| »Leb wohl, mein Weib, leb wohl, mein Kind! Ich muß hinaus, zu jagen. Die Sonne scheint recht mild, der Wind Ist lau und lind, Wie nicht seit langen Tagen. Benützt will solch ein Wetter sein: Es ist nicht täglich Sonnenschein, Vielleicht daß wir die Strahlen Mit langer Nacht bezahlen!« Der Älpler Rudi spricht's und nimmt Gewehr und Stock und Tasche, Geht, ruft von fern noch weichgestimmt, Enteilt und klimmt, Ob er kein Wild erhasche; Allein die Gemslein, sonst so keck, Ruhn heute, scheint's, im Felsversteck, Und lassen lang' ihn steigen, Bis sie sich neckend zeigen. Resli, sein Weib, indes zu Haus Hört seinen Ruf verhallen, Blickt zag zum Fensterlein hinaus, Das bunt und kraus Umstarrt von Eiskristallen; Und wie sie nimmer ihn erblickt, Fühlt sie sich wunderbar bedrückt, Und hält mit innrem Bangen Den kleinen Sohn umfangen. Da rieselt's plötzlich, rauscht und braust, Wie von der Furka Gipfel; Sie eilt zum Fenster hin, ihr graust; – So heult und saust Kein Föhn durch kahle Wipfel. Hilf, Gott! Es ist der Lauwe Macht, Die nimmer rieselt, die schon kracht, Schon donnert, schon entzügelt Vom Horn herunterflügelt. Sie sieht nicht mehr, faßt nur den Sohn, Sinkt nur ins Knie, vernichtet; Da bricht's herein im Wetterton, Und deckt sie schon Mit Nacht, die nichts mehr lichtet, – – Es ist vorbei, der Aufruhr schweigt, Und regenbogenfarbig steigt, Als wäre nichts geschehen, Der Schneestaub in die Höhen, – – Schon blickt aus leichtgewölktem Blau Der erste Stern hernieder; Da kehrt, umdampft vom Nebelgrau, Zu Kind und Frau Der Alpenjäger wieder. Ein Gemslein auf der Schulter, geht Und klimmt er, hält oft an und steht, Und weiß ein banges Ringen Im Herzen nicht zu zwingen. So oft ein Uhu kreischt, ein Aar Im Flug vorüberhastet, So oft erfaßt's ihn wunderbar Und sträubt sein Haar, Und drückt auf ihn und lastet. Mit jedem Fußtritt heimatwärts Fühlt er beschwerter Kopf und Herz; Wie Glocken hört er's summen, Und wieder hohl verstummen. Erreicht nun hat er bald das Ziel, Die heißersehnte Schwelle; – Er schaut, – ist's eitel Sinnenspiel? Nein, nein, – es fiel Wohl Schnee, – auch täuscht die Helle, Des Eises greller Widerschein, Auch kann er nicht daheim noch sein; – Auch pflegt ja gern das Sehnen Sein Ziel so nah zu wähnen. Und weiter geht er, steht und schaut, Mißt Firnen, Klüft' und Wipfel; – Was dort, turmartig aufgebaut, Herniederschaut, Ist ja der Furka Gipfel; Und zwischen diesem Alpenrand Und jener ries'gen Gipfelwand Muß ja sein Hüttchen stehen, Muß er ja doch es sehen. Er sucht – und sieht nicht, – Schnee, nur Schnee, Und Eis und Schnee nur wieder; – Er sieht's und denkt's, und rennt die Höh' Hinan, schreit: »Weh!« Und wirft sich heulend nieder. Dann springt er auf, stürzt fort im Lauf, Und schreit, daß Tal und Felsenknauf Von seinen Jammertönen Nachjammernd widerdröhnen: »Mein Weib, mein Kind, mein Glück, mein all Ist eingescharrt, verschüttet, Zerschmettert vom Lauwinen-Fall, Vom Eiskristall Vermauert und verkittet! Auf, auf vom Schlaf, Alphüttler, auf! Zwei Leben, drei stehn hier zu Kauf! Auf, auf, mit Hand und Spaten Zu helfen und zu raten!« Und mit der Sonne wallt's hinan In hilfbeflissnem Zuge, Mit Hack' und Schaufel, Kind und Mann, Er vorne dran, Empor zum Felsenbuge. Die Hände ruhn und rasten nicht, Bis Scholl' um Scholle schmilzt und bricht; Doch wie die Mass' auch schwindet, Ihr Schoß bleibt unergründet. Drei Tage wechselnd wallt's hinan In hilfbeflissnem Zuge, Mit Hack' und Schaufel, Kind und Mann, Er vorne dran, Und wühlt im Felsenbuge. Umsonst, umsonst! das Meer hat Grund, Hier aber schwindet Stund' um Stund', Und ohne Gottes Segen Bleibt alles Tun und Regen. Da sinkt die Hoffnung jedem Sinn, Abstehn sie alle klagend, Nur er stürzt auf den Wall noch hin, Und gräbt darin, Und wühlt, noch nicht verzagend. Er wühlt bei Tage, wühlt bei Nacht, Mit ewig neuer Kraft und Macht Trotz allem Herzensklopfen, Trotz aller Schweißestropfen. Der neunte Tag geht auf, die Last Des Schnees ist abgefallen; – Und wieder gräbt er ohne Rast, Und stößt mit Hast Auf festern Grund, als Schollen, Stößt wieder ein, stößt wieder an, Und gräbt und schaufelt was er kann, – Auftaucht's, – ihr Heil'gen Gottes! – Es ist das Dach des Schlottes. Des Schlottes Dach, des Hauses Mund, Der führt zu seinem Herzen; Er legt das Ohr an, horcht am Schlund, – Es rauscht im Grund, Und seufzt wie Ruf der Schmerzen. Und nochmal horcht er, nochmal tönt's, Und wieder, horch! und wieder dröhnt's! – In unbewußter Eile Langt er nach einem Seile. Das knüpft er fest, dran knüpft er sich, Steigt ein, läßt rasch sich nieder, Langt an, blickt um sich –: »Resli! – sprich! Und – Seppi – dich! Hab' ich euch wirklich wieder? – Ist's wahr? Und lebt und seid ihr's noch? Und habt's ertragen Gottes Joch?« – Sie können ihn nicht grüßen, Nur weinen, nur ihn küssen, Nur beten, fleh'n zu ihm, der sie So wunderbar verklärte, Der ihnen Kraft und Glauben lieh, Und spät und früh Durch seinen Hauch sie nährte. – Doch, Gott! wie war's, als sie hervor Ans Licht nun traten und ihr Ohr Wettbuhlte mit den Augen, Das Leben einzusaugen. Wie schien da alles neu und schön, Die Luft, das Licht, die Sonne! Wie Melodie klang von den Höhn Für sie der Föhn, Die Adler krischen Wonne; Die wüste, schneebedeckte Flüh War mehr als Frühlingsschmelz für sie, Geliebte Freunde schienen Die alten Tannen ihnen. – – Im nächsten Lenze stand bereits Ein Mal am Felsenhange; Und jährlich zum geweihten Kreuz Kam allerseits Das Volk mit Sang und Klange; Manch Bräutchen, so vorüberkam, Sah's an und bat den Bräutigam, Daß er so treu ihr bleibe, Wie Rudi seinem Weibe. |