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Beaumarchais

von Anton Bettelheim

Verlag: C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung | Jahr: 1911

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Kapitel 13

11. Beaumarchais in Wien

Gräffer, »Wiener Dosenstücke«, der Vater Gräffers hatte für seinen Buchhandel den Gassenladen den Dreilauferhauses gemietet, in welchem gelegentlich auch Kaiser Joseph vorsprach. (Gräffer, Kleine Wiener Memoiren II, 36.) Schräg gegenüber im kleinen Michaelerhause war der freundliche Laden von Dejan, in welchem alle Pariser Novitäten, Voltaires, Rousseaus, d'Alemberts und Beaumarchais' Schriften und Bilder ausgestellt und zu kaufen waren. l. c.

Vous appelez cela betrügen? Corriger la
fortune!
Betrügen! O, was ist die deutsch Sprak
für ein arm Sprak! für ein plump Sprak!

Riccaut de la Marlinière.

Beaumarchais war in der nächsten Nähe der Hofburg abgestiegen, dem alten »Dreilauferhaus«, einem »äußerst soliden, äußerst plumpen, äußerst düstern, äußerst ehrwürdigen, in der Miete äußerst wohlfeilen Gebäude aus dem sechzehnten Säkulum«. Am Tag nach seiner Ankunft stellt er sich bei dem Sekretär Maria Theresias, Freiherrn von Nenny ein, der ihn zuerst »auf sein zerhauenes Gesicht für einen Glücksritter, einen verabschiedeten irländischen Offizier oder dergleichen mehr ansieht« und demgemäß mit seinem Anliegen, der Kaiserin insgeheim einen Brief zu bestellen, sehr kurz abfertigt; der Baron ist drauf und dran, Mr. de Ronac die Tür zu weisen, als dieser mit einem Male einen noch entschiedeneren Ton anschlägt als der Höfling und erklärt, er mache ihn der Kaiserin gegenüber für alle bösen Folgen verantwortlich, die seine Weigerung einer höchst wichtigen Unternehmung zufügen könnte. Das energische Auftreten des Fremdlings verfehlt seines Eindrucks nicht; widerwillig nimmt Nenny seinem Besucher den Brief ab, mit den Worten, er dürfe deshalb nicht erwarten, daß die Kaiserin ihm eine Privataudienz bewilligen werde. »Das braucht Ihnen weiter keine Sorge zu machen«, erwidert Beaumarchais. »Wenn mich die Kaiserin empfängt, so werden wir beide, Sie und ich, unsere Pflicht getan haben. Alles weitere steht beim Schicksal.« Nenny schickt nun der Kaiserin Beaumarchais' Brief mit einem Begleitschreiben, in dem er bemerkt: der Fremde sei ihm als homme de mise erschienen. Die Epistel von Mr. de Ronac an Maria Theresia beginnt mit der Versicherung: er glaube Ihrer Majestät seine Ehrfurcht nicht wirksamer bezeugen zu können, als dadurch, daß er mit Umgehung aller Würdenträger sich unmittelbar an Sie wende. Aus dem fernsten Westen Europas sei er Tag und Nacht herbeigeeilt, um Ihr Dinge mitzuteilen, die Ihr Glück, Ihre Ruhe, ja, sozusagen Ihre heiligsten Gefühle betreffen. Trotzdem er unterwegs von Räubern angefallen und schwer verletzt worden sei, habe er ohne Verzug seine Reise fortgesetzt. Da aber Ihre Majestät diese Mitteilungen möglicherweise als Fiebertraum eines Verwundeten ansehen könnte, so bitte er, rasch jemanden zu ihm zu senden, der mit Ihrem vollsten Vertrauen ausgezeichnet sei; er werde sich dieser Person nicht eröffnen, da er das nur Ihrer Majestät selbst gegenüber tun dürfe, wohl aber Ihrem Abgesandten genug sagen, um von Ihrer Majestät eine Privataudienz zu erhalten, von der weder die Minister, noch die Botschafter das mindeste erfahren dürfen. Die Kaiserin möge also nicht Anstand an seiner Bitte nehmen, Ihrem Vertrauensmann ein Handschreiben mitzugeben, des Inhalts: »Mr. de Ronac kann sich rückhaltlos der Person gegenüber äußern, welche ihm dies Billet überbringt: sie ist meines Vertrauens würdig«.

Maria Theresia ist im ersten Augenblick gewillt, de Ronac kurzweg vorzulassen, im nächsten Moment erscheint es ihr aber geratener, den Fremdling zuvor von dem Statthalter ausholen zu lassen und zu guter Letzt willfahrt die Kaiserin Ronacs Wunsch: sie betraut mit Umgehung aller Minister, ja selbst ihres Sekretärs den Grafen Seillern in einem genau nach Ronacs Vorschrift abgefaßten » Zettul« mit der Sendung, Anliegen und Beglaubigung des Fremdlings zu prüfen. Ihrer Meinung nach wird hinter der Geheimniskrämerei die Enthüllung eines Mord- oder Giftmordanschlages stecken, um die sie sich wenig bekümmert; sie hält nichts »auf alle diese secretten; allein weil es einen Dritten, nicht mich angeht, will nichts unterlassen«. Der Graf läßt Ronac sofort zu sich bescheiden; der bittet fürs erste, seines Bluthustens halber, um Entschuldigung, stellt sich aber zwei Stunden später bei Seillern ein. Er teilt dem Grafen mit, daß er von dem König von Frankreich mit einem eigenhändigen wichtigen Auftrag nach England und Holland entsendet worden sei, der ihn jedoch unvorhergesehenerweise nach Deutschland geführt habe; hier sei er unterwegs von Räubern angefallen und nur durch die goldene Kapsel, welche des Königs Ordre umschloß, vor dem Tode gerettet worden. Sein Auftrag betreffe die Ehre der Königin von Frankreich, doch müsse er um schleunigste Audienz bitten, denn er könne sich nur kurze Zeit aufhalten und gedenke sich niemandem, zum wenigsten dem französischen Botschafter, zu zeigen. Um endlich mit größter Schnelligkeit und Sicherheit von Maria Theresia empfangen zu werden, vertraute er dem Grafen das Handschreiben Ludwigs XVI. an, damit er dasselbe der Kaiserin vorweisen könne. Seillern erwiderte, er gedenke in einer Stunde nach Schönbrunn zu fahren, um der Kaiserin Bericht zu erstatten und weitere Befehle entgegenzunehmen; er stelle es Ronac aber frei, sich gleichfalls dahin zu begeben, um zur Stelle zu sein, wenn ihn die Kaiserin zu sprechen wünsche. Beaumarchais stimmte sogleich freudig zu, und Maria Theresia ließ ihn auf das erste Wort von Marie Antoinette, gleicherweise von Muttersorge und echt weiblicher Neugier getrieben, vor.

Mr. de Ronac näherte sich »der höchsten Person so viel möglich« mit den Worten: »Da er sehe, daß Ihre Majestät den Statthalter mit Ihrem Vertrauen würdigte, nähme er keinen Anstand, sich rückhaltlos zu äußern«. Mit der éloquence du moment berichtet er Maria Theresia die ganze Vorgeschichte seiner Sendung; von seinen Verträgen mit Atkinson-Angelucci, der ihm in Amsterdam vorgeworfen, er habe ihn um ein Vermögen gebracht: denn von anderer Seite seien ihm 3000 Pfd. für das Erscheinen des Libells geboten worden, ein Profitchen, das er nur durch Ronacs goldene Zunge verscherzt habe; er erzählt weiter von Angeluccis jäher Flucht nach Nürnberg und dessen (Beaumarchais durch einen andern Juden verratenen) Absicht, das Buch nicht bloß französisch, sondern auch italienisch zu veröffentlichen, denn es sei Angelucci geglückt, allerdings keine Abschrift, wohl aber ein paar fehlerhaft gedruckte Exemplare des Pamphlets in Sicherheit zu bringen. Im Flug sei er (Ronac) nun Angelucci nachgeeilt. Endlich am 14. August, um 3 Uhr nachmittags, habe er im schönsten Sonnenschein bei der Fahrt durch den Wald von Neustadt einen Mann zu Pferde erblickt, in dem er bei schärferem Hinblicken Angelucci zu erkennen glaubte. (Diese Variante erscheint hier zum ersten Male.) Auch der Reiter scheine ihn, den Verfolger, erkannt zu haben: denn er sei alsobald in das Gehölz abgebogen; sowie nun der Wagen an die Stelle gekommen, von der aus Angelucci das Weite gesucht, sei er – Ronac – aus der Kutsche gestiegen, um den Postillon weiterfahren zu lassen. Angelucci habe sich im Walde umgewendet, und sowie er Ronac erblickte, dem Pferde die Sporen gegeben, aber im Dickicht wäre dem Reiter sein Galopp schlecht bekommen: Beaumarchais will auf ihn zugesprungen sein, ihn bei den Stiefeln gepackt und zu Boden geworfen haben. Dann habe er ihm die Pistole auf die Kehle gesetzt mit der Drohung: »Meister Schelm! der Augenblick ist gekommen, in dem du für all deine Schändlichkeiten zahlen mußt!« Er habe Angelucci genötigt, sein Felleisen zu öffnen und seine Taschen zu leeren. Im Mantelsack des Überraschten habe er die unterschlagenen Exemplare des Avis gefunden: die habe er (Ronac) ihm zur Strafe seines Treubruches abgenommen; ebenso einen Teil des ungebührlich erhaltenen Geldes, dann aber Angelucci – laufen lassen. Nach diesem Abenteuer im Walde habe er (Ronac) sich wieder auf die Straße begeben wollen, da seien ihm aber Räuber in die Quere gekommen. Mit dramatischer Anschaulichkeit erzählt er der Kaiserin den Kampf mit den Banditen, ungefähr so wie in den nach Paris gerichteten Briefen, nur mit dem Zusatz, daß er vor dem Nürnberger Magistrat statt der geforderten Personbeschreibung der Strolche den Steckbrief des Juden Angelucci zu Protokoll gegeben habe, denn dieses gefährlichen Menschen müsse sich die Kaiserin unter allen Umständen versichern. Es sei auch unerläßlich, daß Maria Theresia nicht nur in Nürnberg, sondern auch in Venedig, der Heimat Angeluccis, Nachforschungen nach dem Libell anstellen lasse; denn die Schmähschrift sei hauptsächlich gegen Marie Antoinette gerichtet: da sei zu besorgen, daß wenn das Pamphlet unverkürzt und unverfälscht dem »jungen, mißtrauischen und austèren« König vor Augen käme, dies unfehlbar für dessen Gemahlin die übelsten Folgen nach sich ziehen müsse. Zur Verhütung eines so außerordentlichen Unglückes schlage er (Ronac) der Kaiserin vor, das Libell in Wien mit Weglassung der für die Königin verletzendsten Stellen umdrucken zu lassen, nur solcherart sei es möglich, Ludwig XVI. durch Vorweisung eines gedruckten Exemplars von der Erfüllung seines Auftrages zu überzeugen und ihm doch die verleumderischen Anklagen gegen Marie Antoinette zu verbergen; wie viel er (Ronac) auch dabei wage: er erbiete sich gleichwohl, die Abänderung der Schmähschrift ins Werk zu setzen, im guten Glauben, dadurch keineswegs die schuldige Treue gegen den König zu verletzen, vielmehr nur ihm großen Verdruß zu ersparen. Maria Theresia war durch die unablässige, nachdrückliche Erwähnung des Libells auf dessen Inhalt immer begieriger geworden. Beaumarchais las ihr infolgedessen ihrem Wunsch gemäß das Pamphlet von Anfang bis Ende vor: kein Wunder, daß die Audienz über drei Stunden dauerte. Arneth-Geffroy: Correspondance secrète entre Marie-Thérèse et le comte de Mercy-Argenteau. Paris 1874. II, 230. – Beau marchais en Allemagne par Paul Huot. Paris 1869. Eine französische, verschärfte Redaktion von Arneths Studie.

Der Avis à la branche espagnole ist von Kaunitz und späterhin von Arneth kurzweg Beaumarchais selbst zugeschrieben worden; seither hat Geffroy Bedenken erhoben, ob diese weitschweifige und langweilige Schmähschrift wirklich von dem Autor der Mémoires im Prozeß Goezmann herrühre und auch ich muß mir nach wiederholter, 1910 erneuerter reiflicher Prüfung des Avis aus inneren und äußeren Gründen Vorbehalte gegen die Vermutung von Kaunitz, Arneth und Huot erlauben. Das Wiener Abenteuer gereicht dem Andenken Beaumarchais' ohnehin zu so schwerem Nachteil, daß wir ihm nur auf schlüssige Beweise hin noch weitere Sünden zur Last legen dürfen. Sehen wir uns den Avis etwas näher an.

Das Libell nimmt eine Warnung an die spanischen Bourbons, ihre Erbrechte auf den französischen Thron zu wahren, zum Anlaß, Marie Antoinette häßliche Dinge nachzusagen. Durch ein Spiel der Natur oder durch die schlechte Wahl der Lebensgefährtin, die Ludwig XV. seinem schon durch Skorbut geschädigten Sohn bestimmt habe, seien nun an der Spitze der Nation drei Prinzen, von denen keine Nachkommenschaft erwartet werden dürfe. Der König insbesondere sei durch seine Körperbeschaffenheit außerstande, Kinder zu haben. Bei diesem vielleicht nur vom König selbst verkannten Sachverhalt beständen zwei Möglichkeiten: entweder wird er ohne unmittelbaren Leibeserben sterben oder solche Leibeserben haben, die nicht er in die Welt gesetzt haben wird. Deshalb hätten die spanischen Bourbons und selbst die Mitglieder des Hauses Orleans das ernsteste Interesse, die Königin zu überwachen; sie müßten Mittel und Wege finden, den ahnungslosen König davon zu überzeugen, daß seine Konstitution ihn hindere, jemals Kinder mit der Königin zu zeugen. Sei dem König einmal diese traurige, aber notwendige Aufklärung erteilt, dann würde diese Erkenntnis genügen, alle heimtückischen Absichten gegen seine Ehre und die echten Thronfolger zu vereiteln. Ein mutiger Mann müsse dem König die Augen über die drohende Gefahr öffnen; finde sich kein anderer, so werde das jedenfalls durch den Verfasser des » Avis« Der Autor des ›Avis‹ spielt hier auf die anfängliche Kälte Ludwigs XVI. an. S. Goncourt, Histoire de Marie-Antoinette, S. 40 ff. Paris, 1878. geschehen. Man könne ein ausgezeichneter Fürst sein trotz körperlicher Gebrechen. Der Libellist werde sich deshalb nicht scheuen, Ludwig XVI. als obersten Hüter der Königin anzurufen. Schließlich, so wolle er dem König sagen, sei der eigene Vorteil der Maßstab für alle Handlungen der Menschen; der Vorteil der Königin sei nun, um jeden Preis einen Sohn zu bekommen, um Frankreich nach dem Tod ihres Gemahls einen Herrn aus ihrem Blut zu geben. Ihre Stellung sei zweideutig und haltlos, solang sie nicht Mutter eines Thronfolgers wird; vorher läßt die Nation sie nicht als Französin gelten. »Bemessen Sie danach ihren Kummer über das Gebrechen Ihrer Konstitution. Von diesem Kummer zum Wunsch, ihn zu beseitigen, ist nur ein Schritt, und zur Erfüllung dieses Wunsches wird sich wohl die Gelegenheit finden. Oder glauben Sie, daß es ihr in einer so großen Sache an Rat und Beistand fehlen wird?«

»Bedenken Sie«, ruft der Anonymus den Thronanwärtern zu, »daß sie Österreicherin, also ehrgeizig ist; bedenken Sie, von welcher Mutter sie herstammt, und daß diese in Ermanglung eines andern Ratgebers ihre beste Helferin sein wird.« Der Herzog von Aiguillon habe fallen müssen, der imstande gewesen wäre, über die Geheimkorrespondenz von Marie Antoinette mit der Kaiserin von Österreich die wichtigsten Enthüllungen zu machen. Was tut der Abbé de Vermond, der sich tagtäglich mit der Königin, einer Frau von zwanzig Jahren, einsperrt? Wie kann man solche Ungehörigkeiten am französischen Hofe dulden? Dieses Pfäfflein muß verjagt, Choiseul von jedem Aufsteigen zur Macht ferngehalten und den Tanten Ludwigs XVI. die strengste Überwachung seiner Gemahlin anvertraut werden. Vor allem sei ihr jeder Einfluß auf die Geschäfte zu entziehen. So lange Marie Antoinette keine Kinder habe, sei sie eine Fremde für den Hof; der König habe nur den Nießbrauch, nicht das Eigentum der Krone. Damit kommt der Autor des Avis auf die Grundrechte der Verfassung zu sprechen und auf die ungeheuren Fehler, zu welchen der Kanzler Maupeou Ludwig XV. gegen sein Gewissen, seine Pflicht und das Recht der Nation durch die Zerstörung der Parlamente verleitet habe. Und hat Maupeou solcherart seinen Herrn etwa reicher und unabhängiger gemacht? Im Gegenteil, die heillose Zerrüttung der Finanzen, die Minderung der Steuereinnahmen trotz der entsetzlichen Erpressungen eines anderen, noch verächtlicheren Schurken – »man merkt, daß ich von dem infamen Abbé Terray sprechen will« – der Geist des Aufruhrs (so entschuldbar bei Völkern, die in ihrem Lebensnerv sich bedroht fühlen) und der allgemeine Haß: das waren die Früchte, welche dieser fürchterliche Kanzler am Ende seiner Tage einen König pflücken ließ, der die Schwäche hatte, ihn zu hören, und die Torheit, ihm zu glauben. Mit welchem Gesindel besetzte dieser ehr- und schamlose Beamte nicht unsere Gerichte? Die Unwissenheit und Niedrigkeit seiner Kreaturen gab sie unaustilgbarer Verachtung preis. Dieser Fülle von Übeln müsse Ludwig XVI. rasch abhelfen, sonst könnte er eines Tages ihr Opfer werden. Sein erster Ratgeber sei glücklicherweise ein durch Alter, Begabung und Unglück ausgezeichneter Staatsmann (Maurepas). Der Polizeileutnant Sartines dagegen sei sitten-, talent- und charakterlos, geizig, geldgierig und dabei so töricht, an sein Emporkommen zu glauben; er sei arm von Haus aus, besitze heute aber Ländereien und ein ungeheures Vermögen: er hatte keine 10 000 Livres im Vermögen bei seinem Amtsantritt, heute verfüge er über 150 000 Livres Rente, voilà son crime. Ludwig XVI. solle den Tempel von Krämern dieses Schlages säubern; was verschlüge es hernach, ob er Kinder habe oder nicht? Die gefährlichsten Fürsten sind die schwachen, wie Ludwig XV., dem es eigentlich an gesundem Menschenverstand nicht fehlte. Allein er verdiente den Fluch aller kommenden Jahrhunderte, die sich begnügen werden, ihn zu verachten, weil er allein das Unheil zu verantworten hat, das er unter seinem Namen anrichten ließ. Oft sah er das Gute und duldete trotzdem das Schlechte, weil er schwach und insbesondere gleichgültig gegen seine Untertanen war. Wie unverschämt schaltete Choiseul, der sich in seiner Machtfülle fast für den König von Frankreich hielt, nicht mit den Staatsgeldern, um seiner Verschwendung und seinen Ausschweifungen zu frönen? Choiseul ist die Quelle alles Unglücks, er beging Torheit auf Torheit und wähnte jede mit einem Scheffel von Louis gut zu machen. Gleichwohl kehrt er an den Hof zurück. Es wird das neue Regiment brandmarken, wenn er wieder an die Macht kommt. Aber auch wenn das nicht geschieht, wird er Ludwig XVI. durch Marie Antoinette regieren, denn er wird ihr seine Ideen durch Vermond mitteilen lassen. Ebenso hitzig eifert der Autor des Avis gegen die andern Parteigänger Marie Antoinettes: sie alle müßten vom Hofe verwiesen, der Königin aber alle Zuschüsse von seiten ihrer Mutter entzogen werden. Niemand wird dem König seine wohl durch die Natur gebotene Weiberscheu verdenken, niemand Kinder Frankreichs von ihm heischen, sofern er nur verstehen werde, den Handel zu heben, die Steuern herabzusetzen, die Mißbräuche in Justiz und Verwaltung, die Siegelbriefe, Polizeiplackereien und Finanznöte, den Despotismus der Minister und die Ränke des Klerus zu beseitigen, Sittlichkeit und die beinahe ganz erloschene Liebe zum Glauben durch Strenge gegen die Freigeister und huldvolles Entgegenkommen gegen alle rechtschaffen Gesinnten zu neuen Ehren zu bringen.

Der Avis, der selbst in diesem gedrängten Auszug den modernen Leser nicht sonderlich interessiert haben dürfte, erregte Maria Theresias vollste Aufmerksamkeit; dem lebhaften Anteil, welchen sie den unscheinbarsten Einzelheiten des Ehelebens ihrer Tochter entgegenbrachte, konnte sie hier vollauf genugtun: denn Beaumarchais erläuterte den Text der Schmähschrift Blatt für Blatt. »Bei dieser durch etwelche Stunden angedaureten Verlesung« – so heißt es in einer Note des Statthalters Grafen Seillern – »machte der Ronac sehr lange und in die dermalen bei dem französischen Hof angesponnenen Intrigen sehr tief einschlagende Bemerkungen, aus welchen abzunehmen, daß derselbe davon ziemlichermaßen unterrichtet sein müsse.« Sehr begreiflich, daß die Kaiserin mehr als einmal verwundert ausrief: »Was hat Sie mit so glühendem Eifer für das Wohl meines Schwiegersohnes und vor allem meiner Tochter erfüllen können?« Die Antwort lautete: »Madame, ich war einer der unglücklichsten Menschen in Frankreich gegen Ende der Regierung Ludwigs XV. Die Königin, Marie Antoinette, hat in diesen furchtbaren Zeiten nicht verschmäht, einige Sympathie für mich, auf dessen Haupt so viel Schrecken gehäuft wurden, an den Tag zu legen. Indem ich ihr heute diene, ohne die geringste Hoffnung, daß sie jemals davon erfahre, löse ich nur eine alte Schuld ein.« »Was aber hat Sie dazu genötigt, Ihren Namen zu ändern?« »Madame! ich bin unglücklicherweise (!) unter meinem eigentlichen Namen im ganzen literarischen Europa viel zu sehr bekannt; meine gedruckten Verteidigungsschriften haben alle Geister dermaßen zu meinen Gunsten eingenommen, daß ich überall, wo ich unter dem Namen Beaumarchais erscheine, sei es, weil ich den Anteil der Freundschaft, oder den des Mitleids errege, Besuche und Einladungen aller Art erhalte und nicht mehr in der Lage bin, im Verborgenen zu bleiben, wie das meine heikle Sendung erfordert. Deshalb habe ich den König um die Erlaubnis gebeten, unter dem Namen de Ronac zu reisen, auf den auch mein Paß lautet.« »Wird Ihr Mann (Angelucci)«, fragt die Kaiserin nun weiter, »wagen, sich in Nürnberg zu zeigen, wenn er erfährt, daß Sie selbst dort gewesen?« »Madame: um ihn zu bestimmen hinzugehen, habe ich ihn irregeführt; ich habe ihm nämlich (im Walde von Neustadt?) gesagt, daß ich Kehrt machen und unverweilt nach Frankreich zurückkehren wolle.« Die Kaiserin dankt Beaumarchais für seine eifrigen und umsichtigen Bemühungen und bittet ihn, ihr den Avis bis zum nächsten Tag zu leihen. Er willfahrt ihrem Wunsche, da sie ihr geheiligtes Wort gab, ihm das Libell durch Herrn v. Seillern wieder zurückstellen zu lassen. »Gehen Sie zu Bette«, so sagte sie mir mit unendlicher Gnade: »lassen Sie sich nur schnell die Ader schlagen; man darf nie, weder hier, noch in Frankreich vergessen, wie viel Eifer Sie bei dieser Gelegenheit im Dienste Ihres Herrn bewiesen haben!«

Von diesem Lobspruch berauscht, kehrt Beaumarchais nach Wien zurück, genauer gesagt, an seinen Schreibtisch. Seine alte, unaustilgbare Liebhaberei, die Herren der Welt in Geheimkorrespondenzen als Ratgeber heimzusuchen, bestimmt ihn, all das, was er etwa in seinen mündlichen Auseinandersetzungen nicht klar und umständlich genug erörtert hat, in einem umfänglichen Memoire an die Kaiserin nachzuholen. Die Urheber jenes Libells, so meint er, bezwecken nur, dem König Mißtrauen gegen Marie Antoinette einzuflößen. Wer aber vermöge die Wirkung giftiger Verleumdungen vorherzusagen? Bei gleichem Anlaß habe er anfangs gewagt, dem verstorbenen König die Befriedigung seiner Neugier zu versagen, und dabei war Ludwig XV. sechzig Jahre alt und durch lange Erfahrungen abgestumpft gegen boshaftes Gerede. Dürfe man solche Gelassenheit aber auch bei einem jungen Fürsten voraussetzen, der zum erstenmal in dem beleidigt werde, was ihm auf Erden das Teuerste? Kein Zweifel: man muß Ludwig XVI. die Angriffe gegen seine Frau verbergen. Zwei Wege ständen ihm dabei offen: einmal, Ludwig XVI. zu sagen, daß die Räuber in dem Handgemenge von Neustadt mit seiner Brieftasche auch das für den König bestimmte Exemplar gestohlen hätten; doch wäre das eine Lüge, die einem Beaumarchais sehr widerstrebt; zudem würde der König in Angst und Sorge geraten, ob das gestohlene Libell nicht am Ende doch wieder irgendwo auftaucht, endlich aber (für unseren Helden wohl das Entscheidende) seinen geheimen Sendboten für einen ungeschickten, vielleicht gar unzuverlässigen Diener halten. Deshalb bleibe nur der zweite Ausweg: der Umdruck des Libells. Nachdem er diese Fragen »durch eine so einsichtige Prüfung geklärt hat«, hält er es für notwendig, sich auch in die Gefühle Maria Theresias hineinzudenken und die Gründe zu erwägen, aus welchen sich die Kaiserin etwa diesem Unternehmen widersetzen könnte. Er sähe nicht einen: denn was er als Privatmann, aller Gefahr und der eigenen Ohnmacht nicht eingedenk, wage, das kann Maria Theresia auf ihre doppelte Autorität als Mutter und Kaiserin doch mit voller Sicherheit ins Werk setzen. Allerdings könne es der Kaiserin schwer fallen, einem ganz Unbekannten so großes Vertrauen zu schenken: »auf diesen Einwurf getraue ich mich, ohne Besorgnis vor irgend welchem Widerspruch, zu entgegnen, daß ich von dem ganzen französischen Volke als ebenso mutiger, wie unbeugsamer Mann geachtet, nur auf diesen Titel hin vom König mit seinem so schwer zu erringenden Vertrauen ausgezeichnet wurde etc.«

Beaumarchais wähnte sich am Ziel seiner Wünsche oder vielmehr am Anfang einer neuen glänzenden Laufbahn, da er den letzten Federzug an dieser Denkschrift machte. Wie groß mag daher sein Erstaunen gewesen sein, als unversehens zwei Offiziere mit blankem Degen und acht Grenadiere mit aufgepflanztem Seitengewehr in sein Zimmer traten, gefolgt von einem Sekretär, der ihm ein Billet Seillerns überbringt, des Inhalts: »aus Gründen, die er selbst gutheißen müsse, sei zeitweilig Haft über ihn verhängt worden.« Man nimmt ihm seine sämtlichen Briefschaften, ja trotz seines Einspruches sogar den »Talisman« ab: (allerdings nicht, bevor er die goldene Kapsel mit einem Papierumschlag umhülst und mit der Aufschrift versieht, das Kleinod sei nur für die Kaiserin bestimmt). »Keinen Widerstand«, gebietet ihm der Sekretär; Beaumarchais erwidert kaltblütig: »der Gewalt kann und werde ich mich nicht widersetzen.« (Späterhin prahlt er sogar, gesagt zu haben: »Widerstand leiste ich bisweilen wohl gegen Räuber, nicht aber gegen Kaiser!«) Nur – nach der Feder langt Monsieur de Ronac, um an dem einen und demselben 24. August nicht weniger als drei Briefe an Seillern zu richten. In dem ersten Schreiben meint er: nur Zweifel an der Identität seiner Person vermöchten ein so außerordentliches Vorgehen zu erklären; er sei aber kein Schwindler ( fourbe), der Namen und Sendung eines andern angenommen, sondern in Wahrheit Beaumarchais selbst, der nicht dringend genug an seiner Pflicht, d. i. der Mahnung festhalten könne, die Nürnberger und Schwabacher Druckereien überwachen zu lassen, denn es sei (wie er mit einer Paraphrase des oben angeführten Wortes von Sartines meint) nicht genug, Staatsgefangener zu sein, man müsse auch seine Geschäfte besorgen. Im zweiten Brief kommt er darauf zurück, daß nur Zweifel an seiner Identität zu einer Strenge Anlaß gegeben, die man bald bitter bereuen dürfte. Es wäre ihm ein Leichtes, durch die Anrufung des französischen Gesandten, an dessen Vertrauensmann er im verwichenen Jahre sein schönes Landhaus bei Paris verkauft habe, alle Schwierigkeiten zu beheben, aber er wolle ihn schlechterdings nicht in Mitwissenschaft ziehen in betreff eines Geheimnisses, das nur dem König und Sartines bekannt sei. Er bitte deshalb um die Erlaubnis, dem nächsten kaiserlichen Postpaket einen offenen Brief an Sartines beischließen zu dürfen. Und in diesem Schreiben an seinen Pariser Gönner sagt er: er wisse nicht, weshalb er verhaftet sei; aus seinem Regensburger Brief wisse der Polizeileutnant von seinem Neustädter Abenteuer; er habe trotz seiner Wunden seine Reise nach Wien fortgesetzt im guten Glauben, in den Landen der Kaiserin ebenso hilfreichen Beistand gegen Angelucci zu finden, wie in England und Holland. Eine leidige Personenverwechslung könne daher einzig und allein seine Verhaftung verschuldet haben.

In diesem Punkte irrte Beaumarchais jedoch gründlich; an seiner Identität mit dem Autor der Mémoires im Prozeß Goezmann zweifelte niemand: im Gegenteil. Der Mann, nach dessen Wunsch und Willen »der Bursch« zuerst polizeilich überwacht und hernach zum Gefangenen erklärt wurde, Fürst Wenzel Kaunitz, war vornehmlich durch Beaumarchais' Namen zu so außerordentlichen Maßregeln bestimmt worden. Die Kaiserin hatte dem Kanzler nämlich, unmittelbar nach der Audienz des Mr. de Ronac, den Avis zur Begutachtung gesandt. Ziemlich gleichzeitig aber waren – wie Ronac das verlangt hatte – durch einen besonderen Kurier die Erhebungen der Nürnberger Behörden, sämtliche Zeugenaussagen etc. nach Wien geschickt worden und bei allem ungeheuchelten Respekt vor dem französischen Kavalier und seiner kritiklos geglaubten Sendung zur Kaiserin kamen alle Berichte und Raisonnements auf die Zeugenaussage des (gleich am Tage des angeblichen Überfalles von Neustadt vernommenen) Postknechtes Georg Dratz hinaus: »Es komme ihme die Sache vor, ob habe der Passagier mit dem unter Weegens heraus genommenen Scheermesser« – dem Handwerkszeug Figaros! – »sich etwan was zugefügt; er habe in und an dem Leithenholze niemand alß die drei reißende Zimer Bursche gesehen, auch gar nichts gehöret, noch wahrgenommen, so verdächtiger Leute Anwesenheit glaublich machen könne, villweniger von einem Schuß etwas gehöret.«

Während derart die Räubergeschichte von Neustadt als Phantasiestück angezweifelt wurde, unterzog Kaunitz die anderweitigen Reden und Taten des Monsieur de Ronac einer eindringenden (noch einläßlich zu erörternden) Kritik. Trotzdem war die Kaiserin betrübt, als man auf Geheiß des Kanzlers Beaumarchais dingfest machte. Auch sie war nach dem Eintreffen der Nürnberger Amtsberichte und mehr noch durch Kaunitz' Vortrag zu der Überzeugung gelangt, daß Herr von Ronac sie »anführen gewollt«. Während Maria Theresia aber der Ansicht war, daß man Beaumarchais als »elenden Betrüger behandeln und binnen zwei Stunden aus Wien und dem Reich hätte verweisen sollen, damit er sähe, daß man nicht sein dupe sei, ihn aber doch nicht ins Verderben stürzen wolle, wie er es wohl verdient hätte,« erregte der Name dieses Spitzbuben die Aufmerksamkeit des Fürsten, der ihn für denselben hielt, dessen Mémoires im letzten Winter hier mit so allgemeinem Entzücken gelesen wurden. Und der Rat von Kaunitz, den die Kaiserin in so vielen großen Angelegenheiten, oft gegen ihre persönlichen Neigungen, beherzigte und vollstreckte, kam auch in diesem geringfügigen Zwischenfall zur Geltung. Der Kanzler, der den ganzen Sachverhalt sogleich in einer Depesche an den österreichischen Gesandten erzählte und beurteilte, hielt nämlich nicht bloß die Historie von dem räuberischen Überfall für einen Roman; er erklärt Beaumarchais kurzweg für einen Betrüger.

»Beaumarchais« – so bemerkt der Kanzler mit strafrichterlichem Spürsinn – »begab sich, und zwar mit Zurücklassung seines Bedienten, ohne alle abzusehende vernünftige Ursache in den Wald. Er kam blutig und so leicht blessiert zurück, daß allem Ansehen nach sein Scheermesser die Stelle der ›rauberischen Sabeln‹ vertrat. Es war nicht das geringste Geschrei zu hören, welches doch bei derlei Gelegenheiten unvermeidlich ist und von dem Postillon oder Bedienten hätte vernommen werden können und müssen. Beaumarchais zeigte nur seine Pistolen, schoß aber nicht, und gleichwohl hat er allein einen Räuber zu Pferde in die Flucht gejagt und den andern zu Fuß dergestalt überwältigt, daß er ihm leicht hätte das Leben nehmen können. Die ganze Geschichte von den Räubern und der romanhaften Verfolgung Angeluccis scheint somit eine bloße Fiktion und von Beaumarchais nur darum ersonnen zu sein, um die Vollbringung seines Auftrages um so mühsamer und gefährlicher erscheinen zu machen und dadurch seine eigene Verdienstlichkeit zu erhöhen. Daß Beaumarchais das ganze Geheimnis in Wien entdeckte, das Libell übergab und dessen Umdruck in Vorschlag brachte, scheint auf ganz falsche Begriffe von der Denkungsweise der Kaiserin gegründet.«

Soweit wird jeder Unbefangene (auch wenn er nicht, gleich dem Schreiber dieser Zeilen, zuvor das Lichtenholz abgestreift, um die Angaben Beaumarchais' an Ort und Stelle zu prüfen) Silbe für Silbe dem Kanzler beistimmen müssen. Nicht ebenso unbedingt wird man seine weiteren Folgerungen gelten lassen: »Wenn man übrigens alle Umstände genau kombiniert, so kann man sich beinahe des Argwohnes nicht entschlagen, daß Beaumarchais selbst der Fabrikant des Libells sein dürfte. Er verspricht, mit seinem Kopfe dafür zu stehen, daß das ganze Libell sogar bis auf die letzten Spuren unterdrückt sei, ein Versprechen, welches, wie jedermann weiß, etwas fast ganz Unmögliches für einen Dritten in sich enthält, der nicht der Autor selbst ist und das einzige Manuskript sowohl als alle gedruckten Exemplare in Händen hat. Dieser Verdacht würde dadurch noch um vieles begründeter werden, wenn von Sartines oder sonst jemand zuverlässig erforscht würde, ob Beaumarchais die erste unmittelbare oder mittelbare Veranlassung gegeben habe, daß die Existenz des Libells dem König angezeigt wurde oder daß er zu dessen Unterdrückung verwendet werden möge? Die Vorgeschichte seines Lebens lasse diesen Verdacht aufkommen, und sein Vorgehen in der ganzen Angelegenheit, alles was er getan habe und was ihm angeblich zugestoßen sei, werde unter dieser Voraussetzung ebenso leicht verständlich, wie die geheimen Triebfedern seiner Handlungsweise und des lächerlichen Romans, mit dem er uns heimgesucht hat. Um den Verdacht einer (durch die Abfassung des Libells begangenen) vollkommen charakterisierten Majestätsbeleidigung von sich abzuwenden, habe er alle Mittel aufgewendet, um sich dieser königlichen Sendung zu versichern. Und nachdem ihm dies geglückt, versuchte er augenscheinlich, soviel Vorteil als möglich aus derselben zu ziehen; zu dem Ende habe er sich seine große Fertigkeit zunutze gemacht, Romane zu dichten, und wenn nicht alles, so doch den größten Teil seiner Erzählung erfunden, um sich als einen Mann zur Geltung zu bringen, dessen Tatkraft, Scharfsinn und Tapferkeit die größten Belohnungen verdiene.«

So naheliegend diese Vermutung von Kaunitz erscheint – volle Klarheit, ja selbst nur einen Inzichtenbeweis dafür, daß Beaumarchais den Avis selbst verfaßt, hat er so wenig wie die spätere Forschung für diese Annahme erbracht. Gewiß ist, daß Mr. de Ronac durch den unvermuteten Hintritt Ludwigs XV. um den Lohn seiner Mühen sich mit eins betrogen sah; wahrscheinlich auch, daß er selbst kein Mittel für unerlaubt hielt, um die Gunst seines Nachfolgers und damit die Aufhebung des blâme, neue Ehren und Gnaden bei Hofe zu erlangen Bibl. des Mém., Brissot 132 ff. Robicquet 54 ff. – Goezmann wurde am 17. März 1774 schimpflich wegen Urkundenfälschung kassiert, nachdem er trotz wiederholter Mahnungen seiner Kollegen nicht freiwillig seine Entlassung gab ( Journ. hist. V, 236). In London setzte er sich als Revolverjournalist fest; vor Ausbruch der Revolution kehrte er nach Paris zurück; dort wandte er sich im tiefsten Elend an – Beaumarchais, der ihm mit grimmigem Hohn ein Almosen von – 15 Louis zuwandte. Unter der Schreckensherrschaft wurde Goezmann – an demselben Tage wie André Chenier – guillotiniert. Vgl. Huot, Goezmann et sa famille und seine gedruckten » Requêtes au Roi«.. Völlig abweisen dürfen wir also die Möglichkeit nicht, daß Beaumarchais (wie er ja in Wahrheit selbst den König und Polizeileutnant zuerst von dem Dasein des Avis unterrichtete) Machenschaften ins Werk setzte, wie sie ihm Kaunitz zur Last legt und wie sie – nach den Fabeln des Neustädter Attentats muß man das zugestehen – ihm zugetraut werden können. Anderseits ist es immerhin denkbar, daß der aus einem Wilddieb in einen Forstwart umgewandelte Morande, seinen gerade gegen gutes Entgelt übernommenen Pflichten gemäß, Beaumarchais wirklich mit der Anzeige von der Vorbereitung des Avis eine erste Probe seiner Dienstwilligkeit gegeben. Denn mit der Bekehrung des Gazetier cuirassé war ja die Schmutz- und Skandalliteratur der französischen Fremdenkolonie auf englischem Boden eher ermutigt als erschreckt worden. Jeder, der sich Morande an Frechheit gewachsen fühlte, konnte versuchen, sein Schweigen noch teurer zu verkaufen, als der wohlbezahlte Gazetier. Und welches Freibeutertum der Feder solcherart auf dem schützenden Boden des Exils getrieben wurde, das beweist leider nichts mehr als die Flut von Spottliedern und Flugschriften gegen Marie Antoinette, die, von den rachsüchtigen Gegnern der »Österreicherin« unablässig inspiriert und bezahlt, von England aus verbreitet wurden. In Frankreich konnte den »verlorenen Kindern der Literatur« das Handwerk in der Bastille verleidet werden: in Holland, vornehmlich aber in London, zehrten freiwillige und unfreiwillige Auswanderer desto gieriger von der Verderbnis des Mutterlandes. Echte Literaten, geschweige überzeugte Patrioten fanden sich (wenn man Linguet und Brissot ausnehmen will) fast gar nicht unter diesen »neuen Aretinen«; meist waren es schiffbrüchige Existenzen, die sich zum »literarischen Bravotum« verstanden. Betrügerische Bankerottierer, Offiziere, die mit der Regimentskasse, Mönche, die mit ihren Beichtkindern durchgegangen waren, Ausreißer und davongejagte Beamte (wie der Baron von Thurn, alias – Parlamentsrat Goezmann): all diese Herren standen jedermann zu jeder Verleumdung willig zu Diensten. Es fiel ihnen nicht schwer, Späherdienste zu leisten, ja, es gehörte zu ihren alltäglichen, selbst von Thurn-Goezmann geübten Kniffen, den Pariser Polizeigewaltigen das bevorstehende Erscheinen von Schriften anzukündigen, deren Manuskripte sie sich gegen teures Geld abkaufen ließen. Ihr meistgesuchter Brotgeber, der Verleger und Zeitungseigentümer Brissière (ein ehemaliger Lakai, der in Lübeck schon unter dem Galgen gestanden, weil er seinen Herrn bestohlen) bereicherte sich durch die schmachvolle Industrie, gleichzeitig die französische Regierung und die französischen Flüchtlinge zu verraten. In diesem Kreise rief die Thronbesteigung Ludwigs XVI. mehr als Ein Pasquill gegen Marie Antoinette hervor, und es ist nicht ganz ausgeschlossen, daß auch der Avis von einem spekulativen Kopfe unter diesen dunklen Ehrenmännern ausgeheckt wurde. Ja, wer die zynische Gesinnung und Verschlagenheit Morandes auch nur aus der Charakteristik Brissots kennt, vermag sich des Gedankens nicht zu erwehren, daß der Gazetier cuirassé in eigener Person ein Miturheber des Pamphletes gewesen, dessen drohende Veröffentlichung er selbst seinem Pariser Gewährsmann anzeigte. Ein Stücklein der Art, zur würdigen Eröffnung seiner neuen Laufbahn, würde Morande wohl anstehen, und auch die Schreibweise des » Avis« stimmt eher zu den publizistischen Leistungen des Gazetiers als zu Beaumarchais' Memoirenstil. Mag man diese Hypothese aber auch als zu gewagt verwerfen, ebenso unbewiesen erscheint jedenfalls die andere: Beaumarchais und kein anderer sei der Autor des » Avis«. Geffroys Urteil wurde bereits angeführt: das individuelle Gepräge Beaumarchais' trägt auch meines Erachtens der Avis in keiner Weise. Ebenso scheint mir die Annahme, daß er seinen Stil absichtlich verstellt habe, unzulässig, schon deshalb, weil in dem Avis zuviel geschichtliche Angaben und Ausblicke vorkommen. So stark Beaumarchais aber als Dialektiker war, so schwach ist er als Historiker. Nicht besser begründet wäre die Vermutung, daß er Gudin, seinen Reisebegleiter, als Mitarbeiter herangezogen; einmal wird Beaumarchais' fidus Achates selbst von seinen Feinden als ehrenhafter Charakter gerühmt, dann aber war er gerade mit der Abfassung seines Geschichtswerkes » Aux manes de Louis XV. et des grands hommes qui ont vécu sous son règne« vollauf beschäftigt. Bleibt also wohl zu erwägen, ob Beaumarchais nicht vielleicht im Einverständnis mit Morande den Avis für seine Zwecke ausnützte? Die dauernden Beziehungen, welche der Autor des »tollen Tages« mit diesem Revolverjournalisten bis zu seinem Tode unterhielt, sind ihm in späteren Jahren von Mirabeau, Brissot und anderen so strafend vorgerückt worden, daß wir eine derartige Erklärung aller folgenden Vorgänge wohl im Auge behalten müssen Gudins Buch, das mit dem Untertitel: » Essai sur les progrès des arts et de l'esprit humain sous le règne de Louis XV« 2 Bde., Deux-Ponts 1776, erschien, erregte Voltaires Aufmerksamkeit. Oeuvres complètes, Kehler Ausg. LXVIII, 290. 349. 357.. Denn so bedenklich jede Verbindung (geschweige zu einem so gefährlichen, folgenschweren Unternehmen) mit Morande für jeden, und nun gar für Beaumarchais erschien, der ihn eben bezahlt und bekehrt hatte: einen anderen Helfer hat er schwerlich in diesen Händeln gesucht und gehabt. Am besten werden wir uns übrigens in der Frage nach dem Verfasser des Avis mit einem Non liquet bescheiden Mr. Charles de Loménie schrieb mir unter dem 8. Mai 1885 zu dieser Frage: » Vous savez que sur la question des missions secrètes de Beaumarchais il y a longtemps que je veux ajouter quelques mots au livre de mon père pour exprimer l'opinion que je sais être la sienne après les travaux de Mr. d'Arneth et que vous pouvez donner comme telle: à savoir que s'il est à peu près prouvé que l'histoire de la forêt de Neustadt est une fiction romanesque (et mon père n'en avait lui-même donné le récit que sous toutes réserves) il n'est nullement prouvé que cette fiction se rattache à toute une entreprise malhonnête de fabrication de libelles pour se faire donner ensuite la mission de les poursuivre. C'est au nom de l'étude approfondie qu'il avait faite du caractère de Beaumarchais et en se fondant aussi sur le sentiment de la principale intéressée, c'est-à-dire de la reine Marie Antoinette – sentiment exprimé dans une lettre à l'impératrice Marie Thérèse (Il regarde cet homme comme un fou etc.) – que mon père repoussait cette accusation.« Es gereicht mir zur Ehre und Freude, diese Ansicht Louis de Loménies mitteilen zu dürfen, obgleich ich derselben nicht durchaus zustimmen kann..

Viel kritischer für Beaumarchais und zugleich unzweideutiger für den Forscher wird der Fall, sowie wir mit ihm von Paris nach London kommen. Hier (so behauptet er) will er mit dem Eigentümer der Schmähschrift, Atkinson-Angelucci, Abmachungen getroffen und das Libell dem Feuertod preisgegeben haben. Ja, es existiert eine Vertragsurkunde, die Mr. de Ronac aufgesetzt und angeblich mit Atkinson-Angelucci unterfertigt hat. Hier aber bleiben wir ohne Antwort auf die Frage, ob dieser Atkinson-Angelucci überhaupt jemals gelebt hat oder nicht vielmehr eine bloße Phantasiegestalt gewesen? Niemand (außer Beaumarchais) hat diesen verschmitzten Hebräer gekannt oder gesehen, die Nürnberger haben ihn aus sprichwörtlichen Gründen nicht gehenkt, und ich habe seinen Namen in holländischen und venezianischen Polizeiberichten, Druckerlisten etc. vergeblich gesucht. Gegen seine Existenz zeugt ferner am stärksten die Vertragsurkunde zwischen Mr. de Ronac und Angelucci: denn 1. erscheinen auf dem Titelblatt des » Avis« als Initialen des Verlegers die Buchstaben G. A. (die allerdings ebensowohl Guglielmo Angelucci als Guillaume – weshalb nicht William? – Atkinson bedeuten können), während in der Vertragsurkunde Text und Namenszug beständig Hatkinson lauten: die verräterische Spirata zeugt aber für den echt französischen Sprachgebrauch, vokalisch anlautende Fremdwörter mit dem Hauchlaut zu versehen. Beaumarchais scheint also das Instrument nicht bloß geschrieben, sondern auch unterschrieben zu haben; 2. behauptet Beaumarchais (wie schon in den »Amtsglossen« zu seinen Papieren im Wiener Archiv bemerkt wird), den Vertrag auf seinen Knien geschrieben zu haben, während derselbe seiner »glatten runden Handschrift nach« eher am Schreibtisch zustande gekommen sein dürfe. Endlich ist die ganze romantische Geschichte von der Verbrennung des Avis nichts anderes als die genaue Wiederholung des Verfahrens, kraft dessen Morandes Mémoires secrets d'une fille publique aus der Welt geschafft wurden (S. 210) – Gründe genug für Kaunitz, Beaumarchais »als überführten Verbrecher und Verräter« anzusehen.

In diesem Sinne wies der Kanzler den österreichischen Botschafter in Paris an, dem König oder dem Minister Sartines umfassende Meldung von all diesen Umständen zu geben mit dem Bemerken, man habe geglaubt, die Verhaftung des rätselhaften Fremden im Interesse des Königs von Frankreich verfügen zu müssen; dem Willen des französischen Monarchen bleibe es jedoch anheimgegeben, ob der Gefangene sogleich freizulassen, oder nach Frankreich zu senden, oder endlich in Wien einem regelrechten Strafprozeß zu unterziehen sei?

Beaumarchais blieb unterdessen in sicherem Hausarrest »bey den drei Laufern«. Seillern sendete ihm seinen Arzt, Kaunitz als Kommissar, der seine Papiere mit ihm durchgehen und seine allfällige Rechtfertigung entgegennehmen sollte: Joseph von Sonnenfels. Am 25. August fand sich »der Mann ohne Vorurteil« bei dem Autor der »Eugénie« ein, dessen Drama er (vor mehr denn einem Jahrfünft) bei der ersten Wiener Aufführung in den »Briefen über die Wienersche Schaubühne« sehr anerkennend besprochen hatte. Sonnenfels' Bericht über diese persönliche Begegnung ist nicht entfernt von demselben Wohlwollen für Beaumarchais beseelt wie jene Kritik, sondern in wesentlichen Punkten die sachliche Grundlage von Kaunitz' Depesche oder vielmehr Anklageschrift. Der Gefangene bot im Laufe des Gespräches dem Regierungsrat wohl ein Widmungsexemplar der »Mémoires« im Prozeß Goezmann an: Sonnenfels lehnte die Gabe jedoch einstweilen höflich ab. Und Beaumarchais war es gleichfalls um nichts weniger als um einen Austausch von Artigkeiten zu tun. »So willig er sich mit einem Mann von Sonnenfels' Verdiensten in literarische und philosophische Unterhaltungen einlassen möchte«, für den Augenblick liegen ihm ganz andere Sorgen am Herzen. Er beschwört den Abgesandten mündlich und die kaiserliche Regierung schriftlich, doch auch auf seine Privatangelegenheiten Rücksicht zu nehmen; in Paris stände die Revision seines Prozesses gegen La Blache zur Entscheidung, und wenn man ihm schon nicht verstatten wolle, seine Sache selbst zu führen, bei der 50 000 Taler auf dem Spiele ständen, so müsse er doch wenigstens seinem Freunde Roudil Instruktionen zukommen lassen. Wenn man ihm keinen Glauben schenke und an seiner Identität zweifle, so wäre es das Einfachste, ihn mit gebundenen Händen und Füßen nach Frankreich zu schicken. Mit dieser Forderung war Beaumarchais im Recht, wenn er gleich die Kaiserin und die Behörden durch das erfundene Neustädter Attentat irregeführt hatte. Ein Willkürakt bleibt seine Verhaftung ohne regelrechte Kriminaluntersuchung immerhin. Man hätte ihm den Prozeß machen oder ihn an die französischen Gerichte ausliefern sollen. Keines von beidem geschah, ja, man strafte ihn sogar wegen seiner ungemessenen Schreibseligkeit, indem man ihm nach den ersten Tagen seiner Haft, in welchen er ganze Broschüren fertig brachte, Federn, Tinte und Papier entzog: »man verwehrte mir sogar, meine literarischen Eindrücke, kritische Einfälle etc. zu verfestigen!« Man verbot ihm, auf die Gasse zu schauen, ja selbst nur in das Nebenzimmer zu gehen. So wurden ihm, statt der verhofften Gunstbezeugungen einer dankbaren Mutter, ungemütliche Polizeiplackereien zuteil. Man nimmt ihm (um allfällige Selbstmordgedanken zu hintertreiben) Messer, Schuhschnallen, Scheere und dergleichen mehr ab. Durch volle 31 Tage (die er nach seiner alten Liebhaberei in 44 640 Minuten umrechnet) teilt er sein Zimmer mit einem Soldaten: ob er schläft oder wacht, immer hat ein Grenadier mit aufgepflanztem Bajonett Acht auf ihn. Man glaubt sich doppelt berechtigt zu solcher Strenge, als neue Erhebungen von Bürgermeister und Rat der Stadt Nürnberg zu dem Entschluß führen: »Das Angeben eines räuberischen Überfalls dürfte wohl eine bloße Erdichtung sein«. Nichts natürlicher, als daß Kaunitz immer mehr in seinem Verdacht bestärkt wurde, daß »ein Mensch, der sich zu Fälschungen erbietet, selbst ein Betrüger sein muß«, nichts natürlicher aber auch, als die Ungeduld Maria Theresias: j'avoue, j'attens avec impatience le retour du courrier. Die Antwort, welche der Eilbote endlich in der dritten Septemberwoche brachte, hatte Beaumarchais' sofortige Freilassung zur Folge.

Der Botschafter antwortet der Kaiserin vertraulich, dem Kanzler amtlich: Beaumarchais, den er nicht persönlich kenne, der aber allbekannt sei durch seine romanhaften, extravaganten Abenteuer, die zum mindesten Leichtfertigkeit und Unbesonnenheit voraussetzen, habe sich wenigstens bisher keiner strafbaren Handlung schuldig gemacht; trotzdem könne man ihn unter den obwaltenden Umständen ohne Zweifel für den Verfasser der Schmähschrift ansehen, ein Verdacht, in dem Mercy-Argenteau durch Konferenzen mit Sartines nur bestärkt werden konnte.

Die Erzählung von dem Neustadter Attentat habe (so erklärte der Pariser Polizeileutnant) wohl auch er sogleich angezweifelt. Ebenso erscheine ihm die ganze Wiener Reise nur von dem Wunsche eingegeben, die Kaiserin zu einem Geschenke zu bestimmen. Dagegen bestritt er jeden verbrecherischen Vorsatz und Treubruch Beaumarchais'. Hätte Mr. de Ronac dergleichen beabsichtigt, so würde er sich schwerlich an des Königs treueste Freundin, seine Schwiegermutter, gewandt haben. Und habe sich Beaumarchais bisher auch bisweilen unbesonnen und lebhaft gezeigt, so wäre er doch noch niemals unehrlich gewesen. Auch den Vorschlag Beaumarchais', das Libell in usum des eben zum König emporgestiegenen delphini umzudrucken, entschuldigte Sartines mit echter Höflingsweisheit: es seien ja Fälle nicht selten, in welchen man den Regenten unangenehme Dinge verbergen müsse. Bei alledem war Sartines' peinlichste Verlegenheit nicht zu verkennen; in einem unbewachten Augenblick vertraute er Mercy-Argenteau, daß Beaumarchais und Beaumarchais allein von dem ganzen Handel mit dem Avis ihm und dem König Mitteilung gemacht: »es wäre demnach nicht unmöglich, daß Beaumarchais, um sich für die Zukunft ein besseres Schicksal zu verschaffen und aus seinen gegenwärtigen Schulden zu reißen, diesen verzweifelten Anschlag gemacht habe«. Im nächsten Augenblick bereute Sartines jedoch schon diese Äußerung, die ihn selbst am schlimmsten bloßstellte; er meinte deshalb auch: »er kenne zwar den feurigen Geist und das gebrannte Hirn Beaumarchais', habe jedoch noch nie Arglist oder Unredlichkeit an ihm wahrgenommen. Zudem scheine ihm der Inhalt des Avis den Verdacht zu entkräften, daß sein Vertrauensmann in eigener Person die Schmähschrift verfaßt habe: denn (?) der Kanzler Maupeou und der Herzog von Choiseul, die sich immer (?) als Gönner und Schützer Beaumarchais' erwiesen hätten, seien im Avis am heftigsten angegriffen, der Herzog von Aiguillon dagegen glimpflich behandelt etc.«

Kaunitz traf in seiner Antwort an Mercy den Nagel auf den Kopf: »der lockeren Moral Sartines' gesellt sich in diesem Falle noch sein höchstpersönliches Interesse, ein Subjekt wie Beaumarchais, den er selbst dem König als Vertrauensmann empfohlen, nicht nur zu entschuldigen, sondern zu verteidigen«. Im übrigen stellte es die Kaiserliche Regierung Beaumarchais frei, sich in Wien nach Belieben aufzuhalten und umzutun oder sofort abzureisen. Die Wahl fiel ihm nicht schwer: »und wenn ich unterwegs sterben müßte (so antwortete er) würde ich keine Viertelstunde länger hier bleiben«. Kaunitz ließ ihm tausend Dukaten als Gnadengeschenk oder Schmerzensgeld anweisen, die Beaumarchais anfangs ablehnte. »Sie haben aber kein anderes Reisegeld: all Ihre Habseligkeiten sind ja in Frankreich.« »Dann werde ich meinen Wechsel geben zur Bestreitung der notwendigsten Auslagen.« »Eine Kaiserin gibt kein Darlehen wie ein Bankier.« »Und ich nehme Wohltaten nur von meinem Herrn an.« »Die Kaiserin wird aber finden, daß Sie sich große Freiheiten herausnehmen, indem Sie ihre Geschenke zurückweisen.« »Einem so schwer beleidigten Mann wie mir darf man es nicht verargen, wenn er Almosen ausschlägt.« Trotz dieser großen Worte behält der » drôle«, nach Kaunitz' Zeugnis, die 1000 Speziesdukaten. In Paris freilich erbat er von Ludwig XVI. die Erlaubnis, das Geldgeschenk zurückzustellen und gegen eine (mindestens gleichwertige) Ehrengabe umzutauschen. Man tat ihm seinen Willen: Maria Theresia ließ ihm einen kostbaren Diamantring zukommen, den er bei außerordentlichen Anlässen (z. B. seiner gerichtlichen Rehabilitation) mit theatralischer Aufdringlichkeit zur Schau trug. Von der letzten österreichischen Post – Haag – schreibt Beaumarchais an Sartines: »trotzdem sich das Bessere diesmal als der Feind des Guten erwiesen habe, bedauere er keine seiner früheren Handlungen«. Kaunitz' Depesche, bei Arneth 60*. Loménie I, 401. – Arneth 59*. Loménie I, 402. Arneth-Geffroy II, 235. 244. – Die französischen Beaumarchais-Forscher sind einmütig der Ansicht, daß seine Räubergeschichten von Anfang bis zu Ende erfunden seien. Ce n'est même plus ici Figaro, c'est Scapin, erklärt André Hallays (Beaumarchais 42). Lintilhacs Versuch, mindestens die Existenz Angelucci's zu beweisen, hat Larroumet (Beaumarchais S. 172) mit triftigen Gründen als gänzlich mißglückt bezeichnet.

Allein im Grunde mochte er doch fühlen, daß er mit dem Melodram im Leben, wie auf der Bühne weniger Glück habe, als mit Suiten und Komödien. Der Humorist in ihm rührt sich wieder. In übermütigster Stimmung dichtet er unterwegs das tolle Robin-Liedchen, dem unter seinen Chansons die größte Popularität beschieden war, weil es wie ein echter Naturselbstdruck wirkte: Loménie II, 343. Beaumarchais erklärte sich 1784 mit der Veröffentlichung von Friedels Verwelschung des Goetheschen »Clavigo« unter der Bedingung einverstanden, daß sein Name in denjenigen von – Ronac (!), der seines Schwagers Guilbert in Ilberto umgewandelt würde. Geradezu vandalisch wütete er gegen Mozarts »Hochzeit des Figaro«: vgl. seinen Brief an die Pariser Opernsänger (Loménie, Pièces just. II, 585 und die Note zur dritten Ausgabe l. c. 457): darnach ließ Beaumarchais Mozarts Oper samt dem vollen Text seines Dialoges und allerlei Tänzen aufführen: infolgedessen mißfiel den übermüdeten Zuhörern sowohl die Musik, wie die Dichtung.

Mag immerhin, was will, gescheh'n,
Immer der gleiche bleibt Robin.
Sei's wettertrüb, sei's wunderschön,
Heißt's fasten, gilt's im Tanz sich dreh'n,
Am Abend oder Morgen,
In Jubel oder Sorgen,
Mag immerhin, was will, gescheh'n,
Immer der gleiche bleibt Robin.

In so ausgelassener Laune besuchte Monsieur de Ronac auf der Durchreise in Augsburg das Theater, wo er – wie vor einem Vierteljahr beim Prinzen Conti – abermals durch die Dramatisierung seines fragment de mon voyage en Espagne überrascht wurde. Er sah hier zum ersten Male Goethes »Clavigo«, den er ein Jahrzehnt nachher als Zensor der französischen Ausgabe genauer in der Lektüre kennen lernen und beide Male so abschätzig beurteilen sollte, wie späterhin Mozart's »Hochzeit des Figaro«: »der Deutsche hat meine Geschichte mit einem Zweikampf und einem Begräbnis überladen, Zutaten, die weniger Talent, als – Hohlköpfigkeit verraten.« Ich habe dieses von mir im Britischen Museum aufgefundene Urteil Beaumarchais' zuerst in Lindaus »Gegenwart« (15. Juni 1880) mitgeteilt. Der Dichter schrieb in seinem letzten Lebensjahr an Marsollier: Autrefois quand Mr. le prince de Conti au jour que je partais pour l'Angleterre me força de rester douze heures de plus à Paris pour lui dire, m'ajouta-t-il, mon sentiment sur la pièce d'un jeune homme que l'on donnait ce jour-là même sur le théâtre de la cour du Temple, je me fis bien tirer l'oreille pour aller voir une comédie bourgeoise où l'auteur et tous les acteurs doivent être, disais-je, très au dessous du médiocre. Non, me dit en riant le Prince, il s'agit d'un jeune homme dont je veux juger le talent à venir sur ce que vous m'en apprendrez. Je cédai. Mais après avoir été vivement ému de revoir ma propre aventure d'Espagne répresentée avec fidélité, je me souviens, que je fondis en larmes à l'adieu de Médée, que vous m'y fites faire par Clavico qu'on arrêtait. Je dis au Prince: c'est un trait de génie dans le jeune auteur que d'avoir recueilli tous les malheurs qui me sont arrivés depuis mon retour de Madrid pour me les faire prédire par un méchant, justement puni dans une pièce dont l'époque remontait à dix ans du jour où il la composait. Le reste est bien, disais-je: mais ce morceau-là est superbe, ce jeune homme aura du talent et d'un genre très estimable.
Je n'ai jamais revu ce premier essai de votre génie dramatique quoique passant à Augsbourg en Souabe je me sois vu jouer une seconde fois, moi vivant mais joué sous mon nom
(bei Marsollier waren – s. S. 213 – die Namen Beaumarchais-Caron und Clavigo anfangs durch Anagramme ersetzt) ce qui n'était je crois arrivé à nul autre. Mais l'allemand avait gâté l'anecdote de mon mémoire en la surchargeant d'un combat et d'un enterrement, additions qui montraient plus de vide de tête que de talent. Et vous, vous l'aviés embellie. London, British Museum. Egerton Manuscripts.

Wir begreifen, daß und warum Monsieur de Ronac an dieser »modernen, mit möglichster Simplizität und Herzenswahrheit dramatisierten Anekdote« kein Gefallen finden konnte: nicht seine Art und Kunst trat ihm im »Clavigo« entgegen, und Goethe hatte vollauf recht, als er in der ersten Schöpferfreude schrieb: »Daß mich die Mémoires des Beaumarchais, de cet aventurier français, freuten, romantische Jugendkraft in mir weckten, sich sein Charakter, seine Tat mit Charakteren und Taten in mir amalgamierten und so mein Clavigo ward, das ist Glück: denn ich hab Freude gehabt darüber und was mehr ist: ich fordere das kritischste Messer auf, die bloß übersetzten Stellen abzutrennen vom Ganzen, ohne es zu zerfleischen, ohne tödliche Wunde, nicht zu sagen der Historie, sondern der Struktur, Lebensorganisation des Stückes zu versetzen.« Schon Danzel (Gesammelte Aufsätze, herausgegeben von Otto Jahn, Leipzig, Dyk 1855) hat darauf hingewiesen, wie vollkommen Goethe die ausländischen Charaktere und Verhältnisse in echt deutsche umgewandelt hat. – Vgl. Erich Schmidts Clavigo-Studie (Charakteristiken II). Berlin, 1900. – Louis Morel, Clavigo en Allemagne et en France. Revue d'histoire littéraire de France, 1903. – Eine sehr willkürliche italienische Umarbeitung des Goetheschen »Clavigo« ist Eloisa Beaumarchais. Dramma in cinque atti. Milano. Da Placi do Maria Visaj. Biblioteca ebdomadaria teatrale fasc. 259. – - Am 3. Februar 1898 brachte das Pariser Odéon eine von Gaston Schäfer besorgte Bühneneinrichtung des Goetheschen Clavigo. Den einleitenden Vortrag hielt Eugène Lintilhac (wiederholt in dem Sammelband: Conférences dramatiques, Paris 1898), eine ergötzliche Kapuzinade gegen den »Liebes-Salamander« Goethe und die » Sainte-Wehme de Weimar, de cette Goethe-Gesellschaft, cette société d'admiration goethéenne, dont l'intransigeance et le snobisme aussi s'étalent périodiquement dans une revue spéciale« etc. – Kühl urteilt Wilhelm von Humboldt über den Clavigo (1791. Briefe an Karoline von H., Berlin 1906); sehr bemerkenswert Schopenhauer, Welt als Wille. III. § 52.

Und gewiß: wer Goethes Ausführung mit Beaumarchais' Urstoff zusammenhält, dem »werden« – wie Lessing der Favartschen Umarbeitung einer Geschichte Marmontels nachsagte – »die geringsten Veränderungen, die dieser gelitten und zum Teil leiden mußte, lehrreich auf manchen Handgriff des Schaffenden leiten, den noch kein Kritikus zur Regel generalisiert hat.« »Den Schmerz über Friederikens Lage« suchte Goethe »durch poetische Beichte« zu meistern, um durch diese »selbstquälerische Büßung einer inneren Absolution würdig zu werden.« Er hat zuvor im »Götz« und später im »Faust« das Schicksal treulos verlassener, liebender Mädchen vergegenwärtigt; auch in dem Mémoire Beaumarchais' trat ihm das Los der unglücklichen Braut Clavigos »wie ein Zauberspiel, ein Nachtgesicht entgegen, das ihm einen Spiegel vorhielt«. Seiner Phantasie bot sich in dem fragment de mon voyage en Espagne zugleich aber ein neuer Vorwurf: das Zorngericht, das der geborene Schützer und Rächer der Unglücklichen über den Verräter hält, die Entschließung, zu welcher der Schuldige dem Bruder des betrogenen Mädchens gegenüber sich entscheidet. Im »Faust« stellt sich der Verführer der Ausforderung Valentins: im »Clavigo«, diesem »Weislingen in der ganzen Rundheit einer Hauptperson«, bestimmen anfangs edelmütige, ritterliche Gesinnungen den Treubrüchigen, jede Demütigung auf sich zu nehmen, nur um der Gekränkten nicht auch noch den Bruder zu gefährden. Goethes »Clavigo« schreibt die geforderte Erklärung, nicht weil er Beaumarchais fürchtet, sondern weil, vernichtender als alle Drohungen des Franzosen, die Stimme der Selbstanklage in ihm laut wird und ihn mahnt, zu den Füßen der tödlich beleidigten Braut »seinen Schmerz, seine Reue auszuweinen«. Was aber nach dieser Sühne das jähe Umschlagen seiner aufrichtigen Gesinnungen herbeigeführt, was Clavigos neuen, gräßlichen Meineid begreiflich und entschuldbar macht, das sagt er selbst wahr und echt menschlich in den Worten:

»Als ich sie wiedersah, im ersten Taumel flog ihr mein Herz entgegen – und ach, da das vorüber war, Mitleiden – innige tiefe Erbarmung flößte sie mir ein, aber Liebe – sieh, es war, als wenn mir in der Fülle der Freuden die kalte Hand des Todes übern Nacken führe. Ich strebte munter zu sein, wieder vor denen Menschen, die mich umgeben, den Glücklichen zu spielen: es war alles vorbei, alles so steif, so ängstlich. Wären sie weniger außer sich gewesen, sie müßten's gemerkt haben …«

Und wer nicht schon bei der Lektüre des »Clavigo« hier der Peripetie gewahr wird, den mögen gute Goethedarsteller überzeugen. Im Wiener Burgtheater war es Sonnenthal, wohl der beste Clavigo der deutschen Bühne, der mit sanguinischem Überschwang die Geliebte »mit jugendlichen Rasereien, stürmenden Tränen und versinkender Wehmut« antritt. Erst als sie ihm vergeben, schaut er wieder in ihr Antlitz. Ein leiser Ekel rüttelte ihn, da er in die zerstörten, vom Tode gezeichneten Züge blickte. Im nächsten Moment faßte er sich wieder, aber jeder Fühlende unter den Zuschauern dieser Musterdarstellung begriff, daß Clavigo mit übermenschlicher Tugend ausgerüstet sein müßte, um seines ästhetischen Widerwillens gegen die Kranke Herr zu werden. Wir wissen jetzt, was Clavigo sträflicherweise, aber unwiderstehlich, vor und nach dem Erscheinen des Bruders antreibt, Marie zu verlassen: er liebt sie nicht mehr, er kann sie nicht mehr lieben. Er ist ein haltloser, aber wahrhaftiger Charakter, ein bedauerns-, kein nichtswürdiger Mann. Daß er trotzdem sein Wort einlösen möchte, – wenn nicht Carlos mit seiner Lessingischen Dialektik laut und unwiderleglich nur dasselbe ausspräche, was er selbst im stillen denkt und fühlt: daß er an der Ehe mit Marie zugrunde gehen muß – dieser Vorsatz der Selbstüberwindung um den Preis der Selbstvernichtung spricht für ihn. Und gegen ihn zeugt es nicht, wenn er »einen Funken von Carlos' Stärke, von Carlos' Mut« begehrt, »mit einem Herzen, das einen ruhigen Bürger glücklich machen würde, den unseligen Hang nach Größe verbindet«. »Und was ist Größe, Clavigo? Sich in Rang und Ansehen über andere zu erheben? Glaub es nicht! Wenn dein Herz nicht größer ist als anderer Herzen, wenn du nicht imstande bist, dich gelassen über Verhältnisse hinauszusetzen, die einen gemeinen Menschen ängstigen würden, so bist du mit allen deinen Bändern und Sternen, bist mit der Krone selbst nur ein gemeiner Mensch!« In diesem Kernsatz kommt mehr als der »reine Weltverstand« Carlos' zum Ausdruck: er gibt (allerdings nicht der satten Philistermoral, die Goethe eigentlich nur auf Grund seiner eigenen Darstellung des Sesenheimer Idylls noch immer als Frevler gegen Friederike anklagt und verdammt) die Lösung der überflüssigen Frage, weshalb Goethe nicht lieber als Frankfurter Anwalt und Gemahl einer elsässischen Pfarrerstochter seinem Hauswesen Vorstand, statt dem Daimonion in seiner Brust zu folgen.

Goethe deckte sich so wenig ganz mit Clavigo, Weislingen oder Faust, wie Friederikens Bruder, dieser Doppelgänger des Moses im Vicar of Wakefield, Beaumarchais glich. Trotzdem kann er nicht alle Familienähnlichkeit mit seinem Trauerspielhelden verleugnen. Ohne Selbstgefälligkeit – eine Eigenheit, der man niemals bei Goethe begegnet – redet er unbewußt von der eigenen Stellung in der deutschen Literatur, wenn dem Archivarius nachgerühmt wird: »Wir wenigstens haben keinen neueren Autor, der soviel Stärke des Gedankens, soviel blühende Einbildungskraft mit einem so glänzenden und leichten Stil verbände.« Und der künftige »Befreier« der deutschen Dichtung spricht aus Clavigos Antwort: »Ich muß unter dem Volke noch der Schöpfer des guten Geschmacks werden.« Auch Goethes Plan, wie der Clavigos, war der Hof, und aus seinem Herzen war es gesprochen, wenn Carlos meinte: »Heiraten! just zur Zeit, da das Leben erst recht in Schwung kommen soll, sich häuslich niederlassen, sich einschränken, da man noch nicht die Hälfte seiner Wanderung zurückgelegt hat.« Sein Liebesbekenntnis war es endlich, daß »ein Roman, der nicht von selbst kommt, nicht imstande sei, ihn einzunehmen«. Und Goethes Monolog belauschen wir in dem einzig-schönen Nachklang von »Willkommen und Abschied«: »Verbergt euch, Sterne, schaut nicht hernieder, ihr, die ihr so oft den Missetäter sahet in dem Gefühle des innigsten Glückes diese Schwelle verlassen, durch eben diese Straße mit Saitenspiel und Gesang in goldenen Phantasien hinschweben und sein am heimlichen Gitter lauschendes Mädchen mit wonnevollen Erwartungen entzünden.« Und auch in den Schilderungen Dritter erkennen wir den Dichter wieder: Carlos-Merck spürt ihm doch immer an, daß er »ein Gelehrter« ist; Mariens Schwester Sophie preist ihn als »den Alten, noch eben das gute, sanfte, fühlbare Herz, noch eben die Heftigkeit der Leidenschaft. Es ist noch eben die Begier, geliebt zu werden und das ängstlich marternde Gefühl, wenn ihm Neigung versagt wird.« Und nicht bloß die Freunde Goethes haben wenig Männer gekannt, die so großen und allgemeinen Eindruck auf die Weiber machten als er.

Doch genug und übergenug der Proben, daß die liebenswertesten Eigenschaften Clavigos Goethe selbst entlehnt sind. Und für diese Hauptgestalt ist Goethe seiner Quelle nicht mit einem Zuge verpflichtet. Dem »Heldengang« des Bruders (natürlich nur des Beaumarchais des Fragment de mon voyage d'Espagne) ist er dagegen ziemlich treu gefolgt. Doch auch hier hat er das Ganze veredelt. Goethes Beaumarchais zerreißt auf das erste Wort von der Verzeihung Mariens die Erklärung Clavigos, während der Autor der Mémoires das schimpfliche Blatt selbst in der Zeit seiner herzlichsten Beziehungen zum »Pensador« sorgfältig aufbewahrt. Für den Carlos dagegen ist Goethe – wenn irgend wem – in erster Reihe Lessing zu Dank verpflichtet: nicht die Moral, aber die Redegabe des Polemikers Lessing erscheint in der großen Szene des vierten Aktes, diesem Drama im Drama, dieser genial exponierenden und unwiderstehlich mit sich fortreißenden Dialektik verkörpert. Wie armselig nehmen sich die kecksten Suiten Figaros neben dieser methodischen Weltklugheit und ihrem zwingenden Wortführer aus! Wenn diese Gestalt Beaumarchais' Anteil nicht zu gewinnen vermochte, dann begreift man, daß er die im vollen Wortverstande ins Deutsche übersetzten Frauencharaktere Marie und Sophie nicht verstehen konnte.

Goethe hat eben durchwegs frei, selbständig und schöpferisch den fremden Stoff umgebildet: das Fragment de mon voyage d'Espagne gab ihm nur den äußeren Anstoß, ein Problem, das ihn menschlich und künstlerisch immer wieder bedrängte, in neuer Form aufzunehmen. Und schon der junge Dichter betätigte bei diesem Anlaß die große Weisheit, welche der reife Mann, allen folgenden Künstlern und Forschern zur Beherzigung, in einer beiläufigen brieflichen Anmerkung verkündigte: »Wir haben bisher die französische Litteratur zu steif, entweder als Muster oder als Widersacher behandelt.« Der Dichter des »Clavigo« hat uns andere Bahnen gewiesen. Der Straßburger Student hat als Shakespeare-Schwärmer Voltaire wohl einen Thersites gescholten; späterhin hat der Olympier den Chorführern der französischen Literatur so vollen Anteil bezeugt, daß seine tiefgründenden Beziehungen zu den französischen Zeitgenossen doch nur in Monographien: Goethe und Voltaire, Goethe und Diderot, Goethe und Rousseau zu erschöpfen wären. Er hat den Stoff der »natürlichen Tochter« (allerdings noch freier und idealer stilisiert, als die Motive des Fragment de mon voyage en Espagne im Clavigo) den Denkwürdigkeiten einer verdächtigen Abenteurerin, angeblich einer illegitimen Tochter unseres Conti, entlehnt; er ist der romantischen Schule und dem Kreise des »Globe« so gerecht geworden, wie Molière und Chateaubriand. Er lobte und tadelte als Patriarch der Weltliteratur, gleich weit entfernt von Haß, Neid und Ausländerei. Er liebte das Talent, er ehrte die Kunst, wo immer sie ihn grüßten. Und in diesem Geiste pries er wieder und wieder Beaumarchais als originellen Jünger Voltaires; in diesem Geiste setzte er dem Schöpfer des »Figaro« in Dichtung und Wahrheit Ehrenmale, nachdem er an dem Menschen Beaumarchais im »Clavigo« das wahrhaftige Wunder einer »Transfiguration« gewirkt. Erich Schmidt gibt dem Plan seiner Arbeit gemäß in »Richardson, Rousseau und Goethe« nur den Stammbaum des »Werther«.