Alexander Schöppner: Bayrische Sagen
MeistgelesenVerlag: Verlag Lothar Borowsky | Jahr: 1979
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Der quellende Brunnen
An einem Berg in Franken quillt ein Brunnen, bei dem ein vornehmes, adeliges Geschlecht sein Stammhaus hat. Das ganze Jahr über hat er schönes, lauteres, überflüssiges Wasser, das nicht eher aufhört, als wenn jemand aus diesem Geschlecht sterben soll. Dann vertrocknet er so stark, daß man auch fast kein Zeichen oder keine Spur mehr findet, es sei jemals ein Brunnen dort gewesen. Als zur Zeit ein alter Herr des gedachten adeligen Stammes in fremden Landen schwer erkrankte und bereits achtzigjährig seinen baldigen Tod mutmaßte, fertigte er in seine Heimat einen Boten ab, der sich erkundigen sollte, ob der Brunnen vertrockne.
Bei der Ankunft des Boten war das Wasser versiegt; allein man gebot ihm ernstlich, es dem alten Herrn zu verschweigen, vielmehr zu sagen, der Brunnen befinde sich noch richtig und voll Wasser, damit ihm keine traurigen Gedanken erweckt würden.
Bei der Rückkehr des Boten, der ihm das Beste versicherte, lachte der alte Graf und strafte sich selbst, daß er von dem Brunnen abergläubisch zu wissen gesucht hatte, was im Wohlgefallen Gottes stünde, und er schickte sich getrost zu einem seligen Abschied an. Plötzlich aber ging es ihm besser, und er konnte in Kürze sein Krankenlager verlassen.
Damit der Brunnen nicht vergebens versiegte und ihm seine seit langen Jahren eingetroffene Bedeutung bestünde, trug es sich zu, daß aus diesem Geschlecht ein junger Graf von einem untreuen Pferd abgeworfen wurde und zur selben Zeit starb.