bedeutung hat nur, wie du heraus kannst.«

»Rettungslos!« stammelte Ambos.

»Flenn nicht, sondern schau den Dingen in die Zähne! Die Reuttermühle steht schon lange still. Und wenn du glaubst, es gebe nichts anderes auf der Welt, als Milch aus Kuheutern streichen, dann bist auch du rettungslos verloren. Ich hab' dir einmal gesagt: Es gibt nur zwei Dinge auf der Welt. Ein Genie sein, um die Verhältnisse zu ändern, die dich zum Bankrott gebracht haben, oder Schätze suchen. Ich habe nie gehört, daß man Smaragde melken oder aus Baumstämmen sägen kann. Laß den Mist denen, die klein genug dafür sind. Ich zeig dir 'nen andern Weg. Du könntest ihn schon kennen. Aus deinem Bild her. Der Alte auf dem Bild hat dir schon einmal geholfen, damals mit den 16 500 Mark. Nimm das als 'n Zeichen. Was ist denn Europa? 'n kaputter Spüllappen! 'n verkackter Schwindel! Geh mit mir, wohin wir schon lang hätten gehn sollen, statt uns Sorgen zu machen, daß andere ihr Geld bekommen. Wir sind Männer. Benehmen wir uns danach. Wo die Wölfe heulen, gab es nie etwas zu fressen. Weshalb also mit den Wölfen weiterheulen?«

»Sie haben mir eine Frist gesetzt«, stöhnte Engelbert leise.

»Wir flöten auf die Frist! Gut, Gläubiger sind Gläubiger. Sie haben das Recht, zu trachten, daß sie zu dem ihren kommen«, hörte Ambos jetzt Juch fortfahren. »Aber du hast ein Recht auf dein Leben! Hier ist es verwirkt«, sagte Juch trocken. »Gut! Meinetwegen. Aber es gibt Räume in der Welt, denen das, was hier los ist, so wurscht ist, wie dem Wind ein Hundedreck, den er über die Straße fegt.«

Dann erklärte er Ambos seinen Plan, nach den Ländern zu gehn, nach denen schon dessen Vorfahre Hohermuth auf Entdeckungen ausgezogen war, und in denen er Schätze gesucht und gefunden hatte.

Ambos hatte sich aufgerichtet. Der Kopf lag nicht mehr in seine Hände gestützt. Ein Samen ging in ihm auf. Eine Wärme breitete sich aus. Ein neues Klima schuf sich.

Zögernd und noch ungewiß fragte er aus dem heraus, was in ihm ward: »Aber … Geld? Wir brauchen doch Geld dazu.«

»Geld!« antwortete Juch, »es müßte mit dem Teufel zugehn, wenn aus dieser Masse von Besitz nicht 'n paar Tausender für uns zu retten wären. Weißt du was, jetzt biste ruhig, und wir setzen uns da unten zusammen und du gibst mir 'ne Aufstellung über deine Schulden, und auf ein anderes Blatt setzen wir das zusammen, was Aktiva sind, und dann wollen wir schauen, was sich machen läßt.«

Das taten sie, und als sie fertig waren, sagte Juch nochmals: »So! Es müßte mit dem Teufel zugehn …«

Am nächsten Tag fuhren sie ins Notariat, und Ambos ließ Juch eine Generalvollmacht ausstellen. Dann begann Juch sofort herumzureisen.

Bald kamen fremde Leute ins Haus. Juch ging mit ihnen von Zimmer zu Zimmer. Sie stellten sich vor die Möbel, öffneten, schlossen sie, tasteten sie ab, trugen Notizen auf einen Block ein, sprachen mit Juch, der ihnen mit Eifer zusetzte.

Engelbert verließ das Haus durch eine Tür in den Garten, wenn es vorn klingelte.

Es kamen auch Männer, die Juch zu den Holzstapeln führte, die Meßinstrumente handhabten, Berechnungen in ihre Notizbücher eintrugen. Andere wurden in die Ställe geführt.

Juch reiste zu den Gläubigern und verhandelte mit ihnen, zäh, frech und auftrumpfend.

Nie beanspruchte er Engelbert. Meist war Juch schon fort, wenn Engelbert in der Früh aus seinem Zimmer kam. Oft kehrte er erst mit dem Nachtzug um elf Uhr zurück.

Engelbert widmete sich jetzt mit einem emsigen Eifer dem Betrieb. Er besorgte die Obstsortierung und baute die Versendung aus. Er arbeitete sich mit dieser unbedeutenden, aber doch viel Zeit erfordernden Tätigkeit über den Leerraum hinweg, der durch die Übertragung der Abwicklung seiner Geschäfte auf Juch in ihm entstanden war. Die lange Abwesenheit von Juch ließ ihn die Einsamkeit stark empfinden, und er ging nie zu Bett, ohne Juchs Rückkehr abgewartet zu haben. Es genügte ihm, ihn zu sehen. Er fragte nichts. Er hatte mit der Reuttermühle abgeschlossen.

Juch fuhr um acht Uhr nach Lindau. Er ging gleich in die Bank und ließ sich zum Direktor führen. Er nannte ihm seinen Namen und sagte, er komme im Auftrag von Engelbert Ambos, um ein Geschäft vorzuschlagen.

Der Direktor lächelte nachsichtig: »Wie war Ihr Name, bitte?«

Juch legte ihm die Generalvollmacht hin, die Ambos ihm hatte ausstellen lassen.

»So«, sagte der Direktor, nachdem er das Schriftstück flüchtig überlesen hatte, »und was wollen Sie?«

»12 000 Mark!« antwortete Juch kurz.

»Wie?« Der Direktor lehnte sich mit den Anzeichen eines erstaunten Schreckens vor.

»In bar. Bis morgen 16 Uhr.«

Der Direktor drückte mit den Fingerspitzen der einen Hand gegen die der andern: »Wir sahen uns gezwungen, die Zwangsversteigerung zu beantragen, weil Herr Ambos uns die 6000 Mark nicht zahlen konnte, die er uns schuldet. Und nun wollen Sie zu diesen 6000 Mark noch einmal neue 12 000 Mark. Ist es nicht vielleicht ein Irrtum, der Sie gerade zu uns führt?«

»Kein Irrtum«, sagte Juch, »sondern das Angebot eines Gewinnes von zirka 30 000 Mark.«

Der Direktor nahm eine strenge und unfreundliche Miene an.

»Ich sehe«, sagte er, »es war wirklich kein Irrtum, sondern ein schlechter Witz!«

Juch kümmerte sich nicht um das Gesicht und nicht um die Bemerkung.

»Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß ich das Angebot noch an keiner anderen Stelle gemacht habe. Zugleich auch, daß ich von der Summe von 12 000 Mark nicht mit einer Mark nachgebe.«

»Sie verfügen über Gelder, die nur in Ihrer oder Ihres Auftraggebers Phantasie …«

»Nein, über die Herr Ambos nur nicht Bescheid wußte«, unterbrach ihn Juch.

»Erklären Sie mir.«

»Haben Sie Interesse an Psychologie?« fragte Juch.

»Wenn sie den Fall berührt, deswegen Sie hier sind, ja. Für allgemeine Psychologie ist meine Zeit zu kurz bemessen.«

»Sie werden Sie strecken müssen, Herr Direktor, aber diese Psychologie berührt den genannten Fall. Ihre Forderung und Ihr Vorgehen haben meinen Auftraggeber aus dem Boden geworfen, in dem er durch Tradition sich unvergänglich und sicher verwurzelt glaubte. Über Ihre Bank gerieten seine Gelder in die Mühle der Zeit. Daß sie da hineingerieten, hatte er zunächst nicht genau erkannt, weil er sich in dem Traditionszustand sicher glaubte. Deshalb wurde er überrumpelt, sobald es um ihn ins Schwimmen kam, und er meinte, nun schwömme alles weg. Das ist aber nicht der Fall. Wir haben Werte in der Hand, die groß genug sind, die Summe zu decken, die Herr Ambos Ihnen schuldet. Und ich bin hier, um Ihnen in seinem Auftrag den formellen Vorschlag zu machen, gegen Auszahlung der eingangs erwähnten 12 000 Mark in bar, bis morgen 16 Uhr, die genannten Aktiva und Passiva zu übernehmen.«

»Sie scheinen nicht zu wissen, daß eine gesicherte Forderung …«

»Von 50 000 Mark … sogar das weiß ich, plus 6000 Mark, ist gleich 56 000 Mark. So viel Sachwerte sind vorhanden, die Herr Ambos nie in seine Geldgeschäfte einbezog … eben aus jenen psychologisch erklärlichen Gründen!«

»Ich sehe ein, daß in einem Fall, wo es sich um einen Mann handelt, der mitten aus altem traditionellem Wohlstand heraus zusammenbricht, rein menschliche Momente, an denen Herr Ambos unschuldig ist, mitbestimmend waren. Aber ich sehe nicht, wo …«

»Das können Sie auch nicht ohne Kenntnis dieser Unterlagen sehen«, schnitt Juch ihm das Wort ab.

Der Direktor zuckte mit den Schultern. Er trommelte mit einem Bleistift einen kleinen Marsch der Ungeduld auf den Knopf des Tintenlöschers. Lässig und etwas nervös hielt er die Hand hin, als Juch ihm ein Blatt hinreichte, das dieser aus dem Stoß ähnlicher Blätter zog, die in seiner Mappe lagen.

Juch sagte dazu: »Ich lege Ihnen zunächst die Dokumente einzeln vor. Sie können sich die Summen Fall für Fall notieren. Ist aber nicht nötig, da ich selbstverständlich auch eine Generalaufstellung gemacht habe, aus der Ihnen die Endsumme klar wird.«

Die Papiere wanderten eines nach dem andern in die Hand des Direktors. Der betrachtete sie zunächst nur so obenhin und legte das erste gleichmütig beiseite. Aber bald begann seine Aufmerksamkeit sich zu spannen. Er griff nach abgelegten zurück, prüfte neue eingehend und notierte Zahlen auf einen Block.

»Der Aufmarsch unserer braunen Aktiven!« sagte Juch spöttisch dazwischen. »Ich meine die Farbe der Tausendmarknoten.«

Die Aufstellungen waren genau und bis in Einzelheiten vermerkt. Für jede Gattung war ein eigenes Blatt eingerichtet. Da las der Direktor zum Beispiel auf einem Blatt:

Vieh:

28 Kühe, 5 Stück Jungvieh, 2 Stiere. Schätzwert: 15 000 Mark. Wir Unterzeichneten erklären uns bereit, gegen Barzahlung von 12 000 Mark das oben beschriebene Vieh zu übernehmen. Josef Allgaier und Otto Krieger, Viehhändler in Wangen i. A. Die Unterschriften des Josef Allgaier und Otto Krieger beglaubigt das Württembergische Notariat, Wangen i. A.

Ein Blatt kam ans andere. Alle nach demselben Schema. Der Schätzung des Wertes folgte die Mitteilung des Angebots und die Beglaubigung der Unterschriften. Die Bretter und Blöcke übernahm eine Holzfirma zum Ausgleich ihrer Rechnung an Ambos im ganzen und erklärte sich bereit, über die Befriedigung ihrer Ansprüche hinaus 20 000 Mark zu zahlen. Ein Juwelier aus München hatte die Schmuckstücke und Edelsteine auf 6000 Mark geschätzt und war bereit, diese Summe dafür zu zahlen. Ein Antiquar bot auf dieselbe Weise für die Altertümer, die in der Reuttermühle erhalten geblieben waren, 8000 Mark, eine Möbelfirma für Mobiliar und Wäsche 4000 Mark.

Nur bei den landwirtschaftlichen Geräten und Maschinen, der Säge, Personen- und Kraftwagen war ein nicht mit einem Angebot unterlegter Schätzwert von 6000 Mark eingestellt.

»Die ersten fünf Positionen mit sicherm Angebot machen nämlich 50 000 Mark aus. Bei Punkt sechs«, sagte Juch lächelnd, »habe ich eigenmächtig 6000 Mark eingesetzt, damit uns kein Strich durch die Rechnung gemacht wird und die 6000 Mark erreicht werden, die Ihr Guthaben betragen.«

Der Direktor rieb sich emsig den Nasenflügel und verzog das Gesicht. »Und die Passiva?«

»Die andere Seite«, scherzte Juch, »sieht so aus: Ihre Forderung 56 000, unsere 12 000 Mark.

Die andern Gläubiger erklären sich, nach diesen Dokumenten, bereit, sich mit 60 Prozent abfinden zu lassen. Das beansprucht einschließlich der beigemerkten Steuerschulden eine Summe von rund 20 000 Mark, so daß die Passiva 88 000 Mark betragen, denen gegenüber wir tätig sind mit 56 000 Mark an Sachwerten plus dem Besitz: Reuttermühle. Sie haben es also in der Hand, die Reuttermühle für 32 000 Mark in Ihren Besitz zu bringen. Da ist nicht viel gegen zu sagen, was? In einer Zeit, wo das Geld scheinbar auf Entdeckungsreisen am Südpol ist. Wie hoch, schätzen Sie, wird bei einer Zwangsversteigerung die Reuttermühle kommen? 200 000 Mark geschätzt«, antwortete er selber. »Ich bin ein Pessimist, geboren dazu, wir lösen 25 Prozent des Wertes von 1914.« Dazu tupfte er mit seinem starr gebogenen kleinen Finger in einem raschen pizzicato auf die untereinander gereihten Zahlen wie auf die Tasten eines Klaviers. Ja, Juch kam sich vor, als spielte er dem Direktor diese Zahlen vor wie ein Instrument, wie einer der Zauberer, die er in dem gebenedeiten Jahr 1913, für dessen Wiedergeburt er dies alles auf sich genommen hatte, vor dem Gall-Face-Hotel in Colombo einer Brillenschlange mit emsigen Fingern auf einer Flöte hatte vorspielen sehen. Die hatte zu der Flöte die Ohren gestellt und angefangen zu tanzen. Still jetzt! Und er unterbrach Rede und Spiel des kleinen Fingers auf den Tasten der Zahlen. Jetzt stellt der Direktor auch die Ohren. Gleich wird er tanzen.

Juch hatte die plötzliche Empfindung, es sei jetzt geraten, das Maul zu halten. Der Direktor umkreiste den Köder. Ein Wort zuviel, ein Wort an der falschen Stelle, ein Wort mit einer unrichtigen Betonung, und die Forelle flitzt weg.

Der Direktor trommelte nicht mehr mit dem Bleistift den Marsch der Ungeduld auf den Knopf des Löschers. Er hatte ihn jetzt umgedreht und trug emsig Zahlen auf den großen Notizblock ein, die er scharf beäugte wie ein Jäger das Reh, das in die Schneise zu treten beginnt.

Mitten aus dieser Beschäftigung richtete er den Kopf hoch:

»Eines muß ich Ihnen sagen, es ist ausgeschlossen, daß Ihnen die Summe, über die wir uns vielleicht einigen, bis morgen zur Verfügung steht. Sie begreifen, daß meine oberste Stelle eine Nachprüfung Ihrer Angaben verlangt, bevor wir dem Angebot nähertreten.«

» Conditio sine qua non! Sie brauchen dann Ihren Bleistift nicht weiter zu bemühn. Aber ich bitte Sie zu bedenken, daß Sie von jetzt 10 Uhr bis morgen 16 Uhr dreißig Stunden Zeit haben. Für jede 1000 Mark, die Sie aus dem vorgeschlagenen Geschäft verdienen, eine Stunde. Je mehr Sie die Wartezeit kürzen, um so stärker wird Ihr Stundenverdienst.«

»Gut! Wissen Sie was? Ich muß sowieso über den Fall mit München telephonieren. Wann können Sie wiederkommen?« fragte der Direktor.

»Wie lang' brauchen Sie zu dem Gespräch?«

»Nun, sagen wir eineinviertel Stunden. Ich muß mir zunächst diese Unterlagen noch genau ansehn.«

»Fein«, antwortete Juch. »Meine Rede hat mir Durst gemacht. Rufen Sie mich bitte an, wenn Ihre Unterhaltung mit München beendet ist.«

»Wo?«

»Wo? Ja, sagen wir im ›Goldenen Lamm‹. Wegen der guten Bedeutung und der Bezüglichkeit auf unsere Angelegenheit im Namen. Da ist ein reizendes Mädel, mit dem ich gut eineinviertel Stunden verplaudern kann. Sie ist aus Ihrer Heimat, der Sprache nach, Gegend Altötting … Passau …«

»Kennen Sie die Gegend, Herr Juch? In der Tat, ich bin …«

»Unnötig zu versichern. Die meisten bedeutenden Finanzgenies Bayerns sind dort geboren.«

»Dann sind Sie wohl auch nicht weit von dort zu Haus?«

Die beiden lachten sich herzlich an.

Kurz vor halb zwölf wurde Juch im ›Goldenen Lamm‹ angerufen. Der Direktor habe mit München sich verständigt, er bitte Herrn Juch zur Bank zurückzukommen.

»In acht Tagen sitzen wir auf 'nem Schiff!« sagte Juch, als er angehängt hatte.

Die Bank nahm den Vorschlag, den Herr Juch im Auftrag von Herrn Ambos ihr gemacht hatte, an. Voraussetzung sei eine Überprüfung der Unterlagen. Um diese bis morgen 16 Uhr beendet zu haben, bedürfe es der Benützung des Fernsprechers. »Das ist ja wohl wesentlich teurer als der laufende Postweg.«

»Spielt aber gegenüber dem in Aussicht stehenden Gewinn aus dem Geschäft von 30 000 Mark keine Rolle«, unterbrach ihn Juch mit einem verbindlichen Lächeln.

Der Direktor kam ein wenig außer Fassung. Er schaute Juch an, ohne für den ersten Augenblick das passende Wort zur Entgegnung zu finden, denn es war klar, daß der Kunde die Spesen trug.

»Meine Nase gefällt Ihnen wohl nicht, Herr Direktor, sagte Juch, als er sah, wie der Direktor ihn so hilflos anschaute. »Mir auch nicht. Aber, was betrüblicher ist, Ihrer Landsmännin im ›Lamm‹ ebenfalls nicht. Denn als ich ihr sagte, ich könne die Zeche nicht begleichen, weil ich der Bank jetzt für meine Vermittlung eines Geschäftes über 30 000 Mark Fernsprecherspesen zahlen müsse, ich lasse ihr aber meine Nase als Pfand da, wies sie diese Garantie unwillig ab.«

Der Direktor sagte jetzt lachend: »Hören Sie, wollen Sie nicht bei uns in die Bank eintreten?«

»Danke, nein«, antwortete Juch, »ich habe Besseres vor«

»Aber etwas müssen Sie mir erlauben, Ihnen zu sagen. Ich habe manche Geschäfte an diesem Tisch abgewickelt. Sie sind ein Finanz-Romantiker.«

»In Gelddingen kommt es mehr auf das Ziel als auf den Weg an«, sagte Juch.

Den nächsten Tag betrat er Punkt vier Uhr mit Ambos die Bank.

Der Direktor empfing sie. Das Geld war vorbereitet.

»Gestatten Sie mir ein Wort, meine Herren, bevor ich unser Geschäft erledige. Ich halte es für meine Pflicht als Leiter der Bank, die schon mit Ihrem Herrn Vater gearbeitet hat und durch gute und böse Zeiten auch fruchtbare Beziehungen zu Ihnen selber gepflogen hat, Sie auf etwas aufmerksam zu machen. Weshalb wollen Sie liquidieren? Es wäre ja wegen …«

»Es ist wegen Europas!« antwortete Juch rasch und schlug mit der Hand einen tatkräftigen Strich durch die Luft.

Der Direktor machte eine unentschiedene Bewegung, sagte aber nichts mehr und legte das Geld hin.

»Wegen der Schiffskarten war ich schon beim Vertreter der Hamburg-Amerika-Linie«, sagte Juch auf der Straße. »Heut in acht Tagen fährt die ›Orinoko‹ nach Venezuela!«

Sie begaben sich in den Zigarrenladen, dessen Besitzer in Lindau die Linie vertrat.

»Wir nehmen erste Kajüte«, sagte Juch auf dem Weg dahin zu Engelbert.

»Du mußt es wissen!« antwortete Engelbert.

»Es ist gut, wenn man die Wurst nach der Speckseite wirft, 'ne Reise in der ersten Kajüte bringt uns wahrscheinlich Mitreisende, die uns nützen können.«

*

In den paar Tagen, die ihnen jetzt noch auf der Reuttermühle blieben, vermochte Engelbert nicht zu einer selbständigen, von Juchs Impulsen und Führung gelösten Auffassung über das, was nun kommen sollte, zu gelangen. Sein Besitz, die Heimat, die Familie lagen tief verschüttet in ihm. Das Wehr, der Bach, die Wälder, das brummende Rauschen der Turbine, das kreischende Singen der Sägen, Holzfuhrwerke, die Stapelplätze, das Vieh, die Wiesen, Obstbäume, die alten Zimmer und Möbel, die Beziehungen zu den Dorfbewohnern waren in einen Strom von Erinnerungen verflüchtigt, der in einem Nebel neben ihm herzufließen schien, ohne ihn zu berühren. Er verschwand in ein schwarzes Loch.

Nur das Andenken an Rosina trat mit einer eigenen Wesenheit daraus hervor. Dunkel von Schwermut, wühlend wie ein Sturm im Wald hielt es sein Gemüt in Bewegung. Wenn es dunkel geworden war, ging er auf den Friedhof, jeden Abend. Er sank an dem Hügel, unter dem sie lag, in die Knie und wühlte, um ihr näher zu kommen, seine Hände in den Erdboden, in dem ihr Irdisches verging.

Am Vorabend ihrer Abreise nach Hamburg zog er seinen Ehering vom Finger, als er am Grabe hinkniete, und grub ihn mit der Hand in den Boden.

»Etwas … haben von mir, bevor ich …«, stammelte er, und ein schluchzendes Weinen verzehrte die weiteren Worte.


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