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Walther Rathenau. Sein Leben und Wirken

von Etta Federn-Kohlhaas

Verlag: Carl Reissner-Verlag | Jahr: 1927

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Kapitel 11

Wirtschafts-Schriften

Walther Rathenau hatte als junger Student die Vorlesungen von Schmoller gehört, hatte sich sein ganzes Leben lang mit national-ökonomischen Fragen beschäftigt. Daß er sie vom Standpunkt des Praktikers und nicht von dem des wirtschaftlichen Theoretikers anpackte, war dadurch begründet, daß er seinen Lebensberuf im Organisieren und Reorganisieren industrieller Betriebe gefunden hatte. Darum ist es nicht verwunderlich, daß sich zwischen seinen philosophisch-religiösen Werken so viele finden, die sich mit wirtschaftlichen Fragen beschäftigen. Neben den schon charakterisierten Hauptschriften sind noch eine Reihe kleinerer aber in ihrer Eigenart gewiß nicht unwesentlicher Arbeiten zu erwähnen.

Da ist zuerst eine Studie über »Massengüterbahnen«, die er im Jahre 1909 nach eingehender gemeinsamer Arbeit mit Professor Cauer dem Reichstag als Projekt vorlegte. Rathenau bezweckte eine völlige Umgestaltung unserer Eisenbahn- und Frachtverhältnisse, da er voraussah, daß elektrische Schnellbahnen bald die Personenbeförderung, die immer größere Schnelligkeit erfordert, auch in die Ferne übernehmen würden. Deshalb plante er Güterbahnen, auf denen nur Frachtzüge rollen sollten, wodurch eine ungeheure Verbilligung der Frachten erreicht werden konnte. Rathenau bekämpfte die durch die hohen Frachtsätze durchgeführte Besteuerung der Rohstoffe und der Zwischenprodukte, denn er sah darin eine Behinderung und Belastung der gesamten Produktion. Er schlug vor, lieber das fertige Produkt im Verbrauch zu besteuern, damit nicht einerseits die Produktion erschwert werde, da die Rohmaterialien, ehe sie zur Verarbeitung kommen, ihren Preis dem Grundwert gegenüber oft verdoppelt und vervielfacht haben. Andererseits ist bei dem bestehenden Brauch der Steuerertrag ein unvollkommener und unzureichender. Wenn aber das Produkt erst beim Verbrauch besteuert wird, fällt einerseits die Steuerlast auf die für sie geeigneten und tragfähigen Schultern, andererseits ist der Steuerertrag ein weit höherer.

Im Jahre 1909 ging man über diese Gedankengänge hinweg. Seltsamerweise fordern heute die Zeitungen Güterbahnen, damit die Lebensmittel rechtzeitig und unverdorben befördert werden können, wobei die Verbilligung der Fracht, die Rathenau errechnete, noch nicht einmal in Betracht gezogen ist. Daß Rathenau diese Forderung schon vor fast 20 Jahren stellte, ist nur Wenigen bekannt.

Die Gedankengänge, die zur Besteuerung des Verbrauches und nicht der Produktion führten, haben ihre Ausgestaltung und ihre tiefere Begründung erst viele Jahre später in den schon besprochenen »Kommenden Dingen« und in den folgenden Wirtschaftsschriften gefunden. Will man Rathenaus wirtschaftliche Schriften beurteilen, dann muß man sich klarmachen, daß alle seine wirtschaftlichen Arbeiten von zwei einander scheinbar sehr fremden oder gar widersprechenden Grundgedanken ausgehen. Der eine davon ist der Gedanke praktischer Organisierbarkeit, der Gedanke der Tatwirkung, der andere ist der der Verantwortlichkeit, der transzendenten Verpflichtung jedes Menschen zur Göttlichkeit. Darum sind seine wirtschaftlichen Arbeiten ebenso sachlich wie religiös, ganz gleich, ob sie sich auf Güterbahnen, auf das Aktienwesen oder auf die neue Wirtschaft und kommende Dinge beziehen. Immer handelt es sich um das irdische Äquivalent des Göttlichen, das in der Verantwortung besteht, der Verantwortung jedes einzelnen der Gesamtheit gegenüber und der Gesamtheit gegen jedes einzelne Mitglied der Gesellschaft. So kann man in gewissem Sinn sagen, daß Rathenaus Schriften sich wiederholen, daß sie alle zusammen nur ein Werk darstellen, andererseits muß man erkennen, wie sich seine Forderungen immer wieder der jeweils gegebenen veränderten Lage anpassen, wie er, seiner Anschauung im Innersten treu, diese den Verhältnissen entsprechend immer umzuformen vermag. Wir werden das später in seinem politischen Verhalten ebenso festzustellen haben wie in der Reihe der wirtschaftlichen Schriften, die ich jetzt bespreche.

Da Rathenau von dem Willen zur Verantwortung ausging, erkannte und empfand er die Notwendigkeit, einen Teil jener Forderungen sich zu eigen zu machen, die die Sozialdemokratie im Namen des entrechteten Proletariats stellte. Zwar stimmte er mit den marxistischen Sätzen vom Mehrwert und von der aufteilbaren Rente so wenig überein, daß er sein Buch »Von kommenden Dingen« gegen sie richtete. Aber das Verlangen des Proletariats nach gehobener Lebensführung, nach geistiger Bildung, nach Möglichkeiten des sozialen Aufstiegs erkannte er an und machte es sich durchaus zu eigen. Er forderte, wie das Proletariat, eine einschichtige Gesellschaft anstelle der zweischichtigen und erwartete, diese gesellschaftliche Umstellung durch eine Systematisierung und Organisierung der Gesellschaft zu erreichen. Er verlangte und erstrebte für die gesamte Wirtschaft eine ähnliche Systematisierung, wie er sie in der Organisation der Kriegsrohstoffabteilung zum erstenmal angebahnt hatte. Wichtiger noch, als die praktische Wirkung der Kriegsrohstofforganisation im Kriege war ihm die ideelle Wirkung, daß hier ein Wirtschaftszweig, nein, eine ganze Wirtschaftsgruppe zum erstenmal in der Weltgeschichte unter staatlicher Kontrolle gewirkt und sich bewährt hatte. Zum erstenmal hatte die Allgemeinheit, der Staat also, durch geeignete Vertreter an einer Wirtschaftstätigkeit teilgenommen und sie kontrolliert, und es war der Beweis erbracht, daß der staatliche Einfluß diese hier angebahnte Gesamtwirtschaft in keiner Weise in ihrer Initiative und in der Leistung der einzelnen beeinträchtigt hatte. Da sich die Einflußnahme der Gesamtheit hier so bewährte, wollte Rathenau sie allmählich auf alle Wirtschaftsgebiete ausgedehnt wissen. Durch sie wollte er die Umgestaltung der Gesellschaft erzielen. Die erbliche Kaste des Reichtumes, der Bildung, die allein zur Verwaltung berufen wurde, wollte er zerstört sehen zugunsten jener, die fähig waren, aus den unteren Schichten aufzusteigen, da diese bisher noch gar nicht in Tätigkeit getreten waren. Rathenau wollte nicht nur die Arbeitslöhne heben, sondern vor allem neue, allgemein zugängliche Bildungsmöglichkeiten bereitstellen, um so die Einschichtigkeit der Gesellschaft zu erreichen.

Man erhob gern den Vorwurf gegen ihn, daß er in dem ihm unterstellten Werk der AEG seine eigenen Ideen und Forderungen nicht verwirklicht habe. Aber man übersah, daß Rathenau in diesem Werk nicht Machthaber, nicht sein eigener Herr, und auch nicht der Herr der Gesellschaft war, sondern daß er die Interessen der Unternehmer, der Aktionäre zu vertreten hatte. Er war ihr Beauftragter, nicht ihr Führer, Er hatte ihnen Rechenschaft abzulegen und sie forderten von ihm, und waren zu dieser Forderung berechtigt, daß er das Unternehmen zu höchster Wirtschaftlichkeit und Leistungsfähigkeit führe. Darum durfte er nicht damit experimentieren und nach eigenen Ideen operieren, die nur dann erfolgreich durchgeführt werden konnten, wenn sie von der Gesamtheit aufgenommen wurden, die aber nicht ein einzelner gegen die Allgemeinheit mit wirtschaftlichem Erfolg verwirklichen kann. Und darum sagt Rathenau, daß wohl ein einzelner sich zum Märtyrer seiner Ideen machen und sich für sie zum Opfer bringen könne. Ein ganzes Werk, ein industrielles Unternehmen würde nur abschrecken, weil es Selbstmord begehen müßte.

Man hat dagegen die Zeiß-Abbé-Werke anführen wollen, die ähnliche wie die von Rathenau geforderten Verwaltungs- und Entlohnungssysteme eingeführt haben. Aber man vergißt, daß diese Unternehmungen ein Monopol haben und daher unter ganz anderen wirtschaftlichen Bedingungen arbeiten, so daß sie es sich leisten dürfen, allein neue soziale Ideen zu verwirklichen. Auch die wenigen privat-wirtschaftlichen Unternehmungen, die auf einer Art Sozialismus oder Kommunismus aufgebaut sind, lassen keinen Vergleich zu, weil in ihnen noch ein gewisses patriarchalisches Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern Einfluß hat. Große vielgestaltige Unternehmungen von Gesellschaften, wie die AEG. eine ist, stehen unter anderen Lebensgesetzen, Rathenau war immer bereit, sobald die Wirtschaftsumstellung eine allgemeine sein würde, keine persönlichen Opfer zu scheuen, um sie mitzumachen. Aber er weigerte sich, seine eigenen Ideen zu diskreditieren, indem er sie als einzelner im Gegensatz zu allen anderen in die Tat umsetzte, wobei er scheitern mußte. Er durfte und wollte nicht zwecklos wirtschaftliche Neuerungen suchen, so konnte er nur durch das gesprochene und gedruckte Wort für seine Anschauungen eintreten.

Seine Stellung wurde aber durch seine wirtschaftlichen Veröffentlichungen nach beiden Richtungen schwierig. Seine Standesgenossen und Kollegen mißtrauten ihm als einem Verräter ihrer Interessen und sie suchten ihn unschädlich zu machen, indem sie ihn öffentlich belächelten und ihn scheinbar unwichtig nahmen, im geheimen aber einen heftigen und energischen Kampf gegen ihn finanzierten und organisierten. Die Arbeiter aber, das Proletariat, sah in ihm den Unternehmer und Kapitalisten und mißtraute ihm auch. Sie forderten Taten und begnügten sich nicht mit den Gedanken, die sie großenteils nicht begriffen. Zum Teil nahmen sie es ihm übel, daß er ihre Traditionen und Dogmen scharf bekämpfte, zum Teil waren ihnen Rathenaus wirtschaftliche Schriften zu schwer geschrieben, die daher auch nicht populär werden können. So ließ es sich leicht gegen ihn und gegen seine Ideen kämpfen, die die Masse weder kannte noch begriff.

Rathenau war unermüdlich bestrebt, seine Wirtschaftsideen zu verbreiten. Auch das erregte Mißtrauen, weil man nicht leicht begriff, daß ein Mensch aus innerster Überzeugung und ohne persönliche Interessen und Vorteile für Ideen und Anschauungen eintritt. Um die Gedankengänge zu verbreiten, von denen er ausging, hielt er am 18. Dezember 1916 in der »Deutschen Gesellschaft von 1914« einen Vortrag über »Probleme der Friedenswirtschaft«.

Zu einer Zeit, als die Allgemeinheit des Volkes immer noch an einen schnellen und entscheidenden Sieg glaubte, und die Führer bemüht waren, durch bewußte und unbewußte Schönfärbereien diese Hoffnung aufrecht zu erhalten, wagte es Rathenau, diesen Optimismus zu bekämpfen. Er wandte sich nicht gegen den Optimismus, der an sich selbst so hohe Forderungen stellt, daß er berechtigt ist, auf günstige und erfreuliche Endresultate zu hoffen, sogar mit ihnen zu rechnen. Er bekämpfte vielmehr den Illusionismus, der sich gern Optimismus nannte, der ohne Prüfung und ohne Grund den berüchtigten Satz vom deutschen Wesen, an dem die Welt genesen soll, als Wechsel auf die Zukunft ansieht. Der sich für berechtigt hält, alle Nationen gering zu schätzen und nur dem deutschen Volke alle Fähigkeiten und Tugenden gewissermaßen als erbberechtigten Alleinbesitz zuzuschreiben. Rathenau ging von dem Satz aus, daß Einkehr in sich selbst, Arbeit an sich selbst, das erste Problem sei, das sich beim Friedensschluß dem deutschen Volk entgegenstellen werde. Wie immer, so ist er auch jetzt der Meinung, daß es wesentlich sei, das Problem aufzurollen, zu zeigen, wo die Schwierigkeiten liegen.

Es gehörte Mut dazu, in einer Zeit, in der in allen Kreisen mit baldiger Wiederkehr der Friedensverhältnisse, die man sehnlichst erwartete, unbedingt gerechnet wurde, von einer langen Dauer und von einem nur bedingt günstigen Ausgang des Krieges in der Öffentlichkeit, und wenn es auch nur die Öffentlichkeit einer geschlossenen Gesellschaft war, zu sprechen. Rathenau wies darauf hin, daß keinesfalls die Vorkriegsverhältnisse wiederkehren würden und daß man auch im Frieden zu größter Sparsamkeit gezwungen sein werde. Und so folgerte er, was er schon in den »Kommenden Dingen« ausgesprochen hatte: »Wirtschaft ist nicht mehr Sache des einzelnen, sondern Sache der Gemeinschaft.«

Die Gemeinschaft wird dafür zu sorgen haben, daß in jedem Verbrauch größte Sparsamkeit herrsche, daß alle Quellen erschlossen werden, damit man Unabhängigkeit vom Ausland gewinne. Die Gemeinschaft wird sorgen müssen, daß jeder Mensch seine Pflicht erfülle, jedermann wird gebraucht, kein Werkzeug darf feiern. Die Bequemlichkeit, mit der die Käufer in Vorkriegszeiten rechnen konnten, wird sehr eingeschränkt werden oder ganz aufhören. Es wird nicht angehen, daß an jeder Straßenecke ein Beamter bereit stehe, um eine oder einige Zigarren zu verkaufen. Es wird auch nicht jede ältere Witwe, die ein Geschäft hat, damit rechnen können, daß ein- bis zweimal im Monat ein junger liebenswürdiger Mann sie besuche, sie mit Neuigkeiten unterhalte und, wenn möglich, auch einige Bestellungen auf kleine Posten der Ware mitnehme, die seine Firma abzusetzen wünscht. Es werden nicht so viele gleichgültige Prozesse von Instanz zu Instanz gejagt werden dürfen, die unproduktiv und überflüssig Menschenkraft und Zeit und Geld in Anspruch nehmen. Auch das Kapital wird alle seine Kräfte zusammenhalten müssen, nicht jeder Beliebige wird mit seinem Gelde jedes beliebige Unternehmen begründen dürfen. Man wird verpflichtet sein, Konzessionen einzuholen, wenn man eine Neugründung schaffen will, die nur dann erteilt werden dürfen, wenn das neue Unternehmen ein Bedürfnis und zum Vorteil der Allgemeinheit ist. Für die Apothekerwaren wird übrigens jetzt in den Zeitungen eine Beschränkung der Fabrikatkonzessionen gefordert, damit nicht so viele Heilmittel unter immer neuen Namen bei völlig gleicher oder unwesentlich veränderter Zusammensetzung auf den Markt kommen. Daß auch diese Anregung auf Rathenaus Gedanken und Forderungen zurückgeht, weiß man nicht und erwähnt es darum auch nicht.

Solche wirtschaftlichen Maßnahmen werden erforderlich sein, um die wirtschaftlichen Schäden des Krieges einigermaßen zu beseitigen. Auch große Vermögensbeschneidungen, die durch Besteuerung oder auf dem Wege der Konfiskation vorgenommen werden, dürften nötig werden. Alles muß von der Erwägung ausgehen, daß das Kapital Deutschlands wie das Kapital der ganzen Welt in Arbeitsstunden besteht. Was wir Vermögen nennen, ist nichts anderes, als das sichtbar und greifbar gewordene Symbol der Arbeitsstunden. Wer einen der Allgemeinheit unnützen oder gar schädlichen Gebrauch davon macht, wird schuldig an der Allgemeinheit. Wer nicht für die Umstellung der Industrien mitwirkt, indem er seine Ansprüche umstellt, der schädigt die Allgemeinheit. Luxus darf insoweit geduldet, ja befürwortet werden, als er künstlerisch ist, denn es darf nicht durch mißverstandene Nützlichkeitslehren die Kunst und der Künstler geschädigt, Kunstgegenstände verwüstet werden. Es war immer eine Sorge Rathenaus, daß nach dem Kriege nur jene Elemente in der Lage bleiben könnten, Luxus zu treiben, die kein Verständnis für Kunst und geistige Werte besitzen, und darum wollte er von vornherein, wie es auch schon in den »Kommenden Dingen« angedeutet ist, Kunst und Künstler sicherzustellen suchen. Doch war es Rathenaus feste Überzeugung, daß alle diese Probleme nicht durch Gesetze und Erlasse gelöst werden könnten, sondern daß durch Aufklärung, durch vernünftige Überlegung, durch Aufwecken der Gewissen und durch seelische Einkehr diese Aufgaben allein durchgeführt werden könnten.

Nicht lange nach diesem Vortrag gab Rathenau seine kleine Schrift »Vom Aktienwesen« heraus. Man hat das Gefühl, daß diese Schrift, die ein kleines Meisterwerk sachlicher Darstellung ist, sehr viel Persönliches enthält und in sich verbirgt, Rathenau erklärt, wie sich der Begriff der Aktiengesellschaft durch »Substitution des Grundes« gewandelt habe, wie die Aktiengesellschaften heute nicht mehr die Vereinigung einiger Geschäftsmänner seien, die gemeinsam ein Unternehmen gründen, das jedem einzelnen zu groß wäre. Heute führe die Aktiengesellschaft vielmehr ein eigenes Leben und sei gewissermaßen die Vorstufe der Entwicklung zum autonomen Werk.

Rathenau schildert das Verhältnis der Aktionäre zu den Leitern des Unternehmens, schildert die Vorgänge in den Hauptversammlungen, erklärt sich gegen die vielfach geforderte absolute Öffentlichkeit aller Unternehmungen, aller Berechnungen und Bilanzen der Aktiengesellschaften, und begründet seine Einstellung. Er spricht von der Notwendigkeit der Rückstellungen, von der Verwerflichkeit großer, aber schwankender und im Verfolge nicht aufrechtzuerhaltender Dividenden-Ausschüttungen, von der Unpersönlichkeit des Aktien-Besitzes, die vielfach nur als ein »Papier« zu Spekulationszwecken gekauft werden, – – und man erkennt den Geist Emil Rathenaus, der die großen Rückstellungen zur Sicherung des Werkes veranlaßt, der die völlig neue Finanzierungsmethode für die Großwirtschaft eingeführt hatte. Man erkennt aber auch den Geist dessen, der in der Vollversammlung der AEG einem Aktionär zurief, als dieser Einsprüche und Bedenken äußerte: »Meinen Sie, daß wir nicht auch genug Phantasie haben, um uns all das selbst sagen zu können?« Und man merkt, daß diese ganz sachliche, ganz allgemeine Schrift doch eine energische Äußerung des Präsidenten der AEG denjenigen gegenüber bedeutet, die aus persönlichen Interessen oder aus mangelndem Verständnis das Werk des Vaters störten, das der Sohn pietätvoll weiterführte.

Noch in dem gleichen Jahr erschien die Schrift über die »Neue Wirtschaft«. Rathenau sah die Revolution und Umwälzung voraus, aber er erwartete sie nicht auf politischem Gebiet, wo sie auch tatsächlich nur scheinbar erfolgte, sondern er sah sie in wirtschaftlichen Dingen kommen. Und dieser Revolution versuchte er das Aktionsprogramm zu geben. Um seine Schrift richtig zu würdigen, muß man bedenken, daß sie im Jahre 1917 geschrieben wurde, also ein Jahr, nachdem die »Kommenden Dinge« vollendet waren. Gedankengänge aus diesem Werk finden sich in der »Neuen Wirtschaft« wieder, sind erweitert und durchgeführt und vor allem aus dem Transzendenten mehr ins Irdische gezogen worden. Und dennoch ist auch dieser sachlich und irdisch begründete Plan der deutschen Wirtschaftsgestaltung wieder ein aus jenseitigen Quellen gespeistes Werk. Es heißt da am Schluß: »Unserem deutschen Gewissen aber ist es bestimmt, das Schwere zu erfassen, das Härtere zu entringen; einzufühlen, umzudenken, in die Tiefe göttlichen Willens zu sinken, das große Geschehen umzulenken und es seiner inneren, innerlichen Bestimmung entgegenzutragen. Das ist deutsche Sendung.«

Rathenau knüpfte an seinen Vortrag über die Friedensprobleme an, und er wagte es, 1917, seine Forderung nach neuer Wirtschaftsgestaltung mit der Liquidation des Krieges zu begründen und mit der Voraussage, daß keine der kriegführenden Nationen ihre Wünsche und Hoffnungen voll erfüllt sehen werde. Man muß sich klarmachen, was es bedeutete, solche Sätze damals unter der Kriegszensur zu veröffentlichen. Fast könnte man annehmen, daß Rathenaus »Unbeliebtheit« und »Unpopularität« ihn damals vor schweren persönlichen Folgen seiner Ausführungen schützte. Hätte er ein stärkeres Echo gefunden, so wären ihm seine Schriften vielleicht verhängnisvoll geworden. Andererseits freilich hätte ein besseres Verstehen und ein stärkerer Widerhall die Wirkung seiner Gedanken so gehoben, daß das deutsche Volk aus freiem Entschluß ihm gefolgt wäre, in der Erkenntnis der Mission, die diese neue Wirtschaft ihm zuwies. Nun verwirklichen sich langsam unter dem Druck der Not die Gedanken, die, früher in Tat umgesetzt, manche Not gelindert oder ihr abgeholfen hätten.

Rathenau berechnet in seinem Buch die Kriegskosten und erklärt, welcher Trugschluß in der scheinbaren Wirtschaftskraft liege, die durch die Hochkonjunktur aller Kriegsindustrien herbeigeführt wurde. Zwar brachte die Blüte der Kriegsindustrien Geld in Umlauf, aber dieses Geld war nur aus inneren Anleihen gewonnen, es war keine Erhöhung des Nationalvermögens, sondern es bedeutete nur eine Umbuchung. Der Staat nahm Anleihen auf und ward zum Schuldner aller, die ihm liefern. Nur eine Umschichtung, nicht eine Steigerung der Vermögen war die Folge. Und das Nationalvermögen erlitt durch die Verluste an Vorräten und Material, an Menschen-, Lebens- und Arbeitskraft, an Produktionsmitteln und Produktionsstätten schwere Einbuße. Damals war noch der Wahn verbreitet, daß man jahrelang vernichten könne und doch keine Verluste erleiden müsse. Rathenau meinte, daß sich erst bei Kriegsende zeigen werde, wie groß die Verluste überhaupt seien, und daß die Umschichtung allein auf Kosten des Mittelstandes, der Rentner und des städtischen Grundbesitzes erfolgt sei. Wenn bei Kriegsende nicht allgemeiner gleichzeitiger Friedensschluß erfolge, wenn namentlich der Wirtschaftskrieg noch fortgesetzt werden sollte, nachdem der Krieg in Waffen beendet sei, dann werde auch bei noch so langsamer Demobilisierung große Arbeitslosigkeit eintreten müssen. Die Arbeitslosigkeit werde kommen, obgleich die Frauen, die Kriegsarbeit geleistet haben, größtenteils in ihre Häuslichkeiten zurückkehren werden, und obgleich nach Friedensschluß zuerst das Fehlende und Verbrauchte wenigstens einigermaßen erneuert und ersetzt werden muß.

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Der Speisesaal im Grunewalder Haus

Da Deutschland für die beginnende Friedenswirtschaft die Rohstoffquellen nicht mehr in Anspruch nehmen kann, die es für die Kriegswirtschaft beanspruchen durfte, und da alle Vorräte aufgezehrt sind, wird es importieren müssen, meinte Rathenau. Der Import aber wird von Deutschlands Zahlungsfähigkeit abhängen und das Ausland wird vermutlich nicht gewillt sein, die Schuldverschreibungen, die im Innern des Staates kursieren, an Zahlungsstatt anzunehmen. Deutschland wird also immer nur durch seine Arbeit zahlen können, und so wird es zum Lohnsklaven des Auslands werden. Ja, es werden rechtzeitig Gesetze erlassen werden müssen, die verhindern, daß das Ausland Deutschlands ganzen Kunstbesitz aufkaufe, oder sich gar zum Eigentümer der deutschen Wirtschaft und des deutschen Grundbesitzes mache. Ausfuhrgesetze und vorbeugende Maßnahmen müßten namentlich diese Gefahren abwenden.

Besondere Einfuhrgesetze müßten den Warenhunger Deutschlands bändigen und in richtige Bahnen leiten. Weder Luxuserzeugnisse noch Materialien für die Luxusproduktion dürfen importiert werden. Auf diese Weise müsse die erste notwendige Ergänzungsarbeit bei Kriegsende geregelt und geleitet werden. Doch wird von selbst eine Abnahme der Einfuhr erfolgen müssen, da Deutschland durch die Arbeitslosigkeit und durch die notwendige Wirtschaftsumstellung nicht gleich zahlungsfähig sein wird. Wohl werden große Aufträge von allen Seiten an die Industrie gerichtet werden, doch wird es schwer sein, diese Aufträge auszuführen. Es wird starker Bedarf nach Geld da sein, aber es wird nur eine schwache Besserung der Valuta eintreten und eine schwere und langdauernde Wirtschaftskrise wird die Folge des Krieges sein, sagt Rathenau.

Um der Verteuerung der Lebensverhältnisse Rechnung zu tragen, wird es nötig sein, die Produktion einerseits zu verbilligen, andererseits die Arbeitslöhne zu steigern. Diesen scheinbaren Widerspruch einer doppelten Belastung wird man lösen können, wenn man den Ertrag der Arbeit steigert. Das kann und muß geschehen, indem man die gesamte Wirtschaft umstellt. Man muß die sogenannte »Freie Wirtschaft« aufheben, die es jedem gestattet, mit seinem Kapital und seinen Arbeitskräften das zu tun, was ihm persönlich den höchsten Nutzen und Ertrag bringen würde, ohne Rücksicht auf die Zwecke und Bedürfnisse der Allgemeinheit zu nehmen. Wenn z. B. heute eine »Phonographen-Krankheit«, wie Rathenau es nannte, ausbrechen sollte, so würde sich die ganze Metallfabrikation nur mit der Herstellung von Phonographen beschäftigen, um die Bedürfnisse der Phonographen-Erkrankten zu befriedigen, und lebenswichtige Dinge könnten liegenbleiben. Obgleich solche Verhältnisse so kraß nicht möglich und das Beispiel eine drastische Übertreibung ist, so muß dennoch eine systematische Sparsamkeit mit Arbeitsstunden eintreten. Es muß jede Herstellung vereinfacht werden, indem die Gegenstände typisiert und eine Reihenfabrikation ermöglicht wird. Anstatt siebzehntausend Stoffmustern in jeder Saison dürfen nur noch zweitausend auf den Markt kommen. Statt der Millionen Formen für jeden Gebrauchsgegenstand, die alle möglichen und unmöglichen Stilarten und Stilepochen in einer Umkehrung alles künstlerischen Empfindens ganz unpassend für moderne Einrichtungen abwandeln, dürfen nur wenige sachlich begründete Typen auf dem Markt erscheinen.

Jede Industrie muß auf ihren Standort geprüft werden, kein neues Unternehmen darf an einer Stelle aufgetan werden, wo es infolge der Lage oder infolge des Lohnes für die Arbeitskräfte nicht rentabel arbeiten kann. Es muß dafür gesorgt werden, daß jedes Unternehmen auf das Sparsamste und Zweckmäßigste arbeite. Dazu müssen die Zusammenschlüsse von Industrien und Gewerben, die horizontale Gliederung der Wirtschaft durchgeführt werden, die für die Vereinfachung und Verbilligung und Ertragserhöhung sorgen muß. Solche horizontalen Wirtschaftsorganisationen, die sehr selbständig und unabhängig sein, ja, in gewissem Sinne Hoheitsrechte haben sollen, müssen vom Staat überwacht werden und dürfen nicht einem falschverstandenen Individualismus überlassen bleiben. Auch der Handel muß umorganisiert werden. Bei dieser Gliederung der Wirtschaft in Verbände und Gruppen wird verhindert sein, daß auch jedes Zwischenerzeugnis Gegenstand des Handels sei wie bisher und so die Produktion und das Produkt verteuere. Im Handel selbst müssen Vereinfachungen erreicht werden. Zentralisierung muß eintreten, damit nicht so viele Arbeitskräfte unproduktiv, daher gegen die Bedürfnisse einer Allgemeinheit verwendet werden. Auch zu persönlicher Bedienung und Luxusentfaltung, ebenso wie zur Gründung irgendwelcher Unternehmen dürfen Arbeitskräfte nur mit Einwilligung und Zustimmung der Allgemeinheit, der staatlichen Kontrolle also, in Anspruch genommen werden, und nicht eigene Willkür kann dafür maßgebend sein.

Dem Einwand, daß diese Umstellung der Wirtschaft die persönliche Initiative lähmen, wenn nicht ganz ausschalten werde, entgegnet Rathenau, daß die Not erzwingen werde, was man nicht freiwillig aus Erkenntnis und Verantwortungsgefühl leisten will. Auch die Umstellung der Kapitalwirtschaft in bezug auf die Austeilung der Erträge, – die horizontalen Verbände sollen ihren Gewinn nach angemessener Verzinsung des gesamten arbeitenden Kapitals so verteilen, daß ein Teil dem Staat, ein Teil der Lohnaufbesserung und sozialen Einrichtungen, ein Teil dem Produzenten zugeteilt und ein Teil zur Verbilligung der Ware verwandt werde, – wird nur diejenigen abschrecken, die aus persönlichen Gründen, aus Geld- oder Machtgier gearbeitet haben, und das sind meist nicht die wertvollsten Kräfte, sondern das sind jene Kaufleute, die sich durch Spekulationsgeschäfte auf Kosten der Allgemeinheit zu bereichern suchen. Ernste Unternehmer haben, nach Rathenaus Erfahrung, immer mehr für das Werk als für ihren persönlichen Nutzen gearbeitet, und die Kräfte, die nur etwas leisten wollen, wenn sie dadurch viel verdienen können, dürfen als selbständige Unternehmer nicht mehr in Betracht kommen. Alle anderen Einwände, die in dem allgemeinen Mißtrauen gegen die Menschen und gegen staatliche Kontrolle überhaupt ihren Ursprung haben, lehnt Rathenau ab, weil ja von vornherein die Möglichkeit öffentlicher Kritik statuiert sei. Auch habe die Rohstofforganisation bewiesen, wie wirkungsvoll die Industrie unter staatlicher Kontrolle sich entwickelt und gearbeitet habe.

Rathenau setzt die Höherentwicklung der Menschheit voraus und wendet gegen alle absoluten Pessimisten ein, daß sie nicht ganz ehrlich oder wenigstens nicht konsequent in ihrer Anschauung seien, weil sie sonst das Leben überhaupt und ihre eigene Existenzberechtigung im besonderen negieren müßten. Darum erhält seine Wirtschaftsneugestaltung auch eine tiefe sittliche Bedeutung und einen religiösen Gehalt. Rathenau sah damals in dem Weltkrieg die Weltrevolution. Später erkannte er, daß er die Menschen überschätzt habe, daß der Weltkrieg nur der Anfang der Weltrevolution gewesen sei, daß aber das furchtbare Erlebnis des Krieges nicht hingereicht habe, die Menschen zur Einsicht zu führen. Das bedeutete eine schwere Enttäuschung für ihn. Ich werde, wenn ich über das Kriegsende und die sogenannte Revolution zu schreiben habe, noch näher darauf eingehen müssen. Damals glaubte Rathenau, was er auch am Ende der »Kommenden Dinge« gesagt hatte, daß wir alle schon damals sehend würden, daß wir alle schon die Erkenntnis gewönnen, nur aus dem Innern könne die Erlösung kommen. Damals glaubte er noch, daß die Menschen, und in erster Linie die Deutschen schon durch den Krieg die Erkenntnis erlangen müßten, daß Wirtschaftsgestaltung und politischer Aufbau des Staates eine Frage der Transzendenz, der Religion ebensosehr wie der Tüchtigkeit und Intelligenz sei.

Die Schrift erregte so großes Aufsehen, daß sie nach wenigen Jahren schon in 55 Auflagen verbreitet war. Sehr interessant ist die briefliche Kontroverse mit Professor Dr. Franz Oppenheimer, die sich an die Besprechung der »Neuen Wirtschaft« am 1. Februar 1918 in der »Wirtschaftszeitung der Zentralmächte« schloß. Oppenheimer hatte in dieser höchst anerkennenden und zugleich opponierenden Besprechung gesagt: »Meine Stimme ist leider schwach. Aber das entbindet mich nicht von der Pflicht, sie warnend zu erheben. Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr Bewegungsfreiheit des einzelnen, um unser Deutschland zum Hafen zu steuern.« Rathenau wehrte sich nicht gegen Widerspruch und Kritik, als er Oppenheimer am 11. Februar 1918 antwortete. (»Briefe«, Nr. 346 bis 354.) Aber er versuchte, eine Einigung über die grundlegenden Anschauungen herbeizuführen, die beide in bezug auf die Wirtschaftsgestaltung trennten. Die Diskussion ist sehr interessant und gipfelt in dem Gegensatz, daß Oppenheimer annimmt, er könne durch Hebung der Löhne den Verbrauch und damit die Produktion steigern, Rathenau aber die Produktion rationalisieren will, um sie dadurch zu steigern und Löhne und Verbrauch heben zu können. Der von ihm oft ausgesprochene Satz, daß Verbilligung der Gebrauchsgegenstände einer Erhöhung der Arbeitslöhne gleichkomme, liegt seinen Ausführungen zugrunde. Er folgert daraus, daß keine Lohnerhöhung nütze, wenn die Produktion im gleichen Maße sich verteuere. Oppenheimer macht ihm den Vorwurf, daß Rathenau bei der Neugestaltung der Wirtschaft experimentieren wolle. Rathenau entgegnet, er wolle organisieren. Als die Diskussion beginnt, sich im Kreis zu bewegen, bricht Rathenau sie in der Überzeugung ab, daß Überredung und Dialektik keinen Sinn habe, und daß die Zukunft beide in irgendeiner Weise belehren werde. Und wir erschrecken, wenn wir diese Korrespondenz lesen und sehen, daß Rathenaus Voraussagen sich so bewahrheitet haben, und wir fragen uns, warum nicht rechtzeitig vorgebeugt wurde, wenn doch einer da war, der die Notlage erkannte und Vorschläge zur Abhilfe machte. Wir erkennen, daß Rathenau recht hat, wenn er sagt, das deutsche Volk lerne nur durch das Mittel, mit dem es gern seine Kinder erzieht, durch Schläge.

Als nach der Revolution der Reichswirtschaftsminister Wissel zusammen mit Wichard von Moellendorff die sogenannte »Planwirtschaft« einzuführen suchte, die im wesentlichen auf Rathenaus Ideen zurückging, geschah das, ohne den Urheber dieser Anschauungen zu nennen. Ob das durch persönliche Gereiztheit veranlaßt wurde, ob die Rücksicht auf Rathenaus Unbeliebtheit mitwirkte, weiß ich nicht, jedenfalls erwähnte man ihn nicht, bezog sich nicht auf ihn, dessen Gedanken immerhin weit genug verbreitet waren, um durch seine Autorität die gewollte Neugestaltung stützen zu können. In aller Stille, unter Ausschluß der Öffentlichkeit wurden die Gesetze vorbereitet – und kamen schon im Kabinett zu Fall. So bestätigte sich, was Rathenau immer gesagt hatte, daß seine Ideen in öffentlicher Diskussion dem Volke klargemacht und verbreitet werden müßten, ehe man sie in die Tat umsetzen könnte.

Darum fühlte sich Rathenau veranlaßt, der veränderten Lage neue Organisationsvorschläge anzupassen. Die Revolution hatte die Gelegenheit versäumt, die neue Wirtschaft einzuführen, was sie doch berechtigt hätte, sich Revolution nennen zu dürfen. Nun veröffentlichte Rathenau die letzte seiner eigentlichen Wirtschaftsschriften, die er »Autonome Wirtschaft« nannte. Er stellte darin die augenblickliche politische und wirtschaftspolitische Lage dar, erklärte die Bedingungen für Wissels Sturz und für das Scheitern der Planwirtschaft, wie man die neue Wirtschaft genannt hatte. Da er für die Sache kämpfte und es ihm nie darum zu tun war, persönlich recht zu behalten, da er im Gegenteil um der Sache willen betrübt war, daß seine trüben Ahnungen sich bestätigten, so suchte er nun eine neue Form, um der dringenden Notlage abzuhelfen, und er griff auf Sätze aus den »Kommenden Dingen« zurück, in denen er die autonome Wirtschaft empfahl.

Es heißt da in den »Kommenden Dingen«: »Schon heute ist der paradoxe Fall denkbar, daß das Unternehmen sein eigener Eigentümer wird, in dem es aus seinen Erträgen die Anteile der Besitzer zurückkauft. Das deutsche Gesetz schränkt diesen Vorgang ein und verlangt, daß dem Vorbesitzer sein Stimmrecht gewahrt werde; ein organischer Widersinn der vollkommenen Loslösung des Besitztums vom Besitzer besteht jedoch nicht. Die Entpersönlichung des Besitzes, die Objektivierung des Unternehmens, die Lösung des Eigentums führt einem Punkt entgegen, wo das Unternehmen sich in ein Gebilde nach Art einer Stiftung, oder besser gesagt, nach Art eines Staatswesens verwandelt. Dieser Zustand, den ich als den der Autonomie bezeichnen will, läßt sich auf vielfachen Wegen erreichen. Der eine Weg der Rückzahlung des Kapitals wurde erwähnt. Ein zweiter Weg, den Besitz an die Angestellten und Beamten des Unternehmens aufzuteilen, wurde in einiger Annäherung von einem deutschen Industriellen beschritten. Der Besitz kann an behördliche Stellen, Universitäten, Stadtverwaltungen, Staatsregierungen gebunden werden. Dies ist bei einem der ältesten deutschen Bergwerke geschehen. Erforderlich sind lediglich zulängliche und brauchbare Bestimmungen, die dafür sorgen, daß das Unternehmen dauernd von den jeweils besten auffindbaren Organen geleitet werde. Ist die Verfassung wohl durchdacht, so kann das Unternehmen allen künftigen, wenn auch noch so stark wachsenden Kapitalsansprüchen genügen. Zunächst verbleibt ihm die Rente, die es bisher jährlich an seine Gesellschafter auszuzahlen hatte. Sodann kann es vorübergehend oder dauernd mit Schuldverschreibungen belastet werden. Es kann im Notfall einen Rückschritt tun und von neuem tilgbare Anteilsrechte begeben; es kann und wird vor allem unter dem Schutz eines unerschöpflich reichen Staates und an sich der Kontrolle dieses Staates unterworfen, erwarten, daß nach Bedarf ihm Staatsmittel gegen gebührende Verpflichtungen überwiesen werden. Noch mehr: der Staat selbst wird wünschen und verlangen, daß die Unternehmungen jederzeit die überschüssigen Mittel seiner Kassen unter entsprechender Aufsicht aufzunehmen und anzulegen bereit sind.«

Nun wollte er durch gesetzliche Bestimmungen die Wirtschaft von der jetzt bestehenden Willkürherrschaft befreien und in autonome Formen überführen, um so organisch zu einem sozialen Staat zu gelangen, ohne den von Rathenau als Irrweg angesehenen Weg der Sozialisierung zu beschreiten, von dem er annahm, daß er in dem so gefährdeten Dasein des Deutschen Reiches zum sicheren Unheil führe. Er wollte, um zu einer »Organokratie«, zu einer mächtigen organisch gegliederten Staatsform zu gelangen, den Weg über die autonome Wirtschaft einschlagen, um so staatliche Kontrolle und staatliche Teilnahme an der Neugestaltung der Wirtschaft und Industrie durchzusetzen.

Es war sein Schicksal, immer mißverstanden, immer mißdeutet zu werden. Seine Ratschläge wurden nicht angenommen, und es wurde »weitergewurstelt.« Und seine Beweglichkeit wurde nicht erkannt, sondern als schwankendes und unstetes Verfahren angesehen. Welches die tragischen Folgen davon für unser Vaterland bisher gewesen sind, haben wir erlebt, welches sie noch sein werden, hoffen wir, nicht mehr erleben zu müssen. Aber es ist wichtig zu wissen, daß einer da war, der umlenken wollte, und von dem wir glauben dürfen, daß er umlenken konnte. Aus der Richtigkeit seiner Diagnosen dürfen wir auch auf die Richtigkeit seiner Prognosen und seiner Therapie schließen. Und wir werden, von der Not gedrängt, mehr oder weniger vollkommen und vollständig die Heilverfahren anwenden müssen, die er uns vorschlägt.