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Gedichte

von Johann Christian Günther

Verlag: F. A. Brockhaus | Jahr: 1874

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Kapitel 4

2.

(Als er sich seiner Abwesenden erinnerte.)

Küßt, ihr Seufzer, mein Vergnügen!
Denn bei euch muß es beruhn,
Bis es wird das Schicksal fügen,
Daß es meine Lippen thun
Und zwei Seelen durch ihr Drücken
Regungsvoll zusammenschicken.

Stelle dein verhaßtes Klagen,
Das du so gar kühn gethan,
Wirst du, andre Seele, sagen,
Bei mir künftig klüger an,
Wo ich dir nicht soll bei Zeiten
Deinen Abschied zubereiten.

O, es sind des Himmels Triebe,
Und von oben ists geschehn,
Daß ich dich, du Bild der Liebe,
Mir zum Abgott ausersehn,
Weil ich so gar seltnes Wesen
Kann aus deinen Augen lesen.

Deine engelholde Blicke,
Die bis in die Seele gehn,
Sind so feste Zauberstricke,
Daß du selber must gestehn:
Wenn ich diesen könnt' entreißen, entreißen, entgehen.
Müst' ich billig Simson heißen.

Aber wo die reinen Flammen,
Welche meine Brust empfindt,
Und aus deinen Augen stammen,
Dir von mir beschwerlich sind,
O, so werd' ich stets mit Wissen mit Wissen, absichtlich.
Dir beschwerlich fallen müssen.