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I.
[Ins Leben hinaus]

He Nanett', was ist denn heut bei euch auf dem Sonnenberg los? Zehn Briefe und ein großes Paket vom Fräulein Hannele. Das hat doch was zu bedeuten?«

Der alte Postbote, »der Poschtle«, wie er im ganzen Städtchen hieß, wischte sich bei den Worten die Stirn, obwohl es erst Anfang Januar war, und trat an die Türe des stattlichen Landhauses.

Dort stand eine alte Frau, die Nanett', und nötigte ihn einzutreten.

»Gottlob! endlich Einer, der Interesse für den heutigen Tag hat,« rief sie ganz erleichtert, »dafür kriegen Sie auch ein Schnäpsle, Herr Koch.«

»Siebzigsten Geburtstag sollten wir heut von Rechts wegen feiern. Aber der Krieg hat ja alles verdorben. Nicht einmal den Ehrentag vom Herrn Geheimrat können wir begehen, keine Verwandtschaft gekommen, kein Fräulein Hannele ist hier! Und der Herr selber! Den ganzen Tag im Sanatorium bei den Verwundeten, kein Gedanke an seinen hohen Festtag! O, der abscheuliche Krieg!«

»Ihr seid wirklich arg eingebildet auf dem Sonnenberg, Jungfer Nanett'. Wie wenn der Krieg nur abscheulich wär', weil er grad euren siebzigsten Geburtstag stört. Das sind doch jetzt alles Kleinigkeiten.«

»Eigentlich haben Sie recht, der Herr Geheimrat hat mir's heut morgen auch schon gesagt. Aber man hängt halt an seinen Gebräuchen und Festessekoche, des ist halt meine ganze Freud'. Wir haben ja sowieso kein rechtes Weihnachten, kein rechtes Neujahr gehabt in der Familie, wenn auch die Feiern im Sanatorium wunderschön und festlich waren.«

»Des Schnäpsle ist gut, Nanett'. Wollen wir nit wenigstens den Herrn Geheimrat leben lassen?« fragte der »Poschtle« und stellte sein leeres Gläslein aufmunternd vor die alte Nanett'.

»Ja, das wolle mer mache, 's ist selbergemachter Nußlikör,« und vergnüglich schenkte Nanett' zwei Gläslein voll.

»Auf den Herrn Geheimrat!«

»Und auf unsere Siege!« nickte Nanett', um wieder großzügiger zu erscheinen.

Es war ein behagliches Bild, die beiden alten Menschen in der geräumigen, warmen Küche ihr Schnäpslein trinken zu sehen. Und behaglich war auch die weitere Umgebung der beiden. Das ganze alte Landhaus, das frei auf einer Anhöhe in herrlichem Garten, dem See zugewendet, dalag. »Zum Sonnenberg« hieß die Anhöhe.

Hell und warm lag die Sonne den ganzen Tag darauf, und es war wie wenn das ganze Haus das Sonnenlicht einsaugte, denn auch in trüben Tagen ging Helle und Wärme davon aus, und die Menschen hatten alle Sonne im Herzen. Auch die alte Nanett' hatte ein Strahlenbündelein eingefangen, denn ihr Herz war voll Treue, voll sorgender Liebe für ihren Herrn, für seine Kinder, für seine Kranken, und ihr Leben galt der steten Fürsorge für ihre Mitmenschen.

Nanett' hatte die Postsachen durchgesehen. Ganz aufgeregt rief sie: »Ach Gott, ach Gott, endlich Nachricht vom jungen Paar!«

»Was macht denn die junge Herrschaft da drüben in Japan?«

»Ja, das ist halt ganz schrecklich! Aber ich hab's gleich g'sagt, zu was braucht der Herr Max mit seiner jungen Frau zu dene gelbe Völker zu gehe, die so stinke und faule Eier esse! Wär' er ruhig in Deutschland gebliebe und seine Frau au, bei ihre herzige Bube! Nun muß unser Fräule Hannele die hüte und kann nit hier sein beim Papa, und die zwei sitze g'fange in Japan. Ach Gott, ach Gott, der Krieg!«

»Ja, ja, er bringt uns viel Schweres, aber auch viel Schönes. Vier Söhn' hab' ich draußen in Frankreich. Zwei haben schon 's Eiserne Kreuz. Da kann ich doch wahrhaftig stolz sein als Vater.«

»Da gratulier' ich, Herr Koch,« sagte Nanett', aber sie war nicht recht bei der Sache, zumal sie das alles schon wußte.

»Jetzt hab' ich aber g'nug g'schwätzt,« sagte sie nach dem letzten Schluck, »ich will jetzt alles richten für den Herrn. Die Brief, das Paket, ein bißle Esse und Trinke, ein paar Blümle, es muß doch ein wenig festlich ausschaue, wenn er kommt.«

»Also b'hüt' Gott, Jungfer Nanett',« sagte der »Poschtle« und verließ das Haus.

Im Sanatorium Sonnenberg blitzten die ersten Lichter auf und suchten sich gegen das scheidende Sonnenlicht des Januartages zu behaupten. Aber das Tagesgestirn war siegreicher. Mit roter Glut übergoß es die ganze Anhöhe und in ihrem Schimmer schritt eine hohe Männergestalt aus dem Portal den Weg hinüber zum alten Landhaus. Es war der Geheimrat Hohenzell, der Besitzer des ganzen »Sonnenberges«, der bekannte und beliebte Arzt. Seine siebzig Jahre, die er heute feierte, sah man ihm kaum an. Ungebeugt, mit elastischem Gang, das Gesicht gesund gebräunt, mit blitzenden braunen Augen, das ergraute Haar noch voll und lockig aus der hohen Stirn gestrichen, bot er das Bild einer starken, gesunden, lebensfrohen Persönlichkeit. Seine Patienten sagten nicht umsonst von ihm: »Wenn der Herr Geheimrat ins Zimmer kommt, ist man schon halb gesund!« Und auch jetzt in der schweren Kriegszeit, als er sein Sanatorium zum Lazarett umgewandelt hatte, folgten ihm die Segenswünsche der Verwundeten und Geheilten. Mit seinem goldenen Humor half er soviel wie mit seiner geschickten Hand, und seine von Herzensgüte durchwärmte Tatkraft half auch weit über die Mauern seines Sanatoriums.

Heute hatte der Geheimrat zum erstenmal früher Schluß gemacht und alles Weitere seinen Assistenzärzten überantwortet. Der Abend gehört meinem siebzigsten Geburtstag, hatte er sich vorgenommen und mit diesem Entschluß schritt er den Gartenweg entlang dem Hause zu.

Nanett' empfing ihren Herrn an der Haustür.

»'s sind viel Brief gekommen, ein großes Paket von Fräulein Hannele und ein Brief vom Herrn Max aus Japan. Gottlob! ich hab' alles für den Herrn Geheimrat im Arbeitszimmer gerichtet, ich weiß ja doch, der Herr sitzt heut nit allein ins Eßzimmer, ohne die Briefe.«

»Du hast recht wie immer, Nanett',« nickte der Geheimrat und trat in sein Arbeitszimmer.

So urgemütlich sah's da aus, immer wieder erfrischte die Traulichkeit des Raumes seinen Besitzer.

Die vielen Bücherschränke, der große Schreibtisch mit dem bequemen Lehnstuhl, der mächtige Kachelofen, die weichen Teppiche, das Ruhebett, alles so behaglich und schön.

Und dann der herrliche Blick hinaus in die gesegnete Landschaft, gerade nach Westen, hinein in den leuchtenden, untergehenden Sonnenball. Der Geheimrat trat ans Fenster und schaute dem Vergluten zu.

Ein schöner, klarer Januartag ging zu Ende.

»Ich will's als gutes Zeichen nehmen für mein Leben,« murmelte er und wandte sich dem Schreibtisch zu.

Zuerst alle anderen Briefe und dann Hanneles Paket!

Die Nachrichten aus Japan waren befriedigend.

Das junge Paar war gut aufgehoben. Wie lange sie noch drüben bleiben würden, war ungewiß.

»Gottlob geht's ihnen gut,« murmelte der Leser und öffnete die anderen Briefe. Lauter Glückwünsche, liebe, gute, dankbare Worte, aber er eilte darüberhin, denn seine Sehnsucht war bei Hanneles Paket, bei dem Briefe seines Töchterleins, seines Sonnenscheins, seines jungen Kameraden, dem seine ganze Liebe gehörte.

Endlich hielt er das Paket in der Hand und öffnete es. Ein schönes Lederbuch und ein Brief kamen zum Vorschein.

 

»Liebes Vaterle! Laß Dich innig und mit all meiner dankbaren Liebe umarmen an Deinem siebzigsten Geburtstag. Der liebe Gott gebe uns noch viele schöne Jahre des Glückes. Schau, lieb's Vaterle, ich konnte heut nicht fern bleiben und so komm' ich selber mit allem, was ich denke und fühle, was ich Dir verdanke an Gutem und Schönem mit all meinen Fehlern und Schwachheiten: mein Tagebuch leg' ich in Deine lieben Hände. Und wenn Du Gutes darin findest, so ist es Dein Geschenk, das ich Dir wieder darbringe zum heutigen Tag.

Mehr will ich nicht schreiben, das Buch sagt Dir ja alles.

Behüt' Dich Gott und sei von Herzen geküßt in dankbarer Liebe von Deinem Hannele.«

 

»Gedankenverbindung,« lächelte der Geheimrat und griff nach einem Bündel Briefe, das auf dem Schreibtische lag.

»All deine Briefe wollte ich lesen zur heutigen Feierstunde und nun schickst du mir noch dein Tagebuch! Nun hab' ich dich ganz, mein Hannele!«

Und sorgfältig ordnete er die Briefe nach dem Datum zwischen die Tagebuchblätter, dann rückte er sich den Tisch mit dem bereiten Essen heran, goß ein Glas Wein ein und setzte sich behaglich zurecht.


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