Taschkent – Die brotreiche Stadt
Verlag: Neuer Deutscher Verlag | Jahr: 1925 | Übersetzer: Maria Einstein
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31.
Im Spätherbst, an einem warmen, klaren Tage hielt der Taschkenter Zug auf einer kleinen Station zwischen Busuluk und Samara. Aus den Wagen, von den Plattformen sprangen Bauern auf dem Perron. Der Zug hielt hier nicht lange. Als die Wagen mit geschäftigem Rädergeratter davoneilten, lagen auf dem festen, gefrorenen Sand neben den Schienen übereinander geschichtete Säcke voll Brot, die mit Kreuzen, Stäbchen, mit schiefen, unsicher geschriebenen Buchstaben gezeichnet waren.
Auf zwei Säcken, von denen jeder über einen Zentner faßte, stand mit Kopierstift geschrieben: »Mich. Doden.«
An die Säcke trat ein untersetzter, sonnverbrannter Junge heran mit einer großen, zerrissenen Mütze, prüfte aufmerksam die Knoten, betastete die Säcke mit den Fingern und blies selbstzufrieden die schwarzen, ungewaschenen Backen auf.
Eine leichte, blaue Wolke lief über den hohen, klaren Himmel, verdeckte auf einer Seite die Sonne, warf einen leichten Schatten.
Der untersetzte sonnenverbrannte Junge stand wie ein Bauer mit weit gespreizten, in Lappen gewickelten Füßen da, sah bedächtig und würdevoll auf zwei Säcke, die mit zwei Knoten fest zugebunden waren, zog die kräftige Herbstluft durch die Nase, hüstelte, schüttelte den Kopf:
»Bei uns hier ist's kalt! Nachts sind sicher Fröste!«
Das war Mischka.
In Taschkent war er lange über die Märkte geirrt, hatte unter Zäunen genächtigt, neben schmutzigen Wassergräben herumgelegen. Eine Darmkrankheit befiel ihn. Tagelang ward er von Durchfall gequält. Seine Gedärme wollten sich fast nach außen umdrehen. Die Folge der verfaulten Aepfel und Pfirsiche, die er von der Erde aufhob und aß! Doch er ging in diesen schlimmen Tagen nicht zu Grunde, überstand alles, ertrug alles, auch Läuse, auch Schmutz, auch die Darmkrankheit … Er mußte sein Messer verkaufen, um sich Essen zu verschaffen, sammelte vom Boden verfaulte Aepfel auf, streckte seine Hand nach Almosen aus. Dann bekam er das alles satt, wollte es nicht länger mehr so betreiben. Auf diese Art würde er nicht zu Samen kommen! Mischka aber brauchte Samen, um den Boden zu bestellen, um die Wirtschaft zu retten …
Er verdang sich als Arbeiter in den Gärten eines reichen Sarten, traf dann Bauern aus Busuluk und ging mit ihnen zusammen in die Steppe zur Arbeit. Er drosch Weizen, schnitt Schilf, verdiente zwei Säcke Brot, im ganzen über drei Zentner, gab einen Teil davon für die Rückreise her, aß vom eigenen Brot unterwegs, da er nicht mehr um Almosen betteln wollte, und kam mit anderen Bauern zusammen in die Heimat zurück.
Niemand aus Lopatino war auf der Station zu sehen.
Als zwei Wagen aus einem Nachbardorf an die Säcke heranfuhren und die Bauern ihr Brot aufluden, sagte Mischka zu den Fuhrleuten:
»Ladet auch meine Säcke auf! Ich bezahl es euch!«
»Wird zu schwer werden«, weigerten sich die Fuhrleute.
Mischka erwiderte:
»Ist doch nicht viel. Nicht mehr als zwei Zentner. Fahrt nur langsam! Wir haben keine Eile. Ihr fahrt doch an unserem Dorfe vorbei …«
Die Pferde zogen an, ihre knochigen Rücken krümmten sich vor Anstrengung, das traute Räderknirschen erklang, der aus Lindenbast geflochtene Wagen ächzte, und die mit schwerem, gelbem Saatkorn gefüllten Säcke zogen auf dem schmalen Feldweg langsam dahin, in die durchsichtige Stille der leeren Felder hinein.
Mischka schritt neben den Bauern hinter dem Wagen her, blickte gierig auf die kleinen Hügel, Täler, auf die Kaninchenlöcher, dachte an seine Mutter:
»Lebt sie oder ist sie tot?«
Seine aufgeregten Augen streiften über die toten, nackten Felder. Er hob von der unbestellten Erde ein kleines, hartes Stückchen, hielt es in der Hand, seufzte:
»Was kostet wohl bei uns ein Pferd, wenn man es kaufen will?«
Im Dorfe sah er das leere, stumme Haus mit den grünlichen, kleinen Fensterscheiben. Aus dem Hofe, durch das geöffnete Tor sah ihn niedriges, krauses Gras an, Brennesseln, die dicht am Zaune wuchsen, und das vergessene, schwarz gewordene Krummholz.
Die Mutter kam ihm nicht entgegen.
Die Fuhrleute trugen Mischkas Weizensäcke in den Hof, legten sie neben das Haus unter die Fenster.
Und noch immer kam niemand den Ankömmling begrüßen.
Sein Herz erzitterte. Es ward ihm dunkel vor den Augen.
Großvater Ignatij kam aus dem Tor hervorgekrochen, beschirmte die Augen mit der Hand, betrachtete die Fuhren mit den Säcken, rief mit schwacher Stimme:
»Ist Unterstützung für jemand gekommen?«
Mischka bezahlte die Fuhrleute mit Saatkorn aus den Säcken, lief zu dem dürren, schwankenden Greis hin:
»Großvater, wo sind denn die Meinen?«
Großvater Ignatij sah ihn mit trüben, verständnislosen Augen an, faßte seinen Bart mit zitternden Fingern:
»Wart, wart, woher kommst du?«
Zwei Frauen kamen näher, betasteten die Säcke unter den Fenstern, hoben zwei Körner, die auf die Erde gefallen waren, auf, sagten gedehnt:
»Väterchen, was der alles mitgebracht hat!«
In der leeren, dunklen Stube, auf einem nackten Bett, unter den toten Augen zweier Heiligenbilder in der Vorderecke lag die kranke Mutter.
Jaschka und Fedjka waren tot.
Mischka beugte sich über die kranke Mutter, sagte leise:
»Mutter, wach auf! Ich bin da.«
Die Mutter erschrak, freute sich, bewegte schwach die Lippen:
»O Gott, Mischenka!«
»Ich habe Brot mitgebracht, Mutter. Für dich.«
Er nahm aus der Tasche ein hartes Stück Weißbrot, eine Handvoll getrocknete Aepfel, legte das der Mutter in die kalte Hand.
»Nimm, Mutter. Iß!«
»Bist du am Leben, Söhnchen?«
»Bin am Leben, Mutter, fürchte dich nicht!«
Mischka stand neben seiner Mutter. Schwarz. Groß. Er war nicht zu erkennen. Und sie streichelte seine Backe mit ihren dünnen Fingern.
»Ach du, mein Lieber!«
Dann ging er lange durch den leeren, mit krausem Gras bewachsenen Hof, sah vertrockneten Pferdemist, erinnerte sich an das Pferd: Er wird sich eins anschaffen müssen! Er sah das Hühnernest mit zwei Federchen auf dem schwarzen Stroh, seufzte: Die ganze Wirtschaft wird neu in Gang gebracht werden müssen … Kein Pferd! Kein Huhn! …
Ein am Leben gebliebener Spatz setzte sich auf das zerstörte Dach des Stalles, sträubte seine Federn, sah Mischka mit zusammengekniffenen Augen an.
Auch Mischka sah den Spatz sinnend an. Hob das geschwärzte Krummholz von der Erde, stellte es in eine Ecke, ging zu den Säcken, sagte fest und entschlossen:
»Schadet nichts! Trauern hat keinen Sinn! Ich werde alles neu anschaffen …!«
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