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Joseph und seine Brüder. Band I. Die Geschichten Jaakobs

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von Thomas Mann

Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag GmbH | Jahr: 1990

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Kapitel 9

Siebentes Hauptstück. Rahel

Das Öl-Orakel

Es war Dina, das Frätzchen, die damals erzeugt wurde, – ein unglückliches Kind. Lea's Leib aber ward neu eröffnet durch sie; nach vierjähriger Pause kam die Rüstige wieder in Zug. Im zehnten Ehejahr gebar sie Issakhar, den knochigen Esel, im elften den Sebulun, der wollte kein Hirte sein. – Arme Rahel! Sie hatte die Dudaim, und Lea gebar. So wollte es Gott und wollte es noch eine Weile so, bis sein Wille sich wendete oder vielmehr auf eine neue Stufe trat; bis ein weiteres Teilstück seines Schicksalsplans offenkundig ward und Jaakob, dem Segensmanne, ein Glück zuteil wurde – lebensvoll-leidensträchtig, wie sein zeitbefangener Menschensinn sich nicht träumen ließ, da er's empfing. Laban, der Erdenkloß, hatte wohl recht gehabt, als er beim Biere schwer gekündet, daß Segen Kraft sei und Leben Kraft und nichts weiter. Denn das ist dünner Aberglaube, zu meinen, das Leben von Segensleuten sei eitel Glück und schale Wohlfahrt. Bildet der Segen doch eigentlich nur den Grund ihres Wesens, welcher durch reichliche Qual und Heimsuchung zwischenein gleichsam golden hindurchschimmert.

Im zwölften Ehejahr oder dem neunzehnten von Jaakobs Labanszeit wurde kein Kind geboren. Im dreizehnten aber und zwanzigsten kam Rahel in Hoffnung.

Welch eine Wende und welch ein Anbruch! Man stelle sich doch ihr ängstlich-ungläubiges Frohlocken vor und Jaakobs kniefälliges Hochgefühl! Sie war einunddreißig Jahre alt zu der Zeit; niemand hatte vermeint, daß Gott ihr dies Lachen noch aufgespart hätte. In Jaakobs Augen war sie Sarai, die einen Sohn haben sollte nach des dreifachen Mannes Verkündigung, wider alle Wahrscheinlichkeit, und mit Urmutters Namen nannte er sie, zu ihren Füßen, aufblickend durch Tränen der Andacht in ihr bläßlich sich entstellendes Antlitz, das ihm lieblicher schien als je. Ihre Frucht aber, die lange verweigerte, endlich empfangene, dieses Kind, das ihrer Zuversicht durch einen unbegreiflichen Bann so viele Jahre war vorenthalten worden, nannte er, während sie es trug, mit dem uralten, archaischen Namen einer amtlich kaum noch recht anerkannten, im Volke aber beliebt gebliebenen Jünglingsgottheit: Dumuzi, echter Sohn. Lea hörte es. Sie hatte ihm sechs echte Söhne und eine ebenfalls durchaus echte Tochter gebracht.

Sie wußte ohnedies Bescheid. Zu ihren vier Ältesten, damals zehn bis dreizehn Jahre alt, so gut wie erwachsen, stämmige und höchst brauchbare, männlich veranlagte junge Leute, wenn auch ziemlich unschön von Angesicht und alle mit einer Neigung zur Lidentzündung, sagte sie klar und offen:

»Söhne Jaakobs und Lea's, mit uns ist's aus. Wenn jene ihm einen Sohn gebiert – und ich wünsche ihr Heil, die Götter sollen mein Herz behüten –, so sieht der Herr uns nicht mehr an, euch nicht und die Kleinen nicht, noch die Kinder der Mägde und mich nun schon gar nicht, ob ich auch zehnmal die Erste wäre. Denn die bin ich, und siebenfach haben sein Gott und meines Vaters Götter mir Muttergelingen gegeben. Sie aber ist die Liebste, drum ist sie ihm auch die Erste und einzig Rechte, so stolz ist sein Sinn, und ihren Sohn, der noch nicht am Lichte ist, nennt er Dumuzi, ihr habt's gehört. Dumuzi! Es ist wie ein Messer in meine Brust und wie ein Backenstreich in mein Antlitz, wie eine Strieme ist es in das Antlitz eines jeden von euch, doch müssen wir's dulden. Knaben, so steht es. Wir müssen gefaßt sein, ihr und ich, und unsere Herzen in beide Hände nehmen, daß sie nicht stürmisch ausarten wider das Unrecht. Wir müssen lieben und ehren den Herrn, ob wir in Zukunft auch nur ein Wegwurf sein werden in seinen Augen und er durch uns hindurchblicken wird, als seien wir Luft. Und auch jene will ich lieben und will mein Herz pressen, daß es sie ja nicht verwünsche. Denn es ist zärtlich dem Schwesterlein und innig gesinnt dem Kindgespiel, aber die Liebste, die den Dumuzi gebären will, hat es eine heftige Neigung zu verwünschen, und so geteilt sind meine Empfindungen für sie, daß mir schlecht ist und übel davon im Leibe und ich mich selber nicht kenne.«

Ruben, Schimeon, Levi und Jehuda liebkosten sie ungeschickt. Sie grübelten mit den rötlichen Augen und kauten die Unterlippe. Damals fing es an. Damals bereitete sich in Rubens Herzen die rasche Zornestat vor, die er einst tun sollte für Lea und die der Anfang war vom Ende seiner Erstgeburt. Damals senkte sich in die Herzen der Brüder der Keim des Hasses gegen das Leben, das selbst erst ein Keim war; die Saat geschah, die aufgehen sollte als unnennbares Herzeleid für Jaakob, den Gesegneten. Mußte es denn so sein? Hätte nicht Friede und heiterer Sinn können herrschen im Jaakobsstamm und alles einen gelinden und gleichen Gang nehmen in ebener Verträglichkeit? Leider nicht, wenn geschehen sollte, was geschah, und wenn die Tatsache, daß es geschah, auch zugleich der Beweis dafür ist, daß es geschehen sollte und mußte. Das Geschehen der Welt ist groß, und da wir nicht wünschen können, es möchte lieber friedlich unterbleiben, dürfen wir auch die Leidenschaften nicht verwünschen, die es bewerkstelligen; denn ohne Schuld und Leidenschaft ginge nichts voran.

Wieviel Aufhebens gemacht wurde von Rahels Zustand, das war allein schon ein Ärger und Greuel für Lea, nach deren rüstigen Schwangerschaften niemals ein Hahn gekräht hatte. Rahel war gleichsam heilig geworden durch die ihre, eine Auffassung, deren Urheber natürlich Jaakob war, der aber kein Hausgenosse, von Laban angefangen bis hinab zum letzten Hofsklaven und Stallräumer, sich zu entziehen vermochte. Man ging auf den Zehenspitzen um sie herum, man sprach nicht anders zu ihr als mit süßlich wehleidiger Stimme, indem man schiefen Kopfes Handbewegungen beschrieb, als streichelte man den Luftraum, der ihre Gestalt umgab. Nichts fehlte, als daß man Palmzweige und Teppiche hingebreitet hätte, wo sie ging, damit ihr Fuß nicht an einen Stein stoße; und bläßlich lächelnd ließ sie die Hofmacherei sich gefallen, weniger aus Eigenliebe als um der Jaakobsfrucht willen, mit der sie endlich gesegnet war: zu Ehren Dumuzi's, des Echten. Aber wer unterscheidet wohl Demut und Hoffart der Gesegneten?

Behangen mit Amuletten, durfte sie keine Hand rühren in Haus, Hof, Garten und Feld. Jaakob verbot es. Er weinte, wenn sie nicht essen oder das Gegessene nicht behalten konnte; denn wochenweise ging es ihr kläglich, und man befürchtete sehr den hämischen Einfluß irgendwelchen Gelichters. Beständig legte Adina, ihre Mutter, ihr Salbverbände auf, die sie nach alten Rezepten herstellte und deren Kräfte zwiefach waren: sowohl zauberhaft schützend und abschreckend wie auch auf natürliche Weise heilsam und schmeidigend wirkten die Gemenge. Sie zerrieb Nachtschatten, Hundszunge, Gartenkresse und die Wurzel der Pflanze Namtars, des Herrn der sechzig Krankheiten, rührte das Pulver mit reinem, eigens besprochenem Öle an und massierte der Hoffenden die Nabelgegend damit von unten nach oben, indem sie auf verwaschene, alles ineinanderziehende und halb sinnlose Weise murmelte:

»Der böse Utukku, der böse Alu mögen beiseite treten; böser Totengeist, Labartu, Labaschu, Herzkrankheit, Bauchgrimmen, Kopfkrankheit, Zahnschmerz, Asakku, schwerer Namtaru, geht aus dem Hause, beim Himmel und bei der Erde sollt ihr beschworen sein!«

Im fünften Monat bestand Laban darauf, daß Rahel zu einem Sehepriester des Sin-Tempels E-chulchul nach Charran gebracht werde, damit er ihr und dem Kinde durch Wahrsagung die Zukunft deute. Jaakob wahrte nach außen hin seine Grundsätze, indem er sich dagegen aussprach und seine Teilnahme verweigerte, brannte aber im Grunde nicht weniger als die Verwandten auf den Spruch und war der erste, zu wünschen, daß nichts versäumt werde. Überdies war der alte Seher und Hausbetreter Rimanni-Bel, das ist: ›Bel, erbarme dich meiner‹, ein Sohn und Enkel von Sehern, um den es sich handelte, ein besonders volkstümlicher und kunsterfahrener Weissager und Ölkundiger, der nach allgemeinem Urteil meisterhaft sah und zu dem immerdar großer Zudrang herrschte; und wenn Jaakob es selbstverständlich ablehnte, als Fragender vor ihn zu treten und dem Monde zu opfern, so war er doch viel zu neugierig auf alles, was, unter welchem Gesichtspunkt immer, über Rahels Zustand und Aussichten etwa zu sagen war, als daß er die Eltern nicht nachsichtig hätte gewähren lassen sollen.

Sie waren es also, Laban und Adina, die auf dem Wege nach Charran zu beiden Seiten den Zaum des Esels hielten, auf dem die Schwangere saß, und ihn behutsam führten, daß sein Fuß nicht stolpere und nicht die Bleiche erschüttert werde. Hintennach aber zerrten sie das Schaf, das sie opfern wollten. Jaakob, der ihnen gewinkt hatte, blieb zu Hause, um nicht den Prunkgreuel zu sehen von E-chulchul und nicht ein Ärgernis zu nehmen am zugehörigen Hause der Buhlweiber und Liebesknaben, die sich den Fremden überließen für schweres Geld, zu Ehren des Abgottes. Er wartete, ohne eigene Verunreinigung, den Spruch des Sehersohnes ab, die Becherweissagung, die jene nachdenklich heimbrachten, und lauschte schweigend ihren Erzählungen, wie es ihnen im Tempelbezirk und vor dem Angesichte Rimanni-Bels, des Ölbeschauers, oder Rimuts, wie er sich nennen ließ um der Kürze willen, ergangen war. »Nennet mich Rimut, ganz bündig!« hatte der Milde gesagt. »Denn ich heiße zwar Rimanni-Bel, damit Sin sich meiner erbarme, aber ich selbst bin voller Erbarmen mit denen, die um ihrer Not und ihres Zweifels willen zu opfern wissen, darum saget einfach ›Erbarmen‹ zu meiner Anrede, die Abkürzung steht mir zu Gesichte.« Und dann hatte er sich erkundigt, was sie mitgebracht an Notwendigem, die Makellosigkeit untersucht des Darzubringenden und sie angewiesen, noch die und die Brandspezereien zu erstehen bei den Handelsständen des Haupthofes.

Ein angenehmer Mann, dieser Rimanni-Bel oder Rimut in seinen weißen Linnengewändern und seiner ebenfalls linnenen Kegelmütze, – ein Greis schon, doch ranken und nicht von Speck entstellten Leibes, mit weißem Bart, einer geröteten Knollennase und scherzhaften Äuglein, in die zu blicken erheiternd wirkte. »Wohlschaffen bin ich«, hatte er geäußert, »und ohne Tadel an Gliedern und Eingeweiden, wie das Opfertier, wenn es angenehm ist, und wie das Schaf, wenn nichts dagegen zu sagen. Ich bin eben nach Wuchs und Maßen, und weder ist gekrümmt mein Bein nach außen oder innen, noch fehlt mir auch nur ein einziger Zahn, noch muß ich mich schieläugig nennen oder hodenkrank. Nur meine Nase ist etwas rot, wie ihr seht, doch allein aus Lustigkeit und aus keiner anderen Ursache, denn ich bin nüchtern wie klares Wasser. Ich könnte nackend vor den Gott treten, wie es ehemals üblich war, so hören und lesen wir. Jetzt stehen wir vor ihm in weißem Linnen, und auch des bin ich froh, denn es ist rein und nüchtern ebenfalls und steht meiner Seele an. Ich hege keinen Neid auf meine Brüder, die Beschwörungspriester, die in rotem Untergewande und Überwurf handeln, gehüllt in Schreckensglanz, um die Dämonen in Verwirrung zu setzen, die Lauerer und das Gelichter. Auch sie sind nützlich und notwendig und ihrer Einkünfte wert, doch möchte Rimanni-Bel (das bin ich) nicht einer von ihnen sein noch der Wasch- und Salbenpriester einer, noch ein Besessener, noch auch ein Klage- und Schreipriester, noch etwa ein solcher, dessen Mannbarkeit Ischtar in Weiblichkeit verwandelt hat, so heilig es sein mag. Sie alle erwecken mir nicht eine Spur von Mißgunst, so recht ist mir meine Haut, und auch keine andere Art von Wahrsagekunst möchte ich üben als einzig und allein die ölkundige, denn das ist mit Abstand die vernünftigste, klarste und beste. Unter uns gesagt, es ist bei der Leberschau sowohl als beim Pfeilorakel viel Willkür im Spiel, und auch die Deutung von Träumen und Gliederzuckungen entbehrt nicht der Fehlerquellen, so daß ich mich im stillen oft etwas lustig darüber mache. Euch angehend, Vater, Mutter und schwangeres Kind, so habt ihr den rechten Weg eingeschlagen und geklopft an die rechte Tür. Denn mein Ahn ist Enmeduranki, der König zu Sippar war vor der Flut, der Weise und der Bewahrer, dem die großen Götter die Kunst verliehen, Öl auf Wasser zu beschauen und zu erkennen, was sein wird, nach des Öles Benehmen. In schnurgerader Linie, vom Vater auf den Sohn, leite ich von ihm meinen Ursprung her, und ist lückenlos die Überlieferung, denn immer ließ der Vater den Sohn, den er liebte, auf Tafel und Schreibstift schwören vor Schamasch und Adad und ließ ihn lernen das Werk ›Wenn der Sohn der Seher‹ bis herab zu Rimut, dem Heiteren, Tadellosen (das bin ich). Und ich erhalte von dem Schaf das Hinterteil, das Fell und einen Topf Fleischbrühe, daß ihr's im voraus wißt; ferner die Sehnen und die Hälfte der Eingeweide nach den Tafeln und gemäß den Aufstellungen. Die Lenden, die rechte Keule und ein schönes Bratenstück erhält der Gott, und was übrig ist, danach heben wir gemeinsam die Hände beim Tempelmahl, seid ihr's zufrieden?«

So Rimut, der Sehersohn. Und sie hatten geopfert auf dem mit Weihwasser besprengten Dach, hatten aufgetragen vier Krüge Wein und zwölf Brote sowie Mus aus Dickmilch und Honig auf den Tisch des Herrn und Salz gestreut. Dann hatten sie Feuerswürze gestreut auf den Räucherkandelabern und das Schaf geschlachtet: der Opferer hielt es, der Priester schlug's, und dargebracht wurde das Schuldige. Wie anmutig Rimut, der Alte, in der Untadeligkeit seiner Glieder den Schlußtanz vollführt hatte vorm Altar in besonnenen Sprüngen! Laban und die Frauen wußten nicht genug Rühmens davon zu machen vor Jaakob, der ihnen schweigend lauschte, in stiller Begier nach dem Spruch und in Ungeduld, die er geheimhielt.

Ja, der Spruch und des Öles Aussage – es stand dunkel und mehrdeutig darum; viel klüger war man nicht in ihrem Besitze als vorher, denn sie lauteten tröstlich und drohend zugleich, aber so mußte Zukunft wohl lauten, wenn sie redete, und man hatte doch immerhin einen Laut von ihr, wenn es auch nur ein Summen war und ein Reden mit ungetrennten Lippen. Rimanni-Bel hatte den Zedernstab genommen und die Schale, hatte gebetet und gesungen und Öl gegossen in Wasser sowie Wasser in Öl und mit schiefem Kopfe die Bildungen des Öles betrachtet im Wasser. Aus dem Öl waren zwei Ringe herausgekommen, groß einer und einer klein: so würde Rahel, des Schafzüchters Tochter, allem Anscheine nach einen Knaben gebären. Aus dem Öl war ein Ring gekommen gegen Osten und war stehengeblieben: so würde gesund werden die Gebärerin. Aus dem Öl war beim Schütteln eine Blase gekommen: so würde ihr Schutzgott bei ihr stehen in der Not, denn es würde schwer sein. Aus der Not würde der Mensch entkommen, denn das Öl war gesunken und gestiegen, da man Wasser hineingoß, es hatte sich zerteilt und zurückkehrend wieder vereint, so würde der Mensch, wenn auch nach argem Leiden, dennoch gesund werden. Da aber das Öl, als man Wasser hineingegossen, untergesunken und dann wieder hochgekommen war und den Rand des Bechers erfaßt hatte, so würde zwar erstehen der Kranke, aber der Gesunde werde des Todes sein. »Doch nicht der Knabe!« konnte Jaakob sich nicht enthalten zu rufen … Nein, für das Kind lag es vielmehr umgekehrt, den Winken des Öles zufolge, die aber gerade hier nicht leicht begreiflich waren dem Menschensinn. Das Kind werde in die Grube fahren und dennoch leben, es werde sein wie das Korn, das nicht Frucht trägt, es stürbe denn. Dieser Sinn, hatte Rimut versichert, sei unzweifelhaft nach der Art, wie das Öl, als er Wasser hineingegossen, zuerst entzweigegangen war, dann aber sich wieder vereinigt und an seinem Rande nach der Sonne zu eigentümlich geglänzt habe, denn dies bedeute Erhebung des Hauptes aus dem Tode. Recht verständlich sei es nicht, hatte der Seher gesagt, er selber verstehe es nicht, er mache sich nicht weiser vor ihnen, als er sei, aber der Wink sei verlässig. In Ansehung dagegen der Frau, so werde sie der Probe und Gegenprobe zufolge den Stern ihres Knaben nicht sehen, wenn er am höchsten stände, es sei denn, sie hüte sich vor der Zahl Zwei. Denn dies sei überhaupt eine Unglückszahl, aber für des Schafzüchters Tochter besonders, und dem Öle nach solle sie die Reise nicht antreten im Zeichen Zwei, sie werde sonst sein wie ein Heer, das das Haupt seines Feldes nicht erreiche.

So der Spruch und des Spruches Gemurmel, das Jaakob kopfnickend anhörte, indem er zugleich die Achseln zuckte. Was sollte man anfangen damit? Es war wichtig zu hören, weil es sich auf Rahel bezog und ihr Kind, im übrigen aber mußte man es auf sich beruhen lassen und es der Zukunft anheimgeben, was sie aus ihrem Gemurmel zu machen gedachte. Hierin wahrten Schicksal und Zukunft sich ohnehin weitgehend freie Hand. Vieles konnte geschehen und nicht geschehen, und es würde immer noch mit dem Spruche leidlich in Einklang zu bringen sein, so daß man erkennen mochte, so also sei es gemeint gewesen. Jaakob grübelte manche Stunde noch über das Wesen des Orakels im allgemeinen und redete auch vor Laban davon, der aber nichts wissen wollte. War es seiner Natur nach die Enthüllung eines Zukünftigen, an dem nichts zu ändern war, oder war es eine Anweisung zur Vorsicht und eine Mahnung dem Menschen, das Seine zu tun, daß ein verkündigtes Unglück nicht eintrete? Dies hätte vorausgesetzt, daß Ratschluß und Schicksal nicht feststanden, sondern daß es dem Menschen gegeben war, sie zu beeinflussen. War dies aber der Fall, so war die Zukunft nicht außer dem Menschen, sondern in ihm, und wie war sie dann lesbar? Übrigens war es oft vorgekommen, daß durch vorbeugende Maßregeln das unglücklich Verkündete geradezu herbeigeführt worden war, ja, ohne diese Maßregeln offenbar gar nicht hätte geschehen können, wodurch die Warnung sowohl wie das Schicksal zum Dämonenspott wurde. Das Öl hatte gesprochen, Rahel werde, wenn auch sehr schwer, eines Sohnes genesen. Wenn man nun aber die Kreißende vernachlässigte, keine Beschwörungen sprach, ihr die notwendigen Salbungen vorenthielt: wie würde dann das Schicksal es anfangen, seinem glückhaften Spruche treu und es selber zu bleiben? Dann würde sündigerweise das Böse geschehen gegen das Schicksal. Aber war dann nicht auch Sünde der Versuch, das Gute herbeizuführen gegen das Schicksal?

Laban mißbilligte solche Quengeleien. Das sei nicht wohl gedacht, sagte er, sondern schief, überfein und mäkelsüchtig. Die Zukunft sei eben die Zukunft, das heiße: sie sei noch nicht und stehe also nicht fest, aber sie werde eines Tages sein und dann so und so, sie stehe also in einer gewissen Weise fest, nämlich nach Maßgabe ihrer Eigenschaft als Zukunft, und mehr sei nicht darüber zu sagen. Ein Spruch über sie sei erhellend und lehrreich dem Herzen, und es seien die Sehepriester bestellt und bezahlt, ihn zu spenden nach jahrelanger Schulung, unter der Schirmherrschaft des Königs der vier Weltgegenden zu Babel-Sippar an beiden Seiten des Stromes, Günstlings des Schamasch und Lieblings des Mardug – des Königs von Schumir und Akkad, der da wohne in einem Palaste mit klaftertiefen Unterbauten und in einem Thronsaal von unnennbarer Pracht. Darum mäkle nicht!

Jaakob schwieg schon. Gegen den Nimrod von Babel trug er eine tiefe, vom Urwanderer her vererbte Ironie im Herzen. Darum ließ es ihm den Spruch nicht heiliger erscheinen, daß Laban sich zu seinen Gunsten auf den Großmächtigen berief und darauf, daß dieser selbst nicht den Finger rührte, ohne die Sehepriester zu Rate gezogen zu haben. Laban hatte den Spruch bezahlt mit einem Schaf und allerlei Nahrung für den Mondgötzen, und schon darum mußte er an dem Erwerbe hängen. Jaakob, der nicht gezahlt hatte, verhielt sich notwendig freier dagegen; aber es freute ihn auch wieder, daß er, ohne zu zahlen, etwas zu hören bekommen hatte, und was die Zukunft betraf, so stand sie, dachte er, wenigstens in der einen Frage heute schon fest, ob Rahels Frucht ein Knabe oder ein Mädchen war. In Rahels Schoß war das ausgemacht, nur, daß man es noch nicht sah. Es gab also feststehende Zukunft, und daß Rimanni-Bels Öl auf einen Knaben gedeutet hatte, war immerhin stärkend. Im übrigen war Jaakob dankbar für praktische Anweisungen, die der Seher erteilt hatte; denn als ein rechter Priester und Hausbetreter war er zugleich der Heilkunst kundig und hatte, obgleich ohne Frage ein Widerspruch bestand zwischen diesen seinen beiden Eigenschaften (denn was vermochte die Medizin gegen die Zukunft?), für die Niederkunft nicht mit erprobten Ratschlägen gespart, in denen das Ärztlich-Rezeptmäßige und das Rituell-Beschwörerische einander zu voller Wirksamkeit ergänzten.

Die kleine Rahel hatte es nicht leicht. Lange bevor ihre Stunde kam, die dann beinahe ihr Stündlein geworden wäre, begannen die Praktiken, und sie mußte trinken, was ihr nicht schmeckte, zum Beispiel viel Öl, das das Pulver zerstoßener Schwangerschaftssteine enthielt, und viele Auflagen dulden auf ihren Körper, Salbenpakete aus Erdpech, Schweinefett, Fischen und Kräutern, ja ganze Teile von unreinen Tieren, die, wie die Salben, mit Fäden auf ihren Gliedern festgebunden wurden. Ein Sühnezicklein lag außerdem immer zu ihren Häupten, wenn sie schlief, als Ersatzopfer an ihrer Statt für die Gierigen. In ihrer Nähe bei Tag und Nacht stand eine Tonpuppe der sumpfentstiegenen Labartu, im Munde ein Ferkelherz, um die Abscheuliche aus dem Körper der Schwangeren, den sie bezogen, hinüberzulocken in ihr Bild, das man von drei zu drei Tagen mit dem Schwerte zerschlug und im Mauerwinkel vergrub, wobei man nicht hinter sich blicken durfte. Das Schwert steckte in einem feurigen Kohlenbecken, das ebenfalls, obgleich die Jahreszeit schon sehr warm war und der Tammuz-Monat sich näherte, Tag und Nacht neben Rahel stehen mußte. Ihr Bett war mit einer kleinen Mauer aus Mehlbrei umgeben, und daß drei Getreidehaufen in ihrer Kammer lagen, entsprach gleichfalls dem Rate Rimanni-Bels. Als die Vorwehen sich meldeten, beeilte man sich, die Seiten des Bettes mit Ferkelblut und die Haustür mit Gips und Asphalt zu bestreichen.

Die Geburt

Es war Sommer damals, der Monat des Herrn der Hürde, des Zerrissenen, schon einige Tage vorgeschritten. Jaakob war, seit der große Augenblick, da die Echte und Liebste ihm gebären sollte, zu erwarten stand, nicht mehr von ihrer Seite gewichen, hatte auch eigenhändig an ihrer Vorpflege teilgenommen, indem er die Salbenverbände erneuert und einmal sogar das Labartubild zerschlagen und vergraben hatte – Maßregeln und Bräuche, die zwar nicht von dem Gott seiner Väter kamen, aber über den Götzen und seinen Seher allenfalls doch von ihm kommen konnten und jedenfalls die einzigen waren, die es zu befolgen gab. öfters hatte Rahel, bleich, abgezehrt und stark nur in Leibesmitte, wo die Frucht in unwissender Erbarmungslosigkeit all ihre Kräfte und Säfte zu ihrem Gedeihen an sich zog, lächelnd seine Hand dorthin geführt, wo er des Kindes dumpfe Stöße ertasten konnte, und durch die Fleischesdecke hatte er Dumuzi, den echten Sohn, begrüßt und ihm zugeredet, sich bald ein Herz zu fassen zum Tageslicht, aber gewandt und schonend zu entschlüpfen der Berge, damit nicht über Gebühr zu leiden habe die Bergerin. Da nun ihr armes Gesicht sich lächelnd verzerrte und sie mit kurzem Atem zu wissen gab, sie fühle, es nahe, geriet er in größte Aufregung, rief die Eltern und Mägde herbei, befahl, die Ziegel zu rüsten, lief hin und her in gegenstandsloser Geschäftigkeit, und sein Herz war voller Flehen.

Rahels Bereitwilligkeit und guter Mut sind nicht genug zu rühmen. In freudiger Tapferkeit, entschlossen, sich tüchtig zu erweisen im Tun und Dulden, trat sie ein ins Werk der Natur. Nicht um des äußeren Ansehens willen, und weil sie vor den Leuten nicht länger die Kinderlose, Gehaßte vorstellen sollte, war sie so rührig, sondern aus tieferen, körperlicheren Ehrengründen; denn nicht nur die Menschengemeinschaft weiß von Ehre, das Fleisch selbst kennt sie und besser als jene, wie Rahel erfahren hatte, als sie schmerzlos und schandenhalber in Bilha Mutter geworden war. Ihr Lächeln, da es anging, war nicht das wirre von damals, worin sich das traurige Gewissen ihres Fleisches gemalt hatte. Von Glück und Kurzsichtigkeit verklärt ruhten ihre hübschen und schönen Augen dabei in denen Jaakobs, dem sie gebären sollte in Ehren; denn diese Stunde war es gewesen, der sie entgegengeblickt in schauender Lebensbereitschaft, als einst auf dem Felde zuerst der Fremde vor ihr gestanden hatte, der Vetter aus der Fremde.

Arme Rahel! So frohen Mutes war sie, so voll guten Willens zur Rüstigkeit beim Werk der Natur, und so wenig wohl wollte ihr diese, so schwer ließ sie's die Tapfere ankommen! War Rahel, die so redlich ungeduldig gewesen nach Mutterschaft und so überzeugt von ihrer Begabung dazu, in Wahrheit, das heißt: im Fleische, gar nicht geschaffen dafür, viel weniger als Lea, die Ungeliebte, so daß des Todes Schwert über ihr schwebte, wann sie niederkam, und schon beim zweitenmal auf sie fiel und sie erwürgte? Kann so Natur mit sich selbst im Streite liegen und so verhöhnen, was sie selbst an Wünschen und frohem Glauben ins Herz gelegt? Offenbar. Rahels Freudigkeit ward nicht angenommen und ihr Glaube Lügen gestraft, das war das Schicksal dieser Bereitwilligen. Sieben Jahre hatte sie mit Jaakob gewartet im Glauben und war dann dreizehn Jahre lang unbegreiflich enttäuscht worden. Nun aber, da die Natur ihr das Ersehnte denn endlich zugestand, tat sie's zu so gräßlichem Preis, wie Lea, Bilha und Silpa zusammen für all ihre Mutterehren nicht hatten zahlen müssen. Sechsunddreißig Stunden, von Mitternacht zu Mittag und wieder durch eine ganze Nacht bis zum anderen Mittag, währte das Schreckenswerk, und hätte es nur noch eine Stunde oder eine halbe gewährt, so wäre der Atem ihr ausgegangen. Gleich schon zu Anfang war es dem Jaakob ein Kummer, Rahels Enttäuschung zu sehen; denn schnell, lustig und rüstig hatte sie's abzumachen gedacht und kam nun alsbald nicht von der Stelle. Die ersten Anzeichen schienen getrogen zu haben; vielstündige Pausen unterbrachen die Vorwehen, fruchtlose Zeiträume der Leere und Stille, in denen Rahel nicht litt, aber sich schämte und langweilte. Oft sagte sie zu Lea: »Bei dir war es, Schwester, ein ander Ding!«, und diese mußte es zugeben, wobei sie Jaakob, den Herrn, mit einem Blicke streifte. Dann packte Schmerzensdrang die Wöchnerin, grausamer und länger von Mal zu Mal, doch wenn er ging, so schien die harte Arbeit vergebens getan. Sie vertauschte die Ziegelsteine mit dem Bett und dieses wieder mit den Steinen. Die Stunden, die Nachtwachen, die Tageszeiten kamen und gingen; sie schämte und grämte sich ob ihrer Untüchtigkeit. Rahel schrie nicht, wenn es sie packte und überhaupt nicht mehr lassen wollte; sie biß die Zähne zusammen und werkte in stummer Redlichkeit nach ihrer besten Kraft, denn sie wollte den Herrn nicht erschrecken, dessen weiches Herz sie kannte und der ihr in den Zwischenzeiten der Ermattung mit zerrissener Seele Hände und Füße küßte. Was half ihr die Redlichkeit? Die ward nicht angenommen. Da es ausartete, schrie sie doch, und zwar ungeheuer wild, wie es ihr nicht zu Gesichte stand und nicht paßte zur kleinen Rahel. Denn um diese Zeit, da abermals Morgen wurde, war sie nicht bei sich und sie selber nicht mehr, und man hörte ihrem gräßlichen Brüllen wohl an, daß nicht sie es war, die schrie, denn die Stimme war völlig fremd, sondern daß die Dämonen es waren, die das Ferkelherz im Munde der Tonpuppe noch immer nicht hatte hinüberlocken können von ihr in die Puppe.

Es waren Krampfwehen, die nichts förderten, sondern die heilig Jammervolle nur in unlöslicher Höllenqual gepackt hielten, so daß die schreiende Maske ihres Antlitzes blau war und ihre Finger sich in der Luft verkrallten. Jaakob irrte durch Haus und Hof und stieß sich überall, da er die Daumen in den Ohren und die acht anderen Finger vor den Augen hatte. Er rief zu Gott – nicht länger um einen Sohn, es lag ihm nicht mehr an einem solchen, sondern daß Rahel sterben möge und friedlich daliegen, befreit von der Höllennot. Laban und Adina, da ihre Tränke, Salbungen und Streichungen nichts hatten fruchten wollen, zählten in tiefer Betretenheit Beschwörungen auf und erinnerten unter dem Schreien der Kreißenden in rhythmischen Worten Sin, den Mondgott, daran, wie er einst eine Kuh bei der Geburt unterstützt habe: so nun möge er auch lösen die Verschlingung dieser Frau und beistehen der Magd in Kindesnöten. Lea hielt sich aufrecht in einem Winkel der Wochenstube, die Arme am Körper, die Hände aus den Gelenken erhoben, und blickte schweigend mit ihren schielenden blauen Augen auf den Todes- und Lebenskampf der Liebsten Jaakobs.

Und dann kam aus Rahel ein letzter Schrei, von äußerster Dämonenwut, wie man ihn nicht zweimal ausstoßen kann, ohne des Todes zu sein, und nicht zweimal vernehmen, ohne den Verstand zu verlieren, – und Labans Weib bekam anderes zu tun, als von Sins Kuh zu rezitieren, denn ausgetreten war Jaakobs Sohn, sein elfter und erster, hervorgegangen aus dem dunkelblutigen Schoße des Lebens – Dumuzi-Absu, des Abgrundes rechter Sohn. Bilha war es, Dans und Naphtali's Mutter, die bleich und lachend gelaufen kam auf den Hof, wohin Jaakob sinnlos gerannt war, und es mit flatternder Zunge meldete dem Herrn, daß ein Kind uns geboren, ein Sohn uns gegeben sei, und daß Rahel lebe; und er schleppte sich am ganzen Leibe zitternd zur Wöchnerin, fiel bei ihr hin und weinte. Schweißbedeckt und wie vom Tode verklärt, sang sie ein kurzatmig Lied der Erschöpfung. Zerfleischt war die Pforte ihres Leibes, sie hatte sich die Zunge zerbissen, und ihres Herzens Leben war matt bis zum Verlöschen. Das war der Lohn ihrer Freudigkeit.

Sie hatte nicht die Kraft, den Kopf nach ihm zu wenden noch auch zu lächeln, aber sie streichelte seinen Scheitel, indes er bei ihr kniete, und ließ dann die Augen seitwärts gehen nach der Hängewiege, zum Zeichen, er solle nach dem Leben des Kindes sehen und die Hand legen auf den Sohn. Das Gebadete hatte schon aufgehört zu greinen. Es schlief, in Windeln gewickelt. Es hatte glattes schwarzes Haar auf dem Köpfchen, das beim Austritt die Mutter zerrissen, lange Wimpern und winzige Händchen mit genau ausgebildeten Nägeln. Es war nicht schön zu der Zeit; wie hätte wohl mögen von Schönheit die Rede sein bei einem so kleinen Kind. Und doch sah Jaakob etwas, was er nicht gesehen bei Lea's Kindern und nicht wahrgenommen bei den Kindern der Mägde, sah mit dem ersten Blick, was sein Herz, je länger er hinblickte, bis zum Überströmen mit andächtigem Entzücken füllte. Es war um dies Neugeborene, unnennbar, gleichwie ein Scheinen von Klarheit, Lieblichkeit, Ebenmaß, Sympathie und Gottesannehmlichkeit, das Jaakob, wenn nicht zu erfassen, so doch zu erkennen meinte nach seiner Bewandtnis. Er tat seine Hand auf den Knaben und sprach: »Mein Sohn.« Wie er es aber berührte, schlug es seine Augen auf, die damals blau waren und das Licht widerstrahlten der Sonne seiner Geburt in des Himmels Scheitelpunkt, und nahm mit dem winzigen, genau ausgebildeten Händchen den Finger Jaakobs. Den hielt es in zartester Umklammerung, während es weiterschlief, und auch Rahel, die Mutter, schlief einen tiefen Schlaf. Jaakob aber stand gebückt, ein hauchzart Gehaltener, und blickte in seines Söhnchens Klarheit wohl eine Stunde lang, bis es greinend nach Nahrung verlangte, da hob er's hinüber.

Sie nannten es Joseph, auch Jaschup, das meint die Mehrung und Zunahme, wie wenn wir unsere Söhne Augustus heißen. Mit Gott war sein ganzer Name Joseph-el oder Josiphja, doch auch die erste Silbe davon verstanden sie gern schon als Hindeutung aufs Höchste und nannten seinen Namen Jehoseph.

Die Gesprenkelten

Da nun Rahel den Joseph geboren hatte, war Jaakob sehr zart und hochgestimmt; er redete nicht anders denn mit feierlich bewegter Stimme, und die Selbstgefälligkeit seines Gefühls war sträflich. Da um die Mittagsstunde, in der das Kind erschienen, östlich das Tierkreiszeichen der Jungfrau heraufgekommen war, das, wie er wußte, in dem Verhältnis der Entsprechung zum Ischtar-Sterne, der planetarischen Offenbarung himmlischer Weiblichkeit, stand, so versteifte er sich darauf, in Rahel, der Gebärerin, eine himmlische Jungfrau und Muttergöttin zu sehen, eine Hathor und Eset mit dem Kind an der Brust – in dem Kinde aber einen Wunderknaben und Gesalbten, mit dessen Auftreten der Anbruch gelächtervoller Segenszeit verbunden war und der da weiden werde in der Kraft Jahu's. Es bleibt nichts anderes übrig, als ihm Maßlosigkeit und Überschwang zur Last zu legen. Eine Mutter mit dem Kinde ist wohl ein heilig Bild, aber die einfachste Rücksicht auf gewisse Empfindlichkeiten hätte Jaakob hindern müssen, aus dem Bilde ein ›Bild‹ in des Wortes anstößigstem Sinn und aus der kleinen Rahel eine astrale Gottesmagd zu machen. Er wußte natürlich, daß sie nicht nach gewöhnlicher und irdischer Bedeutung des Wortes eine Jungfrau war. Mit was für Dingen hätte das auch zugehen sollen! Wenn er von ›Jungfrau‹ sprach, so war das nur mythisch-sternkundiges Gerede. Aber er bestand auf dem Gleichnis mit allzu wörtlichem Entzücken und bekam Tränen des Eigensinns dabei in die Augen. Ebenso hätte es, da er Schafzüchter war und obendrein die Liebste seines Herzens Rahel hieß, als ein ganz leidliches und sogar anmutiges Gedankenspiel hingehen mögen, daß er ihren Säugling ›das Lamm‹ nannte. Aber der Tonfall, in dem er es tat und von dem Lamme redete, das aus der Jungfrau hervorgegangen, hatte nichts mit Scherz zu tun, sondern schien für den kleinen Balg in der Hängewiege die Heiligkeit des fleckenlosen Erstlingsopfers aus der Herde in Anspruch zu nehmen. Alle wilden Tiere, schwärmte er, würden das Lamm bestürmen, aber es werde sie alle besiegen, und Freude werde darüber bei Engeln und Menschen auf der ganzen Erde sein. Auch ein Reis und einen Zweig, der aus der zartesten Wurzel gebrochen sei, nannte er den Sohn, denn damit verband sich seinem überpoetischen Sinn die Vorstellung des Weltenfrühlings und ebenjener nun angebrochenen Segenszeit, in welcher der Himmelsknabe die Gewalttätigen schlagen werde mit dem Stabe seines Mundes.

Was für Übertreibungen des Gefühls! Und dabei hatte für Jaakob der ›Anbruch der Segenszeit‹, soweit seine eigene persönliche Zeit dabei in Frage kam, eine sehr praktische Bedeutung. Er bedeutete Reichtumssegen – Jaakob war sicher, in der Geburt des Sohnes der Rechten eine Gewähr dafür sehen zu dürfen, daß es nun mit seinen Geschäften in Labans Diensten, so viel sie ihm unter der Hand schon abgeworfen hatten, entscheidend und in sehr steiler Kurve aufwärtsgehen, daß die kotige Unterwelt ihm nach dieser Wende rückhaltlos alles gewähren werde, was sie an Goldesschätzen zu bieten hatte: womit dann freilich wieder ein höherer und gefühlvollerer Gedanke nahe zusammenhing, nämlich derjenige beladener Heimkehr zur Oberwelt, ins Land seiner Väter. Ja das Erscheinen Jehosiphs kam einem Wendepunkt im Sternenlauf seines Lebens gleich, mit welchem genaugenommen sein Aufstieg aus Labans Reich hätte zusammenfallen müssen. Das aber konnte nicht sein und stimmte nicht ohne weiteres. Weder war Rahel reisefähig (denn sie erholte sich, bleich und schwach, nur sehr schwer von der fürchterlichen Entbindung), noch war es vorläufig das Kind, ein Säugling, dem die mühselige Eliezer-Fahrt von mehr als siebzehn Tagen unmöglich zugemutet werden durfte. Es ist erstaunlich und legt das Lachen nahe, mit welcher Gedankenlosigkeit über diese Dinge zuweilen geurteilt und berichtet wird. So kann man hören, Jaakob habe vierzehn Jahre bei Laban verbracht, sieben und sieben; am Ende sei Joseph geboren worden, und dann sei er heimgereist. Dabei heißt es ausdrücklich, bei der Begegnung mit Esau am Jabbok seien auch Rahel und Joseph herzugetreten und hätten sich vor dem Edom geneigt. Wie aber sollte ein Säugling wohl hintreten und sich verneigen? Damals war Joseph fünf Jahre alt, und diese fünf Jahre waren es, die Jaakob nach den zwanzig dort noch verlebte, und zwar unter neuem Kontrakt. Er konnte nicht reisen, aber er konnte so tun, als ob er sofort zu reisen gedächte, um einen Druck auszuüben auf Laban, den Erdenkloß, dem nur mit Druck und eherner Ausnützung der Härten des Wirtschaftslebens überhaupt beizukommen war.

Darum redete Jaakob vor Laban und sprach:

»Mein Vater und Oheim neige gefälligst etwas sein Ohr meinem Wort.«

»Bevor du redest«, fiel Laban geschwinde ein, »höre du lieber mich, denn ich habe Vordringliches zu sagen. Es kann nicht weitergehen so wie jetzt, und ist keine gesetzliche Ordnung mehr zwischen den Menschen, das ist auf die Dauer ein Greuel vor mir. Du hast mir gedient um die Weiber sieben und sieben Jahre nach unserem Vertrage, der ruht bei den Teraphim. Seit einigen Jahren aber, ich glaube seit Sechsen, sind überaltert Abkommen und Urkunde, und ist kein Recht mehr, sondern nur noch Gewohnheit und Schlendrian, daß keiner mehr weiß, woran er sich halten soll. So ist unser Leben geworden wie ein Haus, das man baut ohne Richtschnur, und ist, offen gesagt, wie das der Tiere. Ich weiß wohl, denn die Götter haben mich sehend geschaffen, daß du auf deine Rechnung gekommen bist, da du mir dientest ohne Bedingungen und ohne verbrieften Lohn; denn du hast auf deine Seite gebracht allerlei Güter und Wirtschaftswerte, die ich nicht zählen will, da sie nun dein sind, und wenn die Kinder Labans, Beor, Alub und Muras, meine Söhne, ein Maul darüber zogen, so verwies ich's ihnen. Denn es ist eine Leistung ihres Lohnes wert, nur muß man ihn regeln. Darum nun, so wollen wir hingehen und einen neuen Vertrag schließen auf vorläufig aber sieben Jahre, und siehst mich verhandlungsbereit in betreff jeder Bedingung, die du gesonnen bist, mir zu stellen.«

»Das kann nicht sein«, erwiderte Jaakob kopfschüttelnd, »und leider vergeudet mein Oheim seine kostbaren Worte, was er hätte vermeiden können, wenn er mich gleich gehört hätte. Denn nicht um neuen Vertrages willen rede ich vor Laban, sondern von wegen Urlaubs und der Entlassung halber. Zwanzig Jahre habe ich dir gedient, und wie ich's tat, davon zu zeugen muß ich dir anheimgeben, denn ich selbst kann's nicht tun, weil ich schicklicherweise die Worte nicht brauchen darf, die einzig am Platze. Dir aber stünden sie sogar sehr gut zu Gesicht.«

»Wer leugnet's?« sprach Laban. »Du hast mir überaus leidlich gedient, davon ist nicht die Rede.«

»Und bin alt und grau worden in deinen Diensten ohne Not«, fuhr Jaakob fort, »denn der Grund, warum ich aus Jizchaks Hause ging und verließ meinen Ort: Esau's Zorn, der ist längst verraucht, und es weiß der Jäger in seinem Kindergemüt überhaupt nichts mehr von den alten Geschichten. Seit Jahr und Tag hätte ich können dahinziehen in mein Land zu jeder Stunde, aber ich tat's nicht. Und warum tat ich's nicht? Dafür gibt es wieder nur Worte, die ich nicht brauchen darf, denn sie sind lobend. Nun aber hat Rahel, die Himmelsmagd, in der du schön worden bist, mir den Dumuzi geboren, Joseph, meinen und ihren Sohn. Den will ich nehmen nebst meinen anderen Kindern, Lea's und der Mägde, und will sammeln, was mir zugewachsen in deinen Diensten, und aufsitzen und reisen, daß ich in mein Land und an meine Stätte komme und endlich denn auch einmal mein eigenes Haus versorge, da ich so lange ausschließlich für dich gewacht.«

»Das würde ich im wahrsten Sinne des Wortes bedauern«, versetzte Laban, »und was an mir liegt, das soll geschehen, damit es nicht statthabe. Es äußere mein Sohn und Neffe doch frisch und unmittelbar von seiner Leber weg, was er verlangt in Hinsicht auf neue Bedingungen, und ich versichere bei Anu und Ellil, daß ich das Äußerste noch, was er auch nur einigermaßen vernünftigerweise wird fordern können, mir in aller Wohlgeneigtheit werde durch den Sinn gehen lassen.«

»Ich weiß nicht, was dich vernünftig dünken würde«, sagte Jaakob, »in Anbetracht dessen, was du besaßest, ehe ich zu dir kam, und wie sich's ausgebreitet hat unter meinen Händen, so daß sogar dein Weib Adina mit einbezogen wurde ins Wachstum und dir mit unerwarteter Rüstigkeit drei Söhne brachte auf deine grauen Tage. Du wärest imstande und ließest dir's unvernünftig vorkommen, drum schweige ich lieber und ziehe.«

»Sprich, und du wirst bleiben«, erwiderte Laban.

Da nannte denn Jaakob seine Forderung und sprach aus, was er wollte, wenn er das eine oder andere Jahr noch bliebe. Laban hatte manches erwartet, doch dieses nicht. Er war im ersten Augenblick wie vor den Kopf geschlagen, und sein Sinn rang hastig danach, die Forderung erstens recht zu verstehen und zweitens durch die nötigsten Gegenzüge sofort ihre Tragweite einzuschränken.

Es war die berühmte Geschichte mit den gesprenkelten Schafen, tausendmal wiedererzählt an Brunnen und Feuern, tausendmal besungen und ausgetauscht im Schönen Gespräch zu Ehren Jaakobs und als Meisterstreich geistreicher Hirtenanschlägigkeit, – diese Geschichte, deren auch Jaakob selbst im Alter, wenn er alles besann, nicht gedenken konnte, ohne daß seine feinen Lippen sich lächelnd im Barte kräuselten … Mit einem Wort, Jaakob verlangte die zweifarbigen Schafe und Ziegen, die schwarz-weiß gefleckten – nicht die vorhandenen – die Sache ist recht zu verstehen! –, sondern was scheckig fallen würde in Zukunft von Labans Herden, das sollte sein Lohn sein und geschlagen werden zu dem Privatbesitz, den er sich von langer Hand her in des Oheims Diensten erworben. Es lief auf die Teilung der von nun an zu züchtenden Tiere hinaus zwischen Baas und Knecht, wenn auch nicht gerade zu gleichen Hälften; denn die große Masse der Schafe war weiß und nur eine Minderzahl scheckig, so daß denn Jaakob auch tat, als handle es sich um eine Art von Ausschuß. Doch wußten beide genau, die da handelten, daß die Gesprenkelten geil und fruchtbar waren vor den Weißen, und Laban sprach das auch aus mit Entsetzen und Hochachtung, gebrochen von des Neffen Kunst und Unverschämtheit im Fordern.

»Dir fallen Dinge ein!« sagte er. »Es ist, daß einem Manne Hören und Sehen vergehen könnte bei deinen Artikeln! Die Gesprenkelten also, die hervorragend Geilen? Es ist stark. Nicht daß ich nein dazu sagte, mißhöre mich nicht! Ich gab dir die Forderung frei und stehe zu meinem Wort. Wenn es die Bedingung ist, auf die du dich hart versteifst, und ziehest sonst hin und reißest die Töchter von meinem Herzen, Lea und Rahel, deine Weiber, daß ich Alter sie nimmermehr wiedersehe, so sei's, wie du sagst. Doch geht es mir, offen gestanden, nahe bis an mein Leben.«

Und Laban setzte sich nieder als wie gelähmt.

»Höre!« sprach Jaakob. »Ich sehe, es kommt dich hart an, was ich verlange, und ist nicht ganz nach deinem Gefallen. Da du nun aber meiner Mutter leiblicher Bruder bist und hast mir Rahel gezeugt, die Sternenjungfrau, die Rechte und Liebste, so will ich bedingen meine Bedingung, daß sie dich weniger erschrecke. Wir wollen durch deine Herde gehen und auslesen alles sprenkliche und bunte Vieh und auch das schwarze und es abseits tun von dem weißen, so daß die einen von den andern nichts wissen. Was danach zweifarben fällt, das sei mein Lohn. Bist du's also zufrieden?«

Laban sah ihn an und blinzelte.

»Drei Tagereisen!« rief er plötzlich. »Drei Tagereisen Raum soll gelegt sein zwischen die Weißen und die Gefleckten und Schwarzen und soll getrennte Zucht und Wirtschaft sein zwischen ihnen, so daß die einen nichts von den anderen wissen, so will ich's haben! Und soll so besiegelt sein zu Charran vor dem Richter und hinterlegt unter Tag bei den Teraphim, das ist meine unweigerliche Gegenbedingung.«

»Hart für mich!« sagte Jaakob. »Ja, recht, recht hart und bedrückend. Doch bin ich's gewohnt von Anbeginn, daß mein Oheim streng und trocken denkt in wirtschaftlichen Dingen und ohne Rücksicht auf verwandtschaftliche Beziehungen. So nehme ich deine Bedingung an.«

»Du tust wohl daran«, antwortete Laban, »denn nie wäre ich davon abgegangen. Laß übrigens hören und sage mir: Welche Herde gedenkst du zu weiden und über welche den Stab zu führen für deine Person, die gesprenkelte oder die weiße?«

»Es ist recht und natürlich«, sprach Jaakob, »daß jeder das Eigentum hüte, das ihm fruchten soll, ich also die Scheckigen.«

»Nicht also!« rief Laban. »Dies nun aber gewiß nicht! Du hast gefordert, und zwar gewaltig. Nun bin ich an der Reihe und stelle auf dagegen, was mir das wenigste dünkt und billigste zur Wahrung der Wirtschaftsehre. Du verdingst dich mir neu durch diesen Vertrag. Bist du aber mein Knecht, so will es die Wirtschaftsvernunft, daß du den Stab hältst über das Vieh, das mir frommen soll, das weiße, nicht über das, das dir wirft, das scheckige. Das mögen weiden Beor, Alub und Muras, meine Söhne, die mir Adina strotzend gebracht hat auf ihre älteren Tage.«

»Hm«, sagte Jaakob, »auch das möge hingehen, ich will mich nicht zänkisch dawidersetzen, du kennst meine Sanftmut.«

So trafen sie ihr Abkommen, und Laban wußte nicht, welche Rolle er spielte und daß er vom Wirbel bis zur Zehe der betrogene Teufel war. Der schwerfällig berechnende Mann! Den Jizchakssegen wollte er sich nutzbar halten, dies vor allem, und rechnete, daß dieser stärker war als die natürliche Tüchtigkeit der Gefleckten. Unter Jaakobs Händen, das wußte er, würde die weiße Herde, von welcher, nach Absonderung der bunten und schwarzen, gesprenkelte Lämmer nicht zu erwarten waren, ergiebiger gedeihen als die zweifarbige unter der soliden, doch ungenialen Hut seiner Söhne. Der Erdenkloß! Er nahm zwar klüglich Bedacht auf den Segen, doch tat er's wieder nicht hinlänglich, um sich das rechte Bild zu machen von Jaakobs Witz und Erfindungsgeist und von dem Plane sich etwas träumen zu lassen, der hinter des Eidams Forderung sowohl wie seinen Zugeständnissen stand: von der tiefsinnigen und im voraus durch gründliche Versuche erhärteten Idee, die allem zum Grunde lag.

Denn man darf nicht glauben, daß Jaakob auf seinen profunden Schlich, wie geschecktes Vieh zu erzielen sei, auch wenn weißes allein mit weißem sich mischte, erst nach geschlossenem Vertrage verfallen wäre, um diesen recht für sich auszubeuten. Der Gedanke war ursprünglich zweckfrei gewesen, ein Spiel des Witzes, erprobt rein um der Wissenschaft willen, und jener Abschluß mit Laban galt eben nur seiner geschäftsklugen Anwendung. Der Einfall ging in die Zeit vor Jaakobs Hochzeit zurück, da er ein wartend Liebender und sein Züchterverstand am wärmsten und hellsten gewesen war, – er war jenem Dauerzustande sympathievoller Eingebung und inniger Intuition entsprungen. Wirklich sind Gefühl und Ahnung nicht genug zu schätzen, mit denen er die Natur zum Eingeständnis eines ihrer wunderlichsten Geheimnisse reizte und sie experimentell darauf festlegte. Er entdeckte das Phänomen des mütterlichen Sich-Versehens. Er probte aus, daß der Anblick von Scheckigem sich bei der läufigen Kreatur auf die Frucht warf, die sie bei solchem Anblick empfing, und daß Scheckig-Zweifarbenes danach zutage trat. Seine Neugier war, man muß das betonen, rein ideeller Art, und mit durchaus geistreichem Vergnügen verzeichnete er im Gange seiner Versuchsreihen die zahlreichen Fälle bestätigenden Gelingens. Ein Instinkt bestimmte ihn, seine Einsicht in den Sympathiezauber vor aller Welt und auch vor Laban geheimzuhalten; aber wenn auch der Gedanke, aus dem verborgenen Wissen eine Quelle entscheidend-ausgiebiger Selbstbereicherung zu machen, sich zeitig anschloß, so war er doch sekundär und verdichtete sich erst, als der Zeitpunkt neuen Vertragsschlusses mit dem Schwiegervater heranrückte.

Den Hirten freilich im Schönen Gespräch war die Praktik alles, der Pfiff und Kniff geriebener Übervorteilung. Wie Jaakob den Maßregeln Labans ein Schnippchen geschlagen und ihm systematisch das Seine ausgespannt; wie er Stäbe von Pappeln und Haselsträuchern genommen, weiße Streifen daran geschält und sie in die Tränkrinnen vor die Tiere gelegt habe, die zu trinken kamen, wobei sie sich zu begatten pflegten; wie sie über den Stäben empfangen und dann gesprenkelte Lämmer und Zicklein geworfen hätten, obgleich sie selber einfarben gewesen; und wie Jaakob dies namentlich beim Lauf der Frühlingsherde angestellt habe, während die Spätlinge, weniger werte Ware also, Labans sein mochten: das sangen und sprachen sie einander zu mit Lautenbegleitung und hielten sich die Seiten vor Lachen über die kostbare Prellerei. Denn sie besaßen nicht Jaakobs Frömmigkeit und mythische Bildung und kannten den Ernst nicht, mit dem er dies alles durchgeführt: erstens, um nach Menschenpflicht Gott dem König beim Erfüllen seiner Wohlstandsverheißung behilflich zu sein, und dann, weil Laban, der Teufel, betrogen sein mußte, der ihn betrogen hatte im Dunkeln mit der stattlichen, doch hundsköpfigen Lea; weil es galt, der Vorschrift gerecht zu werden, nach der man die Unterwelt nicht anders verließ als mit den Schätzen beladen, die dort so reichlich neben dem Kote ausgebreitet lagen.

So war es also: Es waren drei Herden, die weideten, – die weiße, die Jaakob hütete, die bunte und die schwarze, über die Labans Söhne den Stab führten, und Jaakobs Eigenbesitz an Vieh, ihm zugewachsen im Lauf der Jahre in Handel und Wandel, den seine Unterhirten und Knechte ihm hüteten und zu welchem jeweils geschlagen wurde, was scheckig fiel von Seiten der Sprenklichen und der bezauberten Weißen. Und wurde der Mann auf diese Weise dermaßen schwer, daß es ein Gerede und eine Ehrfurcht war durch diese ganze Gegend hin, wieviel Schafe, Mägde und Knechte, Kamele und Esel er nachgerade sein eigen nannte. Er war zuletzt viel reicher als Laban, der Erdenkloß, und als alle Wirtschaftshäupter, die dieser einst zur Hochzeit geladen.

Der Diebstahl

Ach, wie sich Jaakob erinnerte, wie tief und deutlich! Jedermann erkannte es, der ihn stehen und feierlich sinnen sah, und dämpfte seine Lebensäußerungen in Ehrfurcht vor so geschichtenvoller Lebensschwere. Denn nun war die Lage des reichen Jaakob überaus heikel geworden, – Gott selbst, El, der Höchste, hatte eingesehen, daß sie vor lauter Segen unhaltbar geworden war, und ihm entsprechende Weisungen gegeben im Gesicht. Nachrichten kamen vor den Gesegneten – allzu glaubwürdige, die die Gesinnung seiner Schwäger, der Labanserben, Beors, Alubs sowie des Muras, gegen ihn, den Erstarkten, betrafen: mürrische Äußerungen dieser drei, bedrohliche Äußerungen, überliefert von Unterhirten und Knechten, die sie wieder von Leuten der Vettern bei Begegnungen auf dem Hofe erfahren hatten, Äußerungen, deren starker Wahrheitsgehalt sie nicht weniger beunruhigend erscheinen ließ. »Jaakob, dieser Mann, ein entfernter Verwandter«, hatten sie geäußert, »ist dahergekommen vor unserer Zeit als ein Bettler und Unbehauster, der nichts hatte denn seine Haut, und aus Sanftmut hat der Vater ihn beherbergt und eingestellt um der Götter willen, den Lungerer. Und nun siehe an, wie das Ding sich gewendet hat vor unseren Nasen! Hat er sich doch gemästet von unserm Fleisch und Blut und das Gut unseres Vaters an sich gebracht und ist fett und reich worden, daß es zu den Göttern stinkt, denn es ist ein Diebstahl vor ihnen und ein Unterschleif vor den Erben Labans. Es ist Zeit, daß etwas geschehe zur Wiederherstellung der Gerechtigkeit auf dem oder jenem Wege im Namen der Landesgötter: Anu's, Ellils und des Marudug, nicht zu vergessen des Bei Charran, denen wir anhangen nach unserer Väter Weise, während leider unsere Schwestern, des Fremden Weiber, es zum Teile auch mit seinem Gott halten und dem Herrn seiner Sippe, der ihn zaubern lehrt, daß ihm die Frühlinge sprenklich fallen und das Gut unseres Vaters sein wird nach einem schmutzigen Vertrage. Aber wir wollen doch sehen, wer sich stärker erweist auf diesem Grunde und in diesen Gebreiten, wenn es ernst wird: die Landesgötter, die hier von alters zu Hause sind, oder sein Gott, der kein Haus hat außer Beth-el, das nur ein Stein ist auf einem Hügel. Denn es könnte geschehen, daß ihm etwas zustieße hierzulande um der Gerechtigkeit willen und daß ein Löwe ihn zerrisse auf dem Felde, was nicht gelogen wäre, denn wir sind Löwen in unserem Zorn. Laban, unser Vater, ist zwar übergetreu und fürchtet den Vertrag, der ruht bei den kleinen Göttern des Hauses. Aber man könnte ihm sagen, ein Löwe sei es gewesen, und er wird es zufrieden sein. Denn es hat der Räuber aus Westland zwar stämmige Söhne, von denen zweie, Schimeon und Levi, brüllen können, daß man erbebt. Aber auch uns haben die Götter Erz in die Arme gegeben zum Schlagen, ob wir gleich Kinder sind eines Ergrauten, und wir könnten zuschlagen unversehens und ohne Ansage, bei der Nacht, wenn er schläft, und sagen, der Löwe sei es gewesen, – der Vater wird's unschwer glauben.«

So die Reden der Labanssöhne untereinander, Reden, nicht für Jaakob bestimmt, aber ihm zugetragen von Unterhirten und Knechten gegen Belohnung; und er schüttelte voll sachlicher Mißbilligung den Kopf darüber, in der Erwägung, daß diese Burschen gar nicht das Leben gehabt hätten und keinen Odem in ihren Nasen ohne den Isaakssegen, dem alle Blüte Labans zu danken war, und daß sie sich solcher Ränke hätten schämen sollen gegen ihn, ihren wahren Erzeuger. Außerdem aber war es Besorgnis, was er empfand, und von Stund an trachtete er, in Labans Miene zu lesen, wie es um ihn, den Baas, selber stände und um seine Gesinnung: ob er wohl aufgelegt sei, zu glauben, ein wildes Tier habe Jaakob zerrissen, wenn die Schwäger es aussagten. Er las in des Mannes Angesicht, als dieser herauskam auf einem Ochsen, die Zucht zu besehen, und fand, er müsse noch einmal lesen, ritt selber zum Hof, um zu bereden die Schafschur, und las aufs neue in dem schweren Gesicht. Und siehe, es war nicht mehr gegen ihn wie gestern und ehegestern, er erwiderte sein forschendes Blicken gar nicht, finster und schwer hingen seine Züge herab, und nicht ein einziges Mal erhob der Mann seine Augen zu Jaakob, sondern unter den Wülsten der Brauen gingen dieselben niedrig beiseite, wenn er das Notwendigste sprach zu dem Eidam, so daß nach der zweiten Lesung dem Jaakob klar und gewiß war: der Mann würde nicht allein glauben an das reißende Tier, sondern diesem sogar auch noch finsteren Dank wissen in seinem Herzen.

Da wußte Jaakob genug und vernahm Gottes Stimme im Traum, sobald er nur schlief, die lautete: »Mach, daß du fortkommst!« Und drängte ihn: »Pack alles auf, was du hast, lieber heut als morgen, und nimm deine Weiber und Kinder und alles, was dein geworden durch mich in all der Zeit, und zieh schwankend und schwer in die Heimat fort, in Richtung auf das Gebirge Gilead, ich will mit dir sein.«

Es war eine großzügige Weisung: die Überlegung und Anordnung im einzelnen war des Menschen Teil, und mit stiller Umsicht begann Jaakob seine Flucht aus der Unterwelt ins Werk zu setzen. Vor allem ließ er seine Frauen aufs Feld kommen, wo er hütete, Lea und Rahel, die Haustöchter, um sich mit ihnen zu verständigen und sicherzugehen in betreff ihrer Anhänglichkeit. Denn was die Kebsen betraf, Bilha und Silpa, so kam es auf ihre Meinung nicht an, sie würden Bescheid erhalten.

»So ist es«, sagte er zu den Frauen, als sie zu dritt vorm Zelte saßen auf ihren Fersen, »so und so. Nach dem Leben trachten mir eure späten Brüder um meiner Habe willen, welche die eure ist und eurer Kinder Erbe. Lese ich aber in Vaters Miene, ob er mich schützen wird vor der Bösen Rat, so finde ich, daß er nicht auf mich blickt wie gestern und ehegestern, sondern überhaupt nicht; denn er läßt hängen die eine Hälfte seines Gesichtes als wie gelähmt, und die andere will auch nichts von mir wissen. Nämlich warum? Ich habe ihm gedient mit allen Kräften. Dreimal sieben und vier Jahre lang, er aber hat mich betrogen, wie er konnte, und mir den Lohn verändert, wie es ihm einfiel, unter Berufung auf die Härten des Wirtschaftslebens. Aber der Gott zu Beth-el, meines Vaters Gott, hat nicht zugelassen, daß er mir Schaden täte, sondern die Dinge zu meinen Gunsten gewandt. Und wenn es hieß: Die Sprenklichen sollen dein Lohn sein, siehe, so sprangen die Böcke, und die ganze Herde trug Sprenkliche, also daß eures Vaters Gut ihm entwandt wurde und ward mir gegeben. Darum soll ich nun sterben, und es soll heißen: Ein Löwe hat ihn zerrissen. Der Herr zu Beth-el aber, dem ich den Stein salbte, will, daß ich lebe und sehr alt werde, darum hat er mich im Traum gewiesen, zu nehmen, was mein ist, und in der Stille fortzuziehen über das Wasser in meiner Väter Land. Ich habe geredet. Redet nun ihr!«

Da zeigte sich denn, daß die Frauen einhellig der Meinung Gottes waren – wie hätten sie einer anderen sein sollen? Armer Laban! Er hätte wohl den kürzeren gezogen, selbst wenn es etwas wie eine Entscheidung gewesen wäre, vor die sie sich gestellt sahen, was kaum der Fall war. Sie waren Jaakobs. Der Kaufpreis war gezahlt worden für sie in vierzehn Jahren. Wäre alles mit üblichen Dingen zugegangen, so hätte ihr Käufer und Herr sie längst von hinnen geführt aus ihres Vaters Haus in den Schoß seiner eigenen Sippe. Sie waren die Mütter von achten seiner Kinder geworden, ehe denn nun das Natürliche eintrat und Jaakob die Rechte geltend machte, die er seit langem erworben. Sollten sie ihn ziehen lassen mit den Söhnen und Dina, der Lea-Tochter, um ihrerseits dem Vater anzuhangen, der sie verkauft hatte? Sollte er allein fliehen mit den Reichtümern, die sein Gott ihrem Vater entwandt hatte zu ihnen und ihren Kindern? Oder sollten sie seinen Fluchtplan dem Vater, den Brüdern verraten und ihn verderben? Alles unmöglich. Eines unmöglicher als das andere. Vor allem liebten sie ihn ja, liebten ihn um die Wette seit dem Tage seiner Ankunft, und zum Wettstreit in der Hingabe war nie ein Augenblick günstiger gewesen als dieser. Darum schmiegten sie sich an ihn von beiden Seiten und sprachen gleichzeitig:

»Ich bin dein! Wie jene denkt, weiß und frage ich nicht. Ich aber bin dein, wo du auch bist und wohin du gehst. Stiehlst du dich fort, so stiehl auch mich hinweg nebst allem, was Abrahams Gott dir zugewandt, und Nabu, der Führer, der Gott der Diebe, sei mit uns!«

»Dank euch!« erwiderte Jaakob. »Gleichmäßigen Dank euch beiden! Laban kommt heraus, mit mir seine Herde zu scheren den dritten Tag von heute. Danach zieht er hinüber drei Tagereisen weit, seine Sprenklichen zu scheren mit Beor, Alub und Muras. Indes er zieht, sammle ich das Meine, das in der Mitte ist zwischen hier und dort, die Herden, die Gott mir geschenkt, und den sechsten Tag von heute, wenn Laban fern ist, stehlen wir uns hinweg in all unsrer Schwere gegen das Wasser Prath und gen Gilead. Geht, ich liebe euch ungefähr gleichmäßig! Aber du, Rahel, mein Auge, trage Sorge um das Lamm der Jungfrau, Jehosiph, den wahrhaften Sohn, daß die Reise ihm möglichst sanft sei, und sinne auf warme Hüllen für ihn in Voraussicht kalter Nächte, denn das Reis ist zart wie die Wurzel, aus der es unter Krämpfen und Schmerzen gebrochen. Geht und bewegt bei euch alle meine Worte!«

So, und genauer noch, wurde die Flucht verabredet, deren Jaakob noch im Alter mit listiger Erregung gedachte. Aber mit Rührung gedachte er dessen und sprach davon bis an seinen Tod, was Rahel, die Kleine, damals getan in lieblicher Einfalt und Durchtriebenheit. Sie tat es in aller Selbständigkeit, ohne jemandes Mitwissen, und auch ihm, dem Jaakob, gestand sie es erst später, um sein Gewissen nicht an ihrer Tat zu beteiligen, so daß er reinen Herzens schwören könne vor Laban … Was tat sie? Da man sich fortstahl und die Welt im Zeichen Nabu's stand, so stahl auch sie. Da Laban den Hof verlassen, um zu scheren, stieg sie hinab zu stiller Stunde durch die Falltür ins Gelaß der Gräber und Quittungen, nahm Labans kleine Hausgötter, die Teraphim, einen nach dem anderen an den bärtigen und weiblichen Köpfchen, steckte sie unter ihren Arm und in ihre Gürteltasche, behielt auch ein paar in der Hand und schlüpfte ungesehen damit hinweg ins Frauenquartier, um die Tönernen mit Hausrat zuzudecken und mitzunehmen auf die diebische Reise. Denn in ihrem Köpfchen sah es verworren aus, und das war es gerade, was Jaakobs Herz mit Rührung erfüllte, als er alles erfuhr, – mit Rührung und Kummer. Zur Hälfte und nach ihrem mündlichen Bekenntnis war sie, aus Liebe zu ihm, wohl seinem Gotte, dem Höchst-Einzigen, gewonnen und hatte dem Landesüblichen abgesagt. Zur anderen Hälfte aber und im geheimen Herzen war sie noch götzendienerisch und dachte zum mindesten: Sicher ist sicher. Für alle Fälle nahm sie dem Laban die Ratgeber und Wahrsager weg, damit sie ihm nicht Auskunft gäben über die Pfade der Flüchtigen, sondern diesen Schutz gewährten gegen Verfolgung, worin nach landläufiger Annahme eine ihrer Kräfte und Tugenden bestand. Sie wußte, wie Laban an diesen Männlein und Ischtar-Weiblein hing, wie hoch er sie hielt, und dennoch stahl sie sie ihm um Jaakobs willen. Kein Wunder, daß Jaakob sie feuchten Auges küßte, als sie ihm später die Tat gestand, und sie nur ganz nebenbei aufs sanfteste etwas vermahnte von wegen ihrer Verworrenheit und darob, daß sie ihn mit leiblichen Eiden sich hatte verschwören lassen vor Laban, als dieser ihn einholte: denn blindlings setzte er damals ihrer aller Leben zum Pfande dafür, daß die Götter sich nicht unter seinem Dache befänden.

Die Verfolgung

Die Teraphim nämlich bewährten ihre schützende Tugend in diesem Falle durchaus nicht – vielleicht weil sie sie nicht gegen ihren rechtmäßigen Besitzer zu kehren wünschten. Daß Jizchaks Sohn mit den Weibern, den Mägden, dem zwölfköpfigen Nachwuchs und all dem Seinen geflohen sei, und zwar natürlich gen Westen, erfuhr Laban schon den dritten Tag, kaum daß er zur Schur bei den Sprenklichen und Schwarzen angekommen war, erfuhr er es von Hüterknechten, die sich für die Treue ihres Mundes besseren Lohn erhofft hatten, als ihnen zuteil wurde: im Gegenteil, sie hätten fast noch Prügel bekommen. Der Wütende hastete nach Hause, wo er den Raub der Idole feststellte, und nahm von da, mit seinen Söhnen und einer Anzahl Bewaffneter, sogleich die Verfolgung auf.

Ja, es war ganz wie vor fünfundzwanzig Jahren, auf Jaakobs Herreise, als er den Eliphas auf den Fersen gehabt hatte: wieder sah er sich furchtbar verfolgt, um so furchtbarer wiederum, als die nachsetzende Macht viel leichter beweglich war als er mit seinem langsam im Staube sich vorwärtsschiebenden Heerwurm von Kleinvieh, Packtieren und Ochsenkarren, und in den Schrecken, der ihn befiel, als die Späher und Horcher in seinem Rücken ihm das Herannahen Labans meldeten, mischte sich ein geistiges Wohlgefallen an Entsprechung und Ebenmaß. Sieben Tage, so steht es fest, brauchte Laban, den Eidam einzuholen, und dieser hatte der Reise übelsten Teil, die Wüste, schon hinter sich, war schon auf den waldigen Höhen des Gebirges Gilead angelangt, von wo er nur noch hinabzusteigen brauchte, um ins Tal des Jordan, der da ins Meer des Lot oder das Salzmeer fließt, zu gelangen, – als sein Vorsprung verbraucht war und er sich zur Begegnung und Auseinandersetzung bequemen mußte.

Der Schauplatz, die dauernde Landschaft, Strom, Meer und Dunstgebirge, sind Zeugen und schweigend schwörende Bürgen der Geschichten, von denen Jaakobs Sinn schwer und würdig war, die sein Sinnen so scheugebietend machten und die wir umständlich, will sagen: mit ihren Umständen erzählen, wie sie ihm nachprüfbar richtig hier geschahen in standhaltender Übereinstimmung mit Berg und Tal. Hier war es, alles ist richtig und stimmt, wir selbst sind hinabgefahren, ungeheuer, in die Tiefe und haben vom Abendstrande des scheußlich schmeckenden Lotmeeres alles mit Augen gesehen, daß es in Ordnung ist und übereinstimmt mit sich selber. Ja, diese bläulichen Höhen im Morgen jenseits der Lauge sind Moab und Ammon, die Länder der Kinder Lots, der Ausgestoßenen, die seine Töchter ihm abgewonnen im Beischlaf. Dort hinten, im fernen Süden des Meers, dämmert Edomgebiet, Seïr, das Bocksland, von wo Esau verworren aufbrach, dem Bruder entgegen, und traf ihn am Jabbok. Hat es seine Richtigkeit mit den Bergen Gileads, wo Laban den Eidam einholte, und ihrem örtlichen Verhältnis zum Wasser Jabbok, an das Jaakob danach gelangte? Vollkommen. Das Gilead im Ostjordanland ließen die Leute mit seinem Namen wohl weit hinaufreichen gen Norden, bis zum Jarmukfluß, der unfern des Sees Kinnereth oder Genezareth sein reißend Wasser mit dem des Jordan vereinigt. Aber das Gebirge Gilead besonders sind jene Höhen, die sich westöstlich an beiden Ufern des Jabbok erstrecken, und von ihnen steigt man hinab zu seinen Gebüschen und zu der Furt, die Jaakob den Seinen zum Übergang wählte; er aber blieb zurück über Nacht und erlitt das einsame Abenteuer, das seinen Gang für alle Zeit etwas hinkend machte. Wie einleuchtend übrigens, daß er, da hier der Eintritt ins heiße Ghor des Stromes erfolgte, mit seinem ermatteten Anhang an Menschen und Tieren nicht erst hinabzog ins eigentlich Heimatliche, sondern gerade durchging gen Westen, ins Tal von Sichem zu Füßen Garizims und Ebals, wo er zur Ruhe zu kommen hoffte. Ja, alles stimmt nachprüfbar überein mit sich selbst und bezeugt auf die Dauer, daß kein Falsch ist in den Liedern der Hirten und ihrem Schönen Gespräch. –

Es wird immer unklar bleiben, wie Laban, dem Erdenkloß, eigentlich zumute war bei seiner schnaubenden Verfolgung; denn wie er sich an ihrem Ziele benahm, das bot dem Jaakob manche recht angenehme Überraschung, und wiederum stand es, so fand er später, in schöner Entsprechung zu Esau's unverhofftem Benehmen bei ihrer Begegnung. Ja, Labans Gemütszustand beim Aufbruch war offenbar ebenso verworren gewesen wie der des Roten. Er schnaubte und führte Waffen gegen den Ausgerückten, dann aber hieß er dessen Handlungsweise nur töricht, und bei ihrer Unterredung gestand er dem Neffen, ein Gott, der Gott seiner Schwester, habe ihn heimgesucht im Traume und ihn bedroht, er möge beileibe mit Jaakob nicht anders als freundlich reden. Das mag sein, denn es genügte dem Laban, vom Gotte Abrahams und Nachors überhaupt zu wissen, um ihm ebensoviel Daseinswirklichkeit zuzuerkennen wie der Ischtar oder dem Adad, wenn er sich auch nicht zu den Seinen zählte. Ob er, der Unzugehörige, aber wirklich Jeho, den Einzigen, im Traume gesehen und gehört hatte, bleibt strittig; Lehrer und Kommentatoren haben sich befremdet darüber geäußert, und wahrscheinlicher ist, daß er gewissen Empfindungen und Furchtgedanken, die ihn auf dem Wege überkommen, Überlegungen, die er in stiller Seele angestellt, ausdrucksvollerweise den Namen eines Traumgesichtes gab, – auch Jaakob unterschied hier wenig und billigte die Redeweise. Fünfundzwanzig Jahre hatten den Laban gelehrt, daß er es mit einem Segensmanne zu tun habe, und wenn nichts begreiflicher ist, als daß er schnaubte, weil Jaakob mit seiner Person auch die Segenswirkung hinwegstahl, um derentwillen Laban so große Opfer gebracht, so versteht sich nicht weniger leicht, daß sein erstes Vorhaben, ihm gewalttätig zu begegnen, sehr bald durch scheue Bedenken gedämpft wurde. Auch war gegen die Mitnahme der Frauen, seiner Töchter, so gut wie nichts einzuwenden. Sie waren gekauft, sie waren Jaakobs mit Leib und Seele, und Laban selbst hatte einst den Bettler verachtet, der nicht gehabt hatte, wohin sie führen im Hochzeitszuge aus dem Haus ihrer Eltern. Wie hatten nun die Götter es anders gefügt und dem Manne gestattet, ihn auszuplündern! Indem er ihm auffahrend nachsetzte, glaubte er kaum, er tue es, um ihm den Reichtum mit Waffengewalt wieder abzunehmen, sondern ihn trieb es dunkel, den Schrecken über den endgültigen Verlust all dessen, was aus seiner Hand in die Jaakobs übergegangen war, dadurch zu lindern, daß er von dem glücklichen Diebe doch wenigstens Abschied nähme und zu einem Frieden mit ihm käme – dann würde ihm wohler sein. Und nur in einem Punkte schnob er wirklich Empörung und Wiederherausgabe: das war der Diebstahl der Teraphim. Unter den vagen und wirren Motiven seiner Verfolgungswut war dies das feste und handgreifliche: seine Hausgötzlein wollte er wiederhaben, und wer zu dem chaldäischen Geschäfts- und Vertragsmenschen trotz all seiner plumpen Härte ein wenig Neigung fassen konnte, den mag es noch heute kränken und wehmütig anmuten, daß er sie niemals wiederbekam.

In seltsam friedlichen und geräuschlosen Formen vollzog sich die Vereinigung von Flüchtling und Verfolger, da man doch, nach Labans Aufbruchsgebärde zu schließen, etwas wie einen Zusammenprall hätte erwarten sollen. Die Nacht fiel ein über Gilead, und auf feuchter Höhenwiese hatte Jaakob soeben sein Lager aufspannen, die Kamele anpflocken, das Kleinvieh zusammenpferchen lassen, damit es sich aneinander wärme, als Laban schweigend anlangte, in schattenhaftem Schweigen auch sein Zelt aufschlagen ließ nahebei und darin verschwand, um diese Nacht überhaupt nichts mehr von sich merken zu lassen.

In der Frühe aber ging er hervor und schweren Schrittes hinüber zu Jaakobs Gehänge, vor welchem dieser ihn etwas ratlos erwartete, und sie berührten Stirne und Brust und ließen sich nieder.

»Es trifft sich höchst dankenswert«, eröffnete Jaakob die heikle Unterredung, »daß ich meinen Vater und Oheim noch einmal sehe. Möchten doch die Beschwerden der Reise sein körperliches Wohlsein in nichts zu mindern vermögend gewesen sein!«

»Ich bin rüstig über meine Jahre«, erwiderte Laban. »Zweifellos warst du dir dessen bewußt, als du mir diese Reise auferlegtest.«

»Wie nun das?« fragte Jaakob.

»Wie nun das? Menschensohn, geh in dich und frage dich, wie du an mir getan hast, daß du dich wegstiehlst heimlich von mir und unserm Vertrage und führst mir roh die Töchter hinweg wie Schwertesbeute! Meiner Auffassung nach hättest du immerdar sollen bei mir bleiben nach dem Vertrage, der mich mein Blut kostete, aber an dem ich heilig festhielt nach Landessittsamkeit. Wenn es dich aber nicht litt und du fortbegehrtest so ungestüm in dein Erb und Eigen, warum tatest du deinen Mund nicht auf und redetest nicht vor mir wie ein Sohn? Wir hätten so spät noch nachgeholt, was im rechten Augenblick deine Umstände verhinderten, und hätten euch geleitet mit Cymbeln und Harfen auf dem Land- oder Wasserwege nach stattlicher Üblichkeit. Was aber hast du getan? Mußt du denn immer stehlen, bei Tag und Nacht, – und hast du kein Herz im Leibe und kein fühlsam Eingeweide, daß du mir Altem nicht gönnst, meine Kinder zu küssen zum letztenmal? Ich will dir sagen, wie du getan hast, du hast ganz töricht getan, das ist das Wort, das mir einfällt für deine Handlungsweise. Und wenn ich wollte und nicht gestern eine Stimme zu mir gekommen wäre im Traum – es war möglicherweise deines Gottes Stimme – und hätte mir abgeraten, mich mit dir einzulassen, so glaube du nur, daß meine Söhne und Knechte genug Erz hätten in ihren Armen, um dir die Torheit einzutränken, da wir dich einholten auf Diebesflucht!«

»O ja«, erwiderte Jaakob da, »was wahr ist, muß wahr bleiben. Meines Brotherrn Söhne sind Eber und junge Löwen und hätten wohl gern schon seit längerem an mir gehandelt nach Eber- und Löwenart, wenn nicht am Tage, so doch in der Nacht, wenn ich schlief, du aber hättest willig geglaubt, ein reißend Tier sei's gewesen, und hättest mich baß beweint. Fragst du, warum ich gezogen bin in der Stille und habe nicht lange Worte gemacht? Sollte ich mich denn nicht fürchten vor dir, daß du's nicht zugeben würdest und würdest die Weiber, deine Töchter, von mir reißen, mindestens aber mir neue Bedingungen auferlegen für die Reiseerlaubnis und mir abnehmen mein Hab und Gut? Denn mein Oheim ist hart, und sein Gott ist das unerbittliche Wirtschaftsgesetz.«

»Und warum hast du mir meine Götter gestohlen?!« rief Laban plötzlich, und die Zornesadern schwollen zolldick auf seiner Stirn …

Jaakob war sprachlos und sagte auch, daß er es sei. Im Grunde war seiner Seele leichter, da Laban sich durch eine so widersinnige Behauptung ins Unrecht setzte, – das war günstig für Jaakob.

»Götter?« wiederholte er staunend. »Die Teraphim? Ich soll dir deine Bilder entwandt haben aus dem Gelaß? Das ist das Stärkste und Lächerlichste, was mir je vorgekommen! Nimm doch deine Vernunft zu Hilfe, Mann, und überlege dir, was du mir vorwirfst! Welchen Wert und Belang sollen für mich denn deine Götzlein haben, die Irdenen, daß ich sollte daran zum Missetäter werden? Meines Wissens sind sie gedreht auf der Töpferscheibe und an der Sonne getrocknet, wie ander Gerät, und taugen mir nicht einmal, einem Sklavenkinde den Lauf der Nase zu stillen, wenn's Schnupfen hat. Ich rede von mir, bei dir mag es etwas anderes sein. Aber da sie dir scheinen abhanden gekommen, so war' es nicht fein, ihre Tugend vor dir allzu hoch zu veranschlagen.«

Laban erwiderte:

»Das ist nur falsch und weise von dir, daß du tust, als gäbest du keinen Deut auf sie, damit ich glaube, du habest sie nicht gestohlen. Es kann kein Mensch den Teraphim so wenig Tugend beimessen, daß er sie nicht gerne stähle, das ist unmöglich. Und da sie nicht sind, wo sie waren, so bist du's, der sie stahl.«

»Jetzt hör mich an!« sagte Jaakob. »Es ist sehr gut, daß du da bist und hast's nicht für Raub gehalten, hinter mir drein zu ziehen so viele Tage um dieser Sache willen, denn sie muß geklärt werden bis aufs letzte, das verlange ich, der Beschuldigte. Mein Lager liegt dir offen. Gehe hindurch, wie du magst, und suche! Kehre alles um ohne Scheu und ganz nach Gefallen, ich gebe dir freieste Hand. Und bei wem du deine Götter findest, ob nun ich es sei oder der Meinen einer, der sei des Todes hier gleich vor aller Augen, und mir sei es gleich, ob du willst, daß es durchs Eisen, durchs Feuer oder durch Verscharren geschehe. Fange an bei mir und sei umsichtig! Ich bestehe auf genauester Untersuchung.«

Ihm war wohl, weil er alles auf die Teraphim abstellen konnte, so daß nur von diesen überall noch die Rede war und er groß und beleidigt dastehen würde am Ende der Untersuchung. Er ahnte nicht, wie schlüpfrig der Boden war unter seinen Füßen, und wie tödlich er sich vermaß. Daran war Rahel schuldig in ihrer Unschuld; aber mit größter Gewandtheit und Festigkeit kam sie auf für ihren Leichtsinn und den, den sie schuf.

Laban nämlich antwortete: »Wahrlich, so sei es!«, erhob sich eifervoll und fing an, das Lager abzusuchen, daß er seine Irdenen fände. Wir wissen genau die Reihenfolge, in der er vorging – anfangs mit heftiger Gründlichkeit, dann aber, nach Stunden vergeblicher Mühe, langsam ermattend und verzagend; denn bei steigender Sonne ward ihm sehr heiß, und ob er auch ohne Obergewand suchte, im Hemde mit offener Brust und aufgestülpten Ärmeln, so troff ihm doch bald der Schweiß unter der Mütze hervor, und war sein Gesicht so rot, daß man hätte den Schlagfluß befürchten mögen für den schweren Alten – alles von wegen der Teraphim! Hatte denn Rahel kein Herz für ihn, daß sie ihn so sich quälen ließ und ihn so festen Auges zum besten hielt? Aber man muß die Übertragungs- und Einflüsterungskräfte bedenken, die von Jaakobs bedeutender Person und seinen geistlichen Vorstellungen ausgingen auf seine ganze Umgebung und besonders auf die, die ihn liebten. Durch seines Geistes Macht und Eigensinn spielte Rahel selbst eine heilige Rolle, nämlich die der Sternenjungfrau und Mutter des segenbringenden Himmelsknaben; desto geneigter also war sie, auch die übrige Welt und auch die Gestalt ihres Vaters in Jaakobs Lichte zu sehen und die gesetzliche Rolle anzuerkennen, die ihm darin beschieden war. Für sie, wie für den Geliebten, war Laban ein betrügerischer Teufel und Schwarzmonddämon, der letztlich selber betrogen wurde, und zwar in noch größerem Stil, als er selber betrogen hatte; und Rahel zuckte darum nicht mit den Wimpern dabei, weil es ein frommer, sinniger und gesetzlicher Akt war, der sich vollzog und in dem auch Laban mit mehr oder weniger Bewußtsein und Zustimmung seine heilige Rolle spielte. Sie hatte sowenig Mitleid mit ihm, wie Jizchaks Hofvolk mit Esau gehabt hatte beim großen Jokus.

Laban war nächtlich angelangt und hatte sich in der Frühe zu Jaakob begeben – zweifellos, um von ihm zu fordern, was sie hatte. Daß sich der Vater von der Unterredung erhoben und angefangen habe zu suchen, meldete ihr eine kleine Dienerin, die sie zum Spähen gesandt hatte und die, um schneller zu rennen, den Saum ihres Rockes zwischen die Zähne nahm, so daß sie vorne ganz bloß war beim Laufen. »Laban sucht!« rief sie flüsternd. Da sputete sich Rahel, nahm die Teraphim, die in ein Tuch gewickelt waren, und trug sie hinaus vor ihr schwärzliches Zelt, wo Lea's Reitkamel und ihr eigenes angepflockt waren, erlesene Tiere von fratzenhafter Schönheit, mit urklugen Schlangenköpfen an ihren geschwungenen Hälsen und Füßen so breit wie ein Kissen, so daß sie im Sande nicht einsanken. Reichliche Streu hatten die Knechte ihnen untergetan, darauf lagen sie, hochmütig malmend. Unter die Streu aber schob Rahel ihr Gestohlenes, vergrub es ganz darin und setzte sich dann, wo sie es verwühlt hatte, obenauf, vor die Kamele, die ihr kauend über die Schultern schauten. So wartete sie auf Laban.

Dieser, so wissen wir, hatte in Jaakobs Hütte zu suchen begonnen und von des Eidams Reisehausrat das Unterste zuoberst gekehrt, die Fußmatte gelüftet, die Matratze des Gurtbettes aufgehoben, Hemden, Mäntel und Wolldecken geschüttelt und die Kassette mit den Steinen zu Jaakobs Brettspiel ›Böser Blick‹, das er mit Rahel zu spielen liebte, zu Boden fallen lassen, so daß fünf Figuren zerbrachen. Von da hatte er sich mit wütendem Achselzucken in Lea's Wohnung und in die Silpa's und Bilha's begeben und beim Stöbern keine Heimlichkeit der Weiber geschont, wobei er sich zitternd mit ihren Pinzetten gestochen und sich den Bart mit grüner Farbe beschmiert hatte, die sie brauchten, um sich die Augenwinkel länger zu malen; so ungeschickt war er vor Eifer und in dem dunklen Bewußtsein, daß es seine Rolle sei, sich lächerlich zu machen.

Dann kam er dahin, wo Rahel saß, und sprach:

»Gesundheit, mein Kind! Du hast nicht gedacht, mich zu sehen.«

»Vollkommene Gesundheit!« antwortete Rahel. »Mein Herr sucht?«

»Ich suche Gestohlenes«, sagte Laban, »durch all eure Hütten und Hürden hin.«

»Ja, ja, wie schlimm!« nickte sie, und die beiden Kamele sahen ihr mit einem dünkelhaft hämischen Lächeln ihrer Gesichter über die Schultern. »Warum hilft Jaakob, unser Mann, dir nicht beim Suchen?«

»Er würde nichts finden«, versetzte Laban. »Ich muß ganz alleine suchen und mich mühen in der steigenden Sonne zu Gilead auf dem Berge.«

»Ja, ja, wie schlimm!« wiederholte sie. »Mein Hüttlein ist jenes. Sieh dich um darin, wenn du mußt und meinst. Aber sei vorsichtig mit meinen Töpfen und Löffeln! Schon ist dein Bart etwas grün!«

Laban bückte sich und ging hinein. Bald kam er wieder heraus zu Rahel und den Tieren, seufzte und schwieg.

»Ist nichts Gestohlenes dort?« fragte sie.

»Nicht für mein Auge«, erwiderte er.

»Dann muß es woanders sein«, sagte Rahel. »Gewiß wundert mein Herr sich längst, daß ich nicht aufstehe vor ihm nach Ehrfurcht und Schicklichkeit. Es ist nur, weil ich mich eben unmustern fühle, so daß ich behindert bin in meiner Bewegungsfreiheit.«

»Wie denn unmustern?« wollte Laban wissen. »Ist dir heiß und kalt in abwechselnder Reihenfolge?«

»Nicht doch, unpäßlich bin ich«, erwiderte sie.

»Worin besteht es denn aber?« fragte er wieder. »Hast du den Zahnwurm oder eine Beule?«

»Ach, lieber Herr, es geht mir nach Frauenart, ich erleide die Regel«, antwortete sie, und die Kamele lächelten überaus hämisch und dünkelhaft über ihren Schultern.

»Weiter nichts?« sprach Laban, »nun, das zählt nicht. Es ist mir geradezu lieb, daß du die Regel hast, lieber, als wärest du schwanger. Denn zum Gebären taugst du nicht sonderlich. Gesundheit! Ich muß das Gestohlene suchen.«

Damit ging er und suchte sich halb zuschanden bis in den Nachmittag, als die Sonne schon schräge fiel. Da kam er wieder zu Jaakob, schmutzig, erschöpft und aufgelöst und ließ seinen Kopf hängen.

»Nun denn, wo waren die Götzen?« fragte Jaakob.

»Scheinbar nirgends«, erwiderte jener, hob seine Arme und ließ sie fallen.

»Scheinbar?« erbitterte Jaakob sich da; denn seine Mühle hatte nun Oberwasser, groß stand er da und mochte den Mund voll nehmen ganz nach Gefallen. »Sagst du ›scheinbar‹ zu mir und willst es nicht als Beweis anerkennen meiner Unschuld, daß du das Deine nicht fandest, da du gesucht zehn Stunden lang und hast mir das Lager um und um gewühlt in deiner Wut, mich zu töten oder einen von mir? All meinen Hausrat hast du betastet – mit meiner Erlaubnis, gewiß, ich hab' dir's freigestellt, aber daß du's tatest, war dennoch sehr unfein. Und was hast du gefunden von dem Deinen? Lege es nieder hier und klage mich an vor deinem und meinem Volk, daß die öffentliche Stimme richte zwischen uns beiden! Wie du dich doch erhitzt und besudelt hast, nur um mich umzubringen! Und was habe ich dir getan? Ich war ein Jüngling, da ich zu dir kam, und bin nun würdigen Alters, wenn ich auch hoffe, daß der Einzige mir noch ein langes Leben beschert – so viel Zeit habe ich hingebracht in deinen Diensten und war dir ein Großknecht, wie die Welt ihn nicht sah –, das läßt der Zorn mich dir sagen, da ich's sonst in mich verschloß aus Verschämtheit. Ich habe dir Wasser gefunden, daß du frei wurdest von Ischullanu's Söhnen und abwerfen konntest das Bänkerjoch, und bist aufgeblüht wie die Rose im Tale Saron und in Frucht gestanden wie die Dattelpalme in der Tiefebene Jericho. Deine Ziegen haben zweifach geworfen und deine Schafe Zwillinge. Wenn ich je einen Widder deiner Herde gegessen habe, so schlage mich, denn Kräuter habe ich mir gerupft mit den Gazellen und mich mit dem Vieh versorgt an der Tränke. So habe ich gelebt für dich und dir gedient vierzehn Jahre um deine Töchter und sechs um nichts und wieder nichts und fünf um den Ausschuß deiner Herde. Am Tage bin ich vor Hitze verschmachtet und habe des Nachts gebebt vor Frost in der Steppe, und geschlafen habe ich überhaupt nicht vor Achtsamkeit. Wenn aber unglücklicherweise eine Berührung geschah in der Hürde, oder es mordete ein Löwe, so ließest du mich nicht schwören zu meiner Reinigung, sondern aufkommen mußte ich für den Ausfall, und tatest, als stähle ich Tag und Nacht. Und hast mir den Lohn verändert völlig nach Gutdünken und mir Lea untergeschoben, da ich glaubte, die Rechte zu umfangen, das wird mir in den Gliedern liegen mein Leben lang! Wäre der Gott meiner Väter nicht auf meiner Seite gewesen, Jahu, der Gewaltige, und hätte mir einiges zugewandt, so wäre ich, Gott behüte, ebenso nackend von dir gegangen, wie ich zu dir kam. Das aber hat Er denn doch nicht gewollt und hat seines Segens nicht spotten lassen. Niemals hat er zu einem Fremden gesprochen, aber zu dir hat er gesprochen um meinetwillen und dich gewiesen, mit mir nicht anders zu reden denn freundlich. Ja, das nenne ich freundlich reden, daß du kommst und brüllst, ich hätte dir deine Götter gestohlen; da du sie aber nicht findest, trotz maßlosen Suchens, so ist's nur scheinbar!«

Laban schwieg und seufzte.

»Du bist so falsch und weise«, sagte er müde, »daß kein Aufkommen ist wider dich, und soll keiner anbinden mit dir, denn du setzest ihn so oder so ins Unrecht. Wenn ich mich umsehe, so ist mir's als wie im Traum. Alles ist mein, was ich sehe, die Töchter, die Kinder, die Herden und Wagen und Tiere und Knechte sind mein, aber sie sind eingegangen in deine Hände, ich weiß nicht wie, und du ziehst damit hinweg von mir, das dünkt mich träumerisch. Siehe, mir ist versöhnlich zu Sinn, ich möchte mich vertragen mit dir und einen Bund mit dir machen, daß wir auseinanderkommen in Frieden und ich mich nicht verzehren muß all meine Lebtage um deinetwillen.«

»Das läßt sich hören«, antwortete Jaakob, »und wenn du so sprichst, so lautet es anders als ›scheinbar‹ und dergleichen Kränkung. Es ist ganz nach meinem Sinn, was du sagst, denn siehe, du hast mir die Jungfrau gezeugt, des Sohnes Mutter, in der du schön worden bist, und nicht soll die Furcht Labans mir fremd sein, das wäre verwerflich. Einzig um dir den Abschied nicht schwer zu machen, bin ich in der Stille gezogen und habe das Meine fortgestohlen, aber es soll mir sehr lieb sein, wenn wir gütlich auseinanderkommen und auch ich fortan in Gemütsruhe deiner gedenken kann. Ich will einen Stein aufrichten – soll ich? Ich tue das mit Vergnügen. Und es sollen vier deiner Knechte und vier von meinen uns einen Steinhaufen machen zum Gelöbnismal, daß wir essen vor Gott und uns vertragen vor ihm – bist du's zufrieden?«

»Ich glaube: ja«, sagte Laban. »Denn ich sehe nichts anderes.«

Da ging Jaakob hin und stellte einen schönen, langen Stein gerade auf, damit Gott zugegen sei; acht Männer aber mußten den Bundeshaufen zusammentragen aus allerlei Bergschutt und kleinem Geröll, und unter vier Augen aßen sie darauf ein Hammelgericht mit dem Fettschwanz inmitten der Schüssel. Aber Jaakob ließ Laban beinahe den ganzen Fettschwanz essen und kostete nur. So aßen sie miteinander, allein unter dem Himmel, und vertrugen sich über dem trennenden Haufen mit Blick und Hand. Zum Gegenstande des Eides machte Laban die Töchter, da er nicht recht wußte, was er sonst dazu machen sollte. Jaakob mußte schwören bei seiner Väter Gott und der Furcht Isaaks, daß er seine Weiber nicht wolle mißhandeln und keine andere nehmen außer ihnen – Haufe und Mahl sollten Zeuge sein. Es war aber dem Laban nicht so sehr um die Töchter; die schützte er vor aus Sehnsucht, in irgend leidlicher Form zu Ende zu kommen mit dem Gesegneten, damit er schlafen könnte.

Er blieb noch auf dem Berge die Nacht mit den Seinen. Am Morgen umarmte er die Frauen, sprach auch einen letzten Spruch über ihnen und wandte sich heimwärts. Jaakob aber seufzte einmal erleichtert und einmal gleich hinterher aus neuer Besorgnis. Denn, sagt das Wort, ist der Mensch einem Löwen entronnen, so begegnet er gleich einem Bären. Und nun kam der Rote.

Benoni

Zwei Frauen waren schwanger in Jaakobs Reisezuge, als er nach den schweren Geschichten von Schekem hinabzog gen Beth-el und weiter von dort in Richtung auf Kirjath Arba und Isaaks Haus: zwei, die ins Licht der Ereignisse ragen, denn ob von den Weibern des Sklavengesindels, das man nicht unterscheidet, gerade noch mehrere schwanger waren, darüber kann man nichts aussagen. Schwanger war Dina, das unselige Kind; fruchtbar war sie von Sichern, dem Unseligen, und ein harter Beschluß hing über ihrer traurigen Fruchtbarkeit, so daß sie verhüllt ritt. Und schwanger war Rahel.

Welche Freude! – Ach, mäßigt nur euren Jubel, erinnert euch und verstummt! Rahel starb. So wollte es Gott. Die liebliche Diebin, sie, die dem Jaakob am Brunnen entgegengetreten war, hervor aus der Mitte der Labansschafe mit kindlich tapferem Schauen, sie kam auf der Wanderung nieder und ertrug es nicht, da sie es schon das erstemal mit Not hatte ertragen können, verlor den Atem und starb. Die Tragödie Rahels, der Rechten und Liebsten, ist die Tragödie der nichtangenommenen Tapferkeit.

Man hat fast den Mut nicht, mit Jaakobs Seele zu fühlen an dieser Stelle, da ihm die Herzensbraut auslöschte und hinging als Opfer für seinen Zwölften, – sich einzubilden, wie ihm der Verstand geschlagen war und wie tief in den Staub getreten die weiche Hoffart seines Gefühls. »Herr«, rief er, da er sie sterben sah, »was tust du?« Er hatte gut rufen. Das Gefährliche aber, und was uns im voraus ängstigt, war, daß Jaakob sich durch Rahels Zerstörung sein teures Gefühl, diese selbstherrliche Vorliebe durchaus nicht entreißen ließ, daß er sie keineswegs mit hinabsenkte in das rasch ausgehobene Grab am Wege, sondern sie, als wollte er dem Waltenden beweisen, daß er durch Grausamkeit nichts gewönne, in ihrem ganzen üppigen Eigensinn auf Rahels Erstgeborenen, den neunjährigen, bildschönen Joseph, warf, so daß er diesen denn also zwiefach und vollkommen übermütig liebte und so dem Schicksal eine neue furchtbare Blöße bot. Es ist zum Nachdenken, ob der Gefühlvolle eigentlich mit Bewußtsein Freiheit und Ruhe mißachtet, wissentlich das Verhängnis gegen sich aufruft und nicht anders als in Ängsten und unter dem Schwerte zu leben wünscht. Offenbar ist ein solcher vermessener Wille das Zubehör der Gefühlsseligkeit, denn daß diese große Leidensbereitschaft voraussetzt und es nichts Unvorsichtigeres gibt als die Liebe, sollte jedermann wissen. Der hier waltende Widerspruch der Natur ist eben nur der, daß es weiche Seelen sind, die dies Leben wählen, gar nicht geschaffen, zu tragen, was sie herausfordern, – während die, die es tragen könnten, nicht daran denken, ihr Herz bloßzustellen, so daß ihnen nichts geschehen kann.

Rahel hatte zweiunddreißig Jahre gezählt, als sie unter heiligen Qualen den Joseph gebar, und siebenunddreißig, als Jaakob die staubigen Riegel brach und sie entführte. Sie zählte einundvierzig, als sie noch einmal in Hoffnung kam und so von Schekem auf Reisen gehen mußte, – das heißt: wir sind es, die zählen; in ihrer Gewohnheit und der ihrer Sphäre lag es nicht, das zu tun; sie hätte sich lange besinnen müssen, um annähernd zu sagen, wie alt sie sei, – das war eine allgemein wenig beachtete Frage. Im Morgen der Welt ist die dem Abendländer natürliche zeitrechnerische Wachsamkeit fast unbekannt; viel gleichmütiger überläßt man dort Zeit und Leben sich selbst und dem Dunkel, ohne sie einer messenden und zählenden Ökonomie zu unterwerfen, und ist auf die Frage nach dem persönlichen Alter so wenig vorbereitet, daß der Fragende eines achselzuckend-unbekümmerten Schwankens der Antwort um ganze Jahrzehnte gewärtig sein und etwa hören mag: »Vierzig vielleicht oder siebzig?« – Auch Jaakob war sich über sein eigenes Alter recht sehr im unklaren und nahm keinen Anstoß daran. Zwar waren gewisse Jahre, die er im Labanslande verbracht, gezählt worden, aber andere nicht; und außerdem wußte er nicht und ließ es auf sich beruhen, wie alt er bei seinem Eintreffen gewesen war. Rahel angehend, so hatte die stehende Gegenwart liebender Lebensgemeinschaft ihn nicht einmal die natürlichen Veränderungen gewahr werden lassen, welche die Zeit, überwacht und gezählt oder nicht, an ihrer hübschen und schönen Person zu bewirken sich nicht hatte hindern lassen, indem sie das liebliche Halbkind von einst in eine reife Frau hinübergewandelt hatte. Für ihn, wie das zu gehen pflegt, war Rahel noch immer die Braut vom Brunnen, die mit ihm Wartende der sieben Jahre, der er die Tränen der Ungeduld von den Lidern geküßt; er sah sie wie mit übersichtigen Augen, ungenau, in dem Bilde, das seine Augen einst zärtlich getrunken und dessen Wesentliches ja dann auch von der Zeit nicht hatte berührt werden können: Die freundliche Nacht der Augen war da, die sich gern kurzsichtig zusammenzogen, die zu dicken Flügel des Näschens, die Bildung der Mundwinkel, ihr ruhendes Lächeln, dies besondere Aufeinanderliegen der Lippen, das auf den vergötterten Knaben gekommen war, vor allem aber das Pfiffige, Sanfte und Tapfere in der Charakterhaltung des Labanskindes, der Ausdruck entgegenschauender Lebenswilligkeit, der am Brunnen gleich, auf den ersten Blick, dem Jaakob das Herz im Busen emporgehoben hatte und so stark und lieblich wieder hervorgetreten war, als sie ihm im Lager vor Schekem ihre Umstände vertraut hatte.

›Noch einen dazu!‹ ›Mehre ihn, Herr!‹, das war der Sinn des Namens gewesen, den die zu Tode Erschöpfte dem Erstgeborenen gegeben hatte. Und nun, da Joseph gemehrt werden sollte, fürchtete sie sich nicht, sondern war froh bereit, alles auszustehen, was sie damals ausgestanden, um der Mehrung und ihrer weiblichen Ehre willen. Hier kam ihrem Frohmut wohl eine eigentümliche und organische Vergeßlichkeit der Frauen zu Hilfe, von denen wohl manche in Kindesnöten es laut verschwört, je wieder den Mann zu erkennen, um das nicht noch einmal zu leiden – und ist doch schwanger von neuem schon übers Jahr; denn jener Schmerzeneindruck verfliegt dem Geschlecht auf besondere Weise. Jaakob dagegen hatte die Hölle von damals durchaus nicht vergessen und erschrak, wenn er dachte, daß Rahels Leib nach neunjähriger Brache noch einmal einem so grausamen Aufbruch unterworfen sein sollte. Zwar freute ihn die Ehre, und auch die Idee, daß die Zahl seiner Söhne auf die der Tierkreistempel solle gebracht werden, unterhielt seinen Geist. Doch wollte er es auch wieder wie Störung empfinden, daß dem erklärten Liebling, dem Jüngsten, ein Jüngerer nachzufolgen sich unterfing; denn den Jüngsten kleidet die Lieblingsschaft immer am besten, und etwas wie Eifersucht für Joseph, den Reizenden, mischte sich also in Jaakobs väterliche Erwartung, – kurzum, er war, als hätte eine begreifliche finstere Ahnung ihn gleich umschwebt, ob Rahels Eröffnung von Anfang an nicht sonderlich glücklich.

Es war noch zur Zeit der Winterregen, im Kislew, daß sie's ihm sagte: Das Schicksal Dina's, des Frätzchens, stand da noch in weitem Felde. Er hüllte die Gesegnete in Schonung und verehrende Sorgsamkeit ein wie nur je, tat den Kopf zwischen die Hände vor Trauer, wenn sie erbrechen mußte, und rief zu Gott, da er sie bläßlich sich vermindern und nur ihre Leibeswölbung wachsen sah; denn der kraß-natürliche Eigennutz der Kindesfrucht zeigte sich hier in aller bewußtlosen Grausamkeit. Das Ding in der Höhle wollte stark werden ganz unbedingt, erbarmungslos und einzig auf sich bedacht zog es Säfte und Kräfte an sich auf Kosten der Tragenden, es fraß sie auf, ohne sich Böses noch Gutes dabei zu denken, und wenn es seine Auffassung der Sachlage zu äußern gewußt oder auch nur eine gehabt hätte, so hätte sie dahin gelautet, die Mutter sei nur ein Mittel zu seiner Munterkeit, nichts weiter als Schutz und nährende Berge seiner Erstarkung, bestimmt, als nutzlose Hülse und Schale am Wege liegenzubleiben, wenn es, das einzig wichtige Ding, erst ausgeschlüpft sein werde. Es konnte das weder sagen noch denken, doch seine innerste Meinung war es ganz unverkennbar, und Rahel lächelte entschuldigend dazu. Es ist nicht immer so, daß Mutterschaft in diesem Grade gleichbedeutend mit Opfer ist, es muß nicht sein. In Rahel aber erwies die Natur diese Gesinnung, hatte es schon in Josephs Falle deutlich getan, doch nicht so unumwunden und Jaakob nicht so erschreckend wie diesmal.

Seine Erbitterung gegen die älteren Söhne, gegen Schimeon und Levi zumal, die störrigen Dioskuren, ob ihrer Schekemer Schreckenstat kam namentlich aus seiner Angst um Rahel. Nie wäre es ihm in den Sinn gekommen, mit der schwachen Schwangeren, in der nur die Frucht stark war, auf Reisen zu gehen. Nun hatten die tollen Buben ihm dies angerichtet um ihrer Ehre und Rache willen. Die Sinnlosen! Genau jetzt mußten sie Männer erschlagen im Zorn und Stiere lähmen im Mutwillen. Sie waren Lea-Kinder, wie Dina, für die sie würgten. Was ging sie die Zartheit der Liebsten und Rechten an und des Vaters Sorge um sie? Nicht mit einem ihrer wilden Gedanken hatten sie Rücksicht darauf genommen. Nun war es an dem, man mußte fort. Acht Monde und mehr waren es schon, daß Rahel sich ihm eröffnet hatte; es waren gezählte Monde, Rahel-Monde; während sie wuchsen und abnahmen, wuchs in ihr das Kind und sie nahm ab. Das runde Jahr hatte in Blumen von vorn begonnen, man stand im sechsten Monde, dem Ellul, Hochsommerglut herrschte, gute Wanderzeit war das nicht, aber dem Jaakob blieb keine Wahl. Rahel mußte aufs Reittier – er gab ihr einen klugen Esel, damit nicht ihr Zustand der Schaukelbewegung des Kamelrittes ausgesetzt werde. Sie saß auf des Tieres Hinterhand, wo es am wenigsten stößt, und zwei Knechte mußten es führen, denen Prügelstrafe drohte, falls es strauchelte oder sein Fuß nur an einen Stein rührte. So brach man auf mit den Herden. Das Endziel war Hebron, wohin der Großteil des Stammes gerade durchziehen sollte. Für sich selbst, die Frauen und einigen Anhang aber hatte Jaakob als Zwischenziel und nächste Zuflucht die Stätte Beth-el ins Auge gefaßt, deren Heiligkeit ihm gegen Verfolgung und Angriff Schutz gewähren würde, an der er aber auch im Gedenken an die Nacht der Haupterhebung und des Rampentraumes wieder zu ruhen wünschte.

Dies war Jaakobs Fehler. Er hatte zwei Leidenschaften: Gott und Rahel. Hier kam die eine der anderen in die Quere, und während er sich der geistlichen hingab, beschwor er das Verhängnis auf die irdische herab. Er hätte können gerade auf Kirjath Arba ziehen, das bei stetiger Reise in vier oder fünf Tagen zu erreichen gewesen wäre; und wäre wirklich Rahel auch dort gestorben, so wäre es wenigstens nicht so hilflos und arm am Wegesrande geschehen. Aber er verweilte sich mit ihr mehrere Tage lang bei der Stätte Luz zu Beth-el auf dem Hügel, wo er einst im Elend geschlafen und hoch geträumt hatte; denn in Not und Gefahr war er auch jetzt und ganz in der Verfassung, sich wieder von oben das Haupt erheben und großen Zuspruch geschehen zu lassen. Der Gilgal war unverletzt, mit dem schwärzlichen Sternenstein in der Mitte. Jaakob zeigte ihn den Seinen und wies ihnen auch die Stelle, wo er geschlafen hatte und überschwenglichen Gesichtes gewürdigt worden war. Der Stein, der ihm dazu das Haupt erhoben und den er gesalbt hatte, war nicht mehr da, was ihn verstimmte. Er richtete einen anderen auf, den er mit Öl besprengte, und beschäftigte sich überhaupt diese ganzen Tage hin mit allerlei dienstlichen Handlungen, Feuerdarbringungen und Libationen, mit deren Vorbereitung er es genau nahm; denn er bestand darauf, die Stätte, die er über alle Bedeutung hinaus, die man ihr hierzulande schon immer beigelegt, als einen Ort der Gegenwart erkannt hatte, würdig und praktisch zum Dienste auszugestalten und nicht nur einen Feuerherd aus Erde zu erbauen, um Nahrung für Ja darauf in Rauch aufgehen zu lassen, sondern auch das hervorragende Felsgestein der Hügelkuppe zu einem Gottestisch mit hinanführenden Stufen und einer Plattform zuzuhauen, in deren Mitte eine Spendeschale nebst Ablaufsrinne eingebohrt und gewetzt werden mußte. Das war mühsam, und der die Arbeiten leitende Jaakob ließ es sich Zeit kosten. Die Seinen sahen ihm zu, den Anweisungen lauschend; aber auch aus Luz, dem Städtchen, kamen viele Neugierige herauf und füllten liegend oder auf ihren Fersen sitzend den freien Platz vor dem Altar, indem sie nachdenklich und unter halblautem Meinungsaustausch die Vorkehrungen des wandernden Gottkünders und Freipriesters beobachteten. Sie sahen nichts auffallend Neues, doch war ihnen des würdigen Fremden Absicht deutlich, dem Üblichen einen ausnehmend starken und selbst abweichenden Sinn beizulegen. Zum Beispiel bedeutete er sie, die Hörner an den vier Ecken seines Darbringungstisches seien nicht Mondhörner, durchaus nicht die Stierhörner des Mardug-Baal; es seien Widderhörner. Darüber wunderten sie sich und besprachen es vielfach. Da er den Herrn anrief, Adonai, glaubten sie eine Zeitlang, es handle sich um den Schönen, Zerrissenen und Erstandenen, mußten sich aber dann überzeugen, daß jemand anders gemeint sei. Den Namen des El erfuhren sie nicht. Daß er Jisrael heiße, erwies sich als Irrtum; so hieß vielmehr der Mann Jaakob selbst, erstens für seine Person und dann zusammen mit allen, deren Glaubenshaupt er war; daher ging eine Weile die Meinung um, er selbst sei der Gott der Widderhörner oder gebe vor, es zu sein, doch wurde das richtiggestellt. Man konnte kein Bild von dem Gotte machen, denn er hatte zwar einen Körper, aber keine Gestalt; er war Feuer und Wolke. Das sagte einigen zu, anderen widerstand es. Auf jeden Fall war dem Manne Jaakob anzusehen, daß er sich über sein Gotteswesen bedeutende Gedanken machte, wenn auch eine gewisse Besorgtheit, eine Art von Gram dabei in seinen klugen und feierlichen Mienen zu beobachten war. Er sah wundervoll aus, als er dort oben eigenhändig das Zicklein stach, das Blut hinlaufen ließ und die Hörner, die keine Mondhörner waren, damit bestrich. Auch Wein und Öl wurden reichlich vor dem Unbekannten vergossen und Brote herangebracht – der Opferer mußte reich sein, was viele einnahm für ihn sowohl als für seinen Gott. Des Zickleins beste Stücke ließ er in Rauch aufgehen, der lieblich duftete von Samim und Besamim; vom Übrigen wurde ein Mahl gekocht, und teils um daran teilnehmen zu dürfen, teils auch in wirklicher Gewonnenheit durch des Wanderers große Person, erklärten mehrere Städter, fortan dem Gotte Jisraels opfern zu wollen, wenn auch nur nebenbei und unter Wahrung des angestammten Dienstes. Fast allen hatte während dieser Handlungen und Annäherungen die unglaubliche Schönheit des jüngsten Jaakobssohnes, Joseph geheißen, es angetan. Sie küßten die Fingerspitzen, wo er sich zeigte, schlugen die Hände über dem Kopf zusammen, segneten ihre Augen und wollten vor Lachen vergehen, da er sich selbst mit bezwingender Unverschämtheit als den Liebling der Eltern bezeichnete und diese Vorzugsstellung mit seinen körperlichen und geistigen Reizen begründete. Sie genossen den schelmischen Übermut mit jener pädagogischen Verantwortungslosigkeit, die unser Verhältnis zu anderer Leute Kindern bestimmt.

Die Spätstunden dieser Tage verbrachte Jaakob in betrachtender Zurückgezogenheit, indem er sich auf Offenbarungsträume vorbereitete, die ihm zur Nacht etwa vergönnt sein mochten. Solche stellten sich auch ein, wenn auch nicht in der überwältigenden Anschaulichkeit dessen, den er als Jüngling hier geträumt. Groß, allgemein, erhebend und unbestimmt redete die Stimme zu ihm von Fruchtbarkeit und Zukunft, vom Fleischesbunde mit Abram und am eindringlichsten von dem Namen, den der Schläfer sich mit angstvoller Kraft am Jabbok errungen und den sie ihm gewaltig bestätigte, indem sie seinen alten und ursprünglichen gleichsam verbot und austilgte und den neuen zu ausschließlicher Geltung erhob, was den Lauschenden mit herzaufstörendem Neuerungsgefühle erfüllte, als geschehe ein Schnitt, das Alte falle zurück, und in jungem Anfange ständen Zeit und Welt. Dies drückte sich in seiner Miene aus im Wandel des Tages, und es scheuten ihn alle. Tief und mühsam beschäftigt, schien er Rahels dringlichen Zustand vergessen zu haben, und niemand unterstand sich, ihn zu mahnen, am wenigsten die Hochhoffende, die ihr leibliches Interesse an schleunigem Weiterkommen hinter sein geistiges Sinnen liebend-bescheiden zurückstellte. – Endlich befahl er den Aufbruch.

Vom Ölberge bei Jebus, das auch Uru-schalim hieß und wo ein chetitischer Mann namens Putichepa im Auftrage des ägyptischen Ammun den Hirten und Steuereinnehmer machte, hätte man den Reisezug beobachten können und tat es wohl auch, wie er als winzige Figurengruppe im Bogen sich hinbewegte von Beth-el her durch das weite, sommerlich verbrannte Hügelland, die Stätte Jebus links liegenließ und die Richtung nach Süden, aufs Haus des Lachama oder Beth-Lachem, nahm. Jaakob hätte nicht übel Lust gehabt, in Jebus einzukehren, um sich mit den Priestern über die im Westen des Landes beheimatete Sonnengottheit Schalim zu unterhalten, nach der die Stadt ihren zweiten Namen hatte; denn auch ein Gespräch über fremde und falsche Götter regte ihn geistlich an und war seiner inneren Arbeit am Bilde des Wahren und Einzigen zuträglich; aber die Geschichten von Schekem und was die Söhne an der Besatzung und ihrem Hauptmanne Beset getan, war sehr möglicherweise längst zu den Ohren des Ammunmannes und Hirten Putichepa gelangt und legte dem Reisenden Vorsicht auf. Dagegen mochte er zu Beth-Lachem, dem Brothause, mit den Räucherern des Lachama des Wesen dieser Erscheinungsform des Erstandenen und des Ernährers erörtern, zu dessen Kult schon Abraham freundlich interessierte und bedingt-verwandtschaftliche Glaubensbeziehungen unterhalten hatte. Er freute sich, die Stadt von ihrem Sitze grüßen zu sehen. Es war später Nachmittag. Unter einer bläulich-gewitterigen Wolkenwand hervor sandte die gen Westen gesunkene und verdeckte Sonne breite Lichtbündel strahlenförmig auf die Berglandschaft herab, so daß die umringte Siedelung droben weiß darin erschimmerte. Staub und Stein waren verklärt von dieser abgeblendeten und feierlich gebrochenen Offenbarung des Lichtes, die Jaakobs Herz mit stolzer und frommer Empfindung des Göttlichen erfüllte. Zur Rechten, hinter einer Mauer aus lockeren Steinen, lagen Weinberge, violett getönt. Kleine Fruchtfelder füllten die Lücken zwischen dem Geröll zur Linken des Weges. Ferneres Gebirge wollte sich in einer Art von durchsichtigem Dämmern verfärben und entstofflichen. Ein sehr alter, großenteils hohler Maulbeerbaum neigte seinen Stamm, von aufeinandergestellten Steinen gestützt, über den Weg. Hier ritt man eben vorbei, als Rahel ohnmächtig vom Tiere sank.

Seit Stunden schon hatten die Wehen leise begonnen, aber um Jaakob nicht zu beunruhigen, die Reise nicht aufzuhalten, hatte sie es verschwiegen. Jetzt, unvermittelt, kam die Not mit einem Stoß und Schlage so wild und reißend über sie, daß der Schwachen, von ihrer kräftigen Frucht Ausgehöhlten sogleich die Sinne vergingen. Jaakobs hoch und prächtig gesatteltes Dromedar ging ungeheißen in die Knie, um seinen Reiter absitzen zu lassen. Er rief nach einem alten Sklavenweibe, einer Gutäerin von jenseits des Tigris, die, gelehrt in Weiberangelegenheiten, schon im Labanshause manche Niederkunft als Wehmutter geleitet hatte. Man legte die Kreißende unter den Maulbeerbaum und schleppte Polster. Wenn es die Würze nicht war, die man ihr zu atmen gab, so waren es neue Schmerzen, die sie aus der Bewußtlosigkeit aufriefen. Sie versprach, ihr nicht wieder anheimzufallen.

»Wach und arbeitsam will ich sein fortan«, sprach sie kurzatmig, »damit ich's fördere und dir die Reise nicht lange stocken lasse, lieber Herr. Daß es jetzt über mich kommen mußte, nahe dem Ziel! Aber siehe, man wählt die Stunde nicht.«

»Hat nichts auf sich, meine Taube«, erwiderte Jaakob leicht. Und unwillkürlich murmelte er einen Text, mit dem man zu Naharin Ea anging in Nöten: »Ihr habt uns geschaffen, möge denn abgewehrt werden Krankheit, Sumpffieber, Schüttelfrost, Unglück.« Auch die Gutäerin sagte dergleichen auf, indem sie der Herrin ein erprobtes Amulett aus eigenem Besitze umhing, zu denen, die sie schon trug; da es aber die arme Rahel wieder hart ankam, redete sie ihr in ihrem gebrochenen Babylonisch schwätzend zu und sprach:

»Sei nur getrost, Fruchtbare, und halte aus, wenn's dir auch zusetzt wie wild! Diesen Sohn wirst du auch haben, zu dem einen, das sehe ich in meiner Weisheit, und soll dein Auge nicht auslaufen, ehe du ihn erschaust; denn das Kind ist sehr rege.«

Rege war es, das einzig wichtige Ding. Aufs entschiedenste erachtete es seine Stunde für gekommen, strebte heraus ans Licht und wollte abwerfen die Mutterhülle. Es gebar sich gleichsam selbst, ungeduldig den schmalen Schoß bestürmend, kaum unterstützt, trotz herzlicher Willensbereitschaft, von der, die es selig empfangen und mit ihrem Leben herangenährt hatte, aber es nicht hervorzubringen wußte. Es half wenig, daß die Alte ihr summend und ratend die Glieder ordnete zu nützlichem Tun, sie anwies, wie sie zu atmen, wie Kinn und Knie zu halten habe. Die Stürme der Qual rissen alle Arbeitsordnung dahin, daß sich die Gepeinigte regellos krampfig wand und warf, in kaltem Schweiß und mit bläulichen Lippen, in sich selber verbissen. »Ai! Ai!« schrie sie und rief abwechselnd die Götter Babels und den des Erzeugers an. Als es Nacht geworden und die Barke des Mondes silbern heraufgeschwommen war überm Gebirge, sagte sie, aus einer Ohnmacht erwachend:

»Rahel wird sterben.«

Alle schrien auf, die umher kauerten, Lea, die Muttermägde und was an Weibern sonst zugelassen war, und streckten beschwörend die Arme aus. Dann setzte verstärkt ihr eintöniges Sprüchemurmeln wieder ein, das wie das Summen eines Bienenschwarms fast ohne Unterbrechung das Geschehen begleitete. Jaakob, in dessen Arm der Kopf der Verzagenden lag, brachte erst nach längerer Pause tonlos hervor:

»Was sagst du!«

Sie schüttelte den Kopf mit dem Versuch eines Lächelns. Ein Stillstand war eingetreten, während dessen der Lebensstürmer in seiner Höhle mit sich zu Rate zu gehen schien. Da die Nothelferin diese Ruhe halb guthieß und meinte, sie könne lange währen, wollte Jaakob vorschlagen, daß man benutze die Unterbrechung, eine sanfte Trage herstelle für Rahel und weiterziehe das geringe Stück Feldweges, nach Beth-Lachem in die Herberge. Aber Rahel wollte nicht so.

»Hier hat's begonnen«, sprach sie mit mühsamen Lippen, »hier soll sich's vollenden. Und wer weiß, ob überall Raum für uns ist in der Herberge? Wehmutter irrt. Gleich will ich wieder rüstig ans Schaffen gehen, daß ich dir unseren Zweiten bringe, Jaakob, mein Mann.«

Die Ärmste, es konnte von Rüstigkeit auf ihrer Seite auch nicht im entferntesten die Rede sein, und sie täuschte sich selbst nicht darüber mit solchen Worten. Was sie im tiefsten dachte und wußte, hatte sie ausgesprochen, und sie ließ ihr Wissen und heimliches Denken neuerdings durchblicken, als sie im Laufe der Nacht, zwischen zwei Zeiten wüster Marter, mit schon herzschwach gedunsenen und schwer beweglichen Lippen auf den Namen zu sprechen kam, den man dem Zweiten verleihen solle. Sie fragte den Jaakob nach seinen Ansichten, und er erwiderte:

»Siehe, er ist der Sohn der einzig Rechten und soll Ben-Jamin heißen.«

»Nein«, sagte sie, »sei nicht böse, ich weiß es besser. Ben-Oni soll dieses Lebenden Name sein. So sollt ihr heißen den Herrn, den ich dir bringe, und er soll Mami's gedenken, die ihn schön ausbildete nach deinem und ihrem Bilde.«

Es gehörte Jaakobs Übung in weitläufigen geistigen Kombinationen dazu, daß er sie, fast ohne nachdenken zu müssen, verstand. Mami oder ›Die weise Ma-ma‹ war ein volkstümlicher Name Ischtars, der Göttermutter und Menschenbildnerin, von der man sagte, daß sie Männlein und Weiblein schön forme nach ihrem eigenen Bilde; und aus Schwäche und Witz ließ Rahel die Person der göttlichen Bildnerin und ihr eigenes Mutter-Ich undeutlich ineinanderlaufen, was um so leichter geschah, als Joseph sie oftmals ›Mami‹ nannte. Der Name ›Ben-Oni‹ aber bedeutete für den Wissenden, dessen Gedanken den rechten Bogen schlugen, ›Sohn des Todes‹. Sie wußte gewiß nicht mehr, daß sie sich schon verraten hatte, und wollte den Jaakob behutsam nötigen, beizeiten Fühlung zu nehmen mit dem, was ihres Wissens herankam, damit es ihn nicht träfe als jäher Schlag und er den Verstand verlöre.

»Benjamin, Benjamin«, sagte er weinend. »Mitnichten Benoni!« Und hier war es, wo er zum erstenmal, über sie hin und hinauf in die silbrige Weltennacht, gleichsam als Eingeständnis seines Begreifens, die Frage richtete:

»Herr, was tust du?«

In solchen Fällen erfolgt keine Antwort. Aber der Ruhm der Menschenseele ist es, daß sie durch dieses Schweigen nicht an Gott irre wird, sondern die Majestät des Unbegreiflichen zu erfassen und daran zu wachsen vermag. Seitwärts summte und litaneite das chaldäische Weiber- und Sklavenvolk seine Zaubereien, mit denen es starke und unverständige Mächte zum menschlich Wünschenswerten anzuhalten hoffte. Aber Jaakob hatte nie so deutlich begriffen wie in diesen Stunden, warum dies falsch war, und warum Abram sich von Ur in Bewegung gesetzt hatte. Sein Aufblick ins Ungeheuere war entsetzensvoll, aber nicht ohne Kraft des Schauens, und seine Arbeit am Göttlichen, die sich immer als ein Ausdruck von Besorgnis in seiner Miene abzeichnete, erfuhr in dieser furchtbaren Nacht eine Förderung, die eine gewisse Verwandtschaft mit Rahels Qualen hatte. Auch war es ganz nach dem Sinn ihrer Liebe, daß Jaakob, ihr Mann, doch geistlichen Vorteil hatte von ihrem Sterben.

Das Kind kam zur Welt gegen Ende der letzten Nachtwache, als der Himmel sich bleich erhellte, vor Morgenrot. Gewaltsam mußte die Alte es aus dem armen Schöße reißen, denn es erstickte. Rahel, die nicht mehr schreien konnte, verging in Ohnmacht. Viel Blut stürzte nach, so daß der Puls an ihrer Hand nicht mehr schlug, sondern nur wie ein dünnes Rinnsal dahinlief, das sich verlor. Doch sah sie des Kindes Leben und lächelte. Sie lebte noch eine Stunde. Als man den Joseph vor sie brachte, erkannte sie ihn nicht.

Daß sie zum letzten Male die Augen aufschlug, war, als der Osten sich eben zu röten begann, und auch in ihr Antlitz fiel Morgenrot. Sie blickte in Jaakobs Angesicht auf, das über ihr war, kniff etwas die Lider zusammen und lallte:

»Ei, siehe, ein Fremder! … Warum solltest du mich wohl küssen dürfen? Ist es, weil du der Vetter bist aus der Ferne, und weil wir Urvaters Kinder sind beide zumal? Darum, so küsse mich, und es frohlocken die Hirten am Brunnenstein: Lu, lu, lu!«

Er küßte sie zitternd zum letztenmal. Sie sprach ferner:

»Siehe, du wälztest den Stein für mich mit Manneskraft, Jaakob, mein Lieber. Wälze ihn nun von der Grube ein andermal und bette ein das Labanskind, denn ich gehe von dir dahin. – Wie ist doch alle Last von mir genommen, Kindeslast, Lebenslast, und es wird Nacht. – Jaakob, mein Mann, verzeihe, daß ich dir unfruchtbar war und brachte dir nur zwei Söhne, aber die zweie doch, Jehosiph, den Gesegneten, und Todessöhnchen, das Kleine, ach, ich gehe so schwer von ihnen dahin. – Und auch von dir gehe ich schwer, Jaakob, Geliebter, denn wir waren einander die Rechten. Ohne Rahel mußt du's nun sinnend ausmachen, wer Gott ist. Mache es aus und leb wohl. – Und verzeih auch«, hauchte sie schließlich, »daß ich die Teraphim stahl.« Da ging der Tod über ihr Antlitz und löschte es aus.

Das Summen der Beschwörer verstummte auf ein Zeichen von Jaakobs Hand. Alle fielen auf ihre Stirnen. Aber er saß, ihr Haupt in seinen Armen noch immer, und seine Tränen fielen still und unversieglich auf ihre Brust. Über eine Weile fragten sie ihn, ob man nun solle eine Bahre richten und die Tote nach Beth-Lachem oder Hebron führen, sie zu begraben.

»Nein«, sprach er, »hier hat's begonnen, hier soll's vollendet sein, und wo Er's tat, da soll sie liegen. Hebet ein Grab aus und höhlt ihr die Grube an der Mauer dort! Nehmet fein Leinen aus dem Gepäck, sie einzuhüllen, und erlest einen Stein zum Mal auf das Grab und zu ihrem Gedenken. Danach wird Israel weiterziehen, ohne Rahel und mit dem Kinde.«

Während die Männer gruben, lösten Weiber ihr Haar und legten die Brüste bloß, mischten Staub mit Wasser, sich damit zu besudeln um dieses Leides willen, und stimmten zur Flöte die Klage an »Weh um die Schwester«, indem sie die Hand auf den Scheitel warfen und mit der anderen die Brüste schlugen. Jaakob aber hielt Rahels Haupt im Arm, bis sie sie ihm nahmen.

Als über der Liebsten die Erde sich geschlossen, an der Stelle, wo Gott sie ihm nahm, am Wege, zog Jisrael weiter fort und schlug zwischenein sein Lager auf bei Migdal Eder, einem Turme der Urzeit. Da sündigte Ruben mit Bilha, der Kebse, und ward verflucht.

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