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Beaumarchais

von Anton Bettelheim

Verlag: C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung | Jahr: 1911

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Kapitel 14

12. Beaumarchais und d'Eon

Nous nous vîmes conduits sans doute par
une curiosité naturelle aux animaux extraordinaires
de se rencontrer.

d'Eon: Campagnes du Sieur Caron de Beaumarchais

Noch schlimmer als auf Mr. de Ronac war Kaunitz auf die französische Regierung zu sprechen. Jenen fertigte er beiläufig in derselben Weise ab, wie Friedrich der Große Voltaires Frankfurter Abenteuer: »im Grunde genommen hat er die Galeere verdient und kann von Glück sagen, daß er mit der Heimsuchung von ein paar Grenadieren davon gekommen.« Die Haltung Sartines' aber erschien dem Kanzler von böser Vorbedeutung für die Zukunft der affaires de là-bas. Wieviel geringschätziger würde sein Urteil über die erbärmliche Wirtschaft ( gouvernement pitoyable) auch unter dem neuen Herrscher gelautet haben, wenn er erfahren hätte, daß der plumpe und entlarvte Maschinist des Wiener Zwischenspiels in Versailles nicht bloß wieder zu Gnaden ausgenommen, sondern alsbald von den Ministern in den wichtigsten Staatsaktionen zu Rate gezogen und mit den heikelsten geheimen Sendungen betraut wurde.

Unmittelbar nach seiner Heimkehr hört Beaumarchais allerdings von Sartines, daß Maria Theresia ihn für einen Glücksritter gehalten und auch seine Pariser Gönner Verdacht gegen ihn geschöpft. Die unwillkommene Botschaft erschreckt ihn aber weiter nicht. Er wiederholt schlankweg in einem umfassenden, für Ludwig XVI. bestimmten Mémoire Diese (mir von Charles de Loménie mitgeteilte) Denkschrift vom 15. Oktober 1774 wurde der Darstellung in Kap. 11 und 12 vielfach zugrunde gelegt. Louis de Loménie teilt I, 396–403 nur die zweite Hälfte des Mém. mit. den ganzen Sachverhalt, wie er sich denselben mittlerweile zurechtgelegt. Der König nimmt alle Reiseabenteuer des Mr. de Ronac, die Räubergeschichte von Neustadt etc., wohl nicht gläubig, aber humoristisch hin und die Minister begleichen anstandslos die Kosten dieser Ausflüge, die nach Beaumarchais' Rechnung – zweiundsiebzigtausend Franken betragen. Der König hat ja über den »Schalksnarren« gelacht, dessen »Schwänke« auch die Königin herzlich belustigt haben: wie darf es da einem »Staatsmanne« noch beikommen, den gut angeschriebenen Tollkopf ( imprudent et fol) ernsthaft zur Verantwortung zu ziehen? Und das nun gar, wenn der leitende Minister Maurepas ein Witzbold von Profession, ein Chansonnier aus Liebhaberei ist, dem der schmutzigste Gassenhauer mehr gilt, als das wichtigste Staatsgeschäft? der, unter dem vorigen König wegen eines frechen Vierzeiligen auf die Pompadour gestürzt, ein jahrzehntelanges Exil nicht besser zu verkürzen wußte, als dadurch, daß er alles, was Schmähsucht und Unzucht in Frankreich in Verse brachten, säuberlich abschreiben und in roten, mit seinem Wappen geschmückten Maroquinbänden auf die Nachwelt kommen, einen Unratskanal in Marmor fassen ließ? bei dem alles »Eingebung des Augenblickes, Epigramm, kleine Finesse, Sarkasmus war«? der seinen einzigen Stolz darein setzte, stets die Lacher auf seiner Seite zu haben, und um diesen Preis alle göttliche und irdische Majestät zum Entzücken der Höflinge persiflierte? der alle Schäden des Gemeinwesens verspottete und im übrigen in der Fülle der Macht, mit einem Luchsauge für die Schwächen und Lächerlichkeiten der Menschen begabt, alles tat und geschehen ließ, um die allgemeinen Mißstände noch zu mehren? der bei den wichtigsten Vorträgen Turgots und Neckers nur Langeweile empfand und die schwierigsten Fragen mit zynischen Hohnreden abfertigte? So beispielsweise gleich das erste große Problem, das sich der Regierung Ludwigs XVI. entgegenstellte: die Zukunft des Parlaments Maupeou. Das Volk beschimpfte die Richter des Bastard-Parlaments, wenn sie im Amtstalar über die Straße gingen. Als sich die Räte deshalb bei Maurepas beschwerten, lautete seine Antwort: »Es wird also gut sein, wenn Ihr fortan Rosa-Dominos über Eure Roben nehmt.« Man muß die Urteile von Patrioten, z. B. dem Marquis d'Argenson, über den jungen Maurepas mit den Urteilen Ségurs und der Madame Campan über den greisen Mentor Ludwigs XVI. vergleichen. Alle kommen in derselben Verurteilung dieses ministre petit-maître überein: » Maurepas fut le type le plus parfait au XVIIIe siècle de cette espèce de frivolité et de ce méchant esprit dans un homme en place.« Sainte-Beuve, C. L. XII, 123. 503.

Damit, ja selbst mit dem Sturz Maupeous war die verworrene staatsrechtliche Frage freilich noch nicht gelöst; während aber Rechtsgelehrte und Politiker, Männer in Amt und Würden, wie die gemaßregelten Magistrate sich um die Wette bemühten, Maurepas' Entscheidung durch ernsthafte, nachdenkliche Untersuchungen zu beeinflussen, hatte er seinen Gewährsmann schon gewählt: den »blâmé« des Prozesses Goezmann, Beaumarchais. Verdient aber hatte unser Dichter diese Auszeichnung einzig und allein durch ein – Vaudeville in der Mundart, das eben die Runde in Paris machte. Nach altem Brauch hatte sich Beaumarchais bei dem Gemahl der Pompadour, Lenormand d'Etioles, an dessen Namenstag als Gast eingefunden. Auf der Hausbühne des Schlosses Etioles, die nach dem Zeugnis des Präsidenten Henault so schön war, wie die der damaligen Oper, hatte Lenormands erste Frau, bevor sie die Geliebte Ludwigs XV. geworden, 1742 durch ihre Schönheit und ihre schauspielerischen Gaben alle Geladenen entzückt Oeuvres VII, 187. Dort heißt es auch, daß das Lied von einem Schauspieler vorgetragen wurde: die im Text gegebene Darstellung bei Gudin, Histoire de Beaum. Über die »Paraden« insbesondere zu vergleichen Théâtre des boulevards, Paris, 1881, mit der Einleitung von George d'Heylli.. Nach dem Tod der Pompadour verheiratete sich der längst getröstete Gatte zum zweitenmal. Ungemein glücklich in der neuen Ehe, schwer reich und gastfrei, sah Lenormand unablässig bunte Gesellschaft bei sich; Größen der Comédie Française, wie der nachmalige erste Darsteller des Figaro, Préville, Dugazon etc. trafen sich dort mit hochgeborenen Damen, wie der Gräfin Turpin, mit munteren Pariser Bürgerstöchtern, wie den Schwestern Beaumarchais', und lebenslustigen Leuten aus der Finanzwelt. Bei großen Anlässen, vor allem am Namenstag des Schloßherrn, gab es besonders festliche Veranstaltungen, Hauskomödie und Gartenfeuerwerk, zu denen auch gut bewirtete Dorfleute aus der Umgebung sich drängten. So langweilte man sich selten in Etioles, niemals aber unterhielt man sich besser, als wenn Lenormands Titular-Amtsbruder – Beaumarchais war königlicher Sekretär wie der Schloßherr – sich einstellte. Seine munteren Einfälle, seine musikalischen Talente, seine Verwandlungsfähigkeit für die verschiedensten Fächer der verschiedensten Salonkomödien und nicht zum wenigsten die eigene Erfindergabe ließen ihn auf Etioles just ebenso wie 1764 in den diplomatischen Kreisen Madrids von vornherein als Spielleiter erscheinen. Er improvisierte Texte und Weisen zu schnurrigen Namenstags-Bänkeln und als Parodist von »Brettl-«Stücken übertraf er die meisten Proben solcher vom Jahrmarktstheater auf die Pariser Liebhaberbühnen verpflanzten »Paraden«; so hießen ursprünglich die zur Anlockung von Zahlgästen vor der Meßbude der Komödianten gratis zum besten gegebenen stark mundartlich gefärbten Schwänke. Auf den rohesten Massengeschmack berechnet, sparten die Paraden Handgreiflichkeiten so wenig wie Eindeutigkeiten. Unter der sehr anfechtbaren, in vielen Paraden eingestreuten Ausrede, daß Worte nicht stinken ( paroles ne puent point), behandeln diese Jahrmarktspossen mit Vorliebe alle erdenklichen Naturalia in mittelalterlicher Narrenfreiheit. Ein Zeichen der Pariser Zustände jener Zeit bleibt es, daß diese Ausgeburten frechen Gauklerhumors von ehrenwerten, in ihrem bürgerlichen Beruf sehr ernsten Menschen, wie dem tüchtigen Juristen Gueulette, für Hauskomödien nachgeahmt, parodistisch wenn möglich vergröbert und vor Männlein und Weiblein, vermutlich auch vor sonst recht zimperlich tuenden Damen, zum allgemeinen Gaudium gespielt wurden. Schon der Name der einen und der andern Parade ( Le marchand de merde) zeigt, daß diese Stücklein sich mit rabelaisischer Vorliebe den Niederungen des Leibes zuwenden; höher gelegene Regionen kommen meist nur beim unvermeidlichen Stirnschmuck zur Sprache und die Schamlosigkeit, mit der aphrodisische Schmerzen nach mephistophelischem Rezept aus Einem Punkt kuriert werden, muß die abgehärtetsten Leser im Remède à la mode verblüffen. Wie sicher Beaumarchais Ton und Art der Paraden beherrschte, bezeugen vier zu verschiedenen Namenstagen seines Freundes (Karl Borromäus Lenormand) improvisierte Gelegenheitsstücke; in allem Übermut halten sie, wenn auch gewiß nicht für höhere Töchter bestimmt und geeignet, erfreulicherweise mehr Maß, als Gueullettes Théâtre des boulevards. Am harmlosesten läßt sich die ländliche Szene Colin et Colette an; ein Dorfmädchen glaubt sich verschmäht, weil ihr Schatz Blumen gepflückt und nicht ihr geben will; es käme in diesem Liebeszwist fast zum Bruch, wenn Colette nicht zu rechter Zeit hörte, daß der hübsche Strauß dem Namenstagskind zugedacht gewesen; auf ihre Bitte, sich Colin als Gratulantin anschließen zu dürfen, läßt er sie galant das Bouquet Herrn v. Lenormand allein überreichen Der Entdecker der auf seine Anregung für die Comédie Française angekauften Beaumarchais-Papiere, Edouard Fournier, teilt in einem am 12. September 1866 an den Pariser »Figaro« gerichteten Brief (wieder abgedruckt Théâtre complet II. 208 ff.) mit: er habe den Plan des »Barbier von Sevilla« auf einem losen Blatt gefunden à un moment où ce ne devait être qu'une sorte d'opérette folle pour une fête du chateau d'Étioles. Und in seiner Gesamtausgabe der Werke Beaumarchais' gründet Fournier 1876 seine Behauptung auf handschriftliche (S. 733/734 veröffentlichte) » Observations« eines ungenannten, dem Dichter vertrauten Kritikers zum Text des »Barbier von Sevilla«, deren Schlußzeilen einen Hinweis auf das Schloßtheater Lenormands in Étioles enthalten. An sich wäre eine solche Urform des »Barbier von Sevilla« als Parade nicht undenkbar. Allein solange genauere Beweise fehlen, sind Zweifel um so mehr am Platze, als kein einziges unmittelbares zeitgenössisches Zeugnis für eine solche Herkunft des Barbier, weder aus Beaumarchais' und Lenormands Freundeskreis, noch von irgendeinem Gast des Etioler Schloßtheaters vorliegt. Die Hypothesen Lintilhacs S. 213 ff. sind nach meinem Dafürhalten willkürlich.. – Ebenso friedlich geht wüstes Geschimpf im unverfälschten Argot zwischen den um den Vortritt hadernden Fischweibern und Markthelfern aus; nachdem die zungenfertigen Deputés de la Halle et du Gros-Caillou, handfeste Größen der Halle, einander buchstäblich in die Haare gefahren sind, einigen sie sich im Lob des Hausherrn und widmen Charles Lenormand statt des herkömmlichen »Buschens« einen Fischzug von Karpfen, Rochen, Aalen, Schleien als Namenstagsgeschenk. – In den Bottes de sept lieues wird ein täppischer Hanswurst Gilles, den sein Herr Cassandre als Hüter der Haustochter Isabelle und eines Felleisens mit 20 000 Talern Erbgut bestellte, durch einen schlauen Harlekin geprellt, der unter dem Vorwand, ihm die Siebenmeilenstiefel anzuschnallen, den Dümmling mit Stricken fesselt und dann im Bunde mit seinem Herrn Leander Isabelle samt dem wohlgefüllten Felleisen entführt. Ausgiebiger noch als im Geburtstagskompliment des Schlußvaudevilles wird Charles in der Parade Jean Bête à la Foire verherrlicht. Auch hier wird Cassandre im Jahrmarktsgetümmel durch allerhand Listen des Liebhabers (Hans Tropf) und dessen Helfershelfer Harlekin, die sich einmal als Quacksalber und Tanzbär, dann als Arzt und klystierbewehrter Apotheker verkleiden, dazu gebracht, die zuerst versagte Zustimmung zur Verheiratung seiner Tochter Isabelle zu geben; als nach dem Kalendertag dieses Jawortes gefragt wird, ist es gerade der 4. November, Karl Borromäus, und nun geht eine Lawine des Lobes über den Schutzheiligen von Etioles nieder, der Mädchen ausheiratet und als Vater der Armen Bedrängte vor dem Ruin rettet, Bedürftige unterstützt etc. – Als Beaumarchais, nach allen schicksalsschweren Erlebnissen der jüngsten Zeiten, auch am Karlstage des Jahres 1774 unvermutet in Lenormands Freundeskreis erscheint, empfängt ihn allgemeiner Jubel. Die Hausleute beschwören ihn um ein neues Gelegenheitsgedicht; er zieht sich eine kurze Weile zurück und bringt im Nu ein Bänkel fertig, das (nach Gudin) der Schauspieler Dugazon, nach einem anderen Gewährsmann Beaumarchais selbst in Bauerntracht nach den Weisen eines damals volkstümlichen Gassenhauers zum besten gab. In derbstem Dialekt fragt der Landmann, wo ein gewisser Karl wohnt? nicht Karl V., der die Welt verwüstet hat, vielmehr ein sicherer Charlot, dem in den folgenden Strophen die beste Nachrede als gütigem Grundherrn und als Ehestifter unter den Leuten seines Dorfes gegönnt wird, bis endlich der Sänger Lenormands wohlwollender Haltung in Beaumarchais' eigener Sache mit der Wendung gedachte:

Im Winter hatt' ich 'nen bösen Prozeß,
Da ward ich arg geplackt,
Daß ich's nur sag, ich ward expreß
Vom neuen Gericht gezwackt.
Da sprach Charlot voll Mutterwitz
Und tröstet mich: Potzblitz!
Dein' Sach' mir wohlgefällt.
Und doch, wie ward' ich zugedeckt!
Wie ha'm sie sich bedreckt!
»Blamiert« man so die arme Welt?

Nur der außerordentliche (für uns nicht ganz begreifliche) Erfolg dieses Liedchens in Paris bestimmte, nach Gudins Versicherung, die Minister, – Beaumarchais' Wohlmeinung über die Frage der Wiederberufung der alten Parlamente einzuholen. Wir wollen, milder von den damaligen Machthabern denkend, hinzufügen, daß vielleicht Beaumarchais' Beziehungen zu Conti – galt er doch im Ausland sogar für dessen Sekretär – einen gewissen Anteil an der Einforderung dieses Votums hatten. Mag nun auch der Führer der parlamentarischen Opposition, nachdem er Beaumarchais' » Idées élémentaires sur le rappel des parlements« kennen gelernt, versichert haben, er wolle, falls die Minister auf dessen Vorschläge eingingen, diese Zugeständnisse als Gnade auf den Knien annehmen: wir müssen trotzdem erklären, daß dieser »Staatsschrift« Beaumarchais' weder geschichtliche noch literarische Bedeutung zukommt. Die 1771 ihrer Stellen beraubten Parlamentsräte seien, so behauptet Beaumarchais, nach wie vor rechtlich, wenn auch nicht tatsächlich im Besitz ihrer Würde geblieben; der König habe sie folglich nicht durch eine neue Bestallung mit ihrem Richteramt zu betrauen, sondern einfach aufzufordern, ihre alten Sitze im Parlamente wieder einzunehmen. Sei damit die Unabsetzbarkeit der Richter dargetan, so ergebe sich zugleich ihre Befugnis, frei über die königlichen Steueredikte zu beraten und ihre Einwendungen dagegen geltend zu machen. Nur (und hier bewegt sich Beaumarchais in einem circulus vitiosus) sei die Freiheit der » rémontrances« insofern zu beschränken, daß dieselben höchstens passiven, nicht aktiven Widerstand gegen das Gebot des Königs nach sich ziehen dürfen. Die Privilegien der Parlamente seien damit erschöpft, daß sie akademisch ihre Mißbilligung des königlichen Steuerediktes zu erkennen geben, äußerstenfalls dessen Vollstreckung ablehnen – und den Soldaten des Königs überlassen. In dieser Beziehung hätten die Mitglieder des früheren Parlaments ihre Rechte überschritten – die Einstellung des Gerichtsdienstes seitens der Parlamentsmitglieder wäre unzulässig gewesen, doch bleibe dabei außer Frage, ob und wie weit (durch Maupeous Maßregeln) solche Schuld nicht zu hart gebüßt wurde.

Daß mit solchen Silbenstechereien der unheilbare Zwiespalt zwischen der finanziellen Mißwirtschaft des absoluten Königtums und dem immer stürmischer erhobenen Begehren nach Steuergesetzen im englischen Stil nicht zu schlichten war, hat die Geschichte der Jahre 1774–89 längst erwiesen. Die Wiederberufung der alten Parlamente hat andererseits vielfach Anlaß zu der Behauptung gegeben, dieser erste große Regierungsakt Ludwigs XVI. sei verfehlt in der Absicht, verhängnisvoll in seiner Durchführung gewesen. In letzterer Beziehung wird niemand Einspruch erheben; der Grundgedanke aber, den Rechtsbruch Ludwigs XV. aufzuheben, verdient nur volle Billigung. Ein scharfsinniger, staatskluger Mann, Galiani, hat die richtige Lösung angegeben, da er meinte: »setzen Sie alle heilsamen neuen Reformen (Aufhebung der Sporteln, der Käuflichkeit der Richterposten etc.) mit den alten Richtern ins Werk: le système nouveau est meilleur; les personnes anciennes valaient mieux.« Aber erst Napoleon I. hat dieses Programm in seiner bewunderungswürdigen Gerichtsordnung zur Geltung gebracht, allerdings unter den günstigsten Vorbedingungen. Denn zur Zeit seines Imperiums war die Trennung von Verwaltung und Rechtspflege schon vollzogen; im Frankreich Ludwigs XVI. rangen aber nicht bloß richterliche und vollziehende Gewalt miteinander, im Kampfe lagen alte und neue Zeit, gedankenlose, verschwenderische Willkür und die Notwendigkeit, dem ausgesogenen Volke Einfluß auf die Verteilung von Einnahmen und Ausgaben zu gewähren. Durch eine kluge und starke Politik, wie sie Le Brun im Sinne hatte (S. 146), wäre – vielleicht! – das neuberufene, von altem Ansehen getragene Parlament zu reformieren, durch die rechtzeitige Gewährung wenn auch noch so bescheidener verfassungsmäßiger Bürgschaften das Königtum zu belehren und damit zu retten gewesen. Statt dessen berief man die Parlamente, nicht um sie fortan an der Ordnung des Staatshaushaltes teilnehmen zu lassen, sondern um durch einen Theaterstreich die Volksgunst zu gewinnen. Im übrigen begannen die alten, kleinlichen Eifersüchteleien und großen Feindseligkeiten zwischen Regierung und Parlament fast am ersten Tage seiner Wiederberufung, um bis zur Revolution nicht mehr zur Ruhe zu kommen.

So weit blickten allerdings nur wenige Geister des damaligen Frankreich und Beaumarchais sah in dem großen Ereignis gar nur einen bequemen Anlaß, den Ministern immer näher zu kommen und sie mit Stimmungsberichten zu unterhalten. Er meldet den Eindruck, den die (bekanntlich gegen die persönliche Überzeugung Ludwigs XVI. getroffene) Entscheidung im Volke, beim Klerus, im Ausland, bei Conti und dem Herzog von Chartres hervorgerufen. Aber so frische Augenblicksbilder er auch aus Kirchen beibringt (in welchen die Beichtväter den Frauen die Absolution verweigern, wenn sie die Frage, ob sie für die Wiederberufung der Parlamente seien, bejahen); so beflissen er hervorhebt, der König sei durch diesen Beweis seiner Großmut noch viel mächtiger als zuvor (denn seine Minister hätten es verstanden, unter honigsüßen Worten das Gift zu verbergen und die französischen Freiheiten dermaßen zuzurichten, daß er ihnen nun und nimmer die Seinigen anvertrauen wollte): seine Endabsicht bei diesem Botenläuferdienst ist eine andere. Der König soll wissen, daß er in einem Winkel von Paris einen uneigennützigen Diener sein eigen nennt. Im übrigen will er »das schmachvolle Urteil des Parlaments Maupeou, von dem ihn freilich ganz Europa längst losgezählt, bescheiden zwar, aber doch nur mit der Mäßigung eines Mannes, der Ränke so wenig fürchtet, wie Ungerechtigkeiten, kassiert sehen.« Er will aber auch das Schoßkind der Minister für einträgliche, geheime Sendungen bleiben und um seine Uneigennützigkeit zu beweisen, schickt er Sartines in einem Briefe (der, wie er bestimmt weiß, Ludwig XVI. vor Augen kommen muß) 200 Louis zurück, um welche er sich angeblich zu seinem Vorteil bei der Rechnungslegung über die Wiener Abenteuer geirrt. Sartines war für so viel Geschicklichkeit und Dienstwilligkeit nicht unempfindlich, aber sonderlich erfreut ist Beaumarchais nicht, als ihm sein (vom Polizeileutnant zum Marineminister emporgestiegener) Gönner neuerdings zumutet, ein paar Libelle in London zu unterdrücken. Ton und Anliegen der Machthaber ändern sich allmählich in dem Maße, als Maurepas mehr Anteil an Beaumarchais nimmt. Diese gnädigen Gesinnungen des Premiers wachsen von Tag zu Tag: der alte Egoist unterhält sich fast mit niemandem lieber und besser, als mit dem Dichter des »Barbier von Sevilla«, dessen Komödie nun endlich, Donnerstag 23. Februar 1775, zum erstenmal aufgeführt und zu allgemeinem Erstaunen von einem mehr als wohlwollend gesinnten Publikum – abgelehnt wird. Gudin selbst bekennt, daß »ein Stück, das ihn bei der Vorlesung entzückt hatte, bei dieser ersten Aufführung durch – das Übermaß von Witz langweilte«; La Harpe wieder klagte, daß die Scherze allzu derb und possenhaft seien.

Die eigentliche Schuld an dem Mißerfolg trug der unglückliche, in London entstandene und (S. 216) Garrick angekündigte Plan, die Komödie, noch dazu mit unbegreiflicher technischer Unbeholfenheit, auf fünf Akte auszudehnen. So hatte Beaumarchais den dritten Aufzug just mitten in der Musiklektion entzweigeschnitten und einen Aktschluß beliebt, der den wunderlichsten Zwischenspielen der »Eugénie« nachgebildet erscheint. Der verkleidete Almaviva fragt Rosine: »möchten Sie uns nicht das hübsche Ritornell zum besten geben?« Und die Antwort lautet: »Gerne! Zuvor aber müssen wir zum Klavier in das Nebenzimmer gehen.« Grund genug, den Vorhang fallen zu lassen. Zu Beginn des nächsten Aufzuges erschien dann Bartolo mit der Versicherung: »Ich habe keine Note überhört, das Ritornell ist wunderschön, aber Rosine hat Recht, morgen lasse ich das Klavier in den Salon schaffen«: ein Vorhaben, das Beaumarchais selbst (wenn auch nicht über Nacht, so doch binnen drei Tagen) ins Werk setzte. Der Flügel wurde auf die Szene gestellt, alle Fehler, alle Längen aber zwischen der ersten und zweiten Aufführung, von Donnerstag bis Sonntag getilgt. Beaumarchais strich das Stück tapfer auf vier Akte zusammen, und in dieser neuen Bearbeitung, die in der Hauptsache nur die Zutaten der Londoner Umgestaltung beseitigte und auf die frühere straffere Fassung der »Komödie« zurückging, griff der »Barbier« nun siegreich durch. Böse Zungen meinten wohl, der Beifall rühre nur von bezahlten Klatschern her; der Autor habe sich »in Viere zerrissen, um die Gunst der Zuhörer zu gewinnen: besser aber wäre es gewesen, seine vier Akte in Stücke zu reißen etc. etc.« Der glückliche Dichter kümmerte sich um diese neidischen und boshaften Redereien fürs erste nicht; ihm genügten die starken Einnahmen, welche die Komödie machte. Die gestrichenen Stellen (unter anderem die köstliche, später für den »Tollen Tag« benutzte Tirade vom Goddam, als dem Wunderwort, das dem Fremden auf englischem Boden jede weitere Kenntnis des Englischen erspare) waren für seine späteren Werke nicht verloren. Was er aber sonst noch Launiges und Bissiges auf dem Herzen hatte, das sprach er in einer Vorrede aus, die seinen damaligen Gönnern fast lustiger erschien, als das Stück selbst. Beaumarchais kleidet seine Selbstverteidigung in die Form eines »maßvollen Briefes über den Durchfall und die Kritik des Barbier von Sevilla«:

»Auftritt der Autor, bescheiden gekleidet, um dem Leser mit demütigem Kniefall sein Stück darzubieten.« Er hofft, ihn in einem der glücklichen Augenblicke anzutreffen, in welchem er sorgenfrei, zufrieden mit seiner Gesundheit, seinen Geschäften, seiner Geliebten, seinem Essen und seiner Verdauung einen Augenblick an der Lektüre des »Barbier« Gefallen finden könne. Wenn aber zufällig seine Gesundheit gerade angegriffen, sein Vermögen gefährdet, seine Schöne treubrüchig oder sein Magen verstimmt sei, dann möge der Leser das Buch beiseite legen und lieber seine Haushaltungsbücher oder das nächstbeste philosophische, theologische, moralische, politische, ökonomische oder diätetische Werk zu Rate ziehen. Ist aber sein Zustand derart, daß er ihn schlechterdings vergessen muß, dann solle er das Journal von Bouillon zur Hand nehmen und hernach. ein oder zwei Stunden gemächlich verschlafen. Dieses (wenn wir nicht irren, von Marin mitbegründete) Blättchen vernichtet nämlich den »Barbier« gründlich. Vor einem wohlgeneigten Auditorium sei es dem Dichter, dank der Zauberkraft einer geschickten Vorlesung, zwar gelungen, die Schwächen des Werkes zu verbergen; seither aber hätten ihn die Kritiker seiner Pfauenfedern beraubt und als schwarzen Raben mit all seiner Gefräßigkeit und Frechheit hingestellt. Trotzdem bittet er den Leser, ihn selbständig zu beurteilen: denn berufsmäßig seien die Skribler Gegner der Schriftsteller: – ( par état les gens de feuilles sont souvent ennemis des gens de lettres). Prüfe mich deshalb selbst, o Leser: kommt doch gleich nach der Wonne, die Menschen zu beherrschen, die Ehre, sie zu richten. Der Leser entscheide aber in zweiter Instanz und entkräfte deshalb bisweilen den Spruch der ersten Instanz, der Zuschauer. Nun hätten wohl auch diese fleißig gelacht bei seiner Komödie, allein der Journalist von Bouillon habe ihn darüber aufgeklärt, daß diese Heiterkeit nicht dem Stück, sondern nur dessen Autor gegolten habe. Genau besehen, sei diese Wendung jedoch nur ein Advokatenkniff, denn da sein einziger Vorsatz gewesen, das Publikum zu unterhalten, genügt es, daß man überhaupt gelacht, gleichviel, ob über ihn selbst oder über sein Stück, sofern man nur aus vollem Herzen gelacht habe. Der Kritiker von Bouillon hat nun freilich gemeint: »der Barbier« sei eine Farce, aber der Schimpfname, den ein Ausländer Koch den französischen Ragouts anhängt, schade ihrer Schmackhaftigkeit weiter nicht. Die »Farce von Bouillon« hat aber auch keinen Plan, meint unser Kritikus. Ist er ihm vielleicht entgangen, weil er zu einfach ist? Ein verliebter Alter soll morgen sein Mündel heiraten: ein junger, gewandter Liebhaber kommt ihm zuvor und führt an demselben Tag, im Haus des Vormunds, ihm zum Schabernack, die Braut heim. Der Maschinist des Durcheinander ist aber ein durchtriebener Bursche, ein Hans Ohnesorgen, der über Erfolg und Mißerfolg seiner Unternehmungen gleicherweise lacht. Nichts natürlicher, als daß das Werk eine ungemein lustige Komödie wurde. »Hätte ich aber, statt bei meinem komischen Einfall zu beharren, meinen Plan ins Tragische oder ›Dramische‹ verkehren wollen, so hätte mir gewiß nicht der Anlaß dazu gefehlt bei einem Abenteuer, dessen wenigst wunderbare Motive ich auf die Bühne gebracht. Denn alle Welt weiß ja, daß gerade in dem Augenblick, in dem mein Stück fröhlich abschließt, hinter dem Vorhang der Zank wegen der schuldigen hundert Taler zwischen Bartolo und Figaro sich erst recht erhitzt. Von Beleidigungen geht man zu Schlägen über. Der vom Barbier geprügelte Doktor reißt Figaros Haarnetz hinunter und mit einemmal sieht man nicht ohne Überraschung eine Art von Spatel auf dem geschorenen Haupt des Barbiers eingebrannt. So windelweich Bartolo auch geprügelt ist, dies Schauspiel rührt ihn; bewegt ruft er aus: ›mein Sohn, o Himmel, mein Sohn!‹ Aber noch bevor ihn Figaro recht verstanden, hat er ihn mit verdoppelten Püffen heimgesucht. Und doch ist der Barbier der natürliche Sohn Bartolos. Bevor der heutige Vormund Rosinens, dazumal noch Frater, Marcellinen verließ, hat er sein Spatel zum Glühen gebracht und seinem Knäblein damit am Hinterhaupt ein Zeichen eingebrannt, um ihn wiederzuerkennen, wenn sie das Geschick jemals zusammenführen sollte. Mutter und Kind hatten sechs volle Jahre in ehrenhafter Dürftigkeit verlebt, als ein Zigeunerhauptmann, mit seiner Truppe auf einem Streifzug durch Andalusien begriffen, von der Mutter über die Zukunft ihres Sohnes befragt, das Kind stahl und an seiner Statt das zweideutige Horoskop zurückließ:

Nachdem er das Blut seiner Mutter bedroht,
Bedrängt er den Vater mit Not und Tod,
Kehrt dann gegen sich das eigene Schwert,
Stößt zu – und wird jählings beglückt und geehrt.

Heute geht das Orakel in Erfüllung. Da Figaro Marcelline am Fuß zur Ader gelassen, erwahrt er die erste Verszeile; da er (nach dem Fallen des Vorhangs) seinen Vater Bartolo durchwalkte, die zweite; und inmitten der rührenden Erkennungsszene bereut Figaro seine Heftigkeit gegen den Doktor dermaßen, daß er das Schermesser gegen die eigene Brust zückt (Vers 3). Da ich ihm aber die Wahl vorbehalte, sich den Hals oder bloß den Bart abzuschneiden, kann ich mein Stück so pathetisch oder lustig als möglich beschließen. Heiratet Bartolo zu guter Letzt Marcelline, so kommt auch die vierte Verszeile zu Ehren: welche Lösung! Und all das hätte mich nur einen sechsten Akt gekostet, und welchen sechsten Akt! Niemals hat eine Tragödie auf dem Théâtre français – doch genug! Bleiben wir bei unserem Stück, so wie es gespielt und kritisiert wurde. Wenn man mir griesgrämig vorwirft, was ich gemacht habe, dann ist nicht der richtige Augenblick gekommen, das zu loben, was ich hätte machen können«!

In diesem Punkte war der Prinz von Conti anderer Meinung als Beaumarchais. Ihm gefiel dieser in parodistischem Übermut hingeworfene Plan so außerordentlich, daß er den Dichter dringend aufforderte, ihn ja nicht fallen zu lassen: eine Mahnung, die Beaumarchais bekanntlich wohl beherzigt und im »Tollen Tag« verwirklicht hat.

Auch die anderen Abfertigungen vorlauter Tadler sind ebenso witzfunkelnd, wie überzeugend:

»Kenner haben bemerkt, daß ich die Ungebührlichkeit begangen habe, französische Zustände von einem andalusischen Spaßvogel in Sevilla kritisieren zu lassen, da doch die Wahrscheinlichkeit gebot, daß er sich nur über spanische Sitten lustig machte; sie haben recht; ich selbst dachte anfangs so ernstlich daran, daß ich fast gewillt war, das Stück (übrigens eines der lustigsten, das je auf dem Theater erschien) in spanischer Sprache zu schreiben und darstellen zu lassen. Ein Mann von Geschmack gab mir jedoch zu erwägen, daß die Komödie infolgedessen ein wenig von ihrer Heiterkeit für das Pariser Publikum verlieren könnte etc.«

Eine Antwort, die ja ebenso schlagend für das Spanien des Gil-Blas und für die orientalischen Geschichten Montesquieus, Voltaires und Diderots gilt; da man den Machthabern nicht frei ins Angesicht trotzen durfte, mußte man sich mit möglichst durchsichtigen Masken helfen.

»Ein anderer Liebhaber warf mir (und das just in dem Augenblick, in welchem sehr viele Leute im Theaterfoyer ernsthaft aufhorchten) vor, meine Komödie gleiche dem Sedaine'schen Singspiel ›Man kann nicht an alles denken!‹ ›Nur gleichen?‹ entgegnete ich. ›Ich erkläre rundweg, daß mein Stück gar nichts anderes ist als: Man kann nicht an alles denken.‹ ›Und wie das?‹ ›Je, nun, man hat zuvor noch nie an mein Lustspiel gedacht …‹; der Liebhaber blieb mit offenem Munde stehen und man lachte ihn um so rechtschaffener aus, als derjenige, welcher mir vorwarf, ›man denkt niemals an alles‹, ein Mensch ist, der niemals an irgend etwas gedacht hat.« Die gleiche Abfertigung gilt allen übereifrigen Motivenjägern, die seit der Uraufführung des Barbier bis auf unsere Tage, – von den Cent nouvelles nouvelles, Molières Schule der Ehemänner, La Fontaines Contes bis auf Regnards Folies Amoureuses, Lesages Geschichte des Barbierjungen, Panards Comte de Belflor, die » Précaution inutile« des Gherardischen Théatre Italien, – immer andere Urbilder und Entlehnungen Beaumarchais' aufspüren wollten. Zweifellos hat der Dichter bewußt und unbewußt Gelesenes und Gesehenes ausgenommen, sicherlich aber ist er im »Barbier« weit mehr ein Neuerer, als ein Erneuerer. Durchweg hat er die alte Form der Intrigenkomödie mit seinem eigenen Denken und Können verjüngt, durchweg die überkommenen Masken des eifersüchtigen Alten, des jugendlichen Entführers und des gefangenen Mündels in leibhaftige Menschen umgewandelt und im verleumderischen Erzhallunken Basilio, vor allem aber in seinem Ebenbild Figaro zwei Charaktere geschaffen, die keiner ihm vor- oder nachgemacht hat. Der Quellsprung des »Barbier von Sevilla« stammt aus Beaumarchais' eigenstem Wesen; er hatte darum leichtes Spiel, alle plumpen Ankläger seiner Komödie – nach seinem eigenen, stolzen Wort einer der heitersten aller Zeiten und Völker – mit rächendem Witz abzuweisen.

Für das Schlußfeuerwerk versparte sich Beaumarchais aber die Erklärung der Gründe, aus welchen er seiner ursprünglichen Absicht zuwider keine Spieloper aus dem Stücke gemacht. Seine überraschende Antwort widerspricht diesmal jedoch in persönlicher und sachlicher Beziehung der Wahrheit. Er gibt die Schuld seiner Sinnesänderung einzig und allein der französischen Musik, die auch im Drama zu sehr an der sangbaren Coupletmanier festhalte, dieselben Motive allzuoft zu Wiederholungen des Textes mißbrauche und gar zu eigenmächtig mit dem Wort des Autors umgehe. Mit solchen Behauptungen steht nicht allein die geschichtliche Entwicklung der französischen Spieloper in Widerspruch, die gerade in jenen Jahren, dank Philidor, Monsigny und Gretry, einen echtnationalen Stil ausbildete, den ein schöpferischer Meister wie Boieldieu in unserem Jahrhundert in einem klassischen musikalischen Lustspiel zu reiner Vollendung emporführte. Seine Klage über die Unnatur der französischen Musik, vielleicht nicht ganz ungegründet, soweit dabei die große Oper zur Frage steht, wird unhaltbar den heiteren, gefälligen, halb gesprochenen, halb gesungenen Weisen der Opéra comique gegenüber. In dieser schönen Blütezeit des französischen Singspiels gilt das Wort mindestens so viel wie die Melodie, das Textbuch wird von gleicher Bedeutung wie die Tondichtung, und nicht umsonst stehen im Foyer der Opéra comique die Marmorbüsten von Sedaine, Favart und – Beaumarchais neben den Bildsäulen der bahnbrechenden Tonsetzer jener Tage. Der »Barbier von Sevilla« ist denn als echtes und rechtes Singspiel gleich nach seinem Erscheinen von italienischen und französischen Komponisten, Paisiello und Isouard, in Musik gesetzt worden, aber nicht einer hat Beaumarchais' Beifall gefunden, der ja unbegreiflicherweise späterhin auch der Mozartschen »Hochzeit des Figaro« keinen Geschmack abgewann. Vielleicht hätte er sich auch gegen die zweite Weltoper, zu welcher er ahnungslos das Libretto schrieb, eigensinnig verschlossen: Rossinis Barbiere di Seviglia, diese einzige opera buffa, der Rosine, Almaviva, Figaro und Bartolo das Heimatrecht in allen Ländern und Zungen zu danken haben. Die grundlegende neuere Arbeit gab Boutaric: Corresp. secrète de Louis XV. (2 Bde., Paris 1866). Vgl. auch Broglie, Le secret du Roi. Paris, 2 Bde., 1879.


Nach dem großen Siege der Mémoires war Beaumarchais nach England gegangen. Ein gleiches wiederholt er nach dem Erfolge des »Barbier«. Auch die gleichen phantastischen Pläne erfüllen ihn bei diesem neuen Ausflug. Den Freunden sagt er zwar, Maurepas habe ihm wiederum einen Libellhandel ans Herz gelegt; insgeheim schreibt er aber Ludwig XVI., er sei es müde, immerfort nur die Otternbrut zu zertreten; er wolle dem Könige lieber zuverlässige Berichte über englische Zustände und Kolonialfragen zukommen lassen. Dabei glaubt er seine Verdienstlichkeit zu erhöhen, wenn er wiederum erzählt, der Dienst des Königs habe sein Leben neuerdings ernstlich gefährdet: schon auf der Hinreise, in Frankreich, habe er einen Reiter bemerkt, der ihm beständig nachgesetzt, und als er seine ursprüngliche Route infolgedessen aufgegeben und die Überfahrt in einem kleinen Boot nach Hastings (statt nach Dover) gemacht, sei er auf englischem Boden erst recht von Spionen geplagt, in anonymen Briefen mit dem Tode bedroht worden, wenn er London nicht sofort verlasse etc. Die Hartnäckigkeit Beaumarchais', ohne Vorwissen der Minister solcherart das Ohr des Königs zu gewinnen, entsprang übrigens nicht bloß romanhaften Gelüsten: seit Jahren und Jahren dürfte er, vielleicht durch Paris Duverney, Conti, La Borde, von dem secret du roi, der Geheimdiplomatie Ludwigs XV., gehört haben, die ihren dunklen Geschäftsträgern mancherlei Bedrängnis, aber außergewöhnliche, fette Einnahmen einbrachte. Und was dem Vielerfahrenen an dem Allerweltsgeheimnis etwa noch dunkel geblieben, das enthüllte ihm der vielberufene Chevalier d'Eon, der sich späterhin in seiner Weibermaskerade berühmte: er trage die Witwentrauer um das secret du roi – als der richtige Hanswurst für die diplomatische Tragikomödie Ludwigs XV.

Schon im vorigen Jahrhundert war es allbekannt, daß dieser Herrscher sich sozusagen das Amt des Oberst-Ränkemeisters an seinem Hofe vorbehalten hatte. Es war ihm eine Lust, seine eigenen Minister auszuspionieren, neben den offiziellen Leitern des auswärtigen Amtes sich von geheimen Ratgebern, wie dem Grafen von Broglie, eingehende Berichte aus allen Reichen übermitteln und begutachten, mehr als einmal sogar seinen Botschaftern neben den Staatsdepeschen ihrer amtlichen Chefs durch seine Geheimagenten gerade entgegengesetzte Weisungen zukommen zu lassen: kurz, ein Versteckenspiel aller gegen alle anzustiften und sich selbst seine unheilbare Langeweile ein wenig zu vertreiben, indem er (vermeintlich) seine öffentlichen und geheimen Minister gleicherweise zum besten hielt. Die Pompadour und Choiseul waren aber sehr genau unterrichtet von dieser Liebhaberei Ludwigs XV.; sie wußten, daß er in der Schule seines ersten Lehrers und Staatsministers Fleury nach dem Wunsche und Willen dieses gleißnerischen Priesters die Gewohnheit angenommen, nie tatkräftig in die Geschäfte einzugreifen, sondern mit schadenfroher Hinterlist seine Würdenträger auszukundschaften. Auch ließen ihn seine Mätressen und Minister frei dieser Neigung nachhängen; wußten sie doch, daß dieser Schattenkönig weniger Macht besäße als ein Advokat des Châtelet: chaque ministre étoit plus roi que lui; Ludwig XV. würde, das war die allgemeine Überzeugung seiner Höflinge, ohne weiteres seine Abdankung unterschrieben haben, wenn man ihm die Urkunde im Conseil nur geschickt genug in die Hand gespielt hätte. Nur dann und wann, meist aus persönlicher Rachsucht gegen einen intriganten Nebenbuhler, störten die Minister die diplomatische Spielerei des Königs, der sogleich, wie ein ertappter Schulknabe, seine geheimen Vertrauensmänner herzlos dem Haß ihrer Feinde preisgab. Diese bequeme, von Leuten wie dem Grafen Broglie geduldig hingenommene Übung bekam ihm aber sehr schlecht einem hitzköpfigen Abenteurer gegenüber, wie d'Eon, dessen Schicksale unlöslich mit dem secret du roi verbunden sind. »Schwarzer Fuchs« war das Schlagwort für den englischen Gesandten Williams; das »Sinken der Zobelpreise« sollte die Abnahme des Einflusses von Bestuscheff bedeuten etc. Gaillardet: Mémoires sur la chevalière d'Eon. Pièces justif. S. 376 ff.

Vom kleinen burgundischen Landjunker hatte sich dieser merkwürdige und begabte Mann in Paris zum Doktor der Rechte, Zensor, literarischen Dilettanten, vor allem aber zum Liebling hochadeliger Familien, der Stainville, Belle-Isle, Nivernais etc. emporgearbeitet; er galt als findiger Kopf. Den entscheidenden Umschwung seines Geschickes führte aber seine eigentümliche, frauenhaft zarte Erscheinung herbei. Und zwar kam das folgendermaßen:

Mitte der fünfziger Jahre hatten alle diplomatischen Beziehungen zwischen Rußland und Frankreich aufgehört; Conti, dazumal – freilich nur für sehr kurze Zeit – der Depositar des secret du roi, von dem ehrgeizigen Wunsch erfüllt, mit Hilfe von Elisabeth, die er sogar heiraten wollte, König von Polen oder zum mindesten Herzog von Kurland und russischer Armeekommandant zu werden, setzte alles ins Werk, die Spannung zwischen den beiden Mächten auszugleichen. Auch Ludwig XV. hielt es – kurz vor Ausbruch des siebenjährigen Krieges – für unerläßlich, mit der Zarin freundliche Beziehungen anzuknüpfen. Auf geradem Wege ging das nicht, denn der Kanzler Bestuscheff stand in englischem Sold. Da verfiel der König (oder Conti) auf den Einfall, einen geheimen Agenten (und zwar einen Sohn Großbritanniens, Douglaß) unter dem Vorwand einer geologischen Forschungsreise nach Rußland gehen und (in der Chiffernschrift eines Pelzhandels) Bericht über die dortigen Zustände erstatten zu lassen. Da aber bei der Wachsamkeit des Petersburger Kanzlers zu besorgen stand, daß Douglaß vielleicht schon an der Grenze abgewiesen würde, gesellte man ihm d'Eon bei, der – auf Wunsch Contis oder des Königs – Frauentracht anlegte und in dieser Verkleidung wirklich bei Hof Eingang gewann, der Kaiserin eigenhändige Briefe Ludwigs XV. in die Hände spielte, das Wohlgefallen der Zarin erregte und – es ist ein Epigramm der Geschichte! – in dem Einbanddeckel eines Exemplares von Montesquieus Esprit des lois eine eigenhändige Antwort Elisabeths an den König von Frankreich glücklich über die Grenze brachte. Es ist keine Frage, daß sich d'Eon in dem folgenden Jahrzehnt als diplomatischer Agent in Rußland und England durch seine Fähigkeit und Weltläufigkeit Verdienste um sein Vaterland erwarb; er hintertrieb in Petersburg alle Machenschaften Bestuscheffs; er ließ es sich nach Ausbruch des siebenjährigen Krieges auch nicht nehmen, unter Broglies Kommando als Dragoneroffizier sich tapfer zu schlagen; er war ferner, nach dem unglücklichen Ausgang des Feldzuges, der Sekretär des schöngeistigen Herzogs von Nivernais, »dieses Anakreon der Politik«, der in London die Friedensverhandlungen leiten sollte, alles und jedes aber der Gewandtheit und Tatkraft d'Eons überließ. Dem ehrgeizigen Chevalier glückten denn auch ein paar Husarenstücklein; er bezecht einen englischen Staatssekretär, dem er in der Trunkenheit das Ultimatum der Friedensbedingungen entwendet, ist im Fluge mit diesen Präliminarien in Versailles, hat solcherart einen gewissen Anteil an einigen glimpflichen Bestimmungen des Vertrages und erfährt die (in diplomatischen Kreisen anfangs als unglaublich bezweifelte) Auszeichnung, von dem englischen Hof mit dem Ehrenamt betraut zu werden, die Ratifikation des Friedens nach Versailles zu überbringen. Nichts natürlicher, als daß Ludwig XV. dem »kleinen« d'Eon, den er immer gut leiden mochte, zu seinen bisherigen Pensionen und Gnadengaben die Gunst einer außerordentlichen Audienz angedeihen läßt, in der er ihn umarmt, mit den Worten: »Er bringt mir Glück!« Gleich darauf schickt der König diesem vrai dragon au cabinet et à l'armée das Ludwigskreuz und als bald nachher der Herzog von Nivernais der englischen Nebel überdrüssig wird, empfiehlt er seinen zeitweiligen Stellvertreter zu seinem Nachfolger. d'Eon wird Form Rechtens zum ministre plénipotentiaire ernannt. Und seiner offiziellen Standeserhöhung gesellt sich als höchster Vertrauensbeweis des Monarchen eine geheime Weisung: nicht bloß nach wie vor das secret du roi zu wahren, sondern Ludwigs XV. grand projet zu fördern, das, unmittelbar nach dem Friedensschluß mit England, ein Rachewerk bezweckte. Im Auftrag des Königs nahmen nämlich französische Offiziere und Ingenieure Vermessungen der britischen Küste etc. vor, denn Ludwig XV. gedachte die stolze Seemacht unversehens durch eine Landung zu überraschen und zu demütigen. In eigenhändiger Zuschrift verständigte der Monarch d'Eon von seinem Vorhaben, in betreff dessen er ihm tiefste Verschwiegenheit auftrug. Kein Wunder, daß der Chevalier, der das »Sekretarisieren« längst satt hatte, sich als wohlbestallten Geschäftsträger ansah. Soweit wäre seine Laufbahn, nach modernen Begriffen, auch vollständig begreiflich; d'Eon war der richtige Mann an der richtigen Stelle, und er hätte seine Sache ohne Frage geschickter gemacht als alle folgenden französischen Botschafter in London, die Guerchy, Guines und Adhémar, die ihre diplomatische Talentlosigkeit durch die Skandale ihres Privatlebens wettzumachen glaubten. Dazumal jedoch war noch die gelobte Zeit der Günstlingswirtschaft, von der Figaro erzählt: »man will mir eine Stelle zuwenden, unglücklicherweise war ich derselben vollkommen gewachsen; das Amt bedurfte eines Rechenmeisters – selbstverständlich verlieh man es also einem Tänzer.« Während d'Eon sich immer behaglicher in seine neue Tätigkeit einlebte, fiel es dem Herzog von Praslin ein, einen völlig unfähigen Aristokraten, Guerchy, zum Botschafter in London zu ernennen; der neue Diplomat soll seine Stelle durch die Nachsicht verdient haben, die er als Eheherr dem Minister gegenüber walten ließ. Mit dieser Gunstbezeugung für den gefälligen Gatten dachten die Pariser Machthaber zugleich d'Eon dafür zu strafen, daß er ihnen trotz wiederholter persönlicher Mahnungen und privaten Warnungen keinen Einblick in die letzten Zwischenfälle seines intimen Briefwechsels mit Ludwig XV. und dessen »geheimem« Minister des Auswärtigen gewähren wollte. Praslin wies deshalb d'Eon kurzweg an, sich sofort seiner Würde als ministre plénipotentiaire zu begeben und wiederum den Titel eines Sekretärs anzunehmen. d'Eon widersetzt sich dieser Degradation auf das entschiedenste und schlägt dabei einen desto insolenteren Ton an, je lebhafter Ludwig XV. seine Handlungsweise durch Broglie insgeheim gutheißt und ihm einschärft, alle das secret du roi betreffenden Aktenstücke aus dem Botschaftshotel zu entfernen und an sicherem Orte zu bergen, denn Choiseul setze alles daran, sich mit List oder Gewalt dieser Papiere zu bemächtigen. d'Eon, den sich in seiner Eigenliebe durch die Huld des Königs ebenso geschmeichelt, wie von den Ministern gekränkt fühlt, gefällt sich nun in einem Federkrieg mit seinen hochgeborenen diplomatischen Gegnern, in dem aller Witz und Geist, nicht aber der Erfolg auf seiten d'Eons blieb. Figaro behielt dazumal nur auf der Bühne recht, aber der Barbier von Sevilla so wenig als sein geistiger Urheber hätten sich der Absagebriefe zu schämen, die d'Eon an seine Gegner richtete. Guerchy, der ihm hoffärtig geschrieben, »nur der Zufall habe ihm zu seiner Stellung verhalfen«, fertigt er u. a. also ab: »Schon Salomo hat vor geraumer Zeit gemeint, alles hienieden sei Zufall und Gelegenheit, Glück und Unglück; ich muß bescheiden hinzufügen, daß der Zufall, welcher den Titel eines ministre plénipotentiaire einem Manne zukommen ließ, der ein Jahrzehnt hindurch erfolgreich diplomatische Verhandlungen durchgeführt hat, keiner der blindesten auf Erden war. Übrigens kann jeder Eine nur durch Vergleich mit Einem oder mehreren anderen gemessen werden – von gewissen Fällen abgesehen, in welchen die Männer nach ihren Frauen bewertet werden.« Der blutige Hohn dieser Anspielung genügt d'Eon nicht; er schreibt geradewegs: Guerchy wolle ihm sein Gratiale abnehmen, damit die Gläubiger des neuen Botschafters nicht vor den Pforten seines Palais die danse des cocus aufführen. Guerchy und Praslin waren die letzten, sich solchen Trotz bieten zu lassen, sie wollten d'Eon rundweg absetzen, in die Heimat zurückrufen und daselbst für einige Zeit in sicheren Gewahrsam bringen. Der König hatte zwar weder Mut noch Lust, diesem Andringen seiner Minister sich zu widersetzen; während er aber im Conseil ihre Strafanträge gegen den unbändigen d'Eon guthieß, schrieb er ihm insgeheim:

Versailles, 4. Oktober 1763.

Sie haben mir in Frauenkleidern ebenso nützlich gedient wie in denjenigen, welche Sie jetzt tragen; bedienen Sie sich wieder jener Tracht und ziehen Sie sich in die City zurück. Ich verständige Sie davon, daß der König heute, doch nicht eigenhändig, sondern bloß mit dem Stempel, der seinen Namenszug trägt, den Befehl ausgefertigt hat, demzufolge Sie nach Frankreich zurückkehren sollen. Ich trage Ihnen dagegen auf, mit all Ihren Papieren in England zu bleiben bis zu dem Zeitpunkt, in welchem ich Ihnen weitere Weisung erteilen werde. Sie sind in Ihrem Hotel nicht sicher: Sie werden da mächtigen Feinden begegnen.

Louis.

d'Eon fiel der Brief aus den Händen. Was hatte er von der Festigkeit eines Herrschers zu hoffen, der ihn opfern ließ, ob er gleich nur seinen geheimen Aufträgen gehorcht hatte? Wohl mußte er es über sich ergehen lassen, daß er als »Narr« und »Hochverräter« seines Amtes entsetzt wurde; aber er selbst berühmt sich, daß man die Dinge unmöglich weiter treiben könne, als er das getan; er trägt seine Privathändel mit Guerchy in die Öffentlichkeit und gibt seinen ganzen Briefwechsel mit Praslin und dessen neuem Botschafter – eine fast unerhörte Indiskretion – in einem heute noch lesenswerten Bande » Lettres et mémoires« zum besten. Ludwig XV. schont er wohlweislich als seinen Brotherrn vor dem Publikum, doch gibt er ihm in seinen Korrespondenzen zu verstehen, er könnte aus seinen eigenhändigen Briefen nachweisen, daß der König von Frankreich eine Restauration der Stuarts und einen Überfall des englischen Gebietes geplant und vorbereitet habe. Ferne sei es von ihm (d'Eon), sein Vaterland ohne Not zu verraten; wenn aber der König ihn schon vor der Welt preisgebe, so müsse er ihm insgeheim beistehen gegen seine Widersacher. Denn während d'Eon Ludwig XV. also mit der Drohung einschüchtert, er werde, wenn man ihm nicht ausgiebige materielle Genugtuung zuteil werden lasse, der Opposition des Unterhauses seine Briefschaften verkaufen und damit Krieg zwischen den Nachbarreichen entzünden, – verklagt er Guerchy vor den englischen Geschworenen, er habe ihm mit Gift und Meuchelmord nach dem Leben getrachtet. Und die Stimmung der durch Wilkes aufgestachelten Massen (die d'Eon zwar als canaille und mob bezeichnet, trotzdem aber zu seiner Schutzmacht bestimmt) ist dermaßen erregt, daß die große Jury allem Völkerrecht zuwider gegen den durch die Exterritorialität gefeiten Botschafter ein Indictment ergehen läßt, des Inhalts, es lägen gegen Guerchy genügend schwere Inzichten vor, um seine Verfolgung wegen Anstiftung zur Ermordung d'Eons zu rechtfertigen. Das englische Ministerium zog wohl die Sache mit einem Acertiorari an sich, Guerchys Stellung war jedoch unhaltbar geworden. Er verlangte seine Abberufung und starb bald nachher in der Heimat, wie seine Familie versicherte, als Opfer der publizistischen und sonstigen Bosheiten d'Eons.

Ludwig XV. nimmt die Drohungen des Chevalier anscheinend gelassen hin: »ich zweifle, ob wir Krieg haben werden, selbst wenn er alles sagen sollte«. Trotzdem ist der König der Ansicht, daß »dieser Skandal ausgehalten werden muß«. Da man d'Eon ein festes Jahrgehalt von 12 000 Livres aus der königlichen Privatschatulle anweist, bleibt er auch bis zum Tode des Königs ruhig; ja er nimmt, auf ausdrücklichen Wunsch Ludwigs XV., im Juni 1765 seine geheime politische Berichterstattung wieder auf. Mit unleugbarer Federgewandtheit und Sachkenntnis berichtet er Broglie als dem Hüter des secret du roi über die Bedeutung der amerikanischen Händel, Pitts Haltung, Wilkes' Käuflichkeit etc., und sein Stilleben wird nur dann und wann durch die Wettmanie der Engländer getrübt, die große Summen auf die Preisfrage setzen, ob d'Eon ein Weib oder ein Mann. Anfangs der siebziger Jahre prügelt d'Eon »unter allgemeiner Billigung aller ehrenhaften Soldaten« solcher Wetten wegen ein paar Makler durch, die sich vergebens darauf berufen, daß nach einer Parlamentsakte jede Wette, nur nicht die auf das Leben des Königs, seiner Frau und seiner Kinder, gestattet sei. Nach dem Tode Ludwigs XV. freilich, mit dem seine ganze Existenz in Frage gestellt wurde, wird sich seine Entschiedenheit in dieser Beziehung gewaltig ändern. Vor allem überflutet er Ludwig XVI. und den Grafen von Broglie mit Enthüllungen und Bittschriften, die sich samt und sonders nicht wesentlich von Erpressungen unterscheiden.

»Niemals« – so schreibt er an Broglie – »würde die Nachwelt solche Ereignisse glauben können, wenn wir, Sie und ich, nicht alle urkundlichen Belege in Händen hätten, um dieselben und noch unglaublichere beweisen zu können; hätte ›der Advokat‹ Ludwig XV. hieß in der Geheimschrift des secret du roi immer nur l'avocat; Broglie le substitut, Nivernois le mielleux, Choiseul (wohl seiner rötlichen Haarfarbe wegen) le lion rouge, Guerchy (abschätzig genug) le mouton cornu oder le bélier; d'Eon selbst l'intrépide oder tête de dragon etc. etc. nicht die Jesuiten vertrieben und irgendeinen Malagrida zum Beichtvater gehabt, so würde all das niemanden überraschen; nun aber hoffe ich, daß der neue König einen Jesuiten weder als Beichtvater noch als Freund, gleichviel in welcher Verkleidung, ob als Kanzler, courtisan oder courtisane um sich dulden wird etc.«

Broglie verstand d'Eon und warf sich zu seinem Fürsprecher auf. Und Ludwig XVI., den diesmal wie so viel andere Male das Verhängnis traf, die Erbschaft seines Vorgängers ohne die Rechtswohltat des Inventars antreten zu müssen, hatte mit d'Eon wie von Macht zu Macht zu verhandeln, denn unablässig drohte der Chevalier, seine Papiere äußerstenfalls den Engländern zum Kaufe anzubieten. Ludwig XVI. schien es notwendig, mit d'Eon sich gütlich zu vergleichen. Der erste Abgesandte des Hofes kam aber schlecht an, d'Eon verlangte erstens unbedingte Wiedereinsetzung in seine früheren Ämter und Würden, zweitens eine Entschädigung von 318 477 Livres. Nicht viel besser erging es einem zweiten Unterhändler, von dem d'Eon 256 000 Livres begehrte. Nun dachte man in Versailles wohl daran, d'Eon langsam auszuhungern. Das läßt sich der gewitzte Abenteurer jedoch nicht bieten. Er verpfändet gegen einen Vorschuß von 5000 Pf. Sterling dem ihm befreundeten Admiral Lord Ferrers einen Teil seiner Papiere (nicht die wichtigsten: denn die auf die Restauration der Stuarts, die französische Ausschiffung etc. bezüglichen Dokumente verbarg er unter dem Fußboden seiner Wohnung, wie er emphatisch versicherte, dicht bei einer selbstgelegten Mine, um sich, wenn's not tat, mit seinem Privatarchiv in die Luft zu sprengen). Da d'Eon sich also immer wilder geberdete, wuchs die Besorgnis der französischen Machthaber, der Brausekopf könne aus Verdruß und Rache am Ende doch einen unüberlegten Streich begehen. Und es war deshalb gewiß allen Beteiligten gleicherweise willkommen, als der Dichter des »Barbier« sich zum Mittelsmann in diesen Händeln erbot. Bibl. des Mém., Mad. Campan. 152. Dutens, Mém. d'un voyageur qui se repose. Unter den Diplomaten war kaum ein Zweifel, daß d'Eon männlichen Geschlechtes. Auch Lintilhac (67, 68) ist überzeugt, daß Beaumarchais d'Eons wahres Geschlecht gekannt hat.

d'Eon hatte schon bei Gelegenheit der ersten Londoner Reise Beaumarchais' den Wunsch ausgesprochen, ihn kennen zu lernen; die Streitschriften im Prozeß Goezmann hatten diesem anderen Out-law die Anerkennung abgenötigt, es gäbe – nach der Verwegenheit des Stils und der Gedanken zu schließen – noch Männer in Frankreich. Dazumal aber (April 1774) fand Beaumarchais keine Zeit, d'Eons dringender Ladung zu folgen. Erst jetzt (Mai 1775) konnte Morande die beiden miteinander bekannt machen. d'Eon gefiel sich nicht wenig in der Gesellschaft eines Mannes, dessengleichen ihm auf seinen vielen Reisen niemals untergekommen war. Er ist entzückt, als Beaumarchais sein wohlwollender, einflußreicher Fürsprecher in Versailles werden will, denn verwickelter als je zuvor ist die Lösung von d'Eons Anliegen im Augenblick. Auf die erste Nachricht von seiner straflosen und ehrenvollen Rückkehr nach Frankreich erscheint der Sohn seines Todfeindes Guerchy in Begleitung seiner Mutter und des Herzogs von Nivernais bei allen Ministern, um zu erklären, er werde das Andenken seines Vaters an diesem Nichtswürdigen rächen, wann und wo immer er es wagen sollte, sich in seinem Vaterland zu zeigen.

Da kam ein sinnreicher Kopf auf den Einfall, alle Schwierigkeiten in der Art zu heben, daß man d'Eon zu der öffentlichen Erklärung vermöchte: er sei überhaupt kein Mann, sondern – ein Weib. Alle Weiterungen wären damit auf einen Schlag beseitigt, alle Vergehen wider die Beamtendisziplin, alle literarischen Anfeindungen Praslins und Guerchys würden dadurch als Unarten einer in ihrer Eitelkeit verletzten Frau entschuldbar und jede Forderung von Genugtuung als Narretei erscheinen. Es ist nicht genau zu ermitteln, wer (Maurepas, Vergennes oder Beaumarchais) diese possenhafte Wiederholung von d'Eons romantischer Verkleidung am russischen Kaiserhof zuerst anregte, den Politikern von Versailles galt dieses Spiel jedenfalls als große Staatsweisheit. In dem Punkte huldigte der sonst so ernste, würdige Minister Ludwigs XVI., Vergennes, genau denselben zynischen Ansichten wie Ludwig XV., der ja dem Chevalier halb zum Zeitvertreib, halb zur Rettung aus bedenklichen Verhältnissen diese Maskerade anempfahl. In den Friedensunterhandlungen Beaumarchais' war es mithin der erste und entscheidende Punkt, d'Eon zu der unumwundenen, feierlichen Versicherung zu bestimmen, er sei seit jeher ein Weiblein gewesen, das nur durch wunderbare Schicksalsfügung sich allzeit als Mann im Leben umgetan habe. Arch. des aff. étr. 1775 ff. Brit. Mus. Pièces relatives au Chev. d'Eon et à Mr. Caron de Beaumarchais (1778–1789). Eg. Mpts. II. 341. Com. fr., Beaum., Bd. VI. – D'Eon übte das Amt eines kgl. Zensors nicht ohne Witz, so schrieb er nach der Lektüre eines Marmontelschen Buches: »Ich habe dies Werk gelesen und gar nichts Bemerkenswertes daran gefunden.«

d'Eon stellt die Sache so dar, als ob Beaumarchais von ihm zum besten gehalten worden sei. Auch Gaillardet, Loménie und der Herzog von Broglie sind der Meinung, daß der Autor des »tollen Tages« den Tränen und Lügen d'Eons vollen Glauben geschenkt habe. Nach aufmerksamer (nicht immer erquicklicher) Prüfung der d'Eon-Papiere im British Museum und in den Pariser Archiven kann ich mich dieser Ansicht nicht unbedingt anschließen. Wahr ist allerdings, daß Beaumarchais dem König schrieb, d'Eon gehöre einem Geschlecht an, dem man in Frankreich alles verzeihe; wohl will d'Eon ihm unter Tränen seine Geheimnisse ( connaissance d'une partie de sa position politique et physique) offenbart haben. Ebenso fest steht aber, daß Beaumarchais gemeinsam mit Morande große Summen auf die Frauenqualität d'Eons wettete, ebenso fest steht, daß es in seinem wohlverstandenen Interesse lag, an diese Fabel nicht zu rühren. Wenn er d'Eon zu einem vernünftigen Abkommen bewegen kann, dann ist es Vergennes zufrieden, sonst, meint der Minister des Auswärtigen, mag der Chevalier tun, was ihm beliebt, die Schmach des Landesverrates werde auf ihm haften bleiben. Beaumarchais aber setzt das Vorhaben durch, d'Eon vertragsmäßig zur Erklärung seiner Nicht-Mannhaftigkeit zu bestimmen und damit ein- für allemal unmöglich zu machen. d'Eons ewige Geldverlegenheiten, kaum weniger aber seine Skandalsucht, das Verlangen, die Leute von sich reden zu machen, all das kam dem geschickten Unterhändler zustatten; die weibliche Verkleidungsrolle, welche der junge d'Eon in Rußland mit Erfolg zum besten gegeben, sollte also der Fluch seiner letzten Lebenshälfte werden. Denn all seinen früheren Leistungen, seinen nicht gemeinen Anlagen zum Trotz, ist er von dem Tag an gerichtet, an dem er die folgende, von Beaumarchais entworfene Transaktion billigte und unterfertigte. Selten ist der krauseste gravitätische Amtsstil parodistischer gebraucht worden als in diesem Schriftstück, das kurzweg in die Literatur des Groteskkomischen zu verweisen wäre, wenn nicht die nichtswürdige Leichtfertigkeit der Minister Ludwigs XVI., der gewissenlose Mißbrauch der französischen Steuergelder darin zu tragischem Ausdruck käme.

»Wir Endesgefertigte, Pierre Augustin Caron de Beaumarchais einerseits (mit besonderer Vollmacht des Königs von Frankreich ddo. 25. August 1775 beglaubigt, welche dem Chevalier d'Eon vorgewiesen und abschriftlich dem gegenwärtigen Protokolle angeschlossen wurde) und Fräulein Charles Geneviève Louise Auguste André Timothée d'Eon de Beaumont, großjährig, vormals Dragonerhauptmann, Ritter des königlichen Ludwigsordens, Adjutant des Marschalls und des Grafen von Broglie, vordem Doktor des kanonischen und bürgerlichen Rechtes, Advokat am Parlament von Paris, königlicher Zensor für belletristische und historische Werke, mit dem Chevalier Douglaß nach Rußland entsendet, um die Annäherung beider Höfe herbeizuführen, französischer Botschaftssekretär des bevollmächtigten Ministers am russischen Hofe, Marquis l'Hôpital, Gesandtschaftssekretär des Herzogs von Nivernais etc.« – d'Eons zeitweilige Bestallung zum ministre plénipotentiaire wurde absichtlich nicht erwähnt – »andererseits – sind über folgende Vertragsbestimmungen einig geworden:«

Beaumarchais fordert in Art. I und II die Auslieferung aller offiziellen, sowie der Geheimkorrespondenz zwischen d'Eon, dem verstorbenen König und den verschiedenen von Sr. Majestät mit der Leitung dieser Korrespondenz betrauten und daselbst als substitut, procureur etc. bezeichneten Personen, welche Geheimkorrespondenz unter dem Fußboden des Schlafzimmers des besagten d'Eon verborgen, aus diesem Versteck von ihm in Beaumarchais' Gegenwart hervorgezogen wurde. In Art. III verpflichtet sich d'Eon feierlich, Guerchys Andenken und Familie fortan in Frieden zu lassen. »Art. IV. Und damit eine unübersteigliche Schranke zwischen den Streitteilen aufgerichtet werde, fordere ich im Namen Sr. Majestät, daß die Verkleidung, welche bis zu diesem Tage die Person eines Mädchens fälschlich in Gestalt eines Chevalier d'Eon hat erscheinen lassen, völlig aufhöre. Und indem wir dem tugendhaften und zurückhaltenden, dabei aber tapferen und kraftvollen Betragen volle Gerechtigkeit widerfahren lassen, das sie stets in der Tracht ihrer Wahl ( habits d'adoption) bewährt hat, verlange ich unbedingt, daß das Phantom eines Chevalier d'Eon völlig verschwinde und eine öffentliche unzweideutige Erklärung über das wahrhaftige Geschlecht von Charles Geneviève etc. d'Eon vor ihrer Ankunft in Frankreich und vor der Wiederannahme ihrer Mädchenkleider diese Frage für alle Welt endgültig zur Entscheidung bringe. Fräulein d'Eon kann sich heute diesem Begehren um so weniger verschließen, d'Eon wollte hier einschalten: »als das Geschlecht der Dame durch Zeugen, Ärzte, Matronen und rechtsförmliche Urkunden erwiesen erscheint«, ein Zusatz, den Beaumarchais tilgte. Diese Weigerung gilt mir gleichfalls als Anhaltspunkt dafür, daß Beaumarchais selbst das Märchen nicht glaubte. als sie durch dessen Erfüllung in den Augen beider Geschlechter, welche sie gleicherweise durch ihre Lebensführung, ihren Mut und ihre Talente geehrt hat, nur desto interessanter erscheinen wird. Unter diesen Bedingungen werde ich ihr urkundlich freies Geleite ( sauf-conduit en parchemin) nach Frankreich zusichern; und nicht bloß Schirm und Sicherheit wird ihr der König zuteil werden lassen, er hat auch die Güte, die Jahrespension von 12 000 Livres, welche ihr der verstorbene Herrscher im Jahre 1766 bewilligt hat, in einen Leibrentenvertrag auf die gleiche Summe umzuwandeln etc.«

In gleicher und gleich umständlicher Weise verpflichtet sich d'Eon zur Annahme all dieser Bedingungen; außer den bisherigen Zugeständnissen erhebt »die Amazone« aber auch noch Anspruch auf allerlei große und kleine Vorteile und Ehrenrechte. So wünscht d'Eon, auf den Frauenkleidern das Ludwigskreuz tragen zu dürfen; weiter einen ansehnlichen Geldbetrag zur Anschaffung eines trousseau de fille; endlich die Zusage des Königs, daß er gleich Ludwig XV. alle sechs Monate sich erkundigen wolle, ob d'Eon noch lebe oder am Ende gar den Machenschaften seiner Feinde zum Opfer gefallen sei. Die protokollarische Erwiderung Beaumarchais' lautet: »In betreff des Ludwigskreuzes möchte ich die Grenzen meiner Vollmacht durch die Entscheidung einer so heiklen Frage nicht überschreiten; andererseits erscheint es mir nicht ungebührlich, diese Vergünstigung einem tapferen Mädchen einzuräumen, das, von seinen Angehörigen in Männerkleidern erzogen, alle Mühen und Beschwerden des Waffenhandwerks ertragen hat; in weiterer Erwägung, daß das seltene Beispiel dieses außerordentlichen Mädchens wenig Nachfolge unter dessen Geschlechtsgenossinnen finden wird; daß ferner für den Fall, als – die Jungfrau von Orleans (welche den Thron und Staat Karls VII. gerettet hat, indem sie in Mannskleidern focht) im Kriege irgendwelche militärische Auszeichnungen von der Art des Ludwigskreuzes erhalten hätte, der König nach Vollendung ihrer Taten ihr schwerlich diesen Lohn ihres Heldenmutes abgenommen und ebensowenig ein französischer Ritter diesen Ordensschmuck für entweiht gehalten hätte, weil er Brust und Putz ( le sein et la parure) einer Frau zierte, die auf dem Felde der Ehre sich stets würdig erwiesen, ein Mann zu sein« – –

Aus diesen und ähnlichen, in den schwerfälligsten Perioden vorgebrachten Gründen hofft Beaumarchais der neuen Jeanne d'Arc (!!) zugleich mit den 2000 Talern für ihre Ausstattung mit Mädchenwäsche und Kleidern die Erlaubnis auszuwirken, das Ehrenkreuz auch weiterhin zur Schau zu tragen. Dagegen darf d'Eon bei einer allfälligen Reise nach Frankreich weder Waffen, noch Männerkleidung mit sich führen, überhaupt »nur zum Andenken an die Vergangenheit eine vollständige Dragoneruniform, Helm, Säbel, Pistolen, Gewehr und Seitengewehr behalten, wie man die Reliquien eines geliebten Wesens sorgsam aufbewahrt«. Um übrigens diese hochwichtigen Probleme mit größter Beschleunigung zu lösen, begibt sich Beaumarchais eilends nach Versailles und überläßt es dem getreuen Gudin, sich mit d'Eon zu unterhalten. Bei Wilkes' Lord Mayors-Bankett macht der Wackere die Bekanntschaft der Amazone, die ihm mit dem angeblichen Mysterium ihres Geschlechts zugleich auch ihre narbenbedeckten Beine enthüllt. Anfangs Oktober kehrt Beaumarchais wieder nach London zurück, von Ludwig XVI. und seinen Ministern mit allen Vollmachten versehen, die Verhandlungen ganz nach seinen Vorschlägen zu Ende zu führen. Am 5. Oktober (die endgültige königliche Genehmigung stand bis zum 4. November 1775 aus) wurde die kulturhistorisch denkwürdige Transaktion geschlossen, gefertigt und mit dem »Wappensiegel« der beiden Edlen bekräftigt. Der König und seine Minister waren mit Beaumarchais' Leistungen sehr zufrieden: d'Eon aber, der anfangs mit überschwenglicher Anerkennung von Beaumarchais' Vermittlung gesprochen, wähnt sich mit einem Male übervorteilt oder richtiger nicht ausgiebig genug entschädigt für die Auslieferung seiner Geheimpapiere. Bei der Einlösung der an Admiral Ferrers verpfändeten Aktenstücke knausert Beaumarchais zur Unzeit. Der Dichter des »Barbier von Sevilla« war von diesem großgesinnten Lord auf sein Gut geladen worden. Auf der Reise nach Staunton, die Beaumarchais in Gesellschaft von Gudin und dem Grafen von Bourbon unternahm, machen die Drei unterwegs Mittagsstation. Ein Amerikaner, der in demselben Landwirtshaus speist und hört, wie die Reisegefährten Beaumarchais mit Namen nennen, tritt ihn sofort an mit der Versicherung, daß die Mémoires in Prozeß Goezmann in Philadelphia mit Begeisterung aufgenommen wurden und den Amerikanern die höchste Meinung von seinem Talent eingeflößt haben. Durch diese Begegnung gehoben, entzückte Beaumarchais mit seinen geselligen Talenten Ferrers und seinen ganzen Kreis. Hätte es nur gegolten, mit Geist und Witz zu zahlen, so würde Beaumarchais wohl nie Händel mit d'Eon bekommen haben; er verschob jedoch während seiner Anwesenheit in Staunton-Hill die Erörterung der Geldfrage von Tag zu Tag bis auf den letzten Augenblick vor der Abreise. Und als man ihn endlich nötigt, Ernst zu machen, stellt er Schuldscheine aus, die er »auf Edelmannswort« gleich nach seiner Ankunft in London bar begleichen will, sofern der Lord ihm nur gestatte, d'Eons eiserne Truhe aus seinem Palais nach Versailles schaffen zu lassen. Admiral Ferrers nimmt nach so feierlichen Zusagen keinen Anstand, Beaumarchais die gewünschte Ermächtigung auszustellen, die unser Held sich sofort zunutze macht, ohne die Wechsel deshalb einzulösen. Wohl behauptet er, diesen und ähnlichen Anklagen d'Eons gegenüber, er habe ihm damit nur Gleiches mit Gleichem vergolten, denn der Chevalier habe der französischen Regierung wichtige Aktenstücke vorenthalten. Die Erbitterung d'Eons beschwichtigt er mit solchen Antworten gewiß nicht. Ein unversöhnlicher Feind ersteht ihm damit in diesem heißblütigen Burgunder, ein Gegner von ganz anderer publizistischer Begabung, als alle seine bisherigen literarischen Widersacher.

In einer jahrzehntelangen Polemik, in Flugschriften, Mémoires an die französischen Minister, in französischen und englischen Zeitungsblättern verhöhnt und beschimpft d'Eon Beaumarchais »als den gewandtesten und angenehmsten Affen«, als »Uhrmacherjungen, der sich so dreist benehme, als wenn er das perpetuum mobile entdeckt habe«, als Thersites, als Doppelgänger des Barbiers Ludwigs XI. Olivier le Daim etc. etc. Wirksamer aber als mit so groben Schmähungen verfolgt er ihn mit talentvollen Satiren, in welchen er mit unleugbarem Geschick alle schwachen Seiten seiner Persönlichkeit hervorhebt: Beaumarchais' Selbstgefälligkeit; seine theatralische Art, »alle Staatsgeheimnisse wie Kulissengeschichten zu behandeln«; seine läppischen Spielereien mit der goldenen Kapsel; all das und manches mehr wird scharf und lustig zur Sprache gebracht. Alle ungeschickten Streiche Beaumarchais' erspäht und erfährt d'Eon. In seinen Nachlaßpapieren findet man, wie in einem Kriminalakt, die meisten Geschichten und Zeitungsausschnitte, die dem Dichter des »Barbier« zur Unehre gereichen, sorgsam gesammelt. Aber Beaumarchais kümmert sich nicht weiter um diese Verfolgungen. Die Leute in Amt und Würden, Vergennes voran, teilen ihm ja alle, selbst die glaubhaftesten Eingaben d'Eons zur Begutachtung mit. In der Öffentlichkeit überläßt er die Abfertigung des Chevalier gar nur – Morande. Galt ihm doch der ganze Handel gleichsam als Steigbügel, um sich in den Sattel zu schwingen; hatte er doch im Auftrag der Minister, gleichzeitig mit der d'Eonschen Angelegenheit, vier andere Sendungen zu besorgen! Die wichtigste selbstgewählte aber blieb: die zaudernden Machthaber Frankreichs, wenn auch nur insgeheim, gegen ihre ursprüngliche Absicht zu bestimmen, die amerikanischen Freiheitskämpfer mit Geld und Waffen zu unterstützen. Die Weltlage, die alte Politik Frankreichs, zumeist aber das tiefempfundene Bedürfnis, die Schmach des siebenjährigen Krieges wettzumachen, kamen Beaumarchais' feuriger Beredsamkeit hilfreich zustatten. Nach jahrelangen Bemühungen setzte er es endlich durch, daß Vergennes und Maurepas auf seine Pläne, vor allem auf seinen Hauptvorschlag eingingen, sich seiner als Unterhändler und Mittelsmann zu bedienen. Als aber die erste runde Million für diese große Sache in seine Hände geflossen war, blickte er mitleidig auf d'Eon und seinesgleichen hinab, auf die armseligen Gesellen, die ihn wohl schmähen, aber weder an Einfluß, noch an – Einnahmen zu kränken vermochten.